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David Schraven

Geschäftsführer/Publisher

Den wichtigsten Satz seines Lebens hat David als Kind von seiner Mutter gehört: “Wir haben die Grenzen der Welt nicht gesetzt. Warum sollen wir sie halten.” An diesen Satz denkt er, wenn er Comics mit Journalismus mixt, wenn er Reportagen ins Theater bringt oder mit Bürgern Recherchen startet. Was zwingt uns dazu, Journalismus nur als Zeilenschreiben zu verstehen, als Formatfüllen im Fernsehen? Nichts. Wir können Grenzen überwinden und alles erreichen, wenn wir nur den Mut dazu haben. David ist Gründer von CORRECTIV und leitet das Recherchezentrum als Publisher. In seinem früheren Leben füllte er Zeilen bei der taz, der Süddeutschen Zeitung, der Welt-Gruppe und dem von ihm mitgegründeten Blog Ruhrbarone. Bei der damaligen WAZ-Gruppe (heute Funke-Gruppe) war er für das Investigativ-Ressort verantwortlich. David wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Bottrop und geht gerne angeln.

E-Mail: david.schraven(at)correctiv.org
Twitter: @david_schraven

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Die Alte Apotheke

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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von Oliver Schröm , Niklas Schenck , Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Benjamin Schubert , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann , Simon Wörpel

Der Betrug: Früher flog Peter Stadtmann von Zeit zu Zeit nach München, um sich Fett absaugen zu lassen. Das muss er jetzt nicht mehr. Er ist begeistert: „Ich bin wieder total schlank.“ In Haft hat er fast 30 Kilogramm abgenommen. Kein Stressfressen mehr. Sein Leben wird kontrolliert – täglich ein Acht-Kilometer-Spaziergang, fünfmal in der Woche Kurse von gewaltfreier Kommunikation bis Kirchenkreis. Das gibt ihm Kraft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Primär geht es mir um meine Eltern und mich – alles andere kommt irgendwann.“ Das schrieb der Apotheker in Papieren, die Ermittlern vorliegen.

Damals, als Peter Stadtmann zum Fettabsaugen flog, war er ein anerkannter Bürger in Bottrop. Ihm gehörte die sogenannte Alte Apotheke. Er war einer, den die Leute grüßten. Ein Steuerzahler, ein Gönner. Heute sitzt er in Untersuchungshaft. Und tausende Menschen machen ihn für ihr Leid verantwortlich.

Peter Stadtmann hat einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik seit Contergan verursacht. Seine Geschichte ist ein Lehrstück – über Gier im Gesundheitswesen. Über den Mut von Einzelnen, nicht zu schweigen. Über Lokalpolitik. Über die Arroganz von Behörden und die Selbstherrlichkeit von Ärzten.

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Peter Stadtmann vor der Alten Apotheke

CORRECTIV

Und auch darüber, wie ein weißer Kittel vor Strafverfolgung schützen kann. Denn Peter Stadtmann hat über 4.600 Menschen in sechs Bundesländern um ihre Krebsmedikamente betrogen. Damit hat er viel Geld verdient. Und Schaden verursacht. Allein bei den Kassen über 56 Millionen Euro. Er hat die Medikamente unterdosiert und verunreinigt und trotzdem den vollen Preis von den Krankenkassen kassiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Abrechnungsbetrugs. Und wegen versuchter Körperverletzung. Anfänglich nur in 27 Fällen. Aber das hat sich mittlerweile ausgeweitet. Am Montag, 13. November, beginnt der Prozess gegen Peter Stadtmann vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen.

Wir haben vier Monate lang mit fünf Journalisten in diesem Fall recherchiert. Für zwei Monate haben wir 50 Meter vom Tatort entfernt eine Lokalredaktion eröffnet. Weil dieser Fall wichtig ist. Weil er zeigt, was alles in der Krebsmedizin in Deutschland falsch läuft.

Wir muten Ihnen als Leser mit dieser Geschichte viel zu. Fast ein Buch. Es ist für uns wie für Sie ein Experiment. An manchen Stellen nicht perfekt. Aber nehmen Sie sich die Zeit und lassen Sie sich darauf ein. Denn wir glauben, es ist wichtig, dass wir hier einen Stand zusammentragen über alles, was bis jetzt bekannt ist. Wir wollen Ihnen die Details erklären und die Fakten deutlich machen. Damit Sie sich selber ein Bild machen können. Dabei ist uns bewusst, dass sich im Laufe der Zeit vor Gericht noch Sachverhalte genauer darstellen und erklären lassen werden. Dass Lücken in den Ermittlungen geschlossen und Versatzstücke dieses großen Puzzles ein größeres Bild zeigen werden.

Investigativer Journalismus ist aufwendig und teuer.

Als gemeinnütziges Investigativ-Büro sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen. Wir machen langfristige Recherchen, also brauchen wir auch langfristige Unterstützung. Unsere Arbeit und unsere Angebote müssen wir zu einem großen Teil aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanzieren. Unterstützen Sie uns jetzt!

Bislang haben wir schon viel darüber geschrieben, was in diesem Prozess gegen Peter Stadtmann verhandelt wird. Wir haben über Krebspatienten geschrieben, über Zeugen und Ungereimtheiten. In dieser Geschichte schreiben wir auf, wie das System in der Alten Apotheke funktioniert hat.

Denn Stadtmann war nicht alleine. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen auf zwei Mitarbeiterinnen ausgeweitet. Der Apotheker schweigt beharrlich, will nichts zugeben – aber wir wissen, wie seine Verteidiger vor Gericht argumentieren wollen. Und der Fall geht weiter, als wir bisher vermutet hatten: der Apotheker lieferte auch nach Dänemark und Schweden. Außerdem können und werden mehr Betroffene als von der Staatsanwaltschaft gedacht, im anstehenden Prozess Nebenklage einreichen.

Fangen wir mit Bettina Neitzel (Name geändert) an. Sie wäre um ein Haar gestorben. Sie ist eine der Nebenkläger. Ihre Geschichte mit dem Krebs beginnt vor neun Jahren. Sie ist selbst Ärztin, hat oft mit Krebspatienten zu tun gehabt. Welche Nebenwirkungen die Behandlung hat, versteht sie erst als Patientin. Sie verträgt die Chemotherapie nicht gut, aber die Mittel wirken ab der ersten Sitzung. Ihre Tumormarker fallen kontinuierlich, am Ende der Therapie bleibt keine Spur des Tumors.

Als ihre Krankheit im Juli 2016 zurückkehrt, ist sie zunächst voller Hoffnung, dass sie den Krebs auch diesmal besiegen wird. Erstmals wird sie in Bottrop behandelt, zum ersten Mal kommen ihre Medikamente aus der Alten Apotheke. Stadtmann weiß, dass sie Ärztin ist. Als Neitzel einmal in die Apotheke kommt, gibt er ihr seine private Handynummer und sagt: „Sie können mich jederzeit anrufen, ich bin immer für Sie da.“

Der Gönner

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Stadtmann mit Startkelle

CORRECTIV

Damals dirigierte der Apotheker noch die Stadt Bottrop. An einem Samstag im Juni 2016 schlägt er vor seiner Apotheke zwei Holzlatten mit einem lauten Knall gegeneinander. Und auf sein Zeichen rennt die halbe Stadt los. Mädchen mit Ballerinaröcken halten sich an den Händen, ein Gehbehinderter donnert im elektrischen Rollstuhl übers Kopfsteinpflaster. Es ist der jährliche Spendenlauf für das Hospiz in Bottrop, der Apotheker ist der wichtigste Spender. Deshalb steht er in der regnerischen Innenstadt, die Arme mit der Startkelle noch immer über den Kopf gereckt. Zwischen seinem weißen T-Shirt und der weißen Hose schaut sein Bauch hervor.

Die Ziellinie des Spendenlaufs ist gleich neben der Alten Apotheke. Jedes Mal, wenn ein Läufer an ihm vorbeikommt, lässt Peter Stadtmann einen Euro in die Kasse fallen, die dem Hospiz zu Gute kommt, den Sterbenden, den hoffnungslosen Krebspatienten. Stadtmanns Apotheke ist die älteste in Bottrop, die beliebteste Apotheke und das einzige Haus im Umkreis, das man auf eine Postkarte drucken könnte: ein frischer, rosafarbener Anstrich, die Fenster stuckverziert. Was wäre Bottrop ohne dieses Haus, was wäre Bottrop ohne diesen Apotheker, der so viele Steuern zahlt und so viel spendet? Wahrscheinlich ein bisschen ärmer.

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Die Alte Apotheke in der Bottroper Hochstraße

CORRECTIV / Lennart Schraven

Am Ende des verregneten Sommertages sind mehrere zehntausend Euro Spenden zusammengekommen. Der lokale Radiosender macht ein Video für seinen Youtube-Kanal, die Reporterin holt Stadtmann vor die Kamera. Sein rundes Gesicht ist rot angelaufen. „Also sehen wir uns im nächsten Jahr hier wieder?“, fragt die Reporterin. „Wenn Sie dabei sind, gerne“, sagt er.

Bettina Neitzels hatte damals andere Sorgen. Ihre Stimme zittert, wenn die Ärztin von ihrem ersten Chemozyklus erzählt. „Erste Therapie: Nichts. Zweite Therapie: Nichts. Dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte Therapie: Nichts.“ Zu ihren Freundinnen sagt sie: „Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.“ Neitzels Tumormarker, sonst ein verlässlicher Indikator dafür, dass ihr Tumor kleiner wird, steigen von Mal zu Mal stärker. Alles unter 35 ist normal, Neitzels Werte klettern bald über 6000. Ihre behandelnde Onkologin rät zu einer zweiten Chemotherapie-Linie, die bei Neitzels erstem Rückfall gut angeschlagen hatte. Drei Sitzungen, keine Wirkung. Jedes Mal, wenn sie anrufen soll, um die Werte abzufragen, zittert sie, und jedes Mal werden die Werte schlechter. Ihr Tumormarker steigt auf 7000. Neitzel will aufgeben. „Ich war an einem Punkt, an dem ich gedacht habe: So, das war’s jetzt. Diesmal schaffst du das nicht.“

Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.

Ihre Ärztin startet noch einen letzten Versuch, eine Immuntherapie mit einem Antikörper, der für ihre Krebsart noch gar nicht zugelassen ist. Die Chancen bei solch einem sogenannten Off-Label-Use sind unbestimmt, aber die Kasse stimmt zu, und Stadtmanns Apotheke liefert die erste Infusion, im November 2016. Noch einmal schöpft Neitzel Hoffnung. Aber als nach drei Wochen die Blutwerte kommen, sind ihre Tumormarker noch einmal angestiegen, auf fast 12.000. „Ich habe meiner Familie gesagt: Das ist das letzte Weihnachtsfest, das ich erleben werde.“ Neitzel macht eine Bestattungsvorsorge. Sie will nicht, dass sich ihre Angehörigen darum kümmern müssen, wie und wo sie begraben wird.

Dann wird Peter Stadtmann festgenommen. Neitzel erinnert sich an den November-Tag 2016 wie andere an den 11. September 2001. Sie liest online von der Festnahme und den Vorwürfen gegen Stadtmann. Sie hat nicht den geringsten Zweifel: Der hat das mit mir gemacht. Vier Tage später kommt dieselbe Antikörpertherapie aus einer anderen Apotheke. Der Tumormarker fällt. Binnen weniger Tage. Von 12.000 auf 6000.

Neitzel hat mutmaßlich fast fünf Monate lang nur Kochsalzlösung bekommen. Ihre Tumormarker haben sich seither bei 6000 eingependelt, im Ultraschall sieht man: ihr Tumor verschwindet. Aber nun sind Lebermetastasen aufgetreten — und als Ärztin weiß sie, was das bedeutet: „Wenn man Lebermetastasen hat, ist eigentlich keine Chance mehr auf Heilung da. Ich werde eine verkürzte Lebenszeit haben. Das weiß ich auf jeden Fall.“

Das System

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Im Apotheker-Labor

NDR

Um zu verstehen, wie Stadtmanns Betrug möglich war, muss man zuerst verstehen, wie Krebsmedizin funktioniert. Knapp über 200 Apotheken in Deutschland mischen Krebsmedikamente, sogenannte Zytostatika. In diesen Apotheken gibt es ein Labor, das einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Wer hineingeht, muss seine Alltagskleidung gegen sterile Kleidung tauschen, eine Plastikhaube tragen, einen Mundschutz und Handschuhe. Das muss einerseits sein, um die Mitarbeiter selbst zu schützen. Denn die Wirkstoffe gegen Krebs sind giftig – im Körper eines gesunden Menschen schädlich. Aber auch die Krebspatienten muss man schützen, denn ein Körper, der eine Chemotherapie durchmacht, fährt das eigene Immunsystem fast komplett herunter. Ein kleiner Husten kann bei einem Krebspatienten zu einer Lungenentzündung werden. Also müssen die Medikamente steril sein. Denn sie gehen per Infusion direkt ins Blut. Ein Keim in der Lösung, hereingetragen in das Labor auf einem Stück unsauberer Kleidung, kann den Tod bringen.

TV-Dokumentation

Die 30-minütige NDR-Doku „Der Krebsapotheker“ entstand in Kooperation mit Panorama — die Reporter.

Peter Stadtmann stand nach Aussagen von Zeugen im Straßenanzug und mit seiner Labradorhündin in diesem Labor. Es wurden dort immer wieder Hundehaare gefunden. Peter Stadtmann war seine eigene Gesundheit, die der Mitarbeiter und vor allem aber die der Patienten offenbar egal.

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Stadtmann mit Hund

NDR

Stadtmann schweigt zu den Vorwürfen. Seine Anwälte beantworten die Fragen von CORRECTIV zu den Vorwürfen nicht.

Stattdessen wollen sie vor Gericht angreifen. Nach uns vorliegenden Informationen argumentieren die Anwälte dort unter anderem, dass die Zeugen schlicht nicht glaubhaft seien. Auch könne man aus einem möglichen Einzelfall nicht auf eine gängige Praxis schließen. Zudem gebe es keinen Nachweis, dass Infusionen tatsächlich verunreinigt waren.

Solche Sätze sind schwer zu schlucken: für tausende Patienten, die bundesweit mit den Krebsmedikamenten von Stadtmann behandelt wurden. Genauso für ihre Angehörigen.

Weil jeder Krebspatient eine andere Behandlung braucht, mischen Apotheker die Medikamente individuell an. Je größer und schwerer der Patient, desto mehr Wirkstoff braucht er. Der Apotheker mischt anhand des Rezepts den Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung. Weil die Wirkstoffe schon nach wenigen Stunden zerfallen oder gekühlt werden müssen, sollte die Apotheke in der Nähe der Arztpraxis sein, in der ein Patient die Infusion bekommt.

Im Prozess gegen Peter Stadtmann geht es um 61.980 Infusionen, die möglicherweise gepanscht waren; die er an Patienten verkauft und ihnen so heilende Wirkstoffe vorenthalten haben soll. Die Staatsanwaltschaft in Essen führt als einen Beweis die Buchhaltung der Alten Apotheke an. Aus ihr geht hervor, dass Stadtmann deutlich weniger Krebsmedikamente einkaufte, als er angeblich verkaufte und bei den Krankenkassen abrechnete.

Wie einfach es für ihn war, an jeder Dosierung hunderte Euro mehr zu verdienen, sieht man zum Beispiel am Wirkstoff Trabectedin, der zur Behandlung von Eierstockkrebs eingesetzt wird. Trabectedin kostet über 2.000 Euro pro Milligramm. Ein Erwachsener braucht pro Behandlung etwa zwei bis drei Milligramm. Wenn ein Apotheker nur etwas weniger in den Infusionsbeutel füllt, merkt das niemand. Und der Gewinn liegt bei einigen hundert Euro. Der Patient, sein Arzt und unser Gesundheitssystem vertrauen dem Apotheker, seiner Berufsethik, seiner Integrität. Wirksame Kontrollen gibt es bislang kaum.

Und dann gibt es noch eine Besonderheit: Bei Krebsmedikamenten darf der Patient im Gegensatz zu anderen Rezepten nicht selbst aussuchen, in welche Apotheke er geht. Der Arzt sendet die teuren Rezepte direkt an einen Apotheker seiner Wahl. Rezepte, die viel Geld wert sind. Eine einzelne Therapie mit modernen Antikörpern kann schon mal 100.000 Euro kosten.

Kein Bereich im deutschen Gesundheitswesen bietet so viel Potenzial für mafiöse Strukturen wie das Geschäft mit Krebsmedikamenten. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Studien besagen: In ein paar Jahren wird jeder zweite Deutsche im Alter an Krebs erkranken. Die Branche setzt jedes Jahr vier Milliarden Euro um. Diesen Markt teilen sich ein paar Dutzend Pharmahändler, 1.500 niedergelassene Onkologen und Hämatologen sowie die knapp über 200 Apotheker, die Krebsmedikamente herstellen dürfen.

Ein Eldorado für gierige Apotheker.

Peter Stadtmann ist sicher nicht der einzige Kriminelle im Krebsgeschäft. Und bei Weitem nicht der erste. Das ARD-Magazin „Panorama“ dokumentierte schon im vergangenen Jahr, wie Apotheker und Pharmahändler versuchten, einen Hamburger Onkologen zu bestechen. Sie wollten seine Patienten beliefern.

Wir verfolgen dieses System der Krebsmafia mit Oliver Schröm und Niklas Schenck weiter.

Die Kindheit

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Aufnahme aus der Kindheit

Martin Porwoll

Der Sprecher der Stadt Bottrop, Andreas Pläsken, sagte noch im September 2017 in einem Interview, Stadtmann „stammt aus einer Apotheker-Dynastie, er war für mich jemand, der den Ethos eines Apothekers mit der Muttermilch aufgesogen hatte.“

So viel stimmt: Stadtmann stammt aus einer reichen Apotheker-Familie. Beliebt war er trotzdem nicht.

In der Schule saß Stadtmann in der ersten Reihe. Die coolen Kinder saßen dahinter. Sie lachten über seinen Prinz-Eisenherz-Haarschnitt oder über die Pullunder, die er zu karierten Hemden trug. Das war Anfang der 80er-Jahre, als die Jungen anfingen, Lederjacken und Vanilla-Jeans zu tragen. Stadtmann trug Bundfaltenhosen und bewegte sich darin ungelenk. Die anderen Jungs spielten Fußball oder rauften auf dem Schulhof. Stadtmann konnte nicht mithalten. Er versteckte sich, und schwieg, wenn er angesprochen wurde. Er konnte sich gegen die anderen nicht wehren, denn er war als Kind schon etwas übergewichtig.

Zwei Mitschüler erinnern sich an einen Geburtstag von Stadtmann, auf den sie eigentlich nie eingeladen waren. Sie gingen durch die Fußgängerzone, sahen ihn, das Einzelkind, mit seinen Eltern in der Eisdiele gegenüber der Alten Apotheke sitzen. Die Eltern holten die beiden Schüler an den Tisch, bestanden darauf, dass sie sich zu ihrem Sohn setzen. Dann bestellten sie Eis für die Kinder. Eine Geburtstagsfeier ohne Spiele, Kuchen, Tänze, Geschenke, Tobereien. Nichts, was hätte vorbereitet, geplant, aufgebaut werden müssen. Stattdessen Eis in einer Eisdiele mit zufällig dazu geholten Kindern.

Jahre später ist Stadtmann ein angesehener Apotheker, das Kennzeichen seines BMW X5 ist „Bottrop-AA 111“, das doppelte „A“ steht für „Alte Apotheke“. Er definiert sich über Geld und Statussymbole. Bei einem Gespräch mit einem Schulkameraden erfährt er, dass ein gemeinsamer Bekannter aus der Schulzeit geheiratet hat. Stadtmann will das nicht glauben. „Der hat nicht geheiratet“, sagt er, „höchstens eine Krankenschwester.“ Nein, antwortet der Schulkamerad, eine Ärztin. Und Peter Stadtmann ist verwirrt. „Der hat doch gar nicht so viel Geld. Der kann höchstens eine Krankenschwester heiraten.“

Wenn seine Eltern auf eine lange Kreuzfahrt fuhren, verlor Stadtmann den starren, angespannten Blick, den er sonst als erwachsener Mann meistens hatte, erinnert sich eine Bekannte aus dem Familienkreis. Ohne die Eltern habe er entspannt gewirkt, sagt die Bekannte, er sei „charmant und weltmännisch, ja geradezu witzig“, gewesen. Sobald seine Eltern zurück waren, entflog diese Leichtigkeit, als sei „eine Klappe gefallen“.

Die Eltern

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Das Signet der Alten Apotheke

CORRECTIV / Lennart Schraven

Sein Vater gilt in Bottrop als freundlicher Mann. Keiner in der Stadt kann glauben, dass er von den Machenschaften seines Sohnes gewusst haben könnte. Der hätte sich nicht weggeduckt, sagen sie. Doch es gibt Fragezeichen.

Der Vater hat seit Anfang des Jahres eine Generalvollmacht von Peter Stadtmann. Er verwaltet seit dessen Verhaftung das Vermögen seines Sohnes. Und er versucht, Spuren seines Sohnes zu verwischen. Weil die Staatsanwaltschaft die Buchhaltung als Beweis für die Unterdosierung nimmt, versucht der Vater im Nachhinein, die Buchhaltung zu korrigieren: So hat er nach Informationen von CORRECTIV in einem Fall die Angaben eines Lieferanten der Alten Apotheke hinterfragt. Er bat ihn, Wirkstoffe nachzumelden, die angeblich an die Alte Lieferung gegangen seien, aber nicht registriert wurden.

Der Lieferant meldet daraufhin tatsächlich wenige Milligramm einer Dosierung nach, die bis dahin nicht erfasst wurden. Doch dies bleibt in dem Verfahren ohne Wirkung. Die Ermittler halten die Korrektur nicht für entscheidend. Aus ihrer Sicht fehlten so große Mengen in der Buchhaltung, dass es auf die wenigen Milligramm nicht ankommt.

Peter Stadtmann übernahm die Alte Apotheke im Jahr 2009 von seiner Mutter. Die Mutter ist auch jetzt wieder Besitzerin der Alten Apotheke. Nach Aussage ihrer Anwälte hat sie nichts mit den gepanschten Medikamenten zu tun. Ein ehemaliger Angestellter der Alten Apotheke, erinnert sich, dass die Mutter einmal sagte, sie hätte ihrem Sohn die Apotheke nie geben sollen.

Die Verteidigung

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Stadtmann wird verhaftet

NDR

Ihr Sohn steht jetzt vor Gericht. Die Beweise für ein systematisches Strecken der Infusionen mit Krebsmedikamente sind erdrückend. Mathematisch genau ist anhand der Buchhaltung ausgerechnet, dass Stadtmann weniger Wirkstoffe eingekauft hat als ausgegeben.

Dazu kommen die Ergebnisse der Razzia in der Apotheke vom  29. November 2016. In der Apotheke herrschte Chaos. Keines der aufgefundenen Präparate war ordnungsgemäß beschriftet. Das Herstellungsdatum fehlte durchweg. Das ist ein Problem: Krebsmedikamente sind nur kurz haltbar und müssen schnell nach der Zubereitung verabreicht werden.

Auf einer Arbeitsplatte im Labor fanden die Polizisten Plastikkoffer. Darin lagen Krebsmedikamente, die nicht wie eigentlich vorgeschrieben, gekühlt waren. Sie standen wohl schon seit dem Vorabend dort. Die Koffer waren an verschiedene Praxen adressiert, in denen die Patienten mit den Infusionen behandelt werden sollten. Neben der Arbeitsplatte brummten drei Kühlschränke. Unter der Arbeitsplatte standen zwei weitere. Doch da hatte niemand die Koffer hineingestellt.

Ein halbes Dutzend Transportwannen stand im Vorraum des Zytolabors. Darin Blätterberge aus Herstellungsprotokollen. Das sind wichtige Dokumente. Jeder Apotheker, der Krebsmedikamente mischt, muss sie aufbewahren und bei Bedarf zeigen – auch, falls Patienten danach fragen.

