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Dieter Stein gründete die „Junge Freiheit" vor 30 Jahren: Niemals war sie so erfolgreich wie heute.© Collage von Ivo Mayr nach Portraitvorlage von Metropolico.org unter Lizenz CC BY-SA 2.0

Neue Rechte

Das Zentralorgan der AfD

1986 hat Dieter Stein die „Junge Freiheit“ als Schülerzeitung gegründet. Seither bemüht er sich, einen Wechsel in Deutschland herbei zu schreiben. Fort vom vermeintlich linksliberalen Mainstream, hin zu einer nationalkonservativen Politik. „Bei aller Skepsis: Diesmal hoffe ich“, sagt Dieter Stein über die AfD. Die Partei und seine Zeitung teilen nicht nur Inhalte. Es gibt auch personelle Überschneidungen.

von Camilla Kohrs

Die AfD sei aufgestiegen wie „ein Phönix aus der Asche“, schreibt Chefredakteur Dieter Stein in seinem ersten Kommentar über die neue Partei. Das ist im März 2013, die AfD wurde soeben gegründet, noch ist das Hauptziel der Partei, aus dem Euro auszutreten. Bis zum Führungswechsel Mitte 2015 unterstützt Stein den wirtschaftsliberalen AfD-Flügel um Bernd Lucke und sieht er in der AfD eine bürgerliche, nationalkonservative Partei. Den völkischen Flügel um Björn Höcke lehnt er ab.

Bis heute setzt Chefredakteur Stein große Hoffnungen in die Partei. Regelmäßig bestimmt die AfD die Titelseite der „Jungen Freiheit“, die sich selbst „Wochenzeitung für Debatte“ nennt.

Faktenbox: Junge Freiheit

  • Gegründet: 1986
  • Besitzer: Dieter Stein u.a.
  • Chefredakteur: Dieter Stein
  • Reichweite: 28.000 verkaufte Zeitungen pro Woche (IVW-geprüft)

Nähe zur AfD

Stein gründet die „Junge Freiheit“ als Schülerzeitung, 1986 in Freiburg. Später lässt er sie vor allem von Burschenschaftern gratis an Universitäten verteilen. 1990 gründen zehn Hauptautoren die Junge Freiheit Verlag GmbH, seit 1994 erscheint die Zeitung im Wochenrhythmus. Mittlerweile hat die „Junge Freiheit“ eine IVW-geprüfte, harte Auflage von 28.000 verkauften Exemplaren.

Von den zehn Hauptautoren aus der Gründungszeit sind heute nur noch drei dabei, inklusive Stein. Der Rest verlässt die „Junge Freiheit“. Wie Martin Schmidt, der heute für die AfD in Rheinland-Pfalz im Parlament sitzt. Oder Hans-Ulrich Kopp, ein extrem rechter Burschenschafter. Er verlässt die „Junge Freiheit“ aus Protest nach einem Streit über den Redakteur Andreas Molau. Der veröffentlichte einen Artikel von Armin Mohler, einem Autor der Konservativen Revolution*. Stein feuert Molau. Kopp hätte ihn gern in der Redaktion behalten.

Zu den Pionieren gehört auch Peter Kienesberger, der in den 1960er Jahren in Italien mehrfach zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt wurde – wegen eines terroristischen Anschlags mit vier Toten. Der Österreicher kämpft damals für eine Abspaltung Südtirols. In seinem Heimatland wird er freigesprochen. Österreich liefert ihn nicht an Italien aus, dem Gefängnis entgeht er dadurch. In den 1970er Jahren zieht Kienesberger nach Deutschland. Der bayerische Verfassungsschutz nennt ihn in einer Broschüre, da er rechtsextremistisches Gedankengut verbreitet. Er ist bis zu seinem Tod 2015 Mitgesellschafter der Jungen Freiheit Verlag GmbH.

Die „Junge Freiheit“ bezeichnet sich selbst als „national, liberal und konservativ“. Vier Werte, so das Leitbild, stehen im Mittelpunkt: Nation, Freiheitlichkeit, Konservatismus, Christentum. Die Zeitung wolle dazu beitragen, aus Deutschland wieder eine selbstbewusste Nation zu machen. „Wir wollen ein positiveres Verständnis von der deutschen Geschichte vermitteln“, sagt Dieter Stein im Interview mit CORRECTIV.

Der brandenburgische AfD-Landesvorsitzende Alexander Gauland hat gesagt: „Wer die AfD verstehen will, muss die ,Junge Freiheit’ lesen.“ Tatsächlich liest sich das AfD-Parteiprogramm, als sei es aus den Themen der Wochenzeitung destilliert: Schließt die Grenzen; Vorsicht vor kriminellen Ausländern; Schluss mit der Massen-Zuwanderung; Rettet die traditionelle Familie.

Einige aktuelle Schlagzeilen

Wer die „Junge Freiheit“ regelmäßig liest, stößt auf Schlagzeilen wie: 

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  • „Mutmaßlicher Vergewaltiger trotz Vorstrafe nicht abgeschoben.“
  • „Aus Rücksicht auf Flüchtlinge – Chor verzichtet auf christliche Weihnachtslieder“
  • „China brüllt und Deutschland kuschelt“
  • „Grünen-Mitglieder in Pädophilen-Kreisen verstrickt“
  • „Dutzende Heiligenfiguren geschändet“ (verdächtigt werden „sechs Islamisten“)
  • Oder auch: „Frauen-Gang verletzt Mann schwer.“

Mit dem Aufstieg der AfD steigt auch die Auflage der „Jungen Freiheit“. Besonders nach politischen Großereignissen schnellt die Kurve der Probe-Abos nach oben. Zum Beispiel im September 2015, als „Merkel die Grenzen öffnet“. Nach der Silvesternacht in Köln. Nach den Attentaten in Nizza, Würzburg und Ansbach. Allein 2015 steigt die verbreitete Auflage um fast 40 Prozent auf über 35.000 Exemplare. Offenbar trifft das Blatt trifft genau den Ton, den AfD-Wähler suchen und in den so genannten „Mainstream-Medien“ vermissen.

Lederpeitschen brechen Kinderseelen

Eines der zentralen Themen der „Jungen Freiheit“ ist der Kampf gegen das „Gender-Mainstreaming“. Es gibt eine eigens erstellte Broschüre zum Thema, Untertitel: „Kinderseelen werden gebrochen – empörte Bürger wehren sich“. Man sieht eine grüne Schultafel, auf der mit Kreide geschrieben steht: „Gender, Dildo, Lederpeitsche, Gruppensex“. Vor der Tafel: ein etwa Dreijähriger mit gestreiftem Lätzchen, der sich die Augen zu hält. Im Begleittext erfahren wir, dass „über die Lehrpläne bereits Grundschüler mit der Gender-Ideologie indoktriniert werden“, dass schon „die Kleinsten ihr Geschlecht hinterfragen“ und den „Umgang mit Sexspielzeug erlernen“ sollen. Das stimmt so zwar nicht. Aber die „Junge Freiheit“ behauptet dennoch: „So werden schwere Persönlichkeitsstörungen geradezu vorprogrammiert.“ Man kann das Pamphlet gratis bestellen, zu 25, 50 oder 100 Stück, und die Website vermeldet dazu in einem Banner: „Riesenerfolg! Bereits über 1,36 Mio. Broschüren verteilt.“ Ob die Zahl stimmt, lässt sich nicht überprüfen. 

Auch personelle Überschneidungen gibt es zwischen der AfD und der „Jungen Freiheit“. Mehrere ehemalige Autoren sind heute als Sprecher oder Abgeordnete bei der AfD. „Das war natürlich ein Schlag – besonders, als gleich drei Leute hintereinander gegangen sind“, sagt Chefredakteur Stein im Interview. Etwa Marcus Schmidt, heute Sprecher der Brandenburger AfD-Fraktion. Stein sagt, er sei kein Freund davon, dass seine Leute zur AfD wechseln. Auch zu anderen Parteien sollen sie nicht wechseln. Ronald Gläser dagegen wurde im September 2016 zum AfD-Abgeordneten ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt und firmierte noch im November 2016 als verantwortlicher Redakteur für Medien bei der „Jungen Freiheit“.

Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der NPD?

