Volkswagen in der Krise: Der Streit um Werke, Einfluss und Milliarden
Mitten in der größten Krise entbrennt bei Volkswagen ein Kampf um die Frage, wer bei Europas größtem Autobauer künftig das Sagen haben wird. Die Familie Porsche/Piëch will die Macht von Betriebsrat und dem Land Niedersachsen eindämmen.
Der Ärger in der Familie Porsche und Piëch ist groß. Der Grund: Sie ist zwar größte Aktionärin von Volkswagen, entscheiden darf sie aber nicht über den Kurs von Europas größten Industriekonzern. Darüber herrscht Frust in den Reihen der Porsche/Piëchs. Schon vor einigen Jahren klagte ein führender Vertreter im kleinen Kreis: „Wir haben viel Geld investiert, wir können aber nicht bestimmen.“
Eingeengt sieht sich die Familie durch den Betriebsrat und das Land Niedersachsen als zweitgrößter Aktionär. Diese kommen im Aufsichtsrat auf zwölf von 20 Stimmen und können die Vorschläge der Familie damit kassieren. Über ein speziell geschaffenes VW-Gesetz verfügt Niedersachsen zudem über ein Vetorecht bei der Schließung von Standorten sowie anderen wichtigen Entscheidungen.
Land und Gewerkschaft haben großen Einfluss darauf, was bei dem Autobauer mit seinen Marken Audi, Porsche, Skoda, Seat/Cupra, Bentley, Lamborghini und VW passiert. In der deutschen Wirtschaft ist diese Konstellation einmalig. „So kann es nicht bleiben“, sagte eine Person aus dem Umfeld der Familie.
Der Hebel: Kernmarke soll von Holding getrennt werden
Diese will nun das Machtgefüge zu ihren Gunsten verschieben. Und sie hat einen Hebel gefunden, mit dem die Dominanz von Land und Gewerkschaft eingedämmt werden könnte. Dazu soll die Marke Volkswagen vom Konzern getrennt werden, wie fünf mit dem Vorgang vertraute Personen berichten. Sie würde damit wie die Schwestermarken der Konzernholding untergeordnet.
Eine Entkoppelung hätte weitreichende Folgen. Denn das VW-Gesetz ist an die Marke gekoppelt – und da die bislang mit der Holding verschmolzen ist, wirkt das Gesetz auf den Gesamtkonzern. Nach einem Umbau würden die Sonderrechte des Staates nur noch auf die dann separierte VW wirken.
Die Idee für eine solche Neugliederung zirkuliert seit Jahren in der VW-Welt, umsetzbar war sie aber nicht. Die Landesregierung wie auch der Betriebsrat stellen sich dagegen. Das Land lehnte wie Betriebsrat, Familie und Unternehmen einen Kommentar zu den Planungen ab.

Foto: Jan Woitas / Britta Pedersen / picture alliance / dpa
Bei diesem Nein muss es nicht bleiben. Die Hoffnungen von Vertretern der Familie ruhen ausgerechnet auf der größten Krise in der Konzerngeschichte. Volkswagen ist bei der Umstellung von konventionellen Verbrennern auf digitalisierte Elektroautos hinten dran. Die Absätze in den wichtigen Märkten China und Nordamerika brechen weg, in Europa sieht sich das Unternehmen mit neuen Wettbewerbern aus China konfrontiert.
VW-Chef Oliver Blume bezeichnete in einer firmeninternen Mitteilung die Firma bereits als „Sanierungsfall“. Der Vorstand bereitet nun ein umfassendes Sparprogramm vor, dem laut Berichten des Manager-Magazins und des Handelsblatts die Werke Hannover, Zwickau, Emden und Neckarsulm zum Opfer fallen könnten. Es wäre ein massiver Eingriff mit weitreichenden Folgen für die weltweit 660.000 Mitarbeiter.
Familie bemängelt „zögerliche” Sparbemühungen
Auf einer Sondersitzung des Aufsichtsrats vor zwei Wochen verdeutlichte Blume den Kontrolleuren die Dramatik der Lage, und der Vorstand stellte erste Lösungsansätze vor. Neben möglichen Werksschließungen sehen diese massiven Einschnitte bei den Investitionen und der Konzernstruktur vor. Entscheidungen sind bei dem Treffen nicht gefallen.
Mit am Tisch saßen mit Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch auch die führenden Vertreter der beiden Familienzweige. Ihnen wie auch anderen aus der Familie gehen die Sparbemühungen nicht weit genug. „Was da seit Jahren passiert, ist zu zögerlich“, hieß es in ihrem Umfeld.
Hemmschuh ist aus Sicht einiger Familienmitglieder der Staat. Der nämlich gibt auf der einen Seite die Rahmenbedingungen für die Autoindustrie vor, die mit der geforderten Umstellung von Verbrennern auf Elektroantriebe vor erheblichen Veränderungen steht. Der Umbau kostet die Konzerne Milliarden. Mit dem Wandel drängen zudem neue Wettbewerber etwa aus China nach Europa, die VW Marktanteil abnehmen. Auf der anderen Seite behindere der Staat über die Landesbeteiligung eine härtere Sanierung, wie es im Umfeld der Familie hieß es.
Gefordert ist da VW-Chef Blume, der aber aus Sicht einiger Aktionäre den Konzern nicht hart genug saniert. „Es muss ein Werk geschlossen werden“, lautet die Forderung aus der Familie. Auch wenn nun vier Fabriken zur Disposition gestellt würden, könnte am Ende alles beim Alten bleiben.

