Russland/Ukraine

Ein russischer Agent in Deutschland und der Glycerin-Handel

Oleg Eremenko war beim russischen Militärgeheimdienst – später in Deutschland als Unternehmer aktiv. Er trat als Netzwerker und pro-russischer Fürsprecher auf, bis er von der EU sanktioniert wurde. Recherchen von CORRECTIV und Osint for Ukraine decken auf, dass er möglicherweise in ein Firmennetzwerk involviert war, das Glycerin nach Russland lieferte.

von Max Bernhard , Alexej Hock

Im Jahr 2021 nahm Oleg Eremenko vor dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten eine Spende für die „Offiziere Russlands” entgegen. Foto: Christian Ditsch
Im Jahr 2021 nahm Oleg Eremenko vor dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten eine Spende für die „Offiziere Russlands” entgegen. Foto: Christian Ditsch

Als Russland die Ukraine überfiel, war Oleg Eremenko einer der umtriebigsten pro-russischen Netzwerker in Deutschland.

Der Russe pflegte Verbindungen zu alten DDR-Kadern ebenso wie zum russischen Staatsapparat und Militärs. Er trat bei einer Gedenkveranstaltung an der Seite von Russlands Botschafter auf und sprach noch im ersten Herbst des Angriffskriegs auf die Ukraine auf einer Veranstaltung der Kommunistischen Partei unter dem Titel „Frieden mit Russland“.

Über Eremenkos politische Aktivitäten ist viel berichtet worden. Er wurde als Geheimdienstmitarbeiter enttarnt und dann ganz offiziell zum Sicherheitsrisiko erklärt: Im Dezember 2024 belegte ihn die EU mit Sanktionen, weil er seine „destabilisierenden Aktivitäten“ im Auftrag der russischen Regierung ausübte.

Recherchen von CORRECTIV und Osint for Ukraine in Kooperation mit The Kyiv Independent zeigen nun, dass Eremenko in Deutschland auch als Unternehmer in Firmengeflechte involviert war, die bislang unbekannt blieben. Es geht um Bauaufträge für russische Staatsfirmen und den Handel mit Glycerin – den Ausgangsstoff für viele Produkte, bis hin zu Sprengstoff. Wurde Eremenko auf diese Weise für seine politischen Aktivitäten entlohnt?

Im Fokus stand bisher Eremenkos Vernetzungsarbeit

Die Fäden zwischen Eremenkos politischer und geschäftlicher Tätigkeit laufen an einer kleinen Straße im Südosten Berlins zusammen, unweit der Stadtgrenze zu Brandenburg. Fast schon dörflich ist es hier, die Häuschen haben Gärten und Garagen, die Straße und die Gehwege sind gar nicht erst asphaltiert.

In einem dieser Wohnhäuser ist der gebürtige Kirgise gemeldet, gleichzeitig sitzt hier der Verein „Desant“. Dieser vereint ehemalige Angehörige von Elite-Einheiten der russischen Armee und der Nationalen Volksarmee der DDR, die sich zumindest vor dem russischen Angriffskrieg teils mit Schießübungen fit hielten. Seit 2017 ist Eremenko in dem Verein aktiv.

Seit 2017 ist Oleg Eremnko im Verein Desant aktiv, hier zu sehen in Uniform im Jahr 2019. (Quelle: Facebook / Desant e.V.; Screenshot: CORRECTIV)
Seit 2017 ist Oleg Eremnko im Verein Desant aktiv, hier zu sehen in Uniform im Jahr 2019. (Quelle: Facebook / Desant e.V.; Screenshot: CORRECTIV)

Berichten von Stern und T-online zufolge ist der Übergang zwischen dem Veteranen-Verein „Desant“ und der russischen Soldatenorganisation „Offiziere Russlands“ fließend. Deren Vertreter in Deutschland ist Oleg Eremenko. Er agiert in Doppelfunktion für Desant und die Offiziere Russlands, über Aktionen des deutschen Desant-Vereins wird auch in Russland berichtet.

Bei einer Desant-Veranstaltung im Jahr 2020 taucht Oleg Eremenko in einer Uniform mit dem Abzeichen des russischen Militärgeheimdienstes GRU auf, Fotos davon werden auf der Website der Offiziere Russlands veröffentlicht. 2023 bestätigte Eremenko gegenüber Reuters seine Vergangenheit beim GRU.

Als die EU ihn im Dezember 2024 auf die Sanktionsliste setzt, verweist sie auf Eremenkos Verbindungen zum russischen Militärgheimdienst: Die Organisation Offiziere Russlands werde von russischen Militär- und Sicherheitsdiensten genutzt, „um die Innenpolitik durch die Pflege von Verbindungen zu Veteranen in der russischen Diaspora und zu pensionierten Militär- und Sicherheitsbediensteten der mit der ehemaligen Sowjetunion verbündeten Streitkräfte zu beeinflussen“.

In einem Facebook-Beitrag von Desant von 2018 posiert Eremenko (Zweiter von rechts) vor dem Bundestag mit einem Banner der „Offiziere Russlands“ (Quelle: Facebook / Desant e.V.; Screenshot: CORRECTIV)
In einem Facebook-Beitrag von Desant von 2018 posiert Eremenko (Zweiter von rechts) vor dem Bundestag mit einem Banner der „Offiziere Russlands“ (Quelle: Facebook / Desant e.V.; Screenshot: CORRECTIV)

Geschäfte mit Rüstungsbetrieben

Die unscheinbare Adresse im Berliner Südosten dient allerdings nicht nur der Veteranenorganisationen als Vereinssitz. Bekannt ist, dass Eremenko von dort als Bauunternehmer tätig war, zu den Kunden sollen laut eigener Angabe unter anderem die russisch-orthodoxe Kirche in Berlin gehört haben, auch beim Bau von Hotels und Privatvillen war Eremenkos Firma nach eigener Darstellung beteiligt.

