Profil

David Schraven

Geschäftsführer/Publisher

Den wichtigsten Satz seines Lebens hat David als Kind von seiner Mutter gehört: “Wir haben die Grenzen der Welt nicht gesetzt. Warum sollen wir sie halten.” An diesen Satz denkt er, wenn er Comics mit Journalismus

mixt, wenn er Reportagen ins Theater bringt oder mit Bürgern Recherchen startet. Was zwingt uns dazu, Journalismus nur als Zeilenschreiben zu verstehen, als Formatfüllen im Fernsehen? Nichts. Wir können Grenzen

überwinden und alles erreichen, wenn wir nur den Mut dazu haben. David war Mitgründer und Chefredakteur von CORRECTIV und leitet das Recherchezentrum mittlerweile als Publisher. In seinem früheren Leben füllte er Zeilen bei der taz, der Süddeutschen Zeitung, der Welt-Gruppe und dem von ihm mitgegründeten Blog Ruhrbarone. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Bottrop und geht gerne angeln.

E-Mail: david.schraven(at)correctiv.org
Twitter: @david_schraven

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

zur Recherche 60 Minuten

Zwei der vielen Besucher auf dem Campfire-Festival für Journalismus und digitale Zukunft.© Ivo Mayr / Correctiv

In eigener Sache

Sonne, Zelte, Journalismus: unser Festival

Wochenlang starrten wir auf die Wetter-App. Es half: es gab Sonne satt bei unserem zweiten Campfire-Festival in Düsseldorf. Gut 11.000 Besucher kamen, um über Journalismus und unsere digitalisierte Gesellschaft zu diskutieren. Wir sind beigeistert: Der direkte Austausch funktioniert.

von David Schraven , Marta Orosz

Wir sitzen im Kreis in einem der 18 Zelte am Düsseldorfer Landtag und wollen eigentlich über uns selbst reden: Über die Konkurrenz im Mediengeschäft. Zwei Journalistinnen vom Collectext, ein junges Kollektiv von freien Reporterinnen, suchen den richtigen Umgang mit dem harten Wettbewerb in der Branche. Menschen bleiben stehen, die beruflich nichts mit Journalismus zu tun haben.

Sie beschäftigen sich mit ganz anderen Fragen. „Wie kann man denn noch der Berichterstattung trauen, wenn Journalisten doch auch durch ihren eigenen politischen Präferenzen geprägt sind?“ fragt ein Herr. Die Frage regt zur Debatte an. Hier im kleinen Kreis in einem Festivalzelt unter dem Rheinturm können wir auf Augenhöhe reden.

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Das Campfire-Zeltdorf auf der Rheinwiese vor dem Düsseldorfer Landtag

Ivo Mayr / Correctiv

„Natürlich gibt es eine persönliche Haltung oder sogar einen eigenen Bezug zu vielen Themen, die wir bearbeiten – wie in jedem anderen Beruf auch“, sind wir uns einig. „Doch im guten Journalismus stellen eindeutige handwerkliche Regeln sicher, dass nicht die persönliche Präferenzen der Reporter die Berichterstattung prägt“, sagen die Journalisten im Kreis.

Es ist eine Gesprächssituation, wie wir sie sonst in den Kommentaren unter unsere Artikel oder in sozialen Medien führen – doch hier können wir direkt mit den Menschen sprechen. Die Gräben werden zugeschüttet. Vertrauen aufgebaut.

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In achtzehn Zelten gab es drei Tage lang Diskussionen, Workshops und Lesungen für alle, die Interesse am Journalismus, digitale Themen oder einfach am Austausch haben

Ivo Mayr / Correctiv

„Den Besuchern gefällt die Mischung und der Blick hinter die Kulissen“, berichtet der Deutschlandfunk später über das Festival und findet, dass mit dem Campfire Festival einen ersten Schritt zur Wiederannäherung von Medien und Gesellschaft erfolgt ist. Es ist das Wochenende, an dem am anderen Ende der Republik, in Chemnitz, Journalisten von rechten Demonstranten angegriffen werden.

In den achtzehn Zelten am Platz des Landtags an den drei Spätsommertagen passiert genau das, was wir Medienmacher unter uns an Podiumsdiskussionen und in Feuilletons seit Jahren für den Weg aus der Vertrauenskrise halten: Das Gespräch zu unserem Publikum zu suchen und mit ihnen einen ehrlichen Austausch führen.

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Der Künstler El Marto aus Burkina Faso zeichnete mit Schülern

Ivo Mayr / Correctiv

Der Einladung gefolgt sind auch Medienmacher, wie der Ex-BILD-Chef Kai Dieckmann oder der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. Steingart erinnert im Gespräch gleich zum Auftakt des Festivals daran, dass die Menschen viel mehr Transparenz von den Medien verlangen – und das bedeutet auch zu wissen, wer hinter den einzelnen Veröffentlichungen als Autor steht. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagt er.

Wie viel Verantwortung tragen die Medien für den Aufstieg der AfD? Auch diese Frage wurde diskutiert. „Journalisten müssen näher an die Leute rangehen und sich der inhaltlichen Auseinandersetzungen stellen“, sagte dazu CORRECTIV-Geschäftsführer David Schraven.

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Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen gibt Tipps zur sicheren digitalen Kommunikation – nicht nur für Journalisten

Ivo Mayr / Correctiv

Viele Reporter kamen zum Festival, um genau über solche Erlebnisse zu berichten: Wie etwa über die Gangsta-Rap-Szene, die im Kulturjournalismus kaum Beachtung bekommt, während die Jugendliche in diesem Land die oft umstrittenen Zeilen der Rapper millionenfach streamen. Oder wie Hüdaverdi Güngör, Volontär bei CORRECTIV, der für eine Video-Serie „Auf eine Shisha mit…“ Menschen trifft, die über ihre eigene Erfahrungen mit Integration berichten.

Auf dem Festival traten nicht nur im Medienzirkus bekannte Gesichter auf, sondern auch Ali Can, Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“ oder Volker Huß, von der Gewerkschaft der Polizei NRW. Er diskutierte mit Tania Röttger, Leiterin der Faktencheckredaktion CORRECTIV von CORRECTIV und mit dem Spiegel-Reporter Jörg Diehl über Panikmache, Fake News in den sozialen Medien und über die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in Deutschland – Themen, die in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit stark polarisiert haben. Die Gespräche blieben laut unserem Medienpartner Rheinischen Post „ruhig, sachlich, konstruktiv und stets mit einem zuversichtlichen Blick nach vorne.“

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Eine gute Mischung aus Festival-Stimmung und Zukunftsthemen

Ivo Mayr / Correctiv

Dass der digitale Wandel nicht nur für den Journalismus, sondern für alle eine alltägliche Herausforderung darstellt, zeigte auch das große Interesse am Gespräch mit Guido Bülow, der Europa-Chef für Medien bei Facebook über die Verantwortung eines des größten und einflussreichsten Internetkonzerns.

Vor einem Jahr hatten wir Pech: die erste Ausgabe des Journalismus-Festival war nach tagelangem Regen im Schlamm versunken. Vielleicht hatte dieses Jahr El Marto die Sonne mitgebracht. Der Künstler reiste aus Ouagadougou in Burkina Faso an, um seine Graphic Novel „Made in Germany: Ein Massaker im Kongo“ vorzustellen und Workshops im Zeichnen anzubieten. Eine nicht ganz so weite Anreise hatte Zubeyde Sarı, die Co-Chefredakteurin unserer türkischsprachigen Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Sie erzählte, wie sie erst Tage zuvor im Tränengas über eine Demonstration in Istanbul berichtet hatte.

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„Tut was!“ – Can Dündar von #ÖZGÜRÜZ fordert von Europa mehr Engagement für die Demokratie.

Ivo Mayr / Correctiv

Das Campfire-Festival. Das waren drei Tage vor dem Landtag am Rhein. Friedlich, ruhig und freundlich. Wir hatten über 250 Speaker, Workshops, Diskussionen und Gesprächsrunden.

Es war ein Aufbruch. Für uns bei CORRECTIV ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Genauso hatten wir uns das Leben in unserem kleinen Zeltdorf vorgestellt: offen und transparent; zugänglich und freundlich.

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Ivo Mayr / Correctiv

Wir sind sehr froh, dass wir für diesen Traum Partner gefunden haben. Allen voran ist sipgate zu nennen. Direkt bei dem ersten Gespräch hat es gefunkt. Wir haben die gleiche Vision: Wir wollen eine offene, transparente und selbstbestimmte Welt. Als Hauptsponsor hat sipgate das Festival möglich gemacht. Als Partner etliche Panel bespielt. Wir sagen: DANKE!

Dann müssen wir auch der Rheinischen Post danken. Als wir aus Dortmund weggegangen sind, hat Michael Bröker spontan zugesagt, in Düsseldorf mitzumachen. Und es ist toll geworden. Die Rheinische Post hat sich reingehängt. Ein Zirkuszelt auf den Platz gestellt, eine Liveredaktion aufgebaut und etliche spannende Talks organisiert. DANKE!

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Und dann möchten wir der Stadt Düsseldorf danken! Unkompliziert und entgegenkommend hat sie dem Campfire-Festival den Ort gegeben: Oberbürgermeister Thomas Geisel hat den Weg zum Bürgerpark spontan frei gemacht. DANKE!!

Dann noch ein großes DANKE! an all die anderen Partner und Freunde, wie den Ankerherz-Verlag, mit dem wir den Namen ausgeknobelt haben.

Das Campfire-Festival gehört uns, es gehört Euch allen. Wir freuen uns auf das nächste Jahr!

DANKE AN EUCH ALLE!!

Die Alte Apotheke in Bottrop steht im Zentrum eines der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Peters Opfer und Peters Wahrheit

weiterlesen 7 Minuten

von David Schraven

Peter Stadtmann wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Tat war offensichtlich, die Strafe ist sicher gerecht. 

Wenn ich an Peter Stadtmann denke, sehe ich nicht den verurteilten Apotheker vor mir. Ich sehe den Jungen, der schräg hinter mir in der Schulbank sitzt. Ich sehe den Jungen, der verschmitzt lächelt. Ich sehe den Jungen, der mitspielen will. Der mit uns am Strand in Holland lacht. Den Jungen, der in einem Hochhaus wohnt, ganz oben, wo man zwar eine tolle Aussicht hat, aber nicht einfach über Zäune klettern kann. 

Peter hatte keine schöne Kindheit. Es gab einen Geburtstag, den hat er mit seinen Eltern in einer Eisdiele gefeiert und die Gäste, Schulfreunde, wurden von der Straße hereingeholt, als sie vorbeigingen. Sie bekamen ein Eis spendiert. Händeschütteln. Abtreten. Die Erinnerung an dieses traurige Fest tut mir in der Seele weh. Meine Freunde haben bei Kindergeburtstagen im Dreck getobt, bis die Sonne unterging.

Peter hat etwas Schlimmes getan

Peter hat etwas Schlimmes getan. Er hat Medikamente gepanscht. Er hat Ausreden suchen lassen von seinen Anwälten. Er hat seine Familie ruiniert. Er hat sein Erbe ruiniert. Er hat sein Leben ruiniert. 

Und er hat die Leben von unzähligen Menschen zerstört, die gehofft hatten auf Heilung. Er hat Mütter und Väter zerstört, die um ihre Kinder bangten, und die starben. Er hat die Leben unzähliger Söhne und Töchter zerstört, die ihre Eltern bis in den Tod begleitet haben. 

Ich habe mit den Menschen gesprochen, die nach dem Tod in Bottrop zurückgeblieben sind. Ich habe ihre Tränen gesehen, ich habe ihr Schluchzen gehört.

Ich habe das Kind gesehen, das in einem Foto auf der weißen Tischdecke im Wohnzimmer die verlorene Mutter sucht. 

Ich habe den Mann gesehen, dessen Frau gestorben ist. Ein starker Mann, ein gebrochener Mann, einer der lachen möchte und weint. Einer der beten kann und flucht. Ein Mann, der nur noch lebt, weil sein erstarrtes Herz nicht aufhört zu schlagen.

Die Opfer

Ich habe die Krebskranke gesehen, die auf einem Stuhl sitzt, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien, die nicht an den baldigen Tod denken will. Die aber dennoch weint. Weil ihr im nächsten Jahr die Zeit mit ihren Kindern ausgeht. Sie wird den Schulabschluss nicht erleben, die Hochzeit, die Kindeskinder. Ihr Leben.

Das sind die Opfer.

Peters Opfer. 

Nicht die Opfer des kleinen Jungen, der auch nur geliebt werden wollte.  Sondern die Opfer des Mannes, der sich selbst verloren hat. 

Das Verbrechen ist so groß, dass es kaum erträglich ist. Der Richter hat in seinem Urteil festgestellt, dass Peter seine Taten nur begehen konnte, weil die Apothekenaufsicht, weil die Behörde versagt hat. 

Das Versagen der Behörden

Hat die Behörde auf das Versagen reagiert? Hat sich die Behörde entschuldigt? Hat die Behörde ihr Versagen aufgeklärt?

Nein.

Die Bottroper Behörde hat die Alte Apotheke offengelassen. 

Die Bottroper Behörde hat Fehler abgestritten. 

Die Bottroper Behörde hat die Menschen alleine gelassen. 

Peter und die SPD

Das Wegsehen begann unmittelbar nach der Festnahme von Peter Stadtmann. Verzweifelt wurde nach möglichen Beweisen gesucht, dass doch nicht alles so schlimm war. Die Verantwortlichen haben sich versteckt. 

Man stand sich nah. Bottrops Oberbürgermeister Tischler war der Bernd für den Peter. 

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Der Peter hat Bernds SPD Geld für den Wahlkampf rübergeschoben.

Der Peter hat dem Bernd mal ein Bild „ausgeliehen“.

Der Peter hat Dinge möglich gemacht. 

Die Stadt schwieg lange. 

Wir von CORRECTIV haben das nicht mehr ertragen. Wir haben angefangen zu recherchieren. Haben ein Büro in der Innenstadt aufgemacht. Haben Menschen eingeladen. Ihnen einen Raum gegeben und mit ihnen gesprochen, haben ihre Geschichten aufgeschrieben und sie ernst genommen. Wir haben für viele die Einsamkeit aufgebrochen. 

Dann haben sich die Menschen selbst organisiert. Sie sind auf die Straße gegangen. Haben sich vor unserer Redaktion getroffen und sind marschiert. Zur ersten Demonstration. Im Gedenken an ihre Armen und Kranken. Im Protest gegen das Schweigen. In der Hoffnung auf Veränderung. 

Der Protest der Betroffenen

Es waren viele. Hunderte. 

Wir sind mitgelaufen. Als Reporter beobachtend und doch dabei. 

Heike Benedetti hat ihre erste Rede gehalten. Sie war stolz und klar. Sie war ehrlich und bitter. 

Die Menschen aus Bottrop sind aufgewacht. 

