Faktencheck

Ukrainischer Junge bei acht Beerdigungen: So sind die Fotos entstanden

Eine Fotocollage soll zeigen, wie ein ukrainischer Junge bei Beerdigungen immer wieder den Sohn eines gefallenen Soldaten spielt. Doch die Bilder haben einen anderen Hintergrund.

von Caroline Lindekamp

Bei einer Trauerfeier in Kiew trägt ein ukrainischer Soldat das Porträt eines Gefallenen.
Bei einer Trauerfeier in Kiew trägt ein ukrainischer Soldat das Porträt eines Gefallenen. Die Aufnahme steht nicht im Zusammenhang mit der verbreiteten Fotocollage (Quelle: AFP)
Behauptung
Eine Fotocollage zeige einen ukrainischen Jungen, der bei Beerdigungen bereits zum achten Mal als Sohn eines gefallenen Soldaten auftrete.
Einordnung
Die Fotos sind echt, aber aus dem Zusammenhang gerissen. Sie zeigen einen ukrainischen Jungen, der bei verschiedenen Trauerfeiern freiwillig die Porträts gefallener Soldaten trägt. Er gibt sich dabei nicht als Sohn der Verstorbenen aus.

In Sozialen Netzwerken verbreitet sich eine Collage aus acht Fotos. Sie zeigen denselben Jungen, der bei verschiedenen Trauerfeiern jeweils das Porträtfoto eines anderen Mannes trägt. Die Beiträge suggerieren, dass der Junge wiederholt als angeblicher Sohn gefallener ukrainischer Soldaten auftrete und die Trauerfeiern der Kriegsopfer nur für die Medien inszeniert seien. Die prorussische Bloggerin Alina Lipp verbreitet die Collage auf X und schreibt dazu, „die Mainstreammedien sind einfach nur für Dumme“. 100.000 Menschen sahen den Beitrag. Die Collage kursiert zudem auch auf auf Facebook und Telegram.

perma.cc/x-post
perma.cc/telegram-post


Junge hat sich laut der Gemeinde freiwillig für die Trauerfeiern gemeldet

Der ukrainische öffentlich-rechtliche Sender Suspilne berichtete bereits im Februar 2026 über den damals 14-jährigen Jungen. Demnach trägt er seit Sommer 2024 freiwillig die Porträts gefallener Soldaten bei Trauerfeiern in der ukrainischen Gemeinde Otynja. Ein Vertreter des örtlichen Jugendrats bestätigte gegenüber dem Sender, dass sich der Junge von sich aus dafür gemeldet habe.

Der Artikel verlinkt auch einen Facebook-Beitrag der ukrainischen Behörde „Centre for Countering Disinformation“. Darin heißt es, dass der Junge sich nicht als Sohn der gefallenen Männer ausgebe.

suspilne.media/manipulierte-collage
perma.cc/facebook-beitrag


Originalaufnahmen stammen von der Facebook-Seite der ukrainischen Gemeinde

Auf der offiziellen Facebook-Seite der Gemeinde Otynja finden sich mehrere der Aufnahmen aus der Collage. Die Bilder stammen aus Beiträgen zu Trauerfeiern für gefallene ukrainische Soldaten aus dem Ort.

So stimmt ein Foto aus einem Beitrag auf der Facebook-Seite vom 26. Januar 2026 mit dem Bild rechts oben in der Collage überein. Der Beitrag enthält weitere Fotos und einen Text über den verstorbenen Soldaten. Der Text bezeichnet ihn zwar als Vater, stellt aber keinen Zusammenhang zwischen ihm und dem Jungen auf dem Foto her.

Das Bild links oben in der Collage lässt sich einem Beitrag vom 3. November 2025 zuordnen. Laut einer automatischen Übersetzung wird der Verstorbene weder als Vater vorgestellt noch wird eine Beziehung zu dem Jungen hergestellt.

Auf der Facebook-Seite finden sich außerdem neuere Aufnahmen des Jungen bei Trauerfeiern. Beispielsweise trägt er auch auf einem Foto vom 25. Juni 2026 das Porträt eines gefallenen Soldaten. Dieses Bild ist nicht Teil der verbreiteten Collage.

Collage mit Fotos einen ukrainischen Jungen
Die Bilder aus der Collage mit Fotos einen ukrainischen Jungen stammen aus Facebook-Posts der Gemeinde Otynja (Quelle: Screenshot X und Facebook; Collage CORRECTIV)

facebook.com/beitrag-trauerfeier-juni


Faktenchecks widerlegten die Behauptung bereits im Februar 2026

Eine Bilder-Rückwärtssuche nach der Collage führt zu früheren Faktenchecks – etwa von der Nachrichtenagentur AFP und der georgischen Faktencheck-Organisation Myth Detector. Beide untersuchten die Behauptung bereits im Februar 2026.

AFP konnte alle acht Aufnahmen ursprünglichen Facebook-Beiträgen der Gemeinde Otynja zuordnen, die laut der Nachrichtenagentur zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 veröffentlicht wurden. Obwohl die Behauptung bereits im Februar 2026 widerlegt wurde, kursiert die Collage nun erneut in sozialen Netzwerken.

Wir wollten von Alina Lipp wissen, warum sie trotz der erschienen Faktenchecks das Bild erneut verbreitet. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels bekamen wir von ihr keine Antwort.

faktencheck.afp.com/
mythdetector.com/faktencheck


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Steffen Kutzner, Viktor Marinov