Profil

E-Mail: daniel.drepper(at)gmail.com

© Ivo Mayr

Pflege

Die größte Pflegereform aller Zeiten…aber bei den Pflegekräften kommt fast nichts an

Ein neues Gesetz soll die Pflege verbessern. Der Gesundheitsminister verspricht mehrere Milliarden Euro. Doch in Pflegeheimen kommt das Geld offenbar nicht an. Recherchen von BuzzFeed und correctiv.org zeigen, wie Krankenkassen und Kommunen mehr Personal in Pflegeheimen verhindern.

weiterlesen 12 Minuten

von Daniel Drepper

Die Versprechen waren groß: Das neue Gesetz werde die größte Pflegereform aller Zeiten. Gesundheitsminister Hermann Gröhe nannte 2017 „ein gutes Jahr für Pflegebedürftige, ihre Familien und unsere Pflegekräfte“. Doch viele Pflegekräfte und Heimbetreiber sind sich sicher, dass es ihnen in Zukunft sogar noch schlechter gehen wird. Sie könnten Recht behalten.

Pflegekräfte klagen seit Jahren über extreme Belastungen. Oft sind sie nachts für mehr als 50 Bewohner zuständig – und halten es im Schnitt nur rund acht Jahre lang in ihrem Beruf aus. Deshalb kämpfen Initiativen wie „Pflege am Boden“ oder „Pflege in Bewegung“ seit Jahren für mehr Personal.

Niemand weiß, ob es tatsächlich neues Personal gibt

Das neue Gesetz, genannt Pflegestärkungsgesetz II, soll genau das bringen. Seit Anfang 2017 werden Pflegebedürftige in fünf Pflegegrade statt in drei Pflegestufen eingeteilt. Deshalb muss in allen 16 Bundesländern neu entschieden werden, wie viele Pflegekräfte in den Heimen arbeiten. BuzzFeed und CORRECTIV wollten wissen, wie viel die Reform für die Pflegeheime wirklich bringt. Doch drei Monate nach Einführung des Gesetzes kann niemand sagen, ob tatsächlich mehr Pfleger eingestellt werden – weder das Bundesgesundheitsministerium, noch Deutschlands größte Krankenkassen AOK, noch private oder gemeinnützige Heimbetreiber.

Im Schnitt, so die Prognosen, soll es in den einzelnen Ländern etwa drei Prozent mehr Personal in den Pflegeheimen geben. In manchen Ländern wie Rheinland-Pfalz, Bayern, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen gibt es dagegen bisher noch gar keine Einigung über neues Personal. Und selbst in den Ländern, in denen die Vorgaben leicht erhöht werden, wird es kaum mehr Pflegerinnen geben. Das zeigt das Beispiel Baden-Württemberg. Dort kämpfen Krankenkassen und Kommunen seit Mitte vergangenen Jahres gegen mehr Pflegekräfte. 

Kampf gegen mehr Personal

Im Juni 2016 schließen sich Pflegeheimbetreiber zusammen: Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Rotes Kreuz, Diakonie und private Betreiber. Sie alle wollen mehr Pfleger für ihre Heime und beantragen das bei denen, die am Ende zahlen müssen: bei den Versicherungen und Kommunen. Die Gegner treffen sich zum ersten Mal am 22. Juli und danach mehrfach zu Verhandlungen. Ein Spitzengespräch Ende Oktober endet ohne Ergebnis. Die Heimbetreiber wissen sich nicht mehr zu helfen und beenden die Verhandlungen. Sie rufen die zuständige Schiedsstelle an. 

Die Heimbetreiber beantragen gut zehn Prozent mehr Personal. Ihr Argument: Durch die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade würde zwar zu Beginn großzügig gerechnet, es gebe also zunächst mehr Personal. Das werde sich aber schnell ändern, weil das neue Begutachtungssystem Experten zufolge neue Bewohner benachteilige. Die neuen Bewohner profitieren nicht von der großzügigen Übergangsregelung und werden Experten zufolge niedriger eingestuft. Die Pflegeheime bekommen weniger Geld, obwohl der Aufwand der gleiche ist. 

