Deutschland will Kampfjet ohne Frankreich bauen
Für rund 500 Milliarden Euro sollten Airbus und Dassault einen Gegenentwurf zum US-Kampfjet F35 entwickeln. Deutschland will sich nun neue Partner suchen.
Deutschland soll nach dem Scheitern des deutsch-französischen Rüstungsprojekts FCAS bei der Herstellung von Kampfflugzeugen unabhängig werden. So berichten es Rüstungsmanager, die mit den Plänen vertraut sind, gegenüber CORRECTIV.
Bundeskanzler Friedrich Merz will demnach auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA), die am Mittwoch in Berlin beginnt, die Grundzüge einer Strategie vorstellen: So soll Airbus mit weiteren Unternehmen ein Konsortium bilden, das an die Arbeit an „Future Combat Air System“ (FCAS) anknüpfen soll.
Zunächst solle dies auf nationaler Ebene geschehen, im nächsten Schritt könnten Unternehmen aus anderen Staaten eingebunden werden, wie ein Vertreter aus der Branche berichtet. Als mögliche Partner gelten Italien, Spanien und Schweden.
Dieser Weg dürfte teurer werden und es ist laut Branchenexperten nicht abzusehen, wann ein fertiges Kampfflugzeug marktreif ist. Eine Alternative dazu gebe es aber nicht, erklärte eine Person, die mit den Überlegungen vertraut ist.
Frankreich und Deutschland hatten die gemeinsame Entwicklung einer neuen Kampfjet-Generation gestoppt, Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat das Scheitern von FCAS am Montagabend mit einem Konflikt zwischen den Flugzeugbauern Dassault und Airbus. Die beiden Unternehmen hätten nicht zueinander gefunden, erklärte er.
Ein Aus des Projektes hatte sich schon seit einiger Zeit abgezeichnet. Problematisch war laut Vertretern aus Politik und Industrie vor allem das Verhalten von Dassault. Dessen Vorstandschef Éric Trappier hatte wiederholt betont, dass sein Unternehmen das Projekt alleine umsetzen könne.
In der Tat weist der französische Konzern eine größere Expertise beim Bau von Kampfflugzeugen aus. Während Airbus für den Eurofighter ein Netzwerk an Partnerfirmen braucht, kann Dassault das Flugzeug Rafale alleine fertigen.
Europa will Abhängigkeit von den USA verringern
Auch wenn der Schritt erwartet wurde, ist es ein harter Rückschlag zum aktuellen Zeitpunkt. Europa rüstet seine Streitkräfte auf, um Russland von einem Angriff abzuschrecken. Zugleich ziehen sich die USA als Schutzmacht zunehmend zurück. Mit FCAS wollten Deutschland und Frankreich die Lücke bei Kampfflugzeugen füllen, um nicht von Washington abhängig zu sein.
Wie das US-Modell F35 von Lockheed Martin sollte FCAS eine moderne Kriegsführung ermöglichen. Bei diesen Kampfflugzeugen der sechsten Generation ist der Flieger digital mit anderen Waffensystemen in der Luft, auf dem Boden und dem Wasser vernetzt und kann so Gegner effektiver bekämpfen.
Im Juli 2017 hatten die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Macron den Startschuss für das Projekt gegeben. Diese Pläne will Merz nun offenbar auch ohne Partner Frankreich umsetzen.
Das Aus für FCAS hat auch eine politische Dimension. Dassault-Chef Trappier steht Frankreichs rechtsextremer Partei Rassemblement National nahe, die sich explizit gegen europäische Gemeinschaftsprojekte ausgesprochen hat.
Das Kampfpanzer-Projekt MGCS könnte ebenfalls gefährdet sein
Politiker in Berlin stellen daher im kleinen Kreis die Frage, was wohl passieren würde, wenn das Rassemblement National in Paris an die Macht käme. Auch möglichen künftigen Rüstungsprojekten würde dann der Boden entzogen, sagte ein Verteidigungspolitiker, der ungenannt bleiben wollte.
Diese Sorge erstreckt sich auch auf die gemeinsame Planung einer neuen Kampfpanzer-Generation. Das Projekt heißt „Main Ground Combat System“ (MGCS) und soll das Gegenstück zu FCAS auf dem Boden werden.
Die mit der Entwicklung beauftragten Rüstungsfirmen Rheinmetall und KNDS mit Sitz in Deutschland und Frankreich arbeiten zwar besser zusammen als Airbus und Dassault. Allerdings stelle sich auch hier die Frage, was mit Blick auf einen möglichen Regierungswechsel in Paris passieren würde, sagte ein hochrangiger Manager, der mit dem Projekt vertraut ist.
Redigatur und Faktencheck: Frida Thurm und Elena Müller
