Russland/Ukraine

Der russische Militärattachéstab: Russland schickt Top-Spione nach Deutschland

Einem Militärattaché an der russischen Botschaft wird Spionage vorgeworfen. Recherchen von CORRECTIV und iStories zeigen: Er ist nicht der einzige Stabsmitarbeiter mit bemerkenswertem Geheimdiensthintergrund. Russland hat offenbar mindestens einen weiteren Top-Agenten unter falscher Identität nach Deutschland geschickt.

von Alexej Hock , Silvia Stöber

Mindestens zwei zuletzt im Militärattachéstab der russischen Botschaft tätige Diplomaten sind in Wahrheit GRU-Agenten. Nach außen hin treten sie unter anderem auf Gedenkveranstaltungen auf, wie hier im April 2025 in Torgau. Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
Mindestens zwei zuletzt im Militärattachéstab der russischen Botschaft tätige Diplomaten sind in Wahrheit GRU-Agenten. Nach außen hin treten sie unter anderem auf Gedenkveranstaltungen auf, wie hier im April 2025 in Torgau. Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Nach der Ausweisung eines stellvertretenden Militärattachés der russischen Botschaft wegen Spionage-Verdachts haben CORRECTIV und das russische Investigativmedium iStories einen weiteren russischen Diplomaten mit einer hochkarätigen Ausbildung beim militärischen Geheimdienst GRU ausgemacht.

Der Militärattaché Alexej Klimow, Vorgesetzter des am Donnerstag ausgewiesenen Andrej Majorow, arbeitet in Deutschland offenbar unter falschem Namen und hat eine militärisch-geheimdienstliche Ausbildung durchlaufen. Er war zuvor in den Niederlanden tätig, als dort eine Reihe von GRU-Operationen aufgeflogen waren.

Geheimdienstliche Tätigkeiten in Deutschland seien „völlig inakzeptabel“, erklärte Außenminister Johann Wadephul (CDU) nach der Ausweisung von Majorow am Donnerstag, „insbesondere unter dem Deckmantel der Diplomatie“. Wie ernst meint die Bundesregierung diese Aussage?

CORRECTIV-Recherchen zeigen, dass Russland mit Klimow offenbar mindestens einen weiteren Top-Spion nach Deutschland geschickt hat.

Entsendung unter falschem Namen

Nach der russischen vollumfänglichen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 war das russische Botschaftspersonal in den meisten europäischen Ländern stark reduziert worden. 40 russische Staatsangehörige mit Diplomatenstatus mussten Deutschland verlassen.

Der nun ausgewiesene stellvertretende Militärattaché Andrej Majorow sowie sein Vorgesetzter Alexej Klimow haben ihre Dienstposten an der russischen Botschaft erst nach dieser Ausweisungswelle ab 2023 angetreten.

Recherchen von CORRECTIV und iStories auf Basis von geleakten russischen Daten zu Grenzübertritten und mit Hilfe von Gesichtserkennungssoftware weisen darauf hin, dass der neue Militärattaché Klimow unter Decknamen in Deutschland arbeitet. Demnach reiste Klimow in den Jahren 2023 und 2024 unter dem Namen Alexander Pawlenko. Der Abgleich mit anderen geleakten russischen Datenbanken bestätigt die mutmaßliche Personengleichheit.

Pawlenko-Klimow diente in einer Ingenieurs- und Pioniertruppe im Altai in Sibirien und in Nachabino bei Moskau, wo das zentrale Forschungs- und Testinstitut der russischen Pioniertruppen liegt. Später absolvierte er eine Akademie der Streitkräfte und wurde für die Militärakademie des Verteidigungsministeriums ausgewählt, eine Ausbildungsstätte des Militärgeheimdienstes GRU. Das ergibt sich aus früheren Meldedaten.

Dienst in den Niederlanden und mehrere Spionagefälle

Frühere Grenzübertritte zeigen, dass Pawlenko-Klimow von 2017 bis 2020 in den Niederlanden tätig war. In diese Zeit, als der russische Militärgeheimdienstler dort offenbar im diplomatischen Korpus tätig war, fallen mehrere Operationen des GRU.

Im April 2018 waren nach Angaben des niederländischen Verteidigungsministeriums vier russische Agenten mit diplomatischen Pässen eingereist. Drei Tage später wurden sie auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Sie sollen versucht haben, sich von einem gemieteten Kleinwagen und mit Spionage-Equipment in die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) einzuhacken, so die später präsentierten Ermittlungsergebnisse.

OPCW-Experten beschäftigten sich zu diesem Zeitpunkt mit den Vorwürfen, im syrischen Bürgerkrieg seien Chemiewaffen eingesetzt worden.

Die Auswertung der Geräte ergab laut dem niederländischen Ministerium, dass auch Hackerattacken auf die Untersuchungen zum Abschuss des Passagierflugzeuges MH17 geplant waren. Das Flugzeug der Malaysia Airlines war im Juli 2014 über dem Kriegsgebiet im Osten der Ukraine abgeschossen worden, 298 Menschen starben. Die Untersuchung kam inzwischen zu dem Schluss, dass die Rakete, die das Flugzeug zerstörte, zu einer russischen Luftabwehreinheit gehörte.