Die Ermittler beschlagnahmten 117 Infusionen darunter auch 29, die monoklonale Antikörper enthalten sollten. Das sind besonders wirkungsvolle – und besonders teure – Mittel gegen Krebs.

Die Ermittler ließen alle Arzneien untersuchen. Das Ergebnis: Bei den monoklonale Antikörper war nur in einer von 29 Proben auch der geforderte Wirkstoffgehalt. In etlichen dieser Mischungen war oft nur gerade soviel Wirkstoff, dass Patienten Nebenwirkungen spürten. Anders gesagt: Sie erbrachen, wurden aber nicht geheilt. Von den insgesamt 117 Arzneien, die die Polizei sicherstellte, waren 66 falsch angemischt, darunter zum Beispiel Mittel gegen Übelkeit. Einige Infusionen beinhalteten gar keinen Wirkstoff, in fünf Medikamenten war ein anderer Wirkstoff als verordnet (Infografik).

Untersucht haben die Proben das Landeszentrum für Gesundheit in NRW und die Infusionen mit Antikörper das Paul-Ehrlich-Institut in Hessen.

Wie argumentiert man gegen eine solche Beweislast? Wir haben Peter Stadtmann angeschrieben und über seinen Anwalt gefragt. Wir haben keine Antworten bekommen.

Allerdings haben wir Unterlagen gefunden. Papiere, aus denen die Strategie der Verteidiger klar wird. Sie setzen auf Attacke. Sie bezweifeln die Buchhaltung der Alten Apotheke  und die Wissenschaftlichkeit der Analysen der bei der Razzia sichergestellten Infusionen. Die Verteidiger geben notfalls kleinere Vergehen zu, um Stadtmann vor dem Vorwurf zu schützen, tausenden Patienten lebensrettende Medikamente vorenthalten zu haben. Es sind Sätze wie bittere Pillen – schwer zu schlucken. Wir haben sie zusammen gefasst:

Buchhaltung stimmt nicht

Die Buchhaltung der Alten Apotheke und die der Lieferanten hätten nach Ansicht der Verteidiger nicht gestimmt, der tatsächliche Warenbestand an vorhandenen Krebsmittel sei gar nicht verzeichnet gewesen. Folgender Warenbestand fehle in der Buchhaltung der Alten Apotheke:

  • Die Zytostatika aus den Jahren von 2001 bis 2012, die in der Apotheke noch gelagert hätten
  • Überfüllungen und Restmengen aus angebrochenen Packungen
  • Warenlieferungen, die nicht verzeichnet wurden – zum Beispiel aus Schwarzeinkäufen
  • Abgelaufene und beschädigte Zytostatika seien faktisch nicht an die Hersteller zurückgeliefert worden. Sie wurden nur auf dem Papier zurückgebracht, um Geld zu kassieren, tatsächlich seien sie aber in der Alten Apotheke weiter verwendet worden.
  • Die Dokumentation der Hersteller sei fehlerhaft. Sie hätten mehr an die Alte Apotheke geliefert, als in ihren Büchern stünde.

Diese Punkte der Verteidigung erscheinen den Ermittlern als Unfug. Bei den angegebenen Summen seien die Mengen viel zu gering, die Stadtmann auf dem Schwarzmarkt eingekauft oder aus Überfüllungen genutzt haben will. Zudem sei die Vielfalt der gepanschten Mittel viel zu groß, als dass man sie mit diesen einzelnen, krummen Geschäften erklären könne. Insgesamt haben die Ermittler festgestellt, dass Peter Stadtmann bei 35 Wirkstoffen weniger als die Hälfte der verkauften Menge eingekauft hatte. Von dem besonders teuren Wirkstoff Trastuzumab soll er sogar weniger als ein Fünftel der verkauften Menge vorher auch tatsächlich besorgt haben.

Ankäufe auf Schwarzmarkt

Die Verteidiger sagen, Peter Stadtmann habe mit Privatentnahmen aus der Kasse der Alten Apotheke von mindestens einem Pharmavertretern Zytostatika billig aus dem Kofferraum gekauft und zwar aus einem Wagen, der im Parkhaus stand. Dieser Schwarzhandel sei nicht verbucht worden. 2014 soll er unter anderem für diese Geschäfte über 200.000 Euro aus der Kasse der Apotheke genommen haben. Das Bargeld für den Einkauf sei aber versteuert worden.

Razzia nicht beweiskräftig

Die Anwälte von Peter Stadtmann behaupten, die bei der Razzia beschlagnahmten Infusionen seien kein Beweis gegen ihren Mandanten. Da die Infusionen die Apotheke nicht verlassen hätten, habe Peter Stadtmann sie noch nicht freigegeben. Er hätte sie noch richtig anrühren können. Und aus diesem Grund könne er nicht wegen versuchter Körperverletzung verurteilt werden.

Außerdem sagen die Anwälte, es sei gar nicht nicht möglich, das Konzentrat von Zytostatika in Infusionen nachträglich zu bestimmen. Sie legen ein Gutachten vor, das belegen soll, dass die Untersuchungen des Landeszentrum Gesundheit NRW und des Paul-Ehrlich-Institut keine Beweiskraft hätten.

Den Angaben der Stadtmann-Anwälte widerspricht die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Institutes. Im Europäischen Arzneibuch seien die Methoden beschrieben, mit denen es möglich sei, „monoklonale Antikörper zweifelsfrei in den Infusionsbeuteln nachzuweisen“, schreibt die Sprecherin des Institutes. Anders ausgedrückt: die Anwälte fabulieren Unfug.

Keine echten Zeugen

Die Anwälte sagen, es gebe keine Zeugen, die gesehen hätten, dass Stadtmann Medikamente gestreckt habe. Er habe schließlich regelmäßig alleine gearbeitet. Es gebe auch niemanden, der schwören könne, dass er seine Mitarbeiter angewiesen habe, Medikamente zu strecken.

Hier geben die Verteidiger von Peter Stadtmann zu, dass ihr Mandant gewohnheitsmäßig gegen das vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip verstoßen hat.

Verstöße wegen Zeitersparnis

Die Anwälte von Peter Stadtmann sagen, er habe bevorzugt in den frühen Morgenstunden alleine in seinem Labor gearbeitet, um Zeit zu sparen. Dass Stadtmann dabei gegen das gesetzlich vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip bei der Herstellung von Zytostatika verstoßen hat, nehmen die Verteidiger hin. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Alten Apotheke hatten ausgesagt, dass Stadtmann gewohnheitsmäßig früh morgens allein im Labor gearbeitet habe. Die Verteidiger sagen, Peter habe dies nicht getan, um ungestört Medikamente strecken zu können.

Nachdem die Richter am Landgericht Essen die Schriftstücke der Verteidigung gelesen hatten, ließen sie die Anklage gegen Peter Stadtmann zu. Der zuständige Richter ging dabei sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

Die Staatsanwaltschaft hatte nämlich nur die Patienten zur Nebenklage zugelassen, deren Infusionen bei der Razzia sichergestellt wurden. Die anderen Patienten erhielten im Sommer 2017 einen Brief von der Staatsanwaltschaft, dass ihre Strafanzeige abgelehnt worden sei. Dabei stützte sie sich auf ein Gutachten, das sagt, man könne nicht von dem Einzelfall darauf schließen, dass tatsächlich alle Medikamente gestreckt gewesen seien.

Der Richter dagegen lies weitere Nebenkläger zu. Bis heute über 17 Menschen. Ein kleines Mädchen, das seine Mutter an den Krebs verloren hatte, sorgte für den wichtigsten Riss in der Mauer der Staatsanwaltschaft. Der Richter entschied, dass auch sie als Tochter einer Frau, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen hatten und verstorben war, als Nebenklägerin zugelassen werden müsse. Sie sei genauso wie ihre Oma eine Angehörige eines möglichen Gewaltopfers. Ein Durchbruch: Hunderte, tausende Betroffene können nun eine Nebenklage anstreben. Und noch etwas ist damit klar: Es wird im Prozess nicht mehr nur um einen Abrechnungsbetrug gehen, es geht um wesentlich mehr. Aber dazu später.

Die Ausweitung

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NDR

Als Peter Stadtmann verhaftet wurde, war die Alte Apotheke ein Riesenbetrieb mit 60 Mitarbeitern – vom Fahrer bis zum Pharmazeutischen Assistenten, die im Zytolabor arbeiteten. Auf den beschlagnahmten Unterlagen fanden die Ermittler auch die Namen von zwei Mitarbeiterinnen. Sie waren neben Stadtmann für die gepanschten Infusionen verantwortlich. Für 21 der fehlerhaften Proben unterzeichnete die pharmazeutisch-technische Assistentin S., für zwei weitere ihre Kollegin G.

An dieser Stelle wurde den Ermittlern klar, dass es bei dieser Geschichte nicht nur um einen einzigen kriminellen Apotheker geht. Der Fall der Alten Apotheke zeigt, was Menschen für Geld zu tun bereit sind.

Oder zwang Stadtmann seine Mitarbeiterinnen, die Mischungen zu panschen? Steht ihr Name fälschlicherweise unter den Protokollen? Eine Zeugin sagt, dass es nahezu unmöglich sei, die Herstellungsprotokolle und Unterschriften zu fälschen. Wurden die Medikamente also bewusst gestreckt? Wir haben versucht, mit S. zu sprechen, sind zu ihrer Wohnung gefahren. Sie wollte nicht mit uns sprechen. Einen Tag später rief uns ihr Anwalt an. Wir sollen den Kontakt zu seiner Mandantin unterlassen. Die Bottroper Apothekenangestellte wird von einem Düsseldorfer Strafverteidiger vertreten.

Eine Mauer des Schweigens hat sich um die Alte Apotheke gelegt. Angestellte der Apotheke verweigerten reihenweise die Aussage vor den Ermittlern. Sie sagen, sie könnten sich selbst belasten. Wir erfahren aus dem Umfeld der Alten Apotheke, dass Peter Stadtmann seine Mitarbeiter in der Regel 20 Prozent über Tarif bezahlt haben soll. Dazu habe es großzügige Schenkungen gegeben. Die Assistenten hätten in manchen Monaten 6.000 Euro netto verdienen können.

Noch heute arbeiten S. und G. in der Alten Apotheke – so steht es zumindest in einem Schreiben der Anwälte aus der Kanzlei Höcker, die über ein dutzend Mitarbeiter der Alten Apotheke vertreten. Das Schreiben liegt uns vor. Die Anwaltskanzlei Höcker arbeitet nicht nur für die vielen Mitarbeiter aus der Alten Apotheke. Sie ist auch schon für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und diverse AfD-Politiker aktiv geworden. Wir haben die Mutter gefragt, warum sie die Labormitarbeiterinnen S. und G. noch bezahlt. Wieder antworteten die Höcker-Anwälte, diesmal im Namen der Mutter. Sie schrieben, dass sich die Mutter an der „Unschuldvermutung“ orientiere – auch wenn Ermittlungen gegen die Mitarbeiterinnen liefen. Mit anderen Worten: Die Mutter sieht keinen Grund S. und G. zu feuern, auch wenn ihre Unterschriften auf gepanschten Medikamenten prangen.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

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Der Großhandel

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Hüdaverdi Güngör

Die Ermittler fanden auch heraus, dass die Alte Apotheke unter Stadtmann nebenher noch einen nicht genehmigten – und damit illegalen – Großhandel für Arzneien betrieb. Und zwar im internationalen Maßstab.

Der Apotheker kaufte zum Beispiel bei der Essener Firma Noweda Antikörper im Millionenwert ein, ließ sie in Schleswig-Holstein umverpacken und weiter nach Dänemark und Schweden verkaufen. Die Bezirksregierung Düsseldorf behauptet, dass die Packungen der Medikamente unversehrt gewesen seien. Das heißt, Stadtmann hätte diese Wirkstoffe gar nicht gepanscht haben können. Eine unabhängige Prüfung der betreffenden Medikamente hat es aber nicht gegeben.

Stadtmann genoss einen Sonderstatus bei Arzneimittelhändlern. Vor allem bei Noweda. Stadtmanns Monatsumsatz wird in den Papieren des Händlers auf etwa 600.000 Euro beziffert, so dass Noweda ihm schließlich das Sonderrecht einräumte, alles wieder eintauschen zu können. Egal woher es kam. Sogar Produkte, die Peter Stadtmann woanders gekauft hatte.

Damit machte er Geld: Er verkaufte nicht nur Medikamente ins Ausland. Er bezog sie auch von ausländischen Händlern und schickte sie als so genannte Retoure an Noweda. Und Noweda zahlte ihm dafür den deutschen Katalogpreis zurück. Man kann sich das so vorstellen, als könnte man in einem holländischen Marken-Outlet hundert Paar Schuhe zu einem reduzierten Preis einkaufen und diese dann anschließend zum vollen Preis in einer deutschen Filiale zurückgeben – ohne Kassenbon. Denn für die meisten seiner Retouren legte Stadtmann nicht einmal einen gültigen Lieferschein vor.

Neben Krebsmedikamenten retournierte Peter Stadtmann auch gängige Produkte. Allein im Februar 2016 schrieb Noweda ihm 240.000 Euro für Arzneimittelretouren gut. Mit dabei: rund 2.700 Fläschchen Nasenspray.

Die Anwälte von Stadtmann behaupten, dass diese Retouren bei Krebsmedikamenten nie wirklich stattgefunden hätten. Sie sagen, dass ihr Mandant nur so getan habe, als schicke er Medikamente zurück an die Großhändler. In Wahrheit habe er sie aber in der Apotheke weiterverarbeitet. Es sei auch möglich, dass die Alte Apotheke bei der Herstellung der Krebsmedikamente auf Vorräte zugegriffen hätte, die sich von 2001 bis 2012 angesammelt hätten. Abgelaufene Medikamente.

Wie gesagt: Krebsmedikamente sind nur sehr kurz haltbar, sie zersetzen sich. Und können danach zum Gift werden.

Die Dimension des Verfahrens ist kaum zu erfassen. Die nackten Zahlen wirken steif und ungelenk. Man möchte wegschauen und diese Details am liebsten überlesen.

Nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft hat Peter Stadtmann von 2012 bis 2016 insgesamt 4661 Patienten mit Krebsmedikamenten versorgt – seine Lieferungen gingen an 38 Ärzte in sechs Bundesländern. Aber der Apotheker hat nicht erst 2012 angefangen, Krebsmedikamente zu mischen. Die Staatsanwaltschaft legt sich auf diesen Zeitraum fest, weil die Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs laufen, und der verjährt schon nach fünf Jahren.

Doch hinter den Zahlen verbergen sich tausende Schicksale wie das von Bettina Neitzel. Sie liebt es mit ihrem Hund durch den Bottroper Stadtpark zu laufen. Jeden Tag eine Runde. Sie ist gerne bei ihrem Mann, ihrer Familie. Sie lacht gerne. Und sie leidet, weil sie weiß, dass sie gepanschte Krebsmittel bekommen hat, die vielleicht ihre Lebenszeit verkürzt haben.

Seit 2001 soll Stadtmann in der Alten Apotheke Krebsmedikamente angemischt haben. Das geht aus Unterlagen hervor, die den Ermittlern vorliegen. Die Zahl der Patienten, die seitdem Bottroper Medikamente bekommen haben, reicht an die 10000. Bis 2009 war die Mutter von Stadtmann verantwortlich für die Alte Apotheke. Doch: „Während der Zeit, in der unsere Mandantin die Betriebserlaubnis für die Alte Apotheke besaß, ist es nach Kenntnis unserer Mandantin zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen“, sagen ihre Anwälte aus der Kanzlei Höcker.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

Als ihr Sohn bereits im Gefängnis war, übernahm die Mutter die Apotheke wieder – wie genau sie das gemacht hat, erklären wir später. Als neue Inhaberin rief sie die Privatpatienten an. Sie erinnerte daran, dass noch Rechnungen für Krebsmedikamente offen seien. Krebsmedikamente, die ihr Sohn wahrscheinlich gepanscht hatte.

Die Alte Apotheke in Bottrop hat tausende Menschen beliefert, deren Angehörige sich heute fragen, warum das niemand gemerkt hat. Warum der Betrug nicht schon Jahre früher aufgefallen ist. Und warum kein Mitarbeiter etwas gesagt hat. Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst die Geschichte der Menschen kennen, die Peter Stadtmann auffliegen ließen: Martin Porwoll, der die Anzeige stellte. Und Marie Klein, die den letzten Beweis lieferte.

Die Whistleblower

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Die Whistleblower

CORRECTIV / Anna Mayr

Im August 2014 wird Martin Porwoll kaufmännischer Leiter der Alten Apotheke. Porwoll ist wie jeder andere Buchhalter: Man sieht ihm seinen Beruf nicht an. Er trägt ein Hemd und eine Brille mit schwarzem Rand, er fällt nicht auf. Aber er ist ein Ur-Bottroper, war mit Stadtmann auf dem Gymnasium. Bottrop hat fast 120.000 Einwohner, aber manchmal fühlt es sich an, als wären es nur 120.

Porwoll erledigt ab 2013 kleine Aufgaben für den Apotheker, später gibt Stadtmann ihm einen Vollzeitjob. Davon, was im Labor passiert, bekommt Porwoll in seinem Büro nichts mit. Es gehört allerdings zu seinen Aufgaben, Mitarbeitergespräche zu führen. Und als Ende des Jahres 2014 zwei Kolleginnen plötzlich gleichzeitig kündigen, hört er zum ersten Mal davon, was Stadtmann heute vorgeworfen wird.

Beide Kolleginnen arbeiten im Labor – dort, wo die Krebsmedikamente gemischt werden. Im Gespräch mit Martin Porwoll klagen sie über die Hygiene. Und sie sagen, dass Peter Stadtmann die Medikamente unterdosiere.

Im Labor der Apotheke war das bekannt. Aber sonst hat es niemand mitbekommen. Weil in Deutschland keine Behörde kontrolliert, ob die Krebs-Apotheken die Infusionsbeutel wirklich mit Medikamenten befüllen. Hygiene-Kontrollen gibt es, aber nur alle drei Jahre, meist mit Ankündigung.

Es wäre einfach, Infusionen unangekündigt zu kontrollieren. Jeden Tag gibt es Infusionen, die nicht beim Patienten ankommen. Zum Beispiel, weil der Patient krank ist und nicht stark genug. Diese Infusionen gehen zurück in die Apotheken. Man könnte sie aber auch zur Analyse ins Gesundheitsamt schicken. Dass man damit kriminelle Apotheker überführen kann, dafür ist diese Geschichte ein Beispiel. Aber dazu später.

Was die Kolleginnen ihm erzählen, ist für Porwoll unfassbar. Er hält es erstmal für ein Gerücht. Gerüchte holt man heraus, wenn man sie braucht – zum Beispiel in einem Kündigungsgespräch, um den ungeliebten Chef anzuschwärzen.

Im Sommer 2015 bekommt Porwoll eine neue Büro-Nachbarin: die pharmazeutisch-technische Assistentin Marie Klein, seit ein paar Monaten Mitarbeiterin im Labor. Sie ahnt längst, das dort etwas nicht in Ordnung ist. Dann fassten die anderen Kollegen Vertrauen zu ihr. Sie erinnert sich, dass über Medikamente getuschelt wurde, die abgerechnet wurden, ohne dass es sie gab.

Die Anzüge vom Chef sind aus Teflon. Da prallt alles dran ab, damit kann man auch steril arbeiten.

Porwoll und Klein sehen sich fast jeden Tag. Sie verstehen sich gut, sie haben den gleichen Humor. Sie fangen an, Witze zu machen.

Die Krebsmedikamente hier sind der Beweis dafür, dass Homoöpathie wirkt.

Sie sprechen die Wahrheit aus, die sie beide kennen, aber nicht kennen wollen.

Wie Jesus Christus Brot und Wein, so kann Peter Stadtmann per Handauflage Wirkstoffe verdoppeln.

Vielleicht waren es diese Witze, die dafür gesorgt haben, dass Martin Porwoll verstand, dass er derjenige war, der alles beweisen konnte. Vielleicht auch nicht. Aber Porwoll wurde klar, dass er, der kaufmännische Leiter, auf alles Zugriff hatte: Zahlen, Rechnungen, Rezepte. Was ihm fehlte, war eine Gelegenheit, ein paar Stunden allein im Büro.

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Martin schaut in die Bücher

NDR

Die bietet sich an einem Abend im Januar 2016, als Handwerker in der Apotheke den neuen Arznei-Lagerautomaten aufbauen. Das geht nur nach Ladenschluss, Porwoll bleibt als einziger der Angestellten bei den Handwerkern. Als alle weg sind, sucht er aus seinen Unterlagen alle Rezepte für das Medikament Opdivo aus den letzten Monaten heraus. Das Medikament ist da erst seit ungefähr einem halben Jahr zugelassen, nur wenige Patienten bekommen es, deshalb sind die Zahlen übersichtlich. Er rechnet zusammen, wie viel Opdivo Stadtmann in dieser Zeit abgerechnet hat. Er kommt auf 52.000 Milligramm. So viel Opdivo müsste in den Infusionsbeuteln gewesen sein. Für so viel Opdivo hat Stadtmann Geld bekommen.

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Porwoll rechnet zusammen

NDR

Dann rechnet Porwoll nach, wie viel Opdivo eingekauft wurde – wie viel des Medikaments sich überhaupt in der Apotheke befunden haben kann. Porwoll weiß nicht, was er finden will. Am liebsten wäre ihm Erlösung gewesen, der Gegenbeweis, der das Gerücht zum Gerücht macht und damit unwahr. Er addiert die Einkaufsrechnungen: 16.000 Milligramm. Das sind 36.000 Milligramm zu wenig. 36.000 Milligramm, für die Stadtmann Geld bekommen hat. 36.000 Milligramm, die nicht nur auf der Einkaufsrechnung fehlen, sondern in den Blutkreisläufen von Patienten. 100 Milligramm Opdivo kosten etwa 1.300 Euro. Anstelle von 34.000 Euro Gewinn machte Stadtmann mit dem Phantom-Opdivo 615.000 Euro, fast 20 Mal mehr. In einer Stunde, mithilfe einer einfachen Excel-Tabelle, wird das Gerücht zu einem ernst zu nehmenden Verdacht.

Ab da legt sich Porwoll jeden Abend nach der Arbeit in die Badewanne. 40 Grad. Er kocht sich selbst ab. Er wäscht den Dreck weg. In den nächsten Monaten sammelt er weitere Beweise in der Buchhaltung und reicht eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ein.

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Marie Klein steckt Beutel ein

NDR

Im Oktober bringt seine Kollegin Marie Klein den entscheidenden Beweis zur Polizei. Sie, die PtA, nimmt an diesem Arbeitstag die Retouren entgegen, die Infusionen, die nicht an die Patienten gehen konnten – die, mit denen man Stadtmann überführen kann. Sie nimmt einen Beutel heraus und schiebt ihn unter ihre Jeansjacke. Als später ein anderer Kollege die Beutel zählt, fällt ihm auf, dass eine Infusion fehlt. Marie Klein schaut weg und schweigt.

Die Staatsanwaltschaft lässt den Infusionsbeutel prüfen. Er enthält gar keinen Wirkstoff.

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Ermittler mit Beutel in der Hand

NDR

Die Verteidiger von Peter Stadtmann halten Porwoll und Klein nicht für glaubwürdig. Und auch der Infusionsbeutel, den Marie Klein zur Polizei gebracht hatte, habe keinen Beweiswert. Die Anwälte sind überzeugt, dass man Zytostatika gar nicht in Infusionen nachweisen könne. Zudem sei der Weg des Infusionsbeutels nicht ausreichend dokumentiert worden.

