Kein Martinsumzug „aufgrund anderer Religionen und Kulturen“? Das verkündet ein angeblicher Zettel von einer Kita, der sich als Foto in Sozialen Netzwerken verbreitet. Wir fanden dutzende Beiträge mit dem Foto auf Facebook, Instagram, Tiktok, X und Youtube. Allein ein Youtube-Video mit dem Zettel hat mehr als 130.000 Aufrufe. Der Name der Kita ist verpixelt, keiner der Beiträge nennt den Ort der angeblichen Aufnahme.
Jemand bei Facebook schreibt: „Das kann nur Fake sein, oder?“ Auch über den Whatsapp-Chatbot von CORRECTIV bekamen wir mehrere Einreichungen mit der Bitte zur Überprüfung.
perma.cc/behauptung-youtube
perma.cc/behauptung-x
Bild ist laut Tool von Google und OpenAI KI-generiert
Weder eine Bilder-Rückwärtssuche noch eine Suche mit dem Text des Zettels führt zu einem Beleg dafür, dass das Schreiben wirklich ausgehängt worden ist. Ein Bilddetail ist auffällig: Der teilweise sichtbare erste Buchstabe des verpixelten Kita-Namens sieht wie ein P ohne vertikalen Strich aus. Solche Ungenauigkeiten können ein Hinweis auf KI-generierte Bilder sein.

Eine Überprüfung mit dem KI-Detektor SynthID bestätigt diesen Verdacht: Demzufolge wurde das angebliche Foto von dem Kita-Aushang mit KI von OpenAI erstellt, der Firma hinter ChatGPT. SynthID erkennt unsichtbare Wasserzeichen in KI-generierten Bildern. Wir haben zwei Profile auf Instagram und Tiktok kontaktiert, die als mutmaßliche Erstverbreiter in Frage kommen. Bis zur Veröffentlichung bekamen wir von beiden keine Antwort.
Martinszüge wurden aus anderen Gründen abgesagt
Wir konnten keine Belege dafür finden, dass Kitas den Martinszug aus Rücksicht auf andere Kulturen abgesagt hätten. In Frechen in Nordrhein-Westfalen fielen tatsächlich einige Umzüge aus: Das liegt laut dem Westfälischen Anzeiger jedoch an den erhöhten Sicherheitsvorkehrungen der Stadt. Für die Umzüge soll ein Ordner pro 50 Teilnehmenden eingesetzt werden – eine Vorschrift, die einige Veranstalter offenbar nicht erfüllen können. Im Jahr 2025 fielen laut dem Bayerischen Rundfunk zwei Umzüge in Bayern aus – ebenfalls wegen Personalmangel.
Die Faktencheck-Redaktion Mimikama berichtete schon 2013 über eine ähnliche Behauptung: Damals sorgte eine vermeintliche Namensänderung des Martinstags in Sozialen Netzwerken für Diskussionen. Es hieß, er sei aus religiösen Gründen in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umbenannt worden. Der Name war aber nie offiziell, sondern ging auf eine Anekdote in einer Kita zurück. In der hatte es bei einem vergangenen Martinsfest Suppe mit Sonnen, Monden und Sternen gegeben.
wa.de/abgesagte-martinsumzuege
br.de/abgesagte-martinsumzuege
mimikama.org/martinstag-umbenennung
Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Caroline Lindekamp, Steffen Kutzner
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