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Pflege

Die TV-Reportage: Undercover im Pflegeheim

von Benedict Wermter , Daniel Drepper , Michael Schomers , Gita Datta

Die Undercover-Dokumentation läuft am 3. Juni 2016 um 21:15 Uhr im NDR-Fernsehen bei „Die Reportage“. CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.

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Autor Michael Schomers bei seinem einzigen, betreuten Ausflug aus dem Bremer Pflegeheim Sodenmattsee. Ausnahmsweise mal selbst vor der Kamera. Mit Eis.© privat

Pflege

Undercover im Pflegeheim: Wo ist Charlotte?

Michael Schomers ist 66 Jahre alt, hatte vor zwei Jahren Speiseröhrenkrebs – und hat jahrelang als investigativer Journalist mit versteckter Kamera gearbeitet. Perfekt. Für uns ist er in ein ganz normales, sehr gut bewertetes Heim gezogen. Wie ist der Alltag in deutschen Pflegeheimen?

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von Benedict Wermter , Daniel Drepper , Michael Schomers

Diese Recherche findet Ihr in einer Langversion auch in unserem Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“, das Ihr unter shop.correctiv.org bestellen könnt. Die Aufnahmen aus dem Heim zeigen wir mit dem NDR in einer halbstündigen Reportage.


In Bremen entdecken wir ein Heim, das passt: das Haus Sodenmattsee 1. Es gehört zur privaten Residenz-Gruppe, die in Deutschland 36 solcher Heime betreibt. Wir hören uns um.

Der Geschäftsführer Rolf Specht wird in Bremen gefeiert. Vom Sohn einfacher Gemüsebauern mit Plumpsklo zum Immobilien-König. 2010 wird er Bremens „Unternehmer des Jahres“. Specht ist kein Wohltäter, er macht Geld mit seinen Heimen. Aber, sagen Insider, Specht macht seinen Job ordentlich. Sollten wir uns seine Pflegeheime anschauen, wären das keine Ausreißer nach unten. Wir würden das erleben, was in Pflegeheimen Alltag ist.

Im Werbeprospekt wirkt das Anwesen idyllisch: im Garten ein Teich, auf dem Enten schwimmen, man kann sie füttern. Kinder kämen häufig zu Besuch, schreibt die Residenz-Gruppe, es gebe eine Theatergruppe, einen Chor, Gymnastik, Basteln und Singen. „Wir bieten den Bewohnern unseres Hauses die Möglichkeit, ein weitestgehend selbstständiges und aktives Leben zu fuhren.“

Bei der aktuellsten Prüfung hat das Heim Anfang Juni 2015 die Pflegenote 1,2 bekommen, also „sehr gut“. Das Magazin „Focus“ hat Sodenmattsee 1 mehrfach als eines der besten Pflegeheime Deutschlands ausgezeichnet. „Wir wissen, dass unsere Mitarbeiter hier Tag für Tag gute Arbeit für unsere Bewohner leisten“, schreibt die Residenz-Gruppe in einer Pressemitteilung. „Umso mehr freuen wir uns, dass es jetzt von unabhängigen Experten bestätigt wird.“

Das wollen wir uns ansehen. Sodenmattsee 1 ist unser Heim.

„Guten Tag, mein Name ist Benedict R.“ Unser Reporter Benedict Wermter ruft unter falschem Namen in Bremen an. „Ich habe am Wochenende meinen Onkel Michael besucht. Der wohnt im Rheinland, allein. Ich habe gemerkt, dass das so nicht mehr geht.“

Das ist die Legende, die wir der Verwalterin erzählen. Sie schluckt den Köder. Und lädt uns zu einem Vorstellungsgespräch ein.

Michael Schomers – Onkel Michael – ist 66 Jahre alt, arbeitet als investigativer Journalist und hat viel Erfahrung mit Undercover-Projekten. Er war Rechtsradikaler, Fernfahrer, Bestattungshelfer, Sozialhilfeempfänger. Seit zwei Jahren hat er Speiseröhrenkrebs. Er wurde operiert, bekommt noch immer eine Chemotherapie, hat 50 Kilo abgenommen.

