Flucht & Migration

In Ceuta wächst der Frust über die Regierung

Eine erneute Massenüberquerung in die spanische Exklave ist ausgeblieben, in der Bevölkerung und bei Helfenden breitet sich nun Frustration aus.

von Max Bernhard

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Die spanische Seite der Grenze in Ceuta mit Blick Richtung Marokko am Morgen des 15. August. Quelle: Max Bernhard /CORRECTIV.

Ein erneuter Andrang von Flüchtenden auf die spanische Exklave Ceuta ist an diesem Wochenende ausgeblieben. Nachdem vor zwei Wochen rund 72.000 Migranten die Grenze von Marokko aus überschritten hatten, waren Meldungen im Internet über eine Öffnung der Grenze am 15. August aufgekommen. Spanien und vor allem Marokko hatten vorab massiv die Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze erhöht.

Marokko hatte Dutzende Polizeiwagen und Beamte an die Grenze verlegt, Spanien stationierte am Samstagnachmittag mehrere Transportpanzer direkt am Grenzübergang. Mehrere Hundert Migranten sollen trotz des großen Polizei- und Militäraufgebots am Samstag versucht haben, sich vom Stadtrand der marokkanischen Grenzstadt Fnideq Richtung Grenze zu begeben. Aufnahmen zeigten dutzende Menschen, die einen Hügel etwa eineinhalb Kilometer von der Grenze hinaufsteigen. Laut Medienberichten wurden die Geflüchteten, die zum Großteil aus Subsahara-Afrika stammen sollen, zum Teil mit Hubschraubern und Pfefferspray zurückgetrieben.

Bilder wie vor zwei Wochen, als Ceuta im Chaos versank, blieben an diesem Wochenende aus. Für die Bewohner der Halbinsel ist das Thema aber nicht vorbei. CORRECTIV hat mit Bürgern, Polizisten sowie Ärzten und Vertretern von Hilfsorganisationen gesprochen. Zu Wort kommen auch die Flüchtlinge selbst, von denen sich noch einige Tausend in der Stadt aufhalten. Nur wenige wollen ihre Aussagen mit Nachnamen veröffentlicht sehen, da sie Sanktionen befürchten.

Viele fühlen sich von der Regierung alleingelassen. Fragen, wie mit den in Ceuta verbliebenen Migranten umgegangen werden soll, sind ungeklärt. Streitthemen sind die hygienischen Zustände und die Gesundheitsversorgung sowie die Sicherheit.

Migranten versammeln sich auf einem Hügel, während sie am Samstag, dem 15. August 2026, versuchen, von der Grenzstadt Fnideq in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen. Quelle: STR / AP Photo / Picture Alliance.

Josefa* ist eine ältere Dame, die in Ceuta wohnt. Sie ruht sich auf einer Bank aus, neben ihr liegt ihr Gehstock. Jeden Tag rufe ihre Familie vom spanischen Festland besorgt an, ob alles in Ordnung sei. Sie macht sich Sorgen. Sie ist wütend über die Regierung: „Ich glaube, sie wollen das in Ordnung bringen, aber man sieht es noch nicht“.

Die Frau verweist auf das Thema Sicherheit. Einige Familien hätten ihre Töchter zu Verwandten geschickt. „Im Zentrum sieht man ja, dass alles sehr schön ist.” Anders sehe es auf dem Land und in den Vororten aus. Hilfe vom Staat vermisst sie. Minister und Präsidenten kämen für Fotos nach Ceuta und verschwänden wieder. „Nichts ist gelöst“, sagt Josefa.

Die Geflüchteten täten ihr leid, sie habe selbst Kinder und könne sich diese in einer ähnlichen Situation vorstellen. Sie gebe ihnen manchmal Geld oder Essen, die Versorgung von Hilfsorganisationen und Vereinen reiche anscheinend nicht aus.

Am Sonntag besuchte Gesundheitsministerin Mónica García die Exklave. Vor dem Gebäude der Regierungsvertretung in Ceuta versammelten sich am frühen Nachmittag einige wütende Bürgerinnen und Bürger, die offenbar die Politikerin konfrontieren wollten. Als die Ministerin in ein Auto steigen will, wird sie ausgebuht.

Yaumara Socarras ist nach eigener Aussage Ärztin im Krankenhaus der Stadt. Umringt von Menschen und Pressevertrern kritisiert sie, dass die Ministerin erst jetzt gekommen ist, und nicht in den Tagen direkt nach der Massenüberquerung. Heute, für den Besuch, sei die Stadt sauber gemacht worden, sagt Socarras.

„Die Zentralregierung macht nichts, und die lokale noch weniger!“, erklärt ein Mann, der neben Socarras steht, in die Kameras und Mikrofone. Er sei ebenfalls Notarzt. „Es gibt einen Epidemie-Ausbruch mit Fieber, Durchfall und Erbrechen“, und die Stadt untersuche nicht, woher die Infektionen stammten. Das Gesundheitssystem von Ceuta ist nach Darstellung der Mediziner überlastet.

