Bildung

Die Apple-Lehrer

In Schulen kommt die Digitalisierung kaum voran. Konzerne wie Apple springen ein, dabei spielen Lehrerinnen und Lehrer eine zentrale Rolle: Einige von ihnen treten auf wie Markenbotschafter für den Milliarden-Konzern.

von Christoph Pengel

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Ginge es nach Apple, sollten in einer modernen Schule Apple-Geräte so selbstverständlich wie eine Stiftemappe genutzt werden. Foto: CORRECTIV/ Ivo Mayr

Er ist Lehrer an einer staatlichen Schule in Bayern. Zeitgleich wirbt er im Internet für Apple-Produkte. Auf seiner Homepage stellt er Apps für Tafelbilder, den Sportunterricht und fürs Büro vor. Er verlinkt Anzeigen von Händlern. In der Rubrik „Preis-Gezwitscher“ listet er aktuelle Schnäppchen. Zudem gibt er, der tagsüber unterrichtet, auf seiner Internetseite Einkaufstipps für Apple-Produkte an Schulen und Lehrer. 

Der Lehrer aus Bayern ist ein Beamter, er ist also beim Staat angestellt und macht zugleich Werbung für einen Privatkonzern, einem der größten Hard- und Software-Unternehmen der Welt. Wie kann das sein? 

Der Mann aus Bayern ist einer von vielen Lehrerinnen und Lehrern, die Apples Produkten eine Plattform bieten. Die Vorträge halten, Tweets absetzen, E-Books schreiben, Blogs betreiben oder Podcasts über Apple aufnehmen. Die mitunter verbeamtet sind und gleichzeitig einen Megakonzern unterstützen. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. CORRECTIV hat sich dieses Phänomen – die Apple-Lehrer – genauer angeschaut. Die Recherchen zeigen mehrere Interessenkonflikte bei Lehrkräften. Kritiker sehen die Unabhängigkeit von Schulen und ihren Lehrkräften in Gefahr. 

Regierung sieht Interessenkollision beim Lehrer, der für Apple wirbt

Es ist Anfang November 2021. CORRECTIV ruft den Lehrer aus Bayern an, der für Apple im Internet wirbt. Über seine Internetseite will er nicht reden. „Das ist mein privates Hobby“, sagt er. Nach wenigen Minuten ist das Gespräch beendet. 

CORRECTIV fragt in den darauffolgenden Wochen bei den Behörden nach – beim Schulamt, beim Landratsamt, beim Regierungsbezirk. Etliche E-Mails gehen hin und her, niemand will von der Homepage gewusst haben. Die Presseabteilung von Apple lässt eine Anfrage zu der Webseite gänzlich unbeantwortet. 

Anfang Februar meldet sich ein Sprecher des zuständigen Regierungsbezirks. Fast drei Monate sind seit der ersten Anfrage vergangen. Der Lehrer hätte eine Genehmigung für die Homepage gebraucht, schreibt der Sprecher. Nach der CORRECTIV-Anfrage im November hatte die Regierung den Lehrer aufgefordert, die Details seiner Nebentätigkeit offenzulegen. Erst danach beantragte der Lehrer eine Genehmigung für die Homepage und erhielt eine Absage. Als das Ablehnungsschreiben Mitte Januar bei ihm eintrifft, hat er die Homepage bereits vom Netz genommen.

Im Ablehnungsschreiben, das der Redaktion vorliegt, heißt es, dass „die Nebentätigkeit den Beamten in einen Widerstreit mit dienstlichen Pflichten bringen kann“. Denn laut Regierung arbeitet der Mann nicht nur als Lehrer – sondern auch als Fachberater für Informatik. Er berät in seinem Landkreis Schulen, wenn sie Hard- und Software für den Unterricht kaufen. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass er im Dienst auf seine private Internetseite verweist, schreibt die Regierung an den Lehrer: „Auf dieser Seite ist Werbung geschaltet, durch die Sie Einnahmen erzielen. Bereits im Namen dieser Internetseite ist Werbung enthalten. Hierdurch liegt eine Pflichten- und Interessenkollision vor.“

Sicher ist: Der Lehrer schaltete über seine Seite Werbung, verdiente darüber sehr wahrscheinlich Geld. Es bleibt unklar, wie hoch die Einnahmen waren und ob es Absprachen mit Apple gab. Schriftliche Fragen dazu beantwortet er nicht.