Nun ist Peter verurteilt. Und die Stadt schweigt immer noch zum Behördenversagen. 

Doch weitere Verfahren laufen. Gegen die Schweiger. Gegen die Wegschauer. 

Peter, der Junge von damals, der auch nur Liebe suchte, ist zu einem einsamen Menschen geworden. 

Die Menschen, die ihm geblieben sind, sind nicht ehrlich zu ihm. 

Sonst würden sie ihm sagen, dass er reden muss. Dass er nicht weiter schweigen darf. 

Das Urteil ist gefallen. 

Wenn der kleine Junge noch einmal eine Chance auf Liebe finden will, muss er die Vergangenheit ablegen. Den falschen Beratern entsagen. Und reden. 

Peter: Wir sind da und hören Dir zu

Bis dahin können wir nur den tapferen Whistleblowern Martin Porwoll und Marie Klein danken. 

Sie waren die einzigen, die ersten, die sprachen – während alle anderen noch schwiegen. 

Neue Rechte

Das AfD-Programm entschlüsselt

Am Freitag haben wir den Entwurf des AfD-Grundsatzprogramms veröffentlicht. Am Samstag habe ich auf Facebook eine pointierte Zusammenfassung des Programms geschrieben. Einige Leute haben uns dafür kritisiert und meinten, einzelne Programmpunkte seien zu sehr zugespitzt gewesen. Ich erkläre deshalb hier noch mal im Detail, wie ich zu den Einschätzungen gekommen bin.

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© Weisse Wölfe. Grafische Reportage über rechten Terror von [David Schraven & Jan Feindt]

Weiße Wölfe

Weiße Wölfe

Die Stadt Dortmund tief im Ruhrgebiet hat eine der vitalsten Neonazi-Szenen Deutschlands. Die Gewalttäter haben hier Familien aus ihren Häusern vertrieben. Sie haben im Laufe der Jahre mehrere Menschen umgebracht. Und heute ziehen sie mit Fackeln vor Flüchtlingsheime und schicken Journalisten Todesanzeigen. Wir sind ihren Spuren gefolgt.

Simon Kretschmer

Simon Kretschmer© Christoph Neumann

In eigener Sache

CORRECTIV baut Führung aus

Das Recherchezentrum CORRECTIV erweitert seinen Führungskreis: Simon Kretschmer wird ab Mai 2018 weiterer Geschäftsführer von CORRECTIV. David Schraven bleibt ebenfalls Geschäftsführer. Anfang Februar war bereits Oliver Schröm als Chefredakteur bei CORRECTIV eingestiegen.

weiterlesen 3 Minuten

von David Schraven

„Wir sind sehr froh, Simon Kretschmer für CORRECTIV gewonnen zu haben. Simon ist ein erfahrener Medienmanager und hat renommierte Medienmarken sehr erfolgreich geführt, er kann Organisationen groß machen“, sagt David Schraven.

CORRECTIV wird sich in Zukunft sowohl auf lokale als auch internationale Themen fokussieren, die für die gesamte Gesellschaft wichtig sind. Von internationalen Steuerverbrechen über die Auswirkungen des Klimawandels vor Ort bis hin zur Frage bezahlbaren Wohnraums in deutschen Städten. „Wir wollen uns um Aspekte kümmern, die Auswirkungen auf die Entwicklung der Freiheit und Demokratie in Deutschland und Europa haben“, sagt Simon Kretschmer. „Das ist alles nicht voneinander zu trennen. Dabei soll CORRECTIV nicht nur die Probleme beschreiben, die vor uns liegen, sondern auch dabei helfen, Lösungen zu finden.“

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Als Geschäftsführer von CORRECTIV wird sich Simon Kretschmer um die Geschäftsentwicklung sowie den strategischen und organisatorischen Ausbau des Recherchezentrums kümmern. David Schraven bleibt Publisher und zeichnet für die inhaltliche Strategie verantwortlich.

Simon Kretschmer hat in Kassel, London und Kapstadt Wirtschaftswissenschaften studiert und in Sydney und Seoul gearbeitet. Seine Karriere bei Gruner+Jahr führte ihn in die Verlagsleitung des stern, wo er für unterschiedliche print und digitale Marken zuständig war. Im Oktober 2013 ging Simon Kretschmer für G+J nach Berlin und war zuletzt als Publisher und Geschäftsführer für Capital, Business Punk, 11Freunde und NoSports tätig. CORRECTIV ist Simon Kretschmer bereits seit Sommer 2017 als Mitglied des Kuratoriums verbunden.

Bewertung: falsch

Nein – Der Osterhase wird nicht als Selbstaufgabe unserer Kultur in „Traditionshase“ umbenannt

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von David Schraven

Prominente Politiker aus der AfD vermuten hinter der Bezeichnung „Traditionshase“ anstelle des Wortes „Osterhase“ in Supermärkten die freiwillige Preisgabe Deutschen Kulturgutes. Das stimmt nicht.

Die Botschaft sieht auf den ersten Blick seltsam aus. Auf einem Einkaufsbon der Karstadt Feinkost GmbH & Co.Kg in Hamburg wird statt eines Osterhasen ein „Traditionshase“ gebucht. Der Beleg ist vom 28. März 2018. Um genau zu sein, er stammt von 10:23 Uhr.

Kurze Zeit später geht der Bon mit dem Wort „Traditionshase“ anstelle des Wortes „Osterhase“ über die Sozialen Medien und löst Empörung aus. Die Rede ist von der Selbstaufgabe Deutschlands, von Verlust der Identität, von Boycott Karstadts. Der Jurist Joachim Steinhöfel schrieb am 28. März um 14:31 Uhr auf Facebook: „Die Unterwerfung und die Selbstaufgabe schreiten voran. Ich gebe bei Karstadt keinen Cent mehr aus.“ Ein Shitstorm gegen Karstadt rauschte heran.

„Liebe Karstadtleitung, ich war immer ein Fan eurer Warenhauskette, aber jetzt überschreitet ihr für mich Grenzen der Selbstaufgabe die ich als Kunde nicht mehr mitgehen werde“, schrieb Stefan Steder.

Erika Steinbach ließ da nicht lange auf sich warten. Um 17:03 twitterte sie: „Bei Karstadt gibt es keine Osterhasen mehr, sondern Traditionshasen. Wer mir keine Osterhasen mehr verkaufen will, der kann auch sonst auf mich verzichten…….“

Kurz darauf erschien auch ein Bon der Supermarktkette REWE im Internet. Und auch hier: aus dem Osterhase war ein „Traditionshase“ geworden. Haben die Sprachwandler tatsächlich Deutschland schon soweit unterwandert? Supermarktkette um Supermarktkette, um deutsche Kultur zu zerstören? Ist Deutschlands Osterhase bedroht? Auf jeden Fall geriet Deutschland in Aufregung.

Dabei ist die Aufklärung so leicht.

Per Twitter teilte der „REWE“-Konzerns zum Beispiel mit, das der Lindt-Goldhase seit 1992 auf den Kassenbons als „Traditionshase“ bezeichnet werde. REWE schreibt, dieser Begriff sei durchaus treffend, „da es ihn nach unserem Kenntnisstand bereits seit den frühen 50er Jahren in Deutschland gibt.“

Es gibt also keine neue Sprachwandlung – oder Sprachpanscherei – sondern einen Begriff in einem Warenwirtschftssystem.

Da diese Systeme nicht alle Menschen kennen, erklären wir es kurz:  Als Warenwirtschaftssysteme werden Systeme bezeichnet, mit denen unter anderem Lebensmittelläden ihre Einkäufe und Verkäufe organisieren. Jede Ware braucht hier eine eindeutige Bezeichnung, damit neue Ware bestellt werden kann, wenn sie aus ist. Ob Ware aus ist, wird festgestellt, indem an der Kasse die Ware beim Verkauf eingebont wird. Jede verkaufte Ware wird nach Verkauf in der Lagerliste abgezogen. Wird ein bestimmter, vorher festgelegter Wert in der Lagerliste unterschritten, wird aus dem System heraus eine Nachbestellung der Ware ausgelöst. Das Warenwirtschaftssystem sorgt dafür, dass niemand mehr mit dem Zettel zählen muss, ob noch genügend Waren auf Lager ist.

Nun gibt es sehr viele verschiedene Osterhasen aus Schokolade in deutschen Supermärkten. Wenn man die alle unterschiedslos als Osterhasen bezeichnen würde, könnte das Warenwirtschaftssystem diese nicht mehr auseinanderhalten. Es wäre nicht klar, welcher Hase ausverkauft ist und welcher nicht. Deswegen werden die Schokorammler in der Warenwirtschaft in der Regel alle anderes benannt. Der Milkahase anders als der Kinderschokoladeosterhase und so weiter und so fort. Der Goldhase von Lindt heißt oft „Traditionshase“ in der Warenwirtschaft, weil er schon seit den frühen 1950er Jahren am Markt ist. Mimikama hat drüber berichtet.

Mit anderen Worten: Das Abendland ist nicht in Gefahr. Der Osterhase heißt weiter Osterhase – nur in der Warenwirtschaft wird er zur besseren Unterscheidung auch mal anders bezeichnet.

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Leider erreicht diese Erklärung nicht alle Menschen. Der AfD-Chef Jörg Meuthen meldete sich etwa auf Facebook zu Wort: „Prompt sind natürlich auch die linksgrünen Verteidiger dieser Unterwerfungsgeste aus ihren Löchern gekrochen und sprechen wortreich von ‚Besonderheiten im Warenwirtschaftssystem’. Diesen empfehle ich, einmal über die Besonderheiten in unserem Kultursystem nachzudenken. Kleiner Denkanstoß: Unser Land ist christlich geprägt, nicht islamisch; deshalb heißt es bei uns Osterhase, Osterei und Osterfest — nicht dagegen Traditionshase, Traditionsei und Traditionsfest.“

Das stimmt, allerdings sind diese Begriffe nicht zur Verwaltung eines Supermarktlagers mit vielen verschiedenen Osterhasen geeignet.

Warum erscheint der Begriff erst seit wenigen Stunden bei Google?

Zum Abschluss noch eine kurze Aufklärung zu einer weiteren vermuteten Verschwörung in dieser Sache. Der schon genannte Jurist Steinhöfel schrieb in einem weiteren Post auf Facebook: „Wenn es die Bezeichnung ‚Traditionshase’ angeblich schon seit Jahrzehnten gibt, wie einige schlecht oder gar nicht recherchierte Artikel behaupten, warum gibt es dann ausschließlich Google–Treffer aus den letzten 48 Stunden?“

Die Antwort liegt im System von Google. Ein Begriff wird dann in den Suchvorschlägen oder Autovervollständigung* angezeigt, wenn nach ihm gesucht wird. Nur dann. Vor 72 Stunden hat sich noch kaum jemand auf diesem Planeten für die Bezeichnung für Schokohasen im Warenwirtschaftssystem von Supermärkten interessiert. Das änderte sich erst durch die Proteste von Steinbach und Co. Aus diesem Grund wird erst seit wenigen Stunden das Wort „Traditionshase“ in die Google-Suchmaske eingetippt. Und auch aus diesem Grund werden seit einigen Stunden zu diesem Thema Artikel geschrieben, etwa auch von der FAZ oder Bento.

Man könnte meinen, mit dieser Erklärung wäre nun der Fall „Traditionshase“ endgültig beendet. Falsch. Noch einmal meldet sich AfD-Chef Meuthen zu Wort: Er zieht jetzt die Aufgabe der Identität zeitlich vor. Nicht erst vor wenigen Stunden sei die Identität aufgegeben worden, sondern vor Jahrzehnten, als das Wort „Traditionshase“ in die REWE-Warenwirtschaft eingetippt wurde. „Die Tatsache, dass dieser Begriff bei REWE bereits seit 1992 verwendet wird, macht die Sache grundsätzlich in keiner Weise besser – jedenfalls dann nicht, wenn er seinerzeit gewählt wurde, um sich der seit den 80er Jahren grassierenden ‚politischen Korrektheit’ zu unterwerfen.“ Meuthen spricht von „Sprachverstümmelung“ und weiter: „Wer in all diesen Dingen keine Unterwerfung erkennen kann, möge seine Wahrnehmung ärztlich untersuchen lassen.“

Das Verständnis eines Warenwirtschaftssystems kommt sehr langsam bei Meuthen an.


Update 31. März 2018

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Der umbenannte AfD-Schokohase im Onlineshop der Populisten.

Wenige Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels wird bekannt, dass die AfD von Jörg Meuthen in ihrem Online-Werbemittelversand selbst Osterhasen aus Schokolade verkauft hat – zumindest im Jahr 2017. Diese nannte sie wörtlich: „Schokohasen“. Damit erfüllt die AfD genau die Voraussetzungen der „Sprachverstümmelung“ und „Unterwerfung“, die AfD-Chef Meuthen anprangerte. Erst nach den Angriffen von Meuthen, Steinbach und Co. benannte die AfD ihre „Schokohasen“ um: In „Schokoosterhasen“. Die Umbenennung ist im Bearbeitungsverlauf des Artikels weiter sichtbar.

* in einer früheren Version des Artikels hieß es, Begriffe würden bei Google nur angezeigt, wenn nach ihnen gesucht wird. Diese Aussage bezog sich auf die Autovervollständigung und die Suchvorschläge. Um dies deutlicher zu machen, wurde der Satz entsprechend ergänzt. Danke an Chris71 für den Hinweis.

Unsere Bewertung:
Die Behauptung stimmt nicht.

Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Daten geben Hinweis: Krebsmittel der Bottroper Alten Apotheke könnten für negativen Krankheitsverlauf sorgen

Patienten, die Krebsmittel aus der Alten Apotheke in Bottrop erhalten haben, droht ein schlechterer Krankheitsverlauf als Patienten, die ihre Medikamente aus anderen Apotheken bezogen haben. Dies geht aus einer internen Patienten-Auswertung der AOK Rheinland hervor, die CORRECTIV und Rheinischer Post exklusiv vorliegt.

weiterlesen 9 Minuten

von David Schraven , Marcus Bensmann

Die AOK Rheinland/Hamburg hat den Informationen zufolge intern Krankheitsverläufe von Patienten untersucht, die ihre Chemotherapien aus der Alten Apotheke in Bottrop erhalten haben und mit den Daten von Patienten verglichen, die ihre Arzneien aus anderen Apotheken bezogen haben. Die Ergebnisse sind weitgehend eindeutig. Kunden der Alten Apotheke mussten mit schlechteren Heilungschancen rechnen.

Zur Erinnerung: Der Alte Apotheker Peter Stadtmann ist vor dem Landgericht Essen angeklagt, zwischen 2012 und 2016 über 60.000 Krebsmedikamenten für mehrere tausend Patienten in ganz NRW gestreckt zu haben.

Vor allem die Leidenswege der Patienten mit Leukämie  und Lymphomen sind deutlich. Von rechnerisch hundert Patienten, die ihre Medizin aus der Alten Apotheke bekamen, verstarben bislang 67,3 Patienten – in der Vergleichsgruppe sind es nur 45,9 Menschen.

