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Der Islamische Staat tötete auf brutale Weise zwei türkische Soldaten. Die Regierung ließ die Angehörigen zwei Jahre lang in quälender Ungewissheit.© Screenshot IS-Video

Türkei

Warten auf Sefter

Zwei Jahre lang versuchte die türkische Regierung, die grausame Hinrichtung von Soldaten durch den Islamischen Staat zu verheimlichen. Die Staatsräson machte selbst vor den trauernden Angehörigen nicht Halt.

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von Ferhat Sevim

25 Monate und 17 Tage wartete Aydin Taş auf eine Nachricht von seinem Sohn Sefter. Erst Anfang Oktober erhielt er Gewissheit: Sein Sohn wurde von Kämpfern des Islamischen Staats (IS) entführt und bei lebendigem Leib verbrannt. Aydin hat seinen Sohn als Vermisst gemeldet, Oppositionsmedien berichteten über den verschwundenen Soldaten. Erst dann kam die Wahrheit ans Licht.  Der Vater hatte zuvor immer wieder die Behörden angefragt und um Auskunft über das Schicksal seines Sohnes gebeten. Vergeblich.

Der Vater Aydin Taş lebt mit seinen Kindern und seiner Frau in einem Dorf nahe der armenischen Grenze ganz im Osten der Türkei. Das Dorf ist klein, jeder kennt jeden,  den  etwa 15.000 Einwohner geht es gut, die Landwirtschaft wirft genug ab.. Die Straßen sind asphaltiert.

Die eingezogenen Männer aus dem Dorf wurden an der Grenze zu Syrien stationiert, auch der Sohn von Aydin Tas versah dort seinen Militärdienst. Anfang September 2015 verschwand er zusammen mit einem Kameraden. Seither gab es kein Lebenszeichen, die Ungewissheit war für die Eltern eine Tortur.

„Ich habe oft an Selbstmord gedacht“, sagte Aydin zu #ÖZGÜRÜZ, der türkischen Redaktion von correctiv.org. „Sefters Mutter wird psychologisch behandelt und nimmt Medikamente, um nicht zusammen zu brechen. Wir haben lange gewartet, in der Hoffnung, dass er vielleicht doch am Leben ist.“

Die Schmerzen des Vaters

Vor allem schmerzte den Vater, dass die türkischen Armee das Schicksal seines Sohnes nicht zu interessieren schien. Doch eigentlich müsste der Staat sich um die Soldaten sorgen. In den USA tobt gerade eine heftige Debatte darüber, wie Präsident Donald Trump mit den Angehörigen von vier bei einem Einsatz im Niger gefallenen Soldaten umsprang.

Die türkische Armee hat jedes Jahr wie bei Einsätzen in den Kurdengebieten im Südosten des Landes hohe Verluste zu beklagen. In den zwölf Monaten ab Sommer 2015 fielen dort laut Medienberichten 337 Soldaten.

Sie gelten als Märtyrer, die Regierung verkündet ihren Tod, besucht die Familie und zahlt eine Geldsumme. Die Verluste werden nicht verheimlicht.

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Doch bei dem Soldaten Sefter, der im Grenzgebiet zu Syrien grausam zu Tode kam, war das anders. In diesem Fall schien die Regierung die Staatsräson über die schmerzhafte Ungewissheit einer trauernden Familie zu stellen. Das Schicksal des Soldaten wurde verheimlicht.

Die Regierung schweigt

Der Sohn war verschwunden und Armee und Behörden ließen den Vater im Unklaren. Der Vater ging von Ministerium zu Ministerium. Ein Jahr später die grausame Gewissheit. Am 22. Dezember 2016 veröffentlichte der IS ein Video, in dem zwei türkische gefesselte Soldaten lebendig verbrannt werden. Darin verkündet ein IS-Terrorist, die Hinrichtungen seien die Rache für türkische Angriffe auf den IS gewesen. Aydin erkannte auf dem Video seinen Sohn wieder.

Die türkische Regierung bestritt die Echtheit des Videos. Es sei eine Taktik der Terrororganisationen, „um das Volk zu verunsichern“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş und warnte die Medien davor, das Video weiterzuverbreiten. Auch das Verteidigungsministerium dementierte den Tod der beiden Soldaten.

Die Regierung verhinderte die Ausstrahlung des Videos im Fernsehen. Zudem soll die Regierung versucht haben, eine Verbreitung der schockierenden Aufnahme in sozialen Netzwerken zu unterbinden. Auch mehrere offizielle Anfragen von Oppositionspolitikern und Rufe nach Aufklärung blieben unbeantwortet.

Endlich der Besuch

Es ist nicht klar, warum die Regierung den Tod der beiden Soldaten nicht bestätigte. Vielleicht wollte sie verhindern, dass die grausame Hinrichtung weitere Diskussionen über das Verhältnis der Türkei zum IS auslöste. Laut Medienberichten unterhielten die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die AKP, sowie türkische Geheimdienste Verbindungen zum IS. Bei der Schlacht um die kurdische Stadt Kobane in Nordsyrien im Jahr 2014 duldeten türkische Truppen laut Zeugenaussagen Bewegungen der IS-Kämpfer über das türkische Staatsgebiet.

Zwei Jahre lang nahm die Regierung keine Stellung zum Tod der beiden Soldaten. Die Wende kam erst Anfang Oktober, als Aydin den Sohn offiziell vermisst meldete.

Kurz nachdem die oppositionelle Presse darüber berichtete, handelte die Regierung. Der Gouverneur der Region und Parlamentsabgeordnete besuchten das Dorf von Aydin zwei Tage vor dem ersten Gerichtstermin. Sie bestätigten ihm den Tod des Sohnes und die Echtheit des Videos.

Deutsche Version: Kiyo Dörrer

Der türkische Präsident Erdoğan auf einem Wahlkampfbus in Ankara: der Amtsinhaber muss überraschend hart um seine Wiederwahl kämpfen.© Adem Altan / AFP

Türkei

Eine historische Wahl

Vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am Sonntag liegt Angst über der Türkei. Doch zugleich hat der Oppositionspolitiker Muharrem İnce, ein Physik-Lehrer aus einfachen Verhältnissen, der Opposition neues Leben eingehaucht. Präsident Erdoğan muss hart um seine Wiederwahl kämpfen. Eine Analyse.

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von Can Dündar

Seit dem zweiten Weltkrieg ergibt sich bei jeder Wahl in der Türkei nahezu dasselbe Bild: Ungefähr 55 bis 60 Prozent der Wähler stimmen für eine religiös-rechte Partei. 25 bis 30 Prozent geben ihre Stimmen an weltliche oder sozialdemokratische Parteien. Und zwischen 10 bis 15 Prozent der Stimmen gehen an pro-kurdische Kandidaten.

Dieses Verhältnis konnten bis jetzt nur besonders charismatische Spitzenkandidaten auflösen – aber im Groben blieben die Proportionen gleich. Bis zu den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen an diesem Sonntag. Der Wahlgang könnte zu ganz neuen Allianzen führen.

Sieben Jahrzehnte lang regierten rechte Parteien mit einer überwältigenden Mehrheit das Land. In dieser Zeit gab es vier Militärputsche, die überwiegend den rechten Parteien Nutzen brachten. Besonders der Putsch aus dem Jahre 1980 hatte zur Folge, dass Parteien des Mitte-links-Spektrums verboten wurden; der Putsch ebnete dem heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und islamischen Bewegungen den Weg. Genauso wie die USA bei der sowjetischen Besatzung in Afghanistan die afghanischen Glaubenskämpfer unterstützten, standen die Putschisten in der Türkei den Gläubigen bei, um den Kampf gegen den Kommunismus zu gewinnen. Dieser Beistand von 1980 hat den Politiker Erdoğan erst zur Welt gebracht.

Suche nach Alternative

Ende der 1990er Jahre erreichte die Politik einen Tiefgang, die Wirtschaft lag am Boden, die Bürger suchten nach alternativen Bewegungen. Ein Bündnis aus drei Parteien war an der Regierung, eine mitte-rechts-links Koalition; das Land schwebte also in Alternativlosigkeit. Dann kam Erdoğan, der sich als Vertreter der Unterschicht verstand. Außerdem hat er immer die vertreten, die zur Mehrheitsgesellschaft gehörten:

Die Mehrheit war rechts, Erdoğan auch. Die Mehrheit war sunnitisch, Erdoğan auch. Die Mehrheit war türkischstämmig, Erdoğan auch. Die Mehrheit war arm, Erdoğan auch.

Weil Erdoğan ein Gedicht vorlas, musste er ins Gefängnis – in dem Sinne war er einer der „Benachteiligten“. Er vertrat die Frauen mit Kopftuch, die studieren wollten, aber nicht durften, weil das in einem laizistischen Staat verboten war. Deswegen konnten auch seine Töchter nicht in der Türkei studieren. Erdoğan war zwar auf der radikal islamischen Linie, aber er war offen für Veränderung. Auf der einen Seite besuchte er die Vereinigten Staaten und erzählte von sich selbst, auf der anderen Seite verbreitete er „liberale“ Botschaften in den Hauptstädten Europas. Seine Eloquenz ist seiner Imam-Ausbildung zu verdanken; er hielt temperamentvolle Reden und Gedichte.

Ein-Mann-Herrschaft

Vor allem die wirtschaftlich schlechte Lage in der Türkei machte Erdoğan 2003 zum Regierungschef. Er versprach, in seinem Haus in einem einfachen Viertel in Ankara wohnen zu bleiben. Dieser bescheidene Mann von damals lebt heute in einer eigens für ihn gebauten Residenz mit 1150 Zimmern. Am Mittelmeer vernichtete er ein komplettes Waldgebiet, um für sich selbst eine Sommerresidenz bauen zu lassen.

Er gründete ein Ein-Mann-Herrschaftssystem. Er entfernte sich von allen seinen Kollegen, die einst mit ihm zusammen diesen Weg gegangen sind. Ihre Plätze nehmen heute Geschäftsleute und opportunistische Berater ein, die sich von dem Geld der Regierung ernähren. Er setzt nicht einen Schritt vor die Tür, ohne eine gigantisch große Armee von Sicherheitsleuten bei sich zu haben. Er verhält sich immer erbarmungsloser gegenüber seinen Oppositionellen.

In der Öffentlichkeit wirft er mit Todesstrafen-Parolen um sich. Die ihm hörigen Fernsehsender und Zeitungen sind überfüllt mit Schlagzeilen, die ihn nur noch mehr loben und bestärken. Dabei macht er den Eindruck eines müden, hochmütigen und zornigen Politikers. Und in den letzten drei Monaten passieren ihm so viele Fehler, wie sie ihm noch nie passiert sind. Er vergisst, wo er Auftritte hatte oder was er in seinen Reden gesagt hat. Wenn der Teleprompter ausfällt, bei er von seinen Reden abliest, fällt auch er aus.

Alles schon versprochen

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Es gibt keine ernsthaften Versprechen mehr, die Erdoğan dem Volk noch machen könnte. Neuerdings schwadroniert er, es sollen in jedem Viertel Kaffeehäuser gebaut werden… „mit gratis Kuchen!“

Und: der Wahlkampf hat Erdoğan einen ernsthaften Gegner beschert. In den letzten 60 Tagen ist vor allem in den sozialen Medien ein frischer Wind zu spüren – der Wind des Sozialdemokraten Muharrem İnce.

İnce ist Physik-Lehrer aus einer einfachen Familie. Während Erdoğan von „Kaffeehäusern und Kuchen“ schwafelt, redet er von Robotern oder davon, im Weltall nach Mineralien zu suchen. Er verspricht, Armut zu bekämpfen, die Wirtschaftsleistung zu steigern und Gerechtigkeit neu zu entwickeln. Im Gegensatz zum religiösen Erdoğan hält İnce mitreißende Reden und emotionale Gedichte, die seinem Lehrerdasein zu verdanken sind.

İnce vertritt den säkularen Islam, der jedem erlaubt, fünf Mal am Tag zu beten oder Alkohol zu trinken. Er verspricht Frauen mit Kopftuch und der kurdischen Minderheit Freiheiten.

Rückkehr nach Europa?

Als erste Amtshandlung will İnce die europäischen Hauptstädte besuchen, um die Beziehungen zur EU verbessern und die Beitrittsverhandlungen zu beschleunigen. Gegenüber dem zornigen Erdoğan macht er mit seinem weißen Hemd, seinem Fahrrad und seinem Humor einen bürgernahen Eindruck. Bei seinen Reden schaut er nicht auf den Teleprompter, sondern blickt seinen Zuschauern ins Gesicht. Er will die Residenzen Erdoğans in Zentren für Bildung und Soziales umwandeln.

Laut Umfragen liegt Erdoğans Stimmanteil bei 45 bis 48 Prozent, İnces bei 30 Prozent. Allerdings hat İnce einen Vorteil: Er hat ein Bündnis mit drei rechten Parteien geschlossen. Außerdem scheint es so, als könnte er auch die Stimmen der Kurden gewinnen.

In der türkischen Politik müssten also zum ersten mal seit sieben Jahrzehnten die Links-Rechts-Verhältnisse neu aufgestellt werden. Denn Erdoğan hat einen neuen Maßstab geschaffen: sich selbst. Das Land ist in 50 Prozent Erdoğan-Freunde und 50 Prozent Erdoğan-Gegner geteilt.

Es ist alles offen

Und die Gewinnchancen sind für beide Lager nicht schlecht. Wenn Erdoğan in der ersten Wahlrunde nicht die 50 Prozent-Marke erreicht, tritt er in der zweiten Runde gegen den Kandidaten mit den zweithöchsten Stimmen an. Erdoğan möchte deswegen unbedingt in der ersten Runde gewinnen.

