Russland/Ukraine

Tschetschenien vor dem Machtübergang: Ein Alptraum für Putin?

Während Russlands Machthaber Putin die Kräfte des Landes auf den Krieg gegen die Ukraine konzentriert, könnte sich im Nordkaukasus ein Machtkonflikt zusammenbrauen. Es geht um die Nachfolge des tschetschenischen Machthabers Kadyrow, der schwer krank sein soll.

von Silvia Stöber

Bleibt die Macht in der Familie? Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow, sein Sohn Adam und Russlands Präsident Wladimir Putin. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
Bleibt die Macht in der Familie? Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow, sein Sohn Adam und Russlands Präsident Wladimir Putin. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Wladimir Putins Machtantritt 1999 und seine ersten Jahre als Präsident Russlands waren geprägt vom Krieg gegen die Nordkaukasusrepublik Tschetschenien. Erst 2009 endete der Einsatz mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbestrebungen dort.

Als Statthalter setzte er den tschetschenischen Mufti Achmat Kadyrow ein. Nachdem dieser 2004 bei einem Anschlag getötet worden war, folgte ihm sein Sohn Ramsan an der Spitze Tschetscheniens nach.

Nun, auf dem Zenit seiner Macht, holt Putin das Thema Tschetschenien wieder ein: Die brutale, auf Kadyrow zentralisierte Herrschaft könnte zum Problem werden. Denn obschon er mit 49 Jahren noch immer jung ist, häufen sich inzwischen seit Jahren Berichte über schwere gesundheitliche Probleme Kadyrows.

Auffällig war zum Beispiel, dass er bei der Jahresendsitzung des Staatsrats in Moskau fehlte – bei der alle Gouverneure und anderen Führer der Regionen Russlands anwesend waren. Das Exilmedium Nowaja Gaseta Europa berichtete, Kadyrow sei zwar nach Moskau gereist, habe dann aber mit einem Rettungswagen in die Klinik des Präsidialamts gebracht werden müssen.

Kinder in Spitzenpositionen

Kadyrow scheint bemüht, schon jetzt seine Nachfolge zu sichern und seine Verwandten zu schützen: Er verheiratet seine auch noch sehr jungen Kinder in einflussreiche Familien, stellt ihnen Paten zur Seite, überhäuft sie mit hochrangigen Regierungsposten und Auszeichnungen.

Als Favoriten gelten derzeit sein mit 20 Jahren ältester Sohn Achmat, mehr noch aber der drittälteste Sohn Adam. Der 18-Jährige wurde zuletzt im April 2025 vom Vater zum Sekretär des Sicherheitsrates von Tschetschenien ernannt und ist offiziell zuständig für die Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, gemeinnützige Angelegenheiten und die Steuererhebung.

Am 16. Januar 2026 hatte Adam offenbar einen schweren Autounfall. Sein Gesundheitszustand ist unklar. Offiziell dürfte er ohnehin erst 2037 die Führung Tschetscheniens übernehmen, wenn er das 30. Lebensjahr erreicht hat.

Ein „Thronwächter“ könnte solange an seiner Seite stehen. So war es schon bei Ramsan Kadyrow, allerdings nur für die Dauer von drei Jahren, nachdem dessen Vater Achmat 2004 bei einem Anschlag getötet worden war.

Potenzielle Nachfolger

Adam Kadyrow hat bereits einen Paten: Adam Delimchanow. Der enge Mitstreiter Ramsan Kadyrows sitzt für Tschetschenien als Abgeordneter in der Staatsduma und tritt über Russland hinaus als dessen Gesandter auf. Für die Führung infrage käme auch Regierungschef Magomed Daudow.

Beide, Delimchanow und Daudow, erwiesen Kadyrow in den vergangenen Jahren ihre Treue. Es gibt zahlreiche Berichte, wonach sie für die Tötung von Rivalen verantwortlich sind und brutal gegen Regimegegner vorgehen. Beide gehören wie die Kadyrows dem Clan (Teip) der Benoi an, der als der politisch einflussreichste in der weit verzweigten Gesellschaftsstruktur Tschetscheniens aus Familien, Clans und Stammesverbänden gilt.

Delimchanow und Daudow rivalisieren untereinander um die mögliche Nachfolge, wie Gesprächspartner dem russischen Investigativmediums iStories berichteten. Diesen Quellen zufolge ist ein weiterer möglicher Kandidat der Zentralmacht in Moskau inzwischen ausgeschieden: Apti Alaudinow ist Chef des tschetschenischen Freiwilligenbataillons „Achmat“ und gilt als loyaler gegenüber den föderalen Sicherheitsstrukturen als die anderen Kandidaten. Jedoch fehlen ihm Vertrauen und Einfluss in Tschetschenien.