Ein drastischer Hinweis

Betrachtet man in diesem Fall nur eine Medikamentenart, die Zytostatika, wird es noch deutlicher: Nicht mal mehr jeder fünfte Mensch, der seine Medizin aus der Alten Apotheke bekam, lebt heute noch. Und die Überlebenschance sinkt mit fortschreitender Lebensdauer rapide. In der Vergleichsgruppe hat fast jeder Zweite überlebt. Hier konnten die Leidenswege von 52 Patienten aus Alten Apotheke mit 5140 Patienten anderer Anbieter verglichen werden.

Die Auswertung der AOK ist anonymisiert. Die Daten enthalten keine Namen und keine persönlichen Angaben. Der Sprecher der AOK Rheinland/Hamburg, Christoph Rupprecht, bestätigt, dass die CORRECTIV vorliegende Untersuchung aus seinem Haus stammt. Es handele sich „um erste interne Analysen“, die „noch nicht abgeschlossen“ seien, sagte Rupprecht. Zu den Ergebnissen will er keine Stellung nehmen.

In ihrer Untersuchung haben die Experten der Kasse die Fälle von Versicherten untereinander verglichen, die zwischen 2009 und 2016 unter anderem an Brustkrebs, Leukämien und Lymphome litten — in dem Zeitraum also, in dem Peter Stadtmann die Alte Apotheke führte. Insgesamt konnte die AOK 170 Leidenswege von Stadtmann-Patienten rekonstruieren. Diese Daten wurden mit den Daten von insgesamt rund 13.000 AOK-versicherten Patienten verglichen, die ihre Medikamente bei vergleichbarer Erkrankung aus anderen Apotheken bezogen.

Die Zahl der untersuchten Fälle aus Bottrop ist nicht groß. Der Einzugsbereich der AOK Rheinland/Hamburg geht nur bis Essen, der Großteil der Patienten aus der Alten Apotheke kommt aus dem nördlichen Ruhrgebiet. Aus diesem Grund kann die Untersuchung der AOK Rheinland/Hamburg nur Hinweise geben. Endgültige Aussagen kann nur eine größere Untersuchung bieten, an der mehr Kassen teilnehmen. Insgesamt haben über 4000 Menschen Medikamente aus der Alten Apotheke bezogen.

Schlechtere Chancen bei Brustkrebs

Aber auch mit einer kleinen Vergleichsgruppe erscheint das Ergebnis bei Patientinnen mit Brustkrebs deutlich. So erlitt etwa jede vierte Frau einen schweren Rückfall, wenn sie ihre Mittel aus der Alten Apotheke bezog. Zum Vergleich: Nur rund jede fünfte Frau erkrankte erneut an Krebs oder Metastasen, wenn sie ihre Chemo aus anderen Apotheken erhielt. Hier konnten 78 Patientinnen, die ihre Mittel aus der Alten Apotheke bekamen, mit 3540 Patientinnen verglichen werden, die ihre Arzneien von anderen Anbietern erhielten.

Vergleicht man in dieser Gruppe nur die Rückkehr angeblich besiegter Tumore, wird der Unterschied noch deutlicher. Von rechnerisch hundert Patientinnen, die ihre Medizin aus der Alten Apotheke bekamen, erlitten 14,3 einen Rückfall – in der Vergleichsgruppe nur 4,5 Patientinnen.

Dies passt mit den Ermittlungsergebnissen zusammen: Peter Stadtmann hat nach den Unterlagen der Staatsanwaltschaft Essen unter anderem extrem teure Monoklonale Antikörper gepanscht, deren Ziel es unter anderem ist, die Rückkehr bekämpfter Tumore einzudämmen.

Die Verteidiger von Peter Stadtmann weisen die Vorwürfe gegen ihren Mandanten vor Gericht zurück. Es sei nicht nachgewiesen, dass Peter Stadtmann gepanscht habe. Sie beziehen sich unter anderem auf angebliche Aussagen des Brustkrebsspezialisten Mahdi Rezai aus Düsseldorf und der Ärztegemeinschaft Pott/Hanning/Tirier aus Bottrop. Diese Ärzte waren die größten Kunden der Alten Apotheke und bezogen massenhaft Krebsarznei von Peter Stadtmann. Die Ärzte sollen nach Angaben der Verteidiger gesagt haben, dass es den Patienten mit Medizin aus der Alten Apotheke besser ergangen sei, als dies normale Statistiken nahelegen würden. Auf Nachfrage sagte der Düsseldorfer Arzt Rezai CORRECTIV, er habe in seiner Praxis keine Auffälligkeiten während des Heilungsprozess festgestellt. Die Praxis Pott/Hanning/Tirier wollte sich nicht äußern.

Aufklärung durch breite Untersuchung

Diese Aussage könnte eine umfassende Untersuchung der AOK zusammen mit weiteren Krankenkassen widerlegen. Ein Sprecher der AOK Rheinland sagt: „Je mehr Krankenkassen Auswertungen auf der Basis eigener Daten erstellen, desto verlässlicher werden die Aussagen.“

Das Gesundheitsamt Düsseldorf wirbt seit September 2017 für eine solche Studie. So könne festgestellt werden „ob die Gesamtheit aller Patienten, die mit Krebszubereitungen aus der Alten Apotheke behandelt wurden, schlechter abschneiden als Patienten, die von anderen Apotheken versorgt worden sind“, sagte ein Sprecher des Amtes.

Doch das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium unter Minister Karl-Josef Laumann (CDU) will bislang keine umfassende Untersuchung einleiten. Ein Sprecher sagte, anders „als suggeriert“ sei die vorgeschlagene Studie nicht dazu geeignet, Patienten „im Einzelfall Gewissheit“ zu bringen, „welcher individuelle Schaden entstanden ist.“

Auch die Staatsanwaltschaft in Essen hat an einer entsprechenden Auswertung kein Interesse. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte: Aus den „Materialsammlungen“ der Krankenkassen könnten keine Schlüsse gezogen werden. Und weiter: Kassen seien keine Gutachter.


Update 29. März 2018:

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Nach Veröffentlichung des Artikels hat sich die Staatsanwaltschaft Essen bei uns gemeldet. Sie schreibt, dass wir sie für diesen Artikel nicht nach konkreten Studien gefragt hätten. Deswegen möchte sie, dass wir den letzten Absatz des Textes löschen. Wir werden das nicht tun. Hier erklären wir, warum:

Bei ihrer Aussage, wir hätten sie nicht nach konkreten Studien gefragt, bezieht sich die Staatsanwaltschaft auf die nun bekannte Studie der AOK/Rheinland. Und hier hat die Staatsanwaltschaft recht. Wir haben sie nicht der Studie der AOK befragt. Wir hatten allgemeiner gefragt, ob die Staatsanwaltschaft irgendeine Studie, Untersuchung oder Analyse zu den Krankenverläufen der vielen tausend betroffenen Patienten bei irgendeiner Krankenkassen abgefragt hat. Ob sie also Interesse an einer solchen Untersuchung gehabt hat. Wörtlich haben wir gefragt:

Hat die Staatsanwaltschaft im Laufe der Ermittlungen die Krankenkassen gefragt, die Krankheitsverläufe der Patienten an ihren vorliegenden Unterlagen auszuwerten, die aus der Alten Apotheke Krebszubereitungen erhalten haben?

Die Staatsanwaltschaft schrieb auf diese Frage:

Die Antwort lautet “nein”. (Die Gegenfrage müsste eigentlich lauten, was Sie glauben, welche Erkenntnisse wir aus den Materialsammlungen — in der Regel Arztrechnungen und Rezepte — der Krankenkassen hätten ziehen können? Krankenkassen sind keine Gutachter.)

In einer weiteren Antwort der Staatsanwaltschaft hieß es zudem:

ein definitives “NEIN!” (was sollen die Kassen auch schon dazu sagen)?

Nun, die Kassen können wie im Artikel geschildert herausfinden, ob mehr Menschen gestorben sind, wenn sie Krebsmittel aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Die Staatsanwaltschaft möchte nun, dass wir den Satz löschen, dass sie kein Interesse an Auswertungen der Krankenkassen hatte. Wie gesagt, werden wir das nicht tun.

Wir zitieren aber gerne die nachgereichte Stellungnahme der Staatsanwaltschaft zur nun bekannten Studie der AOK Rheinland/Hamburg.

Die Staatsanwaltschaft Essen legt Wert auf die Feststellung, dass sie sich bisher nicht zu der Verwertbarkeit der Studie der AOK Rheinland/Hamburg oder anderer potentiellen Studien über eine vergleichende Betrachtung der Rückfall- und Mortalitätsraten geäußert hat.

KOMMENTAR:

Bis heute ist die Aufklärung im Skandal um die gepanschten Krebsmittel aus der Bottroper Alten Apotheke mangelhaft. Bis heute haben die Behörden immer noch nicht die ganze Dimension des Skandals ermittelt. Unfassbar in einem Land, in dem Ministerien für die Sicherheit der Menschen einstehen wollen. Natürlich kann niemand sagen, welche Dosis für welchen Patient genau falsch angerührt wurde. Aber angesichts der Masse der Betroffenen wäre es möglich, statistisch ihr Schicksal zu ermitteln. Es wäre möglich herauszufinden, ob die Zahl der Toten von der durchschnittlichen Zahl der Krebsopfer abweicht, die ihre Medikamente aus anderen Apotheken bekommen haben.

Seit Monaten fordern die Betroffenen diese Aufklärung, eine so genannte Fallstudie. Sie werden vom Gesundheitsamt der Stadt Düsseldorf unterstützt.

Doch das Gesundheitsministerium weigert sich, eine solche Studie in Auftrag zu geben. Genauso weigert sich die Staatsanwaltschaft Essen – angeblich würden keine wesentlichen Erkenntnisse dabei herauskommen.

Das Gegenteil ist der Fall. Die AOK Rheinland/Hamburg hat das nun bewiesen. Die Zahlen in nur einem Krebsfall sprechen für sich: Nicht einmal jedes fünfte Mitglied der AOK, das an Lymphomen litt, lebt noch, wenn es seine Medizin aus der Alten Apotheke erhielt. Vier sind tot. Anders die Situation wenn Patienten ihre Medizin aus einer anderen Quelle bezogen. Hier lebt jeder zweite.

Wenn das Gesundheitsministerium und die Staatsanwaltschaft nicht für Aufklärung sorgen, müssen die Krankenkassen in NRW diese Aufgabe übernehmen. So wie es die AOK Rheinland vorgemacht hat. Die Mitglieder der Kassen haben einen Anspruch auf Aufklärung. Nur so können Legenden verhindert und Lügen enttarnt werden. Etwa wenn Ärzte und Anwälte erzählen, die Medikamente aus der Alten Apotheke hätten genauso geheilt, wie Krebsmittel aus anderer Herstellung.

Alte Apotheke

Gaben für Bottrops Oberbürgermeister

Der Oberbürgermeister von Bottrop, Bernd Tischler, hat einen auffälligen Hang zu fremden Gut, scheint es. Nach CORRECTIV-Recherchen bekam er ein Bild vom Alten Apotheker, ein Auto von Brabus und seine Partei im Wahlkampf wenigstens eine Spende von Peter Stadtmann.

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von David Schraven , Marcus Bensmann

Diese Geschichte fängt mit dem Druck eines Likörbildes von Udo Lindenberg an, eines „Likörellos“ – einer Stadtansicht von Bottrop mit Alkoholika gezeichnet.

Der Alte Apotheker Peter Stadtmann „lieh“ dieses Bild nach Aussage der Bottroper Stadtverwaltung über eine kommunale Tochterfima für mehrere Jahre in das Büro des Oberbürgermeister Bernd Tischler aus. Dort hing es dann mit der Alten Apotheke im Vordergrund prominent im OB-Büro, neben dem Schreibtisch des Stadtoberhauptes – bis die Opfer des Alten Apothekers einen Termin bei Bernd Tischler bekamen. Aus diesem Anlass gab der OB Tischler die Leihgabe an die Zwischenleihstation Innovation City GmbH zurück – sagt ein Sprecher der Stadt.

Die mehrjährige Leihgabe

Diese mehrjährige „Leihgabe“ von Peter Stadtmann scheint etwas systematisches in sich zu haben. Im Prozess gegen den Apotheker vor dem Landgericht Essen offenbart die Verteidigung, wie der Angeklagte Beziehungen pflegte. Mit Geschenken. Einem Pharmavertreter spendiert er beispielsweise eine Möbellieferung aus dem Haus eines Luxustischlers, der auch die Villa des Apothekers eingerichtet hatte. Weitere Personen sollen von dort kostbare Möbellieferungen bekommen haben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei den Möbelgeschenken um Korruption gehandelt haben könnte. Nach dem Motto: Ich geb Dir was und Du bist in meiner Schuld.  

Tatsächlich las Peter Stadtmann immer wieder Offiziellen der Stadt Bottrop Wünsche von den Augen ab und ließ Dinge geschehen. Etwa als Bottrop kostenloses WLAN in der Innenstadt wollte – OB-Tischler präsentierte die Initiative. Peter zahlte seinen Teil für die Freifunkparty dazu.

Es gab aber auch Bargeld für die Mächtigen. So hat die SPD Bottrop, die Bottrop seit Jahrzehnten beherrscht und zu der Oberbürgermeister Bernd Tischler gehört, nach Aussagen der Verteidigung von Peter Stadtmann vor dem Landgericht Essen allein im Jahr 2013 eine Parteispende in Höhe von 9.900 Euro bekommen. Diese Summe liegt knapp unter der Veröffentlichungs-Grenze von 10.000 Euro. Würde diese Grenze überschritten, müsste die Partei die Spende bei der Bundestagsverwaltung melden.

Die Genossen mauern

Der Zeitpunkt ist wichtig. Im Frühjahr 2014 waren Kommunalwahlen und damit verbunden, die Oberbürgermeisterwahlen. Die SPD brauchte dringend Geld — auch für den persönlichen Wahlkampf des amtierenden Oberbürgermeisters Bernd Tischler. Nach inoffiziellen Aussagen aus der SPD hat Peter Stadtmann damals immer wieder Geld locker gemacht, wenn die Partei gefragt hat.

Wie die Spenden aus dem Jahr 2013 eingefädelt wurde – darüber schweigen sich die Beteiligten aus.

Wir haben bei der SPD Bottrop nachgehört, wie viel Geld Peter Stadtmann im Laufe der Zeit gespendet hat. Hat er im Jahr 2014 nochmal Geld gegeben? Vielleicht wieder knapp unter 10.000 Euro?

Die Partei mauert.

Die SPD will offiziell nicht sagen, wie viel Geld Peter Stadtmann ihr gespendet hat. Sie will nicht sagen, ob die einzige bekannte Spende von Peter Stadtmann für den Wahlkampf von Bernd Tischler verwendet wurde.

