In eigener Sache

Theater und Journalismus: Vom Kennenlernen zum gemeinsamen Arbeiten

28 Teilnehmende aus Theater und Journalismus trafen sich am 23. und 24. Oktober in Berlin zum ersten Netzwerktreffen der Initiative „Theater und Journalismus“ von CORRECTIV und Schauspiel Köln. Ein Auftakt, der wichtige Fragen aufwarf und die Grundlage für die weitere gemeinsame Arbeit legte.

© CORRECTIV/ Leopold Skupin

Was bedeutet eigentlich Faktencheck? Wann ist eine Geschichte wahr? Und was darf Kunst, was Journalismus vielleicht nicht darf?

Am 23. und 24. Oktober hat CORRECTIV in Berlin den Auftakt für ein deutschsprachiges Netzwerk an der Schnittstelle von Theater und Journalismus organisiert. Die Initiative „Theater und Journalismus“ entsteht in Partnerschaft mit dem Schauspiel Köln, das den Aufbau als zentraler künstlerischer Partner begleitet. 

Die Teilnehmenden brachten unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Arbeitsrealitäten mit: von journalistischer Recherche und Autorenarbeit über Dramaturgie und Regie bis hin zu Mitarbeitenden aus großen Theaterhäusern und der Freien Szene. Im Mittelpunkt standen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Arbeitsweisen sowie die Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Durch das Treffen führten Hanna Guggenberger, CORRECTIV, und Tobi Müller, freischaffender Kulturjournalist.

Fakten, Wahrheit und künstlerische Freiheit

In den Gesprächen wurde deutlich, dass Theater und Journalismus zwar ähnliche Fragen beschäftigen, sie aber aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Das zeigte sich beispielsweise am Begriff Faktencheck. Bei CORRECTIV bedeutet er nicht nur, Zahlen und Daten zu überprüfen. Es geht auch darum, ob das recherchierte Material eine Aussage tatsächlich trägt. Ein Text wird also nicht allein auf die Richtigkeit einzelner Fakten geprüft, sondern auch darauf, ob seine Erzählung durch die Recherche gedeckt ist.

Das Beispiel machte Unterschiede in den Arbeitsweisen greifbar: Journalistische Aussagen müssen sich an der Recherche und den vorhandenen Belegen messen lassen. Künstlerische Arbeit eröffnet andere Möglichkeiten der Interpretation und Gestaltung. Wie sich diese unterschiedlichen Ansprüche zueinander verhalten, war eine der Fragen, die das Treffen beschäftigten.

Auch das Verhältnis von Wahrheit und Kunst, die Verantwortung gegenüber dem Publikum und die Auswahl von Geschichten und Perspektiven kamen zur Sprache. Wer entscheidet, welche Geschichten erzählt werden? Wer kommt zu Wort und wer nicht? Autorschaft war ein wiederkehrendes Thema, besonders dort, wo Recherche, Zeugenschaft und künstlerische Gestaltung zusammenkommen.

© CORRECTIV/ Leopold Skupin

Was Zusammenarbeit braucht

In verschiedenen Gesprächs- und Arbeitsformaten beschäftigten sich die Teilnehmenden mit den inhaltlichen und strukturellen Schnittstellen ihrer Arbeit. Dazu gab es Inputs von Schauspiel Kölns Hausjournalistin Elisa Schüler, den CORRECTIV-Reportern Frida Thurm und Jean Peters und Fallbeispiele von den Teilnehmenden. 

Im Mittelpunkt standen Recherche und Erzählung, Nähe und Distanz sowie unterschiedliche Narrative und die Auswahl von Stoffen und Perspektiven. Dabei ging es auch um Gegenseitigkeit: Was können Theater und Journalismus voneinander lernen, und was braucht es, damit eine Zusammenarbeit entsteht, von der beide Seiten profitieren?

Neben den künstlerisch-inhaltlichen Fragen kamen auch die unterschiedlichen institutionellen Bedingungen zur Sprache. Die Teilnehmenden verglichen die Arbeitsrealitäten von Stadttheatern und Freier Szene und sprachen über Entscheidungswege, Ressourcen, Förderlogiken und Finanzierung.

Dabei wurde deutlich, dass Zusammenarbeit mehr bedeutet, als den Text einer journalistischen Recherche als Theaterstück auf die Bühne zu bringen. Es geht darum, unterschiedliche Arbeitsweisen und Qualitätsmaßstäbe miteinander in Beziehung zu setzen und daraus neue Erzählformen und gemeinsame Projekte zu entwickeln.

© CORRECTIV/ Leopold Skupin

Von der Idee zur Produktion

Um den Austausch in konkrete Zusammenarbeit zu überführen, beschäftigte sich die Gruppe mit unterschiedlichen Produktionsmodellen: von schlanken Text- und Gastspielformaten über Repertoire- und Hausproduktionen bis hin zu Lizenzmodellen, journalistischer Beratung und Koproduktionen mit Theaterhäusern. Dabei ging es auch um Trägerschaft, Ausspielung, Finanzierung und die Frage, wie aus einer Idee tatsächlich eine Produktion werden kann.

Als Initiatorin des Netzwerks kann CORRECTIV dafür eine Infrastruktur schaffen: Kontakte vermitteln, Themen und Recherchen zugänglich machen, Wissen dokumentieren und Austausch ermöglichen. Auch die Idee von Arbeitsgruppen wurde diskutiert, in denen sich Interessierte konkreten Fragestellungen und Vorhaben widmen können.

Viele dieser Überlegungen sind noch offen. Das Treffen hat wichtige Themen und mögliche Wege der Zusammenarbeit sichtbar gemacht. Wie daraus konkrete Strukturen und Formen der Beteiligung entstehen können, wird die weitere Netzwerkarbeit erproben.

© CORRECTIV/ Leopold Skupin

Wie es weitergeht

Das erste Netzwerktreffen war ein Auftakt und zugleich der erste Schritt in einem Gründungsprozess. Es hat Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar gemacht, neue Perspektiven eröffnet und zentrale Themen für die weitere Zusammenarbeit herausgearbeitet.

Die dabei entstandenen Fragen lassen sich nicht an einem Wochenende abschließend beantworten. Sie werden die gemeinsame Arbeit weiter begleiten: in Gesprächen, in der Entwicklung konkreter Vorhaben und in der praktischen Erprobung unterschiedlicher Formen der Zusammenarbeit.

Beim nächsten Netzwerktreffen am 12. und 13. Dezember 2026 am Schauspiel Köln geht dieser Prozess weiter. Dann sollen ausgewählte journalistische Themen und Recherchen weiterentwickelt, erste künstlerische Ansätze erprobt und die Grundlagen des Netzwerks ausgearbeitet werden.

CORRECTIV und Schauspiel Köln freuen sich darauf, den begonnenen Austausch fortzusetzen und mit den Beteiligten ins Arbeiten zu kommen.

Bei Fragen und Interesse am Netzwerk wenden Sie sich gerne an Hanna Guggenberger hanna.guggenberger@correctiv.org.