Was wir übersehen, wenn wir von „den Kurden“ sprechen
Die kurdische Identität wird häufig als etwas Einheitliches dargestellt. Tatsächlich wird sie aber von unterschiedlichen Staatsgrenzen, Sprachen, Religionen, regionalen Zugehörigkeiten, politischen Parteien, kollektiven Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen geprägt.
In dieser Artikel-Serie werfen wir einen zweiten Blick auf aktuelle Ereignisse in Ländern, die in der deutschen Berichterstattung oft nur ein Schlaglicht bleiben. Gemeinsam mit lokalen Expertinnen und Experten fragen wir: Welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stecken hinter den aktuellen Ereignissen, die wir in den Nachrichten sehen? Was bedeutet das für Demokratie und Medienfreiheit?
Was verrät uns Deniz Undav über kurdische Identität?
Wenn der deutsch-kurdisch-jesidische Fußballspieler Deniz Undav ein Tor schießt und jubelt, verlagert sich die Debatte innerhalb der kurdischen und jesidischen Gemeinschaften schnell vom Fußball zur Frage der Identität. Für viele Kurdinnen und Kurden ist Undav eine kurdische Erfolgsgeschichte. Für zahlreiche Jesiden und Jesidinnen ist er gleichzeitig eine der wenigen öffentlichen Persönlichkeiten, die ihre jahrhundertelang verfolgte Glaubensgemeinschaft in Deutschland sichtbar macht. Als berichtet wurde, Undav habe einen Journalisten mit den Worten korrigiert: „Zuallererst bin ich Kurde“, reichte die Wirkung dieser wenigen Worte weit über den Sport hinaus. Die Reaktionen auf seine Person machen eine tieferliegende Spannung sichtbar: Kann das Kurdischsein die jesidische Identität einschließen, ohne sie zu vereinnahmen? Und wer hat überhaupt das Recht zu definieren, was kurdische Identität ist?
Viele Formen des Kurdischseins
In Deutschland sowie in weiten Teilen Europas und Nordamerikas werden Kurden häufig als ein staatenloses Volk beschrieben, das „keine Freunde außer den Bergen“ habe. Doch diese Erzählung verdeckt eine zentrale Tatsache: Es gibt nicht die eine kurdische Identität. Sie ist vielfältig, umkämpft, regional geprägt, religiös und sprachlich unterschiedlich und durch verschiedene Staatsgrenzen geformt. Dies ist von Bedeutung, weil „Kurdischsein“ häufig auf zwei Weisen falsch dargestellt wird.
Die erste Form dieser Verzerrung geht von den Staaten aus, auf die die Kurden aufgeteilt wurden: Türkei, Iran, Irak und Syrien haben die kurdische Identität historisch geleugnet, kriminalisiert, zersplittert oder auf folkloristische Elemente reduziert. Die zweite Form findet sich in westlichen Medien und politischen Diskursen, die Kurden häufig romantisieren und als ein einheitliches Volk mit einem gemeinsamen politischen Willen darstellen: als säkulare Kämpfer, Bergrebellen, Opfer, verlässliche Verbündete, mutige Frauen oder als ein auf ewig staatenloses demokratisches Volk.
Dabei wird oft übersehen, dass westliche Staaten kurdische politische Bewegungen unterschiedlich bewerten und behandeln: Während kurdische Bewegungen im Irak und in Syrien teilweise Anerkennung und Unterstützung erfahren, wird die kurdische Bewegung in der Türkei häufig kriminalisiert und die kurdische Bewegung im Iran weitgehend ignoriert.
Solche Darstellungen greifen zu kurz. Die einen sprechen Kurden ihre Identität ab, die anderen machen sie einfach zu einem Symbol. Einheitlichkeit wird häufig als Voraussetzung für eine Nation verstanden: ein Volk, eine Sprache, eine Flagge, eine gemeinsame Geschichte. Doch selbst die mächtigsten Nationalstaaten waren nicht in der Lage, eine identische Geschichte zu erzählen. Der kurdische Fall ist nicht deshalb außergewöhnlich, weil Kurden vielfältig sind – Vielfalt gehört zu allen Gesellschaften. Außergewöhnlich ist vielmehr, dass sich diese Vielfalt ohne einen eigenen Staat, über feindlich geprägte Staatsgrenzen hinweg und unter konkurrierenden politischen Projekten entwickelt hat.