Eine Ausnahme – oder einer von vielen?

Einige Lehrer, so ergab die Recherche, werden von Apple offiziell anerkannt. Sie dürfen sich mit Titeln wie „Apple Distinguished Educator“ schmücken. Bei anderen, wie dem Lehrer aus Bayern, gibt es keine Hinweise auf offizielle Titel. Sie können sich aber darum bewerben, indem sie ihren Einsatz für Apple belegen. Manche Apple-Lehrer, sogenannte „Apple Professional Learning Specialists“, verdienen Geld als Trainer, indem sie beispielsweise Vorträge in Schulen halten. Wobei sie aber – nach allem, was bekannt ist – nicht von Apple bezahlt werden, sondern von den Schulen. 

Überhaupt gilt: Zwischen Apple und den Lehrern besteht keine Geschäftsbeziehung, es scheint keine Gehälter oder Vergünstigungen zu geben. Wie CORRECTIV herausgefunden hat, ist es allerdings vorgekommen, dass ein iPad-Fan nach seiner Lehrerkarriere bei Apple eingestiegen ist. Und in einigen Fällen lassen sich ganze Schulen vom Konzern zertifizieren – sogenannte „Apple Distinguished Schools“. 

Verboten sei das alles nicht, so lautet die Einschätzung der meisten Behörden, bei denen CORRECTIV nachgefragt hat. Der Fall aus Bayern scheint insofern eine Ausnahme zu sein. Dennoch sehen Kritiker die Unabhängigkeit von Schulen und Lehrern in Gefahr. 

CORRECTIV hat Apple nach der Recherche einen Fragenkatalog vorgelegt. Welche Kosten übernimmt Apple? Wie oft wurden ehemalige Lehrer im Konzern angestellt? Was entgegnen sie Kritikern? Keine der Fragen wurde beantwortet. Stattdessen äußert sich der Konzern nur in einem allgemeinen Statement über die Pressestelle: „Wir sind stolz darauf, dass wir Pädagog:innen im Team haben, die ihre Expertise einbringen und unsere Arbeit damit voranbringen“, heißt es unter anderem im Schreiben.

Lobbyismus an Schulen: Wie Unternehmen vorgehen

Apple-Lehrer gibt es schon seit vielen Jahren. In den 1990ern fing Apple in den USA an, Fortbildungsprogramme für Lehrer zu entwerfen – durchaus ein Beitrag zur Digitalisierung der Schulen. Dass die auch in Deutschland bitter nötig ist, bestreitet heute kaum jemand. Die digitale Ausstattung an Schulen ist dürftig, Weiterbildungen sind oft unzureichend. Da springen Unternehmen – ob nun Microsoft, Google oder Apple – in die Bresche und nehmen eine zweifelhafte Rolle ein, indem sie Lehrer einspannen. Nur: Sollten es Lehrer sein, die sich ausschließlich mit einer Firma identifizieren? Sollten es Apple-Lehrer sein?

Unternehmen aus der Privatwirtschaft versuchen immer wieder, Einfluss auf das Bildungssystem zu nehmen. Mit welchen Methoden sie dabei vorgehen, hat der Verein Lobbycontrol im Jahr 2018 in einem Bericht über „Lobbyismus an Schulen“ zusammengefasst (PDF). Demnach schicken Firmen Experten für Vorträge in die Klassenzimmer. Oder stellen Bücher und Unterrichtsmaterialien bereit. Oder organisieren Spiele und Wettbewerbe. „Schülerinnen und Schüler als LehrerInnen und KonsumentInnen von morgen sind für Lobbyisten (…) besonders interessant“, heißt es in dem Bericht. Laut Lobbycontrol wird dadurch Manipulation ermöglicht. So könne zum Beispiel die Öl- und Gasbranche versuchen, ihren Ruf, der wegen fragwürdiger Fördermethoden gelitten hat, durch einseitige Darstellungen zu verbessern.

Anders gesagt: Es geht den Firmen darum, ihre Marken in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler zu verankern. Möglichst früh und in möglichst gutem Licht. Apples Strategie schließt dabei auch Lehrerinnen und Lehrer ein. Dazu gewährt der Konzern weder Rabatte für seine Produkte, noch finanziert er die Ausstattung der Schulen. 