Es ist bedauerlich. Schon im November 2016, vor einem Jahr, hätte man verstehen können, wie groß dieser Fall ist. Man hätte die Erschütterungen voraussehen müssen, die dieser Fall im Leben von Krebspatienten haben würde. Man hätte auch schon überlegen können, was die Menschen brauchen, die gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Eine Anlaufstelle mit psychologischer Beratung. Einen Rechtsbeistand. Oder überhaupt: Information.

Niemand hat diese Gedanken öffentlich gedacht. Wahrscheinlich, weil jeder in der städtischen Elite von Bottrop sich bereits einen Gefallen von Peter Stadtmann tun ließ. Sein Vermögen und sein Beruf haben Stadtmann davor geschützt, dass die Dimension des Falls sofort klar wurde.

Aber nicht nur das – Peter Stadtmann hat ein Verbrechen begangen, das es so noch nicht gab. Die Onkologen, die Stadt Bottrop, die Gesundheitsämter, auch die Staatsanwaltschaft standen alle vor dem gleichen Problem: Es gab keine Handlungsanweisungen und kein Protokoll, dem man hätte folgen können.

Wenn ein Flugzeug abstürzt, wissen die Regierung, die Fluggesellschaft und der Flughafen, was zu tun ist. Sie richten einen Krisenstab ein, die Angehörigen der verunglückten Passagiere werden medizinisch und psychologisch versorgt, Ermittler forschen nach den Ursachen des Absturzes. Opferausgleich und Entschädigungen werden geregelt. In Bottrop gab es keine Abläufe. Obwohl tausende Patienten und deren Angehörige betroffen sind, hat das Gesundheitsministerium in NRW bis heute versäumt, die Organisation eines Krisenstabes in die Hand zu nehmen. Bis heute ist nicht klar, ob man und wenn ja, wer die betroffenen Patienten informieren soll. Und wer sie oder deren Angehörige im Notfall therapieren soll.

Im November 2016, zwei Tage nachdem die Polizei Peter Stadtmann festnimmt, wird Martin Porwoll noch einmal in die Apotheke zitiert. Dort erwarten ihn die Eltern von Stadtmann und dessen Anwalt und überreichen ihm die Kündigung. Sie werfen ihm vor, dass er nicht versucht hatte, die Sache intern zu klären. Marie Klein bekam ihre Kündigung per Post.

Getan hat sich seitdem nicht viel. Die Apotheke bleibt geöffnet.

Nach der Verhaftung verbreitet das Gesundheitsamt in Bottrop sogar Falschinformationen – auf Grundlage von Porwolls Anzeige. Für fünf Wirkstoffe hatte der Whistleblower als Beweis die Buchhaltung durchgerechnet. Und nur diese fünf Wirkstoffe veröffentlicht das Bottroper Gesundheitsamt auf seiner Website. Über eine Hotline beschwichtigt man die Patienten, die andere Wirkstoffe bekommen haben. Dabei hat Porwoll immer betont, dass da etwas im großen Stil passiert. Trotzdem werden bis zum Sommer 2017 viele Betroffene fälschlicherweise beruhigt, weil das Gesundheitsamt die Liste sieben Monate lang nicht auf ihrer Internetseite aktualisiert – und bei der Hotline nicht die volle Wahrheit sagt.

Die Betroffenen

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Onko Mädels im Patientenraum

NDR

Martin Porwoll hat nicht nur Zahlen addiert. Er hat Rezepte gesehen, auf denen die Namen von Patienten standen. Namen von Menschen, die gegen Krebs kämpfen, Menschen aus Bottrop, Düsseldorf und weiteren Gemeinden. Niemand informierte sie. Wer es nicht in der Zeitung las, weiß bis heute oft nichts davon.

Auch Heike Benedettis Name stand auf den Rechnungen der Alten Apotheke. Aber sie erfährt von der Sache nicht von ihrem Arzt, vom Gesundheitsamt oder der Staatsanwaltschaft. Sondern auf Facebook. „Bottroper Apotheker panschte Krebsmedikamente“ titelte dort der lokale Radiosender. Benedetti schreibt einen Kommentar: „Hoffentlich nicht die Alte Apotheke, da habe ich meine Krebsmedikamente herbekommen.“ Kurz darauf hat sie eine Nachricht von einem Redakteur des Lokalradios. Ob sie für ein Interview vorbeikommen wolle. Es ginge um die Alte Apotheke.

Stadtmann hat bereits Krebsmedikamente für Heike Benedettis Eltern gemischt. Beide sind an der Krankheit gestorben. Als sie selbst Brustkrebs bekam, hat Benedetti ein Stoßgebet zum Himmel geschickt: „Mama, Papa, ich komm noch nicht zu euch hoch.“ Zu ihrem Mann hat sie gesagt: Das ist jetzt ein etwas schlimmerer Schnupfen. Das geht vorbei.

Benedetti ist Mitte 40, in der Schule war sie eine, die sich unter dem Tisch versteckt hat, sie schaute weg, wenn der Lehrer eine Frage stellte. Heute ist das alles anders. Sie spricht mit Journalisten, mit Politikern. Sie ist zur Aktivistin geworden. Weil sie nicht nur ihre Eltern verloren hat, sondern auch fünf Freundinnen – fünf Freundinnen, die Brustkrebs hatten. Sie lernten sich 2014 kennen, standen gemeinsam die Krankheit durch, dann haben sie sich verloren. Und Benedetti wird den Gedanken nicht los, dass das nicht hätte sein müssen.

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Selfie der Onko Mädels

Heike Benedetti

Ihre Freundinnen bekamen die Nebenwirkungen von der Chemotherapie nicht – genau so, wie es andere Betroffene erzählen. Kein Haarausfall, keine Übelkeit. Aber die Ärzte meinten, das wäre normal. Erst nach der Festnahme von Peter Stadtmann, als die Medikamente aus einer anderen Apotheke geliefert wurden, kamen die Nebenwirkungen. Doch da war es schon zu spät.

Dabei hätte es schon 2013 eine Chance gegeben, den Apotheker auffliegen zu lassen. Ein Jahr vor Benedettis Diagnose.

Die erste Anzeige

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NDR

Im Herbst 2013 entscheidet Ralf Umbreit, der als Häftling der JVA Willich sitzt, reinen Tisch zu machen. Es ist Halbzeit seiner siebenjährigen Haftstrafe. Umbreit nimmt sich ein kariertes Blatt Papier, einen schwarzen Fineliner und beginnt einen Brief an die Kriminalpolizei in Essen. Er schreibt, dass der Apotheker Stadtmann aus Bottrop Steuern hinterzieht, indem er Krebsmedikamente unterdosiert. Er schreibt, dass er von der Geschichte seit 2001 weiß, weil seine Ex-Frau in der Apotheke gearbeitet hat. Sie hat ihm davon erzählt. Der Häftling ist nicht dumm, aber er hat auch nicht Jura studiert. Umbreit hat keinen Anwalt. Er kann keine Anzeige formulieren, die überzeugend ist. Und: Er ist ein geschiedener Mann Mitte 40, der wegen eines Sexualdelikts im Gefängnis sitzt. Er sagt bis heute, dass er unschuldig ist. Ein schwieriger Zeuge. Seinen Brief schickt er an seine Mutter, sie tippt ihn ab und sendet ihn an die Staatsanwaltschaft in Essen. Und die befragt zu der Sache genau zwei Zeugen.

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Ermittlungsverfahren

CORRECTIV / Benjamin Schubert

Zuerst sprechen die Ermittler mit der Ex-Frau des Häftlings, Mitarbeiterin der Alten Apotheke, die alles abstreitet. Dann befragen sie Stadtmann zu den Vorwürfen, der über seinen Anwalt ebenfalls alles abstreitet. Wörtlich hieß es damals im Brief des Anwalts: „Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen, indem er deren Leiden verschlimmert oder gar deren Leben verkürzt, indem er weniger als die erforderliche Menge Zytostatikum anmischt. Mein Mandant ist im Gegenteil sozial sehr stark engagiert und hilft wo er nur kann.“

Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen…

Damit stehen die Beamten vor einem Bild, das zwei Seiten hat: Auf der einen sieht man Umbreit, einen verurteilten Sträfling, der mit einer irren Geschichte seine Ex-Frau belastet und deren Arbeitsplatz gefährdet. Auf der anderen steht ein Apotheker, ein Mann, den man aus Vereinen kennt, der Geld spendet, freundlich grüßt, Anzüge trägt. Ein wichtiger Arbeitgeber. Das Ergebnis: Ermittlungen eingestellt.

Die Anzüge von Stadtmann sind zwar nicht aus Teflon, wie Martin Porwoll und Marie Klein gewitzelt hatten – aber sie waren teuer genug, dass jede Anschuldigung daran abprallte.

Die Gefühlskälte

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NDR

Peter Stadtmann besaß eine neonlichtige, brutale Gefühlskälte. „Die hat doch sowieso keine Chance“, soll er einmal über eine Krebspatientin gesagt haben. So erinnert sich ein Zeuge des Gesprächs. Es ging um eine Frau, deren Namen er kannte, die ihm nahe stand.

Manchmal bestellte Stadtmann Handwerker in die Apotheke, nur um sie dann zu ignorieren.

Er demonstrierte seine Macht, indem er seine Mitarbeiter vor außenstehenden Geschäftspartnern demütigte. Bei einer Besprechung in seiner Apotheke warf er einen Stift auf den Boden, rief eine Angestellte: „Da liegt ein Stift. Heb den auf.“ Die Frau hob den Stift auf.

Ein anderes Mal zog er seine Brille ab und gab sie einer Angestellten zum Putzen. Und während sie putzte, warf Stadtmann einen Blick in die Männerrunde aus Geschäftspartnern. Dieser Blick sagte: „Habt ihr gesehen. Ich kann das.“

Stadtmann machte sich in Bottrop breit, in der Fußgängerzone gehören ihm viele Häuser. Auch die sind als Wohltat getarnt. Die „Medi-City“ sollte ein Stadtentwicklungskonzept für Bottrop sein; verschiedene Fachärzte im Umkreis von 150 Metern, alles in der Innenstadt, alles um seine Apotheke herum.

In den Häusern, die Stadtmann gekauft hat, haben sich viele Arztpraxen eingemietet. An jedem Haus hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Weil Gesundheit ein Geschenk ist“.

Seine wichtigsten Abnehmer waren die beiden Onkologen Dirk Pott und Christian Tirier. Sie haben eine onkologische Gemeinschaftspraxis in Bottrop. Zu ihnen habe Stadtmann ein enges Verhältnis gehabt, sagt eine Bekannte. Sie erinnert sich, dass Stadtmann in der ersten Jahreshälfte 2010 viel mit diesen Ärzten beschäftigt gewesen sei: Er habe Geschenke besorgt und sie mehrmals wöchentlich abends besucht. Die Ärzte der onkologischen Praxis haben bis zur Veröffentlichung Fragen zu diesem Sachverhalt nicht beantwortet.

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Drohnenaufnahme von Stadtmanns Luxusvilla

NDR

Stadtmann wohnte allein in einem Haus in Kirchhellen, einem wohlhabenden Stadtteil von Bottrop. Das Haus ist der wahrgewordene Traum eines exzentrischen Zwölfjährigen: Eine Rutsche führt vom Badezimmer in den Pool im Erdgeschoss. Im Keller steht eine Modelleisenbahn, die er nicht selbst gebaut hat. Im Garten stehen Kunstwerke, wahllos zusammengewürfelt. Er hatte Pläne für diesen Garten: Eine Ecke sollte Atlantis gewidmet sein, eine Ecke Grimms Märchen – sein privater Themenpark. Um festzulegen, wie hoch das Haus werden sollte, ließ er einen Kran an dem Gelände in die Höhe fahren und ausmessen, von welcher Höhe man auf die letzte Kohleanlage des Ruhrgebietes schauen kann. Das Bauamt hatte nichts gegen die Pläne einzuwenden.

Auf den Videos der Überwachungskameras ist zu sehen, dass er dort von Zeit zu Zeit Damenbesuch hatte. Ganz allein war er auch nicht: Stadtmann hielt eine Labradorhündin, die auf den Namen Grace hört. Grace wie Grace Kelly, weil Stadtmann fand, dass er selbst aussieht wie der Fürst von Monaco – so sagt es eine Zeugin. Seit Stadtmann im Gefängnis sitzt, kümmert sich sein Vater um die Hündin und spaziert mit ihr durch die Stadt.

Die Mutter

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Peter mit seiner Mutter

Correctiv

Auch die Mutter von Peter Stadtmann hat reagiert. Sie versucht mit einer Schar von Anwälten, die Lage in den Griff zu kriegen und das Vermögen der Familie in Sicherheit zu bringen.

Da ist der Versuch, die Whistleblower  einzuschüchtern. Das erscheint nötig, seit Martin Porwoll den Skandal erklärt. Er hat beim Apothekerverband vorgesprochen, mit Betroffenen geredet, immer wieder betont, dass es Mitwisser in der Apotheke gab. Dafür hat er eine Abmahnung der Kanzlei Höcker bekommen, die 18 Mitarbeiter der Alten Apotheke und die Mutter von Stadtmann vertritt. Für die Abmahnung soll Martin Porwoll 3.456 Euro zahlen. Und schweigen, aus Angst nochmal Tausende von Euros zu berappen.

Dann ist da der Griff der Mutter nach dem Vermögen von Peter Stadtmann. Dem Familienvermögen.

Am 26. Januar fuhr der Notar Andreas S. in das Wuppertaler Gefängnis, in dem Peter Stadtmann in Untersuchungshaft sitzt. Dort ließ er sich von dem Apotheker mehrere Dokumente unterschreiben. Die Alte Apotheke wurde so vom Sohn auf die Mutter übertragen, damit das stuckverzierte, rosa Haus nicht beschlagnahmt werden kann, um Betroffene zu entschädigen. So steht es als Grund der Übertragung im Vertrag zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter zahlte für diese Übertragung nichts an ihren Sohn. Sie bekam die Apotheke umsonst.

Gleichzeitig sicherte sie sich Hypotheken auf weitere Grundstücke von Peter Stadtmann – angeblich als Sicherheit für Darlehen in Millionenhöhe. Geld, das der Sohn seiner Mutter angeblich schulden sollte.

Dass die Mutter sich das Vermögen auf diese Art und Weise sichern konnte, erscheint fast unglaublich. Aus der Haft heraus kann jemand Millionen verschieben?

Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft langsam reagiert. Vielleicht zu langsam. Nach der Festnahme ließ sie zunächst nur eine Hypothek in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro auf die Villa von Peter Stadtmann eintragen.

Die Staatsanwaltschaft ließ nicht das gesamte Vermögen einfrieren. Sie sprach kein Verkaufsverbot für die Häuser von Peter Stadtmann aus, nicht für seine Bilder und Kunstwerke. Die Staatsanwaltschaft ließ Peter Stadtmann monatelang gewähren.

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Obwohl sie im Verlauf der Ermittlungen herausbekam, wie groß der Skandal ist. Wie viele Menschen betroffen sind, wie unermesslich der Schaden ist.

Erst im August 2017 sicherte die Staatsanwaltschaft insgesamt 56 Millionen Euro. Auch dieses Geld würden in erster Linie die Krankenkassen bekommen, wenn ein Gericht den Betrug des Alten Apothekers bestätigen sollte.

Ausreichend Geld für Schadensersatzforderungen der vielen Patienten ist immer noch nicht gesichert. Es gibt aber auch keinen Straftatbestand, der die Handlungen von Stadtmann genau abdeckt. Die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass jemand an Krebs stirbt – ist das Mord? Fahrlässiger Totschlag? Körperverletzung? Sowieso müsste man es erst beweisen. Hat einer der Krebsmedikamente panscht eine Tötungsabsicht?

Die Informationspolitik

Im Fall Stadtmann muss sich nicht nur die Justiz Fragen gefallen lassen. Vor allem Behörden und Ärzte haben versagt. Die Stadt Bottrop hat nach der Razzia und dem Bekanntwerden des Falls nur die Ärzte angeschrieben, die von Stadtmann beliefert wurden. Patienten und Angehörige von Verstorbenen wurden nicht informiert. Denn das ist das besondere an Krebsmedizin: Die Patienten müssen immer genau auf den Zuzahlungsbescheid gucken, um zu wissen, aus welcher Apotheke ihre Medikamente kommen. Und wer schaut auf die Rezeptzuzahlungen des verstorbenen Ehemannes, Ehefrau, Kindes oder Vater oder Mutter? Der Arzt weiß aber genau, woher die Zytostatika stammen.

Am 2. Dezember 2016 schickt die Stadt einen Brief an die Ärzte, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben. In dem Brief werden nur die fünf Wirkstoffe genannt, die der Whistleblower Porwoll aufgelistet hatte. Sonst nichts. Keine Aufforderung dazu, Patienten zu informieren.

Später im Mai 2017 dann: Die Meldung von der Stadt an die Ärzte, dass wesentlich mehr Medikamente betroffen sind. Aber wieder keine direkte, öffentliche Bekanntmachung, damit sich die Patienten unabhängig von ihren Ärzten informieren können.

Und etliche Ärzte klären ihre Patienten nicht aktiv auf. Dies belegen unsere Recherchen. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen. Die meisten gaben an, ihre Patienten nicht informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht oder man wolle die Patienten nicht grundlos aufregen.

Wir haben uns nach langer Überlegung entschlossen, die Namen der Ärzte zu veröffentlichen, die von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekommen haben: damit die betroffenen Patienten von sich aus ihren Arzt fragen können, was zu tun ist.

Ein paar Tage nach ihrem Interview mit dem Lokalradio fährt Heike Benedetti ins Bottroper Marienhospital. Sie selbst ist da schon seit einem Jahr krebsfrei, aber ihre Freundinnen kämpfen zu diesem Zeitpunkt immer noch. Benedetti stellt ihren weißen Geländewagen auf dem Parkplatz ab, sie steigt aus – und läuft ihrer Ärztin in die Arme. Die Ärztin, die ihre Rezepte geschrieben hat, die Rezepte mit den richtigen Wirkstoffmengen. Sie begrüßen sich freundlich, dann fragt die Ärztin, was Benedetti denn im Krankenhaus wolle. „Das können Sie sich doch wohl denken“, sagt Benedetti. Laut Benedetti hat die Ärztin daraufhin nur gelächelt, genickt und ist weitergegangen. Am Empfang fragt Benedetti noch einmal nach. „Wir müssen jetzt eben schauen, ob der Krebs wiederkommt“, sagt die Sprechstundenhilfe.
Das ist der Moment, in dem Heike Benedetti anfängt zu zweifeln: Wusste ihre Ärztin davon, dass Peter Stadtmann die Medikamente panschte? Hätte sie nicht wenigstens etwas ahnen können? Wenn sie unschuldig ist, warum spricht sie dann nicht offen darüber? Wir haben die Ärztin mit der Geschichte von Benedetti konfrontiert. Sie hat nicht geantwortet. Auch Benedetti hat keinen Brief erhalten, in dem steht, dass sowohl sie als auch ihre Eltern eventuell gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Es wäre ihr egal gewesen, von wem dieser Brief kommt. Nur die offizielle Nachricht, die hätte sie gerne gehabt.

Man wolle geheilte Patienten nicht verunsichern, sagen manche Ärzte. Die beiden wichtigsten Abnehmer von Stadtmann, der bekannte Düsseldorfer Chirurg Mahdi Rezai und die Onkologie in Bottrop, gehen sogar noch weiter: Sie sagen, dass sie keine Auffälligkeiten in ihren Behandlungsergebnissen festgestellt hätten. Das machen sich wiederum die Verteidiger von Stadtmann zunutze: da kein Schaden angerichtet sei, könne ihr Mandant auch nicht gestreckt haben. Bis heute spricht ein Großteil der Ärzte nur mit den Patienten, die es selbst herausgefunden haben und sich daraufhin melden.

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Selbst ein Gutachter hat im Zuge der Ermittlungen gesagt, dass man von einem womöglich gestreckten Medikament nicht auf einen körperlichen Schaden, bis hin zum Tod, schließen könne. Krebs ist eine schicksalbeladene Krankheit, bei der ein einzelner Fall wenig Aussagekraft hat.

Gewissheit könnte nur eine großangelegte Studie bringen. Für eine Fall-Kontroll-Studie bräuchte man die Behandlungsunterlagen von Betroffenen, die alle eine ähnliche Krebsart haben, zum Beispiel Brustkrebs. Man wirft sie dann zusammen mit einer Kontrollgruppe, die ordnungsgemäße Medikamente bekommen hat. Dann schaut man sich alle Unterlagen gesammelt an. Und sucht sich die Patienten heraus, die besonders schnell gestorben sind oder bei denen der Krebs zurückgekommen ist. Wenn sich dann feststellen lässt, dass Patienten, bei denen die Erkrankung besonders schlecht verlaufen ist, überwiegend häufig aus der Alten Apotheke versorgt wurden, hätte man den Beweis. Den statistischen Beweis dafür, dass Stadtmann Menschen geschädigt hat.

Infografik: Die gepanschten Wirkstoffe
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CORRECTIV

Davon sind betroffene Onkologen überzeugt, und auch das Gesundheitsamt in Düsseldorf. Allerdings kostet so eine Studie Geld, ungefähr hunderttausend Euro, auf eine genaue Zahl will sich kein Interviewpartner festlegen. Das Geld müsste das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium bereitstellen. Das Ministerium, das den Fall bis jetzt nicht an sich gezogen hat.

Die Ergebnisse so einer Studie werden weh tun: Entweder den Angehörigen der Verstorbenen, weil sie dann wissen, dass sie wohl noch mehr Zeit mit ihren Liebsten gehabt hätten. Oder der Pharmaindustrie – weil Peter Stadtmann dann bewiesen hätte, dass die teuren Krebsmedikamente keinen Einfluss auf Heilungschancen haben.

Seitdem Heike Benedetti weiß, dass Stadtmann Medikamente panschte, dreht sich in ihrem Kopf ein Karussell, auf dem immer wieder die gleichen Gedanken vorbeifliegen: Die Angst, dass der Krebs jetzt zurückkommt, weil die Chemotherapie nur halb wirksam war. Die Wut darüber, dass ihre Freundinnen heute noch leben könnten. Der Gedanke, dass ihre Kinder noch ein paar Jahre länger Großeltern gehabt haben könnten. Die Sorge, dass jemand in ihr Leben eingegriffen hat, ohne dass sie es merkte.

Für Geld interessiert Heike Benedetti sich nicht. Es geht ihr darum, dass endlich jemand zuhört. Dass jemand den Fall so ernst nimmt, wie er ist. Das Leid erkennen, den Betroffenen zuhören – monatelang hat das niemand getan. Und das so etwas nie wieder passieren kann. Heike Benedetti will, dass die Kontrollen der Krebsapotheken verbessert werden.

Und zunächst sah es ganz gut aus. Als der Krebsskandal begann, war mit Barbara Steffens eine Ministerin der Grünen für das NRW-Gesundheitsministerium verantwortlich. Sie wurde im Mai abgewählt. Der neue NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) wollte kurz nach seiner Ernennung auf den Fall reagieren. Also hat er im August 2017 einen Erlass geschrieben und an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen geschickt. Die Nachricht: Alle Gesundheitsämter müssen ihre Kontrollen der Krebslabore neu ausrichten, verbessern, verschärfen. Aber tatsächlich verändert Laumanns Erlass wenig. Der Erlass bekräftigt nämlich nur, was bereits besteht: Unangemeldete Kontrollen von Apotheken sind möglich. Das war vorher auch schon so. Die Amtsapotheker durften auch schon immer die sterilen Räume kontrollieren und sie durften auch schon immer Proben aus den Infusionen ziehen. Auch ohne Ankündigung.

Nur macht das kaum einer. Und daran ändert auch Laumanns Erlass wenig.

Der Minister traf sich weder mit uns noch mit Betroffenen.