Kurdischsein verstehen
Um Kurden zu verstehen, muss man bei den Grenzen beginnen. Eine Kurdin oder ein Kurde aus Diyarbakır, Erbil, Mahabad, Qamişlo oder Berlin mag ein gemeinsames Gefühl des Kurdischseins teilen – doch die politischen Erinnerungen sind nicht dieselben. Kurden in der Türkei wurden durch Jahrzehnte der Leugnung, Assimilierung und durch den Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der PKK geprägt. Kurden im Irak erlebten die Arabisierungspolitik des Baath-Regimes, den Völkermord von Anfal, innerkurdische Bürgerkriege, die Entstehung einer föderalen Autonomie sowie die politische Bedeutung von Öl und den Konflikten zwischen Bagdad und Erbil.
Kurden in Syrien lebten jahrzehntelang ohne Staatsbürgerschaft und wurden später zu einem zentralen Bestandteil der Erfahrung von Rojava. Kurden im Iran tragen die Erinnerung an Mahabad, Hinrichtungen, Aufstände und die fortwährende sicherheitspolitische Kontrolle des kurdischen politischen Lebens.
Viele Kurden kennen die Geschichten, Erinnerungen und geografischen Realitäten der jeweils anderen kaum. Wenn also jemand fragt: „Was wollen die Kurden, und wie sehen ihre politischen Vorstellungen aus?“, sollte die erste Antwort lauten: Welche Kurden?
Zwei plus Zwei ist nicht gleich Eins
Die Sprache macht diese Frage noch komplexer. Kurdisch ist im Alltag keine einheitliche Sprache. Kurmandschi und Sorani sind die beiden größten kurdischen Sprachvarianten, daneben gibt es auch Zazakî, Hawramî und zahlreiche lokale Dialekte. Kurmandschi und Sorani werden in unterschiedlichen Schriftsystemen geschrieben und sind in gesprochener wie auch in schriftlicher Form nicht immer gegenseitig verständlich. Daraus ergibt sich nicht nur ein Verständigungsproblem. Sprache bestimmt, wer wessen Literatur liest, wer welche Medien verfolgt und wer sich in welcher kurdischen Öffentlichkeit wiederfindet und repräsentiert fühlt.
Deshalb sind Slogans wie „2+2=1“ – die von manchen Kurden in der Diaspora verwendet werden, um auszudrücken, dass die vier Teile Kurdistans eine gemeinsame Heimat bilden – emotional kraftvoll, aber nicht wirklich passend. Sie drücken eine Sehnsucht aus, nicht die Wirklichkeit. Sie verwandeln eine geteilte Geografie in eine einfache Gleichung. Doch Kurdistan ist keine mathematische Formel. Kein Teil Kurdistans besteht aus nur einer Sprache, einer Kultur oder einer einzigen politischen Vorstellung.
Beten Kurden denselben Gott an?
Religion fügt eine weitere Ebene hinzu. Kurden werden häufig als sunnitische Muslim wahrgenommen, doch die kurdische Gesellschaft umfasst auch Jesiden, Alevitinnen, Yarsan oder Kakai, schiitische Kurden, christliche Kurden, säkulare Kurden und andere Gemeinschaften.
Dabei handelt es sich nicht bloß um kleine Untergruppen innerhalb eines gemeinsamen nationalen Rahmens. Es sind Gemeinschaften mit eigenen Erinnerungen an Verfolgung, Überleben, Widerstand, religiöse Rituale, Traumata und Zugehörigkeit. Die jesidische Identität beispielsweise kann nicht einfach in einen kurdischen Nationalismus eingeordnet oder aufgelöst werden, ohne den Stimmen der Jesiden selbst zuzuhören. Nach dem von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verübten Genozid an den Jesiden in Şengal, berufen sich viele Jesiden auf ihre eigene gemeinschaftliche Identität. Einige verstehen sich selbst als Kurden, andere wehren sich dagegen, ausschließlich als Kurden bezeichnet zu werden. Beide Positionen existieren – und beide müssen gehört und respektiert werden.