Leidenschaftliche Fürsprecher, weltweite Botschafter

Wer von Apple offiziell anerkannt werden will, hat mehrere Möglichkeiten. Lehrer können sich durch ein kostenloses Selbststudium zum „Apple Teacher“ qualifizieren. In dem Online-Kurs lernen sie, wie man iPads und Macs im Unterricht verwendet. Aus dem Status „Apple Teacher“ folgen allerdings noch keine Erwartungen an die Lehrer.  

Anders sieht es bei den sogenannten Apple „Distinguished Educators“ aus. Wer diesen Titel erhalten möchte, soll „regelmäßig digitale Bücher“ schreiben, Vorträge auf Bildungsevents halten und Ideen für den Unterricht einbringen. Apple hat klare Vorstellungen davon, wie Apple „Distinguished Educator“ in der Öffentlichkeit auftreten. Sie sollen „leidenschaftliche Fürsprecher“ sein, authentische Autoren und weltweit tätig. 

Bewerben kann man sich auf der Internetseite des Unternehmens. Lehrer sollen dazu Videos erstellen, in denen sie beschreiben, wie sie mit Apples Produkten „die Lernumgebung transformiert haben, um Ihre Schüler:innen zu begeistern“. Apple freut sich auch über Belege für den Erfolg: „Zeigen Sie Beispiele für Schülerarbeiten oder innovative Strategien“. Zudem interessiert Apple, ob Lehrer dabei auch über die Grenzen des Klassenzimmers hinaus gehen: „Gibt es Präsentationen, Veröffentlichungen oder Interaktionen in sozialen Medien, die Ihre Führungsrolle unter Ihren Kolleg:innen belegen?“ 

Weltweit unterrichten tausende Apple-Lehrer

Laut Pressestelle hat Apple das Programm etabliert „damit Bildungseinrichtungen das Meiste aus der Technologie holen können, in die sie bereits investiert haben“. Apple steckt nach eigener Darstellung kein Geld in die Schulen, hilft ihnen aber, mit der Technik umzugehen, falls sie diese schon angeschafft haben. 

Nach Angaben des Konzerns sind in 45 Ländern fast 3.000 Lehrerinnen und Lehrer als Apple „Distinguished Educator“ anerkannt. Wie viele dieser Lehrer in Deutschland arbeiten, wird von Apple nicht aufgeschlüsselt. Apple „Distinguished Educator“ – im folgenden Apple-Botschafter genannt – findet man zum Beispiel auf Twitter. Was treibt diese Menschen an? Warum treten sie als Markenbotschafter für Apple auf?

Screenshot von einem Tweet von @MuchaMartin am 8. Juni 2021.
Screenshot von einem Tweet von @MuchaMartin am 8. Juni 2021.

Einer dieser Botschafter ist Martin Mucha, Leiter der Kita Zauberwind in Hüffelsheim, Rheinland-Pfalz. Auf Twitter zeigt er sich ganz offen in seiner Apple-Rolle.  Träger der Einrichtung und damit sein Arbeitgeber ist die Gemeinde. Auf seiner Webseite bezeichnet sich Mucha als „Digital-Mentor“, der Vorträge hält und Workshops veranstaltet. Er hat ein 15-seitiges E-Book geschrieben, Titel: „Das iPad in der Kita. Kreativ und Digital“. Darin beschreibt Mucha unter anderem, wie man die Kamera, Videos oder bestimmte Apps von Apple in der Kita einsetzt. Mit CORRECTIV will er nicht reden, stattdessen schreibt er auf Anfrage eine kurze E-Mail. Er sei Apple-Botschafter geworden, um sich „weltweit zu vernetzen und neue Impulse in meine Arbeit einzubringen“. Ob er von Apple Geld erhalten hat, beantwortet er nicht.

