Nachts bei seinem Trainer
Ein ehemaliger Jugendtrainer von Union Berlin nutzt die Strahlkraft seines Vereins aus und missbraucht zwei Kinder. Mit CORRECTIV sprechen ihre Eltern erstmals öffentlich über die Taten.
von Finn Schöneck
Viele junge Fußballer träumen davon, eines Tages in der Bundesliga zu spielen. Einer von ihnen ist Noah*. Mitte 2022 dachten der damals Elfjährige und seine Eltern, ein Kontakt zu einem Trainer von Union Berlin könnte die Chance für ihn sein, den Sprung in ein Nachwuchsleistungszentrum eines Bundesligisten zu schaffen.
Noah spielte damals bei einem ambitionierten Verein in Mecklenburg-Vorpommern. Während eines Trainings stand Nils H. an der Seitenlinie, ein Freund seines Trainers. H. trug einen Sportanzug seines Arbeitgebers – des 1. FC Union Berlin. Noah, so erzählt sein damaliger Trainer Denis Hapke, sei ein zurückhaltender Spieler gewesen. Das habe auch Nils H. erkannt und Noah zur Seite genommen: „Die Jungs sind in dem Alter total motiviert, wenn sie merken, da interessiert sich einer von Union Berlin für mich. […] Das hat Wirkung gezeigt, der Junge war dann total fokussiert auf dem Platz“, erinnert sich Hapke.

Einige Zeit später sprach Nils H. Noahs Eltern bei einem Testspiel in Berlin an. Er sehe Potenzial in dem Jungen. Noah und seine Eltern dachten, das wäre seine Chance, in das Nachwuchsleistungszentrum von Union zu wechseln. Sie hofften, H. würde ihren Sohn fördern.
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Doch sie täuschten sich. Der potenzielle Förderer wurde zum Missbrauchstäter des Jungen. Noah blieb nicht sein einziges Opfer.
CORRECTIV hat den Fall um den ehemaligen Jugendtrainer Nils H. gemeinsam mit dem ZDF recherchiert. Die Redaktionen konnten mit den Eltern der betroffenen Kinder sowie etwa 25 weiteren Personen aus dem Umfeld des Täters sprechen und haben Chats und Gerichtsakten ausgewertet. Die Recherche zeigt die perfide Täterstrategie des ehemaligen Trainers.
*Zum Schutz der noch minderjährigen Betroffenen und ihrer Familien hat CORRECTIV die Namen geändert.
Diese Recherche ist Teil einer Dokumentation, die CORRECTIV gemeinsam mit dem ZDF durchgeführt hat. Im Film führt der ehemalige Profifußballer und Kommentator Jonas Hummels durch drei Fälle von Missbrauch im Jugendfußball in verschiedenen Vereinen. Mehrere Betroffene sprechen erstmals über ihre Missbrauchserfahrungen. Die Doku zeigt, wie systematisch Missbrauchstäter den Fußball ausnutzen, um ihre Taten zu begehen.
Hier können Sie „Tatort Fußball: Missbraucht im eigenen Verein“ schauen.
Die Wohnung
Nach dem Testspiel schickte Nils H. dem jungen Spieler einen Trainingsplan. Sie tauschten sich über Messengerdienste aus und verabredeten sich zu Privattrainings, meist über Video-Calls. Noahs Vater beschreibt das Verhältnis zu H. als freundschaftlich. Der Trainer sei daran interessiert gewesen, das fußballerische Talent seines Sohnes zu fördern.
Die Eltern vertrauten dem damals 25-Jährigen immer mehr. So kam es im Oktober 2022 erstmals dazu, dass der elfjährige Noah alleine bei H. in Berlin übernachtete. Die beiden besuchten ein Europa-League-Spiel von Union Berlin. Im Dezember 2022 besuchte Noah den damaligen Union-Trainer bereits zum dritten Mal – dieses Mal mit seinen Eltern. Gemeinsam schlenderten sie über den Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz, erinnert sich sein Vater. Später schlief Noah wieder bei H. in der Wohnung – nur wenige Kilometer entfernt von seinen Eltern, die in einem Hotel übernachteten.
Noah bat H. in dieser Nacht ihm den Rücken zu kraulen. H. bewegte daraufhin seine Hand in Richtung des Genitalbereichs und „umfasste für kurze Zeit den Penis des Kindes, um sich sexuell zu erregen“, heißt es im Urteil des Landgerichts Berlin I aus dem Januar 2026.