Man könnte denken, dass die Opposition in einer glücklichen Lage ist, aber es gibt auch einen großen Nachteil: Falls sie zusammen stärker als Erdoğan sein sollten, ist unklar, wie sie eine Koalition gründen können – denn die einzige Gemeinsamkeit der Parteien besteht darin, gegen Erdoğan zu sein.

Bis jetzt haben sie noch keinen Fahrplan oder gar ein Programm. Außer: die Türkei vor dem Schlimmsten zu retten.

Und wenn Erdoğan gewinnt? Bislang sah es so aus, als könnten dies die letzten Wahlen in der Türkei sein. Deswegen schwebt eine Angstwolke über der Türkei, und diese Wolke hat Muharrem İnce herbeigerufen. Die Menschen lehnen sich auf und rebellieren.

© Hüdaverdi Güngör

Türkei

Ist Köfte geiler als Kraut?

Ich bin Deutschtürke. Was heißt das eigentlich? Ständig soll ich mich positionieren: zu Erdoğan, zu den Kurden, zu verhafteten Journalisten. Aber ich lebe in Deutschland, meine Infos kommen von meinen Eltern und dem türkischen Staatsfernsehen. Deswegen muss ich in die Türkei. Um mir endlich eine eigene Meinung zu bilden. Und um zu verstehen, wo meine Heimat und auch mein Herz liegen.

von Hüdaverdi Güngör

KAPITEL 1: Die Sache mit den Kurden und der Musik

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Kippen als Türöffner – der beste Weg, um mit einem Türken ins Gespräch zu kommen. Hüdaverdi raucht vor dem billigsten 3-Sterne-Hotel Istanbuls.

Illustration: Julia Beier

Wenn die Türkei in der EU wäre, hätte ich mein Hotel schneller gefunden. In EU-Ländern funktioniert nämlich das Internet auf meinem Handy. In der Türkei nicht. Seit 55 Jahren wartet die Türkei auf den EU-Beitritt. Durch Recep Tayyip Erdoğan war sie kurze Zeit zum Greifen nah. Heute ist sie durch ihn so weit entfernt wie nie. Und so irre ich durch die Straßen um den Taksim-Platz, muss mich bei Passanten durchfragen, als lebte ich im vergangenen Jahrtausend.

Vor meinem Hotel in Istanbul sitzen ein dicker und ein dünner Bursche – rauchend auf den leeren Straßen wie in einem kolorierten Wild-West-Film. Beide sind jung, vielleicht in meinem Alter. Als die zwei Cowboys mich mit dem Koffer ankommen sehen, werfen sie die Kippen weg – aus Respekt – und richten sich auf. „Selamualeykum“, sage ich. „Aleykumselam — Hoşgeldiniz efendim!“, sagen sie (dt.: „Herzlich willkommen, mein Herr!“). Der Dünne reißt mir den Koffer aus der Hand, während ich bei dem Dicken einchecke. Dieser gibt sich Mühe, seinen kurdischen Akzent zu verstecken und Hochtürkisch zu reden. Ich muss lächeln. Türkisch mit kurdischem Akzent klingt in meinen Ohren irgendwie niedlich. Und liebevoll.

Ich höre das nur selten. Kurdische Wurzeln habe ich keine. Mit meinen Freunden in Deutschland unterhalte ich mich meistens auf Deutsch. Außerdem kann auch nicht jeder Kurde Türkisch. Kurden leben in einem Gebiet verteilt auf mehrere Länder. Iran, Irak, Syrien und die Türkei. Nur im Irak haben sie ein Autonomiegebiet. In der Türkei sind sie Türken, mit türkischem Pass. Eine eindeutige kurdische Heimat zu definieren ist also schwierig.

Der Dicke gibt mir wortlos die Schlüssel und nickt, dann bringt der Dünne mich in mein Zimmer. Die Tür öffnet er zögerlich. Ich kann nicht einordnen, ob es ein positives Zögern ist – wie bei einer Neuwagen-Vorführung. Will er gerade Spannung aufbauen, oder schämt er sich, mir das Zimmer zu zeigen?

Ich bin Türke, ich bin Deutschland

Es ist schon etwas Besonderes: Ich kann in meiner Heimat ins Flugzeug steigen und 3.000 Kilometer weiter in meiner Heimat ankommen. Die letzten zwei Jahre habe ich nur in einer Heimat gelebt – in Deutschland. Zwischendurch wäre ich sehr gerne zu meiner Verwandtschaft gereist, aber erst kam der Anschlag am Flughafen in Istanbul im Juni 2016, ein Jahr später dann der Putschversuch.

Jeden Tag erreichen mich neue Meldungen aus der Türkei, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Das Land ist nicht mehr der warme, sonnendurchflutete Sehnsuchtsort, den ich aus meiner Kindheit kenne.

Ich stehe zwischen Deutschland und der Türkei. Zwischen meinem Vater, der mit Erdoğan sympathisiert, und dem Teil meiner Familie, die Gülen-Anhänger sind. Ich stehe zwischen der türkischen Community, in die ich hineingeboren wurde, und meinen kurdischen Freunden, die von Staatsterror sprechen. 

In Deutschland fragen mich die Leute oft, woher ich komme. Dafür habe ich mittlerweile eine einfache Formel, mit der ich entscheide, was ich gerade bin. Wenn ich keine Lust auf Türken habe, bin ich Deutscher. Wenn ich keine Lust auf Deutsche habe, bin ich Türke. Und seit die AfD im Bundestag sitzt und in der Türkei nach dem Putsch Menschen entlassen und verhaftet werden, habe ich meistens auf beides keine Lust. Ich bin halt ein Mensch.

Aber ich bin auch Journalist. Ich bin 22 Jahre alt. Ich sollte eine Haltung haben. Zu meinen Heimaten. Zu Erdoğan. Zu den Kurden. Den Anspruch stellen mir nicht nur andere. Ich stelle ihn inzwischen auch an mich selbst. Der Deutsche in mir fragt, was ich über die Politik in der Türkei denke. Der Türke sagt: Warum muss ich überhaupt etwas darüber denken? Deshalb verreise ich. Ich möchte mich mit dem Türken und dem Deutschen in mir auseinandersetzen. Man kommt schließlich nicht mit einer Meinung zu Erdoğan auf die Welt – auch nicht, wenn man türkische Eltern hat.

Für dich würde ich sterben, Türkei

Meine Reise beginnt in Deutschland. Im Flieger stecke ich mir Kopfhörer in die Ohren und versuche, den Deutschen in mir ruhig zu stellen. Dazu höre ich türkische Lieder. Besonders gern „Ölürüm Türkiyem“ (dt.: „Für dich würde ich sterben, Türkei“) von Mustafa Yildizdogan. Musik ist wichtig.

Ich lebe in einem alten Zechenhaus, spreche besser Deutsch als Türkisch, denke meistens auf Deutsch. Aber in dem Moment, in dem ich Ölürüm Türkiyem höre, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken für die Türkei sterben. Am besten heldenhaft, wie in einem Film. Mit wehendem Haar vor der untergehenden Sonne. 

In meiner Pubertät habe ich oft Bushido gehört. Die meisten Texte von ihm hatten genau eine Botschaft: „Ich bin der Stärkste und ficke euch alle!“ Bushido hat mich damals geprägt. Obwohl ich kein Pumper war, lief ich durch die Stadt, als hätte ich einen Holzbalken zwischen den Schultern und Steine in den Armen. Und selbstverständlich bekam jeder, der an mir vorbeilief, einen bösen Blick ab. Ich war der Klischee-Türke. Aus deutscher Sicht. 

Dann habe ich Baris Manco entdeckt, einen türkischen Sänger und Fernsehmoderator. In seinen Liedern singt er vom Frieden.
 

In „Hemsirem Memleket Nire?“ (dt.: „Landsmann, wo liegt deine Heimat?“) singt er: 
Kardeşlik ve eşitlik üzerine uzun uzun nutuklar çekip
„Niye senin derin benden daha koyu?“ diyen çok
Kaşının altında gözün var diye silahlanıp ölüme koşarken
„Kalan dul ve yetim ne yer, ne içer?“ diye soran yok 
Barış garibim bulamadı çözümü, oturdu, etti bunca sözü
„Gelin, hep beraber anlaşalım.“ diyen yok
Zaten paramparça bölünmüş ve yaşanmaz olmuş Dünyamız
Daha fazla kesip bölmeye hiç gerek yok
„Tek bir soru hemşerim memleket nire?
Bu dünya benim memleket“

 
(dt.: „Viele Menschen halten Ansprachen über Brüderlichkeit und Gleichberechtigung. (…) „Kommt, lasst uns auskommen“, sagt niemand. Unsere Welt ist sowieso in mehrere Stücke gespalten und nicht mehr lebenswert. Deswegen müssen wir sie nicht noch mehr stückeln. Nur eine Frage: Wo liegt deine Heimat? Diese Welt ist meine Heimat.“)

Erdoğan als Stimme der Unterdrückten

Nach dem Mutterficker-Rap war das für mich eine echte Offenbarung. Ich verstand: Ich kann selbst entscheiden, wer ich bin, wie ich mich verhalte und wo meine Heimat ist. Der Holzbalken zwischen meinen Schultern verschwand, die Steine fielen mir aus den Ärmeln.
 Heute kann ich „Ölürüm Türkiyem“ hören und mir einbilden, der größte Türke zu sein. Aber auch „Kürdüm ölene kadar“ (dt.: „Ich bin Kurde bis zum Tode“), und mir einbilden, der größte Kurde zu sein. Oder „Das alles ist Deutschland“ – dann bin ich der größte Deutsche. Warum soll ich mich festlegen? Es gibt Unmengen guter Lieder auf dieser Welt. Wenn ich „Baskent Ankara“ (dt.: „Hauptstadt Ankara“) höre, spüre ich den Stolz auf meine Wurzeln in Ankara. Höre ich aber „In dein G Sicht“ vom Gladbecker Rapper Fard, bin ich stolz darauf, dass ich im Ruhrpott lebe. Musik steht für Lebensgefühle. Und davon gibt es viele. 

Auch die türkischen Parteien wissen um die Macht, die ein Lied auf ihr Volk haben kann und produzieren einen Song nach dem anderen. Erdoğan hat dafür den Sänger Uğur Işılak. Er hat einen Wahlsong für die Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP, dt.: Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) geschrieben: „Recep Tayyip Erdoğan“. Im Refrain wiederholt ein Chor immer wieder den Namen des Staatsoberhauptes. Die Strophen dazwischen besingen Erdoğan als Stimme der Unterdrückten. Der Song wurde auf YouTube über 19 Millionen Mal angeklickt. Auch ich hatte schon oft einen Ohrwurm davon. 

Die linke pro-kurdische Partei Halkların Demokratik Partisi (HDP, dt.: Demokratische Partei der Völker) schränkt die Zielgruppe ihrer Hörer selbst ein: Sie singen auf Kurdisch. Ohne Untertitel. Ihr erfolgreichstes Lied kommt auf 2,5 Millionen Klicks.

Angekommen im hässlichsten Zimmer der Stadt

Als ich das Hotelzimmer sehe, bin ich mir sicher: Der Dünne schämt sich. Das Zimmer ist gerade mal so groß, dass das Einzelbett hineinpasst und eine Tür ins heruntergekommene Badezimmer führt. Ich fühle mich wie in einer Gefängniszelle. Während ich meine Sachen in den Schrank lege, sitzt der Dünne schon wieder draußen und raucht. Was habe ich auch erwartet für knapp 15 Euro die Nacht im günstigsten 3-Sterne-Hotel der Stadt?

Früher bin ich mit meiner Familie zu jeder Ferienzeit, die sich uns bot, in die Türkei gereist. Damals war die Türkei eine andere. Aber gewisse Dinge ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte meiner Heimat. Das Bild, das mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist: meine Oma, wie sie damals vor dem Fernseher sitzt und weint. Auf dem flackernden Röhrenbildschirm werden Meldungen über gefallene türkische Soldaten verlesen. Seit 1987 gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und radikalen Kurden. Bis heute sind tausende Menschen auf beiden Seiten gestorben.

Wie ist das eigentlich, als Kurde?

Im Konflikt zwischen den Kurden und den Türken betete meine Familie stets für die türkischen Gefallenen. Diesen Konflikt betrachte ich aus den Augen eines Türken. Ich habe es nicht anders gelernt. Ist das aber so offensichtlich? Versteckt der Dicke daher seinen Akzent vor mir? Warum will er nicht, dass ich den Kurden höre?

„Wohin gehst du?“, fragt mich der dicke Cowboy auf Türkisch, als ich das Hotel verlassen will, um zum nächsten Kiosk zu gehen. Dann zieht er kräftig an seiner Zigarette. „Wieso sagst du nicht unserem Kellner Bescheid?“, fragt er. „Er wäre für dich gegangen.“ Vielleicht ist das meine Chance, dem Dicken ein bisschen sympathischer zu werden. „Bruder, ich bin doch kein König“, sage ich. „Gott hat mir zwei gesunde Beine gegeben.“ Wir lachen. Ich kann nicht sagen in welcher Sprache.

Am Kiosk kaufe ich eine Cola und zwei Uludağ. Uludağ gibt es auch in Deutschland, meist in Dönerbuden, sieht aus wie Sprite, schmeckt aber wie aufgelöste Gummibärchen. Sagen zumindest meine deutschen Freunde. Vor dem Hotel biete ich dem Dicken und dem Dünnen davon an. Sie lehnen dankend ab. Aber ich bin heute ein guter Türke: Ich beharre darauf, dass sie es annehmen. Sie öffnen die Glasflaschen mit ihren Feuerzeugen.  

Da sind sich Türken und Kurden ziemlich ähnlich

Nach dem ersten Schluck Uludağ fängt der Dicke heftig zu würgen an. Ihn zu vergiften hatte ich eigentlich nicht geplant.
„Siehst du, wie weit meine Gastfreundschaft geht?“, fragt er mich keuchend. „Ich wollte dein Angebot nicht ablehnen und dich traurig machen.“ Sein Kollege und ich lachen ihn aus, je mehr er hustet. Er verträgt die Kohlensäure nicht. Als ich ihm sage, dass er es nicht trinken muss, stellt er das Getränk dankbar neben sich ab. Gastfreundschaft – da sind sich Türken und Kurden ziemlich ähnlich.