Die Pflegeheimbetreiber verlangend deshalb zusätzliches Geld für Personal. Die Kassen und Kommunen lehnen das ab. Mehr Personal werde nicht benötigt und sei auch nicht gerechtfertigt. 

Betreiber, Kassen und Kommunen treffen sich am 23. Februar vor einem Schiedsgericht in Stuttgart. Das beschließt einen Kompromiss. Man brauche mehr Pfleger, so das Schiedsgericht, um durch die Pflegereform die Pflege nicht noch schlechter zu machen. Zunächst sollen es fünf Prozent mehr Pfleger sein, im Jahr 2020 sollen noch einmal drei Prozent dazu kommen. Dieser Kompromiss, über den hier erstmals berichtet wird, sorgt vor allem dafür, dass die Pflege nicht schlechter wird. Er sorgt nur sehr begrenzt dafür, dass die Pflege besser wird, wie aus dem Schiedsspruch hervor geht. 

Für mehr Qualität in der Pflege blieben faktisch nur zwei Prozent übrig, schreibt Reinhold Schimkowski in einer Presseerklärung. Er ist Vorsitzender der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg und vertritt einen Großteil der Heimbetreiber. „Eigentlich hätten wir mit Sicht auf die nächsten Jahre eine Verbesserung von rund 11 Prozent gebraucht“, sagt Schimkowski, „aber wir werden diesen Schiedsentscheid so akzeptieren.“

Die AOK schreibt, mehr Personal sei gerechtfertigt. Ob das neue Begutachtungssystem Bewohner wirklich benachteilige, sei jedoch von Pflegeheim zu Pflegeheim unterschiedlich. Die AOK hätte diesen Effekt deshalb gerne „nach tatsächlichem Bedarf statt mit der Gießkanne berücksichtigt“, schreibt Peter Frost, Pressesprecher der AOK Baden-Württemberg.

Der Landkreistag Baden-Württemberg schreibt auf Anfrage von BuzzFeed und CORRECTIV, die Kommunen würden weitere rechtliche Schritte erwägen, zum Beispiel eine Klage vor dem Landessozialgericht Baden-Württemberg. Ob die Kostenträger weiter gegen mehr Personal kämpfen werden, soll voraussichtlich bis Ende April entschieden werden.

„Eine üble Sache“

Viele Pfleger und Heimbetreiber befürchten, dass die Qualität der Pflege in Deutschland bald nicht besser, sondern noch schlechter wird. „Die neuen Regeln sind fürs Personal grundsätzlich eine üble Sache. Meine große Befürchtung: Mittelfristig wird es weniger Personal geben“, sagt zum Beispiel Witold Konermann. Er ist 60 Jahre alt, seit fast 18 Jahren Pfleger, stellvertretender Personalratsvorsitzender der Leben & Wohnen Stuttgart. Dort arbeiten etwa 1000 Menschen in acht Pflegeheimen und zwei Einrichtungen für Wohnungslose. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

„Durch die Erhöhung, die wir jetzt zu Beginn in Baden-Württemberg haben, wird das Problem nicht ausgeglichen“, sagt Konermann. Er hat kurz nach Einführung der Pflegeversicherung als Altenpfleger angefangen, Ende der 90er Jahre. Damals, sagt Konermann, habe man noch Zeit gehabt, sich um die Menschen zu kümmern. „Mittlerweile können wir nur noch die Grundpflege leisten.“

„Ich gehe nicht davon aus, dass uns das neue Gesetz Verbesserungen bringt“, sagt auch Gerhard Töller, Geschäftsführer der elf Pflegeheime der Diakonie im niedersächsischen Osnabrück. „Die Politik setzt auf ambulant, ambulant, ambulant. Aber die stationäre Pflege in Einrichtungen, die Pflege für die stark Pflegebedürftigen, die muss auch gut sein.“ Töller plant derzeit weiter mit der alten Personalbesetzung, in Niedersachsen konnten sich Betreiber, Krankenkassen und Kommunen bislang nicht auf einen neuen Personalschlüssel einigen.