Neuen Unruheherd verhindern

Gesprächspartner von iStories, darunter ein Ex-Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, beschreiben die Lage als angespannt. Kadyrow selbst komme es darauf an, die Macht in der Familie zu halten und für die Sicherheit seiner Verwandten zu sorgen.

Weil Kadyrow einem Sicherheitsversprechen von Putin nicht traue, habe er hinter dessen Rücken Verhandlungen mit Monarchien im Nahen Osten geführt. Kadyrow pflegt dort demnach ein Netzwerk informeller Kontakte. Angehörige und Mitstreiter sollen in den Vereinigten Arabischen Emiraten über Immobilien verfügen.

Der Führung in Moskau geht es um Ruhe im Kaukasus, vor allem solange der Krieg gegen die Ukraine dauert. Kämpfe um die Nachfolge zwischen Rivalen und Clans sowie Proteste der Menschen, die unter Kadyrows Herrschaft leiden, müssen aus Sicht des Kremls vermieden werden.

Auch Unmut in den Nachbarrepubliken im Nordkaukasus muss im Zaum gehalten werden. Diese sehen sich beständig mit einem Machtanspruch der Tschetschenen konfrontiert. Unter einem Nachfolger Daudow könnten sich Konflikte verstärken. Denn bereits als Regierungschef verstrickt er sich immer wieder in Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn.

Konkurrenz herrscht auch um die finanziellen Zuwendungen aus dem föderalen Budget Russlands, von denen die Nordkaukasusrepubliken in sehr hohem Maße abhängen. Je mehr Mittel Putin für den Krieg gegen die Ukraine aufbringt, desto weniger bleibt für diese übrig.

Festhalten an den Kadyrows?

Eine Entscheidung Putins zur Nachfolgeregelung in Tschetschenien ist bislang nicht bekannt. In den vergangenen Jahren neigte er zunehmend dazu, wichtige Fragen erst sehr spät zu entscheiden.

Einiges spricht dafür, dass er an den Kadyrows festhalten und so den Status Quo aufrechterhalten will. Zumindest soll die Präsidialadministration in Moskau einem Bericht der Nowaja Gaseta Europa zufolge Ramsan Kadyrows Kandidatur für die 2026 anstehende Präsidentschaftswahl in Tschetschenien abgenickt haben, während dieser mehrmals öffentlich damit kokettierte, nicht mehr antreten zu wollen.

Dmitri Dubrowski, Politologe und Dozent an der Karlsuniversität in Prag, hält die Installation eines „Thronwärters“ an der Seite von Sohn Adam Kadyrow für realistisch. „Innerhalb der Russischen Föderation ist ein Gebilde entstanden, in dem eine personalistische Diktatur mit dynastischer Machtübergabe herrscht“, sagte er iStories.

Unruhe fördern

Beobachter und Experten sind sich nicht einig, ob sich ein solcher Plan ohne offene Kämpfe umsetzen ließe. Gerechnet wird mit einer Verschärfung der ohnehin schon massiven Repression, um den Eindruck eines geschwächten Regimes zu verhindern.

Kadyrows Propaganda-Apparat versucht, mit Videos dessen Machtanspruch zu unterstreichen. Metadaten der Videoaufzeichnungen und das Auftreten Kadyrows werfen jedoch oft Fragen zu dessen wahren Gesundheitszustand auf.

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In diese Unsicherheit hinein agiert die Führung der Ukraine. Zum Beispiel war es der ukrainische Militärgeheimdienst GUR, der Anfang Januar über ein Nierenversagen Kadyrows und seine neuerliche Einlieferung in ein Krankenhaus berichtete. Präsident Wolodymyr Selenskyj sinnierte öffentlich über einen US-Einsatz gegen Ramsan Kadyrow, ähnlich wie gegen den venezolanischen Staatschef Nicolas Maduro. Kadyrow nannte Selenskyj daraufhin einen „Clown“.

Das Kalkül dahinter liegt nahe: Unruhe im Nordkaukasus könnte Putin dazu zwingen, die militärischen Kräfte Russlands nicht mehr in dem Maße wie bisher auf die Ukraine zu konzentrieren.

Redigatur: Miriam Lenz
Faktencheck: Alexej Hock

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