„Wie ist das denn so, als Kurde in der Türkei?“, frage ich. Zumindest da habe ich eine klare Meinung: Die Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK, dt.: Arbeiterpartei Kurdistan) gilt als Terrororganisation, auch in Deutschland. Erdoğan hat als erster türkischer Staatschef die Probleme der Kurden offen angesprochen. Er hat den Kurden viele längst überfällige Rechte zugestanden. Bis 1991 waren zum Beispiel kurdische Medien verboten. Kurdische Satzzeichen ebenfalls. Was wollen sie denn noch, denke ich. Aber anstatt das zu sagen, gebe ich den ahnungslosen Deutschtürken. Ich weiß von nichts.

Die beiden zucken nur mit den Schultern. Der Dünne nippt am Uludağ.

Ich gehe wieder zum Kiosk, diesmal kaufe ich Zigaretten. Auf dem Weg zum Hotel habe ich die Schachtel schon geöffnet und halte sie direkt den Cowboys vor die Nase. Diesmal greifen sie ohne Diskussion zu. Sie streiten sich, wer mir das Feuer reichen darf. Der Dicke setzt sich durch, und der Dünne serviert passend zur Zigarette türkischen Tee.

Wir paffen eine nach der anderen. Mit der Kippe im Mund fühle ich mich wohl, Arsch auf einem Hocker und mittlerweile Tee in der Hand. Von Zeit zu Zeit laufen Leute am Hotel vorbei, immer wieder setzen sich welche zu uns.

Der Türke und der Deutsche in mir beginnen zu streiten

Ich frage den Dicken, ob er schonmal diskriminiert wurde, weil er Kurde ist. Er schüttelt den Kopf. Aber neulich war ein deutsch-türkischer Gast da, der in der Lobby saß und über Kurden fluchte. Da ist der Dicke an die Grenzen seiner Geduld gestoßen, meint er. Er hat damals aber nichts gesagt – aus Respekt vor dem Gast.

Neben mir sitzt seit einer Viertelstunde ein Freund des Dicken, der zufällig vorbeigekommen war und mir direkt angeboten hatte, eine mit ihm zu rauchen. Ein kurdischer Kiffer. Jetzt reibt er sich die Hände, wippt mit dem Knie auf und ab. Dann sagt er: „Bruder, die türkische Regierung hat mein Haus in Diyarbakir zerbombt.“ Er zückt sein Handy und zeigt mir ein Vorher-Nachher-Foto seines Hauses. Vorher: ein Mehrfamilienhaus mit vier Stockwerken. Nachher: ein Haufen Steine.

Der Türke und der Deutsche in mir beginnen zu streiten. Der Türke sagt, dass die türkische Regierung niemals die Häuser von Unschuldigen bombardieren würde. Der Deutsche hingegen hält es für durchaus möglich.

Der Freund des Dicken sagt, dass die Regierung im Kampf gegen die PKK vermehrt auch in die Städte geht, statt in die Berge. „Wie stehst du denn zur PKK?“, frage ich. Er aber will nicht mit mir diskutieren, weicht aus. „In der PKK sind genauso unsere Brüder und Schwestern wie bei den türkischen Streitkräften“, sagt er.

War das, was Erdoğan für die Kurden getan hat, zu wenig? Wollen sie noch mehr? Wollen sie endlich den eigenen Staat? Kommt nicht in Frage, sagt der Türke in mir. Die Türkei kann nicht kleiner werden und Teile abgeben. Wir haben einen Spruch: „Märtyrer sterben nicht. Und das Vaterland wird nicht gespalten.“

Jeder, der stirbt, ist ein Märtyrer

Jetzt redet der Bursche auf mich ein: „Stell dir vor: Du, deine Familie und deine Landsmänner werden in Deutschland unterdrückt, weil ihr Türken seid. Dein Bruder, dein Vater, dein Landsmann entscheiden irgendwann, sich mit Waffen zu wehren. Wenn diese im Kampf für eure Rechte fallen, trauerst du um sie. Sie sind Märtyrer geworden, und du willst sie rächen.“

Nun meldet sich der diplomatische Deutsche in mir zu Wort. In Deutschland assoziiert man mit dem Wort Märtyrer häufig Selbstmordattentäter. Aber in der Türkei ist irgendwie jeder, der stirbt, ein Märtyrer. Bei den Kurden wahrscheinlich auch.

Den Schmerz der Kurden habe ich bis heute nicht wirklich gesehen. Das Leben eines Türken ist mir mehr wert gewesen als das eines Kurden. Hart gesagt. Für ihn wird es aber dasselbe sein, wenn ein Kurde stirbt. Auch in Deutschland wird in den Nachrichten immer erwähnt, ob es deutsche Opfer bei einer Katastrophe gab. Weil es uns halt am meisten interessiert. Weil dadurch Leben gewichtet wird. Aber ist das richtig?

Die eigene Identität bewahren – das wollen alle. Auch ich. In Deutschland setze ich mich dafür ein, dass sich Türken integrieren können, ohne ihre Identität abzugeben. Ich schreibe darüber, filme und produziere gerade mit Migrantenkindern Workshops und eine Webserie zum Thema. Von mir wird dabei gefordert, deutscher zu sein als die Deutschen selbst. Aber was soll das? Dieses Beweisen? Ich bin in Deutschland geboren, habe einen deutschen Pass. Genauso geht es den Kurden in der Türkei. Gleich behandelt werden wir trotzdem nicht.
Die türkischen Nationalisten, die in Deutschland leben, sind auch häufig die Leute, die von den Kurden fordern, sich endlich zu integrieren. Gleichzeitig gründen sie in Deutschland Kulturvereine, um ihre Identität zu wahren. In Deutschland verteidigen sie genau das, was sie den Kurden in der Türkei vorwerfen. Sie wollen das Türkische nicht verlieren und wollen sich nicht assimilieren lassen. Es ist absurd.

Zeit, die Dinge neu zu bewerten

Der Freund des Dicken fragt mich jetzt, ob ich den deutsch-kurdischen Rapper Hüseyin kenne. Ich überlege und überlege. Dann der Gedankenblitz! „Meinst du KC Rebell?“ – „Ja genau, KAAAC Rebell, den höre ich oft.“ Wow, ein Kurde in der Türkei hört deutschen Rap. Musik kennt echt keine Grenzen. Ich hole mein Handy raus und mache die Musik an. Es läuft „Hayvan“ (dt.: „Tier“) und „Anhörung“. Wir rappen mit, wir rufen „Fick den Richter! Nur Gott kann mich richten!“ und sprechen nicht mehr über die PKK oder das zerbombte Haus in Diyarbakir. Stattdessen bietet er mir wieder Gras an. Ich lehne dankend ab.

Am Abend in meiner 3-Sterne-Zelle denke ich lange über das Gesagte nach. Den Terror der PKK verurteile ich noch immer. Aber ich glaube, ich verstehe jetzt, wie es so weit kommen konnte. Wenn man in einem kurdischen Dorf aufwächst und auf der staatlichen Schule kein Türkisch sprechen kann, weil man nie die Chance hatte, die Sprache zu lernen, dafür sogar auf die Fresse bekommt, dann wird man irgendwann wütend. Und greift zu Mitteln wie Waffen, um zu zeigen: Hey, ich bin auch noch da!

Und ich dachte bislang, nur Deutschland hätte mit gescheiterter Integration und Chancenungleichheit zu kämpfen. Es ist Zeit, die Dinge neu zu bewerten.

KAPITEL 2: Die Sache mit dem Journalismus und den Hühnern

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Immer wachsam, immer in Gefahr. Journalisten tragen in der Türkei härtere Kämpfe aus. Hüdaverdi trifft die Reporterin Zübeyde Sari.

Illustration: Julia Beier

Tags vor meinem Abflug nach Istanbul hatte ich in Deutschland einen Vertrag unterschrieben, in dem steht, dass ich Journalist bin. Kurz vor meinem Abflug hatte ich deshalb nur einen Gedanken: „Fuck.“ In der Türkei sitzen laut Reporter ohne Grenzen mindestens 34 meiner Kollegen wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Viele weitere aufgrund anderer Vergehen. Vermutlich vorgeschobener (Stand März 2018).

Meine Schwester hat gesagt: „Fahr lieber nicht.“

Und mein Vater: „Wird schon nichts passieren.“

Ich habe mich mit dem Gedanken beruhigt, dass ich, wenn ich verhaftet werde, immer noch ein Buch im türkischen Gefängnis schreiben kann.

Warum wurdest du noch nicht verhaftet? – Journalismus in der Türkei

An meinem zweiten Tag in Istanbul gehe ich in ein Café, das jemand eröffnet hat, der mir wichtig ist. Deshalb kann ich hier nicht schreiben, wer es ist. Ich möchte ihm keine Schwierigkeiten machen. Im Café treffe ich nur einen Kellner, der mir sagt, dass ich umsonst gekommen bin: Der Chef hat Termine in Ankara.

Ich biete dem Kellner eine Zigarette an – mein bewährter Türöffner. Er lehnt aber ab, weil er vor einigen Jahren aufgehört hat. Ungewöhnlich für einen Türken. „Ich habe in den USA studiert und hatte wenig Geld“, sagt er. „Irgendwann wurde mir das Schnorren zu blöd.“

Es gibt drei Möglichkeiten, als Türke in den USA zu studieren. Entweder du bekommst ein gutes Stipendium, oder dein Vater hat Kohle, oder du gehörst der Gülen-Bewegung an. Fetullah Gülen ist ein islamischer Prediger, der bekannt dafür ist, durch seine emotionalen Reden Anhänger um sich zu scharren. Weltweit hat er tausende Anhänger, die ihn zum Teil wie einen Propheten verehren, andere nennen ihn den weinenden Imam. Gülen revolutionierte den türkischen Islam. „Baut Schulen statt Moscheen“, sagte er. Kritiker warfen der Gülen-Bewegung vor, eine Sekte zu sein, die den Staatsapparat unterwandere. 1999 flüchtete Gülen nach Amerika. Der Kellner sagt, dass sein Vater reich sei. Ich stutze. Aber wieso arbeitete er dann hier und nicht in einem Büro?

„Mein Vater will, dass ich mir selbst was aufbaue“, sagt er. „Aber in der Türkei gibt es Jobs nur durch Freunde und Bekannte.“ Daran ist die Politik schuld, auf die er „einen Fick gibt.“ Er ist enttäuscht, wütend. Wahrscheinlich hatte er große Hoffnungen nach dem Studium. Wir schweigen uns an, während ich rauche. Irgendwann – wahrscheinlich aus Höflichkeit – fragt er, woher ich komme und was ich beruflich mache. Ich erzähle ihm, dass ich in Deutschland in einer Redaktion mit Can Dündar arbeite.

Jeder in der Türkei hat eine Meinung zu Can Dündar

Jeder in der Türkei hat eine Meinung zu Can Dündar, dem Journalisten, der 92 Tage in der Türkei in Haft saß und heute in Deutschland im Exil lebt. Der Kellner hat eine gute Meinung von ihm: Die türkische Regierung habe Can Dündar verschwendet, sagt er. Der Kellner ist Atheist. Er wirft Erdoğan vor, die Türkei zu islamisieren. „Damit er die Menschen wie Hühner halten kann.“ Neulich, sagt er, wurde eine Frau im Bus verprügelt, weil sie sich im Fastenmonat zu offen angezogen hatte. Ich habe Bilder von Mastanlagen im Kopf, in denen sich Vögel gegenseitig tot picken.

Der Kellner zeigt mir eine Türkei, die ich so noch nicht gesehen habe. Bis heute war ich entweder im Hotel-Urlaub oder bei meiner Familie. Da gibt es keine Diskussionen über Laizismus.

Die geheime Köfte

Facebook zeigt mir eine Veranstaltung in meiner Nähe: „Demonstration für Gerechtigkeit.“ Na gut, denke ich, ich habe ja sonst nichts vor. Es ist 14 Uhr, als ich mich von dem Café aus auf den Weg mache. Der Muezzin ruft.

Ich laufe an Kneipen vorbei, in denen junge Menschen Efes trinken. Die Leute, die diesen Monat fasten, haben heute noch keinen Schluck Wasser getrunken.

In der Türkei fehlt eine Schicht zwischen den zwei Extremen – die Schicht zwischen Atheisten und Konservativen. Und es fehlt an gegenseitiger Akzeptanz, sogar in Istanbul. Jeder hier hat sein Viertel. Schwule, Künstler und Linke gehen in die Kneipen in Kadiköy, im Stadtteil Kasimpasa trinken die Konservativen und Armen Tee, und die Reichen haben ihre klimatisierten Häuser in Bebek.

Die Demo soll im Macka-Park sein – auf der europäischen Seite der Stadt. Als ich im Park ankomme, rieche ich Köfte. Ich folge dem Geruch und lande an einem Grillwagen, wo der Verkäufer zehn türkische Lira für Köfte im Brot haben will – teuer, für türkische Verhältnisse. Aber für den Deutschen in mir ist das Köftebrötchen immer noch günstig – man bekommt heute für einen Euro etwa vier Lira. In unseren Familienurlauben waren es nur zwei. Die türkische Währung ist geschwächt.

Im Urlaub mit meinen Eltern habe ich trotzdem immer alles bekommen, was ich wollte. Jeden Tag haben wir in den besten Restaurants gegessen. In Deutschland war das nicht möglich. Das kann einer der Gründe sein, warum ich in der Pubertät den Wunsch hatte, „zurück“ in die Türkei zu ziehen. Erst später wurde mir klar, dass ich nicht zurückziehen kann. Ich bin in Bottrop geboren.

