Mein Name ist Maxim Ivanovych Boiko, geboren 1972. Heute ist der 25. Februar 2026. Ich möchte schildern, was ich erlebt habe.
Ich war Zugsanitäter für die medizinische Erstversorgung und wurde als Soldat gefangengenommen. Der letzte Ort, an dem sie mich festhielten, lag Tausende Kilometer von meiner Heimat entfernt – ein früherer Gulag, gebaut noch zu Zarenzeiten.
Ich kann mich nur als glücklich bezeichnen, wenn ich an die Zeit vor dem Krieg denke. Es war alles da. Ich habe gearbeitet, Kinder großgezogen und an meiner Zukunft gebaut. Ich war in der Möbelbranche tätig, bot dort Projektbegleitung an, über das Design und die technische Dokumentation bis hin zur Installation vor Ort. Ich hatte viele Kunden. Zuletzt habe ich die Möbelabteilung eines ukrainisch-polnischen Unternehmens geleitet, das internationale Ausstellungen organisiert.
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Wir fordern die Bundesregierung auf, Pressefreiheit und die Medienvielfalt in Deutschland umfangreich zu schützen. Machen Sie mit.
Der Job war mir wichtig, die Familie aber wichtiger. Wir wohnten in Browary bei Kiew. Und wenn ich mal zurück in meine Heimat kam, in die Gegend, wo ich aufgewachsen bin, traf ich alte Schulfreunde. Wir gingen Angeln oder Jagen.
Ich führte ein ganz normales Leben. Und ich war zufrieden.
Meinen Wehrdienst habe ich geleistet, als die Sowjetunion noch bestand. Das ging über zwei Jahre, und ich habe diese Zeit als eine ehrenvolle Pflicht angesehen. Militärische Erfahrung habe ich dabei allerdings nur in ganz kleinem Maße gesammelt.
Als die ATO begann (Anti-Terror-Operation, so bezeichnet die ukrainische Regierung ihren militärischen Einsatz gegen prorussische Separatisten und russische Truppen im Osten der Ukraine ab April 2014, Anm.), habe ich gemeinsam mit meiner Frau entschieden: Sollte ich einberufen werden, werde ich mich nicht verstecken. Doch eine Einberufung blieb aus.
2021 änderte sich die Rhetorik. Im Februar 2022 war ich mir dann fast sicher, dass es zu einem harten Konflikt mit der Russischen Föderation kommen würde.

Dieser Text ist dem Buch: „Botschaften aus dem Neo-Gulag“ entnommen. Erschienen im CORRECTIV-Verlag, Essen 2026 – zu bestellen unter diesem Link.
Das Buch ist in Zusammenarbeit mit der ukrainischen Organisation CLEAR. Centre of Law Enforcement Activities Research und Katapult erschienen.
In der Nacht auf den 24. Februar gingen wir in Ruhe schlafen. Um vier Uhr früh flogen Raketen. Ich wachte auf, weckte meine Frau und sagte: „Inoschka, steh auf. Der Krieg hat begonnen.“ Die Kinder schliefen erst einmal weiter.
Wir standen auf. Ich ging in die Küche, rauchte eine Zigarette, schaute aus dem Fenster und sah Menschen rennen, schreien und irgendwohin fahren.
Wir beschlossen, erst einmal abzuwarten. Dann kam es erneut zu Explosionen. Ich ging runter, auf die Straße, und traf einen Freund.
„Was ist los?“, fragte ich ihn.
„Fährst du?“, fragte er mich.
„Wohin? Fährst du?“
„Ja“, antwortete er.
„Wohin?“
„Ich weiß es nicht.“
Ich sagte: „Ich weiß auch nicht, wohin ich fahren soll, deshalb fahre ich nicht.“
Mein Freund fuhr zwei Tage später mit seiner Familie zu Freunden in eine kleine Stadt, die 30 Kilometer außerhalb von Kiew liegt. Meine Familie und ich blieben.
Allerdings sagte ich meiner Frau auch immer wieder, dass sie mit unseren Kindern wegfahren sollte. In unserer Gegend und auch im Fernsehen sahen wir die ganze Zeit Menschen aus Kiew fliehen. Doch meine Frau sagte: „Ohne dich fahre ich nirgendwo hin.“
Drei Wochen lang blieb das unsere ständige Frage: Sollen wir fahren oder bleiben? Die Russen standen schon in dem Dorf Velyka Dymerka, keine fünf Kilometer von Browary entfernt. Ihr Weg nach Kiew würde wahrscheinlich über Browary führen. Am 14. März 2022 rief mich der Direktor der Firma an, für die ich arbeitete, und bat mich um Hilfe. Die wichtigsten Maschinen aus der Werkstatt der Firma sollten abtransportiert und versteckt werden. Ich sagte ihm zu. Am nächsten Morgen, früh um sechs Uhr, fuhr ich los.
Ich stand an der Ampel nahe des Einkaufszentrums Terminal, als eine Rakete vorbeiflog und in einem Waldstück explodierte. Die Detonation war so gewaltig, dass sogar mein Auto ein Stückchen emporgeschleudert wurde. Ich konnte aber weiterfahren. Als ich später nach Hause kam, sah ich, dass meine Frau bereits die Koffer gepackt hatte.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
„Ich habe am Fenster gestanden und geraucht. Da sah ich, wie eine Rakete auf Höhe unseres Stockwerks vorbeiflog und explodierte.“ Meine Frau hatte die Druckwelle selbst gespürt, war beinahe von ihr umgeworfen worden.