Nicht alle kurdischen Frauen kämpfen gegen den IS
Im Westen wurden kurdische Frauen während des Krieges gegen den IS international sichtbar – insbesondere durch Bilder von Frauenkämpferinnen in Syrien. Diese Bilder waren kraftvoll und für viele inspirierend. Doch sie führten auch zu einer neuen Vereinfachung: „Kurdische Frauen“ wurden zu einem Symbol für Fortschrittlichkeit und Emanzipation im Nahen Osten.
Tatsächlich stammen viele der Frauen auf den Bildern vor allem aus dem politischen Umfeld der PKK in Syrien und der Türkei. Sie wurden geprägt von den Ideen Abdullah Öcalans, insbesondere vom demokratischen Konföderalismus, der Befreiung der Frau und dem Konzept der demokratischen Nation. Dass eine Gruppe kurdischer Frauen innerhalb einer bestimmten politischen Bewegung emanzipatorische Vorstellungen entwickelt und verkörpert, darf nicht auf alle kurdischen Frauen übertragen werden. Denn die patriarchalen Realitäten vieler Frauen, die in kurdischen Gesellschaften weiterhin bestehen, dürfen nicht verdeckt werden – auch dort nicht, wo Frauen selbst politische Kämpfe angeführt haben. Eine Frau in Qamişlo, eine Frau in Erbil, eine Frau in Halabdscha, eine Frau in Van und eine kurdische Frau in Berlin können alle Kurdinnen sein – doch sie leben und erfahren das Kurdischsein nicht auf dieselbe Weise.

Wenn Politik zur Identitätsfrage wird
Auch Parteipolitik ist zu einer Form von Identität geworden. In der Region Kurdistan im Irak ist die Rivalität zwischen der KDP (Demokratische Partei Kurdistan) und der PUK (Patriotischen Union Kurdistan) nicht nur eine Frage von Stimmenanteilen. Sie ist regional, historisch, familiär, wirtschaftlich und psychologisch geprägt. Im Oktober 2024 wurde in der Region gewählt, doch weil sich die beiden größten Parteien nach der Wahl nicht einig wurden, ist die Übergangsregierung bis heute im Amt. Dies ist kein bloßes administratives Versagen. Es zeigt, dass kurdische Identität nicht automatisch zu kurdischer Einheit führt. Kurden haben die Welt häufig dazu aufgefordert, ihre Rechte anzuerkennen. Doch kurdische Parteien selbst haben es immer wieder versäumt, einander als legitime Partner in einer gemeinsamen politischen Zukunft anzuerkennen.
Das gilt auch über den Irak hinaus. Die Revolution von Rojava in Syrien, die nach 2012 international große Anerkennung erfuhr, wurde nicht von allen kurdischen Akteuren unterstützt – weder innerhalb Rojavas noch darüber hinaus. Einige kurdische Führungspersönlichkeiten im Irak betrachteten Rojava vor allem durch die Perspektive ihrer Rivalität mit der PKK sowie durch ihre eigenen geopolitischen Beziehungen zur Türkei.
Kurdische Rivalitäten in Deutschland
Auch in Deutschland spiegeln sich diese Spaltungen in den politischen Aktivitäten der kurdischen Diaspora wider. Über Jahrzehnte hinweg stand ein großer Teil der kurdischen Diaspora, insbesondere jene mit Wurzeln in der Türkei, der politischen Tradition der PKK nahe. In den vergangenen Jahren haben jedoch auch Institutionen mit Verbindungen zur KDP versucht, ihren politischen und kulturellen Einfluss in Europa auszubauen.
Im Jahr 2026 zeigten getrennte große Newroz-Feiern (Neujahrsfest) in Bonn und Frankfurt, wie eines der wichtigsten gemeinsamen Nationalfeste zur Bühne für konkurrierende politische Projekte werden kann. Die Veranstaltung in Bonn wurde von mit der KDP verbundenen Organisationen in Deutschland organisiert, während die Feier in Frankfurt von jenen ausgerichtet wurde, die Abdullah Öcalan als ihren politischen Führer betrachten. Darin liegt erst einmal kein Problem, solange die Nuancen und Unterschiede wahrgenommen und verstanden werden.
