Im Frühjahr 2025, kurz vor den Osterfeiertagen, wird Dianas und Jonas Bruder Christian in die Klinik eingeliefert. Die Polizei hat ihn auf der Straße aufgegriffen, er ist im Delirium. Es ist nicht das erste Mal. Diana fährt von Berlin, wo sie wohnt, nach Köln. Dort holt sie bei Freunden den Schlüssel zu Christians Wohnung, sie will ihm am nächsten Tag frische Kleidung bringen.
In seinem Schlafzimmer, so erinnert sie sich heute, findet Diana verschiedene Plastiktütchen auf dem Bett verteilt. Sie sind gefüllt mit rosa und weißen Pillen, dazwischen aufgerissene Paketverpackungen und ein Flyer mit dem Namen des Shops und dem Satz „Wir wünschen Dir viel Spaß bei Deinen Forschungen“. Diana hält die Szene mit ihrer Handykamera fest, dann klingelt sie beim befreundeten Nachbarn und spült alle Tabletten die Toilette hinunter.
Diana und ihre Brüder Christian und Jonas heißen in Wahrheit anders. Sie wollen lieber anonym bleiben, noch ist nicht genug Abstand zu dem Erlebten. Auch der Name des Shops wurde geändert, um nicht dafür zu werben – nennen wir ihn Substance Shop. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
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Ein Tag, nachdem sie die Pillen bei ihrem Bruder gefunden hat, fährt Diana zurück nach Berlin. Im Zug googelt sie den Namen des Shops. Ein Onlineshop öffnet sich, eine ganz normale Internetseite. In der Produktauswahl finden sich Opioide, Sedativa, Stimulanzien und Benzodiazepine als Pillen und Pulver – „für Forschungszwecke“, heißt es dort. Es handelt sich um sogenannte Research Chemicals.
Viele synthetische Stoffe umgehen die geltenden Gesetze
Research Chemicals sind synthetisch hergestellte Stoffe, die verbotene Drogen nachahmen. Hersteller verändern dafür gezielt die Molekülstruktur bekannter Substanzen, sodass die Wirkung ähnlich bleibt, der neue Stoff aber nicht unter bestehende Gesetze fällt.
Diana wusste nicht, was das für ein Onlineshop war. „Ich wusste nur, dass die chemischen Pillen, die sie verkauften, dafür verantwortlich waren, dass mein Bruder mit einem Rückfall im Krankenhaus lag“, sagt sie heute. Im September 2026, über ein Jahr nach dem Vorfall, sitzt sie auf der Couch ihrer Wohnung in Berlin. Sie erzählt von ihrem Bruder und seinem Kampf mit der Sucht, vom Auf und Ab. Mittlerweile ist Christian tot.
Diana hat sich über das Recherchetool CrowdNewsroom bei CORRECTIV gemeldet. Wie viele andere schildert sie auf der Plattform für eine Recherche von CORRECTIV und dem Spiegel ihre Erfahrung mit dem Thema synthetische Opioide. Sie ist nicht die Einzige. Auch andere Betroffene melden sich und berichten, auch schon Research Chemicals bestellt zu haben. Ein Mann aus Celle schreibt, er habe Benzos als Research Chemicals bestellt, ohne Rezept. Ein 18-Jähriger schreibt, es sei so besonders einfach, an Substanzen zu kommen.
Dass Substanzen wie die, die Dianas Bruder konsumiert hat, mit einem Klick im Einkaufswagen der Shopseite landen können, ist das Ergebnis eines Katz-und-Maus-Spiels zwischen Behörden und dem illegalen Drogenmarkt. Sobald der Gesetzgeber eine Substanz verbietet, reagiert der Markt meist mit Rezepturänderungen – und bringt eine neue, zunächst wieder legale Variante auf den Markt.
