Illegale Deponie in Gelsenkirchen: „Natürlich sind das giftige Abfälle“
Wie gefährlich ist die illegale Mülldeponie in Gelsenkirchen? Laut den verantwortlichen Stellen gibt es keine Gefahren für Menschen oder die Umwelt. CORRECTIV hat vor Ort Proben entnommen, die diese Darstellung in Zweifel ziehen. Sie liefern außerdem neue Hinweise darauf, woher der Müll stammt.
Die illegale Deponie am Hafen Grimberg in Gelsenkirchen ist offenbar mit gesundheits- und umweltgefährdenden Stoffen belastet. Das ergibt eine Auswertung von Müll- und Wasserproben, die CORRECTIV genommen hat. Die Analyse in einem Fachlabor zeigt: In den Proben finden sich Schwermetalle, die Krebs verursachen und das Grundwasser verunreinigen können. Ein Experte warnt: „Dieser Müll ist giftig.“
In offiziellen Verlautbarungen kommen derartige Befunde bis heute nicht vor. Sowohl die Stadt Gelsenkirchen als auch die RAG Aktiengesellschaft (ehemals Ruhrkohle AG), der das betroffene Grundstück gehört, sehen keinen Grund zur Sorge: „Die Analysen bestätigen, dass keine Gefahren für Mensch und Umwelt von den Massen ausgehen“, teilte eine RAG-Sprecherin auf Anfrage von CORRECTIV mit. Sie berief sich dabei auf ein aktuelles Gutachten, das die RAG in Auftrag gegeben hat. Details daraus nannte sie nicht.
Rund eine Million Tonnen Müll, darunter Asche aus einer Hausmüll-Verbrennungsanlage, lagert hier seit Jahren illegal auf einem früheren Betriebsgelände. Die Müllberge sind Wind und Wetter ausgesetzt, Regenwasser kann ungehindert durchsickern und Stoffe auswaschen. Trotzdem soll laut Stadt und Eigentümer keine Gefahr bestehen. Kann das wirklich sein?
Um das zu überprüfen, hat CORRECTIV an verschiedenen Stellen der illegalen Deponie vier Proben entnommen. Die Zahl der Proben ist klein, das Ergebnis nicht repräsentativ. Und dennoch: Alle Proben weisen problematische Stoffe auf.
Vorgeschriebener Wert deutlich überschritten
Besonders auffällig ist das Wasser, das sich in einer Senke auf dem Gelände angesammelt hat. Die Probe, die wir daraus geschöpft haben, enthält mehrere Schwermetalle, unter anderem Nickel. Der Stoff kann allergische Reaktionen und Haut-Ekzeme auslösen, Nickelverbindungen gelten als krebserregend.
Um Gefahren für Mensch und Umwelt abzuwehren, gibt es gesetzliche Regelwerke wie die Bundesbodenschutzverordnung. Sie enthält sogenannte Prüf- und Maßnahmenwerte für Schadstoffe. Bei einer Überschreitung müssen Behörden vertiefende Untersuchungen und gegebenenfalls Schutzmaßnahmen einleiten. Der Nickelgehalt in unserer Wasserprobe übersteigt den Prüfwert um mehr als das Sechsfache. Auch Konzentrationen von anderen Schwermetallen wie Kupfer und Zink liegen über den vorgegebenen Werten. Beide Stoffe gelten als wassergefährdend. Viele Flüsse und Seen in Deutschland sind mit diesen Schwermetallen belastet.
Die Verbindung macht das Gift
Eine andere Probe stammt aus einem grau-schwarzen Hügel, vermutlich die Asche aus einer Verbrennungsanlage für Hausmüll. Die Analyse zeigt: Auch diese Probe weist hohe Schwermetallgehalte auf. Besonders die Werte für Kupfer und Zink sind auffällig hoch. Von der Müllasche sollen mehr als 300.000 Tonnen auf dem Gelände liegen.

