Linksextremismus

Nach dem Blackout in Berlin: Wer ist die Vulkangruppe?

Zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz bekannte sich eine „Vulkangruppe“. Ermittler verorten die Täter im Linksextremismus. Im Netz kursieren Vermutungen über eine False-Flag-Aktion des Kreml. Neue Erkenntnisse liefert eine interne Polizei-Analyse

von Ulrich Kraetzer

Hochspannung Linksextremismus-min

Die Alarmierung ging am Samstag, dem 3. Januar 2026, morgens um 5:44 Uhr ein. Das interne Benachrichtigungssystem meldete der Sicherheitszentrale der Stromnetz Berlin GmbH einen Defekt an Leitungen an einer Brücke über den Teltowkanal im Berliner Südwesten.

Die Auswirkungen zeigten sich, als die Stadt erwachte: Rund 45.000 Haushalte waren von der Stromversorgung abgeschnitten. Die Straßenbeleuchtung und Ampeln fielen aus, die S-Bahn fuhr nicht mehr, Schulen blieben geschlossen und Heizungen sprangen nicht an. Kranke und pflegebedürftige Menschen werden in Turnhallen auf Feldbetten untergebracht, um sie vor dem Erfrieren zu bewahren.

Arbeiter versuchen nach dem Brandanschlag, die beschädigten Stromkabel zu reparieren. Quelle: Picture Alliance

Der Grund für den „Defekt“ wurde schnell klar: Es war ein Sabotageakt, ein gezielter Anschlag, bei dem mehrere Kabel zum Kraftwerk Lichterfelde gekappt wurden.

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) ging am Tag des Anschlags ein Bekennerschreiben ein. Es wurde später auch auf der linksautonomen Internetseite Indymedia veröffentlicht. Darin bekennt sich eine sogenannte Vulkangruppe zu dem Anschlag.

CORRECTIV hat die Fakten zu den sogenannten Vulkangruppen zusammengetragen und öffentlich zugängliche Erkenntnisse in informellen Gesprächen mit Vertretern der Sicherheitsbehörden abgeglichen. Die Redaktion hat zudem das aktuelle Bekennerschreiben mit früheren Selbstbezichtigungen verglichen, sowie in den Sozialen Netzwerken kursierende Vermutungen zu einer etwaigen False-Flag-Aktion eines russischen Geheimdienstes geprüft.

Auf den Straßen im Südwesten Berlins blieb es nach dem Anschlag auf die Stromkabel tagelang dunkel. Quelle: Picture Alliance

CORRECTIV liegt zudem eine interne Analyse der mit den Ermittlungen befassten Sonderkommission „Spannung“ der Berliner Polizei vor, in der die Beamten die Aktion und das Bekennerschreiben einordnen und anhand der ihnen vorliegenden Erkenntnisse bewerten.

Im Ergebnis stützt die Recherche die Annahme der Ermittler, dass die Täter aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich im militanten Teil der linksextremistischen Szene zu verorten sind. Die Selbstbezichtigungsschreiben zeigen zudem eine bemerkenswerte Entwicklung in der Szene – und sie offenbaren erhebliche szene-interne Spannungen.

Gibt es Spuren zu Tätern oder Vulkangruppe?

Die Sicherheitsbehörden halten sich mit offiziellen Auskünften zum Ermittlungsstand zurück. Ein Sprecher der zwischenzeitlich zuständigen Berliner Generalstaatsanwaltschaft teilte CORRECTIV lediglich mit, Auskünfte seien „zum Schutz der Ermittlungen“ nicht möglich. Mittlerweile hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernommen.

Aus Ermittlerkreisen verlautete, es gebe zwar „Anfasser“, aber keinen Tatverdacht gegen konkrete Personen. Die Täter seien offenbar professionell vorgegangen, möglicherweise würden sie über Insider-Kenntnisse über das Berliner Stromnetz und Kenntnisse, wie dieses zu sabotieren sei, verfügen. Spuren vom Tatort gebe es nicht.

Polizei und Generalstaatsanwaltschaft ermittelten in alle Richtungen, heißt es. Nach jetzigem Stand gehe man aber fest davon aus, dass die Täter in der linksextremistischen Szene verortet seien. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums sagte der ARD, der Anschlag „lässt sich als linksterroristische Tat qualifizieren“.

Was verbirgt sich hinter der Vulkangruppe?

