In einem viralen Video, das in unterschiedlichen Sozialen Netzwerken, wie Youtube, Instagram und X geteilt wird, läuft ein Mann an mehreren Rotorblättern von Windrädern entlang. Die Rotorblätter liegen zwischen Büschen und hohem Gras. Dazu sagt der Mann: „Das ist die Entsorgung. Hier sehen wir, dass wahrscheinlich irgendwelche privaten Investoren oder Betreiber einfach die Entsorgung nicht hinbekommen haben“.
Auch andere Nutzerinnen und Nutzer griffen das Video später auf und teilten es mit der Behauptung, die Rotorblätter seien nach dem Rückbau von Windenergieanlagen einfach in der Natur entsorgt worden.

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Aufnahmen lassen sich bei Jübek in Schleswig-Holstein verorten
Der älteste Beitrag mit dem Video, den wir finden konnten, stammt vom 29. Juni 2026 und wurde auf Facebook verbreitet. Auf Facebook steht, der Beitrag sei in Jübek entstanden. Das ist eine Gemeinde in Schleswig-Holstein. Derselbe Account veröffentlichte neben dem Video auch mehrere Fotos der Rotorblätter. Zu Beginn des Videos sagt der Mann zudem, er habe die Rotorblätter aus dem Zug gesehen.
Mit diesen Informationen konnten wir den mutmaßlichen Aufnahmeort auf Google Maps identifizieren. Wenige Kilometer nördlich von Jübek entfernt liegt der Windpark Basland. In unmittelbarer Nähe zu Bahngleisen liegen dort Teile eines Windrades an einem Feldweg. Laut Angaben auf Google-Maps stammen die Satellitenbilder, die die Windradteile zeigen, aus dem Jahr 2026.

Die Anordnung der Rotorblätter, ihre Lage entlang eines schmalen Weges, die angrenzenden Baum- und Buschreihen sowie ein in unmittelbarer Nähe sichtbares Windrad stimmen ebenfalls mit den Aufnahmen aus dem Facebook-Beitrag überein.
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Mehrere Unternehmen aus der Umgebung dementieren, dass die Rotorblätter ihnen gehören würden
Auf einem der zusätzlich veröffentlichten Fotos ist auf einem Rotorblatt der Schriftzug NEG Micon zu erkennen. NEG Micon war ein Hersteller von Windenergieanlagen und fusionierte 2004 mit Vestas.
Ein Abgleich mit öffentlich zugänglichen Windpark-Daten zeigt, dass sich in der Umgebung des Fundortes Anlagen dieses Herstellers befinden. Das Betreiberportal wind-turbine.com führt für die Rohwer & Wettengel Büsche Windpark GmbH & Co. KG vier Windenergieanlagen des Typs NEG Micon M1500-500 auf. Als Datenquelle nennt das Portal zumindest teilweise das Marktstammdatenregister. Das Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur erfasst unter anderem Windenergieanlagen mit Angaben zu Standort, Leistung und Betriebsstatus.
Hersteller und Standort passen zusammen. Wir haben die Rohwer & Wettengel Büsche Windpark GmbH & Co. KG deshalb gefragt, ob die Rotorblätter dem Unternehmen gehören, seit wann sie an dem Standort liegen und was mit ihnen geschehen soll. Das Unternehmen sagte uns telefonisch, die Rotorblätter gehörten nicht dem Unternehmen. Nach Kenntnis des Betreibers seien sie einem anderen Betreiber älterer Windenergieanlagen in der Region zuzuordnen. Einen Namen wollte das Unternehmen nicht nennen. Der Windparkbetreiber erklärte uns, bei den Rotorblättern handle es sich nach seiner Kenntnis um Ersatzteile für ältere Windenergieanlagen. Für diese Anlagen würden keine neuen Ersatzteile mehr hergestellt. Die Bauteile aufzubewahren, diene der Wiederverwendung und sei aus Sicht des Unternehmens eine nachhaltige Praxis.
Auch Denker & Wulf, ein weiterer Windenergiebetreiber in Schleswig-Holstein, schloss eine Verantwortung aus. Das Unternehmen teilte CORRECTIV.Faktencheck mit, die in Basland gelagerten Rotorblätter stünden „weder im Eigentum noch im Besitz unseres Unternehmens“. Auch für deren Lagerung oder Verwertung bestehe keine Verantwortlichkeit.
Ein weiterer möglicher Anknüpfungspunkt ist die frühere Geest Windpark GmbH. Das Unternehmen hatte seinen Sitz in Jübek. Laut öffentlich zugänglichen Registerdaten bestand die Gesellschaft seit 1991, im Dezember 2025 wurde sie aufgelöst. Wir haben den ehemaligen Geschäftsführer gefragt, ob die Rotorblätter dem früheren Unternehmen beziehungsweise von ihm betriebenen Anlagen zuzuordnen sind, wem sie heute gehören und zu welchem Zweck sie dort lagern. Bis zur Veröffentlichung erhielten wir keine Antwort auf unsere Anfrage.
Der Kreis Schleswig-Flensburg hatte uns zunächst mitgeteilt, ihm sei nicht bekannt, wem die Rotorblätter gehören – bis zu unserer Anfrage wusste das Amt nichts von den Rotorblättern am Waldrand. Nach Rückfragen dazu erklärte der Kreis, die Eigentumsverhältnisse seien inzwischen geprüft worden, genaue Angaben könne man aus Gründen des Datenschutzes nicht machen.
