Denkanstoß

Masseneinwanderung? Nicht in Sachsen-Anhalt

Am Sonntag ist Wahl in Sachsen-Anhalt. Eine Daten-Recherche zeigt nun ein besonderes AfD-Paradox: Die AfD ist dort am stärksten, wo es am wenigsten Migration gibt. Und am wenigsten Kriminalität, Wohnungsmangel oder Arbeitslosigkeit. Die Probleme, gegen die die rechtsextreme Partei lautstark protestiert, sind vor Ort viel kleiner als gedacht. Der Protest dagegen hat wohl andere Gründe.

von Carsten Wolf

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Es ist die große Erzählung der AfD: Alles wird immer schlimmer. Sei es bei der Zuwanderung, der Kriminalität, der Wirtschaft oder einfach bei dem „Gefühl“ im Land. Das Problem: Die Statistiken zeigen das genaue Gegenteil. Dort, wo die AfD am stärksten ist, sind die Probleme, gegen die sie vorgehen will, am geringsten. Vielerorts hat sich die Lage in den letzten zehn Jahren verbessert. Eine Datenanalyse aller Landkreise in Sachsen-Anhalt mit vier Beispielen.

Carsten Wolf ist Fachautor für Migration und arbeitet als freier Journalist sowie als Redakteur beim Mediendienst Integration.

1. Zuwanderung – so wenig wie nirgends sonst

In ihrem Wahlprogramm betont die AfD, Sachsen-Anhalt leide an der „ungezügelten Massenzuwanderung“. Dabei fällt die Zuwanderung in Sachsen-Anhalt im Vergleich nun wirklich gering aus:  In einzelnen Landkreisen leben so wenige Ausländer wie nirgendwo sonst in Deutschland. Die Bevölkerung insgesamt schrumpft.

Ein paar Beispiele: Die Landkreise, in denen zuletzt am meisten die AfD gewählt wurde, sind auch diejenigen, wo am wenigsten Ausländer leben: Saalekreis (6,3 Prozent Ausländeranteil), Anhalt-Bitterfeld (6,9), Stendal (6,1), Mansfeld-Südharz (4,6). Weniger sind es nur noch in einigen Regionen von Sachsen.

2. Kriminalität – seit Jahren nicht gestiegen

Die AfD behauptet, durch die „verfehlte Einwanderungspolitik“ steige die Kriminalität. Für Sachsen-Anhalt stimmt das Gegenteil: Die Zahl der Straftaten ist seit den Neunzigerjahren deutlich zurückgegangen, wie heute die Grafik des Tages zeigt. Auch hier lohnt sich der Blick auf die Landkreise. Die AfD bekommt die meiste Zustimmung in Landkreisen, wo es die wenigsten Straftaten gibt.

Laut Bundeskriminalamt lagen im vergangenen Jahr die Straftaten im Saalekreis bei 6.800 Straftaten pro 100.000 Einwohner – in der Großstadt Halle waren es doppelt so viele. Während sich die Kriminalität in der Stadt kaum geändert hat, ist sie im Saalekreis in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken (2015: 8100). Dasselbe gilt für Anhalt-Bitterfeld, Mansfeld-Südharz oder Dessau-Roßlau. In den anderen Landkreisen ist sie in etwa gleich geblieben. Am höchsten sind die Zahlen in den Großstädten – wo die AfD am wenigsten Zustimmung bekommt.

3. Arbeitslosigkeit – geht seit Jahren zurück

Auch beim Thema Wirtschaft sieht die AfD einen „Niedergang“ des Bundeslandes. Sie erwähnt aber den Begriff Arbeitslosigkeit nicht. Wohl aus guten Gründen: Denn die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt ist im letzten Jahrzehnt deutlich gesunken.

Für die Landkreise zeigt sich: In nahezu allen Landkreisen ist die Arbeitslosigkeit seit 2015 zurückgegangen. In Landkreisen, wo die AfD viel gewählt wird, hat sich die Lage am meisten verbessert. Im Saalekreis sank laut Bundesarbeitsagentur die Arbeitslosenquote zwischen 2015 und 2026 von 8,7 auf 6,9 Prozent. Ähnlich in Anhalt-Bitterfeld (von 9,6 auf 7,4 Prozent) und in Stendal (11,5 auf 9,6 Prozent). Nur in Mansfeld-Südharz ist sie gestiegen. Und auch hier zeigt sich: In den Großstädten ist die Arbeitslosigkeit höher als auf dem Land.