Anschläge von Linksextremisten auf Stromkabel, Handy-Masten oder Bahn-Einrichtungen sind nichts Neues. Im aktuellen Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz heißt es, Einrichtungen der kritischen Infrastruktur dienten in der Logik von Linksextremisten „einzig den Interessen und der Funktionsfähigkeit eines vermeintlich skrupellosen Staates, der allein darauf aus sei, kapitalistische Profitorientiertheit zu befriedigen“. Gewaltbereite Linksextremisten würden die Einrichtungen daher immer wieder angreifen.

Aufgrund des Bekennerschreibens richtet sich der Verdacht gegen die sogenannten „Vulkangruppen“. Der Name bezieht sich auf den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull. Dessen Eruptionen im Jahr 2010 waren so heftig, dass sie nicht nur den internationalen Flug-, sondern auch den Warenverkehr zwischenzeitlich zum Erliegen brachten – aus der Perspektive von Linken und Linksradikalen also „den Kapitalismus“.

In den Medien ist mitunter von „der Vulkangruppe“ die Rede. Tatsächlich gibt es vermutlich aber nicht nur eine, sondern mehrere Gruppierungen, die diese Selbstbezeichnung nutzen. Nach früheren Anschlägen nannten sie sich mal „Vulkangruppe Tesla abschalten!“, mal „Vulkangruppe: Gegen den Fortschritt der Zerstörung“, mal „Vulkangruppe: Festung Europa sabotieren – wir schaffen das“.

Der Stromausfall ließ in vielen Häusern auch die Heizungen ausfallen. Betroffene konnten in Turnhallen unterkommen. Quelle: Picture Alliance

Dass es sich vermutlich um unterschiedliche Gruppierungen handelt, thematisieren ihre Anhänger selbst. „Wir haben uns als eine Vulkangruppe eingebracht, und schließen uns den anderen Vulkangruppen an“, heißt es in einem im September vergangenen Jahres veröffentlichten Pamphlet der „Vulkangruppe: Freiheit für Maja und Hanna und all den anderen Gefangenen und verfolgten Antifas“.

Kommentare auf linksautonomen Internetplattformen zu Bekennerschreiben von Vulkangruppen zeigen, dass deren Militanz in der Szene umstritten ist. Sie agieren innerhalb der Szene offenbar im Verborgenen. Über ihre Mitglieder und Strukturen liegen keine öffentlichen Informationen vor. Nach Informationen von CORRECTIV wissen auch die Sicherheitsbehörden kaum etwas darüber. Ermittlungsverfahren zu bisherigen Anschlägen brachten bisher keine Ergebnisse.

Die Sicherheitsbehörden schreiben den Vulkangruppen bisher rund ein Dutzend Anschläge zu. Erstmals trat eine Vulkangruppe im Jahr 2011 in Erscheinung, seinerzeit mit einem Sabotageakt auf eine Starkstromleitung am Berliner Bahnhof Ostkreuz und rund fünf Monate später mit einem Anschlag auf ein Kabel an einer Bahntrasse. In den folgenden Jahren bekannten sich Vulkangruppen zu weiteren Sabotageakten, etwa auf Mobilfunkmasten, sowie in den Jahren 2021 und 2024 auf die Stromversorgung für das Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide.

Im September vergangenen Jahres schnitt ein Anschlag auf eine der wenigen oberirdischen Berliner Stromleitungen nicht nur den Technologiepark Adlershof, sondern auch Privathaushalte von der Stromversorgung ab. Die Autoren des zugehörigen Bekennerschreibens bezeichneten sich allerdings nicht als Mitglieder einer Vulkangruppe.

Duktus und Inhalte der bisherigen Bekennerschreiben von Vulkangruppen entsprechen den üblichen Argumentationsmustern des linksautonomen Spektrums. Die mitunter ausschweifenden Pamphlete sind von einer grundsätzlichen System- und Kapitalismuskritik durchzogen. Hinzu kommt eine grundsätzliche Ablehnung geschlossener Grenzen, sowie eine feindselige Haltung gegenüber Militär und Polizei.

Wie ist das Bekennerschreiben der Linksextremisten zu bewerten?