Ein weiterer Apple-Botschafter ist Manuel Pittner. Er unterrichtet Informatik, Wirtschaft und Recht am Otto-Hahn-Gymnasium im bayerischen Martkredwitz. Und tritt als „Distinguished Educator“ für Apple auf Fortbildungen auf. 2018 wurde er im Apfelplausch interviewt. Im Podcast wird er angekündigt mit seiner „Mission, iPad-Klassen und Apple-Geräte an Schulen voranzutreiben“. Im Interview lobt er die intuitive Bedienung: „Man kann einem Schüler ein iPad in die Hand drücken, und er weiß, was zu tun ist.“ Er selber gehe nur mit einer Wasserflasche und einem iPad in den Unterricht. Auch er hat ein E-Book zum Thema verfasst: „iPad only. Unterrichten mit dem iPad“. Pittner war nicht zu einem Gespräch mit CORRECTIV bereit. Auch er  beantwortet die Frage nicht, ob er Geld von Apple erhalten hat.

Screenshot eines Youtube-Videos von Manuel Pittner.

Redeverbot für Apple-Botschafter

So mitteilungsfreudig die Apple-Botschafter im Netz sind, so zurückhaltend sind sie, wenn man mit ihnen über ihre Arbeit reden will. Viele Anfragen von CORRECTIV liefen ins Leere. Das könnte auch daran liegen, dass Apple-Botschafter nicht öffentlich über das Programm sprechen dürfen – es sei denn, das Unternehmen erlaubt es vorher ausdrücklich. So steht es in einer Mustervereinbarung, die Apple mit Apple-Botschaftern getroffen hat. Das Dokument stammt aus dem Jahr 2020 und ist online einsehbar.

In der Mustervereinbarung ist zwar zu lesen, dass Apple die „Erstellung von Inhalten“ in Auftrag geben darf. Und dass Lehrer dafür Honorare erhalten können, wenn die Rechtsabteilung oder ein Ethikbeauftragter der Schule zustimmen. Diese Aufträge beruhen Apple zufolge jedoch auf Freiwilligkeit und können abgelehnt werden. Wie oft solche Aufträge in Deutschland zustande kommen, sagt Apple nicht. 

Apple legt nach eigenen Angaben Wert darauf, dass Lehrer Genehmigungen von Vorgesetzten einholen, bevor sie am Apple-Botschafter-Programm teilnehmen. Mehr noch: Lehrer erhalten laut Vereinbarung keine Rabatte, Schenkungen oder Darlehen für Hardware. „Mit keiner der Leistungen im Rahmen des ADE Programms wird in irgendeiner Weise beabsichtigt, den Empfänger bei der Ausübung seiner amtlichen beziehungsweise dienstlichen Pflichten zu beeinflussen“, heißt es in der Vereinbarung. 

Vom Lehrer mit iPad zum Apple-Mitarbeiter

Auch wenn es keine Bezahlung oder Belohnungen geben mag, so ist doch nicht ausgeschlossen, dass Lehrer, die sich für Apple-Produkte stark machen, irgendwann bei Apple angestellt werden. CORRECTIV ist der Fall eines Lehrers bekannt, der vor einigen Jahren noch stellvertretender Schulleiter in Bayern gewesen ist. Zwar deutet nichts darauf hin, dass er damals einen Titel wie „Apple Distinguished Educator“ trug. 

Sicher ist aber, dass er maßgeblich daran beteiligt war, iPad-Klassen an der Schule voranzutreiben – ein Projekt, für das er und seine Kollegen später den Deutschen Lehrerpreis erhielten. Etwa ein Jahr nach der Auszeichnung wurde er Mitarbeiter bei Apple, wie auf dem Karriereportal Linkedin vermerkt ist. Gibt es einen Zusammenhang zwischen seinem Engagement für die iPad-Klassen und seiner späteren Einstellung bei Apple? Darauf gibt die Pressestelle des Unternehmens keine Auskunft. Auch der Mitarbeiter lässt Fragen von CORRECTIV unbeantwortet. 

„Ich habe mich nicht vor einen Karren spannen lassen“

CORRECTIV hat mehrere Hintergrundgespräche mit Lehrern oder Ex-Lehrern geführt, die einst die Apple-Doppelrolle gespielt haben. Nur einer war bereit, sich namentlich zitieren zu lassen. 

Leonardo Quintero war bis vor ein paar Jahren Lehrer an einer staatlichen Schule in Hamburg. Dort brachte er Schülern Deutsch, Philosophie und Informatik bei. Und er war Apple-Lehrer. Allerding nicht Apple „Distinguished Educator“, sondern Apple „Professional Learning Specialist“, ein Apple-Trainer. Apple-Trainer geben Fortbildungen an anderen Schulen und machen dort Lehrer mit der Hard- und Software vertraut. 