Wir haben noch eine Schwiegermutter, die schlecht laufen kann. „Kümmerst du dich um sie, wenn wir wegfahren?“, fragte meine Frau.
„Nein, nehmt sie mit“, antwortete ich. „Wenn auch ich gehen sollte, wer würde sich dann um sie kümmern?“
Einen oder zwei Tage später haben meine Frau, meine Kinder und meine Schwiegermutter Browary verlassen. Damals gab es noch Evakuierungen.
Ich selbst meldete mich beim Militäramt. Dort suchten sie meine Unterlagen, fanden aber nichts. Es stellte sich heraus, dass ich an meinem Geburtsort registriert worden war, mich dann zwar in Browary angemeldet hatte, dort aber niemand eine Militärakte für mich angelegt hatte.
„Ich habe keine Papiere, aber ich bin da“, sagte ich. „Tragen Sie mich ein.“
„Du bist alt“, entgegnete der Mann vom Militäramt, „du kommst erst dran, wenn sie uns alle umgebracht haben.“ Ich lachte und ging nach Hause.
Eine gute Woche später riefen sie an. „Pack deine Sachen“, hörte ich, „nimm etwas zu essen mit und komm morgen vorbei!“
Am 28. März 2022 setzte ich mich mit 15 anderen Männern in einen Bus. Der Fahrer ließ einen Teil der Leute in der Stadt Smila in der Region Tscherkassy raus. Ich stieg in der Stadt Tscherkassy aus, diese liegt im Zentrum der Ukraine am Dnepr, 120 Kilometer südöstlich von Kiew. In Tscherkassy bildete man gerade die 4. Panzerbrigade – und suchte Rettungssanitäter.
Ich hatte keinerlei Erfahrung als Sanitäter, aber danach fragte auch niemand. Sie gaben mir eine Kurzausbildung von 20 Unterrichtsstunden, und dann ging es in die Region Dnepropetrowsk. Die Ostertage Anfang April habe ich bereits an meiner Position verbracht.
Die meisten von uns waren 45 Jahre oder älter. Viele hatten Kampferfahrung aus der ATO. Wir schossen, hoben Schützengräben aus. Unsere Ausrüstung war gut. Wir hatten gute amerikanische Schutzwesten und ausreichend Waffen und Munition.
Dann wurden wir nach Novomykhailivka geschickt. Das Dorf liegt vielleicht 15 Kilometer von Donezk entfernt. Mit dem Fernglas konnte man die Stadt sehen. Das Gefängnis bei Oleniwka, das die Russen betrieben haben und in dem später bei einer Explosion dutzende Ukrainer starben, liegt ganz in der Nähe.
Hier, an der Front, war mein Leben zur Lotterie geworden. Entweder bist du gesund, verwundet oder tot. Mir war absolut klar, dass ich jederzeit sterben könnte.
Gefangen
Im Dezember hatte ich bereits die Leitung aller Sanitäter unserer Kompanie übernommen. Gesucht wurden nun Leute, die unsere Jungs an den Stellungen ablösten. Ich musste das aufgrund meiner Position nicht machen. Doch es kam ansonsten kaum jemand infrage. Wir hatten insgesamt nur noch 35 bis 40 kampffähige Männer übrig. Die übrigen waren entweder verwundet und in Behandlung oder laut medizinischem Gutachten nur eingeschränkt einsatzfähig. Eingeschränkt einsatzfähig: Zu der Zeit existierte diese Kategorie noch.
Wir bildeten vier Sechsergruppen. Die Führung einer dieser Gruppen übernahm ich.
In einer Nacht, es war der 6. Dezember 2022, gerieten wir in einen Hinterhalt und unter Mörserbeschuss. Ein Offizier aus der zweiten Kompanie wurde schwer verletzt. Ich war nicht als Sanitäter unterwegs, doch alle wussten, dass ich der Hauptsanitäter war.
Ich kroch zu ihm. Seine Verletzungen waren sehr schwer. Ich tat, was ich konnte, tamponierte, verband, klebte Pflaster. Mit seiner kompletten Ausrüstung wog der Offizier wahrscheinlich 150 Kilogramm.
„Kriech hinter mir her“, sagte ich zu ihm.
„Ich kann nicht.“
„Ein Bein müsste aber funktionieren. Ich helfe dir. Wenn du leben willst, kriech.“
Er kroch.
Dann wurde ein anderer Offizier getötet, den Litun nannten. Eine Mine explodierte ganz in seiner Nähe. Litun bekam keinen einzigen Kratzer ab, doch die Druckwelle zerfetzte seine inneren Organe. Der Soldat, der neben ihm lag, überlebte.
Wir zogen Litun zu unserem Schützengraben auf unserer Seite der Front und sammelten auch noch weitere Verwundete ein. Bis zum Morgen überlegten wir, wie es weitergehen sollte. Was klar war: Wir mussten eine Evakuierung organisieren.
Über Funk erfuhren wir, dass die Verwundeten nicht abgeholt werden konnten. Sie mussten sich deshalb sammeln und versuchen, selbst den Rückzug anzutreten. Ich war ebenfalls am Bein verwundet, spürte aber keinen Schmerz. Mir war nur unheimlich kalt.