In den Bekennerschreiben der vergangenen Jahre wird zudem eine Verschiebung deutlich. Der Kampf gegen die ungleiche Vermögensverteilung („Eat the rich“) wird verknüpft mit der Kritik an der Zerstörung der Lebensgrundlagen und dem Klimawandel. Die „Reichen“ würden „uns und unseren Kindern eine zerstörte Erde hinterlassen“, hieß es nach einem Anschlag auf ein Trafohäuschen in einem Berliner Villenviertel im April vergangenen Jahres in einem Schreiben der Vulkangruppe „Friede den Hütten“. Im Bekennerschreiben zu dem aktuellen Anschlag heißt es: „In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört.“

Die Vulkangruppe „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ veröffentlichte auf der linksautonomen Seite Indymedia ein Bekennerschreiben
Die Vulkangruppe „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ veröffentlichte auf der linksautonomen Seite Indymedia ein Bekennerschreiben. Quelle: Screenshot aus dem Internet

Die Autorinnen oder Autoren der Bekennerschreiben machen keinen Hehl daraus, dass sie das „System“ nicht reformieren, sondern abschaffen wollen. „Ohne Störung der Normalität, ohne eine Absetzung der herrschenden Klasse gibt es keine friedliche Gesellschaft“, heißt es in einem Selbstbezichtigungsschreiben der Vulkangruppe „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ vom Mai 2011, in dem die Autoren einen Anschlag auf Stromkabel am Berliner Bahnknotenpunkt Ostkreuz rechtfertigten. Der parlamentarischen Demokratie trauen die Vulkangruppen – wie im linksautonomen Spektrum üblich – keine Lösungen zu. „Komm uns bitte nicht mit den Parteien“, heißt es im aktuellen Bekennerschreiben. „Und auch nicht mit den Grünen oder den Linken.“

Nebulös bleiben die Ideen, wie die angeprangerte „imperiale Lebensweise“ überwunden werden sollte. Kommunistische oder maoistische Gruppen mögen genaue Vorstellungen davon haben, wie eine aus ihrer Sicht bessere Welt aussehen und wie sie organisiert sein könnte. Im aktuellen Bekennerschreiben der Vulkangruppe „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ heißt es dagegen: „Wir sagen nicht, wir wüssten den Ausweg. Aber wir wissen, wir müssen diese Zerstörung unterbrechen.“

Militante Aktionen sind für die Vulkangruppen zwar offenbar kein Selbstzweck. Legt man ihre Veröffentlichungen zugrunde, gelten sie aber als legitimes Mittel. Die Gefährdung von Menschen wollen die Urheber der Schreiben zwar nach eigenem Bekunden ausschließen. Beeinträchtigungen werden aber billigend in Kauf genommen – und durch Vergleiche mit den durch „Kapitalismus“ und „Imperialismus“ verursachten vermeintlich grundlegenderen Problemen heruntergespielt.

Wurde das Bekennerschreiben wirklich von Linksextremisten verfasst?

In den Sozialen Netzwerken kursieren diverse Fragen zu dem Anschlag – und viele Erklärungsversuche. Diskutiert wird vor allem die Möglichkeit einer sogenannten False-Flag-Aktion: Stecken nicht deutsche Linksextremisten hinter dem Anschlag, sondern die Russen, die der deutschen Wirtschaft schaden und die deutsche Gesellschaft destabilisieren wollen?

Nahrung für eine solche Vermutung gibt es genug. Deutsche Nachrichtendienste gehen davon aus, dass das Putin-Regime hinter Sabotageakten und Anschlägen stecken könnte:etwa hinter der Explosion eines DHL-Päckchens auf dem Flughafen Leipzig. Dieses detonierteoffenbar nur aufgrund der Verspätung eines Frachtflugzeuges vor dem Abflug auf dem Flughafengelände – anstatt während des Fluges.

Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sagte der Welt, eine Sprachanalyse zeige, die Rückübersetzung ins Russische ergebe eine viel bessere Sprache als dieses „holprige“ Deutsch. Es dürfe nichts ausgeschlossen werden.

Selbst Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) lieferte der Vermutung, hinter vermeintlich von Linksextremisten verübten Taten könne sich der Kreml verbergen, Nahrung. In einem Interview mit der Welt am Sonntag, das allerdings wenige Wochen vor dem Anschlag geführt wurde, sagte Dobrindt: „Ein Ziel unserer neuen Strategie gegen hybride Bedrohungen ist, herauszufinden, ob ausländische Mächte linksextreme oder anarchistische Gruppen nutzen, um Spionage oder Sabotage zu betreiben.“

Worauf stützen sich Spekulationen über eine False-Flag-Aktion Russlands?