Die SPD habe „keine Spende von der genannten Person erhalten, die die Veröffentlichungsgrenzen entweder im Einzelfall oder in der Jahressumme überstiegen haben“, schreibt ein Partei-Sprecher lediglich. So wird Beton angerührt und Transparenz unterlaufen. Warum?

Peter Stadtmann hat im Jahr 2013 genau 100 Euro unter dem Betrag zur Offenlegung gespendet – soweit wir wissen. Da die SPD ihre Spenden verheimlicht, kann nicht nachgeprüft werden, ob die Partei über andere Organisationen oder Familienmitglieder von Peter Stadtmann mehr Geld bekommen hat. 

Nach Parteiengesetz nicht zulässig

Wir haben weiter gefragt: ging diese oder eine andere Spende des Alten Apothekers an den Oberbürgermeister Bernd Tischler – damit er damit seine Wiederwahl als Oberbürgermeister finanzieren kann? Ein Sprecher von Bernd Tischler sagt: „Nein – das wäre nach Parteiengesetz auch nicht zulässig“, sagt Sprecher Andreas Pläsken. Entsprechende Spenden dürften nur Parteien entgegen nehmen. Pläsken sagt, die SPD müsse die Frage beantworten, was mit der Spende finanziert worden sei.

Da ist er, der Zirkelschluss. SPD-Oberbürgermeister verweist auf Stadt, diese verweist auf die Partei des Oberbürgermeisters. So soll jede Diskussion um Parteispenden an die SPD in Bottrop beenden werden. Die offensichtliche Idee hinter der Schweigespirale: Wir sagen nichts – dann ist nichts.

Stadtsprecher Pläsken sagt zudem, dass Oberbürgermeister Tischler keinerlei Geschenke und geldwerte Vorteile von Peter Stadtmann und seiner Mutter erhalten habe und sagt, dass es sich bei dem Bild von Udo Lindenberg im Büro des OB nicht um ein Original, sondern um eine Druckkopie gehandelt habe, außerdem sei das Bild nur eine Leihgabe gewesen.

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Das ist richtig: Eine Dauerleihgabe ist kein Geschenk. Aber den Nutzen des tausende Euro teuren Bildes hatte dennoch jahrelang der Oberbürgermeister Tischler, in dessen Büro das Likörello hing.

Leihen nicht schenken

Und dann gibt es noch einen zweiten Sachverhalt.

Bottrop ist nicht nur berühmt für die Alte Apotheke. In der Ruhrgebietsstadt rüstet auch die Firma Brabus teure Luxuskarossen aus und hat damit weltweit Erfolg.

CORRECTIV liegt nun ein Foto vor, das zeigt, wie der Oberbürgermeister Tischler in einem schwarzen Brabus von seinem Fahrer durch Bottrop gefahren wird. Das Foto wurde um 15:01 Uhr am 13. Oktober 2017 vor der Sparkasse Bottrop geschossen. Weitere Zeugen haben den Wagen samt Tischler und Fahrer Anfang Oktober gesehen – und Ende Oktober.

Ein Brabus als Luxuswagen ist ein ungewöhnlicher Dienstwagen für einen Oberbürgermeister – gerade in einer Ruhrgebietsstadt wie Bottrop. CORRECTIV hat Bernd Tischler deswegen gefragt, wer den Brabus bezahlt und ob seiner Ansicht nach ein so teures Auto angemessen sei.

Zunächst antwortete der Sprecher der Stadt, dass Oberbürgermeister Tischler keinen Brabus fahre. Der Dienstwagen des OB sei ein Mercedes-Benz E 350 und bei diesem handele sich um ein Leasingfahrzeug, das für die Stadt Bottrop sehr günstig sei.

Der OB im Brabus

Erst auf den Hinweis, dass es Fotos und mehrere Zeugen gebe, die Bernd Tischler gesehen hätten, wie er sich von seinem Fahrer in einem Luxus-Mercedes der Marke Brabus durch Bottrop fahren lässt, sagte der Stadtsprecher, der Luxus-Tuner Brabus übernehme für den Dienstwagen des Oberbürgermeister Werkstattleistungen. Deshalb könne es sein, dass Tischler einen Brabus als „Leihfahrzeug“ nutze, wenn sich der eigentliche Dienstwagen in „Reparatur und Wartung“ befände.

Der Dienst-Mercedes von OB Tischler wurde nach Aussagen des Stadtsprechers Pläsken im August 2017 geliefert. Den Informationen von CORRECTIV zufolge fuhr Oberbürgermeister Tischler zumindest im Oktober 2017 wochenlang mit einem Brabus durch Bottrop.

Es erscheint auf den ersten Blick wenig glaubhaft, dass ein Mercedes nach wenigen Wochen so schwer beschädigt ist, dass er wochenlang in Reparatur oder Wartung ist und durch einen „Leihwagen“ des Luxus-Tuners ersetzt werden muss.  

Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler und die Leihgaben der reichsten Männer der Stadt: Der Druck eines Lindenberg-Likörellos für das Büro im Wert von etlichen tausend Euro und ein Luxusauto von Brabus zum persönlichen Gebrauch.

Vorteile für den OB

Es sind Vorteile, die Bernd Tischler gewährt und vom Oberbürgermeister angenommen wurden.  

Dazu kommt noch wenigstens eine Parteispende an die SPD, knapp unter der Veröffentlichungsgrenze. Zu weiteren Geldgaben schweigt sich die Partei aus.

Peter Stadtmann lässt seinem lieben Freund „Bernd“ aus dem Knast heraus über einen Mittelsmann schriftlich Grüße ausrichten.  


CORRECTIV recherchiert weiter. Gab es weitere Vorteile, die gewährt wurden? Weitere, eventuell regelmäßige Parteispenden? Wir versuchen das herauszufinden. 

Hinweise (auch anonym) nehmen wir gerne über unser Kontaktportal an: correctiv-upload.org

Sie können uns aber auch per Email erreichen unter: AlteApotheke@correctiv.org

Sun Diego aka SpongeBOZZ aka Dimitri Chpakov

Sun Diego aka SpongeBOZZ aka Dimitri Chpakov© Dimitri Chpakov aka Sun Diego aka SpongeBOZZ – Bild: BBM

Debatte

Yellow Bar Mitzvah: Sun Diego über Rap und Rapper

Dimitri Chpakov provoziert. Er ist Jude, Rapper und Künstler. Unter dem Namen Sun Diego prägt er den Sound des heutigen Deutschrap. In seiner Zweitkarriere als SpongeBOZZ revolutionierte er im Vorübergehen die Battle-Rap-Kultur. Er gilt als einer der erfolgreichsten Musiker des Landes. Wir sprechen mit ihm über Identität, Verantwortung und sein Buch: „Yellow Bar Mitzvah“

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von David Schraven , Finn Schraven

CORRECTIV: Sunny, was heißt Heimat oder Identität für dich?

Sun Diego: Ich wurde in der Ukraine geboren, damals noch in der Sowjetunion. Ich kam sehr jung nach Deutschland, noch vor der Wende in den 90er Jahren. Wir sind zuerst in ein Lager gekommen und dann direkt nach Osnabrück. Seitdem lebe ich hier. Für mich ist Osnabrück, ist Deutschland Heimat. Aber ich habe auch diesen sowjetischen, ethnischen Hintergrund. Wir sprechen zu Hause russisch. Auch das ist für mich Identität.

CORRECTIV: Du bekennst Dich sehr offen zum Judentum. Dein Buch heißt „Yellow Bar Mitzvah“.

Sun Diego: Ich bin als Kind mit meiner Mutter in die Synagoge gegangen. Auch wenn ich da als Junge natürlich nicht wirklich die Wahl hatte, glaube ich schon, dass es einen Erschaffer gibt. Ich glaube auch an Recht und Unrecht. Aber deswegen bin ich nicht religiös im traditionellen Sinn. Ich habe mehr meinen eigenen Stil. Die Ästhetik des Judentums hat für mich auch einen künstlerischen Wert. Ich nehme die Symbolik in meinen Grafiken auf; ich spiele damit in meinen Videos. Das sind meine Wurzeln, die Wurzeln meiner Familie und dazu fühle ich mich hingezogen. Da unterscheide ich mich nicht von anderen, die das gleiche mit ihren Wurzeln machen. Egal ob sie Muslime oder Christen sind. Nur wird es bei einem Juden komischerweise anders aufgenommen. Mehr hinterfragt.

CORRECTIV: Deine Großmutter, deine Baba, fand es nicht so klug, so offen mit Deinem Judentum umzugehen. Sie sagte, das sei gefährlich in Deutschland.

Sun Diego: Sie hat immer noch ein Trauma. Einmal wurde sie von einem meiner Freunde am Tisch gefragt, ob wir als Juden nach Deutschland gekommen sind. Sie hat gesagt: ‘Nein, nein. Wir sind keine Juden. Wir sind nur bei einer Reise einfach in Deutschland geblieben.’ Ich meine, sie hat sich nicht getraut, einem meiner Kindheitsfreunde zu sagen, dass wir Juden sind. Für mich ist es heute keine krasse Strategie, zu sagen, dass ich Jude bin. Ich bin es einfach. Das ist meine Identität und dazu stehe ich. Ich mache das nicht anders als die Kollegen im Musikgeschäft. Jeder hat seine Identität und ist stolz drauf.

Immer mit dem Schlimmsten rechnen

CORRECTIV: Zu Deiner Identität gehören viele Dinge, über die etliche Menschen nicht einfach sprechen würden. Das Verhältnis zu Deinem Stiefvater etwa. Er war kriminell, drogensüchtig und hat Dich, hat Deine Mutter im Stich gelassen.

Sun Diego: Diese Erfahrungen haben meinen Charakter auf jeden Fall beeinflusst. Darüber kann ich reden. Das gehört zu mir. Ich habe zum Beispiel gelernt, zu verzichten. Durch ihn. Immer wenn er weg war, sind wir finanziell komplett abgestürzt. Wir hatten nichts mehr. Wenn er in den Knast ging, dann hatten wir kein Backup — nichts. Wir mussten immer mit dem Schlimmsten rechnen. Irgendwelche Leute sind zu uns nach Hause gekommen, haben unsere Sachen durchwühlt und uns bedroht. Meine Mutter musste mit mir in andere Städte fliehen, um sicher schlafen zu können. Ja, das hat mich extrem beeinflusst.

CORRECTIV: Irgendwann musstest Du Dich entscheiden. Deine Mutter hat Dich vor die Wahl gestellt. Entweder bekommst Du eine Spielfigur geschenkt oder ihr geht in den Knast und besucht Deinen Stiefvater.

Spongebozz 1

Sun Diego entspannt beim Interview im Kölner Hyatt-Regency Hotel direkt am Rhein.

BBM

Sun Diego: Ich wusste in dem Moment nicht, dass er im Knast ist. Man hat mir damals verkauft, er sei in einem Krankenhaus und hätte Gelbsucht.

Aber egal. Ich habe mich in dem Moment, als ich mich entscheiden musste, entschieden, zu ihm zu gehen. Ich hatte mir zwar den Roboter wirklich gewünscht. Aber es war mir wichtiger, meinen Stiefvater zu sehen. Er war für mich ein Held, ein extremes Vorbild. Er war ein Mann und ich der Junge. Das ist heute bei mir und meinem Sohn nicht anders. Er liebt mich auch. Wahrscheinlich auch, weil ich ein Mann bin. Man spürt, dass er ein Papakind ist.

Ich habe als Kind sicher auch unbewusst die fragwürdige Moralvorstellung meines Stiefvaters angenommen. Er ging mit mir in den Wald und bewegte da ein paar Kilogramm Koks. Ich sehe das alles mit an und er lächelt mir ins Gesicht, als sei es das Normalste der Welt. Vielleicht habe ich dadurch einen anderen Zugang zur Kriminalität erfahren. Es war einfach etwas, das natürlich in meinem Leben war. Nichts unheimliches. Später kamen dann andere Geschichten dazu. Überfälle, Entführungen. Und schließlich hat er einen Menschen getötet. Für mich hat sich dadurch viel geändert. Meine Mutter hatte sich inzwischen auch von ihm getrennt. Er hatte meiner Oma einen Kinnhaken gegeben. Irgendwann war er nicht mehr er selbst. Das waren alles Dinge, die nicht gut waren. Aber es gab auch die andere Seite. Wenn er aus dem Knast herauskam, sind wir in den Zoo gefahren oder waren auch mal Pilze suchen oder Angeln hier in Osnabrück an einem See.

CORRECTIV: War das so ein Vater-Sohn-Ding?

Sun Diego: Das auch wieder nicht. Insgesamt war er kaum am Start. Er war ein imaginärer Dad, den man am Abend mal gesehen hat nach dem Kindergarten oder so. Meistens waren wir unterwegs mit Freunden, meine Mutter, er und andere Kinder.

CORRECTIV: Wart Ihr eine größere Gemeinschaft?

Sun Diego: Wir sind ja zuerst in Deutschland in ein jüdisches Lager gekommen. Ich weiß jetzt nicht, wie das korrekte deutsche Wort dafür ist. In jedem Fall sind aus diesem Heim viele Familien mit uns nach Osnabrück gekommen. Mit einigen sind wir bis heute in Kontakt geblieben. Es gibt heute so eine Art Community der russisch-ukrainischen Juden. Wir haben auch eine Synagoge, in der sich immer wieder alle treffen.

Scheißkind vom Nervfaktor her

CORRECTIV: Als dein Stiefvater weg war, hatte Deine Mutter eine ziemlich harte Zeit. Sie musste Dich durchbringen. Was hat das mit Dir gemacht?

Sun Diego: Das war sehr krass. Meine Mutter ist teilweise vor mir auf die Knie gefallen, hat geweint und gesagt, irgendwann wird alles gut. Ich hatte einen ganz komischen Traum. Ich dachte, wir sind normale Menschen und meine Mutter fährt in einem schwarzen BMW 3er. Das war der Wagen, den ich in meinem allerersten Musikvideo hatte. Das war dieser BMW, von dem ich als Kind geträumt habe.

Die Zeiten damals waren bitter. Teilweise war kein Strom da. Meine Mutter war alleinerziehend und den Job, den sie gelernt hatte, konnte sie nicht ausüben. Sie war Dirigentin. Sie musste umschulen zur Einzelhandelskauffrau, hat auch bei McDonald’s gearbeitet. Das war bitter, wenn nichts im Kühlschrank war. Ich war aber auch ein nerviges Kind. Ich hab immer gesagt, bring mir Mac’es, bring mir BurgerKing. Ich war echt ein Scheißkind vom Nervfaktor her. Ich wollte und wollte immer. Aber ich hab auch einfach nichts bekommen.

CORRECTIV: Ich glaub, Du hast eine Menge bekommen. Die Lust auf Musik etwa.

Sun Diego: Vielleicht eine Veranlagung dazu ja. Aber dennoch musste ich mir die Musik am Ende des Tages selbst erarbeiten.