Vor ein paar Jahren erfuhr Quintero zufällig auf der Apple-Homepage, dass neue Trainer gesucht wurden. Quintero schrieb einen Bewerbungstext, nahm ein Video auf. Nach einem Seminar war er offiziell Trainer. Er habe weder Geld, noch Materialien von Apple bekommen. „Heute denke ich, das war ganz gut so“, erzählt er.

Lehrer bekommt vom Apple-Händler Aufträge vermittelt

Aufträge erhielt Quintero nach eigener Darstellung so: Eine Schule kaufte einen Satz iPads. Der Händler schlug der Schule eine Fortbildung vor und vermittelte dazu Trainer wie Quintero. Er wurde also erst angerufen, als das Geschäft schon abgeschlossen war, mit dem Verkauf hatte er demnach nichts zu tun. Bezahlt wurde er von der Schule. Wie viel Geld er dabei verdiente, will Quintero nicht sagen.

Die Workshops als Apple-Trainer habe er seinen Vorgesetzten als Nebentätigkeit angezeigt. „Ich habe immer offen dazu gestanden, nie gemauschelt, nichts verheimlicht“, sagt er. Mit Lobbyismus habe das nichts zu tun gehabt, er sei da sehr wachsam gewesen. „Ich habe mich nicht vor einen Karren spannen lassen.“ Entscheidend war aus Sicht Quinteros die Trennung zwischen seiner Nebentätigkeit als Apple-Trainer und dem Unterricht. „Auf die Schüler habe ich keinen Einfluss genommen. Die mussten ja auch nichts kaufen, weil die Schule die Geräte bestellt hat.“

Und wie steht Quintero heute dazu? „Ich verstehe schon, dass das für manche ein Geschmäckle hat“, sagt er. Doch Quintero schätzt immer noch die „Kultur des Teilens“, die das Apple-Teacher-Programm ausmache: Vernetzung der Lehrer, Verbesserung des Unterrichts. Im Übrigen schreibe Apple den Lehrern nicht vor, was sie zu tun haben, sagt Quintero. Sie seien unabhängig. „Die meisten sind Enthusiasten, die das gerne machen.“

Apple-Lehrer: Unterschiedliche Regelungen in den Ländern

Ob sich Beamte korrekt verhalten, wenn sie in Deutschland als Apple-Lehrer agieren, lässt sich nicht einheitlich sagen. Schulen und Bildung sind Ländersache. CORRECTIV wollte von den 16 Kultus- und Bildungsministerien in Deutschland wissen, ob es eine Aufsicht für Apple-Lehrer gibt, wie viele Apple-Lehrer bekannt sind und welche Regeln Lehrer beachten müssen, wenn sie an einem der Apple-Programme teilnehmen. 

14 Ministerien haben geantwortet. Ergebnis: In keinem Bundesland wird die Anzahl der Apple-Lehrer statistisch erfasst. Nirgends gibt es Aufsichtsbehörden, die mit dem Thema vertraut sind. 

In Ländern wie Berlin und Brandenburg war das Phänomen bislang gar nicht bekannt. In Bremen wird es als Privatsache eingestuft, wie eine Sprecherin erklärt: „Das Apple-Teacher-Programm steht online öffentlich zur Verfügung und ist an keinerlei Bedingungen geknüpft. Die Teilnahme ist kostenlos, freiwillig und beinhaltet keinerlei Vergünstigungen und geschieht in der Freizeit, sodass keine Regeln zu beachten sind.“

In Mecklenburg-Vorpommern hält man es für wahrscheinlich, dass Lehrer an einem der Apple-Programme teilnehmen – weil „iPads zu den verbreitetsten mobilen Endgeräten in der Schule“ gehören, so ein Sprecher. Dass Lehrer diese Angebote nutzen, sagt er, „wäre auch zu begrüßen, da der qualifizierte Umgang mit den iPads eine Grundvoraussetzung für deren Einsatz im Unterricht ist“.

In Hessen sind Apple-Lehrer nicht erlaubt 

Anders ist es in Hessen. Dort dürfen sich Lehrer nicht als Apple-Teacher bezeichnen, weil dies laut Kultusministerium „den Eindruck erwecken kann, dass Lehrkräfte bei der Entscheidung für den Erwerb und beim Einsatz der IT-Ausstattung im Unterricht bevorzugt die Produkte der Firma Apple berücksichtigen“. 