Die Befürworter der False-Flag-Theorie verweisen auf Rechtschreibfehler in dem Bekennerschreiben. Tatsächlich wird der Name des US-Vizepräsidenten JD Vance in dem Text fälschlicherweise wie der Name eines Sneaker-Herstellers geschrieben („Vans“).

Ein Transkriptionsfehler eines Übersetzungstools? Wurde das Bekennerschreiben auf der Basis früherer Pamphlete womöglich mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt, zunächst in kyrillischer Sprache, und erst dann durch eine Software fehlerhaft ins Deutsche übersetzt?

Mehrere Nutzer Sozialer Netzwerke propagieren diese These vehement – und haben das Bekennerschreiben nach eigener Aussage von KI-Chatbots analysieren lassen. Auffällig sei „die Diskrepanz zwischen komplexem Vokabular und teils rudimentären oder grob fehlerhaften Satzstrukturen“, heißt es in einem Post. Dies deute auf eine „(potenziell maschinelle) Übersetzung“ hin. Außerdem seien grammatikalische Muster erkennbar, die im Deutschen unnatürlich wirkten.

Was sagen die Sicherheitsbehörden zu dem Anschlag?

Geprüft wurde das Bekennerschreiben auch von den Sicherheitsbehörden. Nach Informationen von CORRECTIV haben sowohl das Berliner Landeskriminalamt als auch das Bundesamt für Verfassungsschutz ihre Analysen vorläufig abgeschlossen. Sie wurden nicht veröffentlicht. Ihr Inhalt ist CORRECTIV aber bekannt.

Der Verfassungsschutz hält das Bekennerschreiben demnach für authentisch. Inhalte und Begrifflichkeiten des Textes fügten sich in die ideologischen Muster früherer Schreiben von Vulkan-Gruppen. Parallelen seien vor allem zu Schreiben aus den Jahren 2024 (Tesla) und 2025 (Trafohäuschen in Berliner Villenviertel) erkennbar. Auch die Zielauswahl (Kabeltrasse) und die Vorgehensweise passten zu früheren Sabotageakten. Der Anschlag sei demnach aller Wahrscheinlichkeit nach von Anhängern des militant-anarchistischen Spektrums verübt worden.

Belastbare Hinweise, der Text könne zunächst in kyrillischer Sprache von Putin-Getreuen verfasst worden sein, liegen laut der internen Einschätzung der Verfassungsschützer nicht vor. Der Kreml habe nach dem Anschlag auch keine Propagandakampagne lanciert, um Deutschland als verwundbar darzustellen oder Spaltungstendenzen zu befördern. Auch dies lasse eine Urheberschaft oder Beteiligung des Kreml an dem Anschlag als unwahrscheinlich erscheinen.

Krisengespräche: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) bei einer Pressekonferenz zum Stromausfall. Quelle: Picture Alliance

Der Staatsschutz der Berliner Polizei, zuständig für politisch motivierte Delikte, kommt in einer unabhängig vom Verfassungsschutz erstellten Bewertung der Ermittlergruppe „Spannung“ zum gleichen Ergebnis. Die Analyse liegt CORRECTIV vor. Die Ermittler betonen darin, dass die Verfasser des Selbstbezichtigungsschreibens offenbar nicht zu den Vulkangruppen aus den 2010er Jahren gehörten. „Vielmehr dürfte es sich hier um eine Nachahmung bzw. Anlehnung, sowohl in der Namensgebung als auch in der Tatbegehung, handeln, um entsprechende Aufmerksamkeit zu generieren“, heißt es.

Aufgrund „seiner globalen Bezüge, der antiimperialistischen und ökoanarchistischen Ideologeme sowie der emotionalisierenden Diktion“ sei der Text „dem anarchistischen Spektrum zuzuordnen“. Insbesondere Passagen zur Insel Tuvalu im Pazifik, zu Venezuela, sowie zu Chinas Politik zur Erlangung seltener Erden legten „eine besonders global orientierte Kenntnis nah, wie sie für Anarchisten auch aus zurückliegenden Selbstbekennungen typisch ist“. Eine inhaltliche Ähnlichkeit zeige sich vor allem zu jüngeren Bekennerschreiben von Vulkangruppen.

„Die Einordnung, es könne sich um ein KI-generiertes Schreiben handeln, erscheint wenig wahrscheinlich“, heißt es in der Analyse des Berliner Staatsschutzes. Die falschen Schreibweisen („Vans“ statt „Vance“ / „Giffay“ statt „Giffey“ / „Mann“ statt „Man“ / „Tesla ausschalten“ statt „Tesla abschalten“ / „Katharina Reiche“ statt „Katherina Reiche“ / „Co²“ statt „CO2“) werten die Berliner Extremismus-Fahnder eher als Hinweise auf individuelle Fehler der Verfasser. Modernen KI-Tools oder Übersetzungssystemen trauen die Ermittler derartige Fehler offenbar nicht zu – auch wenn dies in der Analyse nicht ausdrücklich thematisiert wird.

Am Dienstag nach dem Anschlag (6. Januar) wies die Polizei die Vermutungen, Russland könne hinter dem Anschlag stecken, auch öffentlich zurück. „Darauf gibt es bislang gar keine Hinweise”, sagte der Vize-Präsident Marco Langner vor Journalisten. Die Prüfungen wiesen auf die Vulkan-Gruppe hin – „und zwar sehr deutlich“.

Welche weiteren Äußerungen gibt es von Vulkangruppen?

Am Dienstagabend erschien zudem eine „Richtigstellung“ der Vulkangruppe. Die „kursierenden Unterstellungen“ einer angeblichen ,False-Flag-Aktion‘ werden darin als „Spekulation“ und als „Versuch, die eigene Ohnmacht zu kaschieren“ zurückgewiesen. „Wer nun behauptet, hinter jeder Form von Sabotage müsse zwangsläufig ein fremder Geheimdienst stehen, verweigert sich der Realität gesellschaftlicher Konflikte im Inneren“, heißt es in dem Text.

Bemerkenswert ist ein weiterer Text, der am Mittwoch auf einer linksautonomen Internetseite veröffentlicht wurde. Darin meldet sich eine Vulkangruppe (ohne weiteren Zusatz) zu Wort, die sich von dem jüngsten Sabotageakt und den vorherigen Anschlägen der vergangenen Jahre deutlich distanziert. „Wir waren die Vulkangruppe der (sic!) Jahre 2011“, heißt es in dem Text. Und weiter: „Die Texte und Aktionen der letzten Jahre stammen nicht von uns. Sie widersprechen dem, wofür wir standen und warum wir überhaupt gehandelt haben.“ Ursprüngliches Ziel sei die „Störung von Normalität, nicht ihre Zerstörung“ gewesen.

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2014 habe sich zudem der Kontext verschoben. „Was zuvor als Kritik an westlicher Militärpolitik formuliert werden konnte, geriet in eine Lage, in der jede Form von Infrastrukturangriff objektiv Teil einer allgemeinen Destabilisierung wird“, heißt es.

Die Sicherheitsbehörden dürften das Schreiben mit hohem Interesse gelesen haben. Denn es scheint die Vermutung zu bestätigen, dass die Vulkangruppen der ersten Generation mit der Gruppe, die den aktuellen Anschlag und die weiteren jüngsten Sabotageakte verübte, nicht identisch sind.

Ist es Extremismus? Oder Terrorismus?

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU), und die Berliner Innensenatorin, Iris Spranger (SPD), bezeichneten die Anschläge als Terrorismus. Der Umstand, dass inzwischen der Generalbundesanwalt wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ermittelt, stützt diese Einschätzung.

Auch der Extremismusexperte Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung hält den Begriff Terrorismus für gerechtfertigt. Auf Anfrage von CORRECTIV sagte Neumann, neben einem militanten Antifaschismus gebe es in der linksextremistischen Szene mittlerweile auch eine militante Strömung, die in einem lang anhaltenden Kampf klimapolitisch motivierte Sabotageakte verübe.

Angriffsziel sei die Infrastruktur. „Zu leiden haben darunter aber nicht irgendwelche Maschinen oder Kraftwerke, sondern Menschen, darunter Kinder und Ältere“, sagte Neumann. Die Erzählung der Linksmilitanten, ihre Gewalt richte sich nur gegen Sachen, sei zynisch. Die Zahl der Anschläge habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Mit einer Entspannung sei nicht zu rechnen.

Auch in der internen Analyse der Berliner Polizei heißt es: „Derartige Aktionen, die seitens der linken Szene in den oben genannten Begründungszusammenhang gestellt werden, sind weiterhin wahrscheinlich“.

Mitarbeit: Alexej Hock
Redigat: Alexej Hock, Samira Joy Frauwallner
Faktencheck: Samira Joy Frauwallner