Soweit die Realität. Wir haben sie ein wenig ausgeschmückt. Und behaupten zusätzlich: Dass Onkel Michael seit dem Tod seiner Frau Charlotte zunehmend depressiv sei und immer unselbstständiger werde. Dass er nicht mehr auf seinen Neffen hört und häufig einen verwirrten Eindruck mache. Niemand kümmere sich darum, ob er genug esse und trinke und seine Medikamente nehme.

Für seinen Aufenthalt im Heim hat sich Michael Schomers vorgenommen, immer mal wieder verwirrt und desorientiert herumzulaufen und nach seiner verstorbenen Ehefrau zu rufen: Wo ist Charlotte?

Auch die medizinische Seite haben wir gut vorbereitet. Der Hausarzt von Michael Schomers hat eine medizinische Verordnung geschrieben, in der alle Medikamente aufgeführt sind, die er nehmen muss. Es sind einerseits – real – die typischen Mittel gegen die Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Und darüber hinaus – fiktiv – auch Psychopharmaka, zur Beruhigung einzunehmen. Tatsächlich sind es Placebos, Tabletten ohne Wirkstoff.

Zusätzlich hat der Hausarzt folgende Maßnahmen festgelegt, sie seien unbedingt zu befolgen:

  • Bei Unruhe zusätzlich 20 mg Citalopram, aber insgesamt max. 4 / Tag.
  • Auf ausreichende Trinkmenge achten.
  • Bitte täglich wiegen wegen Wassereinlagerung nach Chemotherapie.
  • Bitte einmal täglich Temperatur messen wegen der Infektgefahr nach Chemotherapie.

So präpariert, fahren wir Ende August 2015 zum Vorstellungsgespräch. Michael Schomers hat sich seit Wochen nicht rasiert, sein weißer Bart sprießt in alle Richtungen. Er trägt alte Kleider, sicher fünf Nummern zu groß, und war lange nicht beim Frisör. Neffe Benedict hat sich ebenfalls nicht gekämmt, auch er ist schließlich gestresst.

Vor dem Aufnahmegespräch sind die beiden nervös. Wird man ihnen ihre Rolle abnehmen? Fummeln am Hörgerät, abwesendes Nicken mit dem Kopf, störrische Nachfragen, ein paar Tränen wegen der Einsamkeit – Michael Schomers spielt die Rolle eines leicht verwirrten älteren Herrn perfekt. Problemlos meistern sie das 45-minütige Aufnahmegespräch und den anschließenden Rundgang über die Zimmer. Am Ende schiebt ihnen die Verwalterin die Unterlagen zur Anmeldung über den Tisch.

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Beim Aufnahmgespräch unterschrieben wir einen Vertrag mit dem Heim – und filmen mit versteckter Kamera. Das monatelange Warten hat sich gelohnt.

Michael Schomers

Sie stehen nun auf der Warteliste. Ein volles Heim ist ein gutes Zeichen. Das spricht für einen guten Ruf. Für Qualität.

Dann heißt es: warten. Einen Monat lang, zwei Monate lang. Benedict ruft immer wieder im Heim an und fragt nach. Doch die Verwalterin am Sodenmattsee wiederholt stoisch: „Wir müssen warten, bis jemand stirbt.“

Derweil recherchieren wir weiter. Es scheint, als seien „Pflege“ und „Skandal“ in den Medien untrennbar verbunden. Fast jede Woche gerät ein anderes Heim, ein anderes Problem in den Blick. Geschlagene und ans Bett gegurtete Großmütter. Verzweifelte Angehörige. Die Russen-Mafia. Von den Behörden geschlossene Heime. Eine Pflegerin, die allein ihre Bewohner nicht mehr versorgen kann, zum Telefonhörer greift und aus lauter Verzweiflung die Berliner Feuerwehr zu Hilfe ruft.

Was ist die gemeinsame Ursache all dieser Skandale? Warum lesen wir seit Jahren hauptsächlich Schlechtes über die Pflege? Warum halten es Pfleger im Schnitt nur gut acht Jahre in ihrem Beruf aus, bevor sie krank werden, ausbrennen, die Pflege verlassen? Warum fürchten wir alle uns so sehr davor, am Ende unseres Lebens ins Heim zu müssen?