Die mobile Lokalredaktion

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Die mobile Lokalredaktion von CORRECTIV

Hüdaverdi Güngör

Folgt man den Ermittlern, hat der Apotheker Peter Stadtmann Gewalt über die Patienten ausgeübt, ihnen Schaden zugefügt, ohne dass sie es bemerkten. Soll man ein unwissendes Opfer aufklären? Ist die Unwissenheit nicht viel angenehmer als das Gefühl, Opfer zu sein? Oder ist es das Recht eines erwachsenen Menschen, darüber informiert zu werden, dass ihm etwas angetan wurde?

Keine Kommission, kein Untersuchungsausschuss, keine Experten haben sich bis jetzt mit diesem Fall befasst. Stattdessen überließ man all diese Fragen den Ärzten: Sie können ihre Patienten informieren, aber sie müssen nicht. Die Ärzte aber haben hunderte Patienten und keine Zeit dafür, mit jedem ein Gespräch zu führen. Deshalb machen sie sich die Entscheidung leicht und informieren nur, wenn jemand von sich aus nachfragt.

Alles ist schiefgelaufen.

Und wenn alles schief läuft, dann muss wenigstens Journalismus noch funktionieren. Die Dinge öffentlich machen. Über das Versagen reden. Das kann helfen.

Im Sommer 2017 war ganz Bottrop voll mit Menschen, die sich Sorgen gemacht haben. Und kaum jemand hat mit ihnen geredet. Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns entschlossen haben, das Schweigen zu brechen.

Wir wussten, es reicht nicht, nur zu berichten oder leise zu recherchieren. Wir wollten Ratgeber-Journalismus machen. Service-Texte schreiben für die Menschen, die in der Luft hängen, unwissend sind, Fragen haben. Dann sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben ein journalistisches Service-Center eröffnet – eine mobile Lokalredaktion.

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Veranstaltung in der mobilen Lokalredaktion

Hüdaverdi Güngör

Wir haben ein Ladenlokal bezogen, das knapp 50 Meter von der Alten Apotheke entfernt ist. Hier wollten wir Bottrop informieren und vor allem zu Wort kommen lassen. Vielleicht wollten wir auch provozieren – in der ganzen Stadt war so viel Stille, dass irgendjemand laut sein musste. Wir waren Kummerkasten und Litfaßsäule. Wir haben Menschen dazu eingeladen, uns bei der Recherche zu helfen. Wir haben sehr oft einfach nur zugehört und kein Wort mitgeschrieben. Am Ende hatten wir das Gefühl, dass sich etwas in Bottrop gewandelt hat. Ob es auch ohne uns passiert wäre, werden wir nie wissen.

Heike Benedettis Kampf beginnt bei einer Tasse Kaffee in unserer mobilen Redaktion. „Wir möchten uns anmelden“, sagt Benedetti, sie ist mit einer Freundin da. Sie sind gekommen, weil Gabi nicht mehr lebt. Gabi, ihre Freundin, die auch von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekam und vor zwei Tagen verstorben ist. Benedetti setzt sich, nach vorne gebeugt, die Hände auf dem Tisch gefaltet, mit einem Blick, der fragt: „Darf ich hier sein? Bin ich betroffen genug, auch wenn ich selbst noch lebe?“  Dass diese Frau in einem Monat zur einer der Sprecherinnen der Betroffenen wird, das wissen wir da alle noch nicht. Früher waren sie und ihre Freundinnen eine Kaffeeklatschrunde, die Onko-Mädels, Frauen, die sich in der Therapie kennengelernt hatten. Mittlerweile organisieren sie die dritte Demonstration, Benedetti wird wieder eine Rede halten.

Journalisten machen sich mit nichts gemein, das hat mal irgendjemand in ein schlaues Buch geschrieben. Nur auf die Dinge gucken und mitschreiben. Bloß nicht einmischen. Wir haben uns in die Fußgängerzone gesetzt, „Informationen zum Fall der Alten Apotheke“ an die Fenster geschrieben und zu Gesprächen eingeladen. Wir hatten einen klaren Standpunkt: Alle Betroffenen und alle Angehörigen müssen informiert werden.

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Tafel mit Veranstaltungen

An einem Tag stürmt eine Frau durch die Tür, etwa 70 Jahre alt, sie geht leicht gebückt und hält einen Jutebeutel in der rechten Hand. „Hat der bei meinem Mann auch gepanscht?“, fragt sie, immer wieder. Eigentlich hätte sie alles lieber verdrängt. Schwer genug, über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Aber ihr Sohn, der will einen Anwalt nehmen. Da hat er gefragt, ob sie Informationen bekommen könnte. Nun sitzt sie hier und muss neu anfangen zu trauern.

Wir haben ihrem Sohn einen Brief geschickt mit Info-Material und der Bitte, seiner Mutter Abstand von der Sache zu lassen. Sie ist noch ein paar Mal am Lokal vorbeigelaufen, ihren Blick nach unten gerichtet. Hoffentlich hat sie es geschafft, uns zu vergessen.

Gleichzeitig gibt es da Menschen, die sich ohne dieses Ladenlokal nicht gefunden hätten. Die überhaupt erst den Mut bekamen, sich für ihre Interessen einzusetzen.

Die Bewegung

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Heike Benedetti bei der zweiten Demonstration in Bottrop

Benno Gi

Am Abend vor der zweiten großen Demo in Bottrop bastelt Annelie Scholz in ihrer Küche ein Plakat mit dem Foto ihrer toten Tochter Nicole. Es ist bereits 21 Uhr. Plötzlich steht ihre Enkeltochter Lara im Türrahmen. „Oma, ich will auch eins, ich will auch für Mama sprechen.“ Das achtjährige Mädchen hält einen Zettel in der Hand, auf den sie mit dickem schwarzen Stift einen weinenden Smiley gemalt hat.„Es ist schrecklich, was dieses Monster gemacht hat“, steht da in krakeliger Kinderschrift. Nicole Abresche ist im Dezember 2016 an Brustkrebs verstorben. Sie bekam ihre Medikamente aus der Bottroper Apotheke.

Annelie Scholz und ihre Enkelin haben es geschafft, dass der Richter ihre Nebenklage zugelassen hat, obwohl Nicoles Infusionen nicht bei der Razzia im November beschlagnahmt wurden. Der Grund dafür ist für den Fall Dynamit. Der Richter folgte dem Paragraph 395 Absatz 2 der Strafprozessordnung: Zur Nebenklage sind Personen berechtigt, „deren Kinder, Eltern, Geschwister, Ehegatten oder Lebenspartner durch eine rechtswidrige Tat getötet wurden“. Damit lässt der Richter im Essener Landgericht zumindest die Möglichkeit zu, dass das Strecken von Krebsmedikamenten zum Tod geführt haben könnte. Außerdem ist die Tür offen für Tausende Patienten und Angehörigen der Verstorbenen, die Krebsmittel aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Früher liefen die Bottroper für ihren Spendenlauf an der Alten Apotheke vorbei. Heute tragen sie Särge vor den Eingang. Es ist der 11. Oktober, Lara und Annelie Scholz stehen gegenüber der Alten Apotheke, Lara trägt den Zettel mit dem weinenden Smiley und der krakeligen Kinderschrift auf ein Stück Pappe geklebt um den Hals. Annelie Scholz hat zwei Löcher in die Ecken gebohrt und ein goldenes Geschenkband hindurchgezogen. Sie stehen zwischen Grablichtern, Großmutter und Enkelin, die erste und dritte Generation einer Familie und betrauern den Verlust der zweiten. Einen Verlust, für den sie den Chef der Alten Apotheke verantwortlich machen, den Multimillionär Stadtmann.

Neben ihnen tragen sechs Männer einen Sarg. Der Sarg ist mit Infusionsbeuteln dekoriert, auf denen die Namen der Medikamente stehen, die Peter Stadtmann gepanscht hat: Xgeva, Topotecan, Cyclophosphamid. Es ist ein Schweigemarsch, der durch die Bottroper Innenstadt zieht – und er wächst. Im September waren sie etwa 150, heute sind es mehr als doppelt so viele Menschen, die an die mutmaßlichen Opfer von Stadtmann erinnern wollen. Manche werden später sagen, die Nummer mit dem Sarg sei übertrieben gewesen. Und manche werden entgegnen, dass es jetzt wichtig ist, dass die Leute hinschauen.

Annelie Scholz hat drei Töchter zur Welt gebracht, 1968, 1970 und 1972. Nicole war die jüngste. Jetzt, mit 65, zieht sie ein weiteres Mädchen groß. Ihre Enkelin. Wenn es nach Annelie Scholz geht, ist Peter Stadtmann dafür verantwortlich, dass Lara ohne Mutter aufwächst.

Drei Tage nach der Razzia, am 2. Dezember 2016, hat Nicole Abresche, Laras Mutter, auf einer Eckbank in der Küche ihres Elternhauses in Bottrop gesessen, ihr Radio hatte sie auf den lokalen Sender gestellt, „Radio Emscher Lippe“. Es wird über den „Apothekenskandal Bottrop“ berichtet. Tonlos sackte Nicole Abresche in sich zusammen. An diesem Tag verlor die junge Mutter ihren Lebensmut. „Die Nachricht hat meine Tochter getötet“, sagt Annelie Scholz.

Für manche der Menschen, die jetzt in der Bottroper Fußgängerzone stehen, ist ihr Kampf zu einer Therapie geworden. Ein Apotheker hat Gewalt über sie ausgeübt, ihr Schicksal bestimmt. Sie wollen ihr Leben zurück.

Die Stadt

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Apotheker Peter Stadtmann, Claus Schwarz (ehem. Stadtspiegel-Chef), Oberbürgermeister Bernd Tischler (SPD), CDU-Chef Hermann Hirschfelder (v.l.n.r.)

CORRECTIV

Wir sind auf der zweiten Demonstration in der Bottroper Innenstadt. „Und nun ein Dankeschön an Herrn Tischler und Herrn Loeven, dass sie sich hinter uns Betroffene stellen“, sagt Heike Benedetti in ein Megaphon, die Sargträger und die Frauen in schwarz stehen versammelt um sie. „Zwar erst nach zehn Monaten und mehreren Anfragen, aber besser spät als nie.“

Der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler hatte Heike Benedetti nach der ersten Demonstration zu einem Gespräch eingeladen. In unsere mobile Lokalredaktion wollten Vertreter der Stadt nur unter der Bedingung kommen, dass wir keine Bild- und Tonaufnahmen ihres Auftrittes machen. Diese Bedingung konnten wir so nicht annehmen.

Jetzt also Bernd Tischler. Wenige Tage vor der Demonstration hat der Oberbürgermeister Heike Benedetti und einige andere Betroffene in seinem Büro empfangen. Erst zu diesem Gespräch hatte er sich dazu entschlossen, sich von einem Bild zu trennen, es abhängen zu lassen. Ein besonderes Bild. Denn in seinem Büro hing ein Werk des Sängers Udo Lindenberg, ein Likörello, mit Farben aus Alkoholika. Lindenbergs Werke kosten auf dem Markt schon mal fünfstellige Beträge. Auf dem Bild sieht man eine Weltkugel, um die die wichtigsten Orte Bottrops arrangiert sind. Auch die Alte Apotheke war auf dem Likörello zu sehen. Sie dominierte die Stadtansicht. Der Oberbürgermeister hatte das Bild sechs Jahre in seinem Büro hängen. Es gehörte Peter Stadtmann. Bernd Tischler ließ seinen Pressesprecher ausrichten, dass er das Bild geliehen bekommen habe, von einer Firma aus der Stadt. Die Firma sagt, dass sie das Bild selber von Peter Stadtmann bekommen habe. Vor dem Besuch von Benedetti verschwand das Bild aus dem Rathaus. Es wurde verhüllt und in einen Keller gebracht.

Von der Stadt Bottrop fühlen sich viele Betroffene verhöhnt. Der Stadtsprecher nutzte ein kostenloses Anzeigenblatt, um den Fall herunterzuspielen. Noch im Sommer, als die Zahl der betroffenen Patienten bereits klar war, zweifelte er diese Zahl der Tausenden in einem Interview als übertrieben an.

In der offiziellen Sponsoringliste der Stadt finden sich nur Geschenke von wenigen hundert Euro von Stadtmann, denn er bezahlte lieber selbst anstelle der Stadt. Das Gegenüber sagte ihm schlicht, was gekauft werden musste. Für das Stadtfest, für eine Bewerbung, für ein Projekt. Wenn ihm die Idee gefiel, überwies Stadtmann das Geld direkt an die Auftragnehmer. Er ließ Sachen geschehen.

Auf der 150-Jahr-Feier der Apotheke ließ Peter Stadtmann den Oberbürgermeister einen Kuchen anschneiden. Es war eine Marketingaktion, ein Tag, an dem Peter Stadtmann zeigen konnte, dass alle ihm zuhören. Aber es war nicht wirklich eine 150-Jahr-Feier. Es gab zwar schon sehr früh eine Alte Apotheke in Bottrop – aber die war an einem anderen Ort und gehörte nicht der Familie von Stadtmann. Die Jahreszahl, die an dem rosa Prunkbau über der Tür hängt, ist gelogen – sie dient nur dem schönen Schein. Eine Zahl, die dem Zweck diente, sich feiern zu lassen.

Der Ausblick

Kurz vor ihrem Tod hat Nicole Abresche ihrer Mutter noch eine Vollmacht erteilt und sie von der Schweigepflicht entbunden. „Mama, bitte sorge dafür, dass dieses Monster richtig bestraft wird“, hat sie gesagt. Das ist jetzt die Mission von Annelie Scholz. Sie hat schon früh einen Antrag beim Gericht gestellt, weil sie als Nebenklägerin im Verfahren dabei sein wollte. Sie wurde zugelassen – genau wie Bettina Neitzel und auch Heike Benedetti und die anderen Onko-Mädels.

Der Skandal der Alten Apotheke ist immer noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen werden Zeugen vor Gericht gehört, neue Ermittlungen angestrengt, Beweise gesichtet. Denn noch immer ist die wichtigste Frage nicht beantwortet.

Warum hat Peter Stadtmann das alles getan?

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Weitere Informationen

Ausführliche Hintergrundberichte und aktuelle Informationen zum Verlauf des Verfahrens finden Sie auf unserer Themenseite zur Alten Apotheke und auf unserem Youtube-Kanal.
Der Film: 30-minütige TV-Dokumentation Der Krebsapotheker – Kochsalz statt Chemotherapie


Zwei der vielen Besucher auf dem Campfire-Festival für Journalismus und digitale Zukunft.© Ivo Mayr / Correctiv

In eigener Sache

Sonne, Zelte, Journalismus: unser Festival

Wochenlang starrten wir auf die Wetter-App. Es half: es gab Sonne satt bei unserem zweiten Campfire-Festival in Düsseldorf. Gut 11.000 Besucher kamen, um über Journalismus und unsere digitalisierte Gesellschaft zu diskutieren. Wir sind beigeistert: Der direkte Austausch funktioniert.

von David Schraven , Marta Orosz

Wir sitzen im Kreis in einem der 18 Zelte am Düsseldorfer Landtag und wollen eigentlich über uns selbst reden: Über die Konkurrenz im Mediengeschäft. Zwei Journalistinnen vom Collectext, ein junges Kollektiv von freien Reporterinnen, suchen den richtigen Umgang mit dem harten Wettbewerb in der Branche. Menschen bleiben stehen, die beruflich nichts mit Journalismus zu tun haben.

Sie beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. „Wie kann man denn noch der Berichterstattung trauen, wenn Journalisten doch auch durch ihren eigenen politischen Präferenzen geprägt sind?“ fragt ein Herr. Die Frage regt zur Debatte an. Hier im kleinen Kreis in einem Festivalzelt unter dem Rheinturm können wir auf Augenhöhe reden.

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Das Campfire-Zeltdorf auf der Rheinwiese vor dem Düsseldorfer Landtag

Ivo Mayr / Correctiv

„Natürlich gibt es eine persönliche Haltung oder sogar einen eigenen Bezug zu vielen Themen, die wir bearbeiten – wie in jedem anderen Beruf auch“, sind wir uns einig. „Doch im guten Journalismus stellen eindeutige handwerkliche Regeln sicher, dass nicht die persönliche Präferenzen der Reporter die Berichterstattung prägt“, sagen die Journalisten im Kreis.

Es ist eine Gesprächssituation, wie wir sie sonst in den Kommentaren unter unsere Artikel oder in sozialen Medien führen – doch hier können wir direkt mit den Menschen sprechen. Die Gräben werden zugeschüttet. Vertrauen aufgebaut.

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In achtzehn Zelten gab es drei Tage lang Diskussionen, Workshops und Lesungen für alle, die Interesse am Journalismus, digitale Themen oder einfach am Austausch haben

Ivo Mayr / Correctiv

„Den Besuchern gefällt die Mischung und der Blick hinter die Kulissen“, berichtet der Deutschlandfunk später über das Festival und findet, dass mit dem Campfire Festival einen ersten Schritt zur Wiederannäherung von Medien und Gesellschaft erfolgt ist. Es ist das Wochenende, an dem am anderen Ende der Republik, in Chemnitz, Journalisten von rechten Demonstranten angegriffen werden.

In den achtzehn Zelten am Platz des Landtags an den drei Spätsommertagen passiert genau das, was wir Medienmacher unter uns an Podiumsdiskussionen und in Feuilletons seit Jahren für den Weg aus der Vertrauenskrise halten: Das Gespräch zu unserem Publikum zu suchen und mit ihnen einen ehrlichen Austausch führen.

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Der Künstler El Marto aus Burkina Faso zeichnete mit Schülern

Ivo Mayr / Correctiv

Der Einladung gefolgt sind auch Medienmacher, wie der Ex-BILD-Chef Kai Dieckmann oder der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Steingart erinnert im Gespräch gleich zum Auftakt des Festivals daran, dass die Menschen viel mehr Transparenz von den Medien verlangen – und das bedeutet auch zu wissen, wer hinter den einzelnen Veröffentlichungen als Autor steht. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagt er.

Wie viel Verantwortung tragen die Medien für den Aufstieg der AfD? Auch diese Frage wurde diskutiert. „Journalisten müssen näher an die Leute rangehen und sich der inhaltlichen Auseinandersetzungen stellen“, sagte dazu CORRECTIV-Geschäftsführer David Schraven.

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Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen gibt Tipps zur sicheren digitalen Kommunikation – nicht nur für Journalisten

Ivo Mayr / Correctiv

Viele Reporter kamen zum Festival, um genau über solche Erlebnisse zu berichten: Wie etwa über die Gangsta-Rap-Szene, die im Kulturjournalismus kaum Beachtung bekommt, während die Jugendliche in diesem Land die oft umstrittenen Zeilen der Rapper millionenfach streamen. Oder wie Hüdaverdi Güngör, Volontär bei CORRECTIV, der für eine Video-Serie „Auf eine Shisha mit…“ Menschen trifft, die über ihre eigene Erfahrungen mit Integration berichten.

Auf dem Festival traten nicht nur im Medienzirkus bekannte Gesichter auf, sondern auch Ali Can, Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“ oder Volker Huß, von der Gewerkschaft der Polizei NRW. Er diskutierte mit Tania Röttger, Leiterin der Faktencheckredaktion CORRECTIV von CORRECTIV und mit dem Spiegel-Reporter Jörg Diehl über Panikmache, Fake News in den sozialen Medien und über die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in Deutschland – Themen, die in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit stark polarisiert haben. Die Gespräche blieben laut unserem Medienpartner Rheinischen Post „ruhig, sachlich, konstruktiv und stets mit einem zuversichtlichen Blick nach vorne.“

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Eine gute Mischung aus Festival-Stimmung und Zukunftsthemen

Ivo Mayr / Correctiv

Dass der digitale Wandel nicht nur für den Journalismus, sondern für alle eine alltägliche Herausforderung darstellt, zeigte auch das große Interesse am Gespräch mit Guido Bülow, der Europa-Chef für Medien bei Facebook über die Verantwortung eines des größten und einflussreichsten Internetkonzerns.

Vor einem Jahr hatten wir Pech: die erste Ausgabe des Journalismus-Festival war nach tagelangem Regen im Schlamm versunken. Vielleicht hatte dieses Jahr El Marto die Sonne mitgebracht. Der Künstler reiste aus Ouagadougou in Burkina Faso an, um seine Graphic Novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ vorzustellen und Workshops im Zeichnen anzubieten. Eine nicht ganz so weite Anreise hatte Zubeyde Sarı, die Co-Chefredakteurin unserer türkischsprachigen Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Sie erzählte, wie sie erst Tage zuvor im Tränengas über eine Demonstration in Istanbul berichtet hatte.

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„Tut was!“ – Can Dündar von #ÖZGÜRÜZ fordert von Europa mehr Engagement für die Demokratie.

Ivo Mayr / Correctiv

Das Campfire-Festival. Das waren drei Tage vor dem Landtag am Rhein. Friedlich, ruhig und freundlich. Wir hatten über 250 Speaker, Workshops, Diskussionen und Gesprächsrunden.

Es war ein Aufbruch. Für uns bei CORRECTIV ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Genauso hatten wir uns das Leben in unserem kleinen Zeltdorf vorgestellt: offen und transparent; zugänglich und freundlich.

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Ivo Mayr / Correctiv

Wir sind sehr froh, dass wir für diesen Traum Partner gefunden haben. Allen voran ist sipgate zu nennen. Direkt bei dem ersten Gespräch hat es gefunkt. Wir haben die gleiche Vision: Wir wollen eine offene, transparente und selbstbestimmte Welt. Als Hauptsponsor hat sipgate das Festival möglich gemacht. Als Partner etliche Panel bespielt. Wir sagen: DANKE!

Dann müssen wir auch der Rheinischen Post danken. Als wir aus Dortmund weggegangen sind, hat Michael Bröker spontan zugesagt, in Düsseldorf mitzumachen. Und es ist toll geworden. Die Rheinische Post hat sich reingehängt. Ein Zirkuszelt auf den Platz gestellt, eine Liveredaktion aufgebaut und etliche spannende Talks organisiert. DANKE!

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Und dann möchten wir der Stadt Düsseldorf danken! Unkompliziert und entgegenkommend hat sie dem Campfire-Festival den Ort gegeben: Oberbürgermeister Thomas Geisel hat den Weg zum Bürgerpark spontan frei gemacht. DANKE!!

Dann noch ein großes DANKE! an all die anderen Partner und Freunde, wie den Ankerherz-Verlag, mit dem wir den Namen ausgeknobelt haben.

Das Campfire-Festival gehört uns, es gehört Euch allen. Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

DANKE AN EUCH ALLE!!

Die Alte Apotheke in Bottrop steht im Zentrum eines der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Peters Opfer und Peters Wahrheit

weiterlesen 7 Minuten

von David Schraven

Peter Stadtmann wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Tat war offensichtlich, die Strafe ist sicher gerecht. 

Wenn ich an Peter Stadtmann denke, sehe ich nicht den verurteilten Apotheker vor mir. Ich sehe den Jungen, der schräg hinter mir in der Schulbank sitzt. Ich sehe den Jungen, der verschmitzt lächelt. Ich sehe den Jungen, der mitspielen will. Der mit uns am Strand in Holland lacht. Den Jungen, der in einem Hochhaus wohnt, ganz oben, wo man zwar eine tolle Aussicht hat, aber nicht einfach über Zäune klettern kann. 

Peter hatte keine schöne Kindheit. Es gab einen Geburtstag, den hat er mit seinen Eltern in einer Eisdiele gefeiert und die Gäste, Schulfreunde, wurden von der Straße hereingeholt, als sie vorbeigingen. Sie bekamen ein Eis spendiert. Händeschütteln. Abtreten. Die Erinnerung an dieses traurige Fest tut mir in der Seele weh. Meine Freunde haben bei Kindergeburtstagen im Dreck getobt, bis die Sonne unterging.

Peter hat etwas Schlimmes getan

Peter hat etwas Schlimmes getan. Er hat Medikamente gepanscht. Er hat Ausreden suchen lassen von seinen Anwälten. Er hat seine Familie ruiniert. Er hat sein Erbe ruiniert. Er hat sein Leben ruiniert. 