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www.vestas.com/negmicon
www.windturbinemap.com/negmicon-juebek
www.wind-tubrine.com/negmicon-rohwer&wettengel
www.wind-turbine.com/markstammdatenregister
www.faktenforum.org/screenshot-marktstammdatenregister
www.northdata.de/geest-windpark-gmbh
Kreis prüft, ob die Rotorblätter am Waldrand als Abfall gelten
Wir wollten vom Kreis zudem wissen, ob es zulässig ist, dass die Rotorblätter am Waldrand liegen.
Pressesprecherin Lissa Vagt schrieb uns: „Nach einer Auswertung von Luftbildaufnahmen ist die Lagerung an diesem Standort seit mindestens 2014 erkennbar. Nach derzeitiger Einschätzung handelt es sich vermutlich um gebrauchte Rotorblätter der drei Windkraftanlagen, die vor rund 27 Jahren in der näheren Umgebung errichtet wurden. Zu welchem konkreten Zweck die Rotorblätter dort gelagert werden beziehungsweise wurden – etwa zur Wiederverwendung, Verwertung, zum Recycling oder zur Entsorgung – liegen uns derzeit keine gesicherten Erkenntnisse vor.“
Aktuell stufe der Kreis die Rotorblätter im Freien als Abfall ein, schreibt die Sprecherin: „Da es sich bei den Rotorblättern um Abfälle handelt, ist die Lagerung an diesem Standort aus abfallrechtlicher Sicht nicht ordnungsgemäß. Der Kreis wird als zuständige untere Abfallbehörde kurzfristig die erforderlichen Schritte einleiten und eine Aufforderung zur Entsorgung an den Verantwortlichen richten.“
Diese derzeitige Einstufung als Abfall werde aktuell jedoch noch geprüft, dazu würde der Besitzer angehört werden.
Im Freien gelagerte Rotorblätter sind nicht automatisch Abfall
Laut der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) geben einige Firmen an, Rotorblätter und andere Teile alter Windenergieanlagen auf Freiflächen als Ersatzteile zu lagern. In einem Bericht aus dem Jahr 2019 schreibt die Arbeitsgemeinschaft: „Die demontierten Bauteile (Rotorblätter, Maschinenhäuser u.a.) sollen zu einem späteren Zeitpunkt defekte Bauteile an baugleichen Anlagen ersetzen. Begründet wird diese „Zwischenlagerung“ damit, dass die Bauteile bei den Herstellern bereits kurze Zeit nach Auslaufen der Produktion einzelner Baureihen nicht mehr als Ersatzteil lieferbar seien“. Ob solche Bauteile bei einer Zwischenlagerung tatsächlich nicht als Abfall einzustufen sind, müsse jedoch im jeweiligen Einzelfall geprüft werden.
Auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck teilte die LAGA mit, ihr lägen keine Erkenntnisse dazu vor, ob sich diese Form der Lagerung seit 2019 als gängige Praxis etabliert habe. Auch neue Vorgaben zum Umgang mit langfristig gelagerten Rotorblättern oder zum Nachweis einer Wiederverwendungsabsicht gebe es nicht. Ob gebrauchte Rotorblätter als Abfall gelten, richte sich nach den Vorgaben des Kreislaufwirtschaftsgesetzes und müsse weiterhin im Einzelfall geprüft werden. Für den konkreten Vollzug seien die jeweils zuständigen Behörden der Bundesländer verantwortlich.
Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnet Altrotorblätter als Herausforderung für das Recycling, da sie bisher zerkleinert und verbrannt würden. Die Aufbereitung ist technisch aufwendig, unter anderem weil die verschiedenen Faserverbundwerkstoffe getrennt und zerkleinert werden müssen. Wie das gelingen kann, wird laut dem Ministerium in verschiedenen Projekten erforscht.
www.energieforschung.de
www.share.google/pdf/bericht-ag-abfall
www.umweltbundesamt.de/rueckbau&recycling
www.umweltbundesamt.de/rueckbau-recyclingstandards
Zu Rotorblättern kursieren immer wieder Falschbehauptungen
Behauptungen über angeblich achtlos entsorgte oder vergrabene Rotorblätter sind nicht neu. CORRECTIV.Faktencheck hat in den vergangenen Jahren mehrfach Beiträge geprüft, in denen Fotos oder Videos einen falschen oder irreführenden Eindruck von der Entsorgung ausgedienter Windenergieanlagen in Deutschland vermittelten.
Bisherige Faktenchecks zeigen: Bilder von Rotorblättern auf Freiflächen, in Deponien oder auf vermeintlichen Schrottplätzen belegen für sich allein nicht, dass Windradteile in Deutschland einfach in der Natur entsorgt werden. Entscheidend sind der Aufnahmeort, der Kontext der Bilder und die Frage, was mit den gezeigten Bauteilen tatsächlich geschieht.
www.correctiv.org/faktencheck/wie-rotorblaetter-entsorgt-werden
www.correctiv.org/faktencheck/recycling-von-windraedern
Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Matthias Bau, Gabriele Scherndl
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