4. Wohnungsmangel – eher das Gegenteil

So ziemlich alle Probleme im Land führt die AfD auf Migration zurück. Ihr Fazit: Die Aufnahmekapazität der sachsen-anhaltischen Kommunen sei erschöpft, und zwar unter anderem aus „wohnungspolitischen Gründen“. Beim Wohnungsmarkt kann man davon aber gar nichts erkennen.

In Sachsen-Anhalt gibt es so viele leerstehende Wohnungen wie kaum irgendwo sonst in Deutschland. Während in Deutschland insgesamt etwa vier Prozent der Wohnungen leerstehen, sind es in Sachsen-Anhalt rund 9 Prozent, so die Zahlen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Demnach standen im Saalekreis 7,5 Prozent der Wohnungen leer, in Anhalt-Bitterfeld 10 Prozent, in Stendal 10,4 und in Mansfeld-Südharz 9,3 Prozent. Natürlich ist auch Wohnungsleerstand an sich kein gutes Zeichen. Aber die Behauptung, es gebe keine Wohnungen mehr, ist falsch.

In unserer Kategorie Denkanstoß sammeln wir kluge Ideen und Analysen, zu Themen, die wir als Gesellschaft bewältigen müssen. In loser Folge kuratieren wir hier Gast-Beiträge.

Fazit: Die Probleme sind andere

Das scheinbare AfD-Paradox ist also: Dort, wo am wenigsten Ausländerinnen und Ausländer wohnen, wo die Kriminalität, die Arbeitslosigkeit und der Wohnungsmangel am geringsten sind, vor allem in ländlichen Gebieten – dort wird am meisten die AfD gewählt. Warum ist das so?

Offenbar sind die wahren Probleme andere: Zum einen der Unterschied zwischen Stadt und Land. Und zum anderen das Problem der Abwanderung.

Es ist die gängigste Theorie, um die Ablehnung von Migration zu erklären: Menschen auf dem Land haben weniger Kontakt zu Ausländern – und übernehmen daher eher migrationsfeindliche Einstellungen. Aber Forscher haben das auch schon tiefer analysiert: „Land-Menschen“ blicken offenbar voller Sorge auf die Städte. Ihre Angst gründet sich dabei nicht in eigenen Erfahrungen, sondern in Medienberichten und politischen Debatten. Migration ist dann eher ein Trigger-Thema, mit dem viele ihre persönlichen Ängste vor Bedeutungsverlust und gesellschaftlicher Veränderung verbinden. Ähnlich zeigt sich das zum Beispiel in der Schweiz.

Zum anderen ist es das Thema Abwanderung: Das Hauptproblem von Sachsen-Anhalt ist nicht Zuwanderung – auch wenn die AfD das immer wieder behauptet –, sondern die Abwanderung und das Schrumpfen. Wenn alles so weitergeht, wird die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt von 2,9 Millionen Menschen kurz nach der Wende auf 1,8 Millionen Menschen im Jahr 2040 schrumpfen, also um mehr als ein Drittel. Dadurch gibt es zwar viele freie Wohnungen, aber eben auch viel Frustration. 

Schrumpfende Gesellschaften sind „Gesellschaften des Rückzugs“, formuliert es der Soziologe Steffen Mau. Wo die Menschen merkten, dass es abwärts gehe, würden sie feindlicher gegenüber Veränderungen – und offener für rechtsextreme Parteien, weil die ihnen versprechen, diese Veränderungen aufzuhalten. Ähnliches zeigt sich zum Beispiel in schrumpfenden Regionen in Ungarn oder Tschechien.

Die AfD in Sachsen-Anhalt kämpft also gegen eine Massenzuwanderung, die es gar nicht gibt. Und sie verspricht, dass auch in Zukunft keine Zuwanderung nötig sei. Auch wenn das Gegenteil stimmt. Am Sonntag wird sich zeigen, wie viele Wähler sich davon beeindrucken lassen.