Betreiber befürchten noch schlechtere Bedingungen

BuzzFeed und correctiv.org haben bei den wichtigsten Pflegeheim-Verbänden sowie zehn der größten Pflegeheimbetreiber Deutschlands nachgefragt, ob das Gesetz mehr Pflegerinnen und damit bessere Pflege möglich macht. Die Betreiber sagen: Nein. Stattdessen befürchten sie noch schlechtere Bedingungen.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) erwartet, dass das Personal in den kommenden Monaten wieder absinkt. Von einer Erhöhung des Personals ist keine Rede mehr, geschweige denn von einer deutlichen. Das Ziel lautet nur noch, „die Personalausstattung keinesfalls unter das Niveau von 2016 zu senken“, schreibt Pressesprecher Olaf Bentlage, der mehr als 8000 Anbieter vertritt. Die Pflegeheime seien „das Stiefkind der Pflegereform“.

Auch die private Pflegeheim-Gruppe Pro Seniore geht davon aus, dass sich die Bedingungen für Pflege trotz der Reform verschlechtern werden. Die Politik verkaufe mit dem Gesetz „eine Verbesserung der Pflegesituation, real muss jedoch derzeit von einer Verschlechterung ausgegangen werden“, schreibt Geschäftsführerin Daniela Kirsch. Die gestiegenen Anforderungen der vergangenen Jahre „wurden und werden nicht berücksichtigt“. 

„Größere Befürchtungen“

Ein „Bündnis für gute Pflege“ fordert als kurzfristige Lösung, sich das Land mit den besten Personalbedingungen zu nehmen und diese Personalschlüssel für alle Bundesländer festzuschreiben. Dem Bündnis gehören neben zahlreichen Wohlfahrtsverbänden auch Gewerkschaften und Selbsthilfevertretungen an.

Die größte Pflegekasse AOK glaubt dagegen nicht, dass die Heimbetreiber „größere Befürchtungen haben müssten.“ Und das Bundesministerium für Gesundheit schreibt, dass Schätzungen zufolge durch das neue Gesetz im Schnitt zwei neue Pflegekräfte pro Pflegeheim eingestellt werden können. 

Zudem seien fast 50.000 zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt worden, so das Ministerium. Diese sollen pflegebedürftige Menschen in Heimen beschäftigen, haben keine Ausbildung als Pfleger und dürfen deshalb auch nicht bei der Pflege helfen. Da es in vielen Heimen an Pflegekräften mangelt, werden die Betreuungskräfte aber offenbar trotzdem häufig als Pfleger-Ersatz eingesetzt.

Keine aktuellen Zahlen

Bis Mitte 2020 soll nun erstmals gemessen werden, wie viele Pflegekräfte deutsche Heime wirklich brauchen. Der Auftrag dafür steht laut Gesundheitsministerium und AOK kurz vor der Vergabe. Viele Experten kritisieren, dass diese Personalbemessung viel zu spät komme. Zudem dürfe „nicht übersehen werden, dass der Gesetzgeber keinerlei Verpflichtung zur Umsetzung durch die Bundesländer festgeschrieben hat“, schreibt der Bundesverband privater Anbieter.   

„Ein Personalbemessungsinstrument muss bundesweit verbindlich eingeführt werden und das wissenschaftlich ermittelte, notwendige Personal muss refinanziert werden“, fordert die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Scharfenberg, Pflege-Expertin der Grünen. Die Bundestagsabgeordnete Pia Zimmermann, Pflege-Expertin der Linken, fordert Sofortmaßnahmen, um den akuten Personalmangel  zu bekämpfen. Darunter „verbindliche bundesweit einheitliche Personalschlüssel“. Zudem müssten die Verhandlungen transparent geführt werden. Zumeist würden durch die moderaten Personalerhöhungen derzeit lediglich Pflegehelferinnen oder zusätzliche Betreuungskräfte eingestellt, aber keine Fachkräfte. Die pflegepolitischen Sprecher von SPD und CDU haben auf Anfrage von BuzzFeed und CORRECTIV nicht reagiert.