Die Köfte esse ich verdeckt, damit die Fastenden keinen Hunger bekommen. Ich laufe durch den Park und stoße auf Polizeibeamte. Sie stehen beim Eingang zur Demo, kontrollieren meine Tasche. Auf dem Gelände herrscht gute Stimmung, es gibt Tee und Snacks. Es ist eher ein Festival als eine Demonstration. Hier, im Lager der Kemalisten, brauche ich mein Köftebrötchen nicht mehr zu verstecken. Die Kemalisten sind Laizisten und Anhänger des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk.

Es wird der Tag kommen, an dem die AKP zur Rechenschaft gezogen wird

Auf der kleinen Bühne wird Musik über große Boxen abgespielt. Als „Izmir Marsi“ läuft, springen auch die Leute auf, die vorher noch auf der Wiese gechillt haben. Es ist die inoffizielle Hymne der Kemalisten.

Der Moderator kündigt Özgür Mumcu an. Sein Vater, Uğur Mumcu, hat früher als Journalist über Korruption, Islamismus und den Konflikt mit den Kurden geschrieben. 1993 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

Özgür Mumcu schreibt heute für die Cumhuriyet. Es ist die Zeitung, deren Chefredakteur Can Dündar war. Die Zeitung, die immer wieder Verfehlungen der türkischen Regierung aufdeckt. Mumcu ist knallrot im Gesicht. Er schwitzt.

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Die Demonstranten rufen im Chor: „Es wird der Tag kommen und die AKP wird zur Rechenschaft gezogen“. Etliche Zuhörer streamen die Rede live.

Was muss das für ein Gefühl sein? Für Texte, die man tippt, Worte, die man von sich gibt, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen? In Deutschland kann man fast alles enthüllen, was man will. In den Knast geht man dafür nicht. In Deutschland ist die Presse mächtig, fast unantastbar. In der Türkei nicht. Da werden Medienhäuser einfach geschlossen.

Ein Leben im Livestream

Zübeyde Sari ist an jedem ihrer Arbeitstage in Gefahr. Die Kurdin arbeitet als Korrespondentin des deutsch-türkischen Magazins Özgürüz, das Can untersteht und Teil von CORRECTIV ist. Als ich sie später am Taksim-Platz treffe, hält sie ihr Handy in der Hand – falls etwas passiert, falls sie festgenommen wird, schafft sie es so noch, jemandem Bescheid zu geben.

ÖZGÜRÜZ – Wir sind frei!

ÖZGÜRÜZ deutsch

ÖZGÜRÜZ türkisch

Livestreams/Periscope

Can Dündar bei Twitter

Zübeyde Sari bei Twitter

Sie ist es gewohnt, aus kritischen Regionen zu berichten. Sie selbst stammt auch aus einer. Sie kommt aus einem kurdischen Dorf. Bevor sie Türkisch konnte, lernte sie Kurdisch.

Noch bevor die Seite Özgürüz online ging, wurde sie in der Türkei gesperrt. Also nutzt Zübeyde Twitter, um ihre Inhalte zu verbreiten. In der Türkei ist es üblich Livestreams über Periscope aufzunehmen, die Live-Funktion von Twitter. Neulich hat sie eine Familie interviewt, die die Taten von PKK-Kämpfern verharmlost hat. In der Türkei gilt das als terroristische Propaganda.

„Warum bist du bis heute nicht verhaftet worden?“, frage ich. Und sie sagt: „Darüber denke ich nicht nach.“

Wir setzen uns in ein Café und rauchen. Wenn Zübeyde über die Türkei spricht, dann redet sie immer so, als würde ihr Statement live in der Tagesschau übertragen. Andauernd sagt sie „off the record“. Immer wieder schaut sie auf ihr Handy – aus Angst, eine Nachricht zu verpassen. Es ist bezeichnend für Zübeyde: In einem Land, in dem man für Journalismus verhaftet wird, kann diese Journalistin ihren Beruf nicht für eine Sekunde ablegen. Sie beeindruckt mich.

Aber ich will kein Korrespondent werden. Ich will über deutsche Probleme schreiben. Vielleicht, weil mir der Mut fehlt. Oder vielleicht, weil sie mir näher sind als die Probleme hier. Bin ich doch mehr Deutscher als Türke?

KAPITEL 3: Die Sache mit Erdoğan und dem Zauberstern

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Der Personenkult der Türken macht auch vor Hüdaverdi nicht Halt: Flammt seine alte Liebe zu Erdoğan wieder auf? Er begegnet dem türkischen Präsidenten auf einem Friedhof.

Illustration: Julia Beier

Jede politische Richtung in der Türkei hat einen Führer, den sie extrem verehrt.

Die Linken haben Deniz Gezmis. Er gründete die Volksbefreiungsarmee. Im Alter von 25 wurde er dafür erhängt.

Die Rechten haben Alparslan Türkes. Er gründete die nationalistische Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, dt.: Partei der Nationalistischen Bewegung).

Die Gülen-Anhänger haben den Prediger Fetullah Gülen.

Die radikalen Kurden haben Abdullah Öcalan, genannt APO. Er ist das Symbol für Freiheit bei den Kurden. Er gründete die PKK und sitzt jetzt in einem türkischen Gefängnis.

Die Nazis haben Hitler

Die Laizisten und auch Patrioten haben Atatürk, den Retter der Türkei, den „Vater aller Türken“.

Eigentlich gehört jeder Türke irgendeinem politischen Lager an und verehrt irgendeinen großen Mann. Vielleicht ist das eines der Probleme.

In Deutschland kenne ich niemanden, der Angela Merkel, Martin Schulz, Willy Brandt oder Konrad Adenauer so verehrt wie die Türken ihre Politiker. Außer den Nazis. Die haben Hitler.

Und ich? Ich habe meinen Lieblingssänger Baris Manco. Für ihn bin ich schon mehrmals in die Türkei geflogen. Einmal, um sein Grab zu besuchen und ein weiteres Mal, um sein Haus zu besichtigen, das nach seinem Tod zu einem Museum umgebaut wurde.

Das Grab von Baris Manco ist für mich ein Pflichtbesuch, wenn ich in Istanbul bin. Ich fahre auch dieses Mal mit der Fähre nach Kadiköy, auf die asiatische Seite der Stadt, und steige dort in den Bus Richtung Grabstätte. Manco liegt auf einem Friedhof mit Ausblick auf den Bosporus. Damit die Toten eine schöne Sicht haben.

Kurz bevor ich den Stadtteil verlasse, stockt auf einmal der Verkehr. Die Leute werden unruhig. Ein Konvoi von Autos blockiert die Straße. Hammer-Autos! Ich erkenne die Mercedes S-Klasse – unser Klischee-Wagen. Ist aber auch ein geiles Auto, denkt anerkennend der Türke in mir. Der Stern auf dem Kennzeichen verrät: Es ist der Konvoi von Recep Tayyip Erdoğan. Alter! Das darf ich nicht verpassen.

Erdoğan, meine alte Liebe

Ich springe an der nächsten Haltestelle aus dem Bus. Dort hat sich schon eine Menschenmenge versammelt. Jemand sagt, dass Erdoğan auf dem Friedhof sein soll, um das Grab seiner Mutter zu besuchen. Mein Herz pocht, als würde ich einer alten großen Liebe über den Weg laufen. Vielleicht ist es aber auch die Angst, dass die alte Liebe zu ihr wieder aufflammt.

Die Journalisten greifen zu ihren Kameras, als Erdoğan in Richtung Friedhof geht. Erdoğan ist für mich schon immer an der Macht. Ich kann mich nicht an eine Türkei ohne ihn erinnern, genauso wie ich mich kaum an ein Deutschland ohne Angela Merkel erinnern kann.

Als Erdoğan Präsident wurde, zahlte man in der Türkei für Brot eine Million Lira. Meine Urgroßeltern lebten in einem „Gece Kondu“ in Ankara. Gece Kondu, das heißt auf Deutsch „nachts hingestellt“. Und so sehen die Häuser auch aus: klein, provisorisch, schlicht. Als Kind fand ich das Häuschen idyllisch. Mein weiser Uropa mit seinem langen Bart und meine Uroma, die sich um uns gekümmert hat. Trotz aller Armut. Das sind meine Erinnerungen an die alte Türkei.

Der Zauber geht verloren

Die Realität war aber eine andere. Weniger romantisch: regelmäßiger Stromausfall, kein sauberes Wasser und ein Bau, den in Deutschland niemand abgenommen hätte. Erdoğan verbesserte die Infrastruktur und die Wirtschaft. Die Orte in der Türkei verändern sich so schnell, dass ich mich in Vierteln verlaufe, in denen ich vor ein paar Jahren noch flaniert bin wie durch meine Hood in Bottrop. Damit hat Erdoğan das Selbstbewusstsein der Türken gestärkt. Wenn mein Opa über Politik diskutiert, dann lauert er nur darauf, dass jemand etwas Schlechtes über Erdoğan sagt, damit er ihn verteidigen kann.

In dem Moment, in dem ich den türkischen Präsidenten sehe, merke ich, dass Erdoğan für mich seinen Zauber verloren hat. Ich habe es durchschaut – wie er versucht über Nationalstolz die Türken im Ausland hinter sich zu vereinen. Ich hätte es wohl genauso cool gefunden, Kim Jong-un auf der Straße zu treffen. Es sind eben Leute, über die die Welt spricht. Attraktionen, keine Idole. Zumindest nicht für den Deutschen in mir. Das beruhigt mich.

Ich fahre weiter nach Kanlica und halte dort meinen Pflichtbesuch am Grab von Baris Manco ab. Was ich nicht alles für meinen Lieblingssänger mache… Bei Baris übernimmt wieder der türkische Groupie das Steuer. Meine Reise bleibt eine Achterbahnfahrt.

Es gibt keine Gläubigen-Mittelschicht wie in Deutschland.

Einmal haben wir im Geschichtsunterricht in meiner Bottroper Grundschule über Atatürk gesprochen. Obwohl ich nicht wusste, was er getan hat, bekam ich Gänsehaut, weil es mich stolz gemacht hat, seinen Namen zu hören. Der türkische Personenkult um Atatürk hält bis heute an. Es ist eine ganze Maschinerie, jeder mystifiziert ihn und folgt treu seiner Figur. Nicht nur die Türken. Auch Hitler und Winston Churchill sollen zu ihm aufgesehen haben.

Mein Urgroßvater dagegen liebte Menderes, der 1950 Ministerpräsident war und so etwas wie der Anti-Atatürk. Ein Verfechter von mehr Religion im Staat. „Hätten sie damals Menderes nicht erhängt, dann wären die Deutschen zu uns zum Arbeiten gekommen“, sagte mein Uropa immer. Die Amtszeit von Adnan Menderes dauerte knapp zehn Jahre und wurde durch einen Putsch des türkischen Militärs beendet. Seitdem ist er für viele eine Legende. Erdoğan sieht sich als seinen Nachfolger.

Atatürk oder Menderes – beide kann man nicht lieben. Der Streit darüber spaltet die Türken: Ungläubige für Atatürk, Gläubige für Menderes. Und wieder haben wir das Problem der politischen Lager. Entweder oder. Dazwischen bleibt nichts.

1999 flog eine Abgeordnete aus dem türkischen Parlament und verlor ihre Staatsbürgerschaft, weil sie ein Kopftuch im Parlament getragen hatte. Auf YouTube kursieren etliche Videos aus der Zeit, in denen Musliminnen aus den Universitäten geschmissen werden, nur weil sie Kopftuch tragen.

Erdoğan hat diese Machtverhältnisse umgedreht. Er gab, als er im Amt war, der Abgeordneten ihre Staatsbürgerschaft und der Religion ihren politischen Einfluss zurück. Die Zeit, in der Religion nicht sichtbar sein durfte, nennt er „eski Türkiye“ (dt.: „Alte Türkei“) und sagt, dass es in der „yeni Türkiye“ (dt.: „neuen Türkei“) nicht mehr so ist. Jetzt werden Frauen angegangen, weil sie Shorts tragen.

Mein Vater konnte nie irgendwo ankommen

Als mein Vater klein war, wohnte seine Familie in einem Mietshaus im Ruhrgebiet. Im Erdgeschoss hauste eine alte Dame, die meinem Vater nachmittags Deutsch beibrachte. Jeder Türke, den ich kenne und der es in Deutschland zu etwas gebracht hat, erzählt mir von so einer Bezugsperson. Von jemandem, der geholfen hat. Wenn aber mein Vater in den dritten Stock ging, in die Wohnung meiner Großeltern, dann sprachen alle Türkisch und mein Großvater redete immer wieder davon, bald endlich in die Türkei zurückzugehen.

Wenn ich mich schon nicht zwischen meinen Identitäten entscheiden kann, wie schwierig muss es dann erst für meinen Vater sein? Oder meine Großeltern. Erdoğan fängt genau das auf. Er gibt allen Türken im Ausland das Gefühl, zur Türkei zu gehören. Er schenkt ihnen eine Identität. Mein Vater ist kein großer Anhänger, aber er mag Erdoğan.

Vom Balkon meiner Großeltern in Ankara sah ich früher das Grab des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, den Atakule Fernsehturm und die Kocatepe Moschee. Mittlerweile ergänzt der Palast von Erdoğan den Ausblick. Dieser Ausblick ist für mich ein Sinnbild für die Türkei: eine Aufreihung großer Bauwerke, eine Aneinanderreihung großer Männer. Auch Erdoğan Zeit wird irgendwann enden. Das ist immer so. Vor allem in der Türkei.

Nur ein ganz normaler Autokrat

Meine letzten Tage in Istanbul verbringe ich in einem Hotel am Galataturm, in einem Zimmer ohne Fenster. Mit Zigaretten freunde ich mich – auch hier – mit dem Hotelpersonal an. Der Mitarbeiter in der Lobby träumt von einer Schauspielkarriere, der Mitarbeiter an der Bar von einer eigenen Bar in der Küstenstadt Bodrum, und ein Afghane, der Koch, Kellner und Barkeeper zugleich ist, möchte seinen Eltern in Afghanistan einfach nur Geld zukommen lassen. Das sind noch einfache Wünsche und Probleme, die sowohl der Deutsche als auch der Türke in mir verstehen können.

Ich: 2. Der Afghane: 0.

Der Afghane wird in den nächsten Tagen mein lebendiger Wecker, er bereitet das Frühstück vor und klingelt mich aus dem Bett. Beim Frühstück kalkulieren wir gemeinsam seinen Traum von einer eigenen Bar.

Rein rechnerisch dürfte der Afghane gar kein Geld zum Leben haben. Alles geht für Kippen und Miete drauf. Auch sein Bruder arbeitet in der Türkei. Eines Tages würden die Geschwister gerne ihre Eltern dazu holen. Sie haben die Bindung zu ihrem Land verloren. Für ihn ist Afghanistan nicht mehr seine Heimat. Zu viele Bomben haben das Land zerstört. In der Türkei hofft er auf ein besseres, neues Leben. Noch hat er hier keine Heimat. Und ich habe zwei.

Das Zuckerfest nach dem Putsch

Am Ende meiner Reise fliege ich aus Istanbul nach Ankara, um meine Großeltern am Zuckerfest zu überraschen. Als ich vor ihrer Tür stehe, ist meine Oma den Tränen nahe. „Mein Junge, ich hatte es im Gefühl, dass du kommst“, sagt sie. Mein Opa hingegen gibt sich gewohnt distanziert.

Meine Großeltern wohnen im Stadtteil Yenimahalle, nicht weit vom Hauptsitz des türkischen Geheimdienstes. Schüsse und tieffliegende Flugzeuge weckten sie in der Nacht des Putsches. In Bottrop saß ich währenddessen mit meiner Familie vor dem Fernseher. Wir haben alle zehn Minuten angerufen, um zu fragen, ob sie noch leben.

Für die Türken war der Putsch ein traumatisches Erlebnis, emotional stecken sie da immer noch drin. Jeder weiß, wie er an diesem Tag davon erfahren hat. Es ist vermutlich ein ähnliches Erlebnis gewesen wie für die Amis der 9/11. Das Vorgehen der Regierung gegen die angeblich beteiligten Menschen wird daher nicht hinterfragt. Deshalb finden viele es auch nicht so schlimm, dass es jetzt – nach dem Putsch – nicht mehr rechtsstaatlich im Land zugeht.

Mein Onkel zeigt mir auf seinem Handy Bilder von Menschen, die von Panzern zerquetscht wurden. Es sind Aufnahmen, die wochenlang über WhatsApp rumgingen.

Auf einmal bin ich ganz Deutschland

Am nächsten Tag spaziere ich durch Ankara. Auf dem Rückweg zum Haus meiner Großeltern steige ich in der Nähe der deutschen Botschaft in ein Taxi. Der Taxifahrer hört meinen deutschen Akzent und fragt mich, ob ich Politiker sei. Ich verneine. Und sage ihm, dass ich Journalist bin. Er atmet tief ein. „Wieso tut Deutschland nichts gegen die Terroristen?“, fragt er laut. Jetzt sitzt in seinen Augen nicht Hüdaverdi neben ihm, sondern die gesamte Bundesrepublik. In den Augen vieler Türken hat sich Deutschland auf der Seite der Putschisten positioniert.

„Bei dem Putschversuch sind etliche Menschen gestorben und sie nehmen die Drahtzieher sogar noch auf“, sagt der Taxifahrer. Ich erwidere, dass die türkische Regierung Beweise vorlegen müsse. „Der Putsch ist doch der größte Beweis!“, sagt er, schiebt demonstrativ sein Hemd über die Arme und zeigt mir seine Narben am Hinterkopf. Auch an der Schulter und seiner Brust habe er Einschusslöcher.

In dem Moment schäme ich mich. Eigentlich würde ich gerne sagen, dass Erdoğan sich selbst entlassen müsste. Weil er früher auch mit Fetullah Gülen zusammengearbeitet hat, der heute von ihm als Terrorist verfolgt wird. Eigentlich möchte ich auch sagen, dass es ein Unrecht ist, so viele Leute einzusperren und zu entlassen.

Als ich aber seine Narben sehe, habe ich das Gefühl, dass alles, was ich sagen könnte, falsch wäre. Er erzählt, dass er in der Putschnacht angeschossen wurde, als er sich gegen das Militär gestellt habe. Und plötzlich wird der Putsch für mich spürbar. Jedes Leid bekommt Bedeutung, wenn man anfängt, es zu spüren. Ob türkisches, kurdisches oder sonst eines. „Sorge in Deutschland für eine fairere Berichterstattung über die Türkei“, sagt der Taxifahrer zu mir.

Mir wird klar: Ich bin Deutschland. Ich habe einen deutschen Pass. In der Türkei kann ich nicht einmal wählen. Je weiter ich von der türkischen Politik entfernt bin, je weniger ich mich damit beschäftige, desto lieber bin ich bei meiner Familie in der Türkei. Aber die Türkei ist nicht mein Land. Ankara nicht meine Heimatstadt. Ich lebe in Bottrop. Und dort gibt es genug Stoff, mit dem ich mich beschäftigen möchte. Zu dem ich eine Haltung entwickeln und darüber schreiben will. Was ich verändern muss. Zum Besseren. Ich möchte mich nicht über die PKK, Erdoğan und Gülen streiten. Würde ich mich in der Türkei dazu positionieren, würde ich mir Mauern in Deutschland errichten. Sie würden mich daran hindern, mit allen türkischen Gruppierungen in einen Dialog treten zu können. 

Durch meine deutsche Staatsbürgerschaft stehe ich unter dem Schutz des Bundesadlers. Und selbst in der Türkei sehen sie den Schatten der Flügel, den der Adler auf mich wirft. Von Halbmond keine Spur. Genau das verpflichtet mich, Deutschland etwas zurückzugeben und mitzugestalten. Es ist mein Land.

Der Türke und Deutsche in mir können sich in Deutschland versöhnen.  

Wenn deutsche Politiker von türksichen oder deutsch-türkischen Bloggern erwähnt werden, dann oft nur negativ.

Wenn deutsche Politiker von türksichen oder deutsch-türkischen Bloggern erwähnt werden, dann oft nur negativ.© Foto: Ivo Mayr/Correctiv, Quelle&Grafik: BR

Türkei

Erdoğan der Held, Gabriel der „Fettsack“

Was bewegt Leser von Medien mit dem Schwerpunkt Türkei im Netz? Eine gemeinsame Datenanalyse mit dem Bayerischen Rundfunk.

weiterlesen 5 Minuten

von Niels Ringler , Catharina Felke , Margherita Bettoni

Der Autokorso für den inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel sei ein „Affenzirkus“, die Evolutionstheorie eine Lüge, Außenminister Sigmar Gabriel ein „Fettsack“. Blogger nutzen soziale Netzwerke wie etwa Facebook, um zu hetzen und gezielt Desinformation zu betreiben. Und haben oft eine größere Reichweite als viele klassische Medien, wie etwa Zeitungen oder Nachrichtenportale.

CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk haben 95 Facebook-Auftritte verschiedener Medien mit dem Schwerpunkt Türkei über einen Zeitraum zwischen Januar 2016 und September 2017 ausgewertet. Wir wollten wissen, welche Themen von türkischsprachigen oder deutsch-türkischen Medien aufgegriffen werden, die Nutzer in Deutschland erreichen wollen.

Dafür haben wir knapp 500.000 Facebook-Posts von Newsseiten und Blogs mit einem Programm analysiert. Die Seiten haben wir danach ausgewählt, ob sie ihren Sitz in der Türkei haben oder türkischsprachige Medien in Deutschland oder deutsch-türkische Medien sind, die abwechselnd auf Deutsch und Türkisch veröffentlichen. Dabei berücksichtigen wir nur Medien, die entweder mehr als 10.000 Facebook-Follower haben oder eine Printauflage von mindestens 10.000 Stück. Die Auswahl der Medien orientiert sich daran, ob dort besonders oft über deutsche und türkische Politik geschrieben wird.

Ein Trend: In Deutschland sind auf Facebook Blogger beliebter als traditionelle Nachrichtenportale wie etwa Tageszeitungen oder Fernsehsender: Von den zehn beliebtesten Facebook-Seiten, die über die Türkei berichten, werden sechs von regierungsnahen Bloggern betrieben, wie etwa die Seite „Osmanische Generation“ (fast 68.000 Follower) oder „Stolz der Türkei — R.T. Erdoğan“ (über 67.000 Follower). Diese Blogger äußern sich überwiegend positiv über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Regierungspartei AKP. Einige von ihnen hetzen aggressiv gegen deutsche Politiker und deutsche Journalisten, andere gegen Homosexuelle oder Juden.

Infografik Türkische Medien in Deutschland Top Ten

Das Balkendiagramm zeigt die zehn beliebtesten Facebook-Seiten gemessen an der Anzahl ihrer Fans. Ausgewertet wurden 38 Seiten mit Mehrheit der Follower aus Deutschland.

Bayerischer Rundfunk

Um zu erkennen, welche Themen sie besonders oft aufgreifen, haben wir nach Stichwörtern gesucht, die auf den Seiten oft benutzt werden. Zwei Wörter kommen bei fast allen vor: Türkei und Deutschland. Ein Indiz dafür, dass hier oft über die Spannungen zwischen beiden Ländern berichtet wird. Ein anderes Wort, dass sehr häufig vorkommt, ist die in Deutschland und in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans „PKK“.

Wenn über deutsche Politiker berichtet wird, gibt es auf den Blogs weitaus mehr Reaktionen als auf den Seiten der traditionellen Medien. Dafür haben wir Politikernamen wie Angela Merkel, Sigmar Gabriel oder Cem Özdemir ausgewählt. Bei den Posts, die einen dieser Namen enthalten, haben wir die Reaktionen darauf (Likes, Shares, Comments, Emoji-Kommentare) gezählt. Bei Bloggern reagieren Facebook-User drei bis vier Mal stärker auf die deutschen Politiker als bei den Nachrichtenseiten – und das, obwohl diese Politiker dort mindestens genauso oft erwähnt werden.

Auffällig dabei ist: Wenn deutsche Politiker erwähnt werden, dann oft nur in einem negativen Zusammenhang. Wir haben als Beispiel 30 Posts mit den meisten Reaktionen über Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Sigmar Gabriel, den Grünen-Spiztenkandidaten Cem Özdemir und die Abgeordnete der Linken Sevim Dağdelen, genommen. Vor allem die Linke Dağdelen wird heftig beschimpft und oft bedroht in den Kommentaren der Follower.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Zum Vergleich: Der türkische Präsident Reep Tayyip Erdoğan wird hingegen fast nur im positiven Zusammenhang erwähnt.

Infografik Türkische Medien in Deutschland

Die Tortendiagramme zeigen, in welchem Kontext deutsche Politiker auf Facebook erwähnt werden. Dafür haben wir von allen Posts, in denen zB. “Merkel” oder “Gabriel” erwähnt wurden jene 30 mit den meisten Reaktionen (Likes, Shares, Wow-, Angry-Button etc.) ausgewertet.

Bayerischer Rundfunk

Mitarbeit : Claudia Gürkov und Lisa Wreschniok


Die Recherche erfolgte in Kooperation mit dem „Bayerischen Rundfunk“ und der türkischen Exilredaktion ozguruz.org. Die Autoren Catharina Felke, Claudia Gürkow, Niels Ringler und Lisa Wreschniok sind Redakteure bei BR-Data und BR-Recherche.

Die türkische Botschaft in Berlin, der Blick Erdoğans: welche Rolle spielen die Diplomaten in der AKP-Propaganda?© Ivo Mayr / Correctiv

Türkei

Kommt die Hetze aus der türkischen Botschaft?

Türkische Blogger aus Deutschland hetzen im Netz gegen deutsche Politiker und Journalisten. Einige von ihnen unterhalten offenbar beste Verbindungen in die türkische Botschaft in Berlin. Eine gemeinsame Recherche von CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk.

weiterlesen 8 Minuten

von Claudia Gürkov , Catharina Felke , Margherita Bettoni

Seit 220 Tagen sitzt der Journalist Deniz Yücel ohne Anklage in der Türkei in Haft. Ginge es nach dem deutsch-türkischen Blogger Bilgili Üretmen, würde er jeden Tag verprügelt. Üretmen ist nicht irgendwer: der Video-Blogger aus Soest in Westfalen ist ein Internet-Star. Auf Facebook hat er über 50.000 Follower. Dort hetzt er gegen deutsche Medien und deutsche Politiker. Aber das hält einen hochrangigen Mitarbeiter der türkischen Botschaft offenbar nicht davon ab, ihn zu unterstützen.

Üretmen soll zukünftig für das im Aufbau befindliche Internet-TV Z-23 TV eine Sendung produzieren. Nach gemeinsamen Recherchen von CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk (BR) ist der Sprecher der türkischen Botschaft in Berlin in den Sender aus Duisburg verwickelt. In seinem Namen wurde die Internetseite von Z-23 TV registriert.

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Der Video-Blogger Bilgili Üretmen soll auf Z-23 TV die Sendung „Gürbadgee” halten

Quelle: Youtube-Kanal Bilgili Üretmen

Hetze mit Hilfe des Botschaftssprechers: das könnte die deutsch-türkischen Beziehungen weiter belasten, die seit Monaten stark angespannt sind. Neben dem „Welt“-Korrespondenten Yücel sitzen weitere deutsche Staatsbürger ohne Anklage in türkischen Gefängnissen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wirft Deutschland vor, Terroristen zu unterstützen. Türkische Medien mit Nähe zur Erdoğan-Partei AKP greifen immer wieder deutsche Politiker an. Neulich forderte Erdoğan seine Landsleute in Deutschland auf, CDU, SPD und Grüne bei den Bundestagswahlen nicht zu unterstützen, da diese Parteien „Feinde der Türkei“ seien.

In Deutschland leben 1,4 Millionen Menschen, die auch in der Türkei wahlberechtigt sind. Sie sind eine wichtige Wählergruppe. Immer wieder sind sie daher im Visier der Propaganda der Erdoğan-Partei AKP. Insgesamt leben in Deutschland 2,8 Millionen türkeistämmige Menschen.

Schläge für Yücel

Der Duisburger Sender Z-23 TV richtet sich an Menschen, die  „immer häufiger auf ‘alternative Medien’ zurückgreifen müssen, um auch Ansichten außerhalb der Mainstream-Medien wahrnehmen zu können“. Der Sender will „weitere alternative Sichtweisen auf globale Ereignisse“ geben, in einem Land, in dem die Medien angeblich in den Händen weniger konzentriert seien. Hier soll Üretmen zukünftig seine anti-deutsche AKP-Propaganda verbreiten. In einem Youtube-Video wünschte er sich, dass die Bewacher von Yücel den Journalisten „einmal pro Tag mit dem Schlagstock durchnehmen“. Außenminister Sigmar Gabriel nannte er „Fettsack-Siggi“, Deutschland warf er Nazi-Methoden vor.

Auch die AKP-nahe Internet-Aktivistin Esma Akkuş gehört zum Team von Z-23 TV. Und auch sie hetzt gegen Deutschland. Deutschen Parteien wirft sie vor,  „Scheiße in unterschiedlichen Brauntönen zu sein“. Yücel wünscht sie „weitere 2000 Tage“. Lebenszeit? Oder im Gefängnis?

Der Inhaber der Internetdomain des Senders war nach Recherchen von CORRECTIV und dem Bayerischen Rundfunk Refik Soğukoğlu. Er ist seit 2013 Sprecher der türkischen Botschaft in Berlin. Am 13. März 2017 um 17:21 Uhr wurde die Internetseite für Z-23 TV in seinem Namen registriert.

Wer eine Webseite registriert, muss einen Verantwortlichen benennen und eine Adresse und Kontaktdaten angeben. Auch für Z-23 findet sich eine Telefonnummer. Ans Telefon geht Soğukoğlu. Ja, dies sei seine Handynummer, sagt er. Aber mit der Internetseite und dem Projekt Z-23 TV habe er nichts zu tun. Er könne sich nicht erklären, wie sein Name und seine Handynummer ins Register geraten sind. Dies könne nur ein Betrug sein, denn er besitze keine einzige Internetdomain. 

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Der Sender Z-23 TV sitzt in Refik Soğukoğlus Heimatstadt Duisburg

David Schraven

Soğukoğlu war jedoch bis zu unserer Anfrage eingetragener Inhaber der Domain. Insgesamt konnten CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk jedoch fünf Domains identifizieren, die unter dem Namen des Botschaftssprechers registriert waren: dazu zählen auch z23-tv.at und z23.ch. Womöglich ist ein österreichischer und ein schweizerischer Auftritt der Sendung geplant. Hinzu kommt die Internetdomain gurbadgee.com. „Gurbadgee“ soll die Sendung heißen, die der Blogger Üretmen nach eigenen Angaben für „Z-23 TV“ produzieren soll. „Gurbadgee“ ist vermutlich eine Mischung aus „gurbetçi“, auf Deutsch Auswanderer und „gee“, Slang für Gangster.

Auch in einer E-Mail bestritt Soğukoğlu, privat oder amtlich mit Z-23 TV verbunden zu sein. Doch unter den auf der Internetseite aufgelisteten Teammitgliedern findet sich ein Cousin von Soğukoğlu, der als Geschäftsführer der Sendung aufgeführt wird. Die Liste verschwand von der Seite, nachdem wir Soğukoğlu kontaktierten. In den Registerdaten für die Internetdomain wurde sein Name durch den seines Cousins ersetzt.

In einer Stellungnahme von Z-23 TV nach der Veröffentlichung heißt es, dass der Sender seit Ende Mai keinerlei Verbindungen mehr zum Blogger Üretmen habe. Es bestehe auch keinerlei Verbindung zur türkischen Botschaft in Berlin.

Noch Anfang Juni machte Üretmen allerdings auf seinem Youtube-Kanal Werbung für seine Sendung auf Z-23. Bis wenige Tage vor der Veröffentlichung unserer Recherche befand sich auf der Facebook-Seite von Z-23 ein Video, das Üretmen bei einem Rundgang durch den Sender zeigt.

Was weiß die Botschaft?

Laut einem Medienbericht besuchten Soğukoğlu und der Blogger Üretmen gemeinsam den Studiengang „Film und Regie“ an der Ruhr-Akademie Schwerte und drehten gemeinsam zwei Filme. Üretmen und die Aktivistin Akkuş ließen Fragen unbeantwortet. Stattdessen beleidigte er: „Und ihr denkt, dass ich solchen A*****chern wie euch auch nur eine Frage beantworte? Fragt doch euren Staatsverräter Can Dündar, der weiß doch soviel…Jetzt nervt mich nicht! Und wagt es ja nicht, vor meiner Tür aufzukreuzen!“

Can Dündar ist der Chefredakteur der türkischen Exil-Redaktion #ÖZGÜRÜZ, ein Projekt von CORRECTIV.

Soziogramm Türkische Botschaft Z-23 TV

Beziehungen rund um die türkische Botschaft und Z-23 TV

Bayerischer Rundfunk

Die türkische Botschaft äußerte sich auf Anfrage nicht. Es ist nicht klar, ob sie über die Verbindungen zwischen ihrem Sprecher Soğukoğlu und Z-23 TV im Bilde ist. Darf eine Botschaft oder einer ihrer Mitarbeiter im Gastland Medien derart unterstützen? „Es gibt keine klare Begrenzungen im Hinblick auf den Einfluss ausländischer Regierungen in Deutschland“, sagt der Medienrechtler Bernd Holznagel.

In der Vergangenheit sei das Thema immer wieder einmal diskutiert worden, etwa als der ehemalige italienische Präsident und Medienmogul Silvio Berlusconi Anteile an bayerischen Medienunternehmen kaufen wollte. Doch die Diskussion sei dann wieder eingeschlafen. 

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Ein Vierjahres-Plan?

CORRECTIV und der BR haben 95 Facebook-Auftritte von türkischen und deutsch-türkischen Medien und Blogs analysiert. 38 von ihnen werden vor allem in Deutschland gelesen. Unter diesen haben Blogger und alternative Medien mit dem Schwerpunkt Türkei auf Facebook insgesamt eine größere Reichweite als traditionelle türkischsprachige Medien wie Zeitungen oder Fernsehsender.

Von den zehn beliebtesten Facebook-Seiten sind sechs von AKP-nahen Bloggern betrieben. Die Auswertung von fast 500.000 Facebook-Posts  zeigt, dass in sozialen Medien die Berichterstattung traditioneller Medien über deutsche Politiker weniger Reaktionen hervorruft, als wenn sie auf den Facebook-Seiten der Blogger erwähnt werden. Und oft genug hetzen sie gegen deutsche Politiker oder verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien.

Die türkische Botschaft in Berlin verfolgt offenbar eine langfristige Strategie. Im Dezember 2014 traf sich der Botschaftssprecher Soğukoğlu nach einem Bericht der türkischsprachigen Online-Zeitung „Elbe Express“ in Hamburg mit türkischsprachigen Medien aus Norddeutschland. Soğukoğlu soll Unterstützung für lokale, türkischsprachige Medien versprochen haben.

Er soll von einem „vierjährigen Leitplan“ gesprochen haben. Ähnliche Treffen haben laut Medienberichten zufolge unter anderem in Duisburg, München, und in Stuttgart stattgefunden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Botschaft im Gastland Kontakte zu Medien in der eigenen Sprache pflegt. Doch nun hat der Botschaftssprecher ungeachtet der enormen Spannungen im deutsch-türkischern Verhältnis offenbar Verbindungen zu einem Internetsender, der auch Hetzblogger beschäftigt.

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Noch befindet sich der Sender in seiner Testphase. Auch auf dem Briefkasten hängt nur ein provisorisches Schild

David Schraven

Z-23 TV hat seinen Sitz in der Nähe des Duisburger Hauptbahnhofs. An der Klingel ist auf einem Stück Paketklebeband mit einem schwarzen Edding „Z 23“ gekritzelt. Man könne sich nicht erklären, wie der Name von Refik Soğukoğlu in den Domaindaten der Webseite gelandet ist. Muharrem Bulut, der Generaldirektor des Senders, behauptet, den Botschaftssprecher nicht zu kennen. Obwohl beide auf Facebook befreundet sind. Bei unserem Besuch zückte Bulut sein Handy und filmte. Als wir ihn darauf hinwiesen, dass das nicht so einfach gehe, sagte er uns: „Ich interessiere mich nicht für deutsche Gesetze.“

*Aktualisierung, eingefügt am 22. September: Wir haben den Text nach einer Stellungnahme von Z-23 TV um zwei Absätze ergänzt.


Mitarbeit: Hüdaverdi Güngör, Niels Ringler, David Schraven und Lisa Wreschniok


Die Recherche erfolgte in Kooperation mit dem „Bayerischen Rundfunk“ und der türkischen Exilredaktion ozguruz.org. Die Autoren Catharina Felke, Claudia Gürkow, Niels Ringler und Lisa Wreschniok sind Redakteure bei BR Data und BR Recherche.

Auf andere zeigen: deutsch-türkische Blogs mit Nähe zur türkischen Regierungspartei AKP hetzen immer wieder gegen deutsche Politiker.© Ivo Mayr / Correctiv

Türkei

Die Top 12 Facebook-Posts aus deutsch-türkischen Blogs über deutsche Politiker

Wenn deutsche Politiker in Talkshows auftreten, wird auch auf den Facebook-Seiten deutsch-türkischer Blogs diskutiert. Wir haben gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk die zwölf Posts mit der stärksten Reaktion für vier deutsche Politiker heraus gesucht.

von Catharina Felke , Margherita Bettoni , Niels Ringler

Welche Posts über Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Sigmar Gabriel, den Grüne-Spitzenkandidaten Cem Özdemir und die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen bekommen auf den Facebook-Auftritten von Medien und Bloggern mit Schwerpunkt Türkei die meisten Reaktionen? 

CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk haben 95 Facebook-Seiten von klassischen Medien und Bloggern ausgewertet. Dazu haben wir fast eine halbe Million Facebook-Posts nach den Namen der vier Politiker durchsucht. 

Hier sind die zwölf Facebook-Posts mit den meisten Reaktionen (likes, shares, comments, angry, sad) zu vier deutschen Politikern: Angela Merkel, Sigmar Gabriel, Cem Özdemir und Sevim Dağdelen im Zeitraum vom 1. Januar 2016 bis September 2017. Die Anzahl der Reaktionen bezieht sich dabei auf dem Stand von Anfang September 2017.


Mitarbeit: Claudia Gürkov und Lisa Wreschniok

Diese Recherche erfolgt im Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk . Die Autoren Catharina Felke, Claudia Gürkov, Niels Ringler und Lisa Wreschniok sind Redakteure bei BR-Data und BR-Recherche. 

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© Mehmet Erol

Türkei

Der lange Marsch auf Istanbul

Derzeit marschieren tausende Menschen in der Türkei 400 Kilometer von Ankara nach Istanbul. Es ist eine der größten Demonstrationen der türkischen Geschichte. Am Wochenende wird der Demonstrationszug an der Stadtgrenze der türkischen Metropole erwartet – just zu dem Zeitpunkt, an dem Präsident Erdoğan auf dem G20-Gipfel in Hamburg auftritt. Eine Analyse.

weiterlesen 5 Minuten

von Can Dündar

Als im Jahr 1960 in der Türkei eine repressive rechte Regierung die größte Oppositionspartei CHP verbieten wollte und alle Demonstrationen untersagte, startete der damalige Parteichef eine großartige Aktion.

Mit den Worten: „Ich gehe jetzt Geld abheben“ ging Ismet Inönü in Ankara aus seinem Haus und machte sich zu Fuß auf ins Stadtzentrum. Binnen kurzem folgten ihm Tausende Menschen. Die Aktion „Ich gehe Geld abheben“ verwandelte sich unter den konsternierten Blicken der türkischen Polizei in eine Demonstration. Wenige Monate darauf stürzte die Regierung.

Heute, 57 Jahre später, geht erneut ein CHP-Chef auf die Straße, weil eine repressive rechte Regierung seine Partei bedrängt. Dieses Mal marschiert er nicht zur Bank, sondern von Ankara nach Istanbul.

Der große Marsch

Der 400-Kilometer-Marsch des 68-jährigen Kemal Kılıçdaroğlu könnte die größte Aktion in der Geschichte seiner Partei werden, eine der größten Aktionen in der Geschichte der Türkei.

Als Kılıçdaroğlu 2010 den Parteivorsitz übernahm, gab man ihm den Beinamen „Gandhi Kemal“. Sein Aussehen erinnert an Mahatma Gandhi – doch seine Führungsqualitäten waren weit entfernt von denen seines indischen Kollegen. Kılıçdaroğlu entstammt der Verwaltung, er trieb eine Mitte-Rechts-Annäherung voran, hielt sich von der Straße fern und sperrte die Opposition im Parlament ein. Seine Partei gewann nie mehr als 25 Prozent der Stimmen. Es war mit sein Verdienst, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum alternativlosen Staatschef wurde.

Nach dem der Ausnahmezustand in der Türkei verhängt wurde, geriet die Justiz vollkommen unter Erdoğans Fuchtel. Die beiden Vorsitzenden der HDP und zehn ihrer Abgeordneten wurden verhaftet, es ist die drittgrößte Partei in der Türkei. Auch da schaute Kılıçdaroğlu weg. Er solidarisierte sich nicht mit der HDP. Er blieb auch fern, als Wähler voller Zorn auf die Straße gingen, weil man ihnen beim Volksentscheid ihre Nein-Stimmen gestohlen hatte.

Landesverräter

Martin Niemöller wurde in der Türkei zitiert: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Was nun den Chef der CHP auf die Straße treibt, hängt mit der einem Vorgang zusammen, der auch mich ins Gefängnis brachte. Als wir die geheimen Waffentransporte des türkischen Geheimdienstes nach Syrien enthüllt und mit Videoaufzeichnungen belegt hatten, klagte man mich als Landesverräter an und forderte verschärfte lebenslange Haft. Am Ende verurteilte mich ein Gericht für diese Enthüllung zu fünf Jahre und zehn Monaten Gefängnis. Später behauptete die Polizei, ein CHP-Abgeordneter habe mir das entscheidende Video zugespielt. Einen Tag, bevor wir die Geschichte veröffentlichten, hatte ich tatsächlich mit dem Vize-Vorsitzenden der CHP telefoniert, Enis Berberoğlu. Die Polizei wertete meine Telefonprotokolle aus und leitete ein Verfahren gegen ihn ein. Gegen mich wurde ein neuer Prozess in gleicher Sache aufgenommen – unter Verletzung sämtlicher internationaler Rechtsnormen. Ich wurde gemeinsam mit meinem Vertreter in Ankara, Erdem Gül, angeklagt. Nun zusammen mit dem CHP-Abgeordneten Enis Berberoğlu.

Am 14. Juni 2017 trennte das Gericht unser Verfahren ab und verurteilte Berberoğlu zu 25 Jahren Gefängnis. Der Vorwurf: „Veröffentlichung von geheimzuhaltenden Dokumenten zwecks politischer und militärischer Spionage“. Berberoğlu wurde vom Fleck weg verhaftet und eingesperrt.

Der Protest

Diese Verhaftung war der eine Tropfen, der für Kılıçdaroğlu das Fass zum Überlaufen brachte.

Denn die regierungsnahe Presse fing an zu behaupten, Berberoğlu habe das Video von Parteichef Kılıçdaroğlu erhalten. Ganz offensichtlich sollte er nun der nächste sein, der ins Gefängnis gebracht werden sollte. Wie würde Kılıçdaroğlu reagieren? Einige Menschen erwarteten, er würde wieder nur eine Pressemitteilung mit sachter Kritik veröffentlichen. Andere erwarteten eine Eingabe bei einem übergeordneten Gericht, dem längst niemand mehr vertraut. Oder würde Kılıçdaroğlu diesmal auf seine Parteibasis hören, die forderte: Wir müssen etwas tun?

Tatsächlich sagte Kılıçdaroğlu: „Das ist unerträglich geworden. Es reicht!“ Damit hatte niemand gerechnet. Er sagte, er werde am 15. Juni vom Stadtzentrum in Ankara aus einen Marsch nach Istanbul starten. In der Hand nur ein Plakat, auf dem „Gerechtigkeit“ steht. Er sagte: „Wer will, kommt mit. Wenn sie es verbieten, sieht die ganze Welt den Skandal.“

Am nächsten Tag warteten die Menschen gespannt auf die Reaktion der Erdoğan-Regierung. Nachts errichteten Baumaschinen Barrikaden auf dem zentralen Platz. Als aber eine große Menschenmenge mit Kılıçdaroğlu eintraf, sah sich die Regierung zum Rückzug gezwungen.

Kılıçdaroğlu brach zu seinem 400-Kilometer-Marsch auf. 28 Tage sollte er dauern und in Istanbul enden, und zwar vor dem Gefängnis Maltepe, in dem Berberoğlu einsitzt.

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Zu Fuß von Ankara nach Istanbul: Der lange Marsch für Gerechtigkeit

Diese Aktion von „Gandhi Kemal“, die an den 400 km langen „Salzmarsch“ des indischen Freiheitskämpfers von 1930 erinnert, machte der schweigenden Opposition in der Türkei auf einen Schlag Beine. Die Menge wuchs Tag für Tag und erreichte bald die Zehntausend. Tagtäglich schlossen sich unterschiedliche Kreise der Gesellschaft – Vertreter anderer Parteien, oppositionelle Organisationen, zivilgesellschaftliche Verbände, Künstler, Schriftsteller – dem Marsch an und solidarisierten sich.

Bei der Regierung schrillten die Alarmglocken.

Erdoğans Zwickmühle

Erdoğan erklärte, Gerechtigkeit könne man nicht auf der Straße finden, und sagte: „Wundern Sie sich nicht, wenn die Justiz Sie vorlädt.“ Das war eine offene Drohung. Hinzu kamen die Provokationen von Regierungsanhängern, die vor den Konvoi des Marsches für Gerechtigkeit Mist kippten und Patronen auf die Straße legten. Doch das steigerte die Anzahl der Mitmarschierenden nur.

Die CHP gibt bekannt, am Wochenende würden eine Million Menschen Kılıçdaroğlu in Istanbul begrüßen.

Erdoğan muss eine Entscheidung treffen.

Entweder lässt er die Marschierenden ungehindert ziehen – und ist gezwungen, die größte gegen ihn gerichtete Aktion mitanzusehen; oder er schneidet dem Marsch den Weg ab – und zeigt der ganzen Welt, dass in der Türkei sogar das Gehen verboten ist.

Kılıçdaroğlu wird just zu dem Zeitpunkt in Istanbul erwartet, an dem Erdoğans Deutschland zum G20-Gipfel besucht.

Für Erdoğan eine Zwickmühle. Während der türkische Präsident in seinem eigenen Land die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit behindert, fordert er von Deutschland Rede- und Versammlungsfreiheit. Sollte er den Zug stoppen, wird er erneut an Glaubwürdigkeit und Ansehen einbüßen – national und international.

Doch was passiert, wenn er den Marsch nicht aufhält? Seine Autorität würde erschüttert und der Weg für künftige Demonstrationen geebnet. Schon hat Kılıçdaroğlu erklärt, er werde den Marsch nicht nur bis Istanbul fortsetzen, sondern auch danach weiterziehen. Solange, bis Gerechtigkeit in der Türkei hergestellt ist. „Wir werden stets auf der Straße sein“, sagte CHP-Chef Kılıçdaroğlu.

Es geht nicht nur um Kılıçdaroğlus Führungsqualitäten; es geht um eine Machtprobe mit Erdoğan.

Der Sommer in der Türkei ist heiß.

Und er wird noch heißer.


Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

© Stefan Laurin / correctiv.org

Türkei

Pressefreiheit: Erdoğan mag sie nicht – weder in der Türkei noch in Deutschland

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließ die Werbetour für das anstehende Verfassungs-Referendum in der Türkei in Oberhausen starten. In seinem Namen warb dort der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım für die Einführung eines Präsidialsystems. Journalisten einiger kritischer Medien waren nicht zugelassen. Möglichst wenig sollte die „Ja“-Rufer stören. In der Türkei setzten Erdoğans Leute unterdessen schon in den vergangenen Tagen den Welt-Korrespondenten Deniz Yücel fest.

weiterlesen 4 Minuten

von Stefan Laurin

Beim Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım in Oberhausen zeigte die türkische Regierungspartei AKP erneut, dass sie nichts von Pressefreiheit hält. Vertretern mehrer Medien, darunter zwei Reportern von CORRECTIV, wurde der Zugang zur König-Pilsener Arena verweigert, in der Yıldırım für die Einführung eines Präsidialsystems mit diktatorischen Zügen warb.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine Partei AKP machen seit Monaten klar, dass die freie Presse verabscheuen. Über 140 kritische Journalisten sitzen in der  Türkei in Haft. Mehr als in jedem anderen Land der Welt. Tausende Reporter sind darüber hinaus arbeitslos, weil Erdoğans Staat ihre Verlage und Sender schloss. Immer öfter bekommen auch ausländische Journalisten in der Türkei den Druck des Erdogan-Regimes zu spüren. Jüngstes Beispiel ist der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, der nach einem Gespräch mit der Polizei in Istanbul festgehalten wird. Ihm wird „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ vorgeworfen.

Beunruhigend ist nun, dass Erdoğans AKP und deren Handlanger wie die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) auch in Deutschland offen gegen Journalisten vorgehen.

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Reporter ausgeschlossen

Auf der Veranstaltung des türkischen Ministerpräsident Binali Yıldırım in Oberhausen etwa wurde zwei Reportern von CORRECTIV der Eintritt verweigert, die für die Plattform #ÖZGÜRÜZ arbeiteten. Zudem durfte ein Journalist der taz die Halle nicht betreten. Reportern der Wochenzeitung Jungle World wurde schon im Vorfeld die Akkreditierung verweigert. Eine Reporterin des Redaktionsnetzwerks Deutschland beklagte, dass ihrem Übersetzer der Zutritt zur Halle verwehrt wurde. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland ist die zentrale Redaktion der Madsack Mediengruppe in Hannover. Sie bedient mehr 30 Redaktionen, darunter Leipziger Volkszeitung und Hannoversche Allgemeine.

Die kritischen Berichterstatter sollten offenbar nicht sehen, wie Yıldırım in Deutschland Deutsch-Türken auf die Einführung einer türkischen Präsidialdiktatur einschwor. In der Oberhausener Sport- und Veranstaltungshalle skandierte die aufgeputschten Masse immer wieder „Ja“, als Yıldırım die Deutsch-Türken aufforderte, Erdoğans Forderungen nach einem Präsidialsystem zu bejubeln.

Frank Überall, der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) ist entsetzt über das Verhalten der AKP und ihrer Partnerorganisationen in der Türkei und in Deutschland. „Journalismus ist kein Verbrechen“, sagte Überalll dem CORRECTIV-Partnermedium ÖZGÜRÜZ und forderte auf einer Demonstration gegen Yildirim in Oberhausen die Freilassung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. „Investigativer Journalismus mag manchmal anstrengend sein, aber Pressefreiheit ist ein wichtiges Gut“, sagte Überall.

Katrin Gottschalk aus der Chefredaktion der taz sagte bei Spiegel Online, die Zurückweisung des taz-Reporters verströme „den Geruch einer politischen Maßregelung“. Eine solche Behinderung journalistischer Arbeit sei „nicht akzeptabel, weder in der Türkei noch in Deutschland“. Die türkische AKP müsse lernen, dass Journalisten ihre Aufgaben, Fakten zu berichten und Meinungen zu hinterfragen, nicht zwangsläufig zum Gefallen des Berichtsgegenstandes erfülle.

Der türkische Rheinmetall-Partner bemüht sich auch um einen Vertrag zur Nachrüstung von Leopard-Panzern der türkischen Armee (Symbolbild).© Contando Estrelas unter Lizenz CC BY-SA 2.0

Türkei

Deutsche Panzer für Erdogan

Fast täglich erreichen die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei einen neuen Tiefpunkt. Die Rüstungsindustrie schert das nicht. Der Konzern Rheinmetall treibt Pläne für eine Panzerfabrik in dem Land voran. Partner ist ein Erdoğan-getreuer Unternehmer.

weiterlesen 15 Minuten

von Hans-Martin Tillack , Margherita Bettoni , Frederik Richter

Eine kürzere Version dieses Artikels erschien auch bei unseren Zeitungspartnern Münchner Merkur und Rheinische Post sowie beim Greenpeace Magazine online.

Der Rüstungskonzern Rheinmetall nennt es eine „einzigartige Herausforderung“. Mit Hilfe einer Stellenanzeige sucht er gerade nach Managern und Ingenieuren. Tatsächlich ist es eine politische Provokation: Rheinmetall plant den Bau von Panzern – in der Türkei.

Bisher war es nur eine vage Ankündigung. Doch ausgerechnet jetzt, während der deutsch-türkische Journalisten Deniz Yücel in Untersuchungshaft sitzt und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Deutschland Nazi-Methoden vorwirft, treibt Rheinmetall die Sache in aller Stille voran. Als sei die Türkei unter Erdoğan nicht längst auf dem Marsch in die Autokratie. Als hätte dessen Regime nicht bereits Panzer in Wohngebieten auffahren lassen, etwa in dem bürgerkriegsähnlichen Konflikt mit der kurdischen Minderheit. Rheinmetall will das Regime nun aufrüsten. Wie konkret die Pläne sind, zeigen gemeinsame Recherchen des Magazins „stern“, der türkischen Exilredaktion Özgürüz und dem gemeinnützigen Recherchezentrum correctiv.org.

Die Türkei sei „ein voll integrierter Nato-Partner“ und bis heute ein EU-Beitrittskandidat, verteidigt das Unternehmen seine Pläne. Dennoch dürfte den Chefs des Rüstungskonzerns klar sein, dass sie gegenwärtig keine Chance haben, schweres Kriegsgerät in die Türkei zu exportieren. Würde die Bundesregierung eine solche Genehmigung auch nur erwägen, bräche ein Proteststurm aus.

Personal gesucht

Also greift Rheinmetall-Chef Armin Papperger zu einem Trick: Er will die Panzer vor Ort in der Türkei bauen lassen – mit zweifelhaften Partnern und offenkundig mit dem Segen von Präsident Erdoğan.

Rheinmetall hält 40 Prozent an der neuen türkischen Tochterfirma RBSS, einem Gemeinschaftsunternehmen mit Partnern aus der Türkei und Malaysia. Weil es demnächst den Betrieb aufnehmen soll, sucht der Rüstungskonzern jetzt per Online-Anzeigen das Führungspersonal – für die Entwicklung und Produktion „an den Standorten Istanbul und Izmir“.

In Izmir baut der türkische Projektpartner BMC heute schon Lkws und Militärfahrzeuge. Über den Standort des neuen Unternehmens gibt es laut Rheinmetall „noch keine endgültige Entscheidung“. Östlich von Istanbul, in Ihsaniye bei Karasu an der Schwarzmeerküste, hat sich BMC aber bereits ein 222 Hektar großes Areal für eine neue Fabrik für gepanzerte Fahrzeuge gesichert.

BMC winkt bereits ein möglicher Vertrag zur Nachrüstung älterer Leopard-Panzer, die die türkische Armee in ihrem Bestand hat. Im Gespräch ist auch die Produktion eines eigenen türkischen Kampfpanzers vom Typ Altay.

Auf Umwegen ans Ziel

Die linke Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen ist über dieses Vorhaben empört. „Dass der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall gerade jetzt in die Panzerproduktion in der Türkei einsteigt, ist ein ungeheuerlicher Vorgang“, sagt Dağdelen, geradezu „verbrecherisch“. Erst dieser Tage hatte sie die Bundesregierung nach möglichen Waffenlieferungen in die Türkei gefragt. Sie bekam von Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig die beruhigende Auskunft, dass für die Regierung bei der Genehmigung von Rüstungsexporten die „Beachtung der Menschenrechte“ ein „besonderes Gewicht“ habe.

Das klang nach: keine Chance für Panzerexporte in die Türkei. Rheinmetall stört das offenbar nicht. Das Unternehmen fährt schon seit Jahren eine sogenannte Strategie der „Internationalisierung“. Es unterhält Werke und Entwicklungsrechte einfach jenseits der deutschen Grenzen. „Somit können wir im Ausland leichter Geschäfte machen,“ gab Firmenchef Papperger vor zwei Jahren unumwunden zu, „mit weniger einschneidenden Exportauflagen.“

Da wird die Ware für heikle Zielländer wie Saudi-Arabien eben nicht aus Deutschland geliefert, sondern von einer Tochterfirma in Südafrika. Oder nun eben Panzer für das Erdoğan-Regime aus der Türkei.

Audienz beim Präsidenten

Präsident Erdoğan kommt das Projekt gelegen. Er kümmert sich offenbar höchstselbst um die Stärkung der heimischen Rüstungsproduktion. Bei Rheinmetall erzählt man sich intern, dass Erdoğan persönlich den Segen für das deutsch-türkische Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und BMC erteilt habe. Anfang August soll der Rheinmetall-Manager Andreas Schwer eine Audienz beim Präsidenten gehabt haben.

Der Rheinmetall-Sprecher ließ Fragen dazu unbeantwortet. Über „Kontakte zu hochrangigen Regierungsvertretern von Kundenländern“ mache man „aus wettbewerblichen Gründen“ keine Aussagen.

Es dürfte nicht geschadet haben, dass zumindest ein Partner bei dem Rüstungsgeschäft an Bilal Erdoğan gedacht hat, den skandalumwitterten Sohn des Präsidenten. Er sitzt im Vorstand der umstrittenen Stiftung Türgev. Vor ein paar Jahren wurde er von der Staatsanwaltschaft verdächtigt, über diese Stiftung Bestechungsgelder seines Vaters zu waschen. Vater Erdoğan, damals noch Premierminister, verteidigte die Stiftung dagegen als integre Organisation, die Unterkünfte für Studenten baue und Stipendien vergebe.

Unterstützung für die Familien-Stiftung

Ausgerechnet diese Türgev-Stiftung spielt jetzt auch hier eine Rolle. Einer der drei Partner aus dem Rheinmetall-Konsortium ist die Firma Etika Strategi des malaysischen Tycoons Syed Mokhtar Albukhary. Der Milliardär betreibt in seinem ostasiatischen Heimatland die islamisch orientierte Albukhary Foundation. Und ausgerechnet die unterstützt seit Sommer 2016 die Türgev-Stiftung von Bilal Erdoğan.

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So organisierten die Malaysier im August 2016 einen vierwöchigen Aufenthalt und Englisch-Kurs für über 200 junge Türken – genannt „Türgev Albukhary Language and Culture Camp“. Gerade wirbt Albukhary prominent für ein neues Programm mit Türgev.

Alles nur das philantropische Engagement eines reichen Geschäftsmannes aus Malaysia? Oder ist es ein Schmiermittel für das lukrative Panzergeschäft mit den Türken? Rheinmetall bestreitet das strikt. Man unterhalte „weder eine direkte noch indirekte Kooperation oder Absprache“ mit der Türgev-Stiftung. Die Albukhary Foundation unterstütze überdies Studenten „fast aller islamischer Länder“. Es gebe keinen Zusammenhang mit dem Panzer-Geschäft.

„Göttliche Liebe“

Das wird die Kritiker nicht beruhigen. Schon im vorigen Jahr stellte ein türkischer Abgeordneter öffentlich Fragen wegen möglicher dubioser Verbindungen der Erdoğan-Familie nach Malaysia. Warum braucht Rheinmetall die im Panzerbau wenig erfahrenen Malaysier überhaupt als Teilhaber bei dem Rüstungsprojekt? Die Düsseldorfer Firma sagt, es gehe um die „Öffnung asiatischer Zielmärkte“.

Auch der dritte Beteiligte an der neuen Panzerschmiede fällt durch besondere Treue zu Präsident Erdoğan auf. Eigentümer des türkischen Rheinmetall-Partnerunternehmens BMC ist der ehemalige Journalist und glühende Erdoğan-Anhänger Ethem Sancak. Er konnte BMC im Jahr 2014 vom Staat erwerben. Sancak gehört zu einer handvoll Geschäftsleute, deren Geschäfte unter der Regierung von Erdoğan florierten. Er sprach öffentlich schon mal von einer „göttlichen Liebe“, die ihn und den Präsidenten verbinde. Für Erdoğan, sagte er, würde er sogar seine „Mutter, Vater und Kinder opfern“.

Sancak ist Eigentümer einer Mediengruppe mit mehreren Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, die ungefiltert Unterstützung für Erdoğan verbreiten. In einem Interview sagte der Unternehmer einmal, er sei ins Mediengeschäft eingestiegen, um Erdoğan „besser dienen zu können“.

Interesse aus den Golfstaaten

Sancak ist damit der Gegenentwurf zu einer der reichsten türkischen Unternehmerdynastien: der Koç-Familie. Sie gilt als prowestlich und eher Erdoğankritisch. Es war eine Firma der Koç-Gruppe, die auf Basis ausländischer Lizenzen den heimischen Altay-Panzer entwickelte. Der Bau dieses Panzers könnte nun zumindest teilweise an die Firma des Erdoğan-Freundes Ethem Sancak gehen. Und damit an dessen neue deutsche Geschäftspartner. Rheinmetall bestätigt, dass das neue Gemeinschaftsunternehmen „beabsichtigt, an der Ausschreibung teilzunehmen“.

An dem Rheinmetall-Partner BMC halten auch Vertreter des Golfemirats Katar Anteile. Die Nachfrage nach Rüstungsgütern steigt in den Golfstaaten bereits seit einigen Jahren rasant an. Grund dafür sind die Spannungen zwischen den sunnitischen Golfstaaten und dem schiitischen Iran sowie die Kriege in Syrien und im Jemen. Die Golfstaaten wollen sich nicht länger nur darauf verlassen, ihr Kriegsgerät im Westen einzukaufen.

Laut dem Branchendienst Defense News laufen bereits Verhandlungen zwischen dem Rheinmetall-Gemeinschaftsunternehmen RBSS und dem Emirat Katar über die Lieferung von 1.000 gepanzerten Fahrzeugen aus türkischer Produktion.                         

Laut Rheinmetall haben die Katarer ihre Partnerfirma BMC „bereits vor längerer Zeit mit der Lieferung geschützter Fahrzeuge an die katarischen Streitkräfte beauftragt“.

Panzer für die regionalen Brandherde?

1.000 gepanzerte Fahrzeuge – das wäre sehr viel für ein Land mit einer einheimischen Bevölkerung von geschätzt nicht einmal 300.000 Einwohnern. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Katar die Fahrzeuge wiederum exportiert und die Panzer mit deutscher Technologie damit letztlich an den Brandherden der Region auftauchen. Katar soll zum Beispiel Rebellengruppen im syrischen Bürgerkrieg bereits mit Waffen und Training unterstützen. Katar hat bereits 62 Kampfpanzer vom Typ Leopard in Deutschland eingekauft.

Die Bundesregierung in Berlin gerät nun unter Druck. Es wäre „unverantwortlich“, so die Bundestagsabgeordnete Dağdelen, wenn die Regierung eine „Lieferung deutscher Panzertechnologie in die Türkei“ nicht stoppe.

Plant Rheinmetall eine solche Lieferung? Nein, versichert der Konzern, „ein genehmigungspflichtiger Transfer“ von deutscher Technologie stehe „nicht im Mittelpunkt“ des Kooperationsprojekts. Irgendwann wird Rheinmetall vielleicht dennoch Genehmigungen der Bundesregierung brauchen. Die Motoren des neuen Altay-Panzers sowie die Kanone basieren auf deutscher Technik.

Das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin verweist bei Fragen zu Details des Rheinmetall-Geschäfts auf die geltenden Regeln der Vertraulichkeit. Prinzipiell verfolge man aber „eine restriktive Rüstungsexportpolitik“.

Die Geschäftsleute bei Rheinmetall scheint das nicht zu schrecken.

Die Recherche erfolgte in Kooperation mit dem „stern“ und der türkischen Exilredaktion ozguruz.org.

Der Autor Hans-Martin Tillack ist Redakteur beim Magazin „stern“.

Türkei

„Wenn Erdogan als Wahlkämpfer kommt, muss er akzeptieren, kritisiert und attackiert zu werden”

Der künftige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz kritisiert die türkische Regierung dafür, dass sie „im Kampf gegen Kritik übertreibt". Präsident Erdogan und andere Regierungsmitglieder seien zwar grundsätzlich in Deutschland willkommen. Wenn Erdogan aber als Wahlkämpfer komme, stehe er „nicht unter dem diplomatischen Schutz wie ein Staatsoberhaupt", sagt Schulz. Dann müsse er auch akzeptieren, „kritisiert und attackiert zu werden“, so Schulz im Gespräch mit ÖZGÜRÜZ-Chefredakteur Can Dündar.

von Nandor Hulverscheidt

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat kein Verständnis für die Inhaftierung des deutschen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei. „Er ist lediglich ein Journalist, der seine Arbeit getan hat“, sagte Schulz in einem Interview mit dem Chefredakteur der türkischen Exilredaktion ÖZGÜRÜZ, Can Dündar. „Die Türkei sollte uns erklären, warum das ein Verbrechen ist.“

Wenn Erdogan nach Deutschland kommen möchte, sei er frei, das zu tun, sagte Schulz. Er müsse sich aber entscheiden: Repräsentiert er die Türkei gegenüber Deutschland oder die AKP in einer Kampagne. „Wenn Erdogan als Wahlkämpfer zu uns kommen möchte, steht er nicht unter dem politischen und diplomatischen Schutz wie ein Staatsoberhaupt“, sagt Schulz in dem Gespräch. „Wenn Erdogan als Wahlkämpfer kommt, muss er auch akzeptieren, in der Mitte eines politischen Konflikts zu stehen, kritisiert und attackiert zu werden. Wir Deutschen würden ihn gern als höchsten Repräsentant der Nation respektieren. Aber als Kampagnenfüherer muss er der Realität ins Auge sehen. Und die Realität ist, dass er als Kampagnenführer kritisiert wird.“

Referendum wird „Kopf-an-Kopf-Rennen“

Schulz verweist darauf, dass er Erdogan seit längerem kenne. Er sei nicht „außer Kontrolle“. „Ich kenne ihn gut und er ist ein sehr intelligenter Mensch mit einer klaren Strategie. So wie ich das sehe, ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Referendum und jede Stimme zählt. Auch die Stimmen von Wählern in Deutschland. Daher verstehe ich, dass auch hier eine Kampagne stattfindet.“

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Schulz plädiert dafür, weiter den Dialog mit der Türkei zu suchen und auch weiter über einen EU-Beitritt zu verhandeln. „Es wäre in meinen Augen falsch, unsere Beziehungen abzubrechen. Ich würde es vorziehen, mit der Türkei über verschiedene Kapitel des EU-Beitrittsverfahrens zu diskutieren, über fundamentale Rechte und Meinungsfreiheit“, sagte Schulz. „Ich denke nicht, dass es zu spät ist. Wenn wir Klarheit haben — nach dem Referendum — haben wir auch die Chance, zu besseren Beziehungen zurückzufinden.“ Gleichzeitig legt Schulz aber auch den Punkt fest, an dem diese Gespräche zu Ende wären: „Wenn es eine Mehrheit dafür gibt, die Todesstrafe wieder einzuführen, dann sind die Beziehungen zur EU am Ende. Das ist definitiv eine rote Linie.“

Nazideutschland? „Das ist zuviel.“

Mit scharfen Worten weist Schulz auch jeden Vergleich des heutigen Deutschlands mit der Nazizeit zurück. „Der Vergleich deutscher Institutionen mit dem Naziregime ist in meinen Augen absolut unzulässig. Unsere heutige, offene, demokratische Gesellschaft mit einer der modernsten Verfassungen in ganz Europa ist exakt das Gegenteil von dem, als was Erdogan uns bezeichnet hat. In meinen Augen  ziemt es sich nicht für einen Präsidenten (so einen Vergleich zu ziehen). Viele Deutsche, auch ich, haben sich für volle EU-Mitgliedschaft der Türkei eingesetzt. Aber das ist zu viel“, sagte Schulz.

Offenlegung: Die türkische Exilredaktion ÖZGÜRÜZ (dt. „Wir sind frei“) ist ein Teil von correctiv.org. Sie arbeitet von Berlin aus und sucht Fördermitglieder, um langfristig existieren zu können. Weitere Informationen unter ozguruz.org