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Euros für Ärzte

Nur jeder vierte Arzt legt Zahlungen offen, die er von Pharmafirmen erhält

Im Jahr 2016 haben die Pharmakonzerne 562 Millionen Euro an Mediziner und Kliniken in Deutschland gezahlt. Als die Firmen anschließend gefragt haben, ob sie diese Zuwendungen veröffentlichen dürfen, hat nur jeder vierte Arzt zugestimmt. Im Jahr zuvor waren noch 31 Prozent mit einer Veröffentlichung einverstanden. In unserer Datenbank könnt ihr ab jetzt suchen, ob euer Arzt transparent ist oder zu den Heimlichtuern gehört – oder ob er Zahlungen der Industrie grundsätzlich ablehnt.

von Stefan Wehrmeyer , Irene Berres , Christina Elmer , Patrick Stotz , Heike Le Ker , Markus Grill

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Wenn ein Arzt einem kranken Menschen helfen möchte, verschreibt er häufig Medikamente. Der Patient erwartet, dass sein Arzt nötige Präparate nach bestem Wissen und Gewissen auswählt. Doch Mediziner können in einen Interessenkonflikt geraten, wenn sie zugleich finanzielle Verbindungen zu Herstellern bestimmter Medikamente haben.

2016 finanzierten die Pharmaunternehmen Tausenden Ärzten Besuche auf Kongresse, bezahlten sie für ihre Vorträge bei Tagungen, erstatteten ihnen Hotelrechnungen und zahlten Honorare für Studien. Bei der freiwilligen Initiative FSA legen 54 Pharmafirmen, die nach eigenen Angaben 75 Prozent des Gesamtmarktes abdecken, ihre Zahlungen offen.

Sie allein haben 2016 insgesamt rund 66.000 Ärzte, Apotheker und andere Gesundheitsberufler sowie rund 6020 Institutionen wie Kliniken und Praxen finanziell unterstützt. Die Zahlungen beliefen sich auf insgesamt 562 Millionen Euro.

  • 356 Millionen Euro erhielten die Empfänger für sogenannte Anwendungsbeobachtungen (AWB) und klinische Studien.
  • 105 Millionen Euro bekamen einzelne Ärzte, Apotheker und Heilberufler für Vorträge, Fortbildungen und Beratung.
  • 101 Millionen Euro empfingen Krankenhäuser und andere Einrichtungen für Sponsoring, Beratung und Veranstaltungen.

Nicht jede Verbindung zwischen der Industrie, Kliniken und Ärzten ist zu verteufeln. So ist es zum Beispiel wichtig, dass praktizierende Ärzte Unternehmen bei der Entwicklung neuer Medikamente beraten. Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn.

Diese verschiedenen Interessen können die unabhängige Urteilskraft von Ärzten beeinflussen, müssen es aber natürlich nicht. Studien haben allerdings gezeigt, dass Mediziner mit vielen Verbindungen zur Pharmaindustrie Gefahr laufen, Nebenwirkungen eher herunterzuspielen oder eher teure Medikamente verschreiben.

Die US-Regierung reagierte bereits 2010 auf die Problematik und schuf ein Gesetz, das die Offenlegung aller Pharma-Zahlungen an Mediziner vorschreibt. Um eine solche Regelung in Deutschland zu verhindern, starteten die Lobbyorganisationen VfA und FSA 2015 den Transparenzkodex. Dieser sieht vor, dass die 54 Mitgliedsunternehmen neben Gesamtsummen jeweils eine Liste mit den Namen einzelner Ärzte und den an sie gezahlten Leistungen veröffentlichen.

Das Problem: Die Firmen nennen die Namen nur, wenn Zahlungsempfänger der Veröffentlichung zugestimmt haben. Im vergangenen Jahr waren dazu 31 Prozent der Empfänger bereit, in diesem Jahr lag die Quote nur noch bei 25 Prozent — also nur bei jeder vierten Person, die Pharmaleistungen empfangen hat. Anders gesagt: Drei Viertel aller Betroffenen wollen die Zahlungen geheim halten. Trotz des geringen Anteils liefern die Dokumente die Namen von mehr als 16.500 Personen, die zusammen Leistungen im Wert von knapp 24 Millionen Euro erhalten haben.

