Zum Teil sinken die Meerespegel in der nördlichen Hemisphäre mit erstaunlicher Geschwindigkeit: In einzelnen Gegenden Alaskas und Kanadas fällt der Meeresspiegel um bis zu zwei Zentimeter pro Jahr. An den Küsten Norwegens, Schweden und Finnlands sind es bis zu 0,7 Zentimeter pro Jahr. Wobei der Meeresspiegel nur scheinbar. Tatsächlich steigt es. Nur hebt sich das Land eben schneller. Weil die Gletscher schmelzen und damit das immense Gewicht ihrer Eismassen wegfällt.
In Skandinavien ist das Phänomen seit langem bekannt. In Island ist es neu. Ein internationales Team aus Wissenschaftlern veröffentlichte 2015 eine Studie, die zeigt, dass sich Teile des zentralen isländischen Hochlandes um mehr als drei Zentimeter pro Jahr heben. Aktuelle Messungen der nationalen Landvermessungsbehörde zeigen eine Hebung um anderthalb Zentimeter in bestimmten Küstengebieten.
Der Grund: Die Gletscher, die einst rund elf Prozent von Islands Landmasse bedeckten, sind in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft. Die Prognose lautet, dass sie in rund 200 Jahren komplett verschwunden sind. Viele Länder werden durch den Klimawandel und den Anstieg der Meere schrumpfen. Nicht so Island.
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„Island wird zunächst wachsen“, sagt Páll Einarsson, Professor am Institut für Geowissenschaften an der Universität Island. Einarsson war einer der ersten, der das Phänomen in den frühen 1990er Jahren erforschte. „Wir waren verblüfft, als wir mit den Messungen begannen. Inzwischen findet die Landhebung mit einer viel schnelleren Rate statt als wir gedacht haben.“
In Skandinavien steigt das Land seit langem an; man nennt es die „fennoskandische Landhebung“. Bereits im Jahr 1491 beklagten sich die Bewohner einer Siedlung namens Östhammar, dass sich die Küste so weit von der Stadt zurückgezogen habe, dass der alte Hafen unbrauchbar geworden sei. Die Menschen hatten damals keine Erklärung dafür. Sie vermuteten, das Meer würde abfließen, der Meeresspiegel sinken. Im Lauf der Jahrhunderte fielen etliche weitere Häfen trocken, mussten neue angelegt werden.
„Bei der letzten Eiszeit bedeckte ein einziger riesiger Gletscher das heutige Skandinavien“, erläutert Sven Knutsson, Professor für Bodenmechanik an der Technischen Universität Luleå in Schweden, das Phänomen. In seinem Zentrum war der Gletscher rund 3.000 Meter dick, sein immenses Gewicht presste den Boden nach unten. Als sich das Eis vor rund 10.000 Jahren zurückzog, begann sich der Boden zu heben. Dieser nacheiszeitliche Auftrieb dauert bis heute an – um bis zu neun Millimeter pro Jahr.
Professor Knutsson betont, wie viel das ausmache – bei einer Küste, vor der das Wasser nicht sehr tief ist. „Das bedeutet, dass wir Laufe eines Menschenlebens von einem Landanstieg von einem halben Meter bis zu einem Meter sprechen.“
Aber es gibt Ausnahmen, die auf den ersten Blick schwer verständlich erscheinen. Einige Stationen an der norwegischen und schwedischen Küste zeigen einen Anstieg des Meeresspiegels um bis zu einem Millimeter pro Jahr. Die Erklärung: Diese Bereiche sind am weitesten entfernt vom alten fennoskandischen Gletscher. Das Land steigt hier nur 1 bis 2 Millimeter pro Jahr, der Meeresspiegel weltweit pro Jahr rund 3 Millimeter – netto steigt also leicht das Meer.
Reykjavík ist eine weitere Ausnahme. Hier ist der Meeresspiegel zwischen 1961 und 2011 um rund 2,1 Millimeter pro Jahr gestiegen. Die Erklärung: Während einzelne Teile Islands sich um bis zu drei Zentimeter pro Jahr erheben, sinkt das Land unter der Hauptstadt aufgrund tektonischer Bewegung ab. Seit dem Start von GPS-Messungen im Jahr 2007 sank das Land um Reykjavík um rund zwei Millimeter pro Jahr.
Reykjavik
unsplash.com / Tim Trad
Wenn der Meeresspiegel weltweit um rund 3 Millimeter pro Jahr ansteigt, und Reykjavík um rund zwei Millimeter pro Jahr sinkt – müsste der Meeresspiegel eigentlich um 5 Millimeter pro Jahr steigen. Es sind aber nur 2,1 Millimeter. Warum?
Die Erklärung liefert Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung: Die Eiskappe am Nordpol schmilzt durch den Klimawandel und wird kleiner. Damit sinkt auch ihre Gravitationskraft. Das Wasser zieht sich – graduell – vom Nordpol zurück, weshalb Länder wie Grönland, Island, sogar Schottland und Alaska einen Rückgang des Meeresspiegels an ihren Küsten erleben.
Vorerst. Mittelfristig, wenn die Pegel weltweit weiter steigen, wird sich dieser Effekt abschwächen – und werden auch die nördlichen Länder einen Anstieg des Meeresspiegels erleben.
Jòn Bjarki Magnússon ist Isländer und war Stipendiat der Internationalen Journalisten Programme (IJP) bei correctiv.
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