„Schnellschüsse auf der Suche nach Lorbeeren“, nennt Professorin Katharina Planer die neue Pflegereform und die Pläne für eine Personalbemessung. Seit 2008 jage ein Expertenbeirat den nächsten, doch die Ergebnisse ließen zu Wünschen übrig. Planer hat 30 Jahre lang in der Altenpflege gearbeitet, auch als Heimleitung. Seit zehn Jahren forscht sie zur Pflege. 

Planer hat sich auch mit der neuen Personalbemessung lange beschäftigt. Sie beklagt, dass sich die Politik viel zu sehr einmische und eine echte Forschung dadurch nicht möglich sei. Planer sagt, dass von der Reform bisher nur die Pflegebürokratie profitiere – also die Krankenkassen, die Verbände der Heimbetreiber, die Kommunen und auch die Pflegewissenschaftler, die immer wieder Gutachten schreiben. „Von den neuen Regeln profitieren eine ganze Menge Leute, aber sicher nicht die Pflegebedürftigen oder die Pfleger.“

Diese Veröffentlichung ist eine Kooperation zwischen CORRECTIV und BuzzFeed Deutschland.

Sportmediziner Dr Armin Klümper 1978 in seiner Freiburger Praxis© imago/Horst Müller

Fußballdoping

Wie der VfB Stuttgart Doping organisierte

Eine Vizemeisterschaft mit Hilfe anaboler Steroide. Hunderte Tabletten eines harten Anabolikums bestellt der VfB Stuttgart. Ein neues Gutachten zeigt, wie Sportmediziner der Universitätsklinik Freiburg dabei geholfen haben, Fußballer zu dopen.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Diese Recherche veröffentlichen wir gemeinsam mit Zeit Online, dem Kölner Stadtanzeiger und der Pforzheimer Zeitung.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre besucht ein Profifußballer die Universitätsklinik Freiburg. In seinem baden-württembergischen Verein sitzt er zu dieser Zeit nur noch auf der Bank, er will zurück in die erste Elf. Er betritt die Abteilung Sport- und Leistungsmedizin von Joseph Keul und Armin Klümper. Beide galten damals unter Athleten als Wunderdoktoren. In Wahrheit dopte Klümper viele Athleten.

Der Fußballer trifft in der Sportmedizin der Universitätsklinik auf einen unbekannten Assistenten Klümpers, der sich zufällig die Mappe des Fußballers greift. Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Andreas Singler. Der Vorgang war bisher nicht bekannt und findet sich nun anonymisiert in einem Gutachten zur Dopingvergangenheit der Uniklinik Freiburg.

Seit Wochen kündigt die Uni Freiburg auf ihrer Webseite an, dieses Gutachten zu veröffentlichen. Dem gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECTIV liegt eine Version des Gutachtens vor. Das Dokument zeigt, wie fließend der Übergang zwischen einfacher sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping damals im Spitzenfußball war.

Beratungsgespräch oder Dopinganreiz?

Herz-Kreislauf-Check, Blutbild, Ultraschall – der Fußballer durchläuft in der Universitätsklinik das Standardprogramm. Die Auswertung zeigt keine ungewöhnlichen Werte. Im Patientenzimmer lässt sich der Fußballer über leistungssteigernde Mittel aufklären. Eine Dreiviertelstunde dauert das Gespräch. Dem Arzt wird klar, dass der Spieler mit Infusionen bereits vertraut ist. Vitamin- und Elektrolytpräparate hat er bereits erhalten. Was gibt es noch?

