Russland/Ukraine

Wie deutsche Roboter-Technik nach Russland gelangt

Auf dem Papier hat der Augsburger Roboterbauer Kuka sein Russland-Geschäft im Jahr 2023 eingestellt. CORRECTIV-Recherchen zeigen nun: Trotz Sanktionen gelangten Kuka-Maschinen bis zuletzt nach Russland – über China.

von Alexej Hock, Martin Murphy

Kuka-Roboter sind weltweit gefragt – auch in Russland. Trotz Sanktionen gelangten Geräte des Augsburger Herstellers ins Land. Foto: picture alliance / SvenSimon | FrankHoermann/SVEN SIMON Kuka baut mehr als 200 Stellen ab.
Kuka-Roboter sind weltweit gefragt – auch in Russland. Trotz Sanktionen gelangten Geräte des Augsburger Herstellers ins Land. Foto: picture alliance / SvenSimon | FrankHoermann/SVEN SIMON

Die russische Wirtschaft setzt im Jahr fünf des Krieges gegen die Ukraine offenbar unverändert auf Fertigungstechnologie aus Deutschland. Das zeigen Recherchen von CORRECTIV zu dem Augsburger Roboterbauer Kuka. So gelangten bis zuletzt wohl Dutzende Roboter und Maschinenteile über China nach Russland, wie aus Unterlagen über Exporte hervorgeht. Der Hersteller weist auf Anfrage jegliche Verantwortung zurück.

Wie bedeutend die Roboter-Technologie aus Augsburg für Russland ist, zeigte das russische Fernsehen 2023 in einem Beitrag über den staatlichen Flugzeughersteller OAK: Die Firma fertigt Prestigeprojekte wie die neuen Passagierflugzeuge „Superjet new“ und „MS-21“. Sie sollen aus heimischen Teilen gebaut werden – eine Antwort auf die westlichen Sanktionen. 

Im Fernsehbild ist ein orangefarbener Roboterarm zu sehen, der einen Flügel aus Verbundfaser herstellen soll. Bald gehe man in Serienproduktion, heißt es in der Moderation. Doch die Erzählung hat einen Haken.

Im Beitrags des Senders NTW vom Juli 2023 ist ein Kuka-Roboter zu sehen. Screenshot: CORRECTIV

Das knallige Orange ist das Markenzeichen des Augsburger Roboterbauers Kuka. Und der Name der Firma prangt auf dem Roboterarm im Film.

Der Einsatz deutsche Roboter-Technik bei OAK ist brisant, weil die Firma Teil des staatlichen Rostec-Konzerns ist, dem Herz der russischen Rüstungsindustrie. So baut der Flugzeughersteller nicht nur zivile Luftfahrzeuge, sondern auch Kampfjets wie den Su-30SM, den die russische Armee für Kampfhandlungen in der Ukraine einsetzt.

Kuka hat sein Russland-Geschäft offiziell eingestellt

Offiziell hat Kuka sein Russland-Geschäft im Jahr 2023 beendet. Nach Recherchen von CORRECTIV gelangten dennoch bis zuletzt offenbar Dutzende Roboter und Maschinenteile im Wert von mehr als einer Million Euro nach Russland: über China. Wofür sie bestimmt waren, lässt sich nicht nachzeichnen. Ein Einsatz der Maschinen in der Rüstungsindustrie ist denkbar. Recherchen in Russland sind im Moment nicht möglich. 

Kuka ist einer der Weltmarktführer für die Herstellung von Industrierobotern. Seit dem Jahr 2016 gehört das Unternehmen zum chinesischen Midea-Konzern. Augsburg ist indes unverändert der zentrale Produktionsstandort in Europa. 

Kuka-Maschinen können verschiedene Aufgaben in der industriellen Fertigung übernehmen, etwa Schweißen, Montieren, Lackieren oder Verpacken. Die Geräte müssen nur auf den entsprechenden Einsatz eingestellt werden. Für seine russischen Kunden betrieb Kuka dafür einen Ableger in Moskau. 