Auch Götz Kubitschek, inzwischen einer der Vordenker der Neuen Rechten, hat seine Karriere bei der „Jungen Freiheit“ begonnen. Im Jahr 2000 gründet er das Institut für Staatspolitik, 2003 das Magazin „Sezession“, heute gehört er zu den Stichwortgebern etwa von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke.

Mittlerweile haben sich Stein und Kubitschek aber auseinandergelebt. Unter anderem wegen des Umgangs mit der NPD. Dieter Stein sagt, er sehe die Rechtsextremen als politischen Gegner. Kubitschek hingegen habe sich nicht konsequent gegenüber der NPD abgrenzen wollen; er „kokettiert mit faschistischen Ideen“, sagt Stein. Kubitschek kommentiert dies auf Anfrage lediglich mit der Bemerkung: „Wenn der Dieter das meint und wenn es ihm guttut, dies zu äußern: bitte, ich verstehe den Impuls.“ Ansonsten möge man doch bitte den SPIEGEL von Mitte Dezember lesen. Dort finde sich „der etwas intelligentere Blick auf mich als Person, auf meine Position und auf unsere Arbeit“, teilt Kubitschek per E-Mail mit. 

Seit seiner Jugend hoffe er auf eine politische Kraft rechts der CDU, sagt Dieter Stein. Deshalb sei er auch den „Republikanern“ beigetreten, aus Enttäuschung aber auch wieder ausgetreten. Auch der Bund Freier Bürger und die Schill-Partei verschwanden. Nun also die „Alternativ für Deutschland“. Über die AfD sagt Stein bereits 2013: „Bei aller Skepsis: Diesmal hoffe ich“. Und das gilt bis heute. Stein vergleicht die AfD gern mit den Grünen. Bei denen habe es ja auch ewig gedauert, ehe sie sich etablieren konnten.

*Korrektur: In einer früheren Fassung des Artikels stand, dass Andreas Molau der Autor des umstrittenen Artikels war. Tatsächlich hatte Molau als Redakteur der „Jungen Freiheit“ einen Artikel von Armin Mohler ins Blatt gebracht. 

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

Compact und Co: Die Medien der Neuer Rechten sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden.© Ivo Mayr

Neue Rechte

Futter für AfD-Wähler

Vom ehemals linksextremen Jürgen Elsässer über den Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen bis zum deutschnationalen Stichwortgeber Götz Kubitschek: In einer siebenteiligen Serie stellt CORRECTIV die Medien der Neuen Rechten und ihre Bedeutung vor.

von Camilla Kohrs

Im Internet findet heute jeder die Wahrheit, die er sucht. Gerade wenn es um heikle Themen wie Flüchtlinge, Russland oder den Islam geht, stehen sich immer häufiger komplett andere Weltbilder gegenüber. Längst stehen die von den Verächtern so genannten „Mainstream“-Medien, die „Lügenpresse“, unter einem Generalverdacht: Dass sie auslassen, lügen, manipulieren, sich vor den Karren anderer, mächtiger Interessen oder „Eliten“ spannen lassen, gesteuert werden vom US-Geheimdienst CIA, vom israelischen Geheimdienst Mossad oder den Freimaurern.

Die „Beweise“ dafür liefern ein paar wirkmächtige Medien, die sich weit außerhalb des gesellschaftlichen Konsens stellen. Für jede noch so krude Verschwörungstheorie findet sich heute irgendwo ein Artikel, der angebliche Beweise liefert, dazu gibt es vermeintliche „Experten“, die all das bestätigen.

Eine Analyse des Bayerischen Rundfunks (BR) ergibt im Dezember 2016: Pegida-Anhänger informieren sich kaum noch in den klassischen Medien. Sondern bei der „Jungen Freiheit“, bei „Compact“, bei „RT Deutsch“.

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In dieser CORRECTIV-Serie stellen wir die einflussreichsten dieser rechten Medien vor. Einige von ihnen, wie KenFM, das Magazin „Compact“, RT Deutsch und der Kopp-Verlag geben vor, den klassischen Konflikt zwischen Rechts und Links aufzuheben. Stattdessen gebe es nun ein „Oben gegen Unten“, kämpfe „das Volk gegen die Eliten“. Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, das Theoriemagazin „Sezession“ und der Blog „PI-News“ hingegen positionieren sich klar rechts, irgendwo jenseits der CDU. Für sie verkörpert die AfD die Hoffnung, ihrer Weltsicht endlich Gehör zu verschaffen. Wobei die Grenzen zwischen rechtskonservativ und rechtsextrem fließend sind.

Wir haben sieben Medien ausgewählt – und müssen alle anderen rechts liegen lassen. Etwa die „Blaue Narzisse“, ein Magazin für „Jugend, Identität und Kultur“, oder „Tichys Einblick“, ein von Roland Tichy gegründetes (Web-)Magazin, in dem der langjährige Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ die angebliche „Manipulation“ durch die etablierten Medien beklagt. Daneben gibt es noch die rechtsliberale Zeitschrift „eigentümlich frei“,  die Internetportale „Epoch Times“, „Sputnik Deutschland“ und die „Deutsche Wirtschaftsnachrichten“. Die Szene ist mittlerweile riesig. Und alle diese Medien werden im kommenden Jahr im NRW-Landtagswahlkampf und im Bundestagswahlkampf vermutlich eine wichtige Rolle spielen. Wer die wichtigsten Akteure kennt, weiß auch ihre Botschaften besser einzuschätzen.

Im StudioCORRECTIV spricht Camilla Kohrs über ihre Recherche mit Chefredakteur Markus Grill.

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

Compact-Chefredakteur stand früher mal ganz weit links und prägte des Satz „Nie wieder Deutschland"© Collage von Ivo Mayr nach Portraitvorlage von Anti-Zensur-Koalition

Neue Rechte

Der Schirmherr der völkischen Bewegung

Vom strammen Antideutschen zum ebenso strammen Deutschnationalen: Jürgen Elsässer, der Gründer von Compact, hat zahlreiche politische Wandlungen hinter sich. Mittlerweile sieht er sich als Schirmherr der völkischen Bewegung – und warnt vor Verschwörungen gegen Deutschland. Glaubt man „Compact", solle durch Einwandererflut, Islamisierung, Feminismus die deutsche Identität ausgelöscht werden.

von Camilla Kohrs

„Mein Name ist Jürgen Elsässer. Ich bin Deutscher und ich werde nicht zulassen, dass dieses Land vor die Hunde geht.“ So stellt sich der Chefredakteur des „Compact“-Magazins Anfang 2016 bei einer Demonstration in Zwickau vor. Nicht zulassen wolle er, dass die deutsche Geschichte auf „zwölf dunkle Jahre reduziert“ werde. Dass die „skrupellose amerikanische Kanzlerin alles in Schutt und Asche“ lege. Dass „testosterongesteuerte Orientalen“ ungehindert „grabbeln, grabschen, fummeln und vergewaltigen“. Keine Wortwahl ist Elsässer zu extrem.

Faktenbox: Compact

  • Gegründet: 2010
  • Geschäftsführer: Kai Homilius
  • Chefredakteur: Jürgen Elsässer
  • Reichweite: laut eigenen Angaben 80.000, laut Recherchen der „Zeit“ 40.000 verkaufte Exemplare pro Monat

So denkt Jürgen Elsässer, so schreibt er, und das ist auch die Weltsicht des von ihm gegründeten Magazins „Compact“. Es gibt vor, für einen „ehrlichen Journalismus in Zeiten der Lüge“ einzutreten. Seit langem hofft Elsässer auf einen Politikwechsel, auf ein Ende der „linksgrünen Meinungsdiktatur“. Neuerdings verkörpert die AfD für ihn diese Hoffnung. Im März 2016 veröffentlicht „Compact“ ein Porträt Frauke Petrys auf dem Titel. Darunter die Zeile: „Die bessere Kanzlerin“.

Finanzierung

Darüber, wie sich „Compact“ finanziert, ist trotz behaupteter Ehrlichkeit wenig bekannt. Auf seinem Blog schreibt Elsässer im November 2014: „COMPACT ist, im Unterschied zu Bild und Spiegel, ein unabhängiges Magazin ohne Hintermänner. Drei Privatpersonen, darunter ich, sind die Eigentümer der GmbH, mit unserem Privatkapital haben wir das Magazin aufgebaut, mittlerweile finanziert es sich dank stark steigender Verkaufs- und Aboauflage selbst.“

Elsässer behauptet, „Compact“ habe eine Auflage von 80.000 Exemplaren. Journalisten der „Zeit“, die mehrere Monate über „Compact“ und Elsässer recherchieren, finden heraus, dass nur rund die Hälfte davon tatsächlich verkauft wird. Sie berufen sich auf Insiderinformationen. Bei Facebook hat die „Compact“-Seite rund 88.000 Likes, bei Twitter knapp 6.500 Follower.