Was muss sich ändern, damit wir Pflege nicht mehr nur mit Vernachlässigung, Gewalt und Tod verbinden, sondern mit Freundlichkeit, Güte, Geborgenheit?

Anfang November 2015 ist es endlich soweit: Onkel Michael darf in das Heim Sodenmattsee 1 einziehen. Die verdeckte Recherche beginnt.

Eine weitere Woche später wird Michael Schomers in seinem Tagebuch notieren: „Ich frage mich, ob ich in einem solchen Seniorenheim meinen Lebensabend verbringen möchte. Nein, möchte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Es ist ein trister, schleichender Abschied aus einem am Ende unwürdigen Leben.“

Aber der Reihe nach.

Ein Tagebuch von Michael Schomers

Tag 1

November, es ist kalt, auf den Sträuchern liegt Raureif. Gegenüber vom Eingang des Pflegeheims eine Sitzgruppe, wie ein Wartezimmer. Fünf, sechs Frauen und Männer sitzen dort. Sie schweigen und starren uns Neuankömmlinge an.

Nach einem kurzen Begrüßungsgespräch mit der Heimleiterin zeigt man mir mein Zimmer. Es liegt im Erdgeschoss, nur ein paar Stufen hoch. Das schaffe ich wohl, ich kann aber auch den kleinen Aufzug nehmen. Es ist eines von zwei Zimmer, die von einem kleinen Flur abgehen. Im Flur hängt ein Spiegel, an der Seite ein Desinfektionsgerät.

Eine ältere, nette Pflegerin stellt sich vor: Sie sei Lea* und habe noch bis 21.00 Uhr Dienst und werde sich um mich kümmern.

Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Das Pflegebett, ein Schrank, eine Kommode, auf dem der Fernseher steht, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein Nachttisch. Würde ich hier einziehen, müsste nur das Bett drin bleiben, alles andere könnte ich mit meinen eigenen Möbeln bestücken. Ich räume meine Sachen ein.

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Kartoffeln, Spinat, Ei. Ohne Geschmack. Unser Autor isst allein auf seinem Zimmer.

Michael Schomers

Von einer Küchenhelferin bekomme ich um 18 Uhr im Speisesaal das Abendbrot serviert: Graubrot, Weißbrot, zwei Sorten Wurst und etwas Käse. Dazu etwas Tee. So, wie früher im Schullandheim.

Bei Tisch schweigen fast alle, im ganzen Saal. Die Küchenhelferinnen sehen ihre Aufgabe offenbar nur darin, etwas zu essen auf den Tisch zu stellen und es nach einer Weile wieder abzuräumen. Einsam kauen alle vor sich hin.

Nach dem Essen, wenn alle Bewohner auf ihre Zimmer geschlichen sind oder dorthin gerollt wurden, ist das Heim so gut wie tot. Es ist 18.30 Uhr.

Ich hatte erwartet, dass man sich länger mit mir unterhält. Über meine Lebensumstände, meine Biographie, meine Krankheit, meinen Alltag. Aber bisher ist das nicht geschehen. Später, nach dem Auszug, bekomme ich die Kopien der Dokumentation zugeschickt. Jeder Bewohner hat einen Rechtsanspruch auf seine Akten als Kopie. Darin wird auf der ersten Seite ein Einführungsgespräch „dokumentiert“, das nicht stattgefunden hat. Jemand hat vieles frei erfunden. „Zum Frühstück isst er gerne Brötchen mit Auflage oder Marmelade“, oder: „Herr S. isst gerne Hausmannskost“. Woher wollen sie das wissen?

Wir haben die Residenz-Gruppe mit unseren Recherchen konfrontiert. Die Geschäftsführung schreibt, dass sich das Haus in der Zeit unserer Recherche in einer „Audit- und Diagnosephase“ befunden habe, da der Betrieb erst kurz vorher an den französischen Konzern Orpea übergeben wurde. Mittlerweile würde das Haus einen Qualitätsprozess mit höheren Standards implementieren. „Ihre Recherchearbeiten nehmen wir daher sehr ernst, da sie uns anhand des Beispiels von Herrn Somers konkrete Hinweise zu unserem Verbesserungspotenzial liefern.“ Ein Erstgespräch könnte nach neuen Dokumentationsregeln auch innerhalb der ersten sieben Tage stattfinden. „Zum Zeitpunkt des vorzeitigen Auszugs von Herrn Somers war das eigentliche,  zu protokollierende Erstgespräch zwar bereits geplant, hatte aber noch nicht stattgefunden.“