Die meisten Ministerien erkennen erst dann ein Problem, wenn ein Lehrer in der Schule für Apple-Produkte wirbt. Fast alle erwähnen das Neutralitätsgebot. Tabu sind demnach Belohnungen, Geschenke und sonstige Vorteile, die Lehrer in Bezug auf ihr Amt beeinflussen könnten. 

In Baden-Württemberg können auch berufliche Weiterbildungen (wie das Apple-Lehrer-Programm) als Vorteile in diesem Sinn gelten. Ob eine Grenze überschritten werde, müsse jedoch im Einzelfall entschieden werden, heißt es aus dem Ministerium. Ähnlich äußern sich die Behörden in Bayern und Rheinland-Pfalz. Länder wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sehen die Verantwortung bei den Schulleitungen.

Experte sieht Unabhängigkeit des Bildungssystems gefährdet

René Scheppler wundert sich über die Behörden. Er ist Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule und Mitglied im Kreisvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Auf seinem Blog Bildungsradar setzt er sich mit Lobbyismus rund um Schulen auseinander, auch mit den Apple-Lehrern. Über die Transparenz-Plattform Frag den Staat hat Scheppler etliche Anfragen an Ämter gestellt (auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes). Nur selten ringen sich Mitarbeiter von Behörden zu eindeutigen Aussagen durch. Und das, obwohl die Sensibilität in anderen Fällen sehr hoch ist. So können Lehrer schon in Korruptionsverdacht geraten, wenn sie einen zu teuren Blumenstrauß als Geschenk annehmen.

Für Scheppler steht fest: Wenn sich jemand als Apple-Lehrer engagiert, ist das nicht einfach nur ein Hobby, das in der Freizeit stattfindet. Die „Unabhängigkeit des Bildungssystems“ werde dadurch infrage gestellt. Er sagt: „Wir müssen jeden Anschein vermeiden, dass unser Handeln in irgendeiner Weise beeinflusst wird.“ Andernfalls, so Scheppler, besteht die Gefahr, dass ein Bild entsteht, in dem Lehrer nicht mehr als frei und neutral gelten. Die mögliche Folge: Vertrauensverlust. „Ich will ja auch nichts mit einem Polizisten zu tun haben, der von Heckler und Koch zertifiziert ist.“

Weltweit gibt es hunderte Apple-Schulen

Tatsächlich hat Apple in den vergangenen Jahren nicht nur Lehrer für sich gewonnen. Ganze Schulen lassen sich vom Konzern auszeichnen. Weltweit gibt es mehr 500 Apple „Distinguished Schools“. Apple beschreibt diese Einrichtungen so: „Sie leben die Apple-Vision des Lernens mit Technologie.“ Apples Produkte sollen die Schülerinnen und Schüler „zu Kreativität, Zusammenarbeit und kritischem Denken“ inspirieren.  

Schulen, die Teil dieses Netzwerks sein wollen, müssen seit mindestens zwei Jahren ein Eins-zu-Eins-Programm mit iPads oder Macs praktizieren. Das heißt: iPads oder Macs für alle. Und zwar als „primäres Lerngerät“, wie Apple in einem Überblick zu den Voraussetzungen notiert. Eine andere Bedingung: Mindestens 75 Prozent aller Lehrkräfte müssen Apple-Teacher sein, also die niedrigschwellige Online-Fortbildung absolviert haben. „Schulinterne Untersuchungen“ sollen den Fortschritt des Programms dokumentieren. Bewerber erklären sich dazu bereit, „Erfolgsgeschichten ihrer Schule“ zu veröffentlichen. Apple listet alle „Distinguished Schools“ in einem aktuellen Verzeichnis auf. In Deutschland sind es zehn, darunter auch staatliche Einrichtungen wie die Stadtschule in Travemünde oder die Oberschule Gehrden in Niedersachsen. 