Etwa eine halbe Stunde verging. Ich beschloss nachzusehen, ob die Verwundeten gegangen waren. Der Beschuss hatte inzwischen aufgehört. Ich stand auf und humpelte. Dabei stützte ich mich auf einen Stock.
Draußen sah ich, dass die Verwundeten weg waren. Ich bemerkte eine feindliche Gruppe in rund 20 Metern Entfernung. Die Soldaten konnten mich nicht identifizieren und begannen daher, mit mir zu sprechen. Dadurch gewann ich Zeit, um meine Leute vor ihnen zu warnen. Ich rief: „Das ist nichts für die Presse.“
Da warf jemand eine Granate auf mich. Es gab eine Explosion, doch vorher konnte ich gerade noch rechtzeitig wegspringen.
Der Schützengraben, in dem wir uns versteckt hatten, lag auf einer kleinen Anhöhe und war von Feldern umgeben. Die Russen griffen jetzt von drei Seiten an. Wir waren noch zu neunt in unserem Schützengraben. So gut es ging, schossen wir zurück. Doch nach eineinhalb Stunden ging unsere Munition zur Neige. Ich hatte noch zehn, vielleicht 15 Patronen übrig. Die Granaten hatten wir allesamt aufgebraucht.
Ich höre einen Ruf: „Ukrainer, gebt auf, ihr schießt nur noch einzeln.“
Ich schoss noch ein paar Mal. Dann lag ich und wartete. Wir waren bereits umzingelt. Kugeln schlugen auf dem Boden ein, immer näher und näher. Als ich mich umdrehte, stand drei Meter weiter jemand, der ein Sturmgewehr auf mich richtete.
Das war’s.
Der Kämpfer gehörte zur Volksmiliz, einer paramilitärischen Einheit aus der Volksrepublik Luhansk. Zu seinem Trupp zählten, wie ich später sah, mehr als hundert Männer.
„Zieh deine Schutzweste aus!“, befahl er. Um meinen guten, ziemlich teuren Rucksack stritten sich wenig später gleich mehrere Milizionäre. Sie fingen auch an, uns sehr heftig zu schlagen.
Womöglich hätten die Männer aus der Ostukraine uns am Ende erschossen, wenn nicht ein Russe gekommen wäre. Er gebot den Milizionären, sich mit unserer Ausrüstung zufrieden zu geben und uns ansonsten in Ruhe zu lassen. So nahmen die Milizionäre sich die Stiefel eines toten Kameraden. Meine Stiefel wollten sie ebenfalls haben, sahen dann aber, dass durch ein Loch Blut austrat.
„Wer ist der Älteste?“, fragte der russische Soldat.
„Ich“, antwortete ich. Sie fesselten meine Hände mit Klebeband.
„Der geht voran“, sagte der Russe und zeigte auf meinen Kameraden Chysch. „Wenn du etwas machst, töten wir ihn.“
Sie wollten, dass ich meine Leute in der Nähe aufsuchte und sie überreden sollte, sich zu ergeben. Die Männer kämpften in gut befestigten Bunkern, die sich lange halten ließen.
„Geh, überrede sie“, sagte einer der russischen Soldaten.
„Das ist die 66ste“, warf ich ein.
„Na und?“
„Die gibt nicht auf.“
„Wenn sie nicht aufgibt, stellen wir hier eine Kampfwache auf“, entschied der Russe.
Wir liefen etwa fünf Kilometer zu Fuß zu einem Dorf. Dort setzten sie uns in einen Schuppen, gaben uns Zigaretten und Wasser und bewachten uns. Am Tag drauf, dem 7. Dezember 2022, setzten sie uns in ein Auto.
Sie fuhren uns in ein anderes Dorf und übergaben uns dem Militärgeheimdienst. Der sperrte uns in den Keller eines Hauses. Dort waren wir nun zu sechst. Sie holten uns einzeln aus dem Keller, „zum Verhör“, wie sie sagten. Das Verhör bestand aus Fragen, aus Schlägen mit den Händen und mit Stöcken sowie aus Tritten. Dabei gingen die Russen mit einer solchen Härte vor, dass mehrere von uns das Bewusstsein verloren. Trotzdem ging die Folter immer weiter. Ich bedauerte, dass ich nicht auf dem Schlachtfeld gestorben war.
Die Schläge dauerten den ganzen Tag, jeder von uns kam mehrfach an die Reihe. Bei mir simulierten sie auch eine Erschießung. Dafür schossen sie knapp über meinen Kopf hinweg. Ich war zu dem Zeitpunkt allerdings schon wie benommen und hörte fast nichts.
Ihre Fragen ergaben aus meiner Sicht keinen großen Sinn. Sie wollten etwas über unseren Vorgesetzten hören, interessierten sich zugleich auch für mögliche Geliebte und anderen Belanglosigkeiten. Nachdrücklich erkundigten sie sich nach den „Faschisten“, nach Kämpfern des Asow-Regiments und nach Ausländern.
Wer gerade nicht verhört wurde, musste zurück in den feuchten, kalten Keller. Dort standen Strohsäcke. Darauf setzten oder legten wir uns, um uns von der Folter zu erholen.