Denn selbst Symbole, die auf den ersten Blick verbindend wirken, wie etwa die Kurdistan-Flagge, sind umstritten. Viele Kurden, die der politischen Tradition der PKK nahestehen, betrachten die Flagge der Region Kurdistan im Irak nicht als die Flagge des gesamten Kurdistans.
Eine Nation, die ihre Vielfalt nicht ertragen kann, wird zum Gefängnis
Diese Formen des kurdischen Nationalismus bereiten mir immer wieder Sorgen. Da Kurden keinen eigenen Staat haben, versuchen einige in der Diaspora diesen Verlust zu kompensieren, indem sie sich die Nation einheitlicher, reiner und harmonischer vorstellen, als sie tatsächlich ist. Dieser vorgestellte Nationalismus kann schnell in Intoleranz umschlagen. Manchmal höre ich hier in Europa Kurden über Araber sprechen, als hätte nicht ein bestimmtes Regime, sondern ein ganzes Volk den Genozid an Kurden begangen. Dabei waren auch viele Araber Opfer von Diktaturen, Krieg und staatlicher Gewalt.
In sozialen Medien wird kurdische Identität häufig auf Flaggen, Karten, Slogans und heroische Erinnerungen reduziert. In Instagram-Profilen und X-Biografien erscheint Kurdistan als eine geschlossene Einheit und als politisch eindeutige Realität. Das Problem ist nicht der Stolz auf die eigene Herkunft oder Identität. Problematisch wird es dort, wo versucht wird, ein vielfältiges Volk in eine Einheit zu verwandeln – eine Einheit, die in dieser einfachen und widerspruchsfreien Form niemals existiert hat.
Genau deshalb ist die Debatte um Deniz Undav so faszinierend. Es geht nicht nur darum, ob er Kurde oder Jeside ist. Er kann gleichzeitig deutsch, kurdisch und jesidisch sein. Diese Mehrfachzugehörigkeit sollte nicht als Widerspruch verstanden werden. Genau deshalb ist Demokratie wichtig: nicht weil Menschen gleich sind, sondern weil sie unterschiedlich sind und Wege finden müssen, miteinander zu leben.
Doch die Auseinandersetzungen um seine Identität zeigen auch, wie kurdischer Nationalismus manchmal versucht, die eigene Vielfalt unsichtbar zu machen. Genau deshalb befürchten manche Minderheiten, dass der Versuch, die Gesellschaft Kurdistans zu vereinheitlichen, am Ende dazu führen könnte, ihre eigene Identität auszulöschen.
Kurdischsein „auf den zweiten Blick“
Kurdischsein ist eine gemeinsame historische Erfahrung von Leid, aber zugleich auch ein Raum voller Auseinandersetzungen. Es ist Sprache und Erinnerung, aber ebenso Religion und Region. Es ist Widerstand, aber auch Rivalität. Es ist der Traum von Freiheit, aber auch die Realität von Parteien, Patriarchat, Klassenunterschieden, Exil und politischen Ideologien. Kurdischsein „auf den zweiten Blick“ zu betrachten bedeutet, sowohl die Leugnung als auch die Romantisierung zurückzuweisen. Die Frage lautet also nicht, ob Kurden ein Volk oder viele sind. Sie sind beides zugleich. Sie teilen einen Namen und eine lange Geschichte der Unterdrückung, nicht aber eine einzige Identität. Die demokratische Antwort auf die Unterdrückung der Kurden darf nicht eine neu erzwungene Einheitlichkeit sein. Sie sollte in einer kurdischen Politik liegen, die fähig ist, Vielfalt zu schützen und zu bewahren.
Wie kann ich auf dem Laufenden bleiben?
- The Amargi berichtet über Politik, Geopolitik, sozioökonomische Entwicklungen und die Kultur Kurdistans sowie der weiteren Region. Das Exilmedium bietet Nachrichten, Analysen, Interviews und multimediale Inhalte mit einem Schwerpunkt auf Tiefgründigkeit und unabhängiger Berichterstattung.
- The Kurdish Studies Journal richtet sich an all jene, die ein tiefergehendes akademisches Verständnis der Kurden und Kurdistans suchen. Es gehört zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Plattformen auf diesem Gebiet, insbesondere wenn es darum geht, die Vielfalt kurdischer Gesellschaften zu verstehen.
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Redigatur: Minou Becker
Grafiken: Kamal Chomani