Die Journalisten gehen auch dem Gerücht nach, „Compact“ erhalte Gelder aus Russland – finden dafür allerdings keine Belege. Wohl aber tauche in der Jahresbilanz von 2013 ein Darlehen über 100.000 Euro auf. Absender: unbekannt.

Der Gründer

Jürgen Elsässer, 59, hat einen langen Weg hinter sich: Von einem strammen Kommunisten hat er sich zu einem noch strammeren Deutschnationalen gewandelt. Von einem Freund Israels zu jemandem, der vor einer angeblichen zionistisch-amerikanischen Verschwörung warnt.

In den 1980er Jahren schreibt er noch für das kommunistische Blatt „Arbeiterkampf“ und sogar für die vom deutschen Zentralrat der Juden herausgegebene „Jüdische Allgemeine“. Spätere Stationen Elsässers waren linke Postillen wie „Junge Welt“, „Jungle World“ und „Konkret“.

Nach 1989 zählt er zu den Mitgründern der „Antideutschen“, einer Strömung innerhalb der deutschen Linksextremen, die Israel gegen die arabische Bedrohung verteidigen will. Elsässer behauptet, den Spruch „Nie wieder Deutschland“ habe er entscheidend mitgeprägt. Über Linke, die sich israelkritisch äußern, arbeitet sich Elsässer in diesen Jahren wiederholt ab, wie sich ein ehemaliger Weggefährte erinnert. 

Eine entscheidende Station auf dem Weg von Links- nach Rechtsaußen ist der Konflikt zwischen den Serben und der NATO in den 1990er Jahren. Nur der serbische Nationalismus, so Elsässer damals, könne dem amerikanischen Imperialismus etwas entgegensetzen.

Anfang der Nuller Jahre beendet die „Jungle World“ die Zusammenarbeit mit Elsässer. Unter anderem wegen Elsässers Berichterstattung zum Jugoslawien-Krieges, heißt es aus der „Jungle World“-Redaktion. 

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Die Gründung

2010 schließlich gründet Elsässer „Compact“, das selbst ernannte „Magazin für Souveränität“. Immer wieder kehrende Denkfigur: Es gibt gewaltige Mächte, die sich gegen Deutschland verschworen haben: die USA und die Zionisten, die CIA und die Alt-68er. Sie wollen unser Land zerstören. Ihre Waffen: der Feminismus, der die traditionelle Familie zersetze und Frauen in die Fabriken zwinge; auch die „Klimalüge“ sei eine Erfindung, um die Energiekosten „auf den kleinen Mann“ abzuwälzen; vor allem aber geht es bei „Compact“ in nahezu jeder Ausgabe um die „Masseneinwanderung“, die „geplante Umvolkung“, die „Islamisierung“.

In einer „Compact“-Spezialausgabe zum Thema Asyl von Ende 2014 wimmelt es von Katastrophen-Szenarien. Von einem „Ansturm der Scheinasylanten“ ist da die Rede, oder: „Die Lawine rollt“. Warum so viele gerade in Deutschland Zuflucht suchen? Weil dieses Land ein „Flüchtlingsparadies“ sei, in dem es „schnelles Geld aus deutschen Kassen“ gebe, erklärt „Compact“. 

Neues Feindbild: Islam

Mitgegründet wird „Compact“ von dem Juristen und Islamexperten Andreas „Abu Bakr“ Rieger, der bis heute die „Islamische Zeitung“, herausgibt. Im November 2014 verkauft Rieger entnervt seine Anteile am Compact-Magazin – weil Elsässer beginnt, den Islam zu verteufeln und sich auf die Seite der Dresdner Anti-Islamisten rund um Pegida stellt.

Auch das ein erstaunlicher Wandel – denn in der ersten „Compact“-Ausgabe im Dezember 2010 schreibt Elsässer noch: Wer den Islam als unser Hauptproblem sehe, begebe sich auf eine „glitschige Rutschbahn“, die ihn in die weltweite Front gegen den Islam führe. Islamkritiker verkennen, wer am gefährlichsten sei, nämlich „eliminatorische Zionisten und weltkriegsgeile Neokonservative.“

Im Januar 2015 hingegen bildet „Compact“ Angela Merkel auf dem Cover ab – mit Kopftuch. Und das Magazin warnt vor einem Islam, der sich Europa unterjochen will.

Nazis plus Zionisten plus Islamisten

Quelle allen Übels, Urheber zahlloser Verschwörungen sind in den Augen von Elsässer und „Compact“ die USA. Das kann absurde Züge annehmen, etwa wenn es um das „Globalisierungsfutter Pizza“ geht. „Wie kann eine derart armselige Speise eine solche Weltkarriere machen?“, fragt einer der Artikel. Weil die USA keine eigenständige Küche haben, sich das italienische Arme-Leute-Gericht aneignen und es pervertieren – Familienessen, Tischgespräche verlieren an Wert, und globale Fast-Food-Konzerne verbreiten die Unkultur dann über die ganze Welt. Die Bedrohungen scheinen grenzenlos, die auf Elsässer und „Compact“ einstürmen.   

Russland sehen Elsässer & Co. deutlich positiver. Als Putin Anfang 2014 auf der Krim einmarschiert und den Bürgerkrieg in der Ost-Ukraine vom Zaun bricht, stellt sich Elsässer auf die Seite Russlands, das sich wehren müssen gegen eine Front aus „Nazis plus Zionisten plus Islamisten“.

Die Mitgesellschafter

2014 steigt die Jumbo-Dienstleistungs GmbH aus Hamburg als Gesellschafter bei „Compact“ ein. Mittlerweile heißt die Firma Nordheide Kontor GmbH, Eigentümer ist Jörgen-Arne Fischer-van Diepenbrock. Über die Firma ist nichts bekannt. Der zweite Mitgesellschafter von Elsässer ist ein Mann namens Kai Homilius.

Homilius gründete 1994 einen nach ihm benannten Verlag, der „Compact“-DVDs und -Bücher vertreibt. Außerdem soll Homilius hinter der Facebook-Seite „Anonymous-Kollektiv“ gesteckt haben, die gegen Flüchtlinge, Muslime und Politiker hetzt und im Mai 2016 von Facebook gelöscht wird. Später tauchen Screenshots der Facebook-Administratorenseite auf, auf der der Name Kai Homilius zu sehen ist. Genau wie der Name von Mario Rönsch – der kürzlich als Betreiber von „Migrantenschreck.de“ identifiziert wurde, einem Webshop, in dem man in Deutschland verbotene Schreckschusswaffen aus Ungarn bestellen kann; Waffen, mit denen man Menschen töten kann.

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

Auf Götz Kubitscheks Rittergut in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) vernetzen sich rechte Politiker und Aktivisten.© Collage von Ivo Mayr nach Portraitvorlage von Metropolico.org unter Lizenz CC BY-SA 2.0

Neue Rechte

Salonfaschisten im Rittergut

In einem Dorf in Sachsen-Anhalt betreibt der Publizist Götz Kubitschek eine neurechte Denkfabrik unter dem Namen „Institut für Staatspolitik". Kubitschek verlegt dort das schmale Theorie-Magazin „Sezession“, in dem die Autoren mit umstürzlerischen und antidemokratischen Ideen liebäugeln. Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke sagt, diese Denkfabrik versorge ihn mit „geistigem Manna“.

von Camilla Kohrs

In Schnellroda, das zu dem 459-Seelen-Dorf Albersroda gehört, auf dem plattesten anhaltinischen Land, hat der Publizist Götz Kubitschek in einem ehemaligen Rittergut eine neurechte Denkfabrik gegründet: das IfS Institut für Staatspolitik, den Verlag Antaios und das Magazin „Sezession“.

