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Kriminalität

Hitzköpfe und Populismus: Das Freibad als Politikum

Jedes Jahr aufs Neue geht mit Beginn der Freibadsaison neben der Diskussion um Pommes- und Eintrittspreise auch wieder die Debatte über die Gewalt in den Frei- und Strandbädern los. Ist was dran am Alarmismus? CORRECTIV hat nachgefragt – bei denen, die es wissen müssen.

von Karolin Arnold , Elena Müller

Freibad von oben
Die Temperaturen steigen, die Gemüter erhitzen sich – und plötzlich wird auch aus dem Freibad ein politischer Raum. Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Sobald es heiß wird in Deutschland, entdecken nicht nur die Menschen das Freibad für sich, sondern auch einige Medien. Dann geht es schnell wieder los mit Schlagzeilen wie diesen: „Polizei löst Tumult mit 100 Menschen in Freibad auf“ (Saarland, welt.de), „Mehrere Mädchen in Freibädern begrapscht“ (Frankfurt, bild.de).

Was sich in deutschen Freibädern abspielt, beschäftigt aber längst nicht nur die Springer-Medien. Vergangene Woche sorgte ein Strandbad in Halle für Aufruhr, weil es nur noch Besucherinnen und Besuchern mit „ausreichenden Deutschkenntnissen“ Zutritt gewähren wollte. Offizielle Erklärung: Die Gäste müssten die Baderegeln verstehen können. Es folgten Entrüstung und Rüffel, unter anderem von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Übergriffe und reißerische Berichte: Das Schwimmbad ist noch politischer geworden

Dass es in Frei- und Strandbädern immer wieder zu Übergriffen und Streit kommt, ist unstrittig. Die Frage ist aber: Wird es wirklich immer schlimmer, wie die reißerische Berichterstattung suggeriert? Und sind die Täter, wie auch oft unterstellt wird, meist „Ausländer“?

Schwimmbäder waren schon immer auch Raum für politische Debatten: Wie halten wir es mit der Freizügigkeit? Sollte es getrennte Bereiche für Männer und Frauen geben? Und wie können insbesondere Kinder vor Missbrauch geschützt werden? Die Gewalt- und Herkunftsdebatte hat dem Freibad nun noch eine weitere politische Dimension gegeben.

Denn tatsächlich fühlten sich in den vergangenen Jahren auch Politiker bemüßigt, sich zum Thema zu äußern. So auch 2023 Carsten Linnemann (CDU) und der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Anlass waren gewalttätige Zwischenfälle in Berliner Bädern. Linnemann sagte dazu: „Wer mittags im Freibad Menschen angreift, muss abends vor dem Richter sitzen und abgeurteilt werden. Auch am Wochenende.“ Und Scholz forderte damals mehr Polizeipräsenz in Freibädern.

Der Berliner Senat beschloss nach den gehäuften Vorfällen im Sommer 2023 – darunter Körperverletzungen und Hausfriedensbruch – neue Regeln, die für mehr Sicherheit sorgen sollten. Und offenbar wirken sie: Die Berliner Bäderbetriebe schreiben auf CORRECTIV-Anfrage: „Mit Einführung unseres Maßnahmenpaketes für mehr Qualität, Service und Sicherheit in 2023 hat sich die Sicherheitslage in den Berliner Sommerbädern deutlich verbessert.“ Es gebe eine stärkere Zusammenarbeit mit der Polizei, Mitarbeitende hätten Deeskalations-Schulungen durchlaufen.

Zahl der Straftaten in Berliner Freibädern nimmt ab

Das spiegeln dann auch die Zahlen der Polizei Berlin wider: CORRECTIV hat gezielt nach Fällen von sogenannten Rohheitsdelikten wie Körperverletzung sowie nach sexuellen Übergriffen gefragt; sowohl für die laufende Freibadsaison 2026 als auch für die vergangenen drei Jahre.

Die Daten ergeben: Die Zahl der Taten nimmt nicht zu – sondern ab. Gab es in Berlin 2023 während der Badesaison (1. Mai bis 30. September) insgesamt 35 Fälle von Körperverletzung an der „Tatörtlichkeit Freibad“ wie es bei der Polizei heißt, waren es 2024 noch 29, 2025 dann 22 und im laufenden Jahr bislang sieben. Bei den sexuellen Übergriffen gilt das Gleiche: 2023 gab es 15 Fälle (2024: vier, 2025: fünf, 2026: bislang einer).