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine verkündete der Konzern, die Aktivitäten in Russland eingestellt zu haben. Ende 2023 wurde die russische Tochterfirma schließlich verkauft. Damit hat der Roboterbauer den Ausstieg aus dem Russland-Geschäft offiziell vollzogen. Wären da nicht seltsame Vorgänge rund um die ehemalige Moskauer Dependance.

Die einstige Kuka-Russlandfirma führt das Geschäft auf eigene Faust weiter

Nach dem Verkauf an den früheren Manager Peter Smolentsew firmiert der einstige Kuka-Ableger als „Industrial Robotics”. In Russland selbst betrieb Kuka keine Produktion, der Käufer übernahm das frühere Handels- und Servicegeschäft. In einem Pressestatement hieß es, man wolle alle „Business-Prozesse“ von Kuka fortführen.

Was damit gemeint ist, zeigt sich womöglich in russischen Zolldaten, die CORRECTIV auf der Plattform Importgenius einsehen konnte. Demnach hat die russische Firma im Jahr 2024 mindestens 25 Schweißroboter samt Zubehör aus China eingeführt. Den Modellnummern nach handelt es sich um Kuka-Geräte. Verkäufer war die chinesische Handelsfirma „Qingdao Prosperous Machinery“. Wir wollten von beiden Firmen wissen, wofür die Roboter bestimmt sind. Antworten blieben jedoch aus. 

Bei Kuka ist die Handelsfirma, die die Maschinen offenbar exportiert hat, bekannt. Über eine chinesische Konzerntochter sei man geschäftlich mit ihr verbunden, bestätigte ein Sprecher auf Anfrage von CORRECTIV. Diese Beziehung sei allerdings “seit geraumer Zeit deutlich zurückgefahren”. Weiter teilte er mit: „Für alle im Rahmen dieser Geschäftsbeziehung gelieferten Robotereinheiten wurden die entsprechenden Endverbraucherzertifikate vorgelegt. Diese Zertifikate weisen ausschließlich Endkunden innerhalb Chinas aus.“ 

Also doch keine Umgehung von Sanktionen? Sollte es sich um Kuka-Roboter aus chinesischer Produktion handeln, die über den Zwischenhändler und entgegen den Vereinbarungen nach Russland gelangt sind, wäre es rechtlich anders zu bewerten, als wenn der Stammsitz in Augsburg direkt involviert wäre. Doch Unterlagen, die CORRECTIV vorliegen, behaupten genau das.

Laut Dokumenten war der Augsburger Standort von Kuka involviert

Dabei handelt es sich um sogenannte Konformitätserklärungen des Russen Smolentsew, der den einstigen Kuka-Ableger in Moskau weiterführt. Mit den Papieren bestätigt der Manager gegenüber der Eurasischen Wirtschaftsunion, dass die gelisteten Kuka-Waren bestimmten technischen Anforderungen des Wirtschaftsverbundes entsprechen. Diese Dokumente reichen bis ins Jahr 2024 zurück. Die letzte Erklärung stammt vom Mai 2026, ein Hinweis darauf, dass die fragwürdigen Geschäfte noch heute laufen.  

Denn: Als Hersteller der Kuka-Maschinen ist in jeder einzelnen dieser Erklärungen die deutsche Kuka-Firma genannt. Als Produktionsstandorte werden mehrere Orte aufgeführt, darunter auch das Werk in Augsburg, wo die Geräte laut den Unterlagen auch geprüft wurden. Außerdem gibt der russische Eigner an, es gebe aktuelle vertragliche Vereinbarungen, dass er im Namen von Kuka handele. 

Eine solche Verbindung würde gegen die Sanktionen der EU-Kommission verstoßen. Auch die technische Hilfe, zu der eine Prüfung im Labor gehören könnte, ist laut den EU-Vorgaben untersagt.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte zu derartigen Verstößen: „Wir werden gegen all jene vorgehen, die Russland dabei helfen, die Sanktionen zu umgehen oder sein Kriegsarsenal aufzufüllen“.