Tag 2

Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer lege ich mit meiner „Vorstellung“ los. Ich irre verwirrt und desorientiert auf dem Gang herum, finde mein Zimmer nicht und rufe nach meiner verstorbenen Ehefrau: „Charlotte? Charlotte — wo ist Charlotte?!“

Schwester Paula kommt mir entgegen. Ich blicke verwirrt in der Gegend herum: „Ich weiß gar nicht, wo ich bin. Charlotte muss doch kommen. Die war nicht beim Frühstücken. Wo ist die denn?“

Ziemlich cool antwortet sie: „Keine Ahnung. Vielleicht schläft sie ja noch?“

Zum Mittagessen gibt es eine Scheibe Leberkäse, Kartoffelpüree, Soße, Sauerkraut. Das Essen ist einfach nur fad. Es schmeckt und riecht nach nichts. Fertigpampe aus der Großküche. Niemand sagt ein Wort. Eine gespenstische Atmosphäre.

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Der Speisesaal in der Seniorenresidenz. Einsam kauen alle vor sich hin. DIe Stimmung ist kaum labhafter als auf Michael Schomers Zimmer.

Meine Tabletten habe ich regelmäßig bekommen. Aber die Verordnungen, die mir mein Arzt so ausdrücklich mit auf den Weg gegeben hat, werden ignoriert. Keiner hat mich gewogen oder meine Temperatur gemessen oder darauf geachtet, wie viel ich getrunken habe. Auch um das Blutdruckmessen — nach meinen vermeintlichen Schwindelanfällen — kümmert sich niemand.

Die Residenzgruppe schreibt: „Generell ist es so, dass wir ärztliche Hinweise, die wir beim Einzug von neuen Bewohnern erhalten, selbstverständlich beachten und diese entsprechend protokollieren.“

Tag 3

Das Essen ist wieder eine Katastrophe: Es gibt eine Frikadelle mit dem Kartoffelbrei und der Tüten-Soße von gestern und vorgestern, dazu etwas verkochtes Kohlgemüse. Das Dessert ist ein eklig nach Chemie schmeckender Kompott.

Wasser steht nicht auf dem Tisch. Im Hintergrund, am Ende des Speisesaals, gibt es zwar einen Rollwagen mit Flaschen, aber da geht niemand hin, und die Helferinnen reichen es nicht an.

Nach dem Essen darf ich zusammen mit einer Betreuerin eine nahegelegenes Einkaufscenter besuchen, um dort ein paar persönliche Sachen einzukaufen. Anke* begleitet mich. Eine Ausnahme!, betont die Pflegedienstleiterin, als wir uns bei ihr abmelden, normalerweise gebe es für Bewohner nur einmal im Monat eine solche Einkaufstour.

Ich unterhalte mich mit Anke und erfahre, dass sie eine „zusätzliche Betreuungskraft nach Paragraph 87b“ ist. Was diese 87b-Kräfte tun sollen und dürfen, ist gesetzlich geregelt. Sie dürfen mit den Bewohnern malen, basteln, singen und musizieren, spazieren gehen, spielen, vorlesen und so weiter. Sie dürfen nicht in der Küche arbeiten, Essen anreichen, bei Toilettengängen oder der Körperhygiene helfen und schon gar nicht ärztlich verordnete Maßnahmen durchführen, also Verbände wechseln, spritzen oder Medikamente ausgeben.

Die Realität sieht aber wohl meistens anders aus. Die Selbsthilfe-Initiative Heim-Mitwirkung (heimmitwirkung.de) hat dazu kürzlich eine nicht repräsentative Online-Umfrage gemacht. Bei der Frage: Welche Aktivitäten werden durch Betreuungskräfte unterstützt?, antworteten 60 Prozent, dass sie auch Essen und Trinken anreichen, rund 34 Prozent, dass sie auch Toilettengänge unterstützen, und fast 20 Prozent, dass sie sogar pflegerische Hilfstätigkeiten ausüben.