Gesetz soll kleinere Änderungen an Substanzen stoppen
Angefangen habe das Phänomen der neuen psychoaktiven Stoffe (NpS), also synthetischer Stoffe, die als Ersatz für herkömmliche Drogen entwickelt wurden, etwa 2008 mit der Droge „Spice“. Das waren sogenannte Kräutermischungen mit cannabisartiger Wirkung. Parallel kamen als Badesalze deklarierte Stimulanzien auf den Markt, berichtet ein Chemiker des Landeskriminalamtes (LKA) Bayern im Gespräch mit CORRECTIV. Dann wurden vermehrt die vermeintlichen Forschungschemikalien vertrieben.
In Deutschland regelt das Betäubungsmittelgesetz, welche Wirkstoffe verboten sind oder nur auf Rezept abgegeben werden dürfen. Als auf dem Drogenmarkt immer wieder neue synthetisch hergestellte Stoffe auftauchten, die diese Wirkstoffe nachahmten, aber nicht genau die in dem Gesetz gelisteten Stoffe enthielten, erließ der Gesetzgeber 2016 das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz. Anders als das Betäubungsmittelgesetz listet es ganze chemische Stoffgruppen. Minimale chemische Veränderungen sollen dadurch nicht mehr reichen, um neue Substanzen legal auf den Markt zu bringen.
Christian hat unter anderem 3,4-EtMC HCL bestellt, einen synthetischen Stoff, der stimulierend wirkt und in seiner chemischen Struktur MDMA ähnelt, und Noravizafone, ein Benzodiazepin-Derivat, das beruhigt. Im April 2026, fast ein Jahr nach Christians Tod, wurden die Stoffgruppen des Gesetzes erweitert, sodass seitdem auch 3,4-EtMC-HCL und Noravizafone davon erfasst werden.
Der Onlineshop informierte sogar darüber in einem Blogpost und kündigte an, die Substanzen der Stoffgruppe aus dem Sortiment zu nehmen, aber bald andere mit ähnlicher Wirkung zu verkaufen. Auf eine Anfrage von CORRECTIV hat der Shop nicht geantwortet.
Der Chemiker des bayerischen Landeskriminalamts beschreibt, wie die Onlineshops dem Gesetz manchmal einen Schritt voraus bleiben: durch sogenannte Prodrugs. Die Hersteller basteln legal verkäufliche Vorstufen der Drogen. Erst im Körper werden diese durch Enzyme in den eigentlichen längst verbotenen Wirkstoff umgewandelt, der dann zum Beispiel eine vergleichbare Wirkung wie das Benzodiazepin Diazepam hat.
Kaum Daten zu Todesfällen und der Herkunft der Substanzen
Dass Research Chemicals für vermeintliche Forschungszwecke vermarktet werden, ist für viele Konsumenten ein Faktor, der zum Kauf anregt: „Viele fühlen sich wohler, wenn sie im Internet einen Shop aufrufen und ein paar Tage später eine Paketsendung mit dem gewünschten Rauschmittel zugestellt bekommen, statt sich in dunkle Ecken am Hauptbahnhof zu begeben“, sagt eine LKA-Ermittlerin.
Dieser saubere Anstrich, alles legal, habe auch Christian gereizt, sagt sein jüngerer Bruder Jonas im Oktober 2026 am Telefon. Christian habe eine Gier nach dem High verspürt. Die Tütchen, die chemischen Formeln, die Webseite – das habe ihm ein Gefühl von Kalkulierbarkeit gegeben. So habe Christian es in den Tagen zwischen den Jahren 2024 und 2025 erzählt.
Research Chemicals, ihre Herkunft und die Zahl der Menschen, die an ihrem Konsum sterben, bleiben häufig blinde Flecken und Datenlücken. Bei Todesfällen wird in Deutschland in den wenigsten Fällen eine toxikologische Untersuchung durchgeführt. In den Bundesländern werden die Daten zudem unterschiedlich erhoben. So schreibt das LKA Niedersachsen auf Anfrage, dass aufgrund fehlender toxikologischer Untersuchungen keine validen Aussagen zur Anzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Research Chemicals getroffen werden können. Das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein weist darauf hin, dass die Statistik nur Todesfälle durch Opioide insgesamt ausweist. Manche, wie zum Beispiel das LKA Nordrhein-Westfalen, erfassen Research Chemicals als eigene Kategorie. Sie vermerken auch, ob beim Tod Mischkonsum eine Rolle gespielt hat.