Hohe Kupfer- und Zink-Werte seien typisch für Asche aus einer Verbrennungsanlage für Hausmüll, erklärt Franz-Georg Simon von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung im Gespräch mit CORRECTIV. Entscheidend dafür, ob der Abfall als gefährlich eingestuft wird, sei aber, welche konkreten Verbindungen dieser Schwermetalle vorliegen. Simon hat viele Jahre zu Asche aus der Abfallverbrennung geforscht. Sein Fazit: Die Konzentrationen von Verbindungen, die als gefährlich eingestuft werden, seien gering. „Es gibt Ausnahmen, in der Regel ist Hausmüll-Verbrennungsasche aber ungefährlich“, sagt er.
Kritischer fällt die Bewertung durch den Wissenschaftler Günter Dehoust aus: „Natürlich sind das giftige Abfälle“, sagt er über die Müllasche. Dehoust hat bis zu seinem Ruhestand mehr als 30 Jahre lang am Öko-Institut in Darmstadt und Berlin geforscht, unter anderem zur Müllverbrennung. Er weist darauf hin, dass Asche aus einer Verbrennungsanlage für Hausmüll neben Kupfer und Zink auch Blei, Nickel und Cadmium enthält. „Das sind krebserregende Stoffe“, warnt Dehoust. Genau diese Stoffe befanden sich auch in unserer Probe. Laut Dehoust seien auch geringere Konzentrationen ein Problem, denn: „Das ist eine schleichende Belastung.“
Die Proben von der Deponie am Hafen Grimberg verraten nicht nur etwas über den Schadstoffgehalt der illegalen Müllhalde. Sie liefern auch Hinweise zur Herkunft des Abfalls.
Die Spur zur Gießerei-Branche
Der Müll wurde womöglich auch von Gießerei-Betrieben produziert. Diesen Schluss legen zwei weitere Proben nahe. Sie stammen von einem sandigen Material, das sich an mehreren Stellen großflächig über die illegale Halde verteilt. Eine verdächtige Substanz, die wir durch die Laboranalyse darin entdeckt haben, ist Fluorid. Ein Stoff, der in zu hohen Dosen schädlich für Zähne und Knochen sein kann. Doch wie kommt er auf die illegale Deponie?

Fluoridhaltiger Sand kann in der Stahl- und Eisengießerei anfallen. Verantwortlich dafür seien Fluor-Verbindungen, die als Zusatzstoff zur Herstellung von Gussformen aus Sand verwendet wurden, erklärt Experte Thomas Steinhäuser. Steinhäuser war Geschäftsführer verschiedener Gießereien in Deutschland und Lehrstuhlinhaber für Gießerei-Technik an der Universität Duisburg-Essen. „Fluor-Verbindungen werden heute aber nicht mehr dafür genutzt“, sagt er.
Anders ist es mit einem zweiten Stoff, von dem wir in einer der beiden Proben noch Spuren nachweisen konnten: Phenol. Diese Industriechemikalie erfüllt im Gießerei-Prozess nach wie vor eine wichtige Funktion. „Phenole haben wir in Bindemitteln, um den Guss-Sand stabiler zu machen“, so Steinhäuser.
Bei dem in Gelsenkirchen abgelagerten Material könnte es sich also um ausgedienten Sand aus Gießereien handeln, der hier entsorgt wurde. Dafür spricht auch, dass der Standort am Hafen Grimberg zwischen 2006 und 2010 auch als Drehkreuz genutzt wurde, um Abfälle auf einer anderen Deponie illegal zu beseitigen.
Unter jenen Abfällen sollen auch rund 200.000 Tonnen Gießereisand gewesen sein. Das steht in Ermittlungsakten, die CORRECTIV vorliegen. Das Problem: Der Sand enthielt mehr Fluorid als erlaubt. Auch in unseren Proben liegt der Wert darüber.
Wer soll sich um den giftigen Abfall kümmern?
Ursprünglich sollten Firmen der Unternehmensgruppe Becker aus Bottrop den Gießerei-Sand und die anderen Abfälle auf dem Gelände am Hafen Grimberg verwerten. Doch sie haben schon vor Jahren den Betrieb eingestellt, befinden sich in Insolvenz oder existieren nicht mehr.

Deswegen will sich das Umweltamt der Stadt Gelsenkirchen an die wenden, die den Müll einst produziert haben. Im Fall des Sandes wären das wohl Gießereien aus Nordrhein-Westfalen. Ob das Umweltamt dazu Betriebe kontaktiert hat, möchte es auf Anfrage von CORRECTIV nicht beantworten.
Wer sich um die Asche kümmern muss, darüber streiten der Energieriese RWE und der Entsorgungskonzern Remondis vor Gericht. Dieser Streit dauert schon ein paar Jahre an und kann sich noch eine Weile ziehen.
Solange die illegale Deponie aber besteht, sollte man die Asche abdecken, fordert Experte Günter Dehoust. So ließe sich der Austritt von Schadstoffen unterbinden.
Redigatur & Faktencheck: Anna Kassin
