Jeffrey Epstein und der russische Geheimdienst: Die unerzählte Geschichte der Lana Poschidajewa
Der Name Lana Poschidajewa taucht wie der von vielen russischen Missbrauchsopfern in den Epstein-Files auf. Ihr Fall sticht jedoch heraus, wie eine Recherche zeigt. Der verurteilte Sexualstraftäter eröffnete der Russin aus gutem Hause Zugang zu Vermögenden und Einflussreichen. Und der Vater erlebte einen Karrieresprung in staatsnahen Strukturen Russlands.
Die Verbindungen des Pädokriminellen Jeffrey Epstein zu Angehörigen russischer Sicherheitsbehörden und ihren Verwandten sind deutlich tiefgreifender als bisher bekannt. Das zeigt eine aktuelle Recherche des russischen Investigativmediums iStories, eines Kooperationspartners von CORRECTIV. Sie hat Epsteins Beziehung zu der Russin Lana Poschidajewa untersucht.
Lana heißt mit vollem Vornamen Swetlana und ist eine von vielen jungen Russinnen, die in den Epstein-Files auftauchen. Systematisch hatte der verurteilte Pädokriminelle Mädchen und Frauen aus Osteuropa rekrutieren lassen, die in Epsteins Netzwerk dann missbraucht wurden. Als das US-Justizministerium die ersten Dokumente veröffentlichte, ließ es anfangs mehrere Namen der Opfer ungeschwärzt – auch den Lanas.
Als Poschidajewas Name nach der Veröffentlichung der Epstein-Files immer häufiger in sozialen Netzwerken auftauchte, trat sie an die Öffentlichkeit. Im Interview mit dem Wall Street Journal erzählte sie kürzlich, dass Epstein sie über Jahre erniedrigt und manipuliert habe. Unter seinem Druck habe sie begonnen, selbst Mädchen und Frauen für den US-Finanzier zu rekrutieren.
Die Recherche von iStories weckt Zweifel an dieser Erzählung. Denn Poschidajewas Biografie weicht stark von der anderer Teenager ab, die zu Opfern von Epsteins Missbrauchsnetzwerk wurden.
Poschidaewa wuchs in einem wohlsituierten Elternhaus in Moskau auf. Ihre Mutter und ihr Vater absolvierten eine Ausbildung an einem geheimdienstnahen Institut.
Zudem arbeitete Poschidajewa aktiver als bisher bekannt mit Epstein zusammen und erhielt große Geldsummen von ihm. Die Recherche spricht Poschidajewa keine Missbrauchserfahrung ab. Anzeichen auf Drohungen oder Gewalt fand iStories in den Dokumenten jedoch nicht.
Deutlich wird aber etwas anderes: Ausgerechnet mit der wachsenden Kooperation zwischen Poschidajewa und Epstein kam die Karriere ihrer Eltern wieder in Schwung, die in Positionen kamen, wie sie üblicherweise von Geheimdienstmitarbeitern besetzt werden.
Ungewöhnlicher Einstieg in das Modelgeschäft
Die Eltern ermöglichten Poschidajewa eine hochkarätige Ausbildung. Sie studierte an der staatlichen Universität für internationale Beziehungen MGIMO in Moskau, bekannt als Kaderschmiede für Diplomaten, an der immer wieder Mitarbeiter der russischen Geheimdienste rekrutiert werden.
Poschidajewa lernte an der Universität Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Sie absolvierte Praktika im Außenministerium, dem Ölkonzern Lukoil und begann nach dem Studium, als Analystin bei der Credit Europa Bank und russischen Investmentfirmen zu arbeiten.
Aus reiner Neugier habe sie mit 24 Jahren an einem Fotowettbewerb des Journals Maxim teilgenommen, erzählte Poschidajewa später in einem Interview. Sie sei zu ihrer eigenen Überraschung ins Finale gekommen. Es war der Start ihrer Modelkarriere.
Poschidajewa gelangte zur Agentur MC2 – jener Modelagentur des Franzosen Jean-Jacques Brunel, die von Epstein finanziert wurde und die als Dreh- und Angelpunkt im Missbrauchsnetzwerk von Epstein gilt.
Aktive Rolle unter falschem Namen
Spätestens seit 2009 entfaltete sich ein reger Mailverkehr zwischen Poschidajewa und Epstein. Der US-Amerikaner half ihr bei Visumsangelegenheiten und lud sie zu hochkarätigen Veranstaltungen an Universitäten, zu UN-Organisationen oder zum Weltwirtschaftsforum in Davos ein, dies zusammen mit Mascha Drokowa, der ehemaligen Kommissarin von Putins Jugendbewegung „Naschi“ und späteren PR-Agentin von Epstein.
Im Mailaustausch von Poschidajewa und Epstein habe ein anderer Ton als in seiner Kommunikation mit anderen Missbrauchsopfern geherrscht, schreibt iStories: Er flirtete und manipulierte nicht, sie habe wiederum keine Hoffnungen auf eine romantische Beziehung gezeigt.
Spätestens seit 2010 vermittelte Poschidajewa junge Frauen aus dem postsowjetischen Raum an Epstein – und das offenbar intensiver als bisher bekannt. Nach Recherchen von iStories verwendete sie dafür ab 2016 den Aliasnamen Julia Santos. Dem russischen Investigativportal gelang es, die beiden Identitäten zusammenzuführen. Es fand in den Dokumenten die Namen von 18 jungen Frauen, die sie unter diesem Namen an das Epstein-Netzwerk vermittelt haben könnte.