Ministerin García weist dies zurück: Sie sagte am Sonntag laut Medienberichten, dass es nicht wahr sei, dass das Gesundheitssystem in Ceuta zusammengebrochen sei. Es stehe aber unter Spannung, wird die Ministerin zitiert.

Am Playa del Trampolin in Ceuta kampieren Geflüchtete, die vor allem aus Subsahara-Afrika gekommen sein sollen, in behelfsmäßigen Behausungen oder unter dem freien Himmel. Quelle: Max Bernhard / CORRECTIV.

Alvaro* arbeitet am Playa del Trampolin für die Stadtreinigungsbetriebe von Ceuta. Er schätzt, dass hier mindestens 1.000 Menschen leben. Die Geflüchteten hier am Strand sollen vor allem aus Subsahara-Afrika stammen. Sie leben dort in behelfsmäßigen Behausungen oder unter dem freien Himmel.

Einer von ihnen ist Mohammed Issa. Am Playa del Trampolin lehnt der 20-Jährige an einen Felsblock nahe der improvisierten Unterkünfte. Er sagt, er sei vor dem Konflikt im Sudan geflohen. Nach eigenen Worten ist er durch Libyen und Algerien nach Marokko gekommen. Ende Juli habe er dann gehört, dass die Grenze offen sei und sei dann nach Ceuta gekommen. Einen Asylantrag konnte er noch nicht stellen.

Nach Angaben des spanischen Innenministeriums sind nach dem Massenandrang vor zwei Wochen die meisten Migranten nach Marokko zurückgekehrt. Einige Tausend campieren an dem Strand sowie in einem Industriegebiet nahe der Grenze und vereinzelt quer durch die Stadt verteilt. In den Schengenraum sei kein Migrant weitergereist, sagt ein Sprecher des Innenministeriums.

Die in Ceuta verbliebenen Flüchtlinge überlasten das System. Hilfsorganisationen kritisieren, dass sie von der Lokalregierung alleine gelassen werden. Essen, Wasser und Unterkunft werden zum großen Teil durch Vereine organisiert. Die Stadt selbst mache kaum etwas, so die Kritik.

Auch wenn die Hilfsbereitschaft groß ist, schlägt gelegentlich die Stimmung um: Die Hilfsorganisation Media Luna Blanca (Weißer Halbmond) musste die Versorgung bei einer Moschee nach Beschwerden von Nachbarn auf andere Standorte verteilen. Ein Nachbarschaftsverein, der unbegleiteten Mädchen und Frauen mit Kindern Obhut gibt, musste eine Unterkunft verlegen.

Geflüchtete Jungen schlafen im Stadtteil El Principe unter freiem Himmel. Quelle: Max Bernhard / CORRECTIV.

Nadia, trägt Kopftuch, möchte nicht sagen, wie alt sie ist. Sie ist Altenpflegerin, die gerade mit einer älteren Dame durch die Innenstadt spaziert. „Die Menschen haben Angst, es sind viele Menschen gekommen.” Bei früheren Flüchtlingswellen habe man versucht, den Menschen zu helfen. „Jetzt sind es einfach zu viele“, sagt Nadia.

Die Frage ist nun, wie es mit den Flüchtlingen weitergeht, die sich in Ceuta aufhalten. Minderjährige könnte Spanien nach einer Gesetzesänderung vom März 2025 auf das Festland bringen und ihnen Asyl gewähren. Erwachsene beabsichtigt die Regierung in Madrid nicht auf der iberischen Halbinsel aufzunehmen. Von den irregulären Migranten solle niemand auf das Festland kommen dürfen, sagt der Sprecher des Innenministeriums.

Ceuta ist immer wieder Ziel von Flüchtlingen geworden, wenn auch nicht in dem Umfang wie im Juli dieses Jahres. Ein Lokalpolizist, der anonym bleiben will, glaubt, dass die Menschen mit der Situation überfordert sind. „Diese Situation ist für uns nicht neu, das haben wir schon 2021 erlebt, aber damals waren es nicht so viele Menschen wie dieses Mal.” Damals waren rund 8.000 Migranten nach Ceuta gekommen.

Die Stadt sei schon immer sehr solidarisch gewesen, aber was im Juli passiert sei, habe alle Grenzen gesprengt, sagt der Polizist. Ein Passant mischt sich in das Gespräch ein und bemerkt: „Es ist nicht dasselbe, ob 450, 500 oder 1000 Menschen kommen oder 70.000, 80.000, wie es nun der Fall war“.

Der Andrang von flüchtenden Menschen vor zwei Wochen beschäftigt die Bürger von Ceuta. „Der Schock vom Anfang ist enorm,“ sagt der Polizist. „Wir sind, ehrlich gesagt, nicht darauf vorbereitet, so viele Menschen aufzunehmen.” Am Geld liege es nicht. Und er schiebt noch einmal nach: “Wir sind nicht darauf vorbereitet.“

*Die Personen wollten ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen oder anonym bleiben.

Redigatur und Faktencheck: Marcus Bensmann, Martin Murphy