Und er hat die Leben von unzähligen Menschen zerstört, die gehofft hatten auf Heilung. Er hat Mütter und Väter zerstört, die um ihre Kinder bangten, und die starben. Er hat die Leben unzähliger Söhne und Töchter zerstört, die ihre Eltern bis in den Tod begleitet haben. 

Ich habe mit den Menschen gesprochen, die nach dem Tod in Bottrop zurückgeblieben sind. Ich habe ihre Tränen gesehen, ich habe ihr Schluchzen gehört.

Ich habe das Kind gesehen, das in einem Foto auf der weißen Tischdecke im Wohnzimmer die verlorene Mutter sucht. 

Ich habe den Mann gesehen, dessen Frau gestorben ist. Ein starker Mann, ein gebrochener Mann, einer der lachen möchte und weint. Einer der beten kann und flucht. Ein Mann, der nur noch lebt, weil sein erstarrtes Herz nicht aufhört zu schlagen.

Die Opfer

Ich habe die Krebskranke gesehen, die auf einem Stuhl sitzt, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien, die nicht an den baldigen Tod denken will. Die aber dennoch weint. Weil ihr im nächsten Jahr die Zeit mit ihren Kindern ausgeht. Sie wird den Schulabschluss nicht erleben, die Hochzeit, die Kindeskinder. Ihr Leben.

Das sind die Opfer.

Peters Opfer. 

Nicht die Opfer des kleinen Jungen, der auch nur geliebt werden wollte.  Sondern die Opfer des Mannes, der sich selbst verloren hat. 

Das Verbrechen ist so groß, dass es kaum erträglich ist. Der Richter hat in seinem Urteil festgestellt, dass Peter seine Taten nur begehen konnte, weil die Apothekenaufsicht, weil die Behörde versagt hat. 

Das Versagen der Behörden

Hat die Behörde auf das Versagen reagiert? Hat sich die Behörde entschuldigt? Hat die Behörde ihr Versagen aufgeklärt?

Nein.

Die Bottroper Behörde hat die Alte Apotheke offengelassen. 

Die Bottroper Behörde hat Fehler abgestritten. 

Die Bottroper Behörde hat die Menschen alleine gelassen. 

Peter und die SPD

Das Wegsehen begann unmittelbar nach der Festnahme von Peter Stadtmann. Verzweifelt wurde nach möglichen Beweisen gesucht, dass doch nicht alles so schlimm war. Die Verantwortlichen haben sich versteckt. 

Man stand sich nah. Bottrops Oberbürgermeister Tischler war der Bernd für den Peter. 

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Der Peter hat Bernds SPD Geld für den Wahlkampf rübergeschoben.

Der Peter hat dem Bernd mal ein Bild „ausgeliehen“.

Der Peter hat Dinge möglich gemacht. 

Die Stadt schwieg lange. 

Wir von CORRECTIV haben das nicht mehr ertragen. Wir haben angefangen zu recherchieren. Haben ein Büro in der Innenstadt aufgemacht. Haben Menschen eingeladen. Ihnen einen Raum gegeben und mit ihnen gesprochen, haben ihre Geschichten aufgeschrieben und sie ernst genommen. Wir haben für viele die Einsamkeit aufgebrochen. 

Dann haben sich die Menschen selbst organisiert. Sie sind auf die Straße gegangen. Haben sich vor unserer Redaktion getroffen und sind marschiert. Zur ersten Demonstration. Im Gedenken an ihre Armen und Kranken. Im Protest gegen das Schweigen. In der Hoffnung auf Veränderung. 

Der Protest der Betroffenen

Es waren viele. Hunderte. 

Wir sind mitgelaufen. Als Reporter beobachtend und doch dabei. 

Heike Benedetti hat ihre erste Rede gehalten. Sie war stolz und klar. Sie war ehrlich und bitter. 

Die Menschen aus Bottrop sind aufgewacht. 

Nun ist Peter verurteilt. Und die Stadt schweigt immer noch zum Behördenversagen. 

Doch weitere Verfahren laufen. Gegen die Schweiger. Gegen die Wegschauer. 

Peter, der Junge von damals, der auch nur Liebe suchte, ist zu einem einsamen Menschen geworden. 

Die Menschen, die ihm geblieben sind, sind nicht ehrlich zu ihm. 

Sonst würden sie ihm sagen, dass er reden muss. Dass er nicht weiter schweigen darf. 

Das Urteil ist gefallen. 

Wenn der kleine Junge noch einmal eine Chance auf Liebe finden will, muss er die Vergangenheit ablegen. Den falschen Beratern entsagen. Und reden. 

Peter: Wir sind da und hören Dir zu

Bis dahin können wir nur den tapferen Whistleblowern Martin Porwoll und Marie Klein danken. 

Sie waren die einzigen, die ersten, die sprachen – während alle anderen noch schwiegen. 

Neue Rechte

Das AfD-Programm entschlüsselt

Am Freitag haben wir den Entwurf des AfD-Grundsatzprogramms veröffentlicht. Am Samstag habe ich auf Facebook eine pointierte Zusammenfassung des Programms geschrieben. Einige Leute haben uns dafür kritisiert und meinten, einzelne Programmpunkte seien zu sehr zugespitzt gewesen. Ich erkläre deshalb hier noch mal im Detail, wie ich zu den Einschätzungen gekommen bin.

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© Weisse Wölfe. Grafische Reportage über rechten Terror von [David Schraven & Jan Feindt]

Weiße Wölfe

Weiße Wölfe

Die Stadt Dortmund tief im Ruhrgebiet hat eine der vitalsten Neonazi-Szenen Deutschlands. Die Gewalttäter haben hier Familien aus ihren Häusern vertrieben. Sie haben im Laufe der Jahre mehrere Menschen umgebracht. Und heute ziehen sie mit Fackeln vor Flüchtlingsheime und schicken Journalisten Todesanzeigen. Wir sind ihren Spuren gefolgt.

Simon Kretschmer

Simon Kretschmer© Christoph Neumann

In eigener Sache

CORRECTIV baut Führung aus

Das Recherchezentrum CORRECTIV erweitert seinen Führungskreis: Simon Kretschmer wird ab Mai 2018 weiterer Geschäftsführer von CORRECTIV. David Schraven bleibt ebenfalls Geschäftsführer. Anfang Februar war bereits Oliver Schröm als Chefredakteur bei CORRECTIV eingestiegen.

weiterlesen 3 Minuten

von David Schraven

„Wir sind sehr froh, Simon Kretschmer für CORRECTIV gewonnen zu haben. Simon ist ein erfahrener Medienmanager und hat renommierte Medienmarken sehr erfolgreich geführt, er kann Organisationen groß machen“, sagt David Schraven.

CORRECTIV wird sich in Zukunft sowohl auf lokale als auch internationale Themen fokussieren, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind. Von internationalen Steuerverbrechen über die Auswirkungen des Klimawandels vor Ort bis hin zur Frage bezahlbaren Wohnraums in deutschen Städten. „Wir wollen uns um Aspekte kümmern, die Auswirkungen auf die Entwicklung der Freiheit und Demokratie in Deutschland und Europa haben“, sagt Simon Kretschmer. „Das ist alles nicht voneinander zu trennen. Dabei soll CORRECTIV nicht nur die Probleme beschreiben, die vor uns liegen, sondern auch dabei helfen, Lösungen zu finden.“

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Als Geschäftsführer von CORRECTIV wird sich Simon Kretschmer um die Geschäftsentwicklung sowie den strategischen und organisatorischen Ausbau des Recherchezentrums kümmern. David Schraven bleibt Publisher und zeichnet für die inhaltliche Strategie verantwortlich.

Simon Kretschmer hat in Kassel, London und Kapstadt Wirtschaftswissenschaften studiert und in Sydney und Seoul gearbeitet. Seine Karriere bei Gruner+Jahr führte ihn in die Verlagsleitung des stern, wo er für unterschiedliche print und digitale Marken zuständig war. Im Oktober 2013 ging Simon Kretschmer für G+J nach Berlin und war zuletzt als Publisher und Geschäftsführer für Capital, Business Punk, 11Freunde und NoSports tätig. CORRECTIV ist Simon Kretschmer bereits seit Sommer 2017 als Mitglied des Kuratoriums verbunden.

Bewertung: falsch

Nein – Der Osterhase wird nicht als Selbstaufgabe unserer Kultur in „Traditionshase“ umbenannt

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weiterlesen 3 Minuten
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von David Schraven

Prominente Politiker aus der AfD vermuten hinter der Bezeichnung „Traditionshase“ anstelle des Wortes „Osterhase“ in Supermärkten die freiwillige Preisgabe Deutschen Kulturgutes. Das stimmt nicht.

Die Botschaft sieht auf den ersten Blick seltsam aus. Auf einem Einkaufsbon der Karstadt Feinkost GmbH & Co.Kg in Hamburg wird statt eines Osterhasen ein „Traditionshase“ gebucht. Der Beleg ist vom 28. März 2018. Um genau zu sein, er stammt von 10:23 Uhr.

Kurze Zeit später geht der Bon mit dem Wort „Traditionshase“ anstelle des Wortes „Osterhase“ über die Sozialen Medien und löst Empörung aus. Die Rede ist von der Selbstaufgabe Deutschlands, von Verlust der Identität, von Boycott Karstadts. Der Jurist Joachim Steinhöfel schrieb am 28. März um 14:31 Uhr auf Facebook: „Die Unterwerfung und die Selbstaufgabe schreiten voran. Ich gebe bei Karstadt keinen Cent mehr aus.“ Ein Shitstorm gegen Karstadt rauschte heran.

„Liebe Karstadtleitung, ich war immer ein Fan eurer Warenhauskette, aber jetzt überschreitet ihr für mich Grenzen der Selbstaufgabe die ich als Kunde nicht mehr mitgehen werde“, schrieb Stefan Steder.

Erika Steinbach ließ da nicht lange auf sich warten. Um 17:03 twitterte sie: „Bei Karstadt gibt es keine Osterhasen mehr, sondern Traditionshasen. Wer mir keine Osterhasen mehr verkaufen will, der kann auch sonst auf mich verzichten…….“

Kurz darauf erschien auch ein Bon der Supermarktkette REWE im Internet. Und auch hier: aus dem Osterhase war ein „Traditionshase“ geworden. Haben die Sprachwandler tatsächlich Deutschland schon soweit unterwandert? Supermarktkette um Supermarktkette, um deutsche Kultur zu zerstören? Ist Deutschlands Osterhase bedroht? Auf jeden Fall geriet Deutschland in Aufregung.

Dabei ist die Aufklärung so leicht.

Per Twitter teilte der „REWE“-Konzerns zum Beispiel mit, das der Lindt-Goldhase seit 1992 auf den Kassenbons als „Traditionshase“ bezeichnet werde. REWE schreibt, dieser Begriff sei durchaus treffend, „da es ihn nach unserem Kenntnisstand bereits seit den frühen 50er Jahren in Deutschland gibt.“

Es gibt also keine neue Sprachwandlung – oder Sprachpanscherei – sondern einen Begriff in einem Warenwirtschftssystem.

Da diese Systeme nicht alle Menschen kennen, erklären wir es kurz:  Als Warenwirtschaftssysteme werden Systeme bezeichnet, mit denen unter anderem Lebensmittelläden ihre Einkäufe und Verkäufe organisieren. Jede Ware braucht hier eine eindeutige Bezeichnung, damit neue Ware bestellt werden kann, wenn sie aus ist. Ob Ware aus ist, wird festgestellt, indem an der Kasse die Ware beim Verkauf eingebont wird. Jede verkaufte Ware wird nach Verkauf in der Lagerliste abgezogen. Wird ein bestimmter, vorher festgelegter Wert in der Lagerliste unterschritten, wird aus dem System heraus eine Nachbestellung der Ware ausgelöst. Das Warenwirtschaftssystem sorgt dafür, dass niemand mehr mit dem Zettel zählen muss, ob noch genügend Waren auf Lager ist.

Nun gibt es sehr viele verschiedene Osterhasen aus Schokolade in deutschen Supermärkten. Wenn man die alle unterschiedslos als Osterhasen bezeichnen würde, könnte das Warenwirtschaftssystem diese nicht mehr auseinanderhalten. Es wäre nicht klar, welcher Hase ausverkauft ist und welcher nicht. Deswegen werden die Schokorammler in der Warenwirtschaft in der Regel alle anderes benannt. Der Milkahase anders als der Kinderschokoladeosterhase und so weiter und so fort. Der Goldhase von Lindt heißt oft „Traditionshase“ in der Warenwirtschaft, weil er schon seit den frühen 1950er Jahren am Markt ist. Mimikama hat drüber berichtet.

Mit anderen Worten: Das Abendland ist nicht in Gefahr. Der Osterhase heißt weiter Osterhase – nur in der Warenwirtschaft wird er zur besseren Unterscheidung auch mal anders bezeichnet.

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Leider erreicht diese Erklärung nicht alle Menschen. Der AfD-Chef Jörg Meuthen meldete sich etwa auf Facebook zu Wort: „Prompt sind natürlich auch die linksgrünen Verteidiger dieser Unterwerfungsgeste aus ihren Löchern gekrochen und sprechen wortreich von ‚Besonderheiten im Warenwirtschaftssystem’. Diesen empfehle ich, einmal über die Besonderheiten in unserem Kultursystem nachzudenken. Kleiner Denkanstoß: Unser Land ist christlich geprägt, nicht islamisch; deshalb heißt es bei uns Osterhase, Osterei und Osterfest — nicht dagegen Traditionshase, Traditionsei und Traditionsfest.“

Das stimmt, allerdings sind diese Begriffe nicht zur Verwaltung eines Supermarktlagers mit vielen verschiedenen Osterhasen geeignet.

Warum erscheint der Begriff erst seit wenigen Stunden bei Google?

Zum Abschluss noch eine kurze Aufklärung zu einer weiteren vermuteten Verschwörung in dieser Sache. Der schon genannte Jurist Steinhöfel schrieb in einem weiteren Post auf Facebook: „Wenn es die Bezeichnung ‚Traditionshase’ angeblich schon seit Jahrzehnten gibt, wie einige schlecht oder gar nicht recherchierte Artikel behaupten, warum gibt es dann ausschließlich Google–Treffer aus den letzten 48 Stunden?“

Die Antwort liegt im System von Google. Ein Begriff wird dann in den Suchvorschlägen oder Autovervollständigung* angezeigt, wenn nach ihm gesucht wird. Nur dann. Vor 72 Stunden hat sich noch kaum jemand auf diesem Planeten für die Bezeichnung für Schokohasen im Warenwirtschaftssystem von Supermärkten interessiert. Das änderte sich erst durch die Proteste von Steinbach und Co. Aus diesem Grund wird erst seit wenigen Stunden das Wort „Traditionshase“ in die Google-Suchmaske eingetippt. Und auch aus diesem Grund werden seit einigen Stunden zu diesem Thema Artikel geschrieben, etwa auch von der FAZ oder Bento.

Man könnte meinen, mit dieser Erklärung wäre nun der Fall „Traditionshase“ endgültig beendet. Falsch. Noch einmal meldet sich AfD-Chef Meuthen zu Wort: Er zieht jetzt die Aufgabe der Identität zeitlich vor. Nicht erst vor wenigen Stunden sei die Identität aufgegeben worden, sondern vor Jahrzehnten, als das Wort „Traditionshase“ in die REWE-Warenwirtschaft eingetippt wurde. „Die Tatsache, dass dieser Begriff bei REWE bereits seit 1992 verwendet wird, macht die Sache grundsätzlich in keiner Weise besser – jedenfalls dann nicht, wenn er seinerzeit gewählt wurde, um sich der seit den 80er Jahren grassierenden ‚politischen Korrektheit’ zu unterwerfen.“ Meuthen spricht von „Sprachverstümmelung“ und weiter: „Wer in all diesen Dingen keine Unterwerfung erkennen kann, möge seine Wahrnehmung ärztlich untersuchen lassen.“

Das Verständnis eines Warenwirtschaftssystems kommt sehr langsam bei Meuthen an.


Update 31. März 2018

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Der umbenannte AfD-Schokohase im Onlineshop der Populisten.

Wenige Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels wird bekannt, dass die AfD von Jörg Meuthen in ihrem Online-Werbemittelversand selbst Osterhasen aus Schokolade verkauft hat – zumindest im Jahr 2017. Diese nannte sie wörtlich: „Schokohasen“. Damit erfüllt die AfD genau die Voraussetzungen der „Sprachverstümmelung“ und „Unterwerfung“, die AfD-Chef Meuthen anprangerte. Erst nach den Angriffen von Meuthen, Steinbach und Co. benannte die AfD ihre „Schokohasen“ um: In „Schokoosterhasen“. Die Umbenennung ist im Bearbeitungsverlauf des Artikels weiter sichtbar.

* in einer früheren Version des Artikels hieß es, Begriffe würden bei Google nur angezeigt, wenn nach ihnen gesucht wird. Diese Aussage bezog sich auf die Autovervollständigung und die Suchvorschläge. Um dies deutlicher zu machen, wurde der Satz entsprechend ergänzt. Danke an Chris71 für den Hinweis.

Unsere Bewertung:
Die Behauptung stimmt nicht.

Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Daten geben Hinweis: Krebsmittel der Bottroper Alten Apotheke könnten für negativen Krankheitsverlauf sorgen

Patienten, die Krebsmittel aus der Alten Apotheke in Bottrop erhalten haben, droht ein schlechterer Krankheitsverlauf als Patienten, die ihre Medikamente aus anderen Apotheken bezogen haben. Dies geht aus einer internen Patienten-Auswertung der AOK Rheinland hervor, die CORRECTIV und Rheinischer Post exklusiv vorliegt.

weiterlesen 9 Minuten

von David Schraven , Marcus Bensmann

Die AOK Rheinland/Hamburg hat den Informationen zufolge intern Krankheitsverläufe von Patienten untersucht, die ihre Chemotherapien aus der Alten Apotheke in Bottrop erhalten haben und mit den Daten von Patienten verglichen, die ihre Arzneien aus anderen Apotheken bezogen haben. Die Ergebnisse sind weitgehend eindeutig. Kunden der Alten Apotheke mussten mit schlechteren Heilungschancen rechnen.

Zur Erinnerung: Der Alte Apotheker Peter Stadtmann ist vor dem Landgericht Essen angeklagt, zwischen 2012 und 2016 über 60.000 Krebsmedikamenten für mehrere tausend Patienten in ganz NRW gestreckt zu haben.

Vor allem die Leidenswege der Patienten mit Leukämie  und Lymphomen sind deutlich. Von rechnerisch hundert Patienten, die ihre Medizin aus der Alten Apotheke bekamen, verstarben bislang 67,3 Patienten – in der Vergleichsgruppe sind es nur 45,9 Menschen.

Ein drastischer Hinweis

Betrachtet man in diesem Fall nur eine Medikamentenart, die Zytostatika, wird es noch deutlicher: Nicht mal mehr jeder fünfte Mensch, der seine Medizin aus der Alten Apotheke bekam, lebt heute noch. Und die Überlebenschance sinkt mit fortschreitender Lebensdauer rapide. In der Vergleichsgruppe hat fast jeder Zweite überlebt. Hier konnten die Leidenswege von 52 Patienten aus Alten Apotheke mit 5140 Patienten anderer Anbieter verglichen werden.

Die Auswertung der AOK ist anonymisiert. Die Daten enthalten keine Namen und keine persönlichen Angaben. Der Sprecher der AOK Rheinland/Hamburg, Christoph Rupprecht, bestätigt, dass die CORRECTIV vorliegende Untersuchung aus seinem Haus stammt. Es handele sich „um erste interne Analysen“, die „noch nicht abgeschlossen“ seien, sagte Rupprecht. Zu den Ergebnissen will er keine Stellung nehmen.

In ihrer Untersuchung haben die Experten der Kasse die Fälle von Versicherten untereinander verglichen, die zwischen 2009 und 2016 unter anderem an Brustkrebs, Leukämien und Lymphome litten — in dem Zeitraum also, in dem Peter Stadtmann die Alte Apotheke führte. Insgesamt konnte die AOK 170 Leidenswege von Stadtmann-Patienten rekonstruieren. Diese Daten wurden mit den Daten von insgesamt rund 13.000 AOK-versicherten Patienten verglichen, die ihre Medikamente bei vergleichbarer Erkrankung aus anderen Apotheken bezogen.

Die Zahl der untersuchten Fälle aus Bottrop ist nicht groß. Der Einzugsbereich der AOK Rheinland/Hamburg geht nur bis Essen, der Großteil der Patienten aus der Alten Apotheke kommt aus dem nördlichen Ruhrgebiet. Aus diesem Grund kann die Untersuchung der AOK Rheinland/Hamburg nur Hinweise geben. Endgültige Aussagen kann nur eine größere Untersuchung bieten, an der mehr Kassen teilnehmen. Insgesamt haben über 4000 Menschen Medikamente aus der Alten Apotheke bezogen.

Schlechtere Chancen bei Brustkrebs

Aber auch mit einer kleinen Vergleichsgruppe erscheint das Ergebnis bei Patientinnen mit Brustkrebs deutlich. So erlitt etwa jede vierte Frau einen schweren Rückfall, wenn sie ihre Mittel aus der Alten Apotheke bezog. Zum Vergleich: Nur rund jede fünfte Frau erkrankte erneut an Krebs oder Metastasen, wenn sie ihre Chemo aus anderen Apotheken erhielt. Hier konnten 78 Patientinnen, die ihre Mittel aus der Alten Apotheke bekamen, mit 3540 Patientinnen verglichen werden, die ihre Arzneien von anderen Anbietern erhielten.

Vergleicht man in dieser Gruppe nur die Rückkehr angeblich besiegter Tumore, wird der Unterschied noch deutlicher. Von rechnerisch hundert Patientinnen, die ihre Medizin aus der Alten Apotheke bekamen, erlitten 14,3 einen Rückfall – in der Vergleichsgruppe nur 4,5 Patientinnen.

Dies passt mit den Ermittlungsergebnissen zusammen: Peter Stadtmann hat nach den Unterlagen der Staatsanwaltschaft Essen unter anderem extrem teure Monoklonale Antikörper gepanscht, deren Ziel es unter anderem ist, die Rückkehr bekämpfter Tumore einzudämmen.

Die Verteidiger von Peter Stadtmann weisen die Vorwürfe gegen ihren Mandanten vor Gericht zurück. Es sei nicht nachgewiesen, dass Peter Stadtmann gepanscht habe. Sie beziehen sich unter anderem auf angebliche Aussagen des Brustkrebsspezialisten Mahdi Rezai aus Düsseldorf und der Ärztegemeinschaft Pott/Hanning/Tirier aus Bottrop. Diese Ärzte waren die größten Kunden der Alten Apotheke und bezogen massenhaft Krebsarznei von Peter Stadtmann. Die Ärzte sollen nach Angaben der Verteidiger gesagt haben, dass es den Patienten mit Medizin aus der Alten Apotheke besser ergangen sei, als dies normale Statistiken nahelegen würden. Auf Nachfrage sagte der Düsseldorfer Arzt Rezai CORRECTIV, er habe in seiner Praxis keine Auffälligkeiten während des Heilungsprozess festgestellt. Die Praxis Pott/Hanning/Tirier wollte sich nicht äußern.

Aufklärung durch breite Untersuchung

Diese Aussage könnte eine umfassende Untersuchung der AOK zusammen mit weiteren Krankenkassen widerlegen. Ein Sprecher der AOK Rheinland sagt: „Je mehr Krankenkassen Auswertungen auf der Basis eigener Daten erstellen, desto verlässlicher werden die Aussagen.“

Das Gesundheitsamt Düsseldorf wirbt seit September 2017 für eine solche Studie. So könne festgestellt werden „ob die Gesamtheit aller Patienten, die mit Krebszubereitungen aus der Alten Apotheke behandelt wurden, schlechter abschneiden als Patienten, die von anderen Apotheken versorgt worden sind“, sagte ein Sprecher des Amtes.

