AfD

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Wie verlässlich sind die Umfragewerte?

Die AfD liegt in Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei 43 Prozent – und spekuliert schon auf Regierungsverantwortung. SPD, Grüne und BSW kämpfen um die Fünfprozenthürde. Doch wie zuverlässig sind solche Zahlen wirklich?

von Sebastian Haupt, Lena Köpsell

Symbolbild zum Thema Landtagswahlen, Kommunalwahlen usw. in Sachsen-Anhalt
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Bild: Oliver Böhmer / Zoonar /Picture Alliance
Das Wichtigste in Kürze
  • Wahlumfragen sind keine punktgenauen Vorhersagen, sondern nur Momentaufnahmen. Viele Wähler entscheiden sich erst kurzfristig.
  • Eine CORRECTIV-Auswertung vergangener Wahlen zeigt: Die AfD wurde bundesweit vorab sowohl über- als auch unterschätzt. Besonders stark überbewertet war sie vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2021.
  • Umfragen können Wahlentscheidungen beeinflussen – etwa weil Bürgerinnen und Bürger auf ihrer Basis taktisch wählen. Auch im September kann das entscheidend sein.
  • Wahlforscher Thorsten Faas fordert deshalb mehr Transparenz über die Unsicherheit der Ergebnisse: Statt scheinbar exakter Prozentwerte sollten Institute stärker mit Bandbreiten arbeiten.

Die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September könnte eine historische Zäsur bedeuten. Die AfD hat womöglich die Chance, nicht nur stärkste Kraft zu werden, sondern erstmals Regierungsverantwortung zu übernehmen. Umfragen sehen die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei bei bis zu 43 Prozent.

Zwar lehnen alle aussichtsreichen Parteien – außer dem BSW – eine Zusammenarbeit mit der AfD ab. Dennoch könnte es der Partei gelingen, allein zu regieren, selbst wenn weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten für sie stimmt. Entscheidend wird sein, ob SPD und Grüne ins Parlament einziehen und ob die AfD tatsächlich über 40 Prozent kommt.

Doch wie belastbar sind die aktuellen Umfragen? Um das einzuordnen, hat CORRECTIV die AfD-Ergebnisse der jeweils vorherigen Landtagswahlen aller Bundesländer ausgewertet. Das Ergebnis und die Einschätzung von einem Wahlforscher verdeutlichen: Wahlumfragen sind nicht nur eine Momentaufnahme – sie beeinflussen auch den Wahlkampf. Was heißt das für die AfD und die Parteien, die derzeit an der Fünfprozenthürde kratzen?

Sachsen-Anhalt 2021: AfD um fünf Prozent überschätzt

Ausgerechnet bei der vorigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2021 zeigt sich, wie weit die Demoskopie daneben liegen kann. Damals prognostizierten die Umfrageinstitute ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD. Doch die CDU gewann klar mit 37,1 Prozent – bis zu zwölf Prozentpunkte mehr, als die Umfragen ihr gegeben hatten. Die AfD dagegen blieb am Ende hinter den Prognosen zurück: Vor der Wahl sahen die Erhebungen sie um bis zu fünf Prozentpunkte stärker, als sie schließlich war.

Solch starke Abweichungen sind allerdings selten – und können verschiedene Ursachen haben. Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin erklärt im Gespräch mit CORRECTIV: „Man muss vorsichtig sein, im Nachhinein zu sagen, die Umfragen seien falsch gewesen. Gerade auf Landesebene entscheiden sich viele Unentschlossene erst in der letzten Woche.“ Eine Umfrage könne zehn Tage vor der Wahl also durchaus richtig gewesen sein – und trotzdem vom späteren Wahlergebnis abweichen.

Wichtig ist, Umfragen als Momentaufnahme zu verstehen, nicht als Zukunftsvorhersage. Sie seien „ein Stimmungsbild, das sich verändern kann. Wer weiß schon genau, was Menschen am Ende im Kopf leitet, wenn sie sonntags ihr Kreuz machen“, gibt Faas zu bedenken.