Klimow-Pawlenko verließ die Niederlande im September 2020, wie aus der Datenbank der Grenzübertritte hervorgeht. Einen Monat zuvor hatte das russische Außenministerium bekannt gegeben, dass in einem Dienstwagen des russischen Militärattachés in den Niederlanden eine Wanze entdeckt worden sei.

Eine Anfrage von CORRECTIV zu Klimow und Majorow ließ die russische Botschaft bis zur gesetzten Frist unbeantwortet.

Nicht der erste Spionage-Fall mit Beteiligung von Botschaftsmitarbeitern

Es gilt als offenes Geheimnis, dass alle Angehörigen des Militärattachéstabes an den Vertretungen Russlands in Deutschland hauptamtliche Mitarbeiter des GRU sind. Selten erfährt die Öffentlichkeit über die konkreten Tätigkeiten der Geheimdienstleute. Ermittlungen und Gerichtsprozesse erlauben aber immer wieder einen Einblick in die russischen Geheimdienstoperationen unter Beteiligung solcher Botschaftsmitarbeiter.

Berlin war in den vergangenen Jahren häufig Tatort für Zuträger russischer Geheimdienste.

So wurde der Brite David Smith 2023 zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, der als Wachmann der britischen Botschaft nur wenige Gehminuten entfernt von der russischen Botschaft arbeitete. Er gab jahrelang geheime Dokumente weiter, bis er ertappt wurde und 2020 in eine Falle des britischen Geheimdienstes MI5 ging. Eine seiner Kontaktpersonen war Generalmajor Sergej Chuchrow, der vor Klimow-Pawlenko Militärattaché an der russischen Botschaft war.

2022 wurde der Ex-Reserveoffizier Ralph G. wegen geheimdienstlicher Tätigkeit zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hatte sich mehreren Militärattachés der russischen Botschaft in Berlin angedient und damit nach Feststellung des Düsseldorfer Oberlandesgerichts dem GRU über Jahre Informationen geliefert.

Zu Oberst Michail Starow, von 2010 bis 2017 Luftwaffen- und Marineattaché an der russischen Botschaft in Berlin, unterhielt der Ex-Reserveoffizier einen geradezu freundschaftlichen Kontakt. Als Zeuge in dem Prozess sagte Brigadegeneral a.D. Reiner Schwalb aus, dass der Bundesverfassungsschutz die Militärattachés funktional dem GRU zuordne. Diese nutzten ihren Diplomatenstatus als Tarnung, erläuterte die Bundesanwaltschaft als Anklägerin in dem Fall.

2021 wurde bekannt, dass die deutschen Behörden Kenntnis über die Entsendung eines Geheimdienstmitarbeiters an die russische Botschaft in Berlin erlangt hatten, der Spezialist für Desinformation und die Durchsetzung russischer Interessen war. Er war für eine Abteilung im Einsatz, deren Aufgaben unter anderem getarnte Einflussoperationen im Ausland sowie die Destabilisierung von Staaten war.

Der zweite hervorragend ausgebildete Miltiärattaché

Im jüngsten Spionage-Verdachtsfall steht Klimows Stellvertreter Andrej Majorow im Verdacht, Führungsoffizier der deutsch-Ukrainerin Ilona W. gewesen zu sein. Der Generalbundesanwalt, der die Frau am Mittwoch festnehmen ließ, wirft ihr vor, Informationen über Teilnehmer politischer Veranstaltungen sowie über Standorte der Rüstungsindustrie und Drohnentests an ihren Kontaktmann übergeben zu haben.

Recherchen von CORRECTIV und iStories hatten ergeben, dass es sich bei Andrej Majorow um einen gut ausgebildeten Oberstleutnant des Militärgeheimdienstes GRU handelt. In Russland durchlief er eine hochkarätige Ausbildung an einer Militärschule in Nowosibirsk, wo Spezialkräfte der militärischen Aufklärung ausgebildet werden. Er diente bei Luftlandetruppen der Armee und absolvierte dann eine GRU-Akademie in Moskau.

Den Recherchen zufolge war Majorow in Russland zuletzt in einer GRU-Einheit der militärisch-technischen Weltraumaufklärung eingesetzt. In Berlin war er offenbar unter seinem echten Namen tätig.

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Wie der Spiegel unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, soll der russische Militärgeheimdienst in der Botschaft zwischenzeitlich nur noch mit zwei Männern vertreten gewesen sein. Inzwischen habe Russland die Zahl wieder auf fünf Personen aufgestockt.

Mit Majorow und Klimow-Pawlenko hat Russland zwei gut ausgebildete Oberstleutnante nach Berlin entsandt, was die strategische Bedeutung des Operationslandes Deutschland für Russland unterstreicht. Deutschland gilt als Drehscheibe für die NATO und wichtiges Transitland für den Transport von Militärtechnik in die Ukraine.

Redigatur und Faktencheck: Anette Dowideit

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