Doch das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium unter Minister Karl-Josef Laumann (CDU) will bislang keine umfassende Untersuchung einleiten. Ein Sprecher sagte, anders „als suggeriert“ sei die vorgeschlagene Studie nicht dazu geeignet, Patienten „im Einzelfall Gewissheit“ zu bringen, „welcher individuelle Schaden entstanden ist.“

Auch die Staatsanwaltschaft in Essen hat an einer entsprechenden Auswertung kein Interesse. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte: Aus den „Materialsammlungen“ der Krankenkassen könnten keine Schlüsse gezogen werden. Und weiter: Kassen seien keine Gutachter.


Update 29. März 2018:

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Nach Veröffentlichung des Artikels hat sich die Staatsanwaltschaft Essen bei uns gemeldet. Sie schreibt, dass wir sie für diesen Artikel nicht nach konkreten Studien gefragt hätten. Deswegen möchte sie, dass wir den letzten Absatz des Textes löschen. Wir werden das nicht tun. Hier erklären wir, warum:

Bei ihrer Aussage, wir hätten sie nicht nach konkreten Studien gefragt, bezieht sich die Staatsanwaltschaft auf die nun bekannte Studie der AOK/Rheinland. Und hier hat die Staatsanwaltschaft recht. Wir haben sie nicht der Studie der AOK befragt. Wir hatten allgemeiner gefragt, ob die Staatsanwaltschaft irgendeine Studie, Untersuchung oder Analyse zu den Krankenverläufen der vielen tausend betroffenen Patienten bei irgendeiner Krankenkassen abgefragt hat. Ob sie also Interesse an einer solchen Untersuchung gehabt hat. Wörtlich haben wir gefragt:

Hat die Staatsanwaltschaft im Laufe der Ermittlungen die Krankenkassen gefragt, die Krankheitsverläufe der Patienten an ihren vorliegenden Unterlagen auszuwerten, die aus der Alten Apotheke Krebszubereitungen erhalten haben?

Die Staatsanwaltschaft schrieb auf diese Frage:

Die Antwort lautet “nein”. (Die Gegenfrage müsste eigentlich lauten, was Sie glauben, welche Erkenntnisse wir aus den Materialsammlungen — in der Regel Arztrechnungen und Rezepte — der Krankenkassen hätten ziehen können? Krankenkassen sind keine Gutachter.)

In einer weiteren Antwort der Staatsanwaltschaft hieß es zudem:

ein definitives “NEIN!” (was sollen die Kassen auch schon dazu sagen)?

Nun, die Kassen können wie im Artikel geschildert herausfinden, ob mehr Menschen gestorben sind, wenn sie Krebsmittel aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Die Staatsanwaltschaft möchte nun, dass wir den Satz löschen, dass sie kein Interesse an Auswertungen der Krankenkassen hatte. Wie gesagt, werden wir das nicht tun.

Wir zitieren aber gerne die nachgereichte Stellungnahme der Staatsanwaltschaft zur nun bekannten Studie der AOK Rheinland/Hamburg.

Die Staatsanwaltschaft Essen legt Wert auf die Feststellung, dass sie sich bisher nicht zu der Verwertbarkeit der Studie der AOK Rheinland/Hamburg oder anderer potentiellen Studien über eine vergleichende Betrachtung der Rückfall- und Mortalitätsraten geäußert hat.

KOMMENTAR:

Bis heute ist die Aufklärung im Skandal um die gepanschten Krebsmittel aus der Bottroper Alten Apotheke mangelhaft. Bis heute haben die Behörden immer noch nicht die ganze Dimension des Skandals ermittelt. Unfassbar in einem Land, in dem Ministerien für die Sicherheit der Menschen einstehen wollen. Natürlich kann niemand sagen, welche Dosis für welchen Patient genau falsch angerührt wurde. Aber angesichts der Masse der Betroffenen wäre es möglich, statistisch ihr Schicksal zu ermitteln. Es wäre möglich herauszufinden, ob die Zahl der Toten von der durchschnittlichen Zahl der Krebsopfer abweicht, die ihre Medikamente aus anderen Apotheken bekommen haben.

Seit Monaten fordern die Betroffenen diese Aufklärung, eine so genannte Fallstudie. Sie werden vom Gesundheitsamt der Stadt Düsseldorf unterstützt.

Doch das Gesundheitsministerium weigert sich, eine solche Studie in Auftrag zu geben. Genauso weigert sich die Staatsanwaltschaft Essen – angeblich würden keine wesentlichen Erkenntnisse dabei herauskommen.

Das Gegenteil ist der Fall. Die AOK Rheinland/Hamburg hat das nun bewiesen. Die Zahlen in nur einem Krebsfall sprechen für sich: Nicht einmal jedes fünfte Mitglied der AOK, das an Lymphomen litt, lebt noch, wenn es seine Medizin aus der Alten Apotheke erhielt. Vier sind tot. Anders die Situation wenn Patienten ihre Medizin aus einer anderen Quelle bezogen. Hier lebt jeder zweite.

Wenn das Gesundheitsministerium und die Staatsanwaltschaft nicht für Aufklärung sorgen, müssen die Krankenkassen in NRW diese Aufgabe übernehmen. So wie es die AOK Rheinland vorgemacht hat. Die Mitglieder der Kassen haben einen Anspruch auf Aufklärung. Nur so können Legenden verhindert und Lügen enttarnt werden. Etwa wenn Ärzte und Anwälte erzählen, die Medikamente aus der Alten Apotheke hätten genauso geheilt, wie Krebsmittel aus anderer Herstellung.

Alte Apotheke

Gaben für Bottrops Oberbürgermeister

Der Oberbürgermeister von Bottrop, Bernd Tischler, hat einen auffälligen Hang zu fremden Gut, scheint es. Nach CORRECTIV-Recherchen bekam er ein Bild vom Alten Apotheker, ein Auto von Brabus und seine Partei im Wahlkampf wenigstens eine Spende von Peter Stadtmann.

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von David Schraven , Marcus Bensmann

Diese Geschichte fängt mit dem Druck eines Likörbildes von Udo Lindenberg an, eines „Likörellos“ – einer Stadtansicht von Bottrop mit Alkoholika gezeichnet.

Der Alte Apotheker Peter Stadtmann „lieh“ dieses Bild nach Aussage der Bottroper Stadtverwaltung über eine kommunale Tochterfima für mehrere Jahre in das Büro des Oberbürgermeister Bernd Tischler aus. Dort hing es dann mit der Alten Apotheke im Vordergrund prominent im OB-Büro, neben dem Schreibtisch des Stadtoberhauptes – bis die Opfer des Alten Apothekers einen Termin bei Bernd Tischler bekamen. Aus diesem Anlass gab der OB Tischler die Leihgabe an die Zwischenleihstation Innovation City GmbH zurück – sagt ein Sprecher der Stadt.

Die mehrjährige Leihgabe

Diese mehrjährige „Leihgabe“ von Peter Stadtmann scheint etwas systematisches in sich zu haben. Im Prozess gegen den Apotheker vor dem Landgericht Essen offenbart die Verteidigung, wie der Angeklagte Beziehungen pflegte. Mit Geschenken. Einem Pharmavertreter spendiert er beispielsweise eine Möbellieferung aus dem Haus eines Luxustischlers, der auch die Villa des Apothekers eingerichtet hatte. Weitere Personen sollen von dort kostbare Möbellieferungen bekommen haben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei den Möbelgeschenken um Korruption gehandelt haben könnte. Nach dem Motto: Ich geb Dir was und Du bist in meiner Schuld.  

Tatsächlich las Peter Stadtmann immer wieder Offiziellen der Stadt Bottrop Wünsche von den Augen ab und ließ Dinge geschehen. Etwa als Bottrop kostenloses WLAN in der Innenstadt wollte – OB-Tischler präsentierte die Initiative. Peter zahlte seinen Teil für die Freifunkparty dazu.

Es gab aber auch Bargeld für die Mächtigen. So hat die SPD Bottrop, die Bottrop seit Jahrzehnten beherrscht und zu der Oberbürgermeister Bernd Tischler gehört, nach Aussagen der Verteidigung von Peter Stadtmann vor dem Landgericht Essen allein im Jahr 2013 eine Parteispende in Höhe von 9.900 Euro bekommen. Diese Summe liegt knapp unter der Veröffentlichungs-Grenze von 10.000 Euro. Würde diese Grenze überschritten, müsste die Partei die Spende bei der Bundestagsverwaltung melden.

Die Genossen mauern

Der Zeitpunkt ist wichtig. Im Frühjahr 2014 waren Kommunalwahlen und damit verbunden, die Oberbürgermeisterwahlen. Die SPD brauchte dringend Geld — auch für den persönlichen Wahlkampf des amtierenden Oberbürgermeisters Bernd Tischler. Nach inoffiziellen Aussagen aus der SPD hat Peter Stadtmann damals immer wieder Geld locker gemacht, wenn die Partei gefragt hat.

Wie die Spenden aus dem Jahr 2013 eingefädelt wurde – darüber schweigen sich die Beteiligten aus.

Wir haben bei der SPD Bottrop nachgehört, wie viel Geld Peter Stadtmann im Laufe der Zeit gespendet hat. Hat er im Jahr 2014 nochmal Geld gegeben? Vielleicht wieder knapp unter 10.000 Euro?

Die Partei mauert.

Die SPD will offiziell nicht sagen, wie viel Geld Peter Stadtmann ihr gespendet hat. Sie will nicht sagen, ob die einzige bekannte Spende von Peter Stadtmann für den Wahlkampf von Bernd Tischler verwendet wurde.

Die SPD habe „keine Spende von der genannten Person erhalten, die die Veröffentlichungsgrenzen entweder im Einzelfall oder in der Jahressumme überstiegen haben“, schreibt ein Partei-Sprecher lediglich. So wird Beton angerührt und Transparenz unterlaufen. Warum?

Peter Stadtmann hat im Jahr 2013 genau 100 Euro unter dem Betrag zur Offenlegung gespendet – soweit wir wissen. Da die SPD ihre Spenden verheimlicht, kann nicht nachgeprüft werden, ob die Partei über andere Organisationen oder Familienmitglieder von Peter Stadtmann mehr Geld bekommen hat. 

Nach Parteiengesetz nicht zulässig

Wir haben weiter gefragt: ging diese oder eine andere Spende des Alten Apothekers an den Oberbürgermeister Bernd Tischler – damit er damit seine Wiederwahl als Oberbürgermeister finanzieren kann? Ein Sprecher von Bernd Tischler sagt: „Nein – das wäre nach Parteiengesetz auch nicht zulässig“, sagt Sprecher Andreas Pläsken. Entsprechende Spenden dürften nur Parteien entgegen nehmen. Pläsken sagt, die SPD müsse die Frage beantworten, was mit der Spende finanziert worden sei.

Da ist er, der Zirkelschluss. SPD-Oberbürgermeister verweist auf Stadt, diese verweist auf die Partei des Oberbürgermeisters. So soll jede Diskussion um Parteispenden an die SPD in Bottrop beenden werden. Die offensichtliche Idee hinter der Schweigespirale: Wir sagen nichts – dann ist nichts.

Stadtsprecher Pläsken sagt zudem, dass Oberbürgermeister Tischler keinerlei Geschenke und geldwerte Vorteile von Peter Stadtmann und seiner Mutter erhalten habe und sagt, dass es sich bei dem Bild von Udo Lindenberg im Büro des OB nicht um ein Original, sondern um eine Druckkopie gehandelt habe, außerdem sei das Bild nur eine Leihgabe gewesen.

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Das ist richtig: Eine Dauerleihgabe ist kein Geschenk. Aber den Nutzen des tausende Euro teuren Bildes hatte dennoch jahrelang der Oberbürgermeister Tischler, in dessen Büro das Likörello hing.

Leihen nicht schenken

Und dann gibt es noch einen zweiten Sachverhalt.

Bottrop ist nicht nur berühmt für die Alte Apotheke. In der Ruhrgebietsstadt rüstet auch die Firma Brabus teure Luxuskarossen aus und hat damit weltweit Erfolg.

CORRECTIV liegt nun ein Foto vor, das zeigt, wie der Oberbürgermeister Tischler in einem schwarzen Brabus von seinem Fahrer durch Bottrop gefahren wird. Das Foto wurde um 15:01 Uhr am 13. Oktober 2017 vor der Sparkasse Bottrop geschossen. Weitere Zeugen haben den Wagen samt Tischler und Fahrer Anfang Oktober gesehen – und Ende Oktober.

Ein Brabus als Luxuswagen ist ein ungewöhnlicher Dienstwagen für einen Oberbürgermeister – gerade in einer Ruhrgebietsstadt wie Bottrop. CORRECTIV hat Bernd Tischler deswegen gefragt, wer den Brabus bezahlt und ob seiner Ansicht nach ein so teures Auto angemessen sei.

Zunächst antwortete der Sprecher der Stadt, dass Oberbürgermeister Tischler keinen Brabus fahre. Der Dienstwagen des OB sei ein Mercedes-Benz E 350 und bei diesem handele sich um ein Leasingfahrzeug, das für die Stadt Bottrop sehr günstig sei.

Der OB im Brabus

Erst auf den Hinweis, dass es Fotos und mehrere Zeugen gebe, die Bernd Tischler gesehen hätten, wie er sich von seinem Fahrer in einem Luxus-Mercedes der Marke Brabus durch Bottrop fahren lässt, sagte der Stadtsprecher, der Luxus-Tuner Brabus übernehme für den Dienstwagen des Oberbürgermeister Werkstattleistungen. Deshalb könne es sein, dass Tischler einen Brabus als „Leihfahrzeug“ nutze, wenn sich der eigentliche Dienstwagen in „Reparatur und Wartung“ befände.

Der Dienst-Mercedes von OB Tischler wurde nach Aussagen des Stadtsprechers Pläsken im August 2017 geliefert. Den Informationen von CORRECTIV zufolge fuhr Oberbürgermeister Tischler zumindest im Oktober 2017 wochenlang mit einem Brabus durch Bottrop.

Es erscheint auf den ersten Blick wenig glaubhaft, dass ein Mercedes nach wenigen Wochen so schwer beschädigt ist, dass er wochenlang in Reparatur oder Wartung ist und durch einen „Leihwagen“ des Luxus-Tuners ersetzt werden muss.  

Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler und die Leihgaben der reichsten Männer der Stadt: Der Druck eines Lindenberg-Likörellos für das Büro im Wert von etlichen tausend Euro und ein Luxusauto von Brabus zum persönlichen Gebrauch.

Vorteile für den OB

Es sind Vorteile, die Bernd Tischler gewährt und vom Oberbürgermeister angenommen wurden.  

Dazu kommt noch wenigstens eine Parteispende an die SPD, knapp unter der Veröffentlichungsgrenze. Zu weiteren Geldgaben schweigt sich die Partei aus.

Peter Stadtmann lässt seinem lieben Freund „Bernd“ aus dem Knast heraus über einen Mittelsmann schriftlich Grüße ausrichten.  


CORRECTIV recherchiert weiter. Gab es weitere Vorteile, die gewährt wurden? Weitere, eventuell regelmäßige Parteispenden? Wir versuchen das herauszufinden. 

Hinweise (auch anonym) nehmen wir gerne über unser Kontaktportal an: correctiv-upload.org

Sie können uns aber auch per Email erreichen unter: AlteApotheke@correctiv.org

Sun Diego aka SpongeBOZZ aka Dimitri Chpakov

Sun Diego aka SpongeBOZZ aka Dimitri Chpakov© Dimitri Chpakov aka Sun Diego aka SpongeBOZZ – Bild: BBM

Debatte

Yellow Bar Mitzvah: Sun Diego über Rap und Rapper

Dimitri Chpakov provoziert. Er ist Jude, Rapper und Künstler. Unter dem Namen Sun Diego prägt er den Sound des heutigen Deutschrap. In seiner Zweitkarriere als SpongeBOZZ revolutionierte er im Vorübergehen die Battle-Rap-Kultur. Er gilt als einer der erfolgreichsten Musiker des Landes. Wir sprechen mit ihm über Identität, Verantwortung und sein Buch: „Yellow Bar Mitzvah“

weiterlesen 23 Minuten

von David Schraven , Finn Schraven

CORRECTIV: Sunny, was heißt Heimat oder Identität für dich?

Sun Diego: Ich wurde in der Ukraine geboren, damals noch in der Sowjetunion. Ich kam sehr jung nach Deutschland, noch vor der Wende in den 90er Jahren. Wir sind zuerst in ein Lager gekommen und dann direkt nach Osnabrück. Seitdem lebe ich hier. Für mich ist Osnabrück, ist Deutschland Heimat. Aber ich habe auch diesen sowjetischen, ethnischen Hintergrund. Wir sprechen zu Hause russisch. Auch das ist für mich Identität.

CORRECTIV: Du bekennst Dich sehr offen zum Judentum. Dein Buch heißt „Yellow Bar Mitzvah“.

Sun Diego: Ich bin als Kind mit meiner Mutter in die Synagoge gegangen. Auch wenn ich da als Junge natürlich nicht wirklich die Wahl hatte, glaube ich schon, dass es einen Erschaffer gibt. Ich glaube auch an Recht und Unrecht. Aber deswegen bin ich nicht religiös im traditionellen Sinn. Ich habe mehr meinen eigenen Stil. Die Ästhetik des Judentums hat für mich auch einen künstlerischen Wert. Ich nehme die Symbolik in meinen Grafiken auf; ich spiele damit in meinen Videos. Das sind meine Wurzeln, die Wurzeln meiner Familie und dazu fühle ich mich hingezogen. Da unterscheide ich mich nicht von anderen, die das gleiche mit ihren Wurzeln machen. Egal ob sie Muslime oder Christen sind. Nur wird es bei einem Juden komischerweise anders aufgenommen. Mehr hinterfragt.

CORRECTIV: Deine Großmutter, deine Baba, fand es nicht so klug, so offen mit Deinem Judentum umzugehen. Sie sagte, das sei gefährlich in Deutschland.

Sun Diego: Sie hat immer noch ein Trauma. Einmal wurde sie von einem meiner Freunde am Tisch gefragt, ob wir als Juden nach Deutschland gekommen sind. Sie hat gesagt: ‘Nein, nein. Wir sind keine Juden. Wir sind nur bei einer Reise einfach in Deutschland geblieben.’ Ich meine, sie hat sich nicht getraut, einem meiner Kindheitsfreunde zu sagen, dass wir Juden sind. Für mich ist es heute keine krasse Strategie, zu sagen, dass ich Jude bin. Ich bin es einfach. Das ist meine Identität und dazu stehe ich. Ich mache das nicht anders als die Kollegen im Musikgeschäft. Jeder hat seine Identität und ist stolz drauf.

Immer mit dem Schlimmsten rechnen

CORRECTIV: Zu Deiner Identität gehören viele Dinge, über die etliche Menschen nicht einfach sprechen würden. Das Verhältnis zu Deinem Stiefvater etwa. Er war kriminell, drogensüchtig und hat Dich, hat Deine Mutter im Stich gelassen.

Sun Diego: Diese Erfahrungen haben meinen Charakter auf jeden Fall beeinflusst. Darüber kann ich reden. Das gehört zu mir. Ich habe zum Beispiel gelernt, zu verzichten. Durch ihn. Immer wenn er weg war, sind wir finanziell komplett abgestürzt. Wir hatten nichts mehr. Wenn er in den Knast ging, dann hatten wir kein Backup — nichts. Wir mussten immer mit dem Schlimmsten rechnen. Irgendwelche Leute sind zu uns nach Hause gekommen, haben unsere Sachen durchwühlt und uns bedroht. Meine Mutter musste mit mir in andere Städte fliehen, um sicher schlafen zu können. Ja, das hat mich extrem beeinflusst.

CORRECTIV: Irgendwann musstest Du Dich entscheiden. Deine Mutter hat Dich vor die Wahl gestellt. Entweder bekommst Du eine Spielfigur geschenkt oder ihr geht in den Knast und besucht Deinen Stiefvater.

Spongebozz 1

Sun Diego entspannt beim Interview im Kölner Hyatt-Regency Hotel direkt am Rhein.

BBM

Sun Diego: Ich wusste in dem Moment nicht, dass er im Knast ist. Man hat mir damals verkauft, er sei in einem Krankenhaus und hätte Gelbsucht.

Aber egal. Ich habe mich in dem Moment, als ich mich entscheiden musste, entschieden, zu ihm zu gehen. Ich hatte mir zwar den Roboter wirklich gewünscht. Aber es war mir wichtiger, meinen Stiefvater zu sehen. Er war für mich ein Held, ein extremes Vorbild. Er war ein Mann und ich der Junge. Das ist heute bei mir und meinem Sohn nicht anders. Er liebt mich auch. Wahrscheinlich auch, weil ich ein Mann bin. Man spürt, dass er ein Papakind ist.

Ich habe als Kind sicher auch unbewusst die fragwürdige Moralvorstellung meines Stiefvaters angenommen. Er ging mit mir in den Wald und bewegte da ein paar Kilogramm Koks. Ich sehe das alles mit an und er lächelt mir ins Gesicht, als sei es das Normalste der Welt. Vielleicht habe ich dadurch einen anderen Zugang zur Kriminalität erfahren. Es war einfach etwas, das natürlich in meinem Leben war. Nichts unheimliches. Später kamen dann andere Geschichten dazu. Überfälle, Entführungen. Und schließlich hat er einen Menschen getötet. Für mich hat sich dadurch viel geändert. Meine Mutter hatte sich inzwischen auch von ihm getrennt. Er hatte meiner Oma einen Kinnhaken gegeben. Irgendwann war er nicht mehr er selbst. Das waren alles Dinge, die nicht gut waren. Aber es gab auch die andere Seite. Wenn er aus dem Knast herauskam, sind wir in den Zoo gefahren oder waren auch mal Pilze suchen oder Angeln hier in Osnabrück an einem See.

CORRECTIV: War das so ein Vater-Sohn-Ding?

Sun Diego: Das auch wieder nicht. Insgesamt war er kaum am Start. Er war ein imaginärer Dad, den man am Abend mal gesehen hat nach dem Kindergarten oder so. Meistens waren wir unterwegs mit Freunden, meine Mutter, er und andere Kinder.

CORRECTIV: Wart Ihr eine größere Gemeinschaft?

Sun Diego: Wir sind ja zuerst in Deutschland in ein jüdisches Lager gekommen. Ich weiß jetzt nicht, wie das korrekte deutsche Wort dafür ist. In jedem Fall sind aus diesem Heim viele Familien mit uns nach Osnabrück gekommen. Mit einigen sind wir bis heute in Kontakt geblieben. Es gibt heute so eine Art Community der russisch-ukrainischen Juden. Wir haben auch eine Synagoge, in der sich immer wieder alle treffen.

Scheißkind vom Nervfaktor her

CORRECTIV: Als dein Stiefvater weg war, hatte Deine Mutter eine ziemlich harte Zeit. Sie musste Dich durchbringen. Was hat das mit Dir gemacht?

Sun Diego: Das war sehr krass. Meine Mutter ist teilweise vor mir auf die Knie gefallen, hat geweint und gesagt, irgendwann wird alles gut. Ich hatte einen ganz komischen Traum. Ich dachte, wir sind normale Menschen und meine Mutter fährt in einem schwarzen BMW 3er. Das war der Wagen, den ich in meinem allerersten Musikvideo hatte. Das war dieser BMW, von dem ich als Kind geträumt habe.

Die Zeiten damals waren bitter. Teilweise war kein Strom da. Meine Mutter war alleinerziehend und den Job, den sie gelernt hatte, konnte sie nicht ausüben. Sie war Dirigentin. Sie musste umschulen zur Einzelhandelskauffrau, hat auch bei McDonald’s gearbeitet. Das war bitter, wenn nichts im Kühlschrank war. Ich war aber auch ein nerviges Kind. Ich hab immer gesagt, bring mir Mac’es, bring mir BurgerKing. Ich war echt ein Scheißkind vom Nervfaktor her. Ich wollte und wollte immer. Aber ich hab auch einfach nichts bekommen.