CORRECTIV: Deine Mutter war Klavier- und Gesangslehrerin, Dirigentin. Du schreibst in deinem Buch, dass Du aus einem musikalischen Haus kommst.

Spongebozz 2

“Yellow Bar Mitzvah: Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm.” Das Buch von Sun Diego aka SpongeBOZZ aka Dimitri Chpakov. Mitgeschrieben hat der Journalist Dennis Sand.

Sun Diego: Das stimmt. Aber sie konnte mir nicht unbedingt etwas beibringen.

CORRECTIV: Wie meinst Du das?

Sun Diego: Sie wollte mich ans Klavier setzen. Wir haben es wirklich ein paar mal versucht. Aber Mutter und Sohn, das hat nicht funktioniert. Wir streiten uns, sind zu ungeduldig.

CORRECTIV: Wie bist Du zum Gesang gekommen?

Sun Diego: Kann man sagen, dass ich ein Sänger bin?

Es kommt auf die Technik an

CORRECTIV: Ich find doch.

Sun Diego: Ich bin eigentlich Rapper. Klar mache ich melodische Refrains. Das ist für mich die einzig logische Art und Weise, Musik zu machen. Musik bestand für mich schon immer aus Melodien, selbst wenn Leute nur rappen. Der Beat selbst hat ja auch irgendwelche Melodien. Klar gibt es auch Rap, der nur auf einzelnen Samples gerappt wird. Aber ich finde Melodie muss irgendwie rein. Sonst wäre es nicht wirklich komplett.

CORRECTIV: Du bist auf dem Basketballplatz zum Rap gekommen?

Sun Diego: Damals hat man noch Tupac mitbekommen oder andere Sachen aus den Staaten. Rap-affin war ich da noch nicht wirklich. Ich habe dann irgendwann Savas gehört — der einzig coole Rapper aus Deutschland damals — und mir aber nie wirklich gedacht, dass ich das selber auch könnte. Einer der Jungs, mit denen ich Basketball gezockt habe, war dann in Rap-Foren unterwegs. Der hat mir den Tipp gegeben, mal reinzuschauen. Ich habe die Texte durchgelesen und selber begonnen zu schreiben. Er hat gesagt, ‘Hey, ich hab hier ein Headset, wir könnten theoretisch anfangen, Rap zu machen.’ Dann hat er mir die Reimliga Battle Arena gezeigt. Das war so ein Turnier in dem immer zwei Künstler gegeneinander angetreten sind und sich gegenseitig gedisst haben. Dort war einer, der andere ganz besonders brutal platt gemacht hat. Da dachte ich: ‘Cool Alter, das gefällt mir.’ Ich hab dann halt einen Text geschrieben, eingerappt und bei der Liga eingereicht und ab ging es.

CORRECTIV: Was war das Besondere?

Sun Diego: Das erste Stück, das ich geschrieben habe, war flüssig. Ich habe sehr schnell verstanden, dass es auf eine gute Technik ankommt, dass man Doppelreime braucht. Er hat mir gesagt: ‘Schau mal, du hast ein Wort, das besteht aus so und so viel Silben oder es setzt sich aus so und so vielen einzelnen Wörtern zusammen. Und dann muss sich das auf dies reimen.’ Er hat mir das Prinzip erklärt. Das habe ich direkt gepeilt. Mein Selbstbewusstsein war immer extrem hoch. Ich weiß nicht, woher das kam, aber ich dachte immer, die Texte der ganzen deutschen Rapper sind so simpel, das kann ich auf jeden Fall besser.

Ich habe dann mein ganzes altes Leben aufgegeben. Ich habe die Schule hingeschmissen und mich komplett auf die Musik konzentriert.

CORRECTIV: Wie alt warst Du da?

Sun Diego: So 15 oder 16 Jahre.

Kein Diplom als Backup

CORRECTIV: Du bist direkt von der Schule ab?

Sun Diego: Nein, ich war auf dem Gymnasium. Aber durch die ganzen Fehltage bin ich sitzengeblieben, dann auf die Realschule befördert worden. Schließlich war ich noch zwei-, dreimal Alibimäßig auf einer Hauptschule. Das aber auch nur, weil meine Oma mich immer wieder krampfhaft an Schulen angemeldet hat. Sie wollte nicht wahrhaben, dass ich mich entschieden habe, Rapper zu werden. Das war meine Schullaufbahn. Aber tatsächlich ist es komplizierter irgendwie. Ich habe nicht nur wegen der Musik aufgehört, die Schule ernst zu nehmen. Ich weiß nicht was los war. Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Ich war jetzt nicht dumm oder so. Ich konnte mich nur nicht anpassen oder in eine Struktur einfügen. Ich wollte mein eigener Chef sein. Und das habe ich heute geschafft. Ich habe keinen Arbeitgeber über mir.

CORRECTIV: Wie sieht die Beziehung zu Deiner Oma aus? Du hast bei ihr gewohnt. Sie hat sich um Dich gekümmert. Sie war Ärztin, mit einem doppelten Doktortitel. Sie war bestimmt nicht begeistert von Deinen Anfängen.

Sun Diego: Sie wollte immer, dass ich ein Diplom habe. Als Backup. Aber seit ein paar Jahren akzeptiert sie meine Karriere. Ich gehe ja jetzt auch schon auf die 30 zu. Sie will jetzt nur, dass ich in Immobilien investiere. Sie muss sich eben einmischen. Das geht nicht anders. Ist aber auch kein Problem. Jeder Tipp kann kommen.

CORRECTIV: Am Anfang hattest Du kein Geld für nichts. Den Poppschutz für Dein erstes Mikro hast Du aus einem Teesieb und einer alten Strumpfhose selbst gebaut.

Spongebozz 6

Bekannt wurde Sun Diego mit seinem Alter Ego SpongeBOZZ. Einem kiffenden, dealenden, rappenden Hardcore-Gangster-Schwammkopf. Sein Album “Planktonweed” kam auf den Index. Der freie Verkauf wurde verboten.

BBM

Sun Diego: Das Kamera-Equipment war zusammengehustelt. Wir haben in Diskotheken damals kurze Image-Filme gedreht und so nach und nach das Gerät erbaut, erkauft, abgestaubt. Es gab auch kein Invest für das erste Video. Ich habe mir durch diese Club-Image-Filme angeeignet, Videos selbst zu produzieren, zu schneiden, alles selber zu machen.

Das erste Equipment hat vielleicht 2000 Euro insgesamt gekostet. Für die Ausstattung von SpongeBOZZ hab ich dann nur das Kostüm gekauft bei Amazon für vielleicht 40 oder 50 Euro. Da hab ich eine Brille drauf genäht. Die Kosten für Sprit innerhalb von Osnabrück lagen vielleicht bei fünf Euro. So teuer war das Video. Mit diesem Invest habe ich dann alles aufgebaut. Als SpongeBOZZ nahm ich auch einem dieser Turniere teil. Dem JBB. (JuliensBlogBattle wird seit 2012 vom Youtuber Julien Sewering als Rap-Battle organisiert. d.Red) Die Runden, die ich dort eingereicht hatte, habe ich auch gleichzeitig bei iTunes hochgeladen. Und damit Cash gemacht. Den Erlös habe ich in weitere Videos gesteckt. Irgendwann war dann das Album fertig. Zu dem Zeitpunkt war aber schon genug Geld vorhanden und genug Status, um mit dem Vertrieb überhaupt ein Geschäft machen zu können.

Leidenschaft und Erfolg

CORRECTIV: Damals saßen bei Dir zu Hause Leute rum und wollten mit Dir ein Label aufbauen. Zwei Deiner vielleicht engsten Freunde damals hießen Sticky und Squirty. Dann gab es Stunk.

Sun Diego: Squirty ist für mich kein Mensch mehr. Diese Person hat öffentlich meine Mutter mit Namen beleidigt. Nach zehn Jahren Nehmen – ich habe ihm Texte geschrieben, hab ihn vermittelt, hab ihn aufgebaut. Ich habe ihn in meinen Räumlichkeiten geduldet. Na ja auf jeden Fall hat er auch meinen Bruder Sticky rausgeekelt. Sticky, die Geheimwaffe, mit dem ich mein erstes Musiklabel gegründet habe.

Squirty meinte damals zu mir: ‘Komm Bruder, ich bin Russe, er ist Türke, der labert nur Scheiße. Er hat sich im Leben noch nie geschlagen. Der kifft nur, der schadet uns. Squirty meinte: ‘Der Sticky ist uns ein Stein im Weg, der wird uns noch manipulieren.’ Und ich habe mich einwickeln lassen. Das Label ging dann ohne Sticky weiter. Er war draußen. Ich war jung und dumm genug, das mit mir machen zu lassen damals. Wir haben auch beide nicht miteinander geredet. Sticky war zu stolz, das bei mir anzusprechen und ich war eh Anti.

Mit Squirty habe ich dann das Label Moneyrain gemacht. Recht unerfolgreich. Ich wollte damals noch nicht an die Öffentlichkeit. Ich war noch nicht ready, um mich selbst in Videos darzustellen. Ich war noch nicht fresh genug. Ich wollte erstmal klarkommen im Leben. Ich musste mich auch um meine Familie kümmern. Mein Sohn kam. Und ich habe kein oder kaum Geld gesehen. Und dann kam auch noch Kollegah mit dem Album ‘Bossaura’ dazwischen. Das habe ich mitproduziert. Da musste ich gucken, was abgeht. Die Jungs um Squirty wollten, dass ich diesen Fame und diesen Hype um ‘Bossaura’ mitnehme, damit sie davon profitieren können. Sie haben mich vor die Kamera gedrängt. Und ich Idiot habe es gemacht. Ich habe mich quasi für die Gruppe geopfert. Ich bin so ein Typ. Ich brauche einen Freundeskreis, eine Gang. Ich liebe es, Menschen um mich herum zu haben. Klar kann ich als kreativer Mensch für mich alleine Texte schreiben. Aber ich kann nicht zusehen, wenn meine Bros Probleme haben. Und deswegen habe ich es gemacht. Ich kam frisch aus dem Projekt Bossaura und wollte eigentlich meine Ruhe. Stattdessen habe ich Texte für den Compagnon geschrieben.

Am Ende hab ich mir ins eigene Bein geschossen. Es kam ein halbes Produkt auf den Markt. Das war einfach nicht richtig, finde ich. Ich hätte mehr Zeit gebraucht, um die eigene Karriere und das eigene Label zu machen. Mit Moneyrain ging es zu Ende.

CORRECTIV: Du hast mit der Musik einen Job gewählt, in dem man sehr präsent ist, gleichzeitig versuchst Du Deine Privatsphäre zu wahren, möglichst unerkannt zu bleiben. Du bist bekannt unter Künstlernamen: Sun Diego und SpongeBOZZ. Du zeigst Dein Gesicht nicht. Ist das kein Widerspruch?

Sun Diego: Ich habe diesen Job unbewusst gewählt. Als ich angefangen habe zu rappen, war es kein Job. Ich wurde bekannt durch meine Leistung. Wenn ich schlecht gewesen wäre, dann wäre ich auch nicht bekannt geworden. Wenn du etwas aus Leidenschaft machst, dann siehst Du nicht den Euro dahinter, sondern Du willst das Lied machen und hören.

Ich bin kein Zirkuspferd

CORRECTIV: Du bist sehr erfolgreich geworden, ohne zu tun, was andere tun. Du bist nicht mit Deinem Namen aufgetreten. Du hast keine Tour gemacht. Warum eigentlich?

Sun Diego: Ich habe versucht, keine Sachen zu machen, bei denen ich mich unwohl fühle. Ich hab mich nicht verbogen. Ich hab mir gedacht, es geht um Musik. Wenn ihr irgendetwas anderes von mir wollt, bin ich nicht dabei. Ich habe keine Interview-Marathons gemacht. Keine Tourneen. Vielleicht habe ich ja mal Bock drauf, aber nicht in dieser Phase. Das müssen die anderen akzeptieren. Mir ist egal, ob sich die ganze Community gegen mich stellt. Mein Job ist es, Musik zu machen. Das ist meine Bringschuld gegenüber meiner Fanbase. Ich bin kein Zirkuspferd. Wenn ihr das wollt, geht in den Zirkus. Das ist so meine Meinung.

CORRECTIV: Gleichzeitig veröffentlichst du jetzt deine Biografie „Yellow Bar Mitzvah“.

Sun Diego: Die Fans haben viele Fragen. Und es gibt auch Sachen, die ich selber gerne sagen möchte. Aber halt nicht in den klassischen Formen eines Interviews oder von Videos. Das ist für mich Zirkus. Das Buch ist für mich ein Weg, den Leuten, die mich supported haben, zu geben, was sie wollen. Aber in einer Art, die zu mir passt. Das ist kein Problem für mich. Das Buch ist für mich eine Art Befreiung, es ist mein Sprachrohr. Das ist besser, als fünf Jahre lang Interviews zu geben. In dem Buch erzähle ich Sachen, die ich sonst gefragt worden wäre. Wie die Dinge entstanden sind; wie ich geworden bin, wer ich bin.

Kollegah: Erfolg und Beef

CORRECTIV: Lass uns noch mal zu Kollegah kommen. Ihr wart mit dem Album ‘Bossaura’ sehr erfolgreich. Künstlerisch habt ihr gemeinsam Neuland betreten. Trotzdem seid ihr auseinander gegangen.

Sun Diego: Kollegah ist einer der besten Texter, die es gibt. Er ist vielleicht sogar besser als ich. Keine Ahnung. Wir haben gut zusammengearbeitet. Dann kam der Beef. Es ist schwierig, wenn man spürt, dass sich etwas verändert. Bei einer offenen Feindschaft ist immer die Frage, wie sehr es einem schadet, was der andere etwas über einen erzählt. Als Kollegah damals diese Dinge über mich erzählt hat, in seinem Genozid-Diss, war die Stimmung um mich herum jedenfalls Scheiße. Der Schaden war da.

Klar kann man von einem Beef auch profitieren. Die Frage ist aber: Wurde der Beef gemacht, um davon zu profitieren, oder hat er sich einfach entwickelt? In jedem Fall ist es schwer, mit der Situation umzugehen. Ich wurde nicht gefragt, ob wir mit dem Streit in die Öffentlichkeit gehen sollen. Und meine Fans wären enttäuscht von mir, wenn ich jetzt sagen würde, lass uns hinter den Kulissen irgendwie vertragen. Deswegen antworte ich natürlich öffentlich auf den Diss. Und greife selbst an. Damit zumindest jeder weiß, dass ich mich nicht einschüchtern lasse.

Du musst Dir das so vorstellen: Wenn mich jemand öffentlich angreift, werden 50 Ebenen überschritten. Kollegah hat missachtet, dass wir privat irgendwie gut standen. Er ist sich bewusst, dass er meinem Geschäft schaden möchte. Er ist sich bewusst, dass er meinem Image als Künstler und als Person schaden möchte. Er will mir auf vielen Ebenen schaden. Das ist wie ein offener Krieg. Selbst eine vorsichtige öffentliche Andeutung ohne eine frontale Beleidigung kann hinter den Kulissen als Krieg verstanden werden.