Die Polizei Hamburg meldet für die vergangenen drei Jahre fast ähnliche Zahlen bei der einfachen Körperverletzung (2023 bis 2025: 17, 14 und 16 Fälle). Aus München heißt es, dass auch nach dem Hitzewochenende „bislang im Jahr 2026 kein signifikanter Anstieg der von Ihnen angefragten Delikte in Schwimm-/Freibädern festgestellt werden konnte.“

Columbia-Bad in Berlin
Sieht so eigentlich recht harmlos aus: Warteschlange vor dem Columbia Freibad in Berlin-Neukölln. Quelle: picture alliance / Global Travel Images | Jürgen Held.

Die Polizei Köln spricht für die laufende Saison von Fällen im „niedrigem einstelligen Bereich“. Und aus Frankfurt wird auf die CORRECTIV-Anfrage gemeldet, dass sich die Fallzahlen auf einem ähnlichen Niveau bewegen wie in Berlin und Hamburg: Die Fälle von Bedrohung und Körperverletzung bleiben auch in Frankfurt weit unter 30 Fällen. Die Zahl der Sexualdelikte lag in den vergangenen Jahren zwischen zehn und 13.

Neben der angeblich steigenden Zahl der Fälle ist auch immer wieder die „Herkunft“ der mutmaßlichen Täter ein Thema. Die Polizeien äußern sich auf unsere Frage dazu äußert nüchtern: Die absolute Mehrheit der Verdächtigen seien deutsche Staatsangehörige. Die Polizeistatistik unterscheidet nicht, ob es sich dabei um Deutsche mit oder ohne Migrationshintergrund handelt – auch wenn Rechte das gerne so kolportieren. Und auch manche Medien und Politiker (siehe die von Kanzler Friedrich Merz losgetretene „Stadtbild“-Debatte) suggerieren gerne, dass eine bestimmte Gruppe Menschen das Problem sei.

Auch wenn vielleicht der ein oder andere das auch so sieht: Im Gespräch mit CORRECTIV sprach ein Vertreter der Bäder einer Großstadt von einem bestimmten „Klientel“, das Probleme mache – doch dabei geht es mehr um das Thema Respekt und das Beachten von Regeln als um größere Ausschreitungen. Denn diese bleiben die Ausnahme, wie Anfragen bei weiteren Bäderbetrieben in Köln und München zeigen. Aus München heißt es etwa: „Größere Auseinandersetzungen gibt es nicht. Die Summe der Zwischenfälle ist seit 2022 weiterhin durchschnittlich, ihre Zahl hat nicht zugenommen.“

„Extreme Brisanz aufgebaut“: Bad-Betreiber kritisiert reißerische Berichterstattung

Ähnlich klingt das in Köln. Dort sagt Marc Riemann, von den Kölner Bädern, dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sich nicht zu benehmen wisse, eben steigt, umso mehr Besucherinnen und Besucher da sind. Das sei aber schon früher so gewesen.

„Das entscheidende Thema ist aber, wenn heute etwas passiert, werden sofort Bilder in die Welt gesetzt- beispielsweise über Social Media“. Aber auch die mediale Berichterstattung sieht Riemann kritisch. Diese habe eine extreme Brisanz bei dem Thema aufgebaut.

Klar ist aber auch: Bademeister und Bademeisterinnen haben einen anstrengenden und verantwortungsvollen Job. Sie arbeiten, wenn andere in der Sonne baden und sich bei 30 Grad im Wasser abkühlen. Der Beruf hat ein Nachwuchsproblem. Das bestätigt auch die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen: Im Oktober 2025 seien 11,5 Prozent der Planstellen in Deutschland nicht besetzt gewesen.

Vor allem an sehr vielen heißen Tagen könne der Job die Mitarbeitenden an ihre Belastungsgrenze bringen, so Riemann aus Köln. Daher versuche man das Hausrecht mit Security-Personal durchzusetzen, damit die Bademeisterinnen und Bademeister sich auf ihren eigentlichen Job konzentrieren können: die Sicherheit der Freibadbesucher.

Dass es dabei wie in Halle zu Verständigungsproblemen in den Bädern kommen kann, das sei tatsächlich eine „der größten Herausforderungen“, sagt die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen. Vor allem, wenn es Sicherheitsanweisungen betreffe. Doch dafür gibt es seit einigen Jahren Lösungen wie Übersetzungshilfen, Sicherheitshinweise in verschiedenen Sprachen und Baderegel-Comics. Das will nun wohl auch das Strandbad in Halle nutzen: Mittlerweile ist der Bad-Betreiber von dem Zutrittsverbot zurückgerudert: Es seien nun mehrsprachige Schilder geplant.

Redaktion: Anette Dowideit
Redigatur und Faktencheck: Martin Böhmer