Faktenbox: Sezession

  • Gegründet: 2003
  • Herausgeber: Götz Kubitschek
  • Reichweite: laut eigenen Angaben 2300 verkaufte Exemplare alle 2 Monate

So entlegen das Institut ist, so weitreichend ist dessen Einfluss. Zu den Sommer- und Winterakademien, zu Tagungen und Konferenzen, die Kubitschek ausrichtet, kommen AfD-Abgeordnete und NPD-Funktionäre, neurechte Publizisten und Angehörige der Identitären Bewegung, italienische Neofaschisten und ungarische Radikale. Zweimal im Jahr gibt es Akademie-Tagungen. Sie heißen dann schlicht: „Islam“, „Heimat“, „Geschichtspolitik“ oder „Widerstand“.

Über lebensbejahende Afrikaner

Im Januar 2015 wollen Kubitschek und seine Frau in die AfD eintreten. Der Parteivorstand unter dem Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, stellt sich quer und lehnt den Aufnahmeantrag ab. Ostdeutsche Funktionäre um Björn Höcke und André Poggenburg, ebenso die „Patriotische Plattform“ innerhalb der AfD, kritisieren die Entscheidung. Der Protest mündet in die Erfurter Resolution, mit der Höcke und Poggenburg den völkischen Flügel der AfD erst begründen.

Schnellroda inspiriere ihn, sagt der thüringische AfD-Chef Björn Höcke – aus den Schriften des Instituts ziehe er sein „geistiges Manna“. In Schnellroda hält er im Dezember 2015 seine rassistische Rede über das angebliche „Reproduktionsverhalten der Afrikaner“ – die sich nach der R-Strategie vermehren, wie Grasfrösche, Ameisen oder Blattläuse. Während sich der Europäer nach der K-Strategie vermehre, wie Bären, Elefanten oder Löwen. Im 21. Jahrhundert treffe „der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“, doziert Geschichtslehrer Höcke damals. Deswegen müsse sich Europa abschotten. Doch das nütze auch Afrika. Denn die Afrikaner brauchen „die europäische Grenze, um zur einer ökologisch nachhaltigen Bevölkerungspolitik zu finden“. 

Im Weltbürgerkrieg der Ideologien

Die „Sezession“ ist ein dünnes Magazin, das alle zwei Monate erscheint und vorgibt, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Die Auflage ist klein: Das im Jahr 2003 gegründete Blatt verkauft nach eigenen Angaben aus dem Jahr 2013 rund 2300 Hefte pro Ausgabe. Die Zeitschrift ist nicht am Kiosk erhältlich, sondern wird direkt vom Verlag an die Leser versandt. Der Youtube-Channel „Kanal Schnellroda“ hat nur 1.200 Abonnenten und über 261.000 Aufrufe seit März 2015.

Wer die „Sezession liest, stößt dort auf Überschriften wie: 

  • „Deutschland im Weltbürgerkrieg der Ideologien.“
  • „Zeit für pragmatische Reaktionäre.“
  • „Der Mythos von Putins fünfter Kolonne.“
  • „Trump: Alternative für Amerika?“
  • „Linke Netzwerke und die Syrien-Berichterstattung.“

Es folgen dann jeweils lange, theorielastige Texte. Das hier ist keine plumpe Hetze wie bei „Compact“. Hier gibt man sich vornehm, zitiert Nietzsche oder Carl Schmitt und betont, mit Ernst-Jünger-hafter Entschiedenheit, standzuhalten gegen all jene, die die deutsche Nation abschaffen wollen.  

Die Vernichtung der deutschen Identität

Götz Kubitschek ist heute einer der Vordenker der neuen Rechten in Deutschland; im Impressum des Magazins firmiert er als Verantwortlicher Redakteur. Verheiratet ist er mit der Publizistin Ellen Kositza. Die beiden, so ist in Medienberichten immer wieder zu lesen, siezen sich und haben ihren sieben Kindern germanische und mythologische Namen gegeben, darunter Brunhilde, Undine und Wieland.

Kubitschek stammt aus Oberschwaben und hat in Hannover Philosophie und Germanistik studiert. Er ist Oberleutnant der Reserve. 2001 wurde er wegen rechtsextremistischer Bestrebungen aus der Bundeswehr geworfen, beschwerte sich aber dagegen und wurde ein Jahr später wieder aufgenommen.

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Kubitschek redet auf Pegida- und Legida-Demonstrationen und pflegt gute Beziehungen in viele Richtungen: zu „Compact“-Gründer Jürgen Elsässer etwa, aber auch zu Akif Pirincci, dessen zweites politisches Buch „Umvolkung“ er verlegt. Genau wie das Werk „Revolte gegen den großen Austausch“ des Franzosen Renaud Camus, eine Art Bibel der Neuen Rechten. Die These darin: Die Europäer werden verdrängt, der Kontinent wird von Muslimen bevölkert.

Diese These greift Kubitschek immer wieder auf. Auf der Pegida-Kundgebung am 3. Oktober 2016 stellt Kubitschek eine Frage, die er „existenziell“ nennt: „Werden wir Deutschen in der nächsten, übernächsten und allen weiteren Generationen noch das entscheidende Staatsvolk in Deutschland sein oder nicht?“ Das sei nicht sicher, so Kubitschek, denn deutsche Politiker würden gezielt die Identität des Volkes auslöschen. Mit „Gesellschaftsexperimenten“ setzen sie „unser Land aufs Spiel“.

Aufruf zum Handeln

2015 verfasst der Jurist Thor von Waldstein die Schrift „Zum politischen Widerstandsrecht der Deutschen“; die „Sezession“ veröffentlicht sie. Waldstein zählt auf, wie sich das deutsche Volk gegen den „Angriff“ von Merkel und Co. wehren könne. Um die Unterbringung „Illegaler“ – er meint damit Asylbewerber – zu verhindern, könnten „Widerstandsleistende“ etwa Strom- und Heizungszufuhr und die Zufahrtsstraßen blockieren; Busse, die Flüchtlinge transportieren, könne man fahruntüchtig machen. Waldstein beruft sich auf den Widerstandsparagraphen des Grundgesetzes, in dem es heißt: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese (freiheitlich-demokratische) Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Götz Kubitschek sieht das ähnlich. Er unterstützt die Internetplattform einprozent.de, auf der Bürger ihre Widerstandsprojekte auf einer Deutschlandkarte eintragen sollen, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Das Ziel: Eine Bürgerbewegung gegen die Asylpolitik zu schaffen. Dazu brauche es nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung. 800.000 Deutsche.

Sammelbecken für neurechte Denker

Das Institut für Staatspolitik gründet Kubitschek im Jahr 2000 zusammen mit dem rechtskonservativen Autor Karlheinz Weißmann. Beider Ziel: Rechte Denker zusammenbringen und deren Ansichten wissenschaftlich untermauern. Kubitschek schreibt, genau wie Weißmann, damals für die Wochenzeitung „Junge Freiheit“; mit der Zeit entfernen sich die beiden jedoch voneinander. Schließlich kommt es zum offenen Streit – untereinander und mit der „Jungen Freiheit“

Es geht um das Lied „Nur der Freiheit gehört unser Leben“, das im Gesangsbuch eines neurechten Jugendverbandes auftaucht. Das Lied wurde ursprünglich für die Hitler-Jugend geschrieben. In der „Jungen Freiheit“ schreibt ein Redakteur namens Roland Wehl: „Erwarten diejenigen, die das Lied heute singen, von denen, deren Vorfahren unter dem NS-Regime gequält und ermordet wurden, daß sie das Lied mitsingen?“

Daraufhin gibt es in Schnellroda kein Halten mehr: Eine absurde Suggestivfrage, durch die die „Kollektivschuld wieder ins Boot kommt“, schreibt ein Autor. Götz Kubitschek beantwortet die Frage mit einer Gegenfrage: „Hat das je einer gefordert, dieses Mitsingen der Opfer?“ Wehl bewertet die Antwort anschließend als „zynisch und anmaßend“, Kubitschek leide an einem Mangel an Empathie.

