Hybride Kriegsführung

Ein unerklärter Krieg: Polen als Testgebiet russischer Operationen gegen den Westen

Polen ist zu einem Hauptschauplatz des hybriden Kriegs Russlands gegen den Westen geworden. Das zeigt ein Bericht der polnischen Behörde für Innere Sicherheit. Was der Spionageabwehrdienst an russischen Maßnahmen beschreibt, ist zunehmend auch in anderen Staaten Europas zu beobachten.

von Anna Pawłowska , Silvia Stöber

Der polnische Premier Donald Tusk (rechts) besucht im November 2025 den Ort eines Sabotage-Aktes auf die Bahn. Das Land sieht sich Russlands hybridem Krieg besonders ausgesetzt. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | KPRM
Der polnische Premier Donald Tusk (rechts) besucht im November 2025 den Ort eines Sabotage-Aktes auf die Bahn. Das Land sieht sich Russlands hybridem Krieg besonders ausgesetzt. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | KPRM

Russland betreibt einen „unerklärten Krieg gegen den Westen” und Polen ist einer der wichtigsten Schauplätze. So beschreibt es ein aktueller Bericht des polnischen Spionageabwehrdienstes.

Da Polen an der Ostflanke von EU und NATO liegt und als logistischer Knotenpunkt für die Unterstützung der Ukraine dient, ist es eines der Hauptziele russischer Geheimdienste. Die Beschreibungen der polnischen Behörden sind hochrelevant für Deutschland, das ebenfalls ein wichtiger militärischer Dreh- und Angelpunkt ist.

Längst ist Russlands hybrider Krieg auch hierzulande angekommen, die Operationen verlaufen zunehmend grenzüberschreitend. Die Erfahrungen aus Polen ermöglichen einen Ausblick auf mögliche zukünftige Herausforderungen.

Polen als Testgebiet in der EU

Die polnische „Behörde für Innere Sicherheit” (ABW) legt dar, wie sich Ausmaß und Charakter russischer Geheimdienst-Operationen seit Russlands Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 verändert haben. Russland versuche demnach, Methoden der hybriden Kriegsführung auf Polen zu übertragen, die seine Geheimdienste zuvor in der Ukraine erprobt haben.

Es ist der erste Bericht des polnischen Spionageabwehrdienstes seit mehr als zehn Jahren. Der Fokus liegt auf den Jahren 2024 und 2025. Ausführlich beschreibt die Behörde Fälle, bei denen es bereits zur Anklageerhebung vor Gericht kam. Zu noch laufenden Ermittlungen finden sich keine Informationen.

Beispielloses Ausmaß

Die Daten im Bericht lassen darauf schließen, dass die Aktivität der russischen Geheimdienste nach der Vollinvasion in der Ukraine ein Ausmaß erreicht haben, wie es seit Beginn der 1990er-Jahre nicht mehr zu beobachten war.

In den Jahren 2024 und 2025 seien 69 Ermittlungen wegen Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten eingeleitet worden. Dieselbe Zahl sei zuvor im Laufe von mehr als 30 Jahren, von 1991 bis 2023, verzeichnet worden. Noch im Jahr 2022 habe es nur sechs solcher Verfahren gegeben.

In Ermittlungen nach 2022 wurden demnach 91 Personen als Verdächtige eingestuft. 82 wurden wegen Spionage angeklagt, von denen 62 inhaftiert wurden.

Die Autoren des Berichts weisen darauf hin, dass es 2024 und 2025 zu einer Intensivierung der Aktivitäten kam. Im gleichen Zeitraum verletzten zunehmend mehr russische Drohnen den polnischen Luftraum.