Zumindest bis 2020 befand sich an derselben Adresse auch die deutsche Vertretung der russischen Firma Granat, die international Messebau betrieb. Eremenko war ihr Repräsentant in Deutschland.

Beim prestigeträchtigen Wirtschaftsforum in St. Petersburg erhielt die Firma Aufträge. Auf den Referenzfotos der Firma sind außerdem Stände einer Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom und des Rüstungskonzerns „Russian Helicopters“ zu sehen.

In Deutschland ergatterte das Team um Eremenko offenbar 2016 Aufträge auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin, einer bedeutenden Fachmesse der Industrie, zivil wie militärisch. Auf den Referenzfotos zeigt das Unternehmen einen Stand des russischen Titanproduzenten VSMPO-AVISMA, das mit dem US-Konzern Boeing kooperierte, aber auch die russische Rüstungsindustrie belieferte.

Durch solche Aufträge könnte Eremenkos Lebensunterhalt – und somit seine politischen Tätigkeiten in Deutschland – indirekt über russische Staatskonzerne und Rüstungsbetriebe finanziert worden sein.

Auf eine Anfrage zu seinen Tätigkeiten reagierte Eremenko nicht – auch nicht zu einem weiteren brisanten Aktenfund im deutschen Handelsregister.

Eremenko und die Firma mit dem Glycerin

Im Jahr 2010 wurde wiederum dieselbe Adresse im Berliner Südosten als Geschäftsanschrift für die Firma B.L.W. Handel GmbH registriert, die auf den ersten Blick nichts mit Eremenko verbindet. Auch der lettische Geschäftsführer soll laut offiziellen Dokumenten an derselben Adresse gewohnt haben.

Und doch spielte Eremenko auch bei dieser Firma eine Rolle. Das belegt eine Urkunde aus dem Handelsregister, die CORRECTIV vorliegt. Demnach habe „der Dolmetscher Oleg Eremenko den Text der Handelsregisteranmeldung“ für den angeblichen Mitbewohner „in die russische Sprache übersetzt“.

Oleg Eremenko trat bei der Anmeldung der B.L.W. Handel GmbH als Dolmetscher auf. (Quelle: Handelsregister; Screenshot: CORRECTIV)
Oleg Eremenko trat bei der Anmeldung der B.L.W. Handel GmbH als Dolmetscher auf. (Quelle: Handelsregister; Screenshot: CORRECTIV)

Brisant ist diese Verbindung, weil die Firma noch bis Mitte 2024 tonnenweise Glycerin unter anderem aus Brasilien nach Russland verkaufte. Das zeigen russische Zolldaten der Plattform Importgenius. Zwar gibt es eine plausible Erklärung für den Handel, schließlich ist die deutsche Firma in den Handel mit Motorölen involviert. Für dessen Herstellung wird Glycerin benötigt.

Allerdings dient Glycerin auch als Ausgangsstoff für Sprengstoff. Und die Lieferungen der deutschen Firma gingen ab 2023 ausschließlich an eine russische Firma, die zumindest in der Vergangenheit dort einen Sprengstoffhersteller belieferte. Seit Russlands Angriffskrieg sind solche staatlichen Lieferaufträge für Rüstungsbetriebe in russischen Datenbanken nicht mehr einsehbar. Handelt es sich um russisches Beschaffungsnetzwerk zur Herstellung von Sprengstoff?

Fragen zu dem Bestimmungszweck beantwortete die deutsche Firma nicht. Sollten die Lieferungen für zivile Zwecke bestimmt gewesen sein, könnten sie bis Mitte 2024 noch ganz legal erfolgt sein. Denn erst danach wurde der Handel mit der entsprechenden Glycerin-Kategorie in die Russland-Sanktionen der EU aufgenommen.

EU-Sanktionen setzen Eremenkos Tätigkeiten in Deutschland ein Ende

Zur Rolle von Eremenko in dem Firmengeflecht beantworteten weder die B.L.W. Handel GmbH noch ihre Gesellschafterin Fragen. Seine Sanktionierung durch die EU, die mit weitreichenden Einschränkungen einhergeht, dürfte ihm eine Geschäftstätigkeit in Deutschland inzwischen aber ohnehin erschweren.

An der Berliner Adresse steht Eremenkos Name noch am Briefkasten. Nachbarn haben ihn aber schon länger nicht gesehen. Einer erinnert sich, wie Eremenko noch vor dem russischen Angriff auf die Ukraine in Uniform herumlief und in seinem Garten trainierte. Er müsse sich ja für den Krieg vorbereiten, habe er gesagt. Inzwischen vermuten sie Eremenko in Moskau.

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In der russischen Hauptstadt empfing Eremenko im Mai vergangenen Jahres tatsächlich eine deutsche Reisegruppe. Das ist einem Reisebericht des „Verbandes zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR“ zu entnehmen.

Darin heißt es: Der „Genosse Oleg Eremenko“, bekannt als Desant-Mitglied, habe der Delegation dort „ein Sonderprogramm“ organisiert.

Redigatur und Faktencheck: Marius Münstermann

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