Fußballer und Arzt kommen auf Anabolika zu sprechen. Anabole Steroide beschleunigen den Muskelaufbau. Besonders nach Verletzungen hilft es Sportlern, schneller wieder auf dem Platz zu stehen. Der Arzt beantwortet Fragen des Fußballers zu Anabolika, klärt über positive Wirkungen auf und potentielle Nachteile. Durch den Mediziner erfährt der Fußballer, warum gerade Bodybuilder auf Anabolika setzen. Nach dem Gespräch weiß der Fußballer, wie er Anabolika anwenden müsste. Ein Rezept oder eine Spritze erhält er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfängt, nachdem er die sportmedizinische Abteilung verlässt, ist nicht bekannt.

Die Aussagen geben einen Einblick in die Arbeit der Universitätsklinik Freiburg, die offenbar jahrzehntelang das Zentrum westdeutschen Dopings war. Mittlerweile ist bekannt, dass solche Gespräche Athleten oft nicht abgeschreckt, sondern eher motiviert haben zum Dopen.

Anabolika zur Stuttgarter Vizemeisterschaft

Bereits im Frühjahr 2015 beschrieb der Dopingexperte Andreas Singler in einem Vorabbericht, wie der VfB Stuttgart und der SC Freiburg Anabolika für ihre Spieler gekauft hatten. Spätestens seitdem ist belegt, dass auch Fußballer über Doktor Klümper leistungssteigernde Mittel bekamen. In seinem neuen Gutachten beschreiben Singler und seine Mitarbeiterin Lisa Heitner die Details.

Der Sportwissenschaftler Singler gehörte zur mittlerweile aufgelösten Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin. Auf 24 Seiten geht es nun ausschließlich um systemische Manipulationen im Fußball. Wieder stehen die Vereine VfB Stuttgart und SC Freiburg im Zentrum.

Das Jahr 1978 war ein wichtiges Jahr für den VfB Stuttgart. Zuvor spielten die Stuttgarter zwei Jahre nur zweite Liga. Nach dem Wiederaufstieg landete der VfB gleich auf Platz vier in der Bundesliga. Im Jahr darauf, 1978/79, wollten die Stuttgarter unbedingt um die Meisterschaft mitspielen. Helfen sollten dabei Karlheinz Förster, Hansi Müller und Dieter Hoeneß. Und Anabolika, besorgt bei Doktor Armin Klümper von der Uni Freiburg.

Bekannt ist mittlerweile, dass Hansi Müller und Karlheinz Förster nach ihrer aktiven Zeit Geld für Armin Klümper sammelten. Sie gründeten einen Förderverein für Klümper. Die Zusammenhänge erschließen sich erst jetzt. Die ehrenamtlichen Sammeldienste dürften mit den Erfahrungen verbunden sein, die die Spieler zu ihrer aktiven Zeit mit Klümper sammelten.

Bereits in seinem ersten Gutachten schrieb Singler, dass Stuttgart und Freiburg damals Anabolika an der Universitätsklinik Freiburg bestellten. Spannend sind die Details. Erst jetzt, im neuen Gutachten, wird die genaue Lieferstruktur erklärt.

Doping über den Masseur

Einer Version des neuen Gutachtens zufolge lief es in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren vermutlich so: Ein Masseur des Vereins bestellte Medikamente bei der Universitätsklinik Freiburg. Die Lieferung an das Team lief über eine von zwei Apotheken, die Klümper regelmäßig nutzte. Von dort landete auch die Rechnung beim Verein. Diese Belege waren es, die ab 1984 eine Sonderkommission des baden-württembergischen Landeskriminalamtes in zwei Strafverfahren besonders interessierten. Auf den Listen tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit.

Für den VfB Stuttgart begann die Saisonvorbereitung im Sommer 1978 mit einem Trainingslager in den USA. Für die Reise über den Atlantik bestellte der Verein ein großes Paket Megagrisevit. Auf einer Rechnung aus dem Zeitraum sind 600 Tabletten anabole Steroide gelistet, wie Singler in seinem neuen Gutachten schreibt. Nach Einschätzung von Singler hätten damit 20 Spieler im Trainingslager ohne Problem täglich mit je einer Anabolika-Tablette versorgt werden können. Eine weitere Lieferung Anabolika wurde kurz nach Saisonstart im August abgerechnet. Die nächste Rechnung stammt aus der Vorbereitungsphase für die Rückrunde. Diesmal sind es 400 Tabletten Megagrisevit. Das hätte gereicht, um 20 Spieler über zwei Woche täglich versorgen zu können.