Von Wegwerf-Agenten zu vernetzten Strukturen

Die wichtigste Schlussfolgerung des Berichts betrifft jedoch nicht die Anzahl der Operationen an sich, sondern wie die angewandten Maßnahmen verändert wurden. Demnach greifen die russischen Dienste zunehmend auf Methoden zurück, die für Spezialeinheiten charakteristisch sind: Erkundung der Infrastruktur, Vorbereitung von Sabotageakten und Ablenkungsoperationen, die sowohl in Polen als auch gegen andere europäische Länder durchgeführt werden.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn stützte sich Russland weitgehend auf sogenannte „Wegwerf-Agenten”: Zufällig ausgewählte Personen, die in erster Linie durch finanziellen Gewinn motiviert waren, wurden für einfache Aufgaben rekrutiert. Dazu zählte, Einrichtungen zu fotografieren, Transporten zu beobachten oder Pakete zu hinterlassen. Die Rekrutierung erfolgte über Messenger-Dienste und verschlüsselte Apps, vor allem Telegram. Die Bezahlung erging in der Regel in Kryptowährung. Das machte es schwierig, die Organisatoren zu identifizieren und die Finanzströme nachzuverfolgen.

Vor solchen „Wegwerf-Agenten” warnen auch deutsche Behörden seit geraumer Zeit. Ein Beispiel sind die grenzüberschreitenden Sabotage-Aktionen mit Paketen, die über DHL unter anderem aus Polen verschickt wurden. Ermittler gehen davon aus, dass der russische Militärgeheimdienst GRU dahinter steht.

Auf das Modell der „Wegwerf-Agenten“ setzten die russischen Dienste laut dem Bericht, nachdem 45 russische Diplomaten aus Polen ausgewiesen worden waren, die die Behörden als verdeckte Geheimdienstmitarbeiter eingestuft hatten. Hinzu kam die Einführung von Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger. Das behinderte traditionelle Geheimdienstoperationen demnach erheblich.

Ausgefeiltere Strukturen und professionelle Akteure

Jedoch wurde das Modell in den Jahren 2024 und 2025 dem Bericht zufolge weiterentwickelt: Russland begann, ausgefeiltere, hermetisch abgeschottete Strukturen aufzubauen, die in Kreise der organisierten Kriminalität hineinreichten.

Das Internet wurde zwar weiterhin zur Rekrutierung genutzt, doch die Agenten wurden anschließend in größere Netzwerke integriert, die unter der direkten Aufsicht von Koordinatoren in Russland operierten. Das Ziel waren nicht mehr isolierte Provokationen oder Sabotage-Akte, sondern umfangreichere Operationen.

Ein Beispiel ist ein Netzwerk, das vom polnischen Spionageabwehrdienst zerschlagen wurde. Es hatte militärische und humanitäre Transporte in die Ukraine überwacht und Sabotage-Aktionen auf die Eisenbahnstrecken vorbereitet.

„Der Gegner setzt Personen ein, die über kriminelle Erfahrung verfügen und daher besser geeignet sind, Sabotage-Aktionen durchzuführen“, erklärte ABW-Direktor Oberst Rafał Syrysko in einem Interview mit der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita. Für russische Geheimdienste hätten solche Personen einen „praktischen“ Wert.

„Man muss ihnen nicht von Grund auf beibringen, wie man außerhalb des Gesetzes agiert, seine Aktivitäten verschleiert oder sich den staatlichen Behörden entzieht. Diese Erfahrung haben sie bereits. Aus Sicht des Gegners verkürzt dies den Vorbereitungsprozess der Operation”, so Syrysko.

Schulungen in Russland

Der russische Geheimdienst bevorzugt dem Bericht zufolge zunehmend Personen mit militärischer oder paramilitärischer Erfahrung wie ehemalige Soldaten, Sicherheitsbeamte oder Söldner, die mit der Wagner-Gruppe in Verbindung standen.

Personen mit Erfahrungen bei Operationen gegen die Ukraine sollen auch für Aktivitäten auf polnischem Territorium eingesetzt worden sein. Ein Beispiel dafür sind die Täter, die im Herbst 2025 Sprengstoffanschläge auf eine strategisch wichtige Bahnlinie zwischen Warschau und Lublin begingen. Polens Ministerpräsident hatte dazu erklärt, bei den beiden mutmaßlichen Tätern handele es sich um Ukrainer, die mit den russischen Diensten zusammengearbeitet hätten.

Russland organisiere zudem mehr Schulungen auf seinem eigenen Territorium. Dazu gehörten Übungen zum Umgang mit Waffen, dem Einsatz von Sprengstoff sowie Techniken zur Durchführung von Sabotage-Operationen. Dem Bericht zufolge nehmen an diesen Schulungen hauptsächlich nicht-russische Staatsbürger teil, die anschließend für Operationen außerhalb Russlands eingesetzt werden könnten.