Wird eine Schule als „Distinguished School“ von Apple ausgezeichnet, schickt der Konzern ein Gratulationsschreiben, erlaubt der Einrichtung, eine Apple-Logografik auf der eigenen Homepage zu verwenden und ermöglicht Ausflüge zu einem nahegelegenen Apple-Händler. Zudem gibt’s eine Plakette. So steht es in einer Übersicht zu den Apple „Distinguished Schools“ (PDF). Von kostenlosen iPads oder vergünstigter Ausstattung ist da nichts zu lesen. Warum Apple auf diese Form der Unterstützung verzichtet, lässt die Pressestelle auf Anfrage offen. 

Digitalisierung an Schulen: „Es gibt keine Strategie“

Deutschlands Defizite bei der Digitalisierung werden auch von anderen Konzernen kompensiert. Auch Microsoft und Google drängen in die Schulen, zum Teil mit kostenlosen Angeboten. Wer in Deutschland die Nase vorn hat, lässt sich schwer sagen. Was die Lehrer-Programme angeht, so beobachtet der Lobby-Kritiker René Scheppler jedoch eine „gewisse Dominanz“ von Apple. Die sogenannten Microsoft „Innovative Educators“ – ein Pendant zu den Apple-Lehrern – seien nicht ganz so auffällig. Dafür ist Microsoft transparenter. Die Namen aller anerkannten Lehrer werden im Netz veröffentlicht. Sie dürfen unter anderem Vorabversionen von Produkten testen.

Zuletzt haben viele Schulen nachgerüstet. Tablets wurden angeschafft, Lernplattformen installiert. Doch einige Bildungsexperten sprechen von Planlosigkeit, Gerald Lembke zum Beispiel, Professor für Digitale Medien und Kommunikation an der dualen Hochschule in Mannheim. „Die Politik sagt: Digitalisierung ist geil – und flutet die Schulen mit iPads. Es gibt aber keine Strategie“, meint Lembke. In die Lücke, die der Staat noch nicht füllen kann, stoßen Konzerne wie Apple. Lembke überrascht das nicht. Seines Erachtens verfolgt Apple damit ein langfristiges Ziel. „Wenn ich als Kind fünf Jahre ein iPad benutzt habe, will ich als Jugendlicher ein Macbook. Das sind sozusagen die Appetizer. So werden die Kinder an eine Umgebung mit Apple-Produkten gewöhnt. Und später wollen sie dann gar nichts anderes mehr.“

Mit anderen Worten: Apple versucht, seine Marke, seine Hardware, seine Programme im Schulsystem zu etablieren. Und Apple-Lehrer öffnen dem Konzern Türen – wie Trojaner aus Fleisch und Blut. Was Apple von dieser These hält, ist nicht bekannt. Die Pressestelle hat Fragen dazu nicht beantwortet. 

„Ich darf in meiner Not nicht nach jedem Strohhalm greifen“

Das alles muss nicht heißen, dass Apple-Lehrer schlechte Absichten haben. Oder dass sie schlechte Lehrer sind. Leonardo Quintero, der Ex-Apple-Trainer aus Hamburg, sagt, dass er beim Apple-Programm mitgemacht habe, um sich weiterzuentwickeln. Weil er mit digitalen Medien im Unterricht hantieren wollte, ohne dabei wie ein Stümper vorzugehen, war für ihn die entscheidende Frage: „Wie komme ich an gute Infos?“ Vor einigen Jahren habe es außerhalb des Apple-Netzwerks kaum Möglichkeiten zur Fortbildung im Digitalbereich gegeben. Andere Ex-Apple-Lehrer beklagen bis heute einen Mangel an staatlichen Angeboten und Konzepten. Eine Studie der Universität Göttingen aus dem Jahr 2021 stellt fest: Jeder dritte Lehrer kommt schnell an seine Grenzen, wenn er mit digitaler Technik im Unterricht arbeitet. 

Ein Problem, das auch René Scheppler, der Lehrer und Lobby-Kritiker, nachvollziehen kann. Was er nicht nachvollziehen kann: Dass Lehrer nicht den demokratischen Weg gehen, um darauf aufmerksam zu machen. Dem Landtagsabgeordneten schreiben. Notfalls Demonstrationen organisieren. „So artikuliere ich Probleme“, sagt Scheppler. Apple-Lehrer zu werden, sei jedenfalls keine Alternative. „Ich darf in meiner Not nicht nach jedem Strohhalm greifen. Sondern muss auch schauen, wer mir den Strohhalm hinhält – und mich damit auf seine Seite ziehen will.“

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