Im selben Jahr verlässt Mitgründer Weißmann das IfS und beschuldigt Kubitschek später öffentlich, von der politischen Ordnung Deutschlands nicht allzu viel zu halten. In einem Interview mit der „Jungen Freiheit“ sagt Weißmann: „Kubitschek hat einen solchen Dissens immer bestritten, aber auch süffisant angemerkt, daß ich nicht einmal hinter verschlossenen Türen die Verfassung in Frage stellte.“

Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man Kubitscheks Reden bei Pegida-Veranstaltungen anhört: Die Ostdeutschen hätten verstanden, dass Deutschland beständiger sei als seine politische Ordnung, sagte er etwa anlässlich des zweiten Jahrestages der Pegida-Gründung im Oktober 2016. Mit anderen Worten: Das „Volk“ stehe über dem Grundgesetz. Auch in der „Sezession“ finden sich Texte, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen: Im August 2013 etwa wirbt der italienische Aktivist Adriano Scianca dafür, den Faschismus auf die heutige Zeit zu übertragen.

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

Ken Jebsen ist ein Durchblicker der Extraklasse: Er weiß, dass die Amerikaner selbst hinter dem Attentat auf das World Trade Center stecken.© Collage von Ivo Mayr

Neue Rechte

Das Böse ist immer und überall

Die Anschläge auf das World Trade Center? Inszeniert von den Amerikanern! Angela Merkel? Eine Marionette Washingtons! Mit KenFM hat der ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen ein populäres Portal für Verschwörungstheoretiker aufgebaut. Gleichwohl distanziert er sich von vielen fremdenfeindlichen Positionen der Neuen Rechten.

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von Camilla Kohrs

„Ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat“, schreibt Ken Jebsen (Rechtschreibfehler im Original) einem Hörer seiner Radiosendung im Jahr 2011 – und handelt sich damit eine Menge Ärger ein. Der Hörer leitet die E-Mail nämlich an den Autor Henryk M. Broder weiter, der sie auf seinem Blog veröffentlicht. Jebsens Sendung KenFM läuft damals auf „Radio Fritz“ des öffentlich-rechtlichen RBB. Seine Vorgesetzten stellen sich erst hinter Jebsen, kündigen ihm dann aber ein paar Wochen später mit der pauschalen Begründung, Jebsen habe sich wiederholt nicht an vertragliche Verpflichtungen gehalten.

Faktenbox: KenFM

  • Gegründet: 2012
  • Besitzer: Ken Jebsen
  • Chefredakteur: Ken Jebsen
  • Reichweite: 150.000 Abonnenten auf YouTube

Jebsen sieht sich als Opfer. Er sei wohl „zu politisch“ gewesen, sagt er damals. Die E-Mail habe er zwar geschrieben, es habe sich aber um ein Zitat gehandelt. Ein Antisemit oder gar Holocaust-Leugner sei er nicht. Mit diesem Rauswurf häutet sich Jebsen: Bis dahin ist er als klamaukiger Radiomoderator bekannt, nun entpuppt er sich als politischer Überzeugungstäter und Verschwörungstheoretiker mit Mission. Sein Ziel: Die Bürger aufzuklären über die wahren Machenschaften der Eliten.

Mit Hilfe seiner Hörer und Unterstützer sammelt er Geld und finanziert so seine Internetseite KenFM. Sie ist schon bald erstaunlich populär. Heute bestücken rund 20 freie Autoren und fünf Mitarbeiter die Seite mit Inhalten; besucht wird sie von rund 100.000 Nutzern pro Tag – mehr als die Seite des Bundestags. Der dazu gehörige Youtube-Channel hat über 150.000 Abonnenten und wurde bisher rund 40 Millionen Mal aufgerufen.

Es gibt mehrere Formate. Bei „KenFM im Gespräch“ führt Jebsen bis zu dreistündige Video-Interviews mit Personen aus Wirtschaft und Politik, darunter auch mit Personen wie Albrecht Müller, dem Macher der Nachdenkseiten. Bei „KenFM am Telefon“ diskutiert er mit Experten über aktuelle Ereignisse. Bei „NachdenKen“ monologisiert Jebsen zu Themen seiner Wahl. Die Website ist werbefrei. KenFM finanziert sich nach eigenen Angaben ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Oft, so behauptet es Jebsen, überweisen ihm Unterstützer 17,50 Euro – entsprechend der monatlichen GEZ-Gebühr.

Terrorlüge 9/11

Jebsens oberstes Motto scheint zu sein: Hauptsache dagegen. Gegen die USA, gegen Israel, gegen den gesellschaftlichen Mainstream. Zugleich verbreitet er zahlreiche Verschwörungstheorien. Bereits im August 2011, damals noch auf „Radio Fritz“, lässt er sich in einem seiner stakkatohaften Highspeed-Monologe lang und breit über die „Terrorlüge 9/11“ aus. Tatsächlich steckten hinter dem Anschlag die Amerikaner selbst – mit dem Ziel, Akzeptanz für Kriege in der eigenen Bevölkerung zu schaffen und – so legt es Jebsen in seiner Sendung nahe – sich Öl-Ressourcen zu sichern.

Auch die Presse wird manipuliert, sagt Jebsen: „Massenmedien sind die Kontrollinstrumente der Eliten. Dort sprechen die Reichen zu uns, dem Volk“. Nachdem Donald Trump die US-Wahl gewinnt, triumphiert er: „Regierungspresse, packt eure Koffer“.

Die deutsche Politik, glaubt er, sei nicht souverän, sondern werde aus Washington gesteuert. Über Angela Merkel sagt er: „Du bist ein Vasall“ der USA, „du hast gar nichts zu sagen.“ In Washington müsse man nur schnipsen und schon wäre die Kanzlerin weg.

Auch Putin sei ein Opfer der amerikanischen Geopolitik. Der wahre Grund der Hetze gegen Russland sei, dass Putin nicht die gesamten russischen Öl- und Gasquellen an die Amerikaner verkauft habe.

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Jebsen behauptet, er wolle seinen Zuhörern ein umfassendes Bild darüber vermitteln, „was da draußen wirklich passiert“. Denn: Alles ist inszeniert, alles läuft zwangsläufig auf den dritten Weltkrieg hinaus.

Distanz zur AfD

Viele dieser Positionen überschneiden sich mit denen der AfD – wobei Jebsen immer wieder auch neurechte Positionen kritisiert, vor allem die Hetze gegen Muslime und Flüchtlinge. Von „Compact“-Gründer Jürgen Elsässer distanzierte sich Jebsen, als dieser anfing, in seinen Texten gegen Ausländer zu polemisieren.   

Angela Merkel nennt er beharrlich „IM Erika“, da er davon ausgeht, dass sie eine Stasi-Vergangenheit hat. In einer Sendung bezeichnet er ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber als „die Maulhure des Jahres 2015“ und zeigt ihm den Mittelfinger.

Wird er selbst beleidigt, versteht er keinen Spaß. Als die Hiphop-Gruppe Antilopengang ihn in einem Song erwähnt, bemüht er seine Anwälte. In dem Lied heißt es: „Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten. All die Pseudo-Gesellschaftskritiker, die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer. Nichts als Hetzer in deutscher Tradition. Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um.”

Das möchte Jebsen nicht auf sich sitzen lassen und will den Song damals verbieten lassen. Er fühle sich verleumdet. Doch er verliert das Verfahren und muss auch die Anwaltskosten der Musiker tragen.

Die Antilopengang sagt damals: „Es belustigt uns, dass ausgerechnet der Typ, der ständig mit den abenteuerlichsten Anschuldigungen und wildesten Theorien gegen politische Gegner schießt, sofort schwerste rechtliche Geschütze auffährt und mit Strafandrohungen um sich wirft, wenn er sich mal selbst betroffen fühlt.“

Die üblichen Verdächtigen

Jebsens Gesprächspartner in den oft mehrstündigen Interview-Sendungen: Verschwörungstheoretiker, neurechte Denker und all jene, die sich gegen den „Mainstream“ stellen. Willy Wimmer beispielsweise, der 33 Jahre lang für die CDU im Bundestag saß und nun der Meinung ist, dass Politiker in Europa und in den USA an der Zerstörung der europäischen Völker arbeiteten. Oder Udo Ulfkotte, ein ehemaliger Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der nun Bücher über „Gekaufte Journalisten“ und kriminelle Ausländer schreibt. Oder Gerhard Wisnewski, der unter anderem die These vertritt, dass es die RAF nie gegeben habe; Geheimdienste seien für die Morde der Linksterroristen verantwortlich.

Alles Autoren, die sich auch bei RT Deutsch, im „Compact“-Magazin und beim Kopp-Verlag die Klinke in die Hand geben.