Der Wachmann gab uns Wasser, Kekse und Zigaretten. Die Angst, die ich hatte, konnte das nicht vertreiben.
Am nächsten Tag verbanden sie uns die Augen und luden uns in eine Art Polizeiwagen. Nach einigen Kilometern mussten wir in einen Ural umsteigen, einen geländegängigen russischen Lkw. Auf der Ladefläche lagen Matratzen, so mussten wir nicht auf dem Metallboden sitzen.
Ein Soldat kam, sagte, er sei Mischa Burjat und gab uns Zigaretten und Wasser. Dann sagte er: „Denkt nicht schlecht über uns. Es wird einen anderen Konvoi geben, und ich weiß nicht, was dort mit euch passieren wird.“
Wohin sie uns bringen würden, sagte uns niemand.
Irgendwann erreichten wir die Kommandantur von Luhansk. Dort nahmen sie uns unsere Jacken und Fleecewesten weg. Wir bekamen den Befehl, uns auf den Fußboden zu legen. Ich erinnere mich, dass der Boden warm war. Die Kommandantur in Luhansk hatte eine Fußbodenheizung.
„Bist du verwundet?“, fragte mich einer.
„Ja“, antwortete ich.
„Zieh deine Stiefel aus!“
Meine Verwundung am Fuß war noch immer nicht verbunden.
„Morgen fahren wir ins Krankenhaus und bringen dir etwas mit“, kündigten die Russen an.
Am nächsten Tag verteilten sie uns auf verschiedene Zellen innerhalb der Kommandantur. Meine lag im Keller. Ich kam als dritter, wobei wir nur zwei Pritschen zur Verfügung hatten. „Du bist der Älteste und verletzt, leg dich aufs Bett“, bot mir einer der beiden Insassen an.
Es gab ein paar Bücher und einen Eimer, um auf die Toilette zu gehen. Für das große Geschäft mussten wir uns nach draußen bringen lassen. Ein Waschbecken hatte die Zelle nicht.
Nach vier Tagen verlegten sie uns in das Untersuchungsgefängnis von Luhansk. Auch hier kam ich in den Keller, in eine Zweierzelle.
Ich musste all meine Kleidung abgeben und stand nur noch in meiner blauen Thermounterwäsche da. Ein Mitgefangener bat um Decken – vergeblich.
Bald begannen die Verhöre. Andere Insassen erzählten, sie seien dabei geschlagen worden. Davon konnte ich mich später beim Duschen am Samstag überzeugen. Ich sah Körper, die mit blauen Flecken übersät waren.
„Wenn du für uns arbeitest, geben wir dir einen Decknamen und tauschen dich schnell aus“, versprachen sie mir. Aufgrund der Schläge war ich verführt, nahezu alles auszusagen.
Sie fragten: „Wo standet ihr? Welche Route? Zeig es auf der Karte.“
„Welche Karten?“, fragte ich. „Ich bin Mediziner. Ich erinnere mich an nichts.“
Was die Gewalt betrifft, so hatte ich Glück. Mein Ermittler schien nicht gerade interessiert zu sein. Gelangweilt stellte er seine Fragen und schlug mich kein einziges Mal.
Ich bekam Fieber. Das lag wohl an meiner Wunde am Fuß, die nun schon länger als eine Woche nicht frisch verbunden hatte. Sie eiterte. Ein paar Tage später erschien ein Chirurg im Untersuchungsgefängnis. Wir schnitten das abgestorbene Gewebe zusammen heraus. Dann verband der Chirurg mich fachmännisch.
In unserem Flur saßen in sechs Zellen Kriegsgefangene und Zivilisten. In weiteren sechs Zellen büßten mutmaßlich Schwerkriminelle ihre lebenslängliche Haftstrafe ab. Sie warteten auf ihre Verlegung in eine Strafkolonie. Die Zellenbesetzungen unterschieden sich. Wir waren zu zweit. Ein Stockwerk über uns pferchten sie 20 bis 30 Männer in einen Raum.
Fast zwei Jahre
Am 2. Februar 2023 wurde ich aus dem Untersuchungsgefängnis von Luhansk verlegt. Mit einem Ural ging es in die Strafkolonie in Suchodilsk. Die Stadt liegt 50 Kilometer südöstlich von Luhansk, kurz vor der Grenze zu Russland.
Vor der Aufnahme bildeten die Wachleute einen Korridor. Während wir Neuankömmlinge hindurchliefen, schlugen uns einige mit Stöcken. Andere traten uns. Dass die meisten von uns das Straflager ohnehin schon mit schweren Verletzungen erreichten, hielt sie nicht davon ab. Ein 18-jähriger Junge zum Beispiel trug leicht sichtbar eine Ilizarov-Apparatur am Arm, die seinen gebrochenen und dann operierten Arm stabilisierte. Auch er wurde geschlagen.
Die Wärter durchsuchten uns gründlich. Die Kleidung, die wir am Körper trugen, brachten sie in eine spezielle Kammer, angeblich um sie dort von Wanzen und anderem Ungeziefer zu befreien. Sie schnitten uns die Haare kurz und teilten uns in zwei Gruppen ein.