Am Tag nach der Missbrauchstat ging H. mit der Familie in einem italienischen Restaurant essen. Erst ein halbes Jahr später sprach Noah über das, was ihm angetan wurde.
Die Taten
Noah ist nicht das einzige Opfer des Fußballtrainers. Im Februar 2023 übernachtete der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls elfjährige Paul* bei Nils H. in Berlin‑Köpenick. Paul spielte in derselben Mannschaft wie Noah; auch er lernte H. auf dem Fußballplatz in Mecklenburg-Vorpommern kennen, einige Zeit später auch seine Eltern. Hier wiederholt sich das Muster des Tathergangs: Paul übernachtete alleine in der Wohnung des Trainers in Berlin. In der Nacht fasste ihn Nils H. an den Penis – Paul schob die Hand des Täters unvermittelt weg.
Du hast Gewalt oder Missbrauch im Sport erlebt oder machst du dir Sorgen um jemand anderes? Oder du hast Angst, selbst zum Täter oder zur Täterin zu werden? An diese Beratungsstellen kannst du dich wenden:
Ansprechstelle Safe Sport: 0800 11 222 00 (montags, mittwochs und freitags von 10 Uhr bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr)
Anlauf gegen Gewalt: 0800 90 90 444 (montags, mittwochs und freitags von 9 Uhr bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags von 16 Uhr bis 20 Uhr)
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 (montags, mittwochs und freitags von 9 Uhr bis 14 Uhr, dienstags und donnerstags von 15 Uhr bis 20 Uhr)
Kein Täter werden: Hilfestelle für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen.
DFB: Bietet ein anonymes Hinweisgebersystem an oder Ansprechpersonen für Kinder- und Jugendschutz in den Landesverbänden oder in der Zentrale in Frankfurt am Main.
Im Dezember 2025 eröffnete die Jugendschutzkammer den Prozess gegen den zu dem Zeitpunkt 28‑Jährigen. Insgesamt zwölf Anklagepunkte legte die Staatsanwaltschaft H. zur Last, wovon im Prozess jedoch zehn fallen gelassen wurden – sie würden nicht erheblich ins Strafmaß fallen, daher könne man sich Zeugenvernehmungen und Verhandlungstage sparen, argumentierte die Richterin. Außerdem würden die Anklagepunkte das Strafmaß nicht erheblich erhöhen. Im Gegenzug gestand Nils H. die Taten gegen Paul und Noah.
Die beiden waren nicht die einzigen Kinder, die Nils H. in Berlin besuchten. Im Urteil schreibt das Landgericht von mindestens zehn Jungen, die in der Wohnung des Sexualstraftäters übernachtet haben.
Doch dabei blieb es nicht: Ein Untersuchungsbericht der Kriminalpolizei zeigt zudem, dass H. permanent privaten Kontakt mit jungen Fußballspielern hatte. Viele davon kannte er durch seine Trainerstationen in Rostock und Berlin, weitere lernte er über Privattrainings kennen. Er tauschte tausende Chatnachrichten mit einzelnen Kindern aus; gab ihnen wiederkehrende Spitznamen, wie „Starspieler“ oder „kleiner Bruder“. Für den Austausch nutzte H. auch die App Snapchat, über die Nutzer Bilder und Videos verschicken können, die nach wenigen Sekunden wieder verschwinden. Eine Recherche des Stern zeigt, wie die besonders bei jungen Teenagern beliebte App vermehrt auch von Pädokriminellen genutzt wird.
Das System
CORRECTIV recherchiert seit mehreren Jahren zu Missbrauch im Fußball. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Redaktion eine Recherche, in der aufgezeigt wird, dass der Fußball ein systematisches Problem mit Missbrauch und Gewalt durch Trainer hat. CORRECTIV hat über 40 Strafverfahren analysiert und etwa 20 Urteile aus rechtskräftig abgeschlossenen Prozessen ausgewertet. Alleine in den vergangenen fünf Jahren waren hunderte Kinder von sexualisierter Gewalt und Missbrauch betroffen.
Aus den Verfahren lassen sich wiederkehrende Täterstrategien erkennen: Die Kontakte werden über den Fußball geknüpft, schnell forcieren die Männer dann den privaten Kontakt. Gemeinsam verbringen sie mit ihren Opfern Filmabende, essen Fastfood oder unternehmen Ausflüge. In diesem Rahmen kommt es dann zu Grenzüberschreitungen, Übergriffen und Missbrauch.