Für den VfB Stuttgart war es eine erfolgreiche Saison. Am Ende fehlte nur ein Punkt auf Meister Hamburger SV. Dieter Hoeneß schoss 16 Tore.

Verbindungen zu Doping auch beim SC Freiburg

Der SC Freiburg spielte zur gleichen Zeit eine Klasse tiefer. Prominentester Name damals im Kader: Joachim Löw. In der Saison 1979/80 ist Löw mit 14 Toren erfolgreichster Torschütze im Team. Haben auch die Breisgauer mit Anabolika nachgeholfen? Das legen zumindest die Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nahe, mit denen das Gutachten der Freiburger Dopingkommission arbeitet. Für August 1979 gibt es einen Beleg für eine Anabolikalieferung von Armin Klümper an den SC Freiburg – allerdings über einen geringen Betrag.

Joachim Löw hatte im Jahr 2015 im ZDF-Sportstudio zugegeben, dass er „das ein oder andere Mal“ die Dienste von Klümper genutzt habe. Löw will nicht immer genau gewusst haben, was er von Klümper verabreicht bekam. Er schloss allerdings aus, wissentlich gedopt zu haben.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Das neue Gutachten von Singler erinnert daran, dass der erste offizielle Dopingfall im deutschen Fußball in Freiburg ans Licht kam. Der damalige Ersatztorwart Gerd Sachs bekam 1992 nach einer Verletzung von einem Arzt Anabolika gespritzt. Der Arzt soll angeblich nichts mit dem SC Freiburg zu tun gehabt haben. Das fand damals nicht der DFB heraus, sondern der SC Freiburg selbst. Torhüter Sachs wurde nicht mehr eingesetzt und nach Regensburg abgegeben. Den Dopingfall machte der Verein unter dem damaligen Trainer Volker Finke allerdings erst zwei Jahre später öffentlich.

Infusionen in englischen Wochen

Es sind noch wesentlich aktuellere Dopingbezüge bekannt. Ein wichtiger Name: Andreas Schmid. Der war als Arzt der Universitätsklinik in Freiburg am Doping des Team Telekom um Jan Ullrich beteiligt. Auf Anfrage von CORRECTIV schreibt die Universitätsklinik Freiburg, Schmid sei seit 1998 fast ein Jahrzehnt für den SC Freiburg tätig gewesen. Dabei hätte Schmid als Mannschaftsarzt Spieler des SC Freiburg in der Uniklinik Freiburg behandelt. Damaligen Beteiligten zufolge soll es sich dabei jedoch ausschließlich um die Leistungsdiagnostik der Spieler gehandelt haben, drei Mal im Jahr. Mit Doping soll Schmid bei den Fußballern des SC Freiburg angeblich nichts zu tun gehabt haben.

Als das organisierte Doping des Team Telekom 2006 aufflog, weigerte sich der SC Freiburg zunächst, sich von Doping-Arzt Schmid zu trennen. Erst im Mai 2007 beendete der Verein die Zusammenarbeit dann doch. Ein Ermittler des Bundeskriminalamtes, der am Telekom-Doping-Skandal arbeitete, schrieb 2008 an die Staatsanwaltschaft Freiburg: „Es drängt sich der Verdacht auf, dass auch beim SC Freiburg gedopt wurde.“

