Die potentiellen Opferzahlen
Es gibt keine weltweiten Schätzungen zum Missbrauch in der katholischen Kirche. Einige Studien in Ländern geben zumindest Hinweise darauf, dass es weltweit Millionen Opfer sein könnten.
Es ist nahezu unmöglich abzuschätzen, wie hoch die Opferzahlen des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche sind. Allein im Bistum Paderborn gab es über 450 bekannte Opfer, wie eine im März 2026 vorgestellte Studie erklärte. Opfer lassen sich auch im Bistum Essen finden, in einem Kloster in Kirchhellen, in Norddeutschland, in Süddeutschland, in Orden, in kirchlichen Einrichtungen und katholischen Sportstätten. Tausende sind betroffen, die meisten Opfer sind unbekannt.
Doch wie viele Mädchen oder Jungen sind genau missbraucht worden? Wie groß ist die Dimension, über die wir reden? In Europa? Weltweit?
Wir wissen es nicht. Es gibt keine Studie für die Weltbevölkerung. Es bleibt uns nur eine Annäherung, die immer falsch ist – und nur einen Zahlenraum zeigt, in dem wir denken sollten.
Die Universität von Edinburgh hat 2024 eine Studie von Gabrielle R. Hunt und Ben Mathews zum sexuellen Missbrauch in Australien veröffentlicht. Darin wurden 8.503 Menschen über 16 Jahren befragt. Davon gaben 0,29 Prozent an, Missbrauch erfahren zu haben. Rechnet man diesen Anteil der Betroffenen auf die Weltbevölkerung um, kommt man auf 17,8 Millionen Opfer.
Über 200.000 Missbrauchsopfer in Frankreich
Eine offizielle Untersuchungskommission zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Frankreichs kommt im Jahr 2021 bei 28.010 befragten Franzosen über 18 Jahren auf eine Zahl von 0,40 Menschen, die missbraucht wurden. Die Franzosen sprechen in der wissenschaftlichen Arbeit für ihr Land von über 216.000 Opfern. Umgerechnet auf die Weltbevölkerung wären das 23 Millionen Opfer.
Eine spanische Studie (hier, ab Seite 48) hat in einer anderen Untersuchung aus dem Jahr 2023 genau 8.103 Spanier über 18 Jahren befragt. Dabei kam heraus, dass von rund ca 39,4 Mio Spaniern über 18 Jahren rund 0,6 Prozent sexuellen Missbrauch durch Priester, Diakone oder Ordensangehörige erfahren haben. Das wären in Spanien alleine etwa 236.000 Menschen, die missbraucht wurden, auf die Weltbevölkerung berechnet wären das 34,5 Millionen Opfer.
Wie man es auch dreht: Bei diesen Hochrechnungen bekommt man immer Probleme. Sie stimmen einfach nicht. Es sind Gedankenexperimente, um sich der tatsächlichen Zahl zu nähern.
Geschätzt könnten es Millionen weltweit sein
Sind doch die Opferzahlen immer im Verhältnis der Anzahl der Katholiken auf die Gesamtbevölkerung zu sehen. Zudem haben Länder unterschiedlich starke und tradierte katholische Strukturen. Und diese Strukturen sind entscheidend, damit überhaupt ein potentieller Täter sein Opfer finden kann.
Folgt man diesen Pfad der Berechnung und zählt nur die Bevölkerung der Länder zusammen, deren Katholiken einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von mindestens 18 Prozent haben, wie Australien, und die gleichzeitig über 15 Jahren alt sind, dann kommt man auf etwa eine Milliarde Menschen, die in Kontakt mit der katholischen Kirche kommen können und die theoretisch hätten missbraucht werden können.
Nimmt man für diese Menschen die niedrigste Missbrauchsquote an, die aus den vorliegenden Studien hervorgeht, also die Quote Australiens mit 0,29 Prozent, kommt man auf mindestens 2,9 Millionen Menschen, die Opfer von Missbrauch gewesen sein können.
Diese letzte Methode ist vorsichtiger als die reine Hochrechnung auf die Weltbevölkerung. Doch auch dies bleibt notwendigerweise eine unscharfe Schätzung, selbst wenn immer der niedrigste Wert genommen und die konservativste Annahme getroffen wurde.
Die genaue Zahl könnte man nur herausfinden, wenn viele methodisch saubere und gewissenhafte Studien in den weltweit mehr als 3.000 katholischen Bistümern und Orden durchgeführt und diese miteinander verglichen würden. Eine große Aufgabe.
Wir von CORRECTIV haben diese Bistümer und Orden weltweit angeschrieben und erhielten meist gar keine oder ausweichende Antworten.
Die Wahrheit kann nur die Kirche selbst herausfinden.
Wir wissen nur, egal wie man es dreht und wendet, wir reden von unzähligen Schicksalen und einem unermesslichen Leid.