Dabei nutzen sie das zuvor aufgebaute Vertrauen gegenüber den Eltern und den Kindern aus, denn sie entscheiden in den Fußballmannschaften, wer spielen darf oder nicht. Das passiert nicht nur in Amateurvereinen – die Täter wenden diese Druckmittel auch in den Jugendteams von Bundesligisten an.
Der Täter
H. trainierte bereits als Jugendlicher Fußballmannschaften in Berlin. Sein Talent fiel auf: Von 2018 bis 2021 übernahm er Jugendmannschaften und organisierte Turniere für die jüngeren Jahrgänge des FC Hansa Rostock. So baute sich der gelernte Erzieher und Pädagoge ein Netzwerk in Nachwuchsleistungszentren in ganz Deutschland auf. CORRECTIV konnte mit einigen dieser Kontakte sprechen: Sie beschreiben H. als kompetenten Fußballlehrer.
Als das Vereinstraining während der Corona-Pandemie pausieren musste, bot H. Online-Trainings für einzelne Spieler und auch ganze Mannschaften an. Nebenher trainierte er Kinder in privaten Fußballcamps.

Im Sommer 2021 folgte der Wechsel in das Nachwuchsleistungszentrum des Bundesligisten 1. FC Union Berlin. Die Mannschaften der Jugendabteilung des Clubs aus Berlin-Köpenick spielen dort auf höchstem Niveau. Nils H. war in einem renommierten Bundesligaclub angekommen.
Nachwuchsleistungszentren sind professionelle Ausbildungsstätten für Fußball. Sowohl ambitionierte junge Spieler als auch Trainer können von einem Wechsel dorthin profitieren. In Deutschland gibt es derzeit 58 dieser Einrichtungen.
Auf der Website des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) heißt es: „Die Leistungszentren haben die zentrale Funktion, Spitzentalente in einem hochprofessionellen Umfeld bestmöglich zu fördern“. Der DFB formuliert strenge Anforderungen an diese Ausbildungseinrichtungen – auch an den Kinderschutz.
Nils H. trainierte hier über zwei Saisons die Jugendmannschaften in der Altersklasse U10. Auch die abgeurteilten Missbrauchstaten an Noah und Paul fanden während dieser Zeit statt.
Nachdem ein anonymes Elternteil Vorwürfe gegen H. an den Verein herangetragen hatte, endete seine Zeit bei Union im Februar 2023. In einem Brief von Union Berlin an die Eltern, der CORRECTIV vorliegt, heißt es, es habe unangemessenen Kontakt zwischen Trainer und Spieler gegeben. Und weiter: „Wir haben Nils H. mit den Vorwürfen konfrontiert. Er hat sie uns gegenüber bestätigt“.
Da die Vorwürfe gegen H. so schwerwiegend waren, habe man daraufhin Anzeige bei der Polizei erstattet, sagt Lutz Munack, Geschäftsführer des Nachwuchsbereichs von Union Berlin, gegenüber CORRECTIV.
Der nächste Verein
Das unrühmliche Ende bei Union Berlin hielt Nils H. nicht davon ab, sich bei dem nächsten Fußballakademie vorzustellen: Im Frühling 2023 tauchte H. bei den Stuttgarter Kickers auf. Ein Traditionsclub, der in der Bundesliga spielte, heute aber im Amateurbereich unterwegs ist. Dennoch erfüllt der Verein die strengen Auflagen eines Nachwuchsleistungszentrums.
H. bewarb sich hier nicht direkt für das Talentezentrum, sondern für die Fußballschule des Vereins, die Trainingscamps im Umfeld von Stuttgart organisiert. Doch es gelang dem Trainer auch dort, Kontakte zu knüpfen, sodass er einige Male bei Trainings der U12 unterstützen konnte, wie Verantwortliche der Kickers bestätigen.
Laut eigenen Angaben hatte der Verein zuvor nicht die Führungszeugnisse der Trainer aus dem Fußballcamp überprüft – das würde man heute anders machen, so die Kickers gegenüber CORRECTIV. Ein Führungszeugnis gibt aber ohnehin nur Auskunft über Vorstrafen, nicht über laufende Ermittlungen.
Die Warnung
Wie die Kickers dennoch über die Vorwürfe gegen H. informiert wurden, ist brisant: Schon wenige Wochen, nachdem H. in Stuttgart augetaucht war, habe der Verein einen Anruf von Union Berlin bekommen, in dem man informell über die Vorwürfe und Ermittlungen gegen den Trainer informiert wurde, so die Kickers auf Nachfrage.