Das wirkt auf mich natürlich ganz anders als auf den Fan. Wenn Kollegah irgendwas über mich macht, denkt der Fan: ‘Schau mal, der hat den Schwamm nachgemacht.’ Für mich ist das direkt Alarmstufe Rot. Was will der?

CORRECTIV: Künstlerisch steht ihr nah beieinander.

Sun Diego: Wir kennen uns seit Beginn unserer Karrieren. Ende 2004 haben wir uns fast gleichzeitig bei der RBA (Reimliga Battle Arena) angemeldet. Er einen Monat früher als ich. Wir haben dieselben Musiker gehört. Wir haben dasselbe Verständnis für Rap entwickelt. Wir haben dieselben Rapper gefeiert. Man kann sagen, wir haben dieselben Wurzeln.

CORRECTIV: Ihr seid zusammen aufgetreten. Bei einem Konzert in Hamburg haben Dich die Leute zuerst ausgebuht und Kollegah hat zu Dir gestanden.

Sun Diego: Bei dem Gig war es krass. Einer der Rapper dort, Favorite, meinte zu mir: ‘Geh da nicht raus. Glaub mir, ist besser.’ Ich bin dann trotzdem auf die Bühne und die Leute haben mich alle erdrückt mit ihrem Hass – die haben wirklich alle ‘Hurensohn’ geschrien. Dann habe ich meinen Doubletime gerappt und alle haben gejubelt. Das Thema war zu. Kollegah hat mich bei dem Konzert gut eingeführt. Er hat gesagt: ‘Jetzt kommt mein Bruder Sunny. Macht mal Lärm.’

Der frühere Rausschmeißer und Security-Mann Salah Saado gilt als einer der führenden Köpfe eines Großclans im Ruhrgebiet. Er ist mit Sun Diego befreundet.

Der frühere Rausschmeißer und Security-Mann Salah Saado gilt als einer der führenden Köpfe eines Großclans im Ruhrgebiet. Im Bild sitzt Salah Saado auf der Motorhaube. Er ist mit dem Rapper Sun Diego befreundet.

BBM

CORRECTIV: In deinem Buch dankst Du Kollegah explizit.

Sun Diego: In den prägnantesten Punkte meiner Karriere spielte er halt eine wichtige Rolle. Egal ob ich Musik produziert oder gehört habe. Er hatte mit mir zu tun. Wir waren zusammen im Studio. Wir haben innerhalb einer Minute Reimketten rausgeballert, die kriegt nicht jeder hin. Nur weil wir heute zerstritten sind, darf man die Vergangenheit nicht schlechter darstellen, als sie war. Wir hatten eine gute Zeit. Das ist ganz anders als bei so Leuten wie Squirty. Er wird schlecht dargestellt in meinem Buch. Aber Squirty war halt auch so wie beschrieben.

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CORRECTIV: Kannst Du dir vorstellen, wieder mit Kollegah zu arbeiten?

Sun Diego: Ehrlich gesagt, aufgrund dieses Feuers ist es schwierig sich so etwas vorzustellen. Aus technischer Sicht wäre das sicher locker möglich. Die Zusammenarbeit ist ja prooft. Aber wie gesagt, wegen dem Feuer will ich mir gar nichts vorstellen.

Brüder – Geben und Nehmen

CORRECTIV: Du sagst immer wieder, dass ein enger Bezugsrahmen für Dich wichtig ist: Freunde und Familie. Du sprichst überraschend offen über Deine Frau, Dein Kind. Aber auch über Deine enttäuschten Hoffnungen.

Sun Diego: Ich lasse meine Brüder so eng an mich heran, dass ich sie quasi als Teil meiner Familie sehe. Aber natürlich steht mein Kind an oberster Stelle und meine Frau. Das wissen alle. Kein Bruder würde von mir verlangen, dass ich einen Bro meinem Kind vorziehen. Nur Squirty hat so was gemacht. Er hat gesagt: ‘Dass du Vater bist, heißt nicht, dass du deine Brüder vernachlässigen musst.’ Ich finde, jeder muss diese Hierarchie von Kind, Familie und Bruder akzeptieren und verstehen. Ich würde ja auch nicht von einem meiner Brüder verlangen, dass er mich vor seine Mutter stellt. Dennoch ist man da für seine Brüder. Für meine Mutter würde ich ans Ende der Welt laufen und auch für meine Brüder. Genau das kriege ich aber auch zurück von meinen Bros. Es ist ein Geben und Nehmen.

CORRECTIV: Wie funktioniert das, wenn Du jetzt mit so schweren Jungs wie Salah Saado zusammen bist?

Sun Diego: Viel entspannter, als ich mir das jemals hätte vorstellen können. Das hat auch damit zu tun, dass wir nicht auf dem Schirm hatten, wer der jeweils andere ist, als wir uns kennengelernt haben.

Damals hatte Akay seine Künstler-Agentur SugaAgency schon und Salah war dort Security-Mann. (Die Essener SugaAgency organisiert die Social-Media-Aktivitäten etlicher deutscher Rapper. d.Red) Genau so habe ich Salah kennengelernt. Als einfachen Security-Mann. Ich hatte von Clan-Strukturen nicht viel Ahnung. Bei uns in Osnabrück gibt es schließlich keine arabischen Familienclans. Deswegen wusste ich auch nicht, was Salah für eine Power hat und was er für ein Mensch ist.

Grundsätzlich kenne ich aber die Szene, aus der er kommt. Auch das gehört ja zu meinen Wurzeln. Wir sind aus Lemberg mit vielen krassen Leuten gekommen. Darunter Endstufen-Mafiosi. Die heftigsten aus Russland und der Ukraine. Mein Stiefvater selbst gehörte dazu. Das ist mir vertraut. Wenn ich heute Salah Saado angucke, dann sehe ich ihn aber nicht in erster Linie als Clan-Größe. Ich sehe ihn als meinen Bro. Ich sehe in ihm das Herz und nicht die Fassade, wie irgendein Normalo, der vielleicht Angst hat vor ihm, aufgrund seiner Präsenz. Ich kann Menschen mit Salahs Hintergrund locker eine Chance geben, weil ich aus ihren Kreisen komme. Ich verstehe ihr Leben. Und nur aus diesem Grund funktioniert das auch.

Salah merkt, dass ich Verständnis und ein Gefühl habe für seine Geschichte, für seine Struktur und für seine Leute. Ich komme mit seinen Freunden übertrieben gut klar. Und ehrlich. Es sind wirklich herzensgute Menschen. Keine Leute, die irgendwem irgendwas tun wollen. Sie sagen auch selber: ‘Wir sind ganz friedlich. Kommt uns nicht zu nah, dann passiert auch nichts.’ Fertig.

Sozialstunden und weinende Mütter

CORRECTIV: Du hast auch eine kriminelle Vergangenheit. Zu Beginn Deiner Karriere hast Du Sozialstunden abreißen müssen, weil Du Handy-Verträge manipuliert und Leute abgezogen hast.

Sun Diego: Das war jugendlicher Leichtsinn. In meinem Buch habe ich exakt beschrieben, wie wir darauf gekommen sind. Da wir sowieso Bock hatten auf Scheiße-Bauerei und auf Cash-Macherei und auf Adrenalin, haben wir die Nummern durchgezogen. So ist das, wenn Du in einer Gruppe bist. Du kommst automatisch auf dumme Gedanken. Weil Du mehr machen kannst. Du schickst drei Mann dahin, drei Mann hierhin und zwei Mann reden. Alleine kannst Du so Deals nicht durchziehen. Und wie gesagt, wir waren an sich schon ein bisschen kriminell geimpft. Wir wussten, dass es nicht so krass schlimm ist, wenn Du mit einem Tütchen Gras erwischt wirst.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, da wo ich herkomme. Ich bin ja nicht mit so 12-Jährigen unterwegs, wie damals. Aber als ich so alt war, hab ich immer mit Älteren abgehangen. Auf dem Spielplatz hab ich zum ersten Mal gekifft. Die Hemmschwelle ging runter. Mit so kleinen Sachen fängt es an.

CORRECTIV: Inwieweit war dieser kriminelle Einstieg prägend für Dich?

Sun Diego: Ich habe sehr viel über Freundschaft gelernt. Ich habe sehr viel über Geld gelernt. Ich habe sehr viel über Freiheit gelernt. Und ich habe sehr viel über Eltern gelernt – über ihre Sorgen. Du kannst dir die Finger verbrennen, wenn Du zuviel willst.

Wenn du eine Sache fokussiert und dafür alles andere im Leben ausblendest, dann ist das nicht gut. Man sollte im Blick behalten, warum man etwas tut. Wir haben unsere Sachen damals gemacht, weil wir mit unseren Brüdern in den Saunaclub gehen wollten, um abzufeiern. Aber irgendwann war der Fokus nicht mehr auf unserem gemeinsamen Erleben, sondern da drauf, wer mehr Umsatz gemacht hat. Das Geld hat die Leute auseinandergebracht. Irgendwann haben sich einige gegenseitig angeschissen. Alles ist zerbrochen. Man hat nach und nach Brüder verloren. Die haben dann zwei Jahre bekommen, vier Jahre, fünf Jahre. Vor Gericht habe ich Mütter weinen gesehen. Das waren extreme Erlebnisse. Das hat mich sehr geprägt.

Ich habe verstanden: Geld ist nicht alles. Du nimmst es nicht mit ins Grab.

Kunst ist die Rechtfertigung

CORRECTIV: In Deinen Texten gehst Du über alle möglichen Tabus hinweg. Mit Worten schießt Du auf Polizisten. Du beleidigst Menschen.

Spongebozz 3

Das Buch ‘Yellow Bar Mitzvah’ hat Sun Diego gemeinsam mit dem Journalisten Dennis Sand (rechts im Bild) geschrieben.

BBM

Sun Diego: Die Kunst ist meine Rechtfertigung.

CORRECTIV: Worum geht es Dir?

Sun Diego: Teilweise einfach um Unterhaltung. Teilweise ist es aber auch eine Reflektion. Es ist ja nicht alles frei erfunden. Erst vor kurzem hatte ich eine Razzia. Wegen Steuersachen. Auch über solche Themen rappe ich.

Auf der anderen Seite habe ich die Kunstfiguren, wie SpongeBOZZ, der über Deals in Puerto Rico oder was weiß ich wo rappt. Das ist auf jeden Fall Fiktion.

CORRECTIV: Du sagst in Deinem Buch, dass Du mit schwarzem Humor und Spannung wie im Horrorfilm spielst.

Sun Diego: Es kommt auf die Texte an. Wenn es um kriminelle Dinge geht, Drogen, Waffen, dann ist das schon Okay. Das sieht man auch im Fernsehen. Das ist keine neue Verpestung oder Polung der Jugend. Das ist Unterhaltung. Was anders ist es, wenn man politische oder religiöse Tabus überschreitet. Es ist eben nicht lässig, sich irgendwie über eine Kopftuch-Frau lustig zu machen.

CORRECTIV: Das ist ein Tabu für Dich? Wie wichtig sind für dich Tabus?

Sun Diego: Tabus verändern sich mit den Phasen, durch die man geht. Heute gibt es mehr Tabus als früher. Heute gibt es mehr Augen, die auf Dich schauen. Aber ich lass mir nicht gerne von außen Tabus setzen. Ich bin halt gerne selber derjenige, der selbst bestimmt, was ein Tabu ist und was nicht. Da kann die Öffentlichkeit oder auch meine Commmunity sagen, was sie denkt. Wenn es meiner Meinung nach kein Tabu ist, dann ist es kein Tabu für mich.

Keine Politik

CORRECTIV: Was ist denn im Moment für Dich ein Thema, über das Du nicht rappst?

Sun Diego: Dinge zur politischen Meinungsbildung etwa. Ich finde, es ist nicht OK, wenn man versucht, jemanden in seiner politischen Haltung zu beeinflussen. Zum Beispiel, wenn man irgendwie Anti-Israel rappt, ohne aber genug Wissen zu haben, was dort überhaupt passiert. Du bist Musiker. Du bist kein Politiker. Schuster bleib bei Deinen Leisten.

CORRECTIV: Worum geht es im Rap?

Sun Diego: Es geht viel um Images. Da erzählt der Rapper, dass er voll der krasse Drogenhändler ist. Aber in Wahrheit ist er Kindergärtner. Manchmal spielt der Rapper mit der Ironie im eigenen Leben. Der Rapper verkauft sich als sein eigener Superheld. Er spielt eine Person, die er immer sein wollte. Es gibt aber auch Leute, die einfach sie selbst sind. Am Ende ist es immer Selbstdarstellung. Mehr nicht.

CORRECTIV: Was hat Rap mit Verantwortung zu tun? Dir hören viele Menschen zu. Du kannst sie beeinflussen.

Sun Diego: Politisch wird es heiß. Wie gesagt, ich habe nicht genug Wissen, um meinen Fans zu sagen, was der richtige Weg ist. Deswegen mache ich es halt einfach nicht.

CORRECTIV: Inwieweit trägst Du Verantwortung, wenn Du über Gewalt, Drogen und Hass rappst?

Sun Diego: Diesen Teil der Verantwortung gebe ich gerne an die Eltern ab. Eine Drogen- oder Waffengeschichte kannst Du einem Erwachsenen mit ruhigem Gewissen vorsetzen. Er versteht, wie die Dinge gemeint sind. Ansonsten sind die Texte nach der FSK freigegeben. Entweder ab 12, oder 16 oder 18 Jahren. Hass, wie antisemitische Äußerungen, sind aber expliziter Content in jeder Hinsicht. So darfst du dich nicht äußern. Das ist unmoralisch.

Ich finde, man muss die Sachen auseinander halten. Man kann nicht alles miteinander vergleichen. Mit der Waffen- und Drogenverpestung sollen sich die Eltern befassen, nicht ich. Wir kennen Actionfilme und können damit umgehen. Wir kennen Unterhaltung aus Horrorfilmen. Das ist was anderes als eine politische Äußerung, bei der man sich auf eine Seite stellt und am Ende noch jemanden diskriminiert.

Spongebozz 4

Sun Diego ist im Interview sehr entspannt, offen und zugänglich. Mit dabei: Co-Autor Dennis Sand (im Vordergrund – auch von hinten). Während des Gesprächs wird viel geraucht. Die Fenster sind zu.

BBM

CORRECTIV: Dein Album ‘Planktonweed’ kam auf den Index. Der offene Verkauf wurde verboten. Die Bundesprüfstelle sagt, die Texte seien verrohend, verherrlichten den kriminellen Lebensstil, den Drogenhandel und diskriminierten Frauen und Homosexuelle. Außerdem werde Gewalt gegen Polizisten bis hin zur Tötung befürwortet. Harte Worte.