Auch das erwartete Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen AfD und CDU könnte damals viele motiviert haben, aus taktischen Gründen ihre Stimme der CDU zu geben – damit die AfD nicht Wahlsiegerin wird. Und der stark personalisierte Wahlkampf des ehemaligen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff spielte wohl ebenfalls eine Rolle, die Umfragen nicht abbilden konnten.

Methodisch bedingte Fehlerquellen sind möglich

Abweichungen von Umfragewerten können allerdings auch methodische Ursachen haben. So gibt es etwa das Phänomen der sozialen Erwünschtheit: Befragte geben oft Antworten, die gesellschaftlichen Normen entsprechen – und halten ihre Meinung zurück, wenn sie dazu in Kontrast steht. Lange wurde die AfD deshalb in Umfragen unterschätzt.

Ist das immer noch der Fall? Wahlforscher Faas glaubt das nicht: „Soziale Erwünschtheit ist stark vom gesellschaftlichen Umfeld abhängig. In Sachsen-Anhalt ist es heute möglicherweise mutiger, zu sagen, man wähle die Grünen, als zu sagen, man wähle die AfD.“

Die Differenzen zwischen AfD-Wahlergebnis und Umfragen bei Landtagswahlen

CORRECTIV hat analysiert, wie stark sich die AfD-Ergebnisse der jeweils vorigen Landtagswahlen von den zuvor veröffentlichten Wahlumfragen unterschieden. Als Datenbasis dienten die auf wahlrecht.de verzeichneten Umfrageergebnisse der vergangenen drei Monate vor dem Wahltermin.

Die Auswertung zeigt: Es gibt durchaus stärkere Abweichungen – in beide Richtungen. Legt man die Durchschnittswerte der Institute zugrunde, wurde die AfD auch bei Wahlen in Hamburg, NRW und Schleswig-Holstein überschätzt. Nirgends aber war die Differenz so groß wie in Sachsen-Anhalt 2021. In Thüringen, Brandenburg, Hessen und Niedersachsen konnte die AfD hingegen deutlich besser abschneiden als vorab erwartet.

Umfragen können die Ergebnisse selbst beeinflussen

Sonntagsfragen bilden Stimmungen nicht nur ab, sie können auch die Wahlentscheidung beeinflussen. So ist etwa der sogenannte „Bandwagon“-Effekt (übersetzt: Mitläufereffekt) gut belegt. Einige wählen demnach Parteien, die in Umfragen vorn liegen, um auf der Gewinnerseite zu sein. Allerdings, so erklärt Wahlforscher Faas, gebe es auch den gegenteiligen Effekt. „Wenn eine Partei in den Umfragen sehr sicher dasteht, denken manche: Um die muss ich mir keine Sorgen machen und wählen stattdessen eine andere oder bleiben zu Hause.“

So funktionieren Wahlumfragen

Wer gibt Umfragen in Auftrag?

Viele veröffentlichte Wahlumfragen entstehen im Auftrag von Medien. Sie beauftragen ein Meinungsforschungsinstitut mit der Erhebung und veröffentlichen anschließend die Ergebnisse. Nach den Transparenzstandards des Branchenverbands ADM sollte unter anderem erkennbar sein, wer Auftraggeber war, wie viele Menschen befragt wurden, mit welcher Methode und in welchem Zeitraum.

Wie entstehen die Ergebnisse?

Grundlage sind Stichproben – kleinere, möglichst repräsentative Gruppen, aus deren Antworten Rückschlüsse auf die Wahlberechtigten gezogen werden. Entscheidend ist dabei, wie diese Stichproben zusammengestellt werden. Die Institute nutzen unterschiedliche Verfahren: Befragungen finden etwa telefonisch, über Online-Panels oder als Kombination verschiedener Methoden statt. Die Antworten aus der Befragung werden nicht einfach eins zu eins veröffentlicht. Die Institute gewichten ihre Daten, um Verzerrungen in der Stichprobe auszugleichen.

„Es gibt heute keine perfekte Methodik“, sagt der Politikwissenschaftler Thorsten Faas. Telefon- und Online-Umfragen hätten jeweils ihre eigenen Verzerrungen. Für ihn ist deshalb das Gesamtbild entscheidend: „Wenn sich bei verschiedenen Instituten ähnliche Trends zeigen, spricht das dafür, dass wir tatsächlich eine reale Entwicklung sehen.“

Wer erhebt die Umfragen?