CORRECTIV: Ich glaub, Du hast eine Menge bekommen. Die Lust auf Musik etwa.

Sun Diego: Vielleicht eine Veranlagung dazu ja. Aber dennoch musste ich mir die Musik am Ende des Tages selbst erarbeiten.

CORRECTIV: Deine Mutter war Klavier- und Gesangslehrerin, Dirigentin. Du schreibst in deinem Buch, dass Du aus einem musikalischen Haus kommst.

Spongebozz 2

“Yellow Bar Mitzvah: Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm.” Das Buch von Sun Diego aka SpongeBOZZ aka Dimitri Chpakov. Mitgeschrieben hat der Journalist Dennis Sand.

Sun Diego: Das stimmt. Aber sie konnte mir nicht unbedingt etwas beibringen.

CORRECTIV: Wie meinst Du das?

Sun Diego: Sie wollte mich ans Klavier setzen. Wir haben es wirklich ein paar mal versucht. Aber Mutter und Sohn, das hat nicht funktioniert. Wir streiten uns, sind zu ungeduldig.

CORRECTIV: Wie bist Du zum Gesang gekommen?

Sun Diego: Kann man sagen, dass ich ein Sänger bin?

Es kommt auf die Technik an

CORRECTIV: Ich find doch.

Sun Diego: Ich bin eigentlich Rapper. Klar mache ich melodische Refrains. Das ist für mich die einzig logische Art und Weise, Musik zu machen. Musik bestand für mich schon immer aus Melodien, selbst wenn Leute nur rappen. Der Beat selbst hat ja auch irgendwelche Melodien. Klar gibt es auch Rap, der nur auf einzelnen Samples gerappt wird. Aber ich finde Melodie muss irgendwie rein. Sonst wäre es nicht wirklich komplett.

CORRECTIV: Du bist auf dem Basketballplatz zum Rap gekommen?

Sun Diego: Damals hat man noch Tupac mitbekommen oder andere Sachen aus den Staaten. Rap-affin war ich da noch nicht wirklich. Ich habe dann irgendwann Savas gehört — der einzig coole Rapper aus Deutschland damals — und mir aber nie wirklich gedacht, dass ich das selber auch könnte. Einer der Jungs, mit denen ich Basketball gezockt habe, war dann in Rap-Foren unterwegs. Der hat mir den Tipp gegeben, mal reinzuschauen. Ich habe die Texte durchgelesen und selber begonnen zu schreiben. Er hat gesagt, ‘Hey, ich hab hier ein Headset, wir könnten theoretisch anfangen, Rap zu machen.’ Dann hat er mir die Reimliga Battle Arena gezeigt. Das war so ein Turnier in dem immer zwei Künstler gegeneinander angetreten sind und sich gegenseitig gedisst haben. Dort war einer, der andere ganz besonders brutal platt gemacht hat. Da dachte ich: ‘Cool Alter, das gefällt mir.’ Ich hab dann halt einen Text geschrieben, eingerappt und bei der Liga eingereicht und ab ging es.

CORRECTIV: Was war das Besondere?

Sun Diego: Das erste Stück, das ich geschrieben habe, war flüssig. Ich habe sehr schnell verstanden, dass es auf eine gute Technik ankommt, dass man Doppelreime braucht. Er hat mir gesagt: ‘Schau mal, du hast ein Wort, das besteht aus so und so viel Silben oder es setzt sich aus so und so vielen einzelnen Wörtern zusammen. Und dann muss sich das auf dies reimen.’ Er hat mir das Prinzip erklärt. Das habe ich direkt gepeilt. Mein Selbstbewusstsein war immer extrem hoch. Ich weiß nicht, woher das kam, aber ich dachte immer, die Texte der ganzen deutschen Rapper sind so simpel, das kann ich auf jeden Fall besser.

Ich habe dann mein ganzes altes Leben aufgegeben. Ich habe die Schule hingeschmissen und mich komplett auf die Musik konzentriert.

CORRECTIV: Wie alt warst Du da?

Sun Diego: So 15 oder 16 Jahre.

Kein Diplom als Backup

CORRECTIV: Du bist direkt von der Schule ab?

Sun Diego: Nein, ich war auf dem Gymnasium. Aber durch die ganzen Fehltage bin ich sitzengeblieben, dann auf die Realschule befördert worden. Schließlich war ich noch zwei-, dreimal Alibimäßig auf einer Hauptschule. Das aber auch nur, weil meine Oma mich immer wieder krampfhaft an Schulen angemeldet hat. Sie wollte nicht wahrhaben, dass ich mich entschieden habe, Rapper zu werden. Das war meine Schullaufbahn. Aber tatsächlich ist es komplizierter irgendwie. Ich habe nicht nur wegen der Musik aufgehört, die Schule ernst zu nehmen. Ich weiß nicht was los war. Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Ich war jetzt nicht dumm oder so. Ich konnte mich nur nicht anpassen oder in eine Struktur einfügen. Ich wollte mein eigener Chef sein. Und das habe ich heute geschafft. Ich habe keinen Arbeitgeber über mir.

CORRECTIV: Wie sieht die Beziehung zu Deiner Oma aus? Du hast bei ihr gewohnt. Sie hat sich um Dich gekümmert. Sie war Ärztin, mit einem doppelten Doktortitel. Sie war bestimmt nicht begeistert von Deinen Anfängen.

Sun Diego: Sie wollte immer, dass ich ein Diplom habe. Als Backup. Aber seit ein paar Jahren akzeptiert sie meine Karriere. Ich gehe ja jetzt auch schon auf die 30 zu. Sie will jetzt nur, dass ich in Immobilien investiere. Sie muss sich eben einmischen. Das geht nicht anders. Ist aber auch kein Problem. Jeder Tipp kann kommen.

CORRECTIV: Am Anfang hattest Du kein Geld für nichts. Den Poppschutz für Dein erstes Mikro hast Du aus einem Teesieb und einer alten Strumpfhose selbst gebaut.

Spongebozz 6

Bekannt wurde Sun Diego mit seinem Alter Ego SpongeBOZZ. Einem kiffenden, dealenden, rappenden Hardcore-Gangster-Schwammkopf. Sein Album “Planktonweed” kam auf den Index. Der freie Verkauf wurde verboten.

BBM

Sun Diego: Das Kamera-Equipment war zusammengehustelt. Wir haben in Diskotheken damals kurze Image-Filme gedreht und so nach und nach das Gerät erbaut, erkauft, abgestaubt. Es gab auch kein Invest für das erste Video. Ich habe mir durch diese Club-Image-Filme angeeignet, Videos selbst zu produzieren, zu schneiden, alles selber zu machen.

Das erste Equipment hat vielleicht 2000 Euro insgesamt gekostet. Für die Ausstattung von SpongeBOZZ hab ich dann nur das Kostüm gekauft bei Amazon für vielleicht 40 oder 50 Euro. Da hab ich eine Brille drauf genäht. Die Kosten für Sprit innerhalb von Osnabrück lagen vielleicht bei fünf Euro. So teuer war das Video. Mit diesem Invest habe ich dann alles aufgebaut. Als SpongeBOZZ nahm ich auch einem dieser Turniere teil. Dem JBB. (JuliensBlogBattle wird seit 2012 vom Youtuber Julien Sewering als Rap-Battle organisiert. d.Red) Die Runden, die ich dort eingereicht hatte, habe ich auch gleichzeitig bei iTunes hochgeladen. Und damit Cash gemacht. Den Erlös habe ich in weitere Videos gesteckt. Irgendwann war dann das Album fertig. Zu dem Zeitpunkt war aber schon genug Geld vorhanden und genug Status, um mit dem Vertrieb überhaupt ein Geschäft machen zu können.

Leidenschaft und Erfolg

CORRECTIV: Damals saßen bei Dir zu Hause Leute rum und wollten mit Dir ein Label aufbauen. Zwei Deiner vielleicht engsten Freunde damals hießen Sticky und Squirty. Dann gab es Stunk.

Sun Diego: Squirty ist für mich kein Mensch mehr. Diese Person hat öffentlich meine Mutter mit Namen beleidigt. Nach zehn Jahren Nehmen – ich habe ihm Texte geschrieben, hab ihn vermittelt, hab ihn aufgebaut. Ich habe ihn in meinen Räumlichkeiten geduldet. Na ja auf jeden Fall hat er auch meinen Bruder Sticky rausgeekelt. Sticky, die Geheimwaffe, mit dem ich mein erstes Musiklabel gegründet habe.

Squirty meinte damals zu mir: ‘Komm Bruder, ich bin Russe, er ist Türke, der labert nur Scheiße. Er hat sich im Leben noch nie geschlagen. Der kifft nur, der schadet uns. Squirty meinte: ‘Der Sticky ist uns ein Stein im Weg, der wird uns noch manipulieren.’ Und ich habe mich einwickeln lassen. Das Label ging dann ohne Sticky weiter. Er war draußen. Ich war jung und dumm genug, das mit mir machen zu lassen damals. Wir haben auch beide nicht miteinander geredet. Sticky war zu stolz, das bei mir anzusprechen und ich war eh Anti.

Mit Squirty habe ich dann das Label Moneyrain gemacht. Recht unerfolgreich. Ich wollte damals noch nicht an die Öffentlichkeit. Ich war noch nicht ready, um mich selbst in Videos darzustellen. Ich war noch nicht fresh genug. Ich wollte erstmal klarkommen im Leben. Ich musste mich auch um meine Familie kümmern. Mein Sohn kam. Und ich habe kein oder kaum Geld gesehen. Und dann kam auch noch Kollegah mit dem Album ‘Bossaura’ dazwischen. Das habe ich mitproduziert. Da musste ich gucken, was abgeht. Die Jungs um Squirty wollten, dass ich diesen Fame und diesen Hype um ‘Bossaura’ mitnehme, damit sie davon profitieren können. Sie haben mich vor die Kamera gedrängt. Und ich Idiot habe es gemacht. Ich habe mich quasi für die Gruppe geopfert. Ich bin so ein Typ. Ich brauche einen Freundeskreis, eine Gang. Ich liebe es, Menschen um mich herum zu haben. Klar kann ich als kreativer Mensch für mich alleine Texte schreiben. Aber ich kann nicht zusehen, wenn meine Bros Probleme haben. Und deswegen habe ich es gemacht. Ich kam frisch aus dem Projekt Bossaura und wollte eigentlich meine Ruhe. Stattdessen habe ich Texte für den Compagnon geschrieben.

Am Ende hab ich mir ins eigene Bein geschossen. Es kam ein halbes Produkt auf den Markt. Das war einfach nicht richtig, finde ich. Ich hätte mehr Zeit gebraucht, um die eigene Karriere und das eigene Label zu machen. Mit Moneyrain ging es zu Ende.

CORRECTIV: Du hast mit der Musik einen Job gewählt, in dem man sehr präsent ist, gleichzeitig versuchst Du Deine Privatsphäre zu wahren, möglichst unerkannt zu bleiben. Du bist bekannt unter Künstlernamen: Sun Diego und SpongeBOZZ. Du zeigst Dein Gesicht nicht. Ist das kein Widerspruch?

Sun Diego: Ich habe diesen Job unbewusst gewählt. Als ich angefangen habe zu rappen, war es kein Job. Ich wurde bekannt durch meine Leistung. Wenn ich schlecht gewesen wäre, dann wäre ich auch nicht bekannt geworden. Wenn du etwas aus Leidenschaft machst, dann siehst Du nicht den Euro dahinter, sondern Du willst das Lied machen und hören.

Ich bin kein Zirkuspferd

CORRECTIV: Du bist sehr erfolgreich geworden, ohne zu tun, was andere tun. Du bist nicht mit Deinem Namen aufgetreten. Du hast keine Tour gemacht. Warum eigentlich?

Sun Diego: Ich habe versucht, keine Sachen zu machen, bei denen ich mich unwohl fühle. Ich hab mich nicht verbogen. Ich hab mir gedacht, es geht um Musik. Wenn ihr irgendetwas anderes von mir wollt, bin ich nicht dabei. Ich habe keine Interview-Marathons gemacht. Keine Tourneen. Vielleicht habe ich ja mal Bock drauf, aber nicht in dieser Phase. Das müssen die anderen akzeptieren. Mir ist egal, ob sich die ganze Community gegen mich stellt. Mein Job ist es, Musik zu machen. Das ist meine Bringschuld gegenüber meiner Fanbase. Ich bin kein Zirkuspferd. Wenn ihr das wollt, geht in den Zirkus. Das ist so meine Meinung.

CORRECTIV: Gleichzeitig veröffentlichst du jetzt deine Biografie „Yellow Bar Mitzvah“.

Sun Diego: Die Fans haben viele Fragen. Und es gibt auch Sachen, die ich selber gerne sagen möchte. Aber halt nicht in den klassischen Formen eines Interviews oder von Videos. Das ist für mich Zirkus. Das Buch ist für mich ein Weg, den Leuten, die mich supported haben, zu geben, was sie wollen. Aber in einer Art, die zu mir passt. Das ist kein Problem für mich. Das Buch ist für mich eine Art Befreiung, es ist mein Sprachrohr. Das ist besser, als fünf Jahre lang Interviews zu geben. In dem Buch erzähle ich Sachen, die ich sonst gefragt worden wäre. Wie die Dinge entstanden sind; wie ich geworden bin, wer ich bin.

Kollegah: Erfolg und Beef

CORRECTIV: Lass uns noch mal zu Kollegah kommen. Ihr wart mit dem Album ‘Bossaura’ sehr erfolgreich. Künstlerisch habt ihr gemeinsam Neuland betreten. Trotzdem seid ihr auseinander gegangen.

Sun Diego: Kollegah ist einer der besten Texter, die es gibt. Er ist vielleicht sogar besser als ich. Keine Ahnung. Wir haben gut zusammengearbeitet. Dann kam der Beef. Es ist schwierig, wenn man spürt, dass sich etwas verändert. Bei einer offenen Feindschaft ist immer die Frage, wie sehr es einem schadet, was der andere etwas über einen erzählt. Als Kollegah damals diese Dinge über mich erzählt hat, in seinem Genozid-Diss, war die Stimmung um mich herum jedenfalls Scheiße. Der Schaden war da.

Klar kann man von einem Beef auch profitieren. Die Frage ist aber: Wurde der Beef gemacht, um davon zu profitieren, oder hat er sich einfach entwickelt? In jedem Fall ist es schwer, mit der Situation umzugehen. Ich wurde nicht gefragt, ob wir mit dem Streit in die Öffentlichkeit gehen sollen. Und meine Fans wären enttäuscht von mir, wenn ich jetzt sagen würde, lass uns hinter den Kulissen irgendwie vertragen. Deswegen antworte ich natürlich öffentlich auf den Diss. Und greife selbst an. Damit zumindest jeder weiß, dass ich mich nicht einschüchtern lasse.

Du musst Dir das so vorstellen: Wenn mich jemand öffentlich angreift, werden 50 Ebenen überschritten. Kollegah hat missachtet, dass wir privat irgendwie gut standen. Er ist sich bewusst, dass er meinem Geschäft schaden möchte. Er ist sich bewusst, dass er meinem Image als Künstler und als Person schaden möchte. Er will mir auf vielen Ebenen schaden. Das ist wie ein offener Krieg. Selbst eine vorsichtige öffentliche Andeutung ohne eine frontale Beleidigung kann hinter den Kulissen als Krieg verstanden werden.

Das wirkt auf mich natürlich ganz anders als auf den Fan. Wenn Kollegah irgendwas über mich macht, denkt der Fan: ‘Schau mal, der hat den Schwamm nachgemacht.’ Für mich ist das direkt Alarmstufe Rot. Was will der?

CORRECTIV: Künstlerisch steht ihr nah beieinander.

Sun Diego: Wir kennen uns seit Beginn unserer Karrieren. Ende 2004 haben wir uns fast gleichzeitig bei der RBA (Reimliga Battle Arena) angemeldet. Er einen Monat früher als ich. Wir haben dieselben Musiker gehört. Wir haben dasselbe Verständnis für Rap entwickelt. Wir haben dieselben Rapper gefeiert. Man kann sagen, wir haben dieselben Wurzeln.

CORRECTIV: Ihr seid zusammen aufgetreten. Bei einem Konzert in Hamburg haben Dich die Leute zuerst ausgebuht und Kollegah hat zu Dir gestanden.

Sun Diego: Bei dem Gig war es krass. Einer der Rapper dort, Favorite, meinte zu mir: ‘Geh da nicht raus. Glaub mir, ist besser.’ Ich bin dann trotzdem auf die Bühne und die Leute haben mich alle erdrückt mit ihrem Hass – die haben wirklich alle ‘Hurensohn’ geschrien. Dann habe ich meinen Doubletime gerappt und alle haben gejubelt. Das Thema war zu. Kollegah hat mich bei dem Konzert gut eingeführt. Er hat gesagt: ‘Jetzt kommt mein Bruder Sunny. Macht mal Lärm.’

Der frühere Rausschmeißer und Security-Mann Salah Saado gilt als einer der führenden Köpfe eines Großclans im Ruhrgebiet. Er ist mit Sun Diego befreundet.

Der frühere Rausschmeißer und Security-Mann Salah Saado gilt als einer der führenden Köpfe eines Großclans im Ruhrgebiet. Im Bild sitzt Salah Saado auf der Motorhaube. Er ist mit dem Rapper Sun Diego befreundet.

BBM

CORRECTIV: In deinem Buch dankst Du Kollegah explizit.

Sun Diego: In den prägnantesten Punkte meiner Karriere spielte er halt eine wichtige Rolle. Egal ob ich Musik produziert oder gehört habe. Er hatte mit mir zu tun. Wir waren zusammen im Studio. Wir haben innerhalb einer Minute Reimketten rausgeballert, die kriegt nicht jeder hin. Nur weil wir heute zerstritten sind, darf man die Vergangenheit nicht schlechter darstellen, als sie war. Wir hatten eine gute Zeit. Das ist ganz anders als bei so Leuten wie Squirty. Er wird schlecht dargestellt in meinem Buch. Aber Squirty war halt auch so wie beschrieben.

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CORRECTIV: Kannst Du dir vorstellen, wieder mit Kollegah zu arbeiten?

Sun Diego: Ehrlich gesagt, aufgrund dieses Feuers ist es schwierig sich so etwas vorzustellen. Aus technischer Sicht wäre das sicher locker möglich. Die Zusammenarbeit ist ja prooft. Aber wie gesagt, wegen dem Feuer will ich mir gar nichts vorstellen.

Brüder – Geben und Nehmen

CORRECTIV: Du sagst immer wieder, dass ein enger Bezugsrahmen für Dich wichtig ist: Freunde und Familie. Du sprichst überraschend offen über Deine Frau, Dein Kind. Aber auch über Deine enttäuschten Hoffnungen.

Sun Diego: Ich lasse meine Brüder so eng an mich heran, dass ich sie quasi als Teil meiner Familie sehe. Aber natürlich steht mein Kind an oberster Stelle und meine Frau. Das wissen alle. Kein Bruder würde von mir verlangen, dass ich einen Bro meinem Kind vorziehen. Nur Squirty hat so was gemacht. Er hat gesagt: ‘Dass du Vater bist, heißt nicht, dass du deine Brüder vernachlässigen musst.’ Ich finde, jeder muss diese Hierarchie von Kind, Familie und Bruder akzeptieren und verstehen. Ich würde ja auch nicht von einem meiner Brüder verlangen, dass er mich vor seine Mutter stellt. Dennoch ist man da für seine Brüder. Für meine Mutter würde ich ans Ende der Welt laufen und auch für meine Brüder. Genau das kriege ich aber auch zurück von meinen Bros. Es ist ein Geben und Nehmen.

CORRECTIV: Wie funktioniert das, wenn Du jetzt mit so schweren Jungs wie Salah Saado zusammen bist?

Sun Diego: Viel entspannter, als ich mir das jemals hätte vorstellen können. Das hat auch damit zu tun, dass wir nicht auf dem Schirm hatten, wer der jeweils andere ist, als wir uns kennengelernt haben.

Damals hatte Akay seine Künstler-Agentur SugaAgency schon und Salah war dort Security-Mann. (Die Essener SugaAgency organisiert die Social-Media-Aktivitäten etlicher deutscher Rapper. d.Red) Genau so habe ich Salah kennengelernt. Als einfachen Security-Mann. Ich hatte von Clan-Strukturen nicht viel Ahnung. Bei uns in Osnabrück gibt es schließlich keine arabischen Familienclans. Deswegen wusste ich auch nicht, was Salah für eine Power hat und was er für ein Mensch ist.

Grundsätzlich kenne ich aber die Szene, aus der er kommt. Auch das gehört ja zu meinen Wurzeln. Wir sind aus Lemberg mit vielen krassen Leuten gekommen. Darunter Endstufen-Mafiosi. Die heftigsten aus Russland und der Ukraine. Mein Stiefvater selbst gehörte dazu. Das ist mir vertraut. Wenn ich heute Salah Saado angucke, dann sehe ich ihn aber nicht in erster Linie als Clan-Größe. Ich sehe ihn als meinen Bro. Ich sehe in ihm das Herz und nicht die Fassade, wie irgendein Normalo, der vielleicht Angst hat vor ihm, aufgrund seiner Präsenz. Ich kann Menschen mit Salahs Hintergrund locker eine Chance geben, weil ich aus ihren Kreisen komme. Ich verstehe ihr Leben. Und nur aus diesem Grund funktioniert das auch.

Salah merkt, dass ich Verständnis und ein Gefühl habe für seine Geschichte, für seine Struktur und für seine Leute. Ich komme mit seinen Freunden übertrieben gut klar. Und ehrlich. Es sind wirklich herzensgute Menschen. Keine Leute, die irgendwem irgendwas tun wollen. Sie sagen auch selber: ‘Wir sind ganz friedlich. Kommt uns nicht zu nah, dann passiert auch nichts.’ Fertig.

Sozialstunden und weinende Mütter

CORRECTIV: Du hast auch eine kriminelle Vergangenheit. Zu Beginn Deiner Karriere hast Du Sozialstunden abreißen müssen, weil Du Handy-Verträge manipuliert und Leute abgezogen hast.

Sun Diego: Das war jugendlicher Leichtsinn. In meinem Buch habe ich exakt beschrieben, wie wir darauf gekommen sind. Da wir sowieso Bock hatten auf Scheiße-Bauerei und auf Cash-Macherei und auf Adrenalin, haben wir die Nummern durchgezogen. So ist das, wenn Du in einer Gruppe bist. Du kommst automatisch auf dumme Gedanken. Weil Du mehr machen kannst. Du schickst drei Mann dahin, drei Mann hierhin und zwei Mann reden. Alleine kannst Du so Deals nicht durchziehen. Und wie gesagt, wir waren an sich schon ein bisschen kriminell geimpft. Wir wussten, dass es nicht so krass schlimm ist, wenn Du mit einem Tütchen Gras erwischt wirst.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, da wo ich herkomme. Ich bin ja nicht mit so 12-Jährigen unterwegs, wie damals. Aber als ich so alt war, hab ich immer mit Älteren abgehangen. Auf dem Spielplatz hab ich zum ersten Mal gekifft. Die Hemmschwelle ging runter. Mit so kleinen Sachen fängt es an.

CORRECTIV: Inwieweit war dieser kriminelle Einstieg prägend für Dich?

Sun Diego: Ich habe sehr viel über Freundschaft gelernt. Ich habe sehr viel über Geld gelernt. Ich habe sehr viel über Freiheit gelernt. Und ich habe sehr viel über Eltern gelernt – über ihre Sorgen. Du kannst dir die Finger verbrennen, wenn Du zuviel willst.