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

Auf dem populären Hetzportal „PI-News“ werden Flüchtlinge gern als „Merkels Fiki-Fiki-Fachkräfte" oder „Rapefugees" bezeichnet.© Collage von Ivo Mayr

Neue Rechte

Am besten hetzt es sich anonym

Erst war ein Sportlehrer verantwortlich, dann eine Pfarrerin. Doch heute weiß die Öffentlichkeit nicht, wer hinter dem erfolgreichen Blog Politically Incorrect und seinen „PI-News“ steckt. Vor allem besteht die Seite aus verlinkten Texten, die eine Welt malen, in der Ausländer schnorren, rauben, vergewaltigen.

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von Camilla Kohrs

„News gegen den Mainstream – proamerikanisch – proisraelisch – gegen die Islamisierung Europas – für Grundgesetz und Menschenrechte“. Das ist das Selbstverständnis von PI-News, dem Blog Politically Incorrect.

Die anonymen Macher behaupten, dass heute Sprechverbote, Gutmenschentum und politische Korrektheit die traditionellen Medien prägen. Gegen diese angebliche Zensur wollen sie anschreiben. „Es scheint uns wichtiger als je zuvor, Tabuthemen aufzugreifen und Informationen zu vermitteln, die dem subtilen Diktat der politischen Korrektheit widersprechen.“

Mit diesem Programm sind die „PI-News“ erstaunlich erfolgreich. Inzwischen zählt der Online-Dienst Alexa rund 400.000 Besucher pro Tag auf der Seite. Zum Vergleich: Die Internetseite des TV-Senders RTL wird ungefähr genauso häufig besucht.

Faktenbox: Politically Incorrect

  • Gegründet: 2004
  • Besitzer: unbekannt
  • Chefredakteur: unbekannt
  • Reichweite: 400.000 Besucher pro Tag

Kontakte zu Rechtsextremen

Gegründet wird der Blog 2004 von dem Kölner Sportlehrer Stefan Herre. Offiziell zieht sich Herre im Jahr 2007 von PI-News zurück, angeblich, weil er mehrfach bedroht worden sei. 2011 stellt sich jedoch heraus, dass er noch immer die Fäden in der Hand hält. Da werden Journalisten interne Dokumente zugespielt, E-Mails und Skype-Nachrichten, die zeigen, dass Herre auch zu diesem Zeitpunkt noch eine entscheidende Rolle bei dem Blog spielt.

Wer den Blog derzeit leitet, ist nicht bekannt. Es gibt kein Impressum, die meisten Autoren verwenden Synonyme. Der Server steht in den USA.

2007 übernimmt Christine Dietrich, eine Pfarrerin aus der Schweiz, die Leitung des Blogs, zieht sich aber noch im selben Jahr wegen des öffentlichen Drucks offiziell zurück. Tatsächlich, das zeigt das spätere Leak, schreibt auch sie regelmäßig weiter unter dem Pseudonym Thorin Eisenschild. Auch hat sie Zugriff auf den Server. Erst 2012 soll sie sich endgültig von PI-News verabschiedet haben.

Die internen Dokumente zeigten auch, dass die PI-News-Macher beste Kontakte zu rechtsextremen Politikern haben. Einmal plant Herre gemeinsam mit dem Gründer der rechten Partei „Die Freiheit“, René Stadtkewitz einen Auftritt des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders in Berlin. Auch mit schwedischen Rechtsextremen steht Herre zu dieser Zeit in Kontakt.

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„Merkels Fiki-Fiki-Fachkräfte“

Vor allem geht es auf PI-News gegen Muslime und Flüchtlinge. Wobei die hier anders heißen: „Merkels Fiki-Fiki-Fachkräfte“ zum Beispiel, „Invasoren“ und „Rapefugees“.

Im Dezember 2016 erhält die Bundeskanzlerin unter der Überschrift „Merkel #Advent #Bescherung“ einen Adventskalender, der Tag für Tag vermeintliche Polizeimeldungen verlinkt. Für den 2. Dezember 2016 ergibt sich dann dieses Bild:

  • „04.25 Uhr – Freiburg: Ausländer belästigt 25-Jährige sexuell
  • Festnahme in Marburg / Gießen: Intensivtäter aus Irak und Marokko begehen schwere Raubtaten und Körperverletzungsdelikte
  • 11.00 Uhr – Calw: Asylbewerber belästigt und begrapscht 14-Jährige am Busbahnhof
  • 13.00 Uhr – Bad Nenndorf: Asylbewerber geht mit Messer auf Unterkunftsmitarbeiter los
  • 16.00 Uhr – Garmisch-Partenkirchen: Südländer onaniert im Warmwasserbecken
  • 18.40 Uhr – Versmold: Osteuropäische Straßenräuber bedrohen 26-Jährigen mit Messer
  • 19.50 Uhr – Karlsruhe: Dunkelhäutige Räuberbande schlägt 75-Jährigen am Glascontainer
  • 20.10 Uhr – Hamburg: Südländischer Sextäter greift 47-jährige Spaziergängerin an (Phantombild!)
  • 21.00 Uhr – Essen: Bewaffnete Araber schlagen auf Tankstellen-Angestellte ein
  • 21.45 Uhr – Salzgitter: Aggressiver Marokkaner greift 10-jähriges Mädchen sexuell an
  • 23.50 Uhr – Taunusstein / Polizeigroßeinsatz: Asylbewerber greift 15-Jährige mit Messer an und wird laufen gelassen“

Wer den Links nachgeht, kommt allerdings nicht immer auf tatsächliche Polizeimeldungen. Gerade die krassesten Headlines, etwa: „Syrischer Flüchtling hat Landsmann den Schädel eingeschlagen“ vom 5. Dezember 2016 führen ins Leere.

Pfefferspray für die Armlänge Abstand

Zu einem großen Teil besteht der Blog aus verlinkten Artikeln, Texten, die im Original auf anderen Websites erschienen sind. Durch die selektive Auswahl kommt es zu einem extrem verzerrten Weltbild. Regelmäßig verlinkt werden etwa Meldungen über Straftaten von Migranten, oft kopiert von den Internetseiten kleinerer Lokalzeitungen.

Auch von politischen Blogs kopieren die Verantwortlichen Texte, die ihrem Weltbild entsprechen. Etwa von Michael Klonovsky, dem publizistischen Berater von AfD-Chefin Frauke Petry. „Direkt gefragt worden bin ich nicht“, teilt Klonovsky gegenüber CORRECTIV mit. Er habe aber nichts dagegen, dass PI-News seine Texte nutze. Auch Nadine Hoffmann, bis Oktober 2016 im AfD-Kreisvorstand Südthüringen, und Vera Lengsfeld, die ehemalige CDU Bundestagsabgeordnete, werden gern auf PI-News verlinkt.

Darüber, wie sich der Blog finanziert, ist nur wenig bekannt. Pfarrerin Dietrich hat gesagt, sie habe eine Zeit lang die Rechnungen für PI bezahlt. Auf der Seite ist außerdem ein Online-Shop verlinkt, über den man sich T-Shirts mit politischen Parolen bestellen kann, etwa: „Ich will die D-Mark wiederhaben“, graumeliert, für 19,49 Euro. Außerdem zu beziehen über diverse Banner auf der Seite: Bücher des rechtskonservativen Antaios Verlags von Götz Kubitschek und Pfeffersprays, „stärkstes Produkt derzeit“, beworben mit dem Spruch: „Besser als Armlänge“.

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)
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Neue Rechte

Chemtrails und ein schwuler Obama

Begonnen hat man mit UFO-Büchern. Heute klärt der Kopp-Verlag auf über Geheimbünde, Chemtrails, unwirksame Chemotherapien und lügende Journalisten. Immer gibt es verborgene Mächte, die den kleinen Mann zum Narren halten. Ein Denkmuster, das perfekt in das Weltbild der Neuen Rechten passt.