Lutz Munack habe damals in Stuttgart angerufen, um dem anderen Verein bei einem so schwerwiegenden Vorwurf zu helfen, sagt er. „Am Ende ordne ich meine Fürsorgepflicht wichtiger ein als den Datenschutz“, so der Union-Geschäftsführer. Das Problem: Zwischen Vereinen gibt es kein rechtssicheres Verfahren für den Austausch von Informationen über Verdachtsfälle wie den von H.

Wenige Tage nach dem Anruf meldete sich dann die Kriminalpolizei in Stuttgart und informierte den Verein über die Ermittlungen, sagt ein Vertreter der Stuttgarter Kickers. Damit endete das kurze Engagement von Nils H. auch in Stuttgart.
Die Ermittlungen
Die Behörden ermittelten in diesem Fall deutschlandweit. Im Mai 2023, berichtet Pauls Mutter, bekam auch sie einen Anruf: Es gebe schwere Vorwürfe gegen Nils H., weshalb gegen ihn ermittelt werde. Am Anfang habe die Mutter nicht geglaubt, dass auch ihr Sohn zu den Geschädigten gehört: „Ich dachte, jemand will Nils etwas anhängen“, erzählt sie. Doch dann habe Paul noch am selben Tag über das gesprochen, was ihm angetan wurde. „Ich bin an diesem Tag einmal als Mutter gestorben.“ Sie sei danach hinausgegangen und habe geschrien, erinnert sich Pauls Mutter.
Sie meldete sich daraufhin bei Noahs Vater. Er fragte seinen Sohn, ob bei den Übernachtungen bei Nils H. etwas vorgefallen sei – zunächst ohne Ergebnis. „Auf einmal kam er zum Einkaufen mit, schlich dabei um uns herum. Er ist da nie freiwillig mitgekommen.“ Erst am Abend sei es aus dem Jungen herausgebrochen. „Da war die Fußballromantik vorbei“, erinnert sich der Vater.
In den darauffolgenden Wochen sagten Noah, Paul und ihre Eltern bei der Polizei aus. Die Ermittlungen dauerten noch fast zwei Jahre an. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft Berlin Anklage gegen den ehemaligen Union-Trainer.
Die Strafe
Im Januar 2026 verurteilte die Jugendkammer des Landgerichts Berlin Nils H. zu einer Strafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Damit ist diese Vorstrafe in seinem Führungszeugnis vermerkt.
Vor Gericht beteuerte H., er wolle eine Therapie machen. Die Redaktionen haben H. mehrfach über mehrere Wege kontaktiert – CORRECTIV hat nach Ablauf der Frist keine Antworten erhalten.
Übrig bleibt eine Bewährungsstrafe für einen Missbrauchstäter. Und zwei Kinder, die mit den Folgen der Erlebnisse bis heute zu kämpfen haben. Noah war in Therapie. Mittlerweile spielt er wieder Fußball. Paul schläft seit der Tat ungern außerhalb seines Zuhauses. Noahs und Pauls Eltern fordern jetzt über zivilrechtliche Schritte Schmerzensgeld vom Täter.
Die Folgen
Der Fall Nils H. wirft Fragen auf. Wie kann ein Trainer, gegen den ermittelt wird, zu einem anderen Verein wechseln? Silke Sinnig, DFB-Vizepräsidentin, äußert gegenüber den Redaktionen dazu, auch sie bedauere, dass die Datenschutzhürden faktisch Täterschutz seien.
Der Berliner Fußballverband schreibt, Nils H. seien im Zuge der Ermittlungen schon 2023 seine Trainerlizenz entzogen und ein dauerhaftes Funktionsverbot ausgesprochen worden. Die Lizenz könne er nur wiedererlangen, wenn er ein einwandfreies Führungszeugnis vorlege.
Die Akademien deutscher Proficlubs sind verpflichtet, die Führungszeugnisse von Bewerbern für Trainerstellen anzufordern. Der Weg in ein Nachwuchsleistungszentrum mag für den verurteilten Missbrauchstäter damit versperrt bleiben. Doch zeigen Recherchen immer wieder, dass gerade in ehrenamtlich geführten Vereinen keine Führungszeugnisse überprüft werden.
Redaktion: Justus von Daniels
Redigat & Faktencheck: Elena Müller