Zu den Instituten, die regelmäßig politische Meinungs- und Wahlumfragen in Deutschland durchführen, gehören unter anderem Infratest dimap, Forschungsgruppe Wahlen, Forsa, INSA, Allensbach, Verian und YouGov. Die Institute arbeiten mit unterschiedlichen Stichproben-, Erhebungs- und Gewichtungsverfahren. Solche methodischen Unterschiede können dazu beitragen, dass Umfragen, die ungefähr zur gleichen Zeit erhoben werden, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Auch für kleinere Parteien sind Umfragen entscheidend. Eine Studie der Universitäten Potsdam und Wien zeigt: Liegen Parteien kurz vor der Wahl über der Fünfprozenthürde, steigen ihre Chancen, ins Parlament einzuziehen. Der Grund: Viele Wähler wollen verhindern, dass ihre Stimme verfällt, und wählen eher erfolgversprechende Parteien.

SPD und Grüne kämpfen um Einzug ins Parlament

Bei der kommenden Wahl könnte der Kampf um die Fünfprozenthürde jedoch der SPD (zuletzt in Umfragen sechs bis sieben Prozent) und den Grünen (vier bis fünf Prozent) noch einmal Auftrieb geben – gerade weil sie zu scheitern drohen. Das Szenario einer AfD-Regierung könnte Wähler motivieren, diesen Parteien ihre Stimme zu geben, um sie über die Hürde zu bringen. Denn: Scheitern beide, profitiert die AfD. Mit rund 40 Prozent der Stimmen könnte sie womöglich eine absolute Mehrheit im Parlament erreichen, da die Sitze nur unter den Parteien verteilt werden, die die Hürde überwinden.

Deshalb rufen derzeit einige Kampagnen zu genau dieser Stimmenleihgabe für Grüne und SPD auf (mehr dazu hier). Allerdings birgt solch taktisches Wählen auch Gefahren – wenn etwa die Parteien trotzdem an der Sperrklausel scheitern. „Wer sich beispielsweise strategisch für die drittpräferierte Partei entscheidet, kann am Ende feststellen, dass diese Strategie gar nicht aufgegangen ist“, sagt Faas.

Auffällig: Besonders viele Umfragen derzeit in Sachsen-Anhalt

Umfragen können sichtbar machen, ob sich gerade politisch etwas bewegt oder nicht – und so selbst für eine Dynamik sorgen. Was bedeutet das für die CDU in Sachsen-Anhalt? „Würde die CDU in Sachsen-Anhalt Punkt für Punkt aufholen und der Abstand zur AfD kleiner werden, könnte ein Momentum entstehen. Doch derzeit passiert eher das Gegenteil“, stellt Faas fest.

Auffällig ist laut Faas, dass es in Sachsen-Anhalt derzeit ungewöhnlich viele Umfragen gibt, deutlich mehr als vor anderen Landtagswahlen. „Wenn über jede Verschiebung um einen Prozentpunkt berichtet wird, kann daraus eine Eigendynamik entstehen – bis hin zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung“, sagt der Politikwissenschaftler. Es verändere den Charakter von Wahlen, ob Umfragen permanent mitreflektiert werden oder nicht.

Große Überraschungen der Vergangenheit

Der vielleicht bekannteste Fall größerer Überraschungen am Wahlabend ereignete sich bei der Bundestagswahl 2005. Die Umfrageinstitute hatten die Union zuvor mit 41 bis 42 Prozent deutlich vor der regierenden SPD gesehen, die sie auf 33 bis 34 Prozent tarierten. Am Ende lagen CDU und CSU mit zusammen 35,2 Prozent jedoch nur einen Prozentpunkt vor der SPD. Es folgte der legendär-krawallige Auftritt von Damals-Noch-Kanzler Gerhard Schröder in der Elefantenrunde, bei dem er versuchte, aus dem Ergebnis eine Vertrauensbekundung in ihn als Kanzler abzuleiten.