In unserem Sektor brachten sie in zwei Baracken mit jeweils zwei Stockwerken alle Kriegsgefangenen unter. Jede Gruppe umfasste 100 bis 120 Personen. Die Toilette stand auf der Straße. Wir hatten einen Hof, so etwas wie einen Sportplatz und einige Bänke. Innerhalb der Baracke und des Geländes durften wir uns frei bewegen.
Auch hier, in dieser Kolonie, erzählte man mir sogleich von Folterungen. Und bald erlebte ich die Gewalt gegen Gefangene auch selbst. Wenn den Wachleuten bei einer Kontrolle irgendetwas missfiel, schlugen sie uns mit einem Gummiknüppel. Wenn man sich nicht mit einer der stumpfen Rasiermaschinen rasiert hatte, bekam man fünf Schläge. Dabei zielten sie meistens auf weiche Körperstellen, wohl auch um keine Knochen zu brechen.
Morgens um fünf Uhr mussten wir aufstehen. Dann stand Gymnastik an. Die Übungen machte man besser ordentlich. Bei der Gymnastik saßen die Gummiknüppel der Wachleute locker.
Nach dem Sport wusch man sich im Bad. Wer eine Zahnbürste hatte, durfte sich die Zähne putzen. Dann gab es Frühstück. Nach dem Frühstück ging es zurück in den Sektor. Nun konnte man arbeiten, in der Tischlerei etwa oder im Kuhstall. Ein Zwang zu arbeiten bestand aber nicht.
Manchmal war es besser, stattdessen seine fünf Schläge zu bekommen und in der Baracke zu bleiben. Einige arbeiteten freiwillig, sagten, der Tag vergehe dadurch schneller. Mit etwas Glück bekam man während der Arbeit auch mal Tee, Kaffee oder gar Zigaretten.
Verhöre bedeuteten in der Strafkolonie nicht, dass Ermittler Geheimnisse über den Krieg aufklären wollten. Hier fragten gewöhnliche Aufseher oder Polizisten irgendwas. Sie interessierten sich besonders für das Leben im Lager.
Harmlos waren die Vorladungen deshalb aber nicht. Mich hat es zweimal erwischt. Jedes Mal verbanden sie ein Feldtelefon mit meinen Ohren und folterten mich mit Stromstößen. Sie schlugen auch mit Stöcken zu.
Medizinische Versorgung existierte in der Strafkolonie – im Ansatz. Der junge, gerade ausgebildete Arzt Andrij betrieb in unserem Sektor eine kleine Krankenstation, mit einem Blutdruckmessgerät, einem Thermometer und einem Minimum an Medikamenten. Er hatte auch Verbandsmaterial zur Verfügung und konnte bestimmte Salben beschaffen. Dafür wurde er allerdings nicht gemocht. Gennadij Kartischkow, der stellvertretende Leiter der Kolonie, nannte ihn verächtlich weißer Knochen. Doch der junge Arzt half uns trotzdem, so gut er konnte.
Über Kartischkow, den Vize-Chef, kursieren derzeit Gerüchte auf Instagram und Facebook. Er gilt jetzt offenbar als Kriegsverbrecher. Wir alle haben nach unserer Entlassung über ihn ausgesagt, und die SBU (Inlandsgeheimdienst der Ukraine, Anm.) hat diese Aussagen protokolliert.
Dieser Kartischkow liebte es sehr, wenn wir sangen. Er druckte eigens Liedtexte aus und verteilte sie. Als Klingelton hatte er „Das Morgenrot“ auf seinem Telefon, ein Lied über Lenin.
Wenn wir nicht sangen, bekamen wir nichts zu essen. Wachleute führten uns dann in die Kantine und befahlen uns, kaum dass wir uns hingesetzt hatten, aufzustehen und hinauszugehen. Die alternative Bestrafung unzureichenden Singens bestand darin, einzelne von uns zu verprügeln.
Positiv zu erwähnen ist, dass die Kolonie in Suchodilsk eine Bibliothek hatte. Ich habe dort viele Klassiker gelesen, von Jack London, Erich Maria Remarque und John Galsworthy. Die Möglichkeit zu lesen, hat mir sehr geholfen. Ein Insasse, der sehr gläubig war, stand mit einem Priester in Kontakt. Der Priester brachte uns dann Brillen mit verschiedenen Dioptrien mit. So konnten wir alle lesen.
Einen Fernseher hatten wir auch, dort liefen allerdings ausschließlich russische Sender. Wir sahen oft „60 Minuten“ mit Skabejewa (Olga Skabejewa, führende russische Propagandistin und Anchorfrau des russischen Fernsehens, Anm.), weil dort manchmal Berichte über die Ukraine gezeigt wurden. So bekamen wir zumindest ein bisschen mit, was in unserer Heimat vor sich ging.
Auch die Wachleute erzählten uns manchmal etwas. Sie hatten Internet. Die Älteren unter ihnen verhielten sich weitaus ruhiger. Manche von ihnen haben während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal ihre Stimme erhoben. Wenn niemand zuhörte, sprachen sie sogar mit uns Ukrainisch.
Die jungen Aufseher benahmen sich schlimm. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, träfe ich heute einen von ihnen. Als die sogenannte LNR (Volksrepublik Luhansk, Anm.) entstand, waren sie noch Kinder und seitdem wohl Unmengen unwahrer Geschichten und Propaganda ausgesetzt. Diese Generation muss Feindseligkeit und Hass gegen Ukrainer früh eingetrichtert bekommen haben.