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Offengelegte Zahlungen an HCPs 2016

Um auf Basis dieser Daten eine größtmögliche Transparenz zu schaffen, hat CORRECTIV gemeinsam mit dem Datenteam von „Spiegel Online“ die Informationen aus den Dokumenten zusammengefasst und die Datenbank „Euros für Ärzte“ 2016 erstellt. Darin lassen sich die Summen für jene Ärzte und Fachkreisangehörige suchen, die einer Namensnennung zugestimmt haben. Auch die Institutionen, Organisationen und Kliniken sind auffindbar samt erhaltener Summe. Außerdem gibt es so genannte „Null-Euro-Ärzte”, die Pharmazahlungen laut eigenen Angaben ablehnen

Die meisten der aufgeführten Ärzte und sogenannten Fachkreisangehörigen bekamen weniger als 1000 Euro, wie die folgende Auflistung verdeutlicht:

  • Anteil der Personen, die unter 100 Euro erhalten haben: 9,1 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 500 Euro erhalten haben: 47,4 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 1000 Euro erhalten haben: 70,4 Prozent 

Daneben gab es jedoch auch Einzelpersonen mit enorm hohen Beträgen. Rund 1,3 Prozent der Ärzte kam auf mehr als 10.000 Euro. Dem Spitzenreiter der Liste ließen Pharmafirmen sogar eine Summe von knapp 200.000 Euro zukommen. Er ist allerdings der einzige Arzt in der Datenbank, bei dem die Summe die 100.000-Euro-Marke überstieg. Gezahlt wurden die Gelder vor allem für Beratungs- und Dienstleistungshonorare sowie Reise- und Übernachtungskosten im Zusammenhang mit Fortbildungen.

Diese Pharmafirmen zahlten 2016 die größten Geldsummen an Mediziner, Fachkreisangehörige und Institutionen: 

  1. Novartis Pharma: 23,6 Millionen Euro
  2. Bayer: 17 Millionen Euro 
  3. MSD: 12,1 Millionen Euro
  4. Berlin-Chemie: 11,7 Millionen Euro 
  5. Bristol-Myers-Squibb: 11,2 Millionen Euro

Die im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgeschlüsselten Daten bedeuten eine Zäsur. Noch nie erhielt die Öffentlichkeit einen so detaillierten Einblick in die finanziellen Verbindungen von Medizinern, Kliniken und der Industrie. Dennoch krankt das aktuelle System neben dem Prinzip der Zustimmung für eine Offenlegung noch an einem weiteren Punkt: Es klammert einen Großteil der Zahlungen aus.

Firmen mit den schlechtesten Veröffentlichungsquoten bei Fachkreisangehörigen

Veröffentlichungsquoten Pharmafirmen 2016

Umstrittene Anwendungsbeobachtungen

Die detailliert aufgeschlüsselten Angaben umfassen aktuell nur Leistungen im Zusammenhang mit Beratung, Fortbildung oder etwa Sachspenden. Welche Personen und Institutionen wie viel Geld im Zusammenhang mit Forschungsprojekten bekommen haben, halten die Unternehmen weiterhin geheim. Damit verschweigen sie Details über eine Summe von 356 Millionen Euro — mehr als 60 Prozent der Gesamtzahlungen.

Kritiker sehen darin Kalkül, da die Unternehmen so Ausgaben für eine umstrittene Praxis verschweigen können. Neben wichtigen klinischen Studien, bei denen potenzielle neue Medikamente vor ihrer Zulassung erprobt werden, enthält die Summe von 356 Millionen auch Zahlungen für sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Dabei erhalten Mediziner Geld, wenn sie ihren Patienten ein bestimmtes Medikament verordnet haben und anschließend einen Fragebogen etwa zur Verträglichkeit ausfüllen.