Die Mails aus den Epstein-Files, die Poschidajewa unter dem Namen Santos mit dem US-Finanzier austauschte, geben auch Aufschluss darüber, wie eng das Verhältnis zwischen den beiden war – privat wie geschäftlich.
Feministische Startups mit Epsteins Geld
Aus den Mails geht hervor, dass Epstein mehrfach Startups von Poschidajewa unterstützte. Eines der Projekte, das Poschidajewa mit Hilfe von Epstein ins Leben rief, war „WE Talks“. „WE“ steht für „Women Empowerment“, es handelte sich um eine Vernetzungsplattform für Frauen.
Registriert wurde diese an Epsteins Adresse, er zahlte die Rechnungen. Auch darüber, wie das Start-Up funktionieren sollte, sprach Poschidajewa mit Epstein.
Co-Leiterin von WE Talks war Viktoria Drokowa, die Schwester von Mascha Drokowa von der Jugendbewegung „Naschi“. Auch Mascha war an dem Projekt beteiligt. Aus einer Mail geht hervor, dass Poschidajewa und Drokowa sich darüber Gedanken machten, wie sie über solche Initiativen das Bild des Sexualstraftäters von Epstein loswerden könnten.
Epstein führte Poschidajewa in höchste Kreise ein
Poschidajewa verkehrte in den Kreisen der Reichen und Einflussreichen. Im September 2012 lernte sie über Epstein Elon Musk kennen. „Wir haben uns mit Elon unterhalten, er hat mich die ganze Zeit angestarrt, aber seine Frau hing an ihm“, schrieb sie Epstein. Bald darauf schrieb dieser an Musk mit dem Versuch, ein Treffen zwischen den beiden in Paris anzubahnen. Epstein versprach dem Tech-Milliardär „viel Spaß“ mit der Russin.
Es gibt Fotos von ihr mit Bill Gates, dem norwegischen Diplomaten Terje Rød-Larsen oder dem Regisseur Woody Allen, die allesamt in Epsteins Netzwerk verstrickt sind.
Anfang der 2010er Jahre ging Poschidajewa eine Beziehung mit Joshua Fink ein. Er ist der Sohn des Finanziers Larry Fink, dem Gründer und Chef des weltweit größten Investmentkonzerns Blackrock. Poschidajewa und Epstein waren sich zu diesem Zeitpunkt bereits so nahe, dass sie ihn um Rat in ihrer Beziehung zu Fink fragte.
Im Jahr 2015 reisten Poschidajewas Eltern in die USA. Pünktlich zu diesem Besuch überwies Epstein mehr als 237.000 US-Dollar auf ihr Bankkonto – „für die Familie“. Die Transaktion wurde über den Butterfly Trust abgewickelt – eine der wichtigsten Offshore-Gesellschaften von Epstein.
Die Eltern wohnten bei ihrer Tochter in New York und im Haus von Epstein in Florida. Später schrieb Poschidajewas Mutter an Epstein: „Mein Sohn fragte mich: ‚Wie gefällt dir das Haus?‘ Ich antwortete: ‚Genau wie in „Der große Gatsby“.‘ Er sagte: ‚Nein, das ist nicht der große Gatsby, das ist der große Jeffrey!‘“
Im Juni 2017 schließlich lernten Poschidajewas Mutter und ihr Bruder Epstein persönlich kennen.
Der plötzliche berufliche Aufschwung des Vaters
Poschidajewas Eltern Jurij und Irina sind Absolventen des Militärinstituts für Fremdsprachen in Moskau. Im Volksmund wird es als „Aufklärungsschule“ bezeichnet. Der Vater Jurij wurde Militärübersetzer für Persisch und ging nach Afghanistan, zuerst 1978 als Militärberater und ein weiteres Mal nach der russischen Invasion dort ein Jahr später. Über seinen Werdegang nach dem Dienst in dem Kriegsgebiet ist kaum etwas bekannt, außer sein letzter Rang: Oberstleutnant.
Auffällig ist, dass der Vater nach dem Besuch von Poschidajewas Familie bei Epstein einen Karrieresprung erlebte. Plötzlich erhielt er Führungspositionen in großen staatlichen Konzernen, und zwar direkt in seinem Fachgebiet – dem Iran.
Im Dezember 2017 begann der pensionierte Oberstleutnant laut iStories bei „Technopromexport“ zu arbeiten und flog regelmäßig nach Teheran. Dabei handelt es sich um ein Unternehmen des Rüstungskonzerns „Rostec“, das unter anderem Energieanlagen im Iran gebaut hat.
Parallel wurde Poschidajew 2018 stellvertretender Sicherheitsdirektor in der iranischen Niederlassung der russischen Eisenbahngesellschaft. RZhD war im Iran am Bau des Verkehrskorridors „Nord-Süd“ von Russland nach Iran und Indien beteiligt. Es handelt sich um ein internationales Regierungsprojekt mit Investitionen in Millionen.
Zusätzlich erhielt er eine Stelle bei der Firma „Caspian Services“, die für das russische Verkehrsministerium am Bau des „Nord-Süd“-Korridors beteiligt ist.
Solche Positionen nehmen in staatlichen Unternehmen üblicherweise FSB-Angehörige ein, wenngleich die Kriterien zuletzt gelockert wurden. „Stellvertretende Direktoren für Sicherheit“ haben zahlreiche Befugnisse.
Ob der berufliche Aufstieg ihres Vaters mit Poschidajewas Bekanntschaft mit Epstein zu tun hat, darüber kann nur spekuliert werden. Über Anwälte ließ sie iStories ausrichten, sich nicht äußern zu wollen.
Redigatur: Silvia Stöber