Jeden Sonntag stand eine Durchsuchung an. Dann stellten die Wachmänner alles auf den Kopf. Fiel auch nur ein ukrainisches Wort, konnte die ganze Gruppe dafür bestraft werden. Wir hatten einen Petro, er stammte aus Transkarpatien oder aus Iwano-Frankovsk und konnte kein Russisch sprechen. Petro haben sie regelmäßig geschlagen, anfangs sogar täglich.
Einige Gefangene kamen auch zu Tode in der Strafkolonie. Einer starb an einem Blutgerinnsel, ein anderer an Krebs. Ein weiterer litt an mehreren chronischen Erkrankungen. Sie starben, weil sie nicht behandelt wurden. In Freiheit hätten sie weitergelebt. Auch als ihr Tod absehbar war, verbot man ihnen, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren.
Weit weg
2024 sagten sie uns, wir würden an einen Ort mit leichteren Haftbedingungen verlegt. Das war im Dezember, nach bald zwei Jahren in Suchodilsk. Wir zogen alles an, was wir hatten. Wer arg abgenutzte Kleidung trug, bekam sogar eine neue Ausstattung ausgehändigt. Dann stiegen wir in Polizeiwagen und fuhren gen Süden, nach Russland, in die Großstadt Rostow am Don.
Am Bahnhof von Rostow auf den Schienen wartete bereits ein Stolypin, ein alter Gefängniswagen. Wir gingen hinein, verteilten uns auf die Abteile, bekamen je ein Paket Trockenverpflegung und eine Flasche Wasser. Wie lange wir damit auskommen mussten, wussten wir nicht. Niemand sagte uns, wohin unsere Fahrt ging.
Nach einem Tag im Gefängniszug erhielten wir ein zweites Verpflegungspaket und eine zweite Flasche Wasser. Dann, am Ende des zweiten Tages, hielt der Zugführer an. Er koppelte uns ab, und unser Gefängniswagen wurde hin- und herrangiert. Dann hörten wir eine Durchsage: „Der Zug nach Tscheljabinsk und Nowosibirsk fährt vom dritten Bahnsteig ab.“ Tscheljabinsk ist eine Millionenstadt am Uralgebirge und liegt rund 1800 Kilometer östlich von Moskau. Mich beschäftigte aber vor allem der zweite Städtename: Nowosibirsk, Sibirien. 1500 weitere Kilometer östlich gelegen.
Wir fuhren tatsächlich bis nach Nowosibirsk. Dort hängten sie uns einer anderen Lokomotive an. Nach etwas mehr als einem weiteren Tag Zugfahrt hielten wir auf einem Nebengleis. Polizeiwagen kamen herangefahren. Es war der 25. Dezember 2024. Wir waren, wie ich später erfuhr, in Mittelsibirien in der Stadt Mariinsk angekommen.
Sie zogen mir einen schwarzen Sack über den Kopf und trieben mich vom Bahnhof in Richtung Strafkolonie. Dabei erhielt ich etliche Schläge. Ich stürzte auch, was mir weitere Schläge einbrachte. Der Beton schürfte mir die Haut auf, ich habe heute noch Spuren auf meinen Knien.
In der Kolonie musste ich mich dann komplett ausziehen. Dabei schlugen sie mich weiter. Sie nahmen mir Blut ab, machten eine Röntgendurchleuchtung und zogen mir kurz den Sack vom Kopf, um mein Gesicht zu fotografieren.
Nackt, meinen Sträflingsanzug und ein Handtuch in den Händen, unter weiteren Schlägen und erneut mit dem Sack überm Kopf führte man mich dann durch Gänge. Schließlich stießen sie mich gemeinsam mit drei anderen aus unserer Gruppe in eine Zelle: „Hinlegen, das Gesicht auf den Boden“, befahlen sie.
Die Zelle war hell erleuchtet, hatte einen Boden aus Beton und mit Beton ausgegossene Pritschen, außerdem eine Toilette mit Trennwand und ein Waschbecken. Die Wärter sprachen Russisch mit einem derart starken Akzent, dass ich sie kaum verstehen konnte. Später erfuhren wir, dass sie aus der Region kamen.
Diese Wachleute waren offenbar auf Gewalt und Schikane gedrillt. Wenn ein Becher beim Zurückgeben des Essgeschirrs vermeintlich falsch stand, kamen sie rein und prügelten los. Dann wieder fiel ihnen ein, uns nur ein paar Sekunden Zeit zum Essen zu geben. Die Folge war, dass wir die Mahlzeiten stets hastig herunterschlangen.
Zwischen dem Aufstehen um sechs Uhr und dem Schlafengehen um 22 Uhr hatten wir fast durchgehend zu stehen. Nur in Ausnahmen und kurz durften wir uns auf unsere Betten setzen. Diese Regelung wurde später zum Glück ein wenig gelockert.
Wenn im Radio die russische Nationalhymne gespielt wurde, mussten wir mitsingen. Zweimal am Tag gab es „Lesestunden” mit überwiegend sowjetischer Literatur. Einer hatte dann den anderen laut vorzulesen. Einmal pro Woche durften wir 20 Minuten lang einen Spaziergang auf dem Gelände machen. Ein Bad durften wir alle drei Wochen nehmen.
