Fußballdoping

Französischer Anti-Doping Bericht: Doping im Fußball

Teambestrafung als Anti-Doping Methode?

von Jonathan Sachse

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In der knapp fünfmonatigen Untersuchung lud die vom französischen Senat beauftrage Komission 84 Personen zur Anhörung ein. Fast alle Anhörungen können im Report nachgelesen werden. Wer nicht wollte, dass seine Aussagen unter Eid öffentlich steht, wird nur mit den Worten „Audition à huis clos“ erwähnt. Den Verschluss beantragten 20 Personen. Darunter auch Didier Deschamps.

Dennoch wird der ehemalige Kapitän der französischen Nationalmannschaft und aktuelle Natonaltrainer immer wieder im Report erwähnt. Auf Seite 586 befragt die Untersuchungskomission Jean-Pierre Paclet, von 2004 bis 2008 Arzt der französischen Nationalmannschaft, zu einer Aussage in seinem Buch L’Implosion (2010 erschienen). Darin schreibt Paclet von französischen Nationalspielern, die beim Weltermeistersieg 1998 mit ungewöhnlich hohen Hämatokritwerten aufgefallen sein sollen und wiederholt vorm Senat die Namen Deschamps und Zinedine Zidane. Beide Namen tauchen auch in den 40.000 Seiten Akten des Juventus Turin Prozess auf, indem das systematische Teamdoping bei Juve rund um den Champions League 1996 dokumentiert wurde. Die Doping-Geschehnissen der alten Dame wurden zuletzt in einer niederländischen Fernseh-Dokumentation neu aufgegriffen, als nachträglich untersuchte Blutproben mit EPO-Spuren auftauchten., mit auffällig hohen Hämoglobin-Werten präsentiert wurden.

In den Akten der italienischen Justiz wurde Deschamps ein Hämatokritwert von 51,9 Prozent für das Jahr 1995 zugeschrieben. Ein Wert, den Radsportler nur zu EPO-Hochzeiten erreichten bevor der Weltverband UCI den erlaubten Hämatokrit-Grenzwert auf maximal 50 Prozent festlegte.

Teambestrafung als Anti-Doping Methode?

Der ehemalige Nationalmannschafts-Teamarzt Paclet erzählte bei seiner Anhörung keine neuen Details, aber untestrich mit einer Aussage allerdings, dass der Kampf gegen Doping im Fußball ernst genommen werden sollte. Auf Seite 589 im Report schlägt er vor, nach einem positiven Dopingtest nicht nur den Sportler zu sperren, sondern das komplette Team zu sanktionieren. Bei einer Kollektivbestrafung würden Führungspersönlichkeiten inklusive Trainer und Management gleich mit bestraft und die abschreckende Wirkung vor Doping sei größer. Außerdem würde er, um die Effektivität der Kontrollen zu stärken, deutlich mehr Nachkontrollen ansetzen, um Jahre später mit neuen Nachweismethoden alte Proben neu zu untersuchen.

Urinproben der Fußball-WM 1998 von FIFA zerstört

Eben diese Nachkontrollen können von der WM 1998 nicht mehr durchgeführt werden, wie die LeMonde zuletzt veröffentlichte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die FIFA die Hoheit über die Kontrollen und soll nach den ersten negativen Tests (EPO war noch nicht nachweisbar) die Zerstörung sämtlicher veranlasst haben. So wurde verhindert, dass die Proben mit neuen Testverfahren Jahre später untersucht werden konnten, wie es 2004 mit den Urinproben der Radsportler geschehen ist.

FIFA-Chefmediziner Jiri Dvorak bestätigt uns in einem Telefoninterview: Ja, die Proben seien zerstört worden. Allerdings wäre die FIFA damals nur dem Protokoll gefolgt. Die Proben seien für drei Monate aufbewahrt worden, wie es zwischen 1998 und 2004 bei allen großen internationalen Sportverbänden gehandhabt worden sei. Die akkreditierten Labore wären damals noch gar nicht in der Lage gewesen, eine Lagerung von so vielen Proben auf Dauer zu veranlassen, meint Dvorak. Eine Ausnahme bildete damals nur der Radsport, da die Lagerung dieser Kontrollen auf Grund eines „erheblichen Verdachts“ von der französischen Regierung angeordnet worden seien. Die FIFA wäre darüber nicht informiert gewesen, gibt Dvorak an, der 1998 schon für den Fußball-Weltverband arbeitete. Bis 2011 sei die FIFA dem 3-Monats-Prozedere gefolgt. Mit der Einführung des biologischen Profils bei der FIFA-Klub-Weltmeisterschaft in Japan würden die Proben für mögliche Nachkontrollen jeweils für acht Jahre gespeichert werden. So sei es auch 2013 beim Confed-Cup gehandhabt worden und soll es auch mit den Proben bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Brasilien geschehen.

Der bereits oben verlinkte Stephane Mandard, Sportchef von LeMonde, sprach ebenfalls vor der Untersuchungskommission. Seine Aussagen (S. 415-430) lassen tief blicken, wie schwierig sich die Aufklärung und Berichterstattung zum Thema Fußballdoping gestaltet. Seine Zeitung befindet sich seit jahren in einem Rechtsschreit mit dem FC Barcelona und Real Madrid. Nachdem die Zeitung ein Fuentes-Interview druckte, in dem er über seine Dopingpläne bei den spanischen Teams sprach, klagten die Vereine.