Der Ermittler bezieht sich dabei auf einen Brief aus der medizinischen Abteilung des Vereins an den damaligen Trainer Volker Finke. Im Brief erklärt ein ärztliche Betreuer seinen Rücktritt. Er kritisiert „gefährliche intravenöse Therapien“ beim SC Freiburg. Besonders in englischen Wochen hätte es Infusionen gegeben. In einem Fall sollte er einem Spieler eine Infusion mit einer Diclofenac-Lösung geben. Das sei in Deutschland wegen möglicher lebensbedrohlicher allergischer Reaktionen verboten gewesen. Deswegen hätte er eigenmächtig auf eine andere, ungefährliche Infusion gesetzt. Der Brief wurde auf einer DVD bei einer Hausdurchsuchung von Doping-Arzt Andreas Schmid gefunden.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg beendete die Ermittlungen, nachdem der ärztliche Betreuer nach seinem Rücktritt beim SC Freiburg in einem Gespräch im Oktober 2008 davon sprach, „in fast achtjähriger Zusammenarbeit“ nie irgendwelche Hinweise erhalten zu haben, dass Schmid Spieler gedopt habe. Der Spieler, der die fragliche Infusion bekam, spielte zum Zeitpunkt des Verhörs schon nicht mehr beim SC Freiburg. Ein Beteiligter von damals weist darauf hin, dass Infusionen zum damaligen Zeitpunkt, also vor 2005, noch erlaubt gewesen seien, es sich also nicht um Doping handelte.

VfB Stuttgart und SC Freiburg gaben Archive frei

Die Universitätsklinik Freiburg hat auf Anfrage von CORRECTIV nicht beantwortet, ob auch Fußballer an der Universität gedopt wurden. Die Pressestelle verwies auf die noch ausstehenden Gutachten der ehemaligen Evaluierungskommission. Außer den hier beschriebenen Ergebnissen, dürften darin keine weiteren Erkenntnisse zum Fußball stehen.

Auch den SC Freiburg und den VfB Stuttgart hat CORRECTIV mit den im Gutachten beschriebenen Vorgängen konfrontiert. Der SC Freiburg bestätigte, dass Andreas Schmid von 1998 bis 2007 für den SC Freiburg gearbeitet hat. Die konkrete Frage, ob Spieler gedopt wurden, beantwortete der SC Freiburg auch auf Nachfrage nicht und verwies wie die Universitätsklinik Freiburg auf die ausstehenden Gutachten. Der SC Freiburg habe für die Untersuchungen der Universität sein komplettes Archiv zur Verfügung gestellt, schreibt Fritz Keller, Präsident des SC Freiburg, auf Anfrage von correctiv.org. Keller sitzt schon seit 1994 im Vorstand des Vereins und schreibt, der SC Freiburg sei an einer vollständigen Aufklärung interessiert.

„Wir lehnen jegliche Form von Doping ab”, sagt Tobias Herwerth, Pressesprecher des VfB Stuttgart auf unsere Anfrage. Der VfB hätte alles offen gelegt. Beim Austausch mit der Evaluierungskommission hätte der Verein seinen Mannschaftsarzt und den Archiv-Beauftragen einbezogen.

Korrektur 26. Oktober: In einer früheren Version des Artikels haben wir an mehreren Stellen verkürzt von der Uni Freiburg gesprochen. Um Missverständnisse auszuräumen, haben wir im Text jetzt deutlicher zwischer der Uni Freiburg und der Universitätsklinik Freiburg unterschieden.

Update, 25. November: Nach einem weiteren Gespräch mit einem Insider beim SC Freiburg haben wir einige Textpassagen, die sich auf den SC Freiburg bezogen, ein wenig abgeschwächt. Über weitere Gespräche und Informationen freuen wir uns.


Sind Sie ein Zeitzeuge? Liegen Ihnen Dokumente vor? Teilen Sie ihr Wissen.

Wir wollen mehr erfahren. Unabhängig von den Problemen bei der Freiburger Dopingaufklärung wollen wir weiter zum Thema Schmerzmittel und Doping im Fußball recherchieren.

Wer über Doping, Freiburg und Fußball reden will, kann sich jederzeit bei uns direkt per Post, Telefon oder E-Mail melden oder unseren verschlüsselten Briefkasten nutzen, wenn Sie lieