Im jüngsten Spionage-Verdachtsfall reagiert die Bundesregierung und weist den mutmaßlichen Führungsoffizier einer am Mittwoch festgenommenen mutmaßlichen Spionin aus. Laut Bundesanwaltschaft war der Mann an der russischen Botschaft beschäftigt. Nach Recherchen von CORRECTIV und iStories handelt es sich um einen gut ausgebildeten Oberstleutnant des Militärgeheimdienstes GRU.
Andrej M., so der Name des mutmaßlichen Führungsoffiziers, arbeitete an der Botschaft demnach als stellvertretender Militärattaché. In Russland durchlief er eine hochkarätige Ausbildung an einer Militärschule in Nowosibirsk, wo Spezialkräfte der militärischen Aufklärung ausgebildet werden. Er diente bei Luftlandetruppen der Armee und absolvierte dann eine GRU-Akademie in Moskau.
Den Recherchen zufolge war Andrej M. in Russland zuletzt in einer GRU-Einheit der militärisch-technischen Weltraumaufklärung eingesetzt. Diese ist unter anderem dafür zuständig, US-amerikanische und europäische Satellitenkommunikation abzufangen.
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Seine Entsendung an die russische Botschaft in Berlin im Herbst 2023 war offenbar seine erste unter diplomatischem Cover in Europa. Es gilt als offenes Geheimnis, dass alle Vertreter des Militärattachéstabes an der russischen Botschaft hauptamtliche Mitarbeiter des GRU sind.
Politische Reaktion auf Spionage-Ermittlungen
Aus dem Auswärtigen Amt heißt es auf Anfrage von CORRECTIV, man habe den russischen Botschafter einbestellt und ihm mitgeteilt, „dass ein als Diplomat akkreditierter Mitarbeiter der Botschaft der Russischen Föderation, der in Deutschland Spionage betrieben hat, mit sofortiger Wirkung zur Persona non grata erklärt wurde.“ Zuvor hatte der Spiegel über die Ausweisung berichtet.
Die Ausweisung ist die politische Reaktion auf Ermittlungen des Generalbundesanwalts, der am Mittwoch die deutsch-ukrainische Staatsbürgerin Ilona W. festnehmen ließ. Er wirft ihr vor, Informationen über Teilnehmer politischer Veranstaltungen sowie über Standorte der Rüstungsindustrie und Drohnentests an ihren Kontaktmann an der russischen Botschaft übergeben zu haben.
Auffällige Treffen des getarnten Diplomaten
Nach Andrej M.s Ankunft in Berlin registrierte die deutsche Spionageabwehr auffällig häufige Treffen mit Ilona W., einer gebürtigen Ukrainerin, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Die Geschäftsfrau betreibt eine kleine Marketingagentur und hat vor gut neun Jahren einen Verein gegründet, der sich laut Eigenangabe zum Ziel gesetzt hat, internationale Beziehungen und Kooperationen zu fördern.
Als Vorsitzende ihres Vereins betätigte sie sich als eifrige Netzwerkerin in politischen und diplomatischen Zirkeln. Sie nahm mehrfach an Empfängen europäischer Botschaften teil. Laut Welt lud das Verteidigungsministerium sie 2022 zum feierlichen Gelöbnis von Soldaten der Bundeswehr ein. Ihr Verein ist zudem im Lobbyregister des Deutschen Bundestages registriert und besaß im Jahr 2021 zwei Hausausweise für das Parlamentsgebäude.
Die Bundesanwaltschaft wirft ihr nun vor, ihrem Kontaktmann Andrej M. „Hintergrundinformationen über Teilnehmer hochkarätiger politischer Veranstaltungen“ zusammengestellt zu haben. Zudem soll sie Erkundigungen über Standorte der Rüstungsindustrie, Drohnentests und geplante Lieferungen von Drohnen an die Ukraine angestellt haben. Dabei soll sie sich auch an ehemalige Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums gewandt haben, die sie persönlich kannte.
Mittlerweile hat der Bundesgerichtshof die Inhaftnahme von Ilona W. bestätigt. Der russische Oberstleutnant Andrej M. hat nun 72 Stunden Zeit, das Land zu verlassen.
Redaktion: Marcus Bensmann, Ulrich Kraetzer
Faktencheck: Marcus Bensmann
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