Auch zivile Ziele im Fokus

Einer der beunruhigendsten Aspekte des Berichts: Er beschreibt, wie sich die Auswahl potenzieller Ziele seit der Vollinvasion in der Ukraine verlagert habe. Sabotage-Vorbereitungen umfassten demnach nicht mehr nur militärische Einrichtungen und kritische Infrastruktur, die im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit und der logistischen Unterstützung der Ukraine standen. Ausgewählt wurden offenbar auch zivile Ziele wie Warenhäuser und öffentliche Plätze.

Das deutet den Autoren des Berichts zufolge darauf hin, dass die russischen Geheimdienste bei solchen Aktionen inzwischen auch mögliche Todesopfer in Kauf nehmen würden. Bisher konzentrierten sie sich in erster Linie auf traditionelle Spionage und den Aufbau politischen Einflusses.

Die polnische Spionageabwehr betont, dass Russland nun Erfahrungen auf Polen anwendet, die es bei hybriden Operationen gegen die Ukraine vor der Vollinvasion 2022 gesammelt hat. Dies gelte nicht nur für operative Techniken, sondern auch für die Organisation von Netzwerken, Rekrutierungsmethoden und den Einsatz bezahlter Mittelsmänner. Auch das Eskalationsmuster bleibe charakteristisch: von der Aufklärung und dem Testen der staatlichen Reaktionen bis hin zu Sabotage-Akten, bei denen die Agenten immer größere Risiken eingehen.

Rollen der Geheimdienste ändern sich

Auch die Rollenverteilung unter den russischen Geheimdiensten verändert sich laut dem Bericht. Traditionell konzentrierte sich der GRU auf militärische Ziele, während der Geheimdienst FSB den Schwerpunkt auf zivile Infrastruktur und interne Operationen legte.

Diese Grenzen verwischten sich dem Bericht zufolge in den vergangenen zwei Jahren zunehmend: Beide Dienste führten inzwischen Operationen sowohl gegen militärische als auch gegen zivile Infrastruktur durch und passten ihre Operationen an die aktuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse an.

Mehr als Sabotage

Gleichzeitig führen russische Geheimdienste weiterhin klassische nachrichtendienstliche Operationen durch. Ihr Ziel bleibt es, Personen mit Zugang zu sensiblen Informationen zu rekrutieren und Entscheidungsprozesse in Polen zu beeinflussen.

Die Behörde sehe aber, dass das wachsende Bewusstsein für die Bedrohungen und verstärkte Abwehrmaßnahmen es den russischen Diensten erschweren, dafür polnische Staatsbürger anzuwerben. Infolgedessen konzentrierten sich russische Geheimdienstoffiziere stärker darauf, Agenten in russischsprachigen und pro-russischen Kreisen zu rekrutieren.

Russische Oppositionelle, die in Polen leben, bleiben ein Schwerpunkt für russische Geheimdienste. Gegen diese Personen führten die Dienste Aufklärungsaktivitäten, Einflussoperationen und Maßnahmen durch, die die Sicherheit der Aktivisten unmittelbar bedrohten.

Diese Operationen reichten über das polnische Staatsgebiet hinaus. Ein Beispiel ist der Angriff auf Alexei Nawalnys Mitarbeiter Leonid Wolkow in Vilnius, der von polnischen Staatsbürgern unter russischer Führung verübt worden sein soll. Die polnische Spionageabwehrbehörde vereitelte zudem die Vorbereitungen für ein Attentat auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Ausnutzung historischer Spannungen

Auch klassische nachrichtendienstliche Operationen führen die russischen Dienste weiterhin aus. Ziel blieb es dem Bericht zufolge, das Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben, die Position Polens in der EU und der NATO zu schwächen und systemkritische, anti-ukrainische und anti-europäische Kreise zu stärken. Besonders wichtig war es hierfür, historische Spannungen zwischen Polen und Ukrainern auszunutzen sowie die soziale Polarisierung im Land zu verschärfen.

Redaktion: Alexej Hock, Anna Kassin
Faktencheck: Alexej Hock