Sun Diego: Ich lache bei diesem Thema. Die sind der Meinung, dass ich die Jugend verpestet habe. Dass die Jugend durch mich beeinflusst wird, gewalttätig zu werden und gegen Polizisten zu sein. Die sagen, ein Schwammkostüm reicht nicht aus, sich von den Inahlten zu distanzieren und den Leuten zu zeigen: ‘Vorsicht, Ironie.’ Nochmal: Ich trage ein Schwammkostüm. Wie kann man glauben, dass ich Ernst meine, was ich da rappe?

Lass mich die Geschichte eines Fans erzählen. Der hatte einen Preis gewonnen und wir haben uns getroffen. Ich sollte ihm einen Disstrack schreiben, damit er eine Person seiner Wahl dissen kann. Aber das haben wir dann nicht gemacht. Erstens, weil der Fan gerade 14 Jahre alt war, und zweitens, weil sein Vater Erzieher ist. Beide wollten das nicht. Ich habe den Vater gefragt, wieso er seinem Sohn erlaubt, meine Musik zu hören und wieso er dem Meeting zugestimmt hat. Er hat dann gesagt: ‘Du bist ein Künstler, bei dem man hinter die Fassade schaut.’ Das bedeutet, er lässt den Text nicht alleine für sich stehen, sondern beschäftigt sich mit der Person dahinter, beschäftigt sich mit dem Künstler. Der Vater hat gesagt: ‘Das hab ich bei meinem Sohn gesehen. Du bist greifbar.’ Es geht um wirkliche Geschichten und die Personen dahinter. Es geht nicht um diesen stupiden Satz ‘Ich schmuggele Heroin in meinem Hintern’, sondern um den Menschen, der diesen Satz rappt. Das war für ihn der Grund, warum er seinen Sohn meine Musik hören lässt.

Harte Musik für Erwachsene

CORRECTIV: Ich finde es sehr schwierig. Verstehen die Kids alles? Das sind ja keine alltäglichen Dinge, die Du rappst.

Sun Diego: Im Grunde ist es doch ganz einfach. Mach ein FSK-Aufkleber drauf. Und übergib die Verantwortung den Verantwortlichen. Den Eltern. Mein Sohn darf auch nicht alle Spiele zocken. Mein Sohn kennt jeden FSK-Aufkleber auswendig. Bei den Spielen die ab 12, 16 oder 18 sind, redet er immer darüber. Er ist komplett im Bilde, selbst wenn man ihn alleine erwischt. Im App-Store oder egal wo, weiß er, was er nicht kaufen darf. Das heißt: Er kauft das Zeug auch nicht. Er weiß, dass er sich Sachen nicht angucken darf, die er sich nicht angucken darf. Das ist Erziehung. Das haben meine Frau und ich bei unserem Sohn durchgesetzt. Wir haben unsere Verantwortung wahrgenommen. Als er noch nichts verstanden hat, durfte er SpongeBOZZ hören, weil er das Kostüm so abgefeiert hat. Aber ab den Zeitpunkt, ab dem er irgendwas verstanden hat, durfte er keinen SpongeBOZZ mehr hören. Fertig.

Wenn die anderen Eltern das nicht hinbekommen, obwohl ich selber hinkriege, dann weiß ich auch nicht. Ich meine, ich bin Rapper. Ich bin komplett Alltagsunfähig. Ich bin ein Chaot. Und ich kriege das hin. Die Freigaben ab 16 oder 18 sind doch eindeutig. Selbst bei Spotify steht drauf, dass die Songs explizit sind. Du als Elternteil musst das sehen und dann Deinem Kind verbieten. Fertig.

Warum soll ich aufhören für Erwachsene Content zu produzieren und davon zu leben. Warum soll ich aufhören, meine künstlerische Freiheit auszuleben, nur weil irgendwelche Eltern das nicht geschissen bekommen.

Das ist vollkommener Schwachsinn.

CORRECTIV: Sunny, ich danke Dir für das Gespräch und die offenen Worte.

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Alte Apotheke

Alte Apotheke: „Die Herrscherin des Kellers”

Mehrere Zeugen haben im Prozess um die gepanschten Krebsmittel ausgesagt, dass die Mutter des Angeklagten Peter Stadtmann von Missständen innerhalb der Alten Apotheke wusste. Zudem liegen uns Fotos vor, die abgelaufene Medikamente im Keller der Mutter zeigen. Dies sind Hinweise darauf, dass die Mutter entweder die Missstände nicht abstellen konnte oder wollte. Ist die Mutter damit überhaupt zuverlässig genug, eine Apotheke zu führen? Die Frage ist entscheidend. Ist sie nicht zuverlässig, muss ihr die Stadt Bottrop die Betriebsgenehmigung entziehen. Wir haben nachgefragt. Die Stadt drückt sich schwammig aus.

von David Schraven , Marcus Bensmann

Die Stadt Bottrop denkt offenbar darüber nach, wie sie mit neuen Erkenntnissen zur Rolle der Mutter von Peter Stadtmann* im Skandal um die gepanschten Krebsmittel umgehen soll. Im Extremfall kann es dazu kommen, dass die Stadt der Alten Apotheke die Betriebserlaubnis entzieht. Wir haben nachgefragt, ob das passieren kann. Die Antworten des Sprechers der Stadtverwaltung deuten darauf hin.

Vor dem Landgericht Essen haben Mitarbeiter der Alten Apotheke berichtet, dass die Mutter der Angeklagten Peter Stadtmann im Tatzeitraum eine dominierende Rolle in der Apotheke gespielt hat. Sie sagten aus, dass Peter Stadtmann ohne die vorgeschriebene Schutzkleidung im Zyto-Labor tätig gewesen sei und die Eltern davon Kenntnis gehabt hätten. Sie berichten davon, dass im Privatkeller der Mutter abgelaufene Krebsmedikamente gelagert worden seien und und die Mutter davon Kenntnis gehabt hätte. Fotos, die CORRECTIV vorliegen, zeigen die abgelaufenen Krebsmittel in dem Privatkeller der Mutter im Gebäude der Alten Apotheke. Am 24. Januar sagte Birgit K. vor Gericht aus, es habe eine „Doppel-Hierarchie in der Alten Apotheke“ im Tatzeitraum gegeben. Sie nannte die Mutter die „Herrscherin des Kellers“, den sie morgens immer als erstes betreten und dort fast den ganzen Tag verbracht hätte. Birgit K. hat im Jahr 2014 als Assistentin von Peter Stadtmanns in der Alten Apotheke gearbeitet. Sie sagt, sie und Peter Stadtmann wären „gute Freunde“.

Diese Hinweise stellen die Zuverlässigkeit der Mutter in Frage. Als Apothekerin hat sie gewusst, dass Peter Stadtmann nicht in Straßenkleidung im Labor arbeiten durfte. Außerdem wusste sie um die Anforderungen an die sensible Lagerhaltung. Auf Basis ihres Wissens hätte sie die Missstände erkennen – und eventuell auch abstellen können.

Die Stadt Bottrop denkt nun offenbar darüber nach, was sie machen soll. Spricht sie der Mutter die Zuverlässigkeit zur Führung einer Apotheke ab, muss sie ihr die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke entziehen. Sie kann aber auch über die Hinweise hinweg gehen und der Mutter weiter zutrauen, die Apotheke ordentlich zu führen.

Wir haben nachgefragt und die Antworten des Sprechers der Stadtverwaltung deuten darauf hin, dass eine Entscheidung bevor steht.

Auf CORRECTIV-Anfrage, wie die Stadt als zuständige Behörde mit den Erkenntnissen aus dem Prozess umgeht, schrieb uns der Stadtsprecher in einer Email: Es gebe derzeit „verwaltungsinterne Abstimmungsprozesse“. Sie seien „in wenigen Tagen abgeschlossen“ und könnten deswegen heute noch nicht kommuniziert werden. Auffällig ist ein Ausrufezeichen am Ende des Satzes.

Hier die Antworten der Stadt Bottrop in der Übersicht:

Andreas Pläsken, Sprecher der Stadt Bottrop: „Zu der in Ihren Fragen aufgeworfenen Thematik sind wir gerade in verwaltungsinternen Abstimmungsprozessen.

Ich antworte umgehend auf Ihre Fragen, sobald die Klärungen in wenigen Tagen abgeschlossen sind!“

CORRECTIV: „Ich lese das so, dass ein Verfahren der Stadt Bottrop läuft, die die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke prüft. Ist dieses korrekt?“

Pläsken: „nein, wir klaeren derzeit wie wir mit der Sachlage eventuell umgehen!“

CORRECTIV: „Was meinen sie eigentlich mit „Sachlage“, betrifft die Sachlage Alte Apotheke?“

Pläsken: „Natuerlich ist die Sachlage Alte Apotheke gemeint. Darueber reden wir doch seit Monaten, oder?“

 

Neue Erkenntnisse, neue Vorwürfe

Die „Sachlage“ hat sich tatsächlich im Pansch-Prozess gegen Peter Stadtmann verändert. Fotos, die CORRECTIV vorliegen, zeigen abgelaufene Krebsmedikamente im Privatkeller der Mutter. Ein Patient hat sich bei uns gemeldet und behauptet, er habe noch nach Inhaftierung des Sohnes Anfang Dezember ein Krebsmedikament in der Apotheke erhalten, das abgelaufen sei. Er habe die Mitarbeiterin darauf aufmerksam gemacht, schreibt der Mann,  da sei Panik ausgebrochen. Die Mitarbeiterin hätte das Medikament zurückgenommen und ein Fahrer habe dem Patienten nach einigen Stunden ein Medikament mit gültiger Haltbarkeit gebracht. Der Mann möchte nicht, dass wir seinen Namen nennen, aber er hat den Fall der Staatsanwaltschaft geschildert.  

Nach Aussage einer die Mutter beratenden Person habe der Patient das Medikament im Oktober 2016 bestellt. Die Packung sei daraufhin bestellt und eingelagert worden. Der Patient habe die Arznei aber erst im Dezember des Jahres abgeholt – nachdem die Haltbarkeit abgelaufen sei. Außerdem hätte der Patient das Medikament noch nicht in Besitz genommen.  Dem widerspricht der Patient. Er hätte im Oktober das Medikament für den Tag im Dezember bestellt. Er sei dafür aus dem Ausland angereist. Auch schreibt der Patient, dass ihm die Packung ausgehändigt worden sei. Anschließend habe er selbst und nicht die Mitarbeiterin der Apotheke festgestellt,  dass das Präparat bereits abgelaufen gewesen wäre. Die Person, die die Mutter berät – und die wir auf ausdrücklichen, schriftlichen Wunsch dieser Person nicht nennen dürfen – sagt es sei völlig egal, wem aufgefallen sei, dass das Medikament abgelaufen war. Es sei innerhalb weniger Stunden  ausgetauscht worden. Zudem sei es noch nicht in den Besitz des Patienten übergegangen und bei einer Endkontrolle wäre sicher aufgefallen, dass es nicht mehr haltbar war.

Im Dezember 2016 war die Mutter von Peter Stadtmann noch nicht Inhaberin der Betriebserlaubnis der Alten Apotheke. Stattdessen war damals der Vater von Peter Stadtmann als Vertreter seines Sohnes für den Betrieb der Apotheke verantwortlich.

Krebsmittel im Privatkeller

Die abgelaufenen Krebsmittel im Keller der Alten Apotheke

CORRECTIV

Immer wieder tauchen während des Prozesses die Eltern von Peter Stadtmann als zentrale Akteure in den Aussagen ehemaliger Mitarbeiter auf. Auch als Peter Stadtmann längst die Alte Apotheke übernommen hatte. Übereinstimmend mit mehreren anderen Mitarbeitern berichtete der Whistleblower Martin Porwoll von einer Doppelherrschaft im Betrieb. „Die Eltern haben intensiv zusammen mit ihrem Sohn in der Geschäftsführung gearbeitet.“ Über alle Vorgänge sei insbesondere die Mutter immer „sehr gut informiert“ gewesen.

Beide Eltern wussten laut den Aussagen mehrerer Zeugen, dass Peter Stadtmann ohne Schutzkleidung in dem Zyto-Labor gearbeitet habe. So soll Stadtmanns Vater am Tag der Verhaftung geäußert haben: „Ich hab doch immer gesagt, dass Peter nicht mit seinem Anzug ins Labor gehen soll.“ Das erklärte Martin Porwoll in seiner Aussage vor Gericht. Auch die langjährige Mitarbeiterin Teresa K. sagte im Zeugenstand, dass sie die Eltern mehrfach darauf hingewiesen hätte, dass Peter Stadtmann ohne Schutzkleidung im Labor arbeitete. Die hätten lediglich „Ja, ja“ geantwortet.

Abgelaufen? Trotzdem verkauft.

Mehrere Mitarbeiter sagten außerdem aus, Stadtmanns Mutter habe gewusst, dass abgelaufene Krebsmittel im Privatkeller der Mutter in der Alten Apotheke gelagert wurden.

Die Mutter als neue Betreiberin der Alten Apotheke

Vor längerer Zeit haben wir die Mutter von Peter Stadtmann gefragt, ob sie von dem Altmedizin-Lager wusste. Sie selbst äußerte sich nicht dazu. Ihr Anwalt teilte mit, dass seine Mandantin keine Kenntnisse von irgendwelchen Missständen in ihrer Apotheke gehabt habe. Als „Dame in fortgeschrittenem Alter“ sei es ihr auch unmöglich gewesen, eventuelle Fehler ihres Sohnes zu erkennen.

Die Antwort ist brisant. Denn nach der Razzia in der Apotheke und der Verhaftung von Peter Stadtmann, bemühte sich die Mutter darum, die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke zu erhalten.

Die Bezirksregierung Münster hatte damals Bedenken. In einem CORRECTIV vorliegenden  Schreiben vom 21. Februar 2017 an die Stadt Bottrop heißt es:

„Es mag (…) verwundern, dass einer pharmazeutisch ausgebildeten Person, die sich regelmäßig mit den Belangen der Apotheke umfänglich auseinandergesetzt haben will, derart schwerwiegende und zwischenzeitlich nachgewiesene Mängel in der Herstellung über einen so langen Zeitraum verborgen geblieben sind. Hier wäre bei geringster Kenntnis ein Einwirken im Sinne der Patientensicherheit geboten gewesen. Ein Unterbleiben wiederum dürfte die Frage der Zuverlässigkeit fundamental berühren.“

Ohne Zuverlässigkeit kann es keine Genehmigung für den Betrieb einer Apotheke geben.

