In kaum einem Land sind Medikamente so teuer wie in Deutschland. In vielen anderen Ländern müssen Menschen trotzdem wochenlang arbeiten, um sich einfachste Behandlungen zu leisten. Das zeigt ein internationaler Vergleich. Ein Team von Journalisten aus Spanien, Brasilien, Ghana, Argentinien und Deutschland hat die Preise von 14 Medikamenten in 60 Ländern ausgewertet.

700 Euro für eine Tablette, pro Gramm 20 Mal so teuer wie Gold: Das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi sorgte bei seiner Markteinführung für einen Skandal. Und: Die gleiche Tablette kostet in jedem Land unterschiedlich viel. 890 Euro in den USA, 490 Euro in Frankreich und 285 Euro in Spanien. Preisunterschiede von Medikamenten sind gewaltig. Sogar bei Generika sind die Unterschiede teilweise extrem, obwohl diese Nachahmer-Präparate günstig herzustellen sind und keinen Patentschutz haben. In manchen Ländern müssen Menschen mehrere Wochen lang arbeiten, um sich eine einfache Antibiotika-Therapie zu leisten.

Die spanischen Datenexperten von Civio haben sich daran gemacht, Preise von Medikamenten weltweit zu vergleichen. Das Projekt „Medicamentalia“ untersucht 14 von der Weltgesundheitsorganisation WHO definierte Basis-Medikamente. Wie viel kosten diese Medikamente in den 60 für das Projekt ausgewählten Ländern? Was ist der günstigste Preis? Welche Unterstützung gibt es vom Gesundheitssystem? Und wie sind diese Preise einzuschätzen im Vergleich mit den Monatslöhnen der Menschen vor Ort?

Internationale Kooperation

Recherchiert haben die spanischen Journalisten von Civio mit Reportern aus Brasilien, Ghana und Argentinien. Den deutschen Part hat CORRECT!V übernommen. Veröffentlicht werden die Geschichten zudem bei 20 Minutos, Cadena Ser, Corriere Della Sera und La Nacion.

Das Ergebnis haben die Kollegen in einer interaktiven Visualisierung vergleichbar gemacht. In Deutschland kosten Medikamente relativ viel. So bezahlen deutsche Bürger für Ceftriaxone mehr als 50 Mal so viel wie der internationale Referenzwert. Ceftriaxone ist ein Antibiotikum zur Behandlung von Lungenentzündungen. In keinem anderen der 60 Länder ist das Medikament auch nur ansatzweise so teuer. Auch bei dem Antibiotikum Ciprofloxacin oder dem Schmerzmittel Diclofenac liegt der Preis in Deutschland weit über dem Durchschnitt.

Anders sieht der Vergleich aus, wenn man sich das durchschnittliche Einkommen der Deutschen ansieht. In fast allen anderen Ländern müssen die Menschen sehr viel länger dafür arbeiten, um sich Medikamente leisten zu können, oft mehrere Tage oder gar Wochen für eine einzige Packung Tabletten oder einen Asthma-Inhalator. In Sao Tomé und Princípe arbeiten Menschen zum Beispiel ganze 39 Tage, um sich eine Packung Ciprofloxacin zu leisten, ein einfaches Antibiotikum.

Warum die großen Unterschiede?

Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge hat ein Drittel der Weltbevölkerung nur eingeschränkten Zugang zu dringend benötigter Medizin. Gleichzeitig vereinigen sich 90 Prozent aller Ausgaben für Medizinprodukte auf 15 Prozent der Weltbevölkerung. Das Projekt „Medicamentalia“ schaut sich auch die Ursachen hinter dieser Entwicklung an.

Civio hat zum Thema Patente recherchiert, zu den Kosten für ein neues Medikament und möglichen Alternativen zum bestehenden System. In Ghana haben sich die Reporter angesehen, warum es gefälschte Medikamente gibt, wie man schlechte von guten Medikamenten unterscheidet und welche Wege die gefälschte Medizin nimmt. Und in Brasilien hat Civio überprüft, ob sich ein Land gegen überteuerte Patente wehren kann.


Alle Infos zum Projekt „Medicamentalia“

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