Ähnlich undurchsichtig sind die Seiten, die Research Chemicals anbieten. Wer genau hinter den Shops stecke und wo sie sich befinden, wisse man teilweise nicht, sagen die Ermittler des LKA. Hinzu kommen Wechselwirkungen mit dem Ausland: Ändert sich an der ausländischen Gesetzgebung in den mutmaßlichen Produktionsländern etwas, verändert sich auch der Markt in Deutschland, sagt der Chemiker beim LKA. Zum Beispiel seien Nitazene, synthetische Opioide, die mindestens 500-mal stärker wirken als das Schmerzmittel Morphin, auf dem deutschen Markt nun seltener geworden, seit China sie Mitte 2025 verbot.
Ein Frühwarnsystem soll helfen, die Stoffe schneller zu verbieten
In den letzten Jahren sind Hunderte ultrapotente Drogen aufgetaucht. Die Gesundheitsbehörden und Strafverfolgungsbehörden versuchen, sie zu identifizieren, zum einen, um Suchtberatungsstellen zu informieren, und zum anderen, um, zu prüfen, ob sie in eines der Gesetze aufgenommen werden können.
Eine, die das tut, ist Esther Neumeier. Am Institut für Therapieforschung (IFT) in München leitet sie seit 2021 das bundesweite Frühwarnsystem für Drogen. In ganz Europa gibt es ähnliche Stellen, die untereinander Informationen teilen und auch auf europäischer Ebene an gesetzgebende Institutionen weiterleiten.
Die Diplompsychologin und ihr Team sprechen mit Experten und schauen sich toxikologische Befunde an. Aber vor allem durchforsten sie stundenlang Internetforen, in denen sich Konsumierende austauschen, sowie die Onlineshops, um zu sehen, welche neuen Stoffe dort beworben werden. Ihre Hoffnung ist, neue Substanzen frühzeitig zu erkennen, bevor sie gefährlich oder sogar tödlich werden.
Die Recherchen von Neumeier und ihrem Team sind immer ein Wettlauf gegen die Zeit: Ständig kommen neue Stoffe auf den europäischen Markt. Sie zu verbieten dauert mindestens ein Dreivierteljahr, sagt der Chemiker des LKA Bayern.
Erst vor ein paar Wochen hat Neumeiers Team den Wettlauf verloren. „Schon seit einiger Zeit beobachten wir beim Monitoring der Userforen, dass ein neues synthetisches Opioid namens PHM trendet“, berichtet Neumeier. Die Substanz ähnelt chemisch dem Schmerzmittel Oxymorphon und ist mindestens zehnmal so stark wie Morphin. „Wir hatten das schon auf dem Schirm, doch dann kam schon die Todesmeldung eines Mannes vom LKA Baden-Württemberg.“ Neumeier und ihrem Team blieb nur noch die Warnungen an die Suchtberatungsstellen in Deutschland rauszuschicken.
Christians Plan, mit den Research Chemicals gezielt high zu werden, ging nicht auf. Er wurde rückfällig, kam ins Krankenhaus. Ein paar Wochen später verstarb er, ob an den Folgen einer zuvor zugezogenen Unfallverletzung oder an den Langzeitwirkungen der Drogen, wurde nicht festgestellt.
Am Abend seines Todes schrieb seine Schwester eine E-Mail an den Onlineversand, der ihm die Drogen schickte: „Hier schreibt die Schwester von Christian, Eurem Kunden. Er ist heute tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Ihr tragt daran eine Teilschuld.“ Die Betreiber haben ihr bis heute nicht geantwortet.
Wenn Sie selbst oder Angehörige von Sucht betroffen sind, finden Sie vertrauliche und wohnortnahe Hilfsangebote über die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).
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Redaktion: Justus von Daniels
Redigatur & Faktencheck: Lena Köpsell
Grafik: Mohamed Anwar
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