Zum Zeitpunkt des Schreibens der Bezirksregierung versuchte die Mutter aber genau diese Erlaubnis zu bekommen. Am 13. Februar 2017 wurde eine amtliche Besichtigung der Alten Apotheke durchgeführt – als Teil des Verfahrens, der Mutter die Betriebsgenehmigung zu erteilen. Der Privatkeller der Mutter war dabei nicht Teil der Begehung. Die Anwälte der Mutter drohten damals mit Klage, falls der Mutter die Genehmigung verweigert würde. Es gebe keine „Sippenhaft“, schrieben die Anwälte. Die Stadt Bottrop gab schließlich nach. Die Bedenken der Bezirksregierung wurden beiseite geschoben. Und Ende März erhielt die Mutter von Peter Stadtmann die Betriebsgenehmigung für die Alte Apotheke.

Nach den neuen Erkenntnissen könnte sich die Lage ändern. „Sollten sich die entsprechenden Hinweise bewahrheiten, könnten diese grundsätzlich Einfluss auf die Erteilung einer Apothekenbetriebserlaubnis haben“, schreibt eine Sprecherin der Bezirksregierung Münster – verweist aber auf „die zuständige untere Gesundheitsbehörde der Stadt Bottrop“. Die habe „eigene Schritte zur weiteren Sachverhaltsklärung aufgenommen, die wir zunächst abzuwarten müssen“, schreibt die Sprecherin der Bezirksregierung Münster.

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Der Anwalt der Mutter

Die Mutter von Peter Stadtmann und momentane Betreiberin der Alten Apotheke antwortet nicht selbst auf eine Anfrage zum Thema. Stattdessen schreibt uns ihr Presserechts-Anwalt eine lange Email. Er unterstreicht viele Worte und druckt ganze Passagen fett.

Der Anwalt schreibt, dass wir nicht aus seiner langen Email zitieren sollen. Wir sollen seine Aussagen auch nicht umschreiben. Stattdessen sollen wir unseren Text auszugsweise zur Genehmigung vorlegen, sollten wir den Anwalt zitieren wollen.

Er sagt weiter, das wir der Mutter nicht ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hätten und deswegen unsere Berichterstattung unzulässig sei. Zur Einordnung: Auf unsere erste Anfrage hatte wir eine Antwort-Frist von anderthalb Tagen gegeben. Auf eine Nachfrage hatten wir eine Stunde Zeit gegeben.

Im Kern hatten wir nämlich nur eine Frage, die sehr leicht zu beantworten ist: Wir wollten wissen, ob die Mutter von Peter Stadtmann wusste, dass es Missstände in der Alten Apotheke gab, dass in ihrem privaten Keller abgelaufene Medikamente lagerten, von denen mehrere Zeugen vor Gericht berichteten.

Der Anwalt spricht von „Gerüchten, Spekulationen und Eindrücken“, die nicht Grundlage einer Berichterstattung sein dürften. Er spricht von Vorwürfen, die nicht präzise genug seien, um darauf zu antworten. Er spricht von Problemen, auf Grund der kurzen Zeit Nachforschungen anzustellen, um die Fragen zu beantworten.

Wie gesagt: Bei den „Gerüchten, Spekulationen und Eindrücken“ geht es um Dokumente und Zeugenaussagen vor Gericht. 

Der Anwalt schreibt, wir dürften grundsätzlich nicht über die Mutter von Peter Stadtmann berichten.

Wir sehen das anders.

Und wir legen unsere Texte auch nicht auszugsweise zur Genehmigung vor.

*Aus juristischen Erwägungen nennen wir den Namen der Mutter von Peter Stadtmann hier nicht.

Can und David (von rechts) und Kollegen in der gemeinsamen Redaktion in Berlin.© Ivo Mayr

In eigener Sache

#ÖZGÜRÜZ hat Geburtstag

Heute vor einem Jahr gründeten wir mit Can Dündar unsere türkischsprachige Redaktion #ÖZGÜRÜZ. Ein auch persönlicher Rückblick auf Pläne und Pannen, Tränen und Wut, unangemeldete Besucher und freundliche Polizisten.

weiterlesen 7 Minuten

von David Schraven , Frederik Richter

Im vergangenen Jahr hatten wir jeden Morgen, wenn wir die Tür zur Berliner CORRECTIV-Redaktion aufschlossen, zwei Wünsche.

Hinter dieser Tür arbeiteten Dokumentarfilmer, Theatermacher, Fotografen und Journalisten: eine laute, chaotische, liebenswerte Truppe. Sie liefen hin und her, schimpften über die Technik, berichteten live von Straßenprotesten, vergossen Tränen, standen in unserem Fernsehstudio und schrien in die Kameras, als führten sie ein Theaterstück auf.

Zwei Mal am Tag mussten wir ganz leise sein, wenn die Aufnahmen liefen.

Jeden Morgen, wenn wir die Tür aufschlossen, wünschten wir uns, dass sie noch da wären.

Und jeden Morgen wünschten wir uns, dass sie nicht mehr da wären. 

Wir wünschten uns, dass die Redaktion hinter der Tür wieder leer und leise sein würde: dass die Kollegen wieder zurück gekonnt hätten in das Land, aus dem sie fliehen mussten.

Flucht nach Berlin

Nach dem gescheiterten Putschversuch ging der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Sommer 2016 mit aller Härte gegen seine Gegner vor, echte und vermeintliche. Er nutzte die Gunst der Stunde, um seine Macht in einem Referendum zu zementieren. Wer nicht für Erdoğan war, war gegen ihn. Eine Unterdrückungswelle ging wie ein Tsunami über die türkischen Medien nieder. Etliche Reporter flohen nach Deutschland. Etliche nach Berlin.  

Einer von ihnen war Can Dündar, der Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Als wir ihn trafen, beschlossen wir rasch, eine gemeinsame Redaktion zu gründen. Damit Can und seine geflohenen Kollegen einfach weiter arbeiten können. Damit die türkische Gesellschaft weiter Zugang zu unabhängigem Journalismus hat. Damit die Propaganda der türkischen Regierungspartei AKP nicht unwidersprochen bleibt, die auch auf die türkischstämmige Gemeinschaft in Deutschland zielt.

Wir nannten das Projekt #ÖZGÜRÜZ: Wir sind frei.

Und wir machten uns an die Arbeit: bauten unser TV-Studio um, richteten eine Webseite ein sowie ein Bezahlsystem und eine Datenbank für die Verwaltung von Fördermitgliedern für #ÖZGÜRÜZ. Unsere Programmierer rätselten, wie man all das auf Türkisch macht.

Eine kleine, große Redaktion

Am 24. Januar 2017 legten wir los. Dieser Tag ist etwas besonderes.

An diesem Tag wurde im Jahr 1993 der türkische Investigativ-Journalist Uğur Mumcu ermordet. Er recherchierte zu Korruption, Waffenschmuggel und Islamismus. Er schrieb für „Cumhuriyet“. Seine Mörder wurden nie gefasst.

Unsere türkischen Kollegen interviewten aus unserem Studio heraus Experten, analysierten Entwicklungen in Politik und Wirtschaft der Türkei, schalteten live zu Gerichtsverhandlungen und Protesten. In Deutschland, in der Türkei.

Unsere Redaktion platzte damals – in der Zeit vor dem Referendum in der Türkei – aus allen Nähten. Ein kleines Büro, überschaubare Technik und vor allem nie genug Reporter und Entwickler. CORRECTIV fühlt sich manchmal an wie die kleinste Redaktion Deutschlands. Doch in jenen Monaten auch ganz groß: wie hätten wir die Kolleginnen und Kollegen nicht bei uns aufnehmen können?

Geld für drei Wochen

Heute, ist der erste Geburtstag von #ÖZGÜRÜZ. Wir haben etwas außergewöhnliches geschafft. Wir haben überlebt – und sind stabiler geworden. Mittlerweile haben wir ein halbes dutzend Reporter, die aus der Türkei berichten. Dazu Can Dündar und sein Team in Berlin.

Lange Zeit sah es nicht so gut aus. Fast nichts von dem, was wir von CORRECTIV kannten und auf #ÖZGÜRÜZ übertragen wollten, funktionierte. Die Webseite wurde in der Türkei schon zensiert, bevor sie überhaupt veröffentlicht war. Es gibt in Deutschland keinen Vertrieb für türkischsprachige Medien, den wir zur Verbreitung unserer Nachrichten hätten nutzen können.

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Bei der gemeinsamen Arbeit in der Redaktion.

Ivo Mayr

Außerdem konnten wir in der Türkei anders als geplant keine Fördermitglieder gewinnen, weil Banküberweisungen aus dem Land schwierig sind. Und weil sich Unterstützer einer Redaktion, die von einem zum Landesverräter erklärten Journalisten geleitet wird, in große Gefahr begeben.

Von Anfang an war die Finanzierung des Projektes gefährdet: beim Start hatten wir Geld für knapp drei Wochen. Doch wir wollten alles versuchen, um #ÖZGÜRÜZ überleben zu lassen. Immer wieder fanden wir Freunde, die uns großzügig halfen und uns weiteren Atem verliehen.

Im Visier

Doch nicht das Geld alleine war und ist ein Problem. Viele Menschen haben Angst davor, in der Nähe von Can Dündar zu sein, zu arbeiten – und damit ins Visier der türkischen Geheimdienste zu geraten.

Für uns war es schwierig, Mitarbeiter für #ÖZGÜRÜZ zu finden. In der Türkei – wie in Berlin. Nur mit viel Mühe bekamen wir eine Gruppe zusammen: Exil-Journalisten, Studenten, engagierte Menschen.

Natürlich kam es zu Konflikten. Zwei Mal kündigten Mitarbeiter, indem sie einfach aus der Redaktion rannten.

Es war hart.

Da war der Stress der Startphase. Da war die politische Herausforderung, sich beim Referendum gegen die Einführung einer Präsidialdiktatur zu stemmen. Da waren die vielen heftigen Lebensumbrüche bei einem Start in einem fremden Land. Die Verwandten, die zurückgelassenen Frauen, Männer – und Kinder. Kulturen prallten aufeinander. Es ging um die nackte Existenz – und um die komplizierte deutsche Welt mit vielen, kaum zu verstehenden Regeln.

Ungebetene Besucher

Aber all diese Rückschläge ließen uns nicht scheitern. Wir halfen einander, wo wir konnten: wir trieben Förderer auf, wir teilten unsere Ausrüstung, unsere Autos, unsere Büros.

Und wir vertrieben ungebetene Besucher. Eines Tages tauchte das Team eines Erdoğan-treuen Fernsehsenders vor der Redaktion auf. In ihrem einige Tage später ausgestrahlten Bericht beschrieben sie genau, wo unsere Redaktion zu finden ist und von wann bis wann Can anwesend sei. Die Schnitte erinnerten an Explosionen.  

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Der Film erscheint wie eine Gebrauchsanweisung zur Gewalt. Hier lohnt es sich zu bomben. Frederik ging raus, um mit den Journalisten und einem dazu gerufenen Polizisten zu reden. Sie filmten weiter und in dem Bericht ist Frederik mit einem roten Pfeil als angeblicher „Assistent Can Dündar“ an den Pranger gestellt.

Einem Kollegen zu helfen, der sein Land verlassen musste: das ist für uns kein Pranger. Das ist unsere Arbeit.

Heute klingelt alle zwei Stunden ein freundlicher Beamter der Berliner Polizei bei uns und fragt, ob es uns noch gibt.

Endlich Stabilität

All dies macht klar, warum sich das Projekt #ÖZGÜRÜZ in seinen ersten zwölf Monaten ständig verändert hat. Warum es sich erneuerte und wie es wuchs.

Heute feiern wir das Leben. Wir sind frei.

#ÖZGÜRÜZ hat eine stabile Form gefunden: Wir geben zum zweiten Mal ein Magazin heraus. #ÖZGÜRÜZ gedruckt.

Und wir haben ein halbes Dutzend Reporterinnen und Reporter, die aus mehreren Städten der Türkei berichten. Ungebrochen. Mehrmals täglich senden wir über die Streaming-App Periscope. Wir berichten über Demonstrationen und Gerichtsprozesse, sprechen mit den Angehörigen von Verhafteten, berichten über Themen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.

Einfach Journalismus

Ein paar Eindrücke:

Ein Verhafteter berichtete live aus dem Gefangenenwagen, in dem er bei Protesten gesperrt und abtransportiert wurde.

Vor ein paar Tagen war #ÖZGÜRÜZ als einziges Medium live dabei, als die Büros der kurdischen Oppositionspartei DHP durchsucht wurden.

Wir ließen die Verwandten eines türkischen Soldaten zu Wort kommen, der von IS-Terroristen in Syrien bestialisch ermordet wurde – und dessen Schicksal Erdoğans Regierung vertuschen wollte.

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ÖZGÜRÜZ-Reporterin Zubeyde Sarı führt ein Interview.

Onur Ünlü

Gemeinsam enthüllten wir die Pläne für eine neue Panzerfabrik in der Türkei, von der die deutsche Politik nichts wissen will. Mit deutscher Hilfe geplant ist das genau ihr Ziel: mit eigener Produktion unabhängig von deutschen Exportgenehmigungen zu werden. Damit es keinen Aufschrei gibt, wenn die türkische Armee in Zukunft noch einmal eine kurdische Enklave in Nordsyrien angreift, und dabei Kampfpanzer aus deutscher Fertigung einsetzt.

Auch in der Türkei gibt es Proteste gegen den Krieg. Sie sind verboten und #ÖZGÜRÜZ berichtete live – vor Ort.

Aus der Türkei – für die Türkei.

Unser Journalismus ist genau jener, normaler Journalismus, der in der Türkei selten geworden ist.

Wir schmieden Pläne

Unsere Berichte haben im vergangenen Jahr über 20 Millionen Menschen in der Türkei gesehen. Kaum jemand ist so erfolgreich über soziale Medien wie #ÖZGÜRÜZ.

Am ersten Geburstag von #ÖZGÜRÜZ planen wir, wie wir die Berichterstattung ausbauen können: wir wollen nicht nur tagesaktuell berichten, wir wollen investigativer arbeiten. Wir wollen zusätzliche Reporter in weiteren türkischen Städten einstellen. Wir wollen die Webseite in der Türkei sichtbarer machen – sie ist immer noch blockiert.

Wir wollen das Magazin weiter verbreiten und unsere beiden Redaktionen, CORRECTIV und #ÖZGÜRÜZ, besser miteinander verknüpfen. Wir wollen auch im Ausland weitere Reporter einstellen – die Berichte des #ÖZGÜRÜZ-Korrespondenten in Washington zählen zu den meistgesehenen der Berichterstattung.

Für Can Dündar, für uns alle, ist die Angst um die Sicherheit unserer Reporterinnen und Reporter in der Türkei ein ständiger Begleiter. Bei der Einnahme von Kirkuk durch die irakische Armee konnte er unseren Reporter dort tagelang nicht erreichen. Und ständig wartet er auf den Anruf, der ihm über die Verhaftung eines der #ÖZGÜRÜZ-Reporter informiert.

Unterstützen Sie die Arbeit von #ÖZGÜRÜZ als Fördermitglied. Wir streiten für unabhängigen Journalismus in der Türkei:

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