Mehrere, auch von CORRECTIV aufgedeckte Verstöße gegen die Sanktionen blieben aber ohne Konsequenzen.

Die russische Wirtschaft ist in vielen Sektoren weiterhin von westlicher Technologie abhängig. Nach Einführung der EU-Sanktionen haben sich Warenströme nach Russland etabliert, die über Zwischenhändler in Drittstaaten aus Zentralasien, der Türkei oder China führen. 

CORRECTIV hat mehrfach über solche Umgehungsgeschäfte berichtet, beispielsweise die mögliche Ausfuhr von Maschinen der Maschinenfabrik Köppern über Usbekistan an den russischen Düngemittelhersteller Uralkali. Daraufhin durchsuchten Zollfahnder Geschäftsräume des deutschen Maschinenbauers wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Außenwirtschaftsgesetz.

Eine andere Recherche von CORRECTIV.Europe hat gezeigt, dass deutsche und europäische Firmen kurz vor dem Angriffskrieg zehntausende Male Maschinen und Teile nach Russland geliefert haben, die auch militärisch genutzt werden können. Dabei wird deutlich, dass Behörden in Deutschland mit der Exportkontrolle überlastet sind.

Im Herbst 2024 deckte CORRECTIV.Schweiz auf, dass Chips der Schweizer Firma u-blox auch Jahre nach Inkrafttreten von Sanktionen in russischen Kampfdrohnen stecken.

CORRECTIV-Recherchen zur Rolle europäischer IT-Firmen bei russischen Cyberangriffen und Desinformationskampagnen führten zur Sanktionierung von mehreren Personen und Firmen. Im Mai dieses Jahres wurden in den Niederlanden daraufhin Geschäftsräume durchsucht und zwei IT-Unternehmer verhaftet, weil diese gegen EU-Sanktionen verstoßen haben sollen.

Das soll sich nun ändern, wie von der Leyen am Mittwoch ankündigte. Der Druck auf Russland müsse erhöht werden, sagte sie laut dem Nachrichtenportal Euractiv. „Und dafür sind nicht immer neue Sanktionen erforderlich, sondern vor allem die Durchsetzung der bestehenden.“

Kuka-Roboter bei der OAK sind nur ein Beispiel für den Einsatz in der russischen Rüstungsindustrie. Noch am Tag der Invasion hatte der russische Maschinenbauer „Raduga“ eine Modernisierung eines Schweißroboters von Kuka ausgeschrieben. Die Firma wurde später von der EU sanktioniert, weil dort unter anderem Raketen vom Typ Kh-101 hergestellt werden. Diesen Waffentyp setzt Russland gegen die Ukraine ein. 

Kuka kennt Dokumente nicht und schließt Missbrauch nicht aus

CORRECTIV hat Kuka mit den Zolldaten und den Angaben in den Konformitätserklärungen konfrontiert. Der Konzernsprecher teilte mit, die russische Firma sei „nicht berechtigt, im Namen von Kuka aufzutreten, Kuka zu vertreten oder Kuka-Erklärungen abzugeben“. Entsprechende Vereinbarungen seien nicht bekannt. Man habe die „vermeintlichen Konformitätserklärungen und Protokollnummern“ geprüft und könne diese intern nicht zuordnen. 

Man setze zur Umsetzung der Russland-Embargomaßnahmen konzernweite Vorgaben gegenüber ausländischen Tochtergesellschaften ein, so der Sprecher. Es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass „trotz dieser umfassenden Maßnahmen“ Vertriebspartner ihrerseits Sanktionen umgingen. „Erlangen wir Kenntnis von derartigen Umgehungen, würde nach unseren internen Prozessen der Kunde gesperrt.“

Redigatur und Faktencheck: Michael Billig