Wenn du eine Sache fokussiert und dafür alles andere im Leben ausblendest, dann ist das nicht gut. Man sollte im Blick behalten, warum man etwas tut. Wir haben unsere Sachen damals gemacht, weil wir mit unseren Brüdern in den Saunaclub gehen wollten, um abzufeiern. Aber irgendwann war der Fokus nicht mehr auf unserem gemeinsamen Erleben, sondern da drauf, wer mehr Umsatz gemacht hat. Das Geld hat die Leute auseinandergebracht. Irgendwann haben sich einige gegenseitig angeschissen. Alles ist zerbrochen. Man hat nach und nach Brüder verloren. Die haben dann zwei Jahre bekommen, vier Jahre, fünf Jahre. Vor Gericht habe ich Mütter weinen gesehen. Das waren extreme Erlebnisse. Das hat mich sehr geprägt.

Ich habe verstanden: Geld ist nicht alles. Du nimmst es nicht mit ins Grab.

Kunst ist die Rechtfertigung

CORRECTIV: In Deinen Texten gehst Du über alle möglichen Tabus hinweg. Mit Worten schießt Du auf Polizisten. Du beleidigst Menschen.

Spongebozz 3

Das Buch ‘Yellow Bar Mitzvah’ hat Sun Diego gemeinsam mit dem Journalisten Dennis Sand (rechts im Bild) geschrieben.

BBM

Sun Diego: Die Kunst ist meine Rechtfertigung.

CORRECTIV: Worum geht es Dir?

Sun Diego: Teilweise einfach um Unterhaltung. Teilweise ist es aber auch eine Reflektion. Es ist ja nicht alles frei erfunden. Erst vor kurzem hatte ich eine Razzia. Wegen Steuersachen. Auch über solche Themen rappe ich.

Auf der anderen Seite habe ich die Kunstfiguren, wie SpongeBOZZ, der über Deals in Puerto Rico oder was weiß ich wo rappt. Das ist auf jeden Fall Fiktion.

CORRECTIV: Du sagst in Deinem Buch, dass Du mit schwarzem Humor und Spannung wie im Horrorfilm spielst.

Sun Diego: Es kommt auf die Texte an. Wenn es um kriminelle Dinge geht, Drogen, Waffen, dann ist das schon Okay. Das sieht man auch im Fernsehen. Das ist keine neue Verpestung oder Polung der Jugend. Das ist Unterhaltung. Was anders ist es, wenn man politische oder religiöse Tabus überschreitet. Es ist eben nicht lässig, sich irgendwie über eine Kopftuch-Frau lustig zu machen.

CORRECTIV: Das ist ein Tabu für Dich? Wie wichtig sind für dich Tabus?

Sun Diego: Tabus verändern sich mit den Phasen, durch die man geht. Heute gibt es mehr Tabus als früher. Heute gibt es mehr Augen, die auf Dich schauen. Aber ich lass mir nicht gerne von außen Tabus setzen. Ich bin halt gerne selber derjenige, der selbst bestimmt, was ein Tabu ist und was nicht. Da kann die Öffentlichkeit oder auch meine Commmunity sagen, was sie denkt. Wenn es meiner Meinung nach kein Tabu ist, dann ist es kein Tabu für mich.

Keine Politik

CORRECTIV: Was ist denn im Moment für Dich ein Thema, über das Du nicht rappst?

Sun Diego: Dinge zur politischen Meinungsbildung etwa. Ich finde, es ist nicht OK, wenn man versucht, jemanden in seiner politischen Haltung zu beeinflussen. Zum Beispiel, wenn man irgendwie Anti-Israel rappt, ohne aber genug Wissen zu haben, was dort überhaupt passiert. Du bist Musiker. Du bist kein Politiker. Schuster bleib bei Deinen Leisten.

CORRECTIV: Worum geht es im Rap?

Sun Diego: Es geht viel um Images. Da erzählt der Rapper, dass er voll der krasse Drogenhändler ist. Aber in Wahrheit ist er Kindergärtner. Manchmal spielt der Rapper mit der Ironie im eigenen Leben. Der Rapper verkauft sich als sein eigener Superheld. Er spielt eine Person, die er immer sein wollte. Es gibt aber auch Leute, die einfach sie selbst sind. Am Ende ist es immer Selbstdarstellung. Mehr nicht.

CORRECTIV: Was hat Rap mit Verantwortung zu tun? Dir hören viele Menschen zu. Du kannst sie beeinflussen.

Sun Diego: Politisch wird es heiß. Wie gesagt, ich habe nicht genug Wissen, um meinen Fans zu sagen, was der richtige Weg ist. Deswegen mache ich es halt einfach nicht.

CORRECTIV: Inwieweit trägst Du Verantwortung, wenn Du über Gewalt, Drogen und Hass rappst?

Sun Diego: Diesen Teil der Verantwortung gebe ich gerne an die Eltern ab. Eine Drogen- oder Waffengeschichte kannst Du einem Erwachsenen mit ruhigem Gewissen vorsetzen. Er versteht, wie die Dinge gemeint sind. Ansonsten sind die Texte nach der FSK freigegeben. Entweder ab 12, oder 16 oder 18 Jahren. Hass, wie antisemitische Äußerungen, sind aber expliziter Content in jeder Hinsicht. So darfst du dich nicht äußern. Das ist unmoralisch.

Ich finde, man muss die Sachen auseinander halten. Man kann nicht alles miteinander vergleichen. Mit der Waffen- und Drogenverpestung sollen sich die Eltern befassen, nicht ich. Wir kennen Actionfilme und können damit umgehen. Wir kennen Unterhaltung aus Horrorfilmen. Das ist was anderes als eine politische Äußerung, bei der man sich auf eine Seite stellt und am Ende noch jemanden diskriminiert.

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Sun Diego ist im Interview sehr entspannt, offen und zugänglich. Mit dabei: Co-Autor Dennis Sand (im Vordergrund – auch von hinten). Während des Gesprächs wird viel geraucht. Die Fenster sind zu.

BBM

CORRECTIV: Dein Album ‘Planktonweed’ kam auf den Index. Der offene Verkauf wurde verboten. Die Bundesprüfstelle sagt, die Texte seien verrohend, verherrlichten den kriminellen Lebensstil, den Drogenhandel und diskriminierten Frauen und Homosexuelle. Außerdem werde Gewalt gegen Polizisten bis hin zur Tötung befürwortet. Harte Worte.

Sun Diego: Ich lache bei diesem Thema. Die sind der Meinung, dass ich die Jugend verpestet habe. Dass die Jugend durch mich beeinflusst wird, gewalttätig zu werden und gegen Polizisten zu sein. Die sagen, ein Schwammkostüm reicht nicht aus, sich von den Inahlten zu distanzieren und den Leuten zu zeigen: ‘Vorsicht, Ironie.’ Nochmal: Ich trage ein Schwammkostüm. Wie kann man glauben, dass ich Ernst meine, was ich da rappe?

Lass mich die Geschichte eines Fans erzählen. Der hatte einen Preis gewonnen und wir haben uns getroffen. Ich sollte ihm einen Disstrack schreiben, damit er eine Person seiner Wahl dissen kann. Aber das haben wir dann nicht gemacht. Erstens, weil der Fan gerade 14 Jahre alt war, und zweitens, weil sein Vater Erzieher ist. Beide wollten das nicht. Ich habe den Vater gefragt, wieso er seinem Sohn erlaubt, meine Musik zu hören und wieso er dem Meeting zugestimmt hat. Er hat dann gesagt: ‘Du bist ein Künstler, bei dem man hinter die Fassade schaut.’ Das bedeutet, er lässt den Text nicht alleine für sich stehen, sondern beschäftigt sich mit der Person dahinter, beschäftigt sich mit dem Künstler. Der Vater hat gesagt: ‘Das hab ich bei meinem Sohn gesehen. Du bist greifbar.’ Es geht um wirkliche Geschichten und die Personen dahinter. Es geht nicht um diesen stupiden Satz ‘Ich schmuggele Heroin in meinem Hintern’, sondern um den Menschen, der diesen Satz rappt. Das war für ihn der Grund, warum er seinen Sohn meine Musik hören lässt.

Harte Musik für Erwachsene

CORRECTIV: Ich finde es sehr schwierig. Verstehen die Kids alles? Das sind ja keine alltäglichen Dinge, die Du rappst.

Sun Diego: Im Grunde ist es doch ganz einfach. Mach ein FSK-Aufkleber drauf. Und übergib die Verantwortung den Verantwortlichen. Den Eltern. Mein Sohn darf auch nicht alle Spiele zocken. Mein Sohn kennt jeden FSK-Aufkleber auswendig. Bei den Spielen die ab 12, 16 oder 18 sind, redet er immer darüber. Er ist komplett im Bilde, selbst wenn man ihn alleine erwischt. Im App-Store oder egal wo, weiß er, was er nicht kaufen darf. Das heißt: Er kauft das Zeug auch nicht. Er weiß, dass er sich Sachen nicht angucken darf, die er sich nicht angucken darf. Das ist Erziehung. Das haben meine Frau und ich bei unserem Sohn durchgesetzt. Wir haben unsere Verantwortung wahrgenommen. Als er noch nichts verstanden hat, durfte er SpongeBOZZ hören, weil er das Kostüm so abgefeiert hat. Aber ab den Zeitpunkt, ab dem er irgendwas verstanden hat, durfte er keinen SpongeBOZZ mehr hören. Fertig.

Wenn die anderen Eltern das nicht hinbekommen, obwohl ich selber hinkriege, dann weiß ich auch nicht. Ich meine, ich bin Rapper. Ich bin komplett Alltagsunfähig. Ich bin ein Chaot. Und ich kriege das hin. Die Freigaben ab 16 oder 18 sind doch eindeutig. Selbst bei Spotify steht drauf, dass die Songs explizit sind. Du als Elternteil musst das sehen und dann Deinem Kind verbieten. Fertig.

Warum soll ich aufhören für Erwachsene Content zu produzieren und davon zu leben. Warum soll ich aufhören, meine künstlerische Freiheit auszuleben, nur weil irgendwelche Eltern das nicht geschissen bekommen.

Das ist vollkommener Schwachsinn.

CORRECTIV: Sunny, ich danke Dir für das Gespräch und die offenen Worte.

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Alte Apotheke

Alte Apotheke: „Die Herrscherin des Kellers”

Mehrere Zeugen haben im Prozess um die gepanschten Krebsmittel ausgesagt, dass die Mutter des Angeklagten Peter Stadtmann von Missständen innerhalb der Alten Apotheke wusste. Zudem liegen uns Fotos vor, die abgelaufene Medikamente im Keller der Mutter zeigen. Dies sind Hinweise darauf, dass die Mutter entweder die Missstände nicht abstellen konnte oder wollte. Ist die Mutter damit überhaupt zuverlässig genug, eine Apotheke zu führen? Die Frage ist entscheidend. Ist sie nicht zuverlässig, muss ihr die Stadt Bottrop die Betriebsgenehmigung entziehen. Wir haben nachgefragt. Die Stadt drückt sich schwammig aus.

von David Schraven , Marcus Bensmann

Die Stadt Bottrop denkt offenbar darüber nach, wie sie mit neuen Erkenntnissen zur Rolle der Mutter von Peter Stadtmann* im Skandal um die gepanschten Krebsmittel umgehen soll. Im Extremfall kann es dazu kommen, dass die Stadt der Alten Apotheke die Betriebserlaubnis entzieht. Wir haben nachgefragt, ob das passieren kann. Die Antworten des Sprechers der Stadtverwaltung deuten darauf hin.

Vor dem Landgericht Essen haben Mitarbeiter der Alten Apotheke berichtet, dass die Mutter der Angeklagten Peter Stadtmann im Tatzeitraum eine dominierende Rolle in der Apotheke gespielt hat. Sie sagten aus, dass Peter Stadtmann ohne die vorgeschriebene Schutzkleidung im Zyto-Labor tätig gewesen sei und die Eltern davon Kenntnis gehabt hätten. Sie berichten davon, dass im Privatkeller der Mutter abgelaufene Krebsmedikamente gelagert worden seien und und die Mutter davon Kenntnis gehabt hätte. Fotos, die CORRECTIV vorliegen, zeigen die abgelaufenen Krebsmittel in dem Privatkeller der Mutter im Gebäude der Alten Apotheke. Am 24. Januar sagte Birgit K. vor Gericht aus, es habe eine „Doppel-Hierarchie in der Alten Apotheke“ im Tatzeitraum gegeben. Sie nannte die Mutter die „Herrscherin des Kellers“, den sie morgens immer als erstes betreten und dort fast den ganzen Tag verbracht hätte. Birgit K. hat im Jahr 2014 als Assistentin von Peter Stadtmanns in der Alten Apotheke gearbeitet. Sie sagt, sie und Peter Stadtmann wären „gute Freunde“.

Diese Hinweise stellen die Zuverlässigkeit der Mutter in Frage. Als Apothekerin hat sie gewusst, dass Peter Stadtmann nicht in Straßenkleidung im Labor arbeiten durfte. Außerdem wusste sie um die Anforderungen an die sensible Lagerhaltung. Auf Basis ihres Wissens hätte sie die Missstände erkennen – und eventuell auch abstellen können.

Die Stadt Bottrop denkt nun offenbar darüber nach, was sie machen soll. Spricht sie der Mutter die Zuverlässigkeit zur Führung einer Apotheke ab, muss sie ihr die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke entziehen. Sie kann aber auch über die Hinweise hinweg gehen und der Mutter weiter zutrauen, die Apotheke ordentlich zu führen.

Wir haben nachgefragt und die Antworten des Sprechers der Stadtverwaltung deuten darauf hin, dass eine Entscheidung bevor steht.

Auf CORRECTIV-Anfrage, wie die Stadt als zuständige Behörde mit den Erkenntnissen aus dem Prozess umgeht, schrieb uns der Stadtsprecher in einer Email: Es gebe derzeit „verwaltungsinterne Abstimmungsprozesse“. Sie seien „in wenigen Tagen abgeschlossen“ und könnten deswegen heute noch nicht kommuniziert werden. Auffällig ist ein Ausrufezeichen am Ende des Satzes.

Hier die Antworten der Stadt Bottrop in der Übersicht:

Andreas Pläsken, Sprecher der Stadt Bottrop: „Zu der in Ihren Fragen aufgeworfenen Thematik sind wir gerade in verwaltungsinternen Abstimmungsprozessen.

Ich antworte umgehend auf Ihre Fragen, sobald die Klärungen in wenigen Tagen abgeschlossen sind!“

CORRECTIV: „Ich lese das so, dass ein Verfahren der Stadt Bottrop läuft, die die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke prüft. Ist dieses korrekt?“

Pläsken: „nein, wir klaeren derzeit wie wir mit der Sachlage eventuell umgehen!“

CORRECTIV: „Was meinen sie eigentlich mit „Sachlage“, betrifft die Sachlage Alte Apotheke?“

Pläsken: „Natuerlich ist die Sachlage Alte Apotheke gemeint. Darueber reden wir doch seit Monaten, oder?“

 

Neue Erkenntnisse, neue Vorwürfe

Die „Sachlage“ hat sich tatsächlich im Pansch-Prozess gegen Peter Stadtmann verändert. Fotos, die CORRECTIV vorliegen, zeigen abgelaufene Krebsmedikamente im Privatkeller der Mutter. Ein Patient hat sich bei uns gemeldet und behauptet, er habe noch nach Inhaftierung des Sohnes Anfang Dezember ein Krebsmedikament in der Apotheke erhalten, das abgelaufen sei. Er habe die Mitarbeiterin darauf aufmerksam gemacht, schreibt der Mann,  da sei Panik ausgebrochen. Die Mitarbeiterin hätte das Medikament zurückgenommen und ein Fahrer habe dem Patienten nach einigen Stunden ein Medikament mit gültiger Haltbarkeit gebracht. Der Mann möchte nicht, dass wir seinen Namen nennen, aber er hat den Fall der Staatsanwaltschaft geschildert.  

Nach Aussage einer die Mutter beratenden Person habe der Patient das Medikament im Oktober 2016 bestellt. Die Packung sei daraufhin bestellt und eingelagert worden. Der Patient habe die Arznei aber erst im Dezember des Jahres abgeholt – nachdem die Haltbarkeit abgelaufen sei. Außerdem hätte der Patient das Medikament noch nicht in Besitz genommen.  Dem widerspricht der Patient. Er hätte im Oktober das Medikament für den Tag im Dezember bestellt. Er sei dafür aus dem Ausland angereist. Auch schreibt der Patient, dass ihm die Packung ausgehändigt worden sei. Anschließend habe er selbst und nicht die Mitarbeiterin der Apotheke festgestellt,  dass das Präparat bereits abgelaufen gewesen wäre. Die Person, die die Mutter berät – und die wir auf ausdrücklichen, schriftlichen Wunsch dieser Person nicht nennen dürfen – sagt es sei völlig egal, wem aufgefallen sei, dass das Medikament abgelaufen war. Es sei innerhalb weniger Stunden  ausgetauscht worden. Zudem sei es noch nicht in den Besitz des Patienten übergegangen und bei einer Endkontrolle wäre sicher aufgefallen, dass es nicht mehr haltbar war.

Im Dezember 2016 war die Mutter von Peter Stadtmann noch nicht Inhaberin der Betriebserlaubnis der Alten Apotheke. Stattdessen war damals der Vater von Peter Stadtmann als Vertreter seines Sohnes für den Betrieb der Apotheke verantwortlich.

Krebsmittel im Privatkeller

Die abgelaufenen Krebsmittel im Keller der Alten Apotheke

CORRECTIV

Immer wieder tauchen während des Prozesses die Eltern von Peter Stadtmann als zentrale Akteure in den Aussagen ehemaliger Mitarbeiter auf. Auch als Peter Stadtmann längst die Alte Apotheke übernommen hatte. Übereinstimmend mit mehreren anderen Mitarbeitern berichtete der Whistleblower Martin Porwoll von einer Doppelherrschaft im Betrieb. „Die Eltern haben intensiv zusammen mit ihrem Sohn in der Geschäftsführung gearbeitet.“ Über alle Vorgänge sei insbesondere die Mutter immer „sehr gut informiert“ gewesen.

Beide Eltern wussten laut den Aussagen mehrerer Zeugen, dass Peter Stadtmann ohne Schutzkleidung in dem Zyto-Labor gearbeitet habe. So soll Stadtmanns Vater am Tag der Verhaftung geäußert haben: „Ich hab doch immer gesagt, dass Peter nicht mit seinem Anzug ins Labor gehen soll.“ Das erklärte Martin Porwoll in seiner Aussage vor Gericht. Auch die langjährige Mitarbeiterin Teresa K. sagte im Zeugenstand, dass sie die Eltern mehrfach darauf hingewiesen hätte, dass Peter Stadtmann ohne Schutzkleidung im Labor arbeitete. Die hätten lediglich „Ja, ja“ geantwortet.

Abgelaufen? Trotzdem verkauft.

Mehrere Mitarbeiter sagten außerdem aus, Stadtmanns Mutter habe gewusst, dass abgelaufene Krebsmittel im Privatkeller der Mutter in der Alten Apotheke gelagert wurden.

Die Mutter als neue Betreiberin der Alten Apotheke

Vor längerer Zeit haben wir die Mutter von Peter Stadtmann gefragt, ob sie von dem Altmedizin-Lager wusste. Sie selbst äußerte sich nicht dazu. Ihr Anwalt teilte mit, dass seine Mandantin keine Kenntnisse von irgendwelchen Missständen in ihrer Apotheke gehabt habe. Als „Dame in fortgeschrittenem Alter“ sei es ihr auch unmöglich gewesen, eventuelle Fehler ihres Sohnes zu erkennen.

Die Antwort ist brisant. Denn nach der Razzia in der Apotheke und der Verhaftung von Peter Stadtmann, bemühte sich die Mutter darum, die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke zu erhalten.

Die Bezirksregierung Münster hatte damals Bedenken. In einem CORRECTIV vorliegenden  Schreiben vom 21. Februar 2017 an die Stadt Bottrop heißt es:

„Es mag (…) verwundern, dass einer pharmazeutisch ausgebildeten Person, die sich regelmäßig mit den Belangen der Apotheke umfänglich auseinandergesetzt haben will, derart schwerwiegende und zwischenzeitlich nachgewiesene Mängel in der Herstellung über einen so langen Zeitraum verborgen geblieben sind. Hier wäre bei geringster Kenntnis ein Einwirken im Sinne der Patientensicherheit geboten gewesen. Ein Unterbleiben wiederum dürfte die Frage der Zuverlässigkeit fundamental berühren.“

Ohne Zuverlässigkeit kann es keine Genehmigung für den Betrieb einer Apotheke geben.

Zum Zeitpunkt des Schreibens der Bezirksregierung versuchte die Mutter aber genau diese Erlaubnis zu bekommen. Am 13. Februar 2017 wurde eine amtliche Besichtigung der Alten Apotheke durchgeführt – als Teil des Verfahrens, der Mutter die Betriebsgenehmigung zu erteilen. Der Privatkeller der Mutter war dabei nicht Teil der Begehung. Die Anwälte der Mutter drohten damals mit Klage, falls der Mutter die Genehmigung verweigert würde. Es gebe keine „Sippenhaft“, schrieben die Anwälte. Die Stadt Bottrop gab schließlich nach. Die Bedenken der Bezirksregierung wurden beiseite geschoben. Und Ende März erhielt die Mutter von Peter Stadtmann die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke.

Nach den neuen Erkenntnissen könnte sich die Lage ändern. „Sollten sich die entsprechenden Hinweise bewahrheiten, könnten diese grundsätzlich Einfluss auf die Erteilung einer Apothekenbetriebserlaubnis haben“, schreibt eine Sprecherin der Bezirksregierung Münster – verweist aber auf „die zuständige untere Gesundheitsbehörde der Stadt Bottrop“. Die habe „eigene Schritte zur weiteren Sachverhaltsklärung aufgenommen, die wir zunächst abzuwarten müssen“, schreibt die Sprecherin der Bezirksregierung Münster.

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Der Anwalt der Mutter

Die Mutter von Peter Stadtmann und momentane Betreiberin der Alten Apotheke antwortet nicht selbst auf eine Anfrage zum Thema. Stattdessen schreibt uns ihr Presserechts-Anwalt eine lange Email. Er unterstreicht viele Worte und druckt ganze Passagen fett.

Der Anwalt schreibt, dass wir nicht aus seiner langen Email zitieren sollen. Wir sollen seine Aussagen auch nicht umschreiben. Stattdessen sollen wir unseren Text auszugsweise zur Genehmigung vorlegen, sollten wir den Anwalt zitieren wollen.

Er sagt weiter, das wir der Mutter nicht ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hätten und deswegen unsere Berichterstattung unzulässig sei. Zur Einordnung: Auf unsere erste Anfrage hatte wir eine Antwort-Frist von anderthalb Tagen gegeben. Auf eine Nachfrage hatten wir eine Stunde Zeit gegeben.

Im Kern hatten wir nämlich nur eine Frage, die sehr leicht zu beantworten ist: Wir wollten wissen, ob die Mutter von Peter Stadtmann wusste, dass es Missstände in der Alten Apotheke gab, dass in ihrem privaten Keller abgelaufene Medikamente lagerten, von denen mehrere Zeugen vor Gericht berichteten.

Der Anwalt spricht von „Gerüchten, Spekulationen und Eindrücken“, die nicht Grundlage einer Berichterstattung sein dürften. Er spricht von Vorwürfen, die nicht präzise genug seien, um darauf zu antworten. Er spricht von Problemen, auf Grund der kurzen Zeit Nachforschungen anzustellen, um die Fragen zu beantworten.

Wie gesagt: Bei den „Gerüchten, Spekulationen und Eindrücken“ geht es um Dokumente und Zeugenaussagen vor Gericht. 

Der Anwalt schreibt, wir dürften grundsätzlich nicht über die Mutter von Peter Stadtmann berichten.

Wir sehen das anders.

Und wir legen unsere Texte auch nicht auszugsweise zur Genehmigung vor.

*Aus juristischen Erwägungen nennen wir den Namen der Mutter von Peter Stadtmann hier nicht.