Eine bemerkenswerte Aufholjagd gelang zuletzt der SPD 2024 in Brandenburg. Die Partei von Ministerpräsident Dietmar Woidke lag in Umfragen rund eineinhalb Monate vor der Landtagswahl bei etwa 20 Prozent, wenige Tage vor der Wahl dann bei 25 bis 27 Prozent. Letztlich erreichte sie fast 31 Prozent der Wählerstimmen – nicht zuletzt dank eines stark personalisierten Wahlkampfes, der die Machtfrage auf Woidke oder die AfD zuspitzte. Weitere Beispiele für vorab unterschätzte Wahlsieger hat das RND vor einigen Jahren hier zusammengetragen.

Auffällig ist auch die Konzentration bei Instituten und Auftraggebern in Sachsen-Anhalt. Von den bisher zehn Umfragen in diesem Jahr auf Wahlrecht.de zu Sachsen-Anhalt stammen sechs von INSA, vier davon im Auftrag von NIUS. Über alle drei Länder, die im September wählen werden, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, stammen 90 Prozent der Umfragen von nur zwei Instituten: 15 von INSA und neun von Infratest dimap.

Ist diese Konzentration auf wenige Institute und Auftraggeber problematisch? Wahlforscher Faas sieht das differenziert. Für ihn zählt vor allem das Gesamtbild: „Wenn ein Institut die AfD ständig fünf Punkte höher ausweist als alle anderen, ist das für dieses Institut nicht unbedingt glaubwürdigkeitsfördernd – es sei denn, es stellt sich am Ende heraus, dass genau dieses Institut richtig lag.“ Die Institute würden sich so gegenseitig kontrollieren.

Wenn aus 21 plötzlich 27 Prozent werden

Wie können Wahlumfragen die Unsicherheiten besser abbilden? Die meisten Forschungsinstitute veröffentlichen ihre Rohdaten nicht. Steht in der Schlagzeile „AfD bei 43 Prozent“, haben nicht zwangsläufig 43 Prozent der Befragten AfD angegeben. Zwischen Rohdaten und veröffentlichtem Wert liegen Gewichtungen – und je nach Institut weitere Modellannahmen.

Wie groß der Unterschied zwischen Rohdaten und veröffentlichtem Wert ausfallen kann, zeigt laut Wahlforscher Faas das Beispiel der Forschungsgruppe Wahlen, einem Institut für Wahlanalysen: In den Rohdaten für den aktuellen Bundestrend geben 21 Prozent der Befragten mit Parteipräferenz die AfD an – das nennt das Institut „politische Stimmung“. In der veröffentlichten Projektion – also dem um Verzerrungen bereinigten und mit Erfahrungswerten hochgerechneten Wert – sind es dagegen 27 Prozent. „Ich glaube nicht, dass sich diese Differenz vor allem durch soziale Erwünschtheit erklären lässt“, sagt der Politikwissenschaftler. „Wahrscheinlicher ist, dass bestimmte AfD-Wähler schlechter erreicht werden oder häufiger die Teilnahme verweigern.“

Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin. Foto: Jamie Napier

Faas wünscht sich von den Instituten mehr Offenheit im Umgang mit Unsicherheiten. „Realistischer wäre es, wenn die Institute sagen würden: Eine Partei liegt zwischen 28 und 32 Prozent – statt den Eindruck zu erwecken, es seien genau 30 Prozent“, sagt er.

Dass es auch anders geht, zeigt der Blick nach Österreich. Dort wird die Schwankungsbreite bei Wahlumfragen häufiger neben den veröffentlichten Zahlen angegeben. Der Branchenverband VdMI empfiehlt dieses Vorgehen ausdrücklich. Die deutschen Branchenverbände hingegen empfehlen, bei veröffentlichten Umfragen ein statistisches Fehlerintervall anzugeben – „sofern möglich und methodisch gerechtfertigt“.

Die Folge: In der öffentlichen Wahrnehmung können die Prozentwerte genauer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Aus einem statistischen Korridor wird schnell eine punktgenaue Zahl – und aus einem Prozentpunkt eine neue Schlagzeile.

Redigatur und Faktencheck: Gesa Steeger