Die Besetzung der Zellen wechselte ständig. So konnte sich niemand an seine Mitinsassen gewöhnen. Ich blieb die ganze Zeit in meiner Zelle, erhielt aber immer neue Leute dazu. In den Wintermonaten froren wir dann gemeinsam. Das lag daran, dass die Wachmänner uns zwangen, das Fenster offenstehen zu lassen. Schlossen wir es und sie bemerkten das, schlugen sie uns. Wobei sie auch mal ohne vermeintlichen Grund kamen und uns prügelten.
Wir, die älteren Gefangenen, haben es wohl etwas leichter gehabt, die Situation auszuhalten. Wir hatten schon etwas im Leben gesehen. Für die Jungen war es extrem schwierig. Einige von ihnen drehten regelmäßig durch.
Irgendwann veranstalteten sie eine Fotosession. Aus unserer Zelle holten sie dafür zwei Personen. Sie fotografierten ihre Gefangenen, dutzende, hunderte, eng nebeneinander. „Lächelt, sonst fährt niemand nach Hause“, sagte einer der Wärter. Das Foto zeigt ein Meer kahlgeschorener Männer in schwarzer Häftlingskleidung.
Das Gefängnis von Mariinsk ist alt, gebaut in Zarenzeiten. Der Boden war teilweise aus Beton, teilweise aber auch aus Holz. Wir hatten viele Mäuse. Wir gaben ihnen Namen und versuchten, sie zu zähmen. Die beiden größten Mäuse haben aus der Hand gefressen.
Wer Fieber hatte, konnte sich für eine ärztliche Untersuchung anmelden. Man wurde – mit einem Sack überm Kopf – zur Sanitätsstation gebracht, bekam dort die Temperatur gemessen und womöglich eine Tablette. Den Sack bekamen wir im Grunde immer übergezogen, wenn wir die Zelle verließen. Es war ein kleiner Sack, ähnlich wie ein Kissenbezug und mit einer Schnur versehen. Manche Wärter zogen die Schnur zu.
Man bewegt sich sehr aufmerksam, wenn man nichts sehen kann. Nach acht Monaten wusste ich auswendig, nach wie vielen Schritten die Wendung zum Badehaus kam. Ich wusste, wo die Schwelle war und wo die Stufe.
Ich zähle mich zu den nicht praktizierenden Christen. Ein Verwandter von mir ist aber Priester, deshalb weiß ich viel darüber. Ich bin auch getauft und kenne Gebete. In der Gefangenschaft habe ich viel gebetet. Das hat geholfen.
Gewöhnlich habe ich zwei Gebete dreimal und danach 33 Mal den Vers „Rette und bewahre“ gebetet. Einmal habe ich das aber nicht ganz zu Ende gebracht, weil ich abgelenkt wurde. Nach einer Weile kamen vier Wachmänner in die Zelle und schlugen mich zusammen. Es gab keinen Grund dafür, alles war ruhig gewesen. Ich hatte nur nicht wie immer gebetet.
Meine Hoffnung, dass ich das Gefängnis verlassen und in die Ukraine zurückkehren könnte, habe ich nie verloren. Wir hatten einen Jungen bei uns in der Zelle, Spitzname Ebels, der sehr emotional war. Er erzählte etwas, regte sich dann oft sehr darüber auf und sagte aber am Ende immer: „Nein, man muss glauben.“ Ebels wurde einen Monat vor mir ausgetauscht.
Mir war klar, dass ein Austausch eine lange Organisation und damit viel Zeit braucht. Manche werden früher entlassen, manche später. Ich habe mir nie gedacht: „Warum er und nicht ich?“ Ich war mir sicher, dass wir früher oder später freikommen würden, durch einen Austausch oder weil der Krieg endet. Der Glaube hat mich nicht verlassen.
Zum Austausch
Am Morgen des 19. August 2025 wurden T-Shirts, Mützen und Trockenverpflegung ausgegeben. Dann brachten sie uns in zwei Transporter und fuhren uns weg. Insgesamt waren wir 64 Häftlinge.
Wir fuhren einige Zeit und hielten dann an. Ich hörte Flugzeuge. In dem Moment war ich mir zu 50 Prozent sicher, dass wir ausgetauscht würden. Die Begleitmannschaft verlangte, dass wir ruhig seien. „Schreit nicht, sprecht leise“, sagte einer der Soldaten.
Wir stiegen ohne Augenbinden und ohne gefesselte Hände aus. Dann klebten sie uns die Hände zusammen, zogen uns medizinische Einwegmasken über die Augen und klebten diese mit Klebeband fest. So brachten sie uns in ein Frachtflugzeug. Die Rampe schloss sich – und wir flogen los. Ich nehme an, dass wir aus Kemerowo in Sibirien abgeflogen sind oder von irgendeinem Militärflughafen in der Nähe.
Der Flug dauerte nicht lange, dann begannen wir zu sinken. Ich bin oft geflogen und kenne das Gefühl. Weit konnten wir nicht gekommen sein.
Wir landeten. Es war kalt. Sie fragten, wer auf die Toilette müsse. Polizeitransporter mit weiteren Häftlingen erschienen. Diese Männer gingen auf die obere Ebene unseres Flugzeugs.