Auch Anke* erzählt mir, dass sie gleich beim Abendessen helfen muss.

Nach dem anstrengenden Abenteuer lege ich mich erst einmal hin. Später kommt Schwester Ursula vorbei und bringt mir Tee. „Und dann sind Sie heute die ganze Nacht hier?“, frage ich sie. „Nein, ich bin um 21.45 Uhr weg.“ Dann kämen die beiden Nachtschwestern.

Vor kurzem hat die Universität Witten-Herdecke eine Studie veröffentlicht, nach der in Heimen im Durchschnitt nachts eine einzige Pflegekraft für 52 Personen zuständig ist.

Auch an diesem Tag hat niemand kontrolliert, wie viel ich getrunken habe. Alte Menschen können leicht austrocknen. Sie bekommen dann trockene Haut und trockene Schleimhäute, verlieren an Gewicht, leiden unter Kopfschmerzen,Schwindel oder Verwirrtheit. Die Gefahr von Stürzen steigt.

Aber obwohl ich heute wiederholt von Schwäche und Schwindel gesprochen habe, ist niemand auf die Idee gekommen, dass ich zu wenig trinke.

Die Residenzgruppe schreibt: „Wir setzen Betreuungskräfte nach § 87 b SGB XI nicht außerhalb der im Gesetz geregelten Tätigkeitsbereiche ein.“ Allerdings blieben die Hygiene der Bewohner und die Sauberkeit der Räumlichkeiten eine ständige Priorität aller Mitarbeiter.

Tag 4

Ich habe lange geschlafen. Ich lasse mich voll in meine Rolle fallen, simuliere Schwäche und Schwindel, heute nochmals verstärkt. Ich sage, dass ich so schwach bin, dass ich nicht zum Speisesaal gehen kann, sondern auf dem Zimmer frühstücke.

Auch das Mittagessen bekomme ich allein auf dem Zimmer: etwas Spinat, verkochte Kartoffeln, ein Klatsch Rührei. Ich kann den Fraß schon jetzt nicht mehr sehen. Ich esse fast nichts, lasse den Teller fast unangetastet zurückgehen.

Hier im Sodenmattsee sind Bewohner gezwungen, sich zwei Wochen vorher zu entscheiden, welches Menü sie essen wollen. Offenbar geht dann die Bestellung an eine Bremer Großküche raus. Dabei ist der tägliche Verpflegungssatz – den jedes Heim mit den Pflegekassen und den Bewohnervertretern aushandelt – hier gar nicht mal so niedrig, er liegt bei 7,85 Euro pro Bewohner und Tag. Andere Heime veranschlagen deutliche weniger und servieren dennoch besseres Essen. Es sind diese Tricks, mit denen Heimbetreiber ihren Gewinn machen.

Ich trinke aus einer Flasche, die ich in meinem Schrank versteckt habe. Die Flasche Wasser, die offen auf meinem kleinen Tischchen steht, habe ich seit zwei Tagen nicht angerührt. Seit zwei Tagen hat sie exakt denselben Pegel.

Doch in der Dokumentation, die ich eine Woche nach meinem Auszug bekomme, steht für den heutigen Tag notiert, exakt um 11:02 Uhr: „Herr S. trinkt im Durchschnitt 1.500 ml Flüssigkeit in 24 Stunden“. Eine glatte Lüge. 

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Die Decke auf meinem kleinen Tisch ist immer voller Krümel, weil ich zum Tee Zwieback esse. Ich lasse sie bewusst dort liegen. Offensichtlich ist das kein Bereich, für den sich die Putzfrau zuständig fühlt. Bereits vor drei Tagen habe ich ein blutiges Papiertaschentuch hinter den Sessel geworfen. Es liegt immer noch da. Auf den Bildern unserer versteckten Kamera sehe ich später, dass die Putzfrau keine zwei Minuten für mein Zimmer braucht. Papierkorb leeren, einmal mit dem Feudel durchwischen, fertig.

Die Residenzgruppe schreibt, das Protokoll von Herrn Somers weise „eine tägliche Trinkmenge von 1250 bis 1700 ml aus“, woraufhin die Pfleger die Kontrolle am fünften Tag beendet hätten. Woher die tägliche Trinkmenge im Protokoll der ersten Tage stammt, schreibt die Residenz-Gruppe nicht. 

Tag 5

Schwester Paula schüttet mir ihr Herz aus: „Ich habe manchmal überhaupt keine Zeit, um einer Omi die Hand zu geben oder sie zu umarmen, weil sie traurig ist.“

Und: „Das Schlimme ist, wir müssen ja auch mit putzen, die Regale saubermachen. Sie können sich nicht vorstellen, was da zu machen ist. Da bleibt der Mensch zurück.“

Im Flur unseres Zweier-Bereichs hängt neben der Tür ein Desinfektionsmittelspender. Hygiene ist unerlässlich, um multiresistente Keime in Schach zu halten, die jedes Jahr tausende alter Menschen in Deutschlands Krankenhäusern und Pflegeheimen töten. Schade nur, dass der Spender leer ist, seit ich hier bin.

Ich setze mich zu einer Gruppe offensichtlich ziemlich dementer Bewohner, mit denen eine Betreuerin gerade ein Gedächtnistraining macht.

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Viele Bewohner leben in Bett und Rollstuhl. Acht Tage. Für unseren Autor wird die Zeit lang.

Michael Schomers

Sie reden über den Herbst. Die Betreuerin will mit Fragen oder Rätseln Erinnerungen bei den alten Leuten anstoßen. Sie fragt: „Ich bin ein Säugetier, habe ein rot-braunes Fell, wohne in einem Bau in der Erde und habe einen buschigen Schwanz. Wer bin ich?“ Erst nach zwei, drei Anläufen kommt die richtige Antwort.

Nach einer halben Stunde ist das Event beendet. Der Fernseher wird eingeschaltet. Alle werden in Richtung Bildschirm gedreht. Und dann schweigen alle wieder.

Tag 6

Als ich an diesem Morgen klingel, kommt eine Pflegerin herein, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Sie heißt Margret* und erzählt, sie sei nicht hier im Haus angestellt, sondern von einer Leiharbeitsfirma geschickt worden. „Ich bin immer überall, immer da wo Not am Mann ist. Mir fehlt nur noch das Blaulicht auf dem Kopf.“

Wir unterhalten uns eine Weile, freimütig klagt sie mir ihr Leid: „Es gibt ja nur noch Jahresverträge“, sagt Margret-. Man wird nur noch ausgenutzt. In meinem letzten Heim hatte ich einen Arbeitsvertrag mit 174,9 Stunden also mehr als Vollzeit. Ich bin aber nie unter 200 Stunden rausgegangen. Ein Jahr war ich dort, und trotzdem hab ich einen Tritt in den Arsch gekriegt. Obwohl ich für das Haus, für die Bewohner immer da war.“

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Die Pflegerinnen geben sich im Sodenmattsee Mühe. Oft fehlt jedoch die Zeit. Die Pflegekräfte sind gestresst.

Michael Schomers

Für die Heimbesitzer haben befristete Verträge viele Vorteile. Man kann dann besser Druck machen, und ist unliebsame Mitarbeiter schnell wieder los. Zum Beispiel, wenn sie sich irgendwie gegen die Arbeitsbedingungen wehren.

Es ist Samstag. Mein vermeintlicher Neffe Benny kommt mich besuchen. Als er Schwester Ursula fragt, wie es mir gehe, sagt sie zu ihm: „Ihr Onkel ist verwirrt, er sucht und ruft nach seiner verstorbenen Frau.“ Ansonsten sei sie sehr zufrieden mit dem Onkel, der sich immerhin selber seinen Tee kocht und selbständig auf sie wirke. Sie erzählt ihm von dem „tollen Ausflug“, den ich ins Einkaufszentrum gemacht hat.

Danach fragt er, ob ich meine Medizin auch regelmäßig bekomme? „Da müssen wir ihn ein wenig pushen, aber er bekommt alle, natürlich.“ Ob ich genug trinke? Sie nickt mit dem Kopf: „Absolut.“

Es ist eine absolut falsche Auskunft. Niemand weiß, dass ich heimlich aus meiner Flasche im Schrank trinke. Offiziell habe ich seit Tagen nichts getrunken. Niemand hat es bemerkt. Meine Vitalwerte – Gewicht, Temperatur – werden seit Tagen nicht kontrolliert.

Ein Angehöriger muss sich darauf verlassen können, dass ihm die Pfleger die Wahrheit sagen. Dass er erfährt, was wirklich los ist, wenn er die ganze Woche über weg ist. In Sodenmattsee 1 ist das nicht der Fall.

„Trinkprotokolle werden immer anlassbezogen geführt. Wenn ein Bewohner ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt, werden die Protokolle wieder gelockert. Wir werden, wie alle Pflegeheimbetreiber regelmäßig kontrolliert. Auch in dem von Ihnen angesprochenen Haus ist dies der Fall und wir hatten hinsichtlich der Pflegedokumentation keine Beanstandungen.“

Tag 7

Das Highlight beim Frühstück am heutigen Tag ist ein kaltes, hartgekochtes Ei. Hurra! Es ist ja auch Sonntag. Da gönnt man den Heimbewohner etwas. Sogar das Mittagessen, Roulade mit Klößen und Rotkohl, schmeckt einigermaßen.

Beim Kaffeetrinken am Nachmittag höre ich von den Tischnachbarn, dass gleich Bingo gespielt wird. Ich mache mit. Es ist schon sein sehr merkwürdiges Gefühl, dort mit so vielen alten Menschen zu sitzen und so ein Spiel zu spielen. Auf einmal gewinne ich sogar. Bingo! Für die Sieger gibt es kleine Preise. Ich suche mir eine Rolle mit Vitamintabletten raus.

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Bingo! Erfolgserlebnis im Pflegeheim.

Sonst passiert nichts an diesem Tag, wie wohl an den meisten Wochenenden. Wer keinen Verwandtenbesuch bekommt, sitzt allein herum. Wohl an jedem Wochenende.

Ich frage mich, ob ich in einem solchen Seniorenheim meinen Lebensabend verbringen möchte. Nein, möchte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Es ist ein trister, schleichender Abschied aus einem am Ende unwürdigen Leben.

Tag 8

Am Montagnachmittag holt Benny mich ab, ich ziehe aus. Die Pflegedienstleiterin will zum Abschluss ein Gespräch mit uns führen. Sie kommt in mein Zimmer, setzt sich, ihre erste Frage klingt fast inquisitorisch: „Haben sie denn an den Veranstaltungen, die wir hier haben, auch teilgenommen?“ Eigentlich sollte sie das wissen, denn so etwas sollte ja in den Unterlagen dokumentiert sein.

Nach einem einleitenden: „Uns ist es wichtig, dass die Menschen hier ihr Leben selbst gestalten!“, wird sie anklagend: „Sie haben zum Beispiel das Heim nicht verlassen. Wir haben hier das Einkaufszentrum…“, – ich falle ihr ins Wort und sage: „Da war ich“, was sie etwas etwas aus dem Konzept bringt.

Sie kontert mit der Gegenfrage: „Mit der Betreuerin oder auch allein?“

„Allein kann ich nicht, daher war ich mit der Betreuerin dort“

„Sie hatten also eine Beschäftigungstherapeutin, die sie begleitet hat.“

„Ja.“ Das hatte ich ja gerade gesagt.

Ungetrübt von meiner Antwort findet sie schnell wieder in ihre offenbar vorbereitete Argumentationslinie. Ihre vernichtende Schlussbewertung: „Ich habe das Gefühl, Sie haben nichts gemacht! Sie haben nicht gesagt, ich will heute das, morgen das… Sie haben alles so über sich ergehen lassen.“

Innerlich empöre ich mich über dieses Gespräch. Ich habe alles mitgemacht, habe an allen Angeboten teilgenommen, war selbst aktiv. Wobei ich jedesmal gewartet habe, ob vielleicht jemand mich anspricht, jemand kommt, mich holt, motiviert. Das fehlte völlig.

Wir packen meine Sachen und gehen.

Vorher verabschiede ich mich von meinen beiden Pflegerinnen.

