Krieg im Kopf
Die Bundesregierung veranstaltet am Sonntag im Rahmen des zweiten „Nationalen Veteranentag“ einen Festakt in Berlin. Sie will damit die Verdienste der Männer und Frauen würdigen, die für die Bundeswehr im Einsatz waren. Nicht alle von ihnen haben diesen unversehrt überstanden. Doch wie viele von ihnen mit psychischen Belastungen als Folge zu kämpfen haben, ist unklar.
Seit Beginn der Auslandseinsätze zählt die Bundeswehr rund 500.000 Einsatzveteraninnen und Einsatzveteranen. Viele von ihnen haben Gefechte erlebt – und sie nicht immer unbeschadet überstanden. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) eröffnet am Sonntag als Schirmherrin des Veteranentags die Ausstellung „Verwundet“ des kanadischen Fotografen und Sängers Bryan Adams vor dem Berliner Reichstag.
Die Ausstellung ehrt verwundete und versehrte britische Soldatinnen und Soldaten auf großformatigen Fotografien. Doch was ist mit seelischen Verletzungen? Die Traumata, die keiner sieht, die sich im Kopf abspielen?
Für die Jahre 2023 und 2024 verzeichnet die Bundeswehr 322 und 235 einsatzbedingte psychische Erkrankungen, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Der von der Bundeswehr unabhängige, privat organisierte Bund Deutscher Einsatzveteranen geht jedoch von weitaus mehr Betroffenen aus.

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Es lägen zwar belastbare Daten der Bundeswehr vor, schreibt der stellvertretende Bundesvorsitzende des Vereins Andreas Eggert an CORRECTIV. „Gleichzeitig sprechen wissenschaftliche Untersuchungen und die Erfahrungen aus der Veteranenarbeit dafür, dass die offiziell erfassten Zahlen den tatsächlichen Unterstützungsbedarf nur teilweise abbilden.“
Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung?
Die Bundeswehr definiert eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als eine psychische Erkrankung, die nach traumatischen Erlebnissen auftreten kann.
Zu den Symptomen gehören unter anderem:
• Unerwünschtes Erinnern und Wiedererleben der Trauma-Situation (Flashbacks und Albträume)
• Erlebnisse werden verdrängt, ähnliche Situationen aktiv vermieden
• Unruhe, Reizbarkeit, Schlafstörungen
• Soziale Abschottung, Abflachung der Interessen, emotionale Taubheit
Wichtig ist: PTBS betrifft nicht nur die Erkrankten selbst, sondern kann auch Folgen für die Angehörigen haben. Traumatisierte Soldatinnen und Soldaten ziehen sich häufig von allen sozialen Kontakten zurück. Freunde und Familie finden dann kaum oder nur schwer Zugang. In einigen Fällen tritt bei den Traumatisierten aber auch aggressives Verhalten auf. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu häuslicher Gewalt kommen.
Er verweist darauf, dass neben PTBS andere psychische Belastungsreaktionen auftreten können, unter anderem Depressionen, Angststörungen, Anpassungsstörungen, Suchterkrankungen. Laut Eggers gibt die Bundeswehr an, dass aktuell knapp 3.000 Soldatinnen und Soldaten beziehungsweise Veteraninnen und Veteranen wegen psychischer Einsatzfolgen behandelt oder betreut werden.
Doch Schätzungen von Fachleuten, die jedoch nicht in die aktuelle Statistik einfließen, gehen von sehr viel höheren Zahlen aus. Dort ist von bis zu 12.000 Betroffenen und Angehörigen die Rede. Doch diese Daten basieren meist auf Hochrechnungen. Eine Grundlage ist beispielsweise die Langzeitstudie „Leben nach Afghanistan“ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.
Doch Veteranen-Vertreter Eggert warnt: Eine direkte Hochrechnung der Studienergebnisse auf alle Veteraninnen und Veteranen wäre wissenschaftlich nicht zulässig, da das untersuchte Afghanistan-Kontingent zu den besonders intensiv belasteten Einsatzverbänden gehöre. „Gleichwohl verdeutlicht die Studie, dass psychische Einsatzfolgen keineswegs auf die Zahl der offiziell anerkannten PTBS-Fälle reduziert werden können“, resümiert Eggert.
Vater von betroffenem Soldaten kritisiert mangelnde Hilfe
Bleibt die Frage, wie gut die psychisch versehrten Soldatinnen und Soldaten von ihrer ehemaligen Dienstherrin versorgt werden. Wie der NDR vor rund einem Jahr berichtete, lehnt die Bundeswehr 30 Prozent aller Anträge auf Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung wegen psychischer Erkrankungen wie ab PTBS ab.
Die Bundeswehr erreiche mit ihren Behandlungsangeboten nach eigenen Schätzungen nur zehn bis 20 Prozent der PTBS-kranken Einsatzgeschädigten. Wie der Sender recherchierte, dauern Wehrdienstbeschädigungsverfahren wegen psychischen Erkrankungen zudem deutlich länger als Verfahren wegen körperlicher Schäden. Durchschnittlich vergingen 22 Monate bis zum ersten Bescheid.
Der Vater eines an PTBS erkrankten Bundeswehrsoldaten, der in Afghanistan im Einsatz war, berichtet gegenüber CORRECTIV genau davon: „Die Bundeswehr rühmt sich damit, wie groß die Unterstützung einsatzgeschädigter Soldaten ist. In Wirklichkeit legt sie ihnen dermaßen große Steine in den Weg, dass die meisten auf dem Weg durch die Instanzen verzweifeln und aufgeben. Sie verlassen die Bundeswehr, resignieren auf irgendwelchen Alibidienstposten oder wählen sogar den Freitod.“
Redaktion: Till Eckert
Redigatur und Faktencheck: Gesa Steeger