Wir hoben wieder ab, flogen etwa zweieinhalb Stunden lang und landeten. „Der Flughafen Schukowski heißt Sie willkommen“, verkündete der Pilot. Ich begriff, dass wir uns in der Nähe von Moskau befanden.
Insgesamt 205 ukrainische Soldaten und sieben Zivilisten verließen nun das Flugzeug. Wachleute brachten uns in einen Hangar und sperrten uns dort für drei Tage ein.
Auf Beton zu schlafen ist schwer. Irgendwann brachten sie uns Paletten, so dass wir uns darauf legen konnten. Das war jedenfalls etwas bequemer. „Ihr fliegt gleich zurück nach Sibirien“, spotteten unsere Bewacher jeden Tag von Neuem. „In Wirklichkeit will euch niemand austauschen.“ Vielleicht wollten sie uns so verunsichern. Vielleicht bereitete ihnen das auch Spaß.
Die Verpflegung im Hangar war nicht mit dem Essen in der Strafkolonie vergleichbar. Im Gefängnis hatten wir in den ersten fünf Monaten vor allem warmes Wasser mit Kohlstückchen erhalten, zuletzt dann auch Hirse-, Graupen- und Buchweizenbrei und manchmal Fisch. Jetzt bekamen wir normale Gerichte. Einmal gab es Hähnchen mit Gewürzen. Ich roch Kurkuma.
Am Morgen des 24. August 2025 wurden wir auf das Rollfeld gebracht. Ich hob meine Augenbinde ein wenig und sah ein Flugzeug mit belarussischer Flagge am Heck. Sie würden uns also nach Weißrussland bringen. Über Weißrussland liefen die Gefangenenaustausche.
Wir flogen tatsächlich nach Weißrussland. Als wir am Flughafen Gomel gelandet waren, standen dort Zivilbusse. Die russischen Wachmänner waren nicht mehr da, nur noch belarussische KGB-Mitarbeiter. In dem Bus, den ich betrat, standen auf jedem Sitzplatz ein Paket, darin eine Dose Konservenfleisch, Brei mit Fleisch, gesüßtes Wasser, Saft und Waffeln vom Typ Artek. „Ein Geschenk vom weißrussischen Volk“, sagte der Fahrer.
Wir fuhren los. In Richtung Ukraine. In der Region Tschernihiw tauschte man uns aus. Dann fuhren wir weiter in die Stadt Tschernihiw.
Als unser Bus endlich in der Ukraine anhielt, fiel es mir schwer, all die Menschen mit Plakaten zu sehen, mit Fotos von ihren Lieben. Einige von denen kamen jetzt zurück. Andere aber lebten nicht mehr.
Umgekehrt saß neben mir ein Junge, Nazar, der zu dem Zeitpunkt als tot galt. Seine Familie hatte eine Todesmeldung erhalten. Nun wurde er zurückgebracht. Er war auch in Mariinsk gewesen, dort allerdings nie in meiner Zelle. Vorher, in der Strafkolonie in Suchodilsk, hatte er zu meiner Gefangenengruppe gehört.
Ich stieg aus dem Bus, und da stand auch schon eine Freundin meiner Familie. „Max! Max!“, rief sie und umarmte mich fest. Es gibt ein Video von dieser Szene auf Youtube. Ein Gefangener nach dem anderen steigt aus dem Bus, eine ukrainische Fahne über der Schulter gelegt. Die Körper darunter sind ausgemergelt, die Köpfe kahl rasiert. Auch ich habe stark an Gewicht verloren in den Straflagern. Als ich gefangen genommen wurde, wog ich etwas über 100 Kilo, beim Austausch noch 62 Kilo.
Meine Frau befand sich zum Zeitpunkt meiner Rückkehr nicht in der Ukraine. Sie hatte aber Bescheid bekommen und jene Freundin und meinen Patenonkel geschickt, um mich in Empfang zu nehmen.
Während meiner Zeit in Gefängnissen und Straflagern haben meine Frau und ich kein einziges Mal telefonieren können. Sie hat mir Briefe geschrieben, doch ich habe keinen davon erhalten. In der Strafkolonie Suchodilsk kamen für rund 700 Menschen insgesamt 22 Pakete an. Ich bin sicher, dass weitaus mehr geschickt worden waren. Die allermeisten Pakete werden auch in der Kolonie angekommen sein, nur nicht bei den Gefangenen.
Der Feind hat mich insgesamt zwei Jahre und acht Monate lang gefangen gehalten. In dieser Zeit habe ich keinen Prozess bekommen und kein Urteil. Ich habe schlimme Momente durchlaufen, der schlimmste war wohl die Ankunft in Sibirien, als sie mich bei der Aufnahme in der Strafkolonie nackt durch die Gänge prügelten. Es geht mir nicht um die Schläge. In der Situation war mir klar, dass sich meine Situation noch einmal sehr stark verschlimmert hatte.
Doch ich habe überlebt. In Browary schlug letztens erst wieder eine Rakete ein, einen guten Kilometer von unserem Haus entfernt. Der Krieg ist wie eine Lotterie. Doch die Wahrscheinlichkeit zu überleben, ist hier größer.
Am Ende meiner Aussage möchte ich mich bedanken. Ich danke Ihnen, dass Sie Menschen wie mir Aufmerksamkeit schenken und sich interessieren für das, was geschehen ist und was weiterhin geschieht.
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