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von Camilla Kohrs

Früher war Jochen Kopp Polizist, heute veröffentlicht er in seinem Verlag Bücher, die sonst wohl keiner verlegen würde. „Bücher, die ihnen die Augen öffnen“, lautet der Slogan des Verlags, der einst durch UFO-Literatur bekannt wurde und heute zudem angebliche Enthüllungen über Geheimbünde („Die Grals-Verschwörung“), Bücher zu alternativen Krebsbehandlungen („Krebs verstehen und natürlich heilen“) und esoterische Ratgeber („Die magische Knochenbrühe“) im Angebot hat.*

Faktenbox: Kopp-Verlag

  • Gegründet: 1994
  • Besitzer: Jochen Kopp
  • Reichweite: Versand von rund 15.000 Büchern pro Tag (eigene und fremde Titel)

So unterschiedlich die Bücher auch sind: Sie eint das Misstrauen gegen das Althergebrachte. Auch beim Kopp-Verlag suggeriert man, es gebe verborgene Mächte, die alles steuern – und gehöre selbst zu den ganz Wenigen, die das durchschauen. Tabuthemen, Political Correctness, Zensur? Davon lassen sich die Kopp-Leute nicht beirren. Sie verlegen tapfer Bücher, die auf unterdrückte Informationen, Entdeckungen und Vorgänge hinweisen. Dass es sich dabei um nicht belegten, aber gut formulierten Schwachsinn handelt, erkennen wieder nur die Gegner des Kopp-Verlags. 

In den Kopp-Publikationen raunt es von Bedrohungen, die über kurz oder lang unseren Alltag bestimmen und zerstören werden. Das Buch „Die geheime Migrationsagenda“ beschreibt, wie „elitäre Netzwerke“ Europa zerstören – „mithilfe von EU, UNO, superreichen Stiftungen und NGOs“.

Politisch lässt sich der Verlag nicht zu hundert Prozent der Neuen Rechten zuordnen. Aber viele Denkmuster sind gleich. Auch in der Welt des Kopp-Verlags arbeiten die USA die CIA, die US-Notenbank Fed und diverse Geheimbünde an der Zerstörung Europas. Ihre Waffen: Migration, Finanzkrise, Manipulation der öffentlichen Meinung. Deutsche Politiker, Unternehmen und Medien sind nur willenlose Handlanger. Die Opfer der aggressiven amerikanischen Politik, das sind die einfachen Bürger, die entmündigt werden.

Das sind Denkweisen, wie man sie auch bei „Compact“, KenFM und bei einem Teil der AfD-Wählerschaft findet.

Volksvergiftung durch Chemtrails

Viel ist über den medienscheuen Gründer nicht bekannt. Elf Jahre lang ist Jochen Kopp Polizist, dann scheidet er aus dem Staatsdienst aus und gründet 1994 in Rottenburg am Neckar seinen Verlag. Er wolle „unorthodoxen Forschern, Entdeckern und Erfindern“ einen Platz bieten. Der „Spiegel“ schreibt 2014, dass der Kopp-Verlag rund 60 Mitarbeiter habe, die bis zu 15.000 Bücher täglich verschicken, dazu gehören eigene, aber auch Bücher von anderen Verlagen. Auf die Anfragen von CORRECTIV reagiert Jochen Kopp nicht. 

Alles, was außerhalb des angeblichen „Mainstreams“ liegt, findet hier einen Platz. Sucht man auf der Kopp-Website nach „Chemtrails“, also der Verschwörungstheorie, dass es sich bei den Kondensstreifen von Flugzeugen in Wirklichkeit um Giftschwaden handle, mit denen die Regierung die eigene Bevölkerung bekämpfe, erhält man 18 Treffer. Sie verweisen auf Werke wie „Chemtrails existieren DOCH!“ (Teil 1 bis 3) oder „Die Beweise: Volksvergiftung durch Chemtrails“.

Neben Büchern vertreibt der Kopp-Verlag auch DVDs, Hörbücher sowie ätherische Öle, Zuckerersatzstoffe, Outdoor- und Survivalprodukte.

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Obama – in Wahrheit schwul?

2007 erweitert Kopp sein Angebot um den Blog Kopp-Online. Hier wettern Autoren des Kopp-Verlags gegen Flüchtlinge und Migranten, den Euro, den angeblich erfundenen Klimawandel, den Islam, Politiker und Medien. Dabei ist ihnen keine Unterstellung zu abwegig. Unter anderem mutmaßt Gerhard Wisnewski, Filmproduzent und Verschwörungstheoretiker, ob Michelle Obama, die Frau des US-Präsidenten, transsexuell sei und eigentlich Michael hieße. In einem anderen Artikel behauptet Wisnewski, Barack Obama sei in Wahrheit schwul, seine Familie wäre nur Tarnung.

Udo Ulfkotte, ehemaliger „FAZ“-Redakteur, schreibt über Fälle des Sozialbetrugs von Muslimen: „Das sind keine Einzelfälle – es sind typische Fälle.“ Weiter behauptet er, der Islam lebe „als Ideologie oftmals von nichts anderem als vom Transfer des Wohlstand – und zwar immer in eine Richtung: vom wohlhabenden ,Ungläubigen’ in Richtung der Muslime“. In Europa, so Ulfkotte weiter, „rufen manche islamische Vorbeter ihre Mitbürger aus dem islamischen Kulturkreis mitunter ganz offen zum Sozialhilfebetrug auf.“*

Neben den Artikeln veröffentlicht die Redaktion einmal wöchentlich eine Art Presseschau, in der sie „aktuelle Weltnachrichten“ sammelt. Unter der Rubrik „Bunte Vielfalt für die bunte Republik“ finden sich jede Menge Internetlinks, die auf Fehlverhalten oder Verbrechen von Migranten oder Linken hinweisen.

Einige Links führen zu seriösen Nachrichtenseiten und Lokalzeitungen, andere zu obskuren Blogs oder zu „Compact“. Wer genau mit „Redaktion“ gemeint ist, wird auf der Seite nicht offenbart. Im Impressum immerhin steht Jochen Kopp.

2015 gewann der Kopp Verlag den „Goldenen Aluhut“ in der Rubrik Medien und Blogs. Der Goldene Aluhut ist der Negativpreis eines Blogs, das seine Leser einmal im Jahr über die schlimmsten Verschwörungstheoretiker abstimmen lässt.

*Korrektur 10.1.2017: In einer früheren Version des Artikels stand als wörtliches Zitat von Ulfkotte, dass Sozialhilfebetrug eine „typisch muslimische Tugend“ sei. Dies war jedoch kein wörtliches Zitat, sondern die pointierte Zusammenfassung eines längeren Artikels von Ulfkotte auf der Internetseite des Kopp-Verlags. Wir bedauern den Fehler. 

*Korrektur 20.2.2017: Bei zwei Buchtiteln, die in einer früheren Fassung des Artikels genannt wurden, handelte es sich nicht um Kopp-eigene Bücher, sondern um Bücher, die der Kopp-Verlag lediglich vertreibt. 

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

Jasmin Kosubek ist das Aushängeschild des russischen Propadanda-Portals „RT Deutsch“© Collage von Ivo Mayr

Neue Rechte

Russische Propaganda für deutsche Zuschauer

Der russische Auslandssender Russia Today hat die Mission, Moskaus Sicht der Dinge in alle Welt zu tragen. Er bietet europakritischen Politikern von ganz links und ganz rechts eine Bühne – Hauptsache die Interviewten sind Merkel- und europakritisch. Ausgerechnet ein AfD-Hinterbänkler aus Berlin ist ein besonders gefragter Interviewpartner bei RT.

von Camilla Kohrs

Mai 2016, der Sächsische Landtag in Dresden. Jasmin Kosubek interviewt in aller Ausführlichkeit Frauke Petry. Wobei es kein Interview ist, wie es professionelle Journalisten führen würden, distanziert, skeptisch, kritisch. Nein: Frau Kosubek gibt der AfD-Chefin lediglich Stichworte und Gelegenheiten zur Selbstdarstellung. Etwa: „Sie wurden ausgeladen vom Katholikentag. Stört es Sie eigentlich, wenn Sie ja eigentlich die christlichen Werte verteidigen?“

Kosubek ist die bekannteste Moderatorin von RT Deutsch. Das Webportal sendet ausschließlich über Youtube und die eigene Website. Man wolle eine „Gegenöffentlichkeit herstellen“ und „Medienmanipulationen aufzeigen“ heißt es auf der Internetseite von RT Deutsch. Auffällig ist dabei die erstaunliche Nähe zur AfD. Es ist bekannt, dass der Kreml schon lange Kontakt zu rechten, anti-europäischen Parteien sucht. Und dass diese, von der ungarischen Jobbik-Partei über die französische Front National hin zur AfD, die Kontaktgesuche dankend annehmen.

Faktenbox: RT Deutsch

  • Gegründet: 2014
  • Besitzer: Rossjia Sewodnja, russisches Unternehmen
  • Hauptmoderatorin: Jasmin Kosubek
  • Reichweite: knapp 80.000 Abonnenten bei Youtube

RT Deutsch ist ein Ableger des russischen Auslandssenders RT, der bis 2009 noch Russia Today hieß. RT wirkt auf Zuschauer wie ein klassischer Nachrichtensender, ähnlich wie BBC oder CNN. Nur dass RT sich eben, im Auftrag des Kreml, der russischen Sichtweise verschrieben hat. Er sendet auf Englisch, Arabisch und Spanisch. Weitere Webportale gibt es auf Französisch und Russisch. Wie RT selbst mitteilt, hat sich die russische Regierung den Sender 2016 rund 270 Millionen Euro kosten lassen. Nach eigenen Angaben erreicht RT weltweit 700 Millionen Menschen in über 100 Ländern. Doch diese hohe Zahl ist zweifelhaft. Wahrscheinlich beschreibt sie lediglich die theoretische Reichweite. Die Zahl der Menschen, die den Sender tatsächlich einschalten, dürfte weit geringer sein. 

Die verschiedenen Internetseiten von RT besuchen nach Schätzungen des Online-Dienstes Alexa weltweit knapp 12 Millionen Menschen täglich. Die Seiten von CNN und BBC, mit denen sich RT gern vergleicht, haben knapp dreimal so viele Besucher.

„Der fehlende Part“

Herzstück von RT Deutsch ist „Der fehlende Part“. Moderatorin Jasmin Kosubek will in der wöchentlichen Sendung zeigen, wie die westlichen Medien manipulieren, was verschwiegen und ausgelassen wird. Dass die AfD in Deutschland keineswegs totgeschwiegen und Frauke Petry auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern oft zu Talkshows eingeladen wird, irritiert Kosubek nicht.

Nicht nur Petry, auch der zweite AfD-Parteivorsitzende Jörg Meuthen, Stellvertreterin Beatrix von Storch, Wiebke Muhsal vom Thüringischen AfD-Landesverband und Hugh Bronson vom Landesverband Berlin sind bei RT Deutsch aufgetreten. Auch Politiker der LINKEN, wie das Ehepaar Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine, sind gern gesehene Gäste. Politiker der anderen im Bundestag vertretenen Parteien hingegen kommen kaum vor. Es sei denn, sie kritisieren ihre Parteikollegen scharf. Wie Thomas Jahn, CSU’ler, Merkel-Gegner und Streiter gegen den Rundfunkbeitrag. Auch Globalisierungskritiker und Verschwörungstheoretiker kommen ausführlich zu Wort. Schließt RT Politiker von SPD, Grünen, FDP und CDU bewusst aus? Darauf wollte RT auf Anfrage von CORRECTIV hin keine Stellung nehmen.

Ein Hinterbänkler im Staatsfernsehen

Auch der englischsprachige TV-Sender RT International bittet häufig Funktionäre von LINKE und AfD zum Interview. Der weithin unbekannte Berliner AfD-Abgeordnete Frank Hansel zum Beispiel durfte bereits mindestens acht Mal bei RT-International auftreten und sich zum Brexit, den Anschlägen in Würzburg und Ansbach oder neurechten Kundgebungen in Thüringen äußern.

Warum gerade er? „Sie wollen jemanden, der die Lage in Deutschland zu den großen Themen wie Migration und Islam bewerten kann“, sagt er auf Anfrage. Und das könne er gut. RT frage ihn regelmäßig per SMS oder WhatsApp für Interviews an.

Das habe auch praktische Gründe, sagt Hansel. Das Abgeordnetenhaus von Berlin liege fußläufig zum Potsdamer Platz, dem Sitz von RT in Deutschland. Da sei er in wenigen Minuten in der Redaktion. Außerdem könne ihn die Redaktion direkt erreichen und müsste nicht erst umständlich über Sekretariate Termine vereinbaren. Es gehöre jedoch nicht zur Strategie der AfD, gezielt ihre Inhalte bei RT zu platzieren, sagt Hansel. Für ihn haben die Auftritte „eher Übungscharakter“. Er könne dabei Medienerfahrung sammeln.

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Fehler und Manipulationen

Neben der beschränkten Auswahl an Gästen unterlaufen RT auch häufig handwerkliche Fehler, teilweise werden schlicht Unwahrheiten verbreitet. So wird in einem Bericht behauptet, im Januar 2016 seien 100.000 Menschen bei Pegida-Demonstrationen mitgelaufen. Laut der Forschungsgruppe „durchgezählt“ gab es in dem Monat drei Demos in Dresden, an denen jeweils rund 4000 Menschen teilnehmen; zu einer Kundgebung in Leipzig kommen rund 300 Teilnehmer.

In einem anderen Bericht über Flüchtlinge, ebenfalls von August 2016, wird ein Mann auf der Straße befragt. Er ist der Meinung, dass Flüchtlinge den Staat zu viel kosten und zudem ein Sicherheitsrisiko darstellen. Bei dem Mann handelt es sich um den Dortmunder Neonazi Michael Brück von der Partei „Die Rechte“. Sein Name und seine Parteizugehörigkeit werden in dem Beitrag jedoch nicht genannt.

„Unsere Lisa“

Im Januar 2016 sorgt der „Fall Lisa“ in Berlin für großen Wirbel: Die 13-jährige Russlanddeutsche verschwindet am 11. Januar auf dem Schulweg. Als sie 30 Stunden später wieder auftaucht, berichtete sie ihren Eltern, sie sei von drei Männern mit „südländischem Aussehen“ entführt und vergewaltigt worden. Daraus wird in den sozialen Netzwerken das Gerücht, Lisa sei von arabischen Flüchtlingen vergewaltigt worden – was von Politik und Medien verschwiegen werde.

Russische Medien greifen den Vorfall breit auf. In der Folge randalieren russische Männer in Berlin-Marzahn in einem Flüchtlingsheim, es kommt zu Demonstrationen in Berlin und anderen Städten. Selbst der russische Außenminister Sergej Lawrow schaltet sich ein, spricht von „unserer Lisa“ und wirft den deutschen Behörden Vertuschung aus „politischer Korrektheit“ vor.

Am 29. Januar 2015 gibt die Berliner Staatsanwaltschaft bekannt, dass Lisa die Geschichte erfunden und das Mädchen die Nacht bei ihrem 19-jährigen Freund verbracht habe. Das habe die Auswertung ihrer Handydaten ergeben. Die Polizei wiederholte bereits zuvor stets, sie gehe nicht davon aus, dass Lisa entführt und vergewaltigt wurde.

Am 27. Januar spricht die RT-Moderatorin Maria Janssen mit dem Journalisten Ivan Blagoy, der die Geschichte als Erstes für den russischen Sender Pervij Kanal aufgriff. Er behauptet, dass der Familie auf jeden Fall „ein Unglück geschehen sei“, und sagt gleichzeitig, dass er seine Informationen von Verwandten und Nachbarn Lisas sowie aus sozialen Netzwerken habe. Janssen konfrontiert Blagoy in dem Interview nicht mit den Einschätzungen, die die Polizei bis dahin veröffentlicht hat. Das Gespräch dreht sich lediglich um die Frage, wie die deutschen Medien mit der Geschichte umgegangen seien und wie schmerzhaft das alles für die Familie sei.

Korrektur 7.1.2017: In einer früheren Fassung des Artikels fand sich die Angabe, dass in Deutschland sechs Millionen russischsprachige Menschen leben. Wir haben diese Zahl wieder gelöscht, weil es keine verlässlichen Angaben über die Zahl russischsprachiger Menschen in Deutschland gibt.

Anmerkung 5.1.2017: In der Sendung „Der fehlende Part“ bei RT Deutsch am 23.12.2016 wurde angekündigt, dass die Sendung nicht fortgeführt wird. Der Redaktionsschluss für diesen Artikel war am 22.12.2016, deshalb wurde diese Information nicht berücksichtigt.

Anmerkung 5.1.2017:  RT Deutsch hat während der Recherche auf Anfragen von CORRECTIV nicht reagiert.

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)