Kontrollverweigerung zu Weihnachten

Im Report werden mehrere Personen auf eine unangekündigte Kontrolle der französischen Nationalmannschaft rund um die Weihnachtsfeiertrage 1997 angesprochen. In diesem Jahr feierten die Spieler mit ihren Familien inmitten der Vorbereitung zur WM im eigenen Land gemeinsam Weihnachten im Wintersportort Tignes. Dort standen am 26. Dezember Kontrolleure vor der Tür. In den Aussagen wird deutlich, dass die Spieler und Teamangestellte wie Arzt Ferret versucht haben, die Kontrollen zu verweigern. Erst nach mehreren Stunden konnten sechs Spieler kontrolliert werden, einer von ihnen soll Torwart Barthez gewesen sein.

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Diese Dopingkontrolle sorgte zu der Zeit in Frankreich für große Empörung. Sportministerin Marie-George Buffet sah sich gar gezwungen öffentlich eine Entschuldigung abzugeben. Vor der Untersuchungskomission bestätigt Buffet, den Druck, den sie damals von verschiedenen Seiten gespürt hätte (S. 271). Eine Konsequenz: Die französische Nationalmannschaft soll bis zum Turnierbeginn im Juni 1998 nicht mehr im Training kontrolliert worden seien.

Erfahrener Teamarzt glaubt nicht an Dopingproblem im Fußball

Am 5. Juni 2013 sagte Sportarzt Jean-Marcel Ferret vor der Untersuchungskomission aus. Seine Aussage lässt sich auf den Seiten 726-740 nachlesen. Von 1993 bis 2004 arbeitete er als Nationaltrainer Mannschaftsarzt für die französische Nationalmannschaft, zudem als Vereinsarzt für Olympique Lyon und Arzt des französischen Fußballverbandes. Viele Jahre medizinische Erfahrung im Fußball: Dieser Mann wird wissen, welche Medikamente und Methoden dazugehören. Viel preisgegeben hat er bei seiner Befragung in Paris nicht. Stattdessen versuchte er, jegliche Dopinghinweise mit absurden Begründungen zu widerlegen und verzettelte sich immer wieder in langen Erklärungen über Essenpläne und Nahrungsergänzungsmittel.

Auch Ferret nimmt Stellung zu den unangekündigten Kontrollen 1997. Er sehe diese Kontrollen auch heute noch als überflüssig an, da er damals „24 Stunden mit 24 Spielern“ zusammengelebt habe und dabei nichts ungewöhnliches gesehen hätte. Danach spricht Ferret ausführlicher und versucht zu begründen (Report S. 733), warum im Fußball nur ganz vereinzelt durch Individuen betrogen weden könnte. Wäre das anders, hätte er sofort aufgehört. Schließlich möchte er am Morgen noch in den Spiegel schauen können. Ferret verwendet dabei Phrasen, die schon von vielen Sportpersönlichkeiten geschmettert wurden.

Schwankende Hämatokritwerte von Spielern wie Deschamps seien aus der Sicht von Ferret nicht gewöhnlich, aber für die angesprochenen Spieler seien die Schwankungen angeblich normal, da der Körper bei ihnen außergwöhnlich arbeite. Bei Deschamps lagen diese angeblich normalen Schwankungen im Jahr 1995 zwischen 39 und knapp 52 Prozent.

Ferret kritisiert die Arbeit der italienischen Mediziner, die „viel agressiver als die eigenen“ gewesen sei. Bei der WM 1974 wunderte er sich bei den deutschen Spielern über Infusionen, die ihn verwirrt hätten.

Besuch bei der FIFA in Zürich

Die FIFA wurde in Person von Sepp Blatter und Jiri Dvorak bei einer Reise zu verschiedenen Sportverbänden zwischen dem 6.-8. Mai besucht. Die Delegierten sprachen in diesen Tagen außerdem mit Michael Platini und Marc Vouillamoz von der UEFA. Was sie genau gesagt haben, steht nicht in den Dokumenten. Veröffentlicht wurde nur eine kurze – eher statistische – Zusammenfassung der FIFA (S. 38/39) und UEFA (S. 30/31) Anti-Dopingmaßnahmen. Im Telefonat mit uns spricht Jiri Dvorak von dem Treffen, was in Zürich im Home of FIFA stattfand, an dem auch die französische Botschafterin aus der Schweiz teilgenommen haben soll. Ein Protokoll sei nicht erstellt worden. Die zwei Seiten zur FIFA im Report müssten sich nach Dvoraks Darstellung allein aus den Mitschriften der französischen Vertreter zusammensetzen. Die FIFA hätte „absolut offen“ die eigene Anti-Doping Strategien der FIFA dargelegt, meint Dvorak. Die Lücken dieser Maßnahmen wurden hier bereits des öftern erläutert, zuletzt ausführlicher im März.

238-Seiten Bericht

782-Seiten Anhang

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