Die wissenschaftliche Qualität der Anwendungsbeobachtungen sei äußerst schlecht, wird oft kritisiert. Statt dem Wohl der Patienten dienen sie demnach vor allem dazu, die Ärzte für die Verordnung des neuen Mittels zu bezahlen und die Behandelten langfristig an das Präparat zu binden. Die Unternehmen hingegen rechtfertigen die Untersuchungen als wichtige Praxisprobe — und wollen deshalb auch bei der Veröffentlichung der Zahlen keine Unterscheidung zwischen diesen und gesetzlich vorgeschriebenen klinischen Studien machen.

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Irene Berres, Christina Elmer, Heike Le Ker und Patrick Stotz sind Redakteure von „SpiegelOnline”.

In unserer neuen Datenbank werden erstmals die Interessenkonflikte von Ärzten öffentlich, die Geld von der Pharmaindustrie erhalten.© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Fragen & Antworten zu „Euros für Ärzte“

Mehr als 20.000 Ärzte und Fachkreisangehörige haben zugestimmt, dass Pharmafirmen ihre Zahlungen an sie offenlegen. In einer Datenbank kann sie jeder durchsuchen. Ist es schlimm, wenn ein Arzt Geld erhalten hat? Wer war der Bestverdiener? Wo sind Schlupflöcher? In einem FAQ beantworten wir Eure Fragen zu den Daten.

von Irene Berres , Christina Elmer

Ärzte sollten Entscheidungen auf der Grundlage von medizinischem Fachwissen treffen. Lassen sie sich von Pharmaunternehmen Honorare für Vorträge oder Reisekosten zahlen, ist diese Unabhängigkeit in Gefahr.

54 Pharmaunternehmen haben sich nun verpflichtet, einen Teil der Zahlungen an Ärzte im Detail offenzulegen. CORRETIV hat gemeinsam mit „Spiegel Online“ die Daten zusammengetragen und ausgewertet. In unserer Datenbank könnt Ihr suchen, wieviel Geld Euer Arzt von der Pharmaindustrie erhalten hat. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Ergebnissen.

Welche Firmen haben ihre Daten preisgegeben und warum?

Beim Transparenzkodex handelt es sich um eine Eigeninitiative des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VfA) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA). Die teilnehmenden Unternehmen decken nach eigenen Angaben 75 Prozent des deutschen Pharmamarkts für verschreibungspflichtige Medikamente ab. Ziel des Projekts sei, ein wachsendes Verständnis für die Zusammenarbeit von Ärzten und Unternehmen zu schaffen, erklärte der VfA.

Wie transparent ist der Kodex wirklich?

Noch bietet er zu viele Schlupflöcher. So mussten zwar alle teilnehmenden Unternehmen ihre Zahlungen an Ärzte offenlegen. Die Namen der Mediziner aber nannten sie nur, wenn diese der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Grund dafür sei der Datenschutz, erklärten die Unternehmen. Stimmten Ärzte nicht zu, wurden ihre Daten zusammengefasst und anonymisiert veröffentlicht.

Transparenz mit Graubereich

Wie viele Mediziner haben der Veröffentlichung ihrer Daten zugestimmt?

Mehr als 71.000 Ärzte erhielten den Daten zufolge Zahlungen von Pharmaunternehmen. Davon stimmten 29 Prozent der Veröffentlichung ihres Namens zu, immerhin rund 20.000 Mediziner. Die Daten erlauben somit einen Einblick in finanzielle Verbindungen von Ärzten und Industrie, den es in Deutschland so noch nie gab.

Wie viel Geld erhalten Deutschlands Ärzte von der Industrie?

Den Angaben zufolge investierten die 54 Unternehmen 2015 rund 119 Millionen Euro in Honorare für Mediziner und andere Fachkreisangehörige wie Apotheker für Fortbildungen, Beratungen und Dienstleistungen. Im Schnitt erhielt jeder der über 71.000 Ärzte allein 1.600 Euro.

Die Spannweite war enorm: Der am besten bezahlte Mediziner, ein renommierter Neurologe, erhielt mehr als 200.000 Euro. Der Arzt mit dem geringsten Beitrag, ein Chefarzt aus einer Reha-Klinik, rechnete 2,10 Euro Reisekosten ab.

Erfassen diese Angaben wirklich alle Zahlungen der Industrie an Ärzte?

Nein, einen sehr großen und wichtigen Block haben die Organisatoren des Transparenz-Kodex ausgelassen: Honorare für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen und Studien für neue Medikamente. Statt auch diese Zahlungen aufzuschlüsseln, veröffentlichten die Firmen nur die Summe: 366 Millionen haben sie Ärzten und Institutionen für Forschungs- und Entwicklungsarbeit bezahlt. Welcher Anteil davon nur an Ärzte ging, ist nicht bekannt. Auch hier fehlt es noch an Transparenz.

Wofür zahlten die Unternehmen Ärzten sonst das Geld?

Der Transparenzkodex unterscheidet bei den offengelegten Zahlungen zwischen fünf Kategorien:

  • Die Übernahme von Reise- und Übernachtungskosten rund um Fortbildungsveranstaltungen. Den namentlich genannten Spitzenreiter in dieser Kategorie — den Urologen und Oberarzt Peter-Jürgen Goebell — unterstützten die Unternehmen 2015 mit Reisekosten im Wert von 25.357 Euro.
  • Die Zahlung von Tagungs- und Teilnahmegebühren für Fortbildungen. Hier erhielt die mit der Veröffentlichung einverstandene Spitzenreiterin, die selbstständige Münchner Gynäkologin Celia Oldenbüttel, im Jahr 2015 knapp 3600 Euro.
  • Bei Sponsoringverträgen finanzieren Firmen die Vorbereitung, Ausrichtung oder Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen. Der namentlich genannte Spitzenreiter in dieser Kategorie, der Münchner Dermatologe Matthias Volkenandt, erhielt 15.000 Euro.
  • Neben den Kosten für Fortbildungen bilden Honorare für Beratungen und Dienstleistungen den zweiten großen Block bei den offengelegten, finanziellen Verbindungen. Der Höchstverdiener in dieser Kategorie war der Essener Neurologe Hans Christoph Diener, der auch insgesamt die meisten Zahlungen erhielt. Allein für Beratungen und Dienstleistungen erhielt er 134.078 Euro.
  • Der letzte Punkt umfasst die Erstattung von Auslagen, die mit Beratungen oder Dienstleistungen zusammenhängen. Auch in dieser schwer fassbaren Kategorie erhielt Diener mit 50.820 Euro die höchste Summe.

Welche der Firmen zahlen Ärzten am meisten?

Die größten Geldgeber

Wie finde ich heraus, ob mein Arzt Zahlungen von Pharmaunternehmen erhalten hat?

Der Transparenzkodex sieht vor, dass jedes der 54 Unternehmen eine eigene Liste mit einem Überblick der Zahlungen auf seiner Homepage veröffentlicht (einen Teil der Listen finden Sie hier). Einen Überblick können Patienten so kaum gewinnen. Um die Suche nach dem eigenen Arzt zu vereinfachen, haben Correctiv.org und „Spiegel Online“ die Angaben der Pharmaunternehmen in einer Datenbank zusammengetragen und visualisiert.

Bei der Suche sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass die veröffentlichten Daten nicht vollständig sind. Taucht ein Arzt nicht auf, bedeutet das nicht automatisch, dass er keine finanziellen Verbindungen hat.

Was bedeutet es, wenn ein Arzt Geld von einem Pharmaunternehmen erhalten hat?

Jede finanzielle Verbindung von Ärzten zur Industrie birgt die Gefahr, dass die Mediziner nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Werden Mediziner gefragt, ob die Zusammenarbeit einen Einfluss auf ihr professionelles Urteilsvermögen habe, antworten sie zwar meistens mit nein. Mehrere Untersuchungen konnten jedoch zeigen, wie die Verbindungen das professionelle Urteilsvermögen beeinflussen können.

Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um das Diabetesmedikament Rosiglitazon. Eine Studie hatte darauf hingewiesen, dass das Medikament das Risiko für Herzinfarkte deutlich erhöht. Trotzdem setzten sich mehrere Mediziner weiter für das Mittel ein und hielten das Risiko für Nebenwirkungen für vertretbar. Eine Auswertung aus dem Jahr 2010 kam zum Schluss, dass diese Ärzte deutlich häufiger Zahlungen des Rosiglitazon-Herstellers erhalten hatten. In Deutschland ist der Einsatz des Medikaments mittlerweile verboten.

Trotzdem gilt grundsätzlich, dass sich ein Interessenkonflikt auf die Urteilskraft eines Mediziners auswirken kann — es aber nicht muss. Er beschreibt immer nur die Gefahr. Das macht ihn auch so schwer greifbar.

Warum gehen Ärzte trotz der bekannten Risiken Verbindungen mit der Industrie ein?

Das Risiko ist nur ein Teil, der bei der Bewertung finanzieller Interessenkonflikte eine Rolle spielen sollte. Der andere Teil ist der Nutzen, den die Gesellschaft aus den Verbindungen ziehen könnte. Hierbei gibt es große Unterschiede. So sind Pharmafirmen bei der Entwicklung und den Tests neuer Wirkstoffe oft auf die Unterstützung und Beratung praktizierender Ärzte angewiesen. Im Zweifel überwiegt hier der Nutzen, den Patienten daraus ziehen, das Risiko.

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Deutlich fragwürdiger sind zum Beispiel sogenannte Anwendungsbeobachtungen, die erst nach der Markteinführung eines Medikaments durchgeführt werden. Dabei verschreiben Mediziner ihren Patienten das Mittel und beantworten anschließend Fragen, etwa zur Verträglichkeit. Kritiker sehen darin eine Möglichkeit, Mediziner versteckt für die Verschreibungen zu bezahlen. Ebenfalls diskussionswürdig ist, ob Pharmaunternehmen für die Fortbildung von Ärzten aufkommen sollten.

Wer als Patient Bedenken hat, sollte seinen Arzt am besten darauf ansprechen.

Hier kannst Du nachschauen, ob auch Dein Arzt im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie erhalten hat.

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Mitarbeit: Hristio Boytchev, Markus Grill, Christoph Henrichs, Simon Jockers, Philipp Seibt, Patrick Stotz, Achim Tack, Stefan Wehrmeyer

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54 Pharmafirmen haben Zahlungen an Mediziner offengelegt – allerdings nur, wenn diese damit einverstanden waren. Euer Arzt ist nicht dabei? Diese Quellen können Euch weiterhelfen.

von Irene Berres

Mehr als 500 Millionen Euro zahlen Pharmafirmen Jahr für Jahr an Ärzte, Fachkreisangehörige und Einrichtungen: für Reisen, für die Durchführung von Studien, für Beratungen. Jetzt haben 54 Unternehmen erstmals einen Teil ihrer Zahlungen offengelegt, CORRECTIV und „Spiegel Online“ haben die Daten zusammengetragen und ausgewertet.

Das Problem: Die Unternehmen nennen ausschließlich die Namen von Medizinern, die der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Dieses Einverständnis gaben jedoch nur 29 Prozent – etwas mehr als 20.000 von mehr als 71.000 Ärzten und Fachkreisangehörigen, die Geld von den Unternehmen erhalten hatten.

Nachfragen oder recherchieren

Findet sich ein Mediziner nicht in den Veröffentlichungen des Transparenzkodex (hier geht es zur Datenbank), hat
das also kaum eine Aussage. Möglicherweise hat er tatsächlich keine Verbindungen. Möglicherweise hat er aber auch eine Veröffentlichung der Daten abgelehnt. Oder er erhält Zahlungen zum Beispiel von einer Generika-Firma, die sich nicht am Transparenzkodex beteiligt.

Wer dem nachgehen möchte, kann einen einfachen Weg verfolgen: bei seinem Arzt nachfragen.

Aber es gibt weitere Möglichkeiten der Recherche, vor allem unter Ärzten, die auch Forschungsaufsätze schreiben. Mediziner sind heutzutage in der Regel verpflichtet, bei Veröffentlichungen Interessenkonflikte anzugeben. Dadurch ergeben sich vier Ansatzpunkte:

1. Leitlinien

Für viele Krankheiten existiert eine medizinische Leitlinie mit Behandlungsempfehlungen. Die Verfasser haben somit einen großen Einfluss auf die Verschreibungspraxis in Deutschland. Aus diesem Grund fordert die zuständige Arbeitsgemeinschaft (AWMF) seit 2010 dazu auf, Interessenkonflikte offenzulegen. Alle Leitlinien sind frei zugänglich und können über eine Suchfunktion nach Namen durchforstet werden.

Ein Beispiel für eine Interessenkonflikts-Erklärung aus einer Leitlinie kannst Du hier anschauen. Sie gehört zu den Behandlungsempfehlungen für Kopfschmerzen, die durch einen zu hohen Gebrauch von Schmerzmitteln verursacht wurden. Der darin genannte Essener Neurologe Hans Christoph Diener ist mit mehr als 200.000 Euro der Bestverdiener unter den Medizinern, die im Rahmen des Transparenzkodex der Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt haben. Hier geht es zur Leitlinien-Suche.

2. Internationale Fachzeitschriften

Wollen Mediziner in der Forschungswelt anerkannt werden, müssen sie Studien in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen. Viele solche Zeitschriften fordern von ihren Autoren, Interessenkonflikte anzugeben. Die beste Suchmöglichkeit bietet Pubmed, die Onlinebibliothek der amerikanischen National Institutes of Health. Dort ist es möglich, sich bei der Recherche direkt auf Autorennamen zu konzentrieren. In der linken Spalte lassen sich die Suchergebnisse zudem auf frei zugängliche Studien begrenzen.

Bei einer Suche nach dem Neurologen Diener etwa stößt man so als erstes auf diese aktuelle Studie aus dem renommierten Fachblatt “The Lancet”. Noch vor den Literaturangaben sind am Ende der Studie umfassende Interessenkonflikte offen gelegt. Hier geht es zur Pubmed-Suche.

3. Deutsches Ärzteblatt

Die Zeitschrift der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung enthält Beiträge vieler deutschsprachiger Mediziner und ist thematisch breit aufgestellt. Seit 2011 verpflichtet sie ihre Autoren dazu, Interessenkonflikte offen zulegen. Die Daten sind auch ohne Anmeldung unter den Texten abrufbar, das Archiv lässt sich bei der erweiterten Suche direkt nach Autorennamen durchforsten. Für ein Beispiel scrolle in diesem — willkürlich gewählten — Artikel nach ganz unten. Hier geht es zum Ärzteblatt-Archiv.

4. Suchmaschinen

Arbeiten Mediziner etwa als Referenten für die Pharmaindustrie, bringt das öffentliche Auftritte mit sich. Aus diesem Grund kann sich auch eine einfache Recherche in einer Suchmaschine auszahlen, zum Beispiel mit dem Namen des Mediziners in Kombination mit Begriffen wie „Interessenkonflikt“, „Symposium“, „Referent“ oder „Offenlegung“. Eine weitere Suche mit englischen Begriffen kann die Chancen noch weiter steigern.

Bist Du fündig geworden? Dann spreche Deinen Arzt im Zweifel darauf an. Dass er mit Pharmaunternehmen kooperiert, muss nicht heißen, dass er ein schlechter Mediziner ist. Fast alle renommierten Ärzte besitzen Verbindungen mit der Industrie, um Unternehmen unter anderem bei der Entwicklung neuer Medikamente zu beraten.

Daneben gibt es jedoch auch umstrittenere Verbindungen — etwa, wenn Ärzte als Referenten bei einer Tagung auftreten und das neue Medikament einer Firma präsentieren.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Egal was der Anlass ist, bergen alle Verstrickungen ein ähnliches Risiko: Es kann passieren, dass sich die Mediziner mit dem Unternehmen verbunden fühlen und nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Deshalb ist es so wichtig, alle Verbindungen zwischen Industrie und Ärzten auf ihre Notwendigkeit zu hinterfragen. Dazu können auch Patienten einen Teil beitragen.

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Kommentar: Pseudo-Transparenz

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