Schon bei der letzten Sparrunde stand die Schließung von mindestens einem Werk im Raum, um die Kapazitäten für die Autofertigung zurückzufahren. Im Dezember 2024 vereinbarte der Vorstand um Blume mit dem Betriebsrat den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen, alle deutschen Fabriken bleiben aber nach der Vereinbarung bestehen.
Die Vertreter der Familie im Präsidium des Aufsichtsrats wollten auf der entscheidenden Sitzung schon gegen diese Kompromissformel stimmen. Erst im letzten Moment hätten sie sich dazu bereit erklärt, sich der Stimme zu enthalten, berichten zwei Personen, die mit dem Thema vertraut sind.
Die Schließung eines Werkes oder sogar gleich mehreren wäre nicht nur für die Mitarbeiter fatal. Der Schritt macht auch wirtschaftlich keinen Sinn, wie es selbst in den Reihen des Managements hieß.
Bei einem ad-hoc-Aus etwa von Emden müsste die Fertigung eines Modells an einen anderen Standort verlagert werden, was viele Millionen kosten würde. „Erst mit dem Auslaufen von Modellen könnte es nach dem Jahr 2030 wirtschaftlich Sinn machen, die Zahl der Werke zu verringern“, sagte ein Top-Manager. In Deutschland betreibt der Konzern neun Autofabriken, weltweit verfügt er über mehr als 100 Werke.
Die Familie pocht den Kreisen dennoch auf ein schnelles Aus eines Standortes. Es ist nicht allein die Frage von wirtschaftlicher Vernunft, sondern es geht um die Macht über den VW-Konzern. Wer wird sich durchsetzen können?
Betriebsratschefin Daniela Cavallo erklärte im Februar: „Mit uns wird es keine Werksschließungen geben”. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) hatte im Gespräch mit der Welt am Sonntag kürzlich bekräftigt, dass mit ihm solche Schritte nicht machbar wären. Wenn nun Konzernchef Blume gleich vier Werke als gefährdet einstuft, ist der Konflikt mit Land und Betriebsrat vorprogrammiert.

Teil der Überlegung ist auch eben jene Trennung der Marke VW von der Konzernholding. Als der Vorstand kürzlich diese Überlegung bei einem Treffen mit dem Top-Management präsentierte, regte sich kein Widerstand, wie Teilnehmende berichteten.
Einiges spricht für eine solche Aufteilung. „Konzernintern lässt sich dann die Wirtschaftlichkeit von VW besser mit der der Schwestermarken vergleichen“, sagte ein Top-Manager. In der bisherigen Aufstellung ist häufig unklar, welche Ausgaben auf die VW-Marke und welche auf die Holding entfallen.
Hauptstadt Wolfsburg
Hinzu kommt: Da Marke und Konzern verklebt sind, muss sich der Vorstand selbst mit VW-Spenden für Sportfeste befassen. „Dadurch entsteht eine Unwucht“, sagte ein Vorstand einer Schwestermarke. Der Fokus liegt so auf dem Stammsitz Wolfsburg. Wenn Mitarbeiter von der Hauptstadt sprechen, dann meinen sie nicht Berlin, sondern die Stadt in Niedersachsen. Schon der frühere Vorstandschef Herbert Diess hatte diese Dominanz der Zentrale als einen Grund für die Un-Reformierbarkeit von VW beklagt
Von dieser Sicht müsse sich das Unternehmen befreien, sagte der Vorstand, der ungenannt bleiben will. „Der Wettbewerb findet in China, Nordamerika und sonst wo in der Welt statt – nicht in Wolfsburg“, so der Manager.
Gerade die ältere Riege der Familie Porsche/Piëch fremdelt mit Wolfsburg. Sie wohnen in Stuttgart, Salzburg und Wien; für Sitzungen des Aufsichtsrats fliegen die Vertreter für Kurzbesuche ein.

Bei dem Konflikt geht es um mehr als die Frage, wer die Macht über VW hat. Für die Gewerkschaft ist der Autobauer das Symbol für die Mitbestimmung, wurde das Unternehmen im Dritten Reich von den Nationalsozialisten mit beschlagnahmten Geldern der Gewerkschaften gegründet. Scheitert die IG Metall bei VW, dann muss sie auch um ihre Position bei Siemens, Mercedes und anderen Industriefirmen bangen.
Auch für Niedersachsens Ministerpräsident Lies geht es um viel. Im kommenden Jahr sind Wahlen in dem Bundesland. Sollte ein Werk in dem Land geschlossen werden, dürfte das die Chancen auf seine Bestätigung im Amt schmälern.
Redigatur: Anette Dowideit
Faktencheck: Marcus Bensmann
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