Die Residenzgruppe schreibt, sie hätte bereits Korrektivmaßnahmen ergriffen, um Pflegeanweisungen noch konsequenter zu prüfen und einzuhalten. Der Fall von Herrn Somers zeige, um welche Verbesserungen der Aufnahmeprozess ergänzt werden muss.

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Unser Reporter Benedict Wermter holt seinen angeblichen Onkel ab. Acht Tage Pflegeheim, geschafft.

Es war eine sehr spannende Zeit, die vor allem nicht ganz einfach war, weil sie mit den Themen Krankheit, Schwäche und Alter verbunden war. Wer in ein solches Heim zieht, merkt natürlich, dass er einsam und alleine ist. Und man muss sich erstmal hier in diesem ganzen Ablauf zurecht finden. Das war nicht so einfach. Vor allen Dingen dann auch der Umgang mit dem Thema Schwäche, die ja im Moment tatsächlich eines meiner gesundheitlichen Probleme ist.

Mir hat meine Erfahrung in Sodenmattsee gezeigt, dass die Noten, die öffentlich bekannt gegeben werden, eigentlich überhaupt kein Beleg für die Qualität eines Heims sind.

Ich bin froh, dieses Heim wieder verlassen zu können. Die Pflegerinnen waren sehr nett und freundlich, aber offensichtlich ziemlich überfordert. Das größte Problem aber ist, dass die medizinische Verordnungen einfach nicht befolgt wurden. Das kann lebensgefährlich sein.

In so einem Heim möchte ich auf jeden Fall meinen Lebensabend nicht verbringen.

Fazit

Gewiss: Michael Schomers Erlebnisse sind nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Altenpflege im Jahr 2016 in Deutschland ausmacht. Aber unsere mehr als ein Jahr langen Recherchen bestätigen diesen Ausschnitt.

Michael hat sich allein gefühlt, einsam sogar. Die Anweisungen von Michaels Arzt haben die Pflegerinnen nur teilweise befolgt, sie haben keine Vitalwerte geprüft. Einige Dinge tauchen nur in der Dokumentation auf, sind aber in Wahrheit nicht erledigt worden. Das erzählen viele Pfleger: Dass sie Dinge dokumentieren und unterschreiben, die nicht stattgefunden haben. Weil es vorgeschrieben ist, sie aber nicht genügend Zeit dafür haben.

Michaels Pflegerinnen waren unzufrieden. Sie hatten Stress. Sie hatten einfach keine Zeit für ihn. Das wundert uns nicht. Es sind einfach überall zu wenige Pfleger da.

Der Mangel ist Realität. Doch nach außen wird trotzdem so getan, als sei alles in Ordnung. Die „sehr gute“ Pflegenote des Haus am Sodenmattsee 1 sagt überhaupt nichts aus. 

Genauso wenig wie bei all den anderen Heimen, die mit „sehr gut“ bewertet werden oder sich andere Gütesiegel an die Eingangstür kleben. Oft sind diese Siegel sogar im Internet zu kaufen.

Pflege ist einer der körperlich anstrengendsten Berufe in Deutschland und hat seit Jahren eine der höchsten Burn-Out-Raten. Im Schnitt halten es Altenpfleger in ihrem Beruf nur gut acht Jahre lang aus. In keinem anderen Beruf gibt es so viele offene Stellen bei so wenig arbeitslosen Fachkräften. Fast fünf Monate dauert es mittlerweile im Schnitt, bis die Stelle einer Fachkraft wieder besetzt ist. Nach unseren Recherchen werden deshalb mittlerweile Handgelder von 3000 Euro bezahlt, für die vermittelnden Kollegen dazu noch eine Provision. Auch die Leiharbeit breitet sich aus. Das macht die Qualität der Pflege nicht besser. Auch Michael ist von einer Leiharbeiterin betreut worden.

Es ist ein Jammer. Und es ist höchste Zeit, dass sich etwas tut.


Warum die Altenpflege in Deutschland solche Probleme hat, beschreiben wir ausführlich in unserem Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“, das Ihr unter shop.correctiv.org bestellen könnt. Darin findet sich auch eine längere Version dieser Undercover-Reportage, für die Michael Schomers noch eine weitere Woche in einem zweiten Altenheim verbracht hat. Mehr zur Pflege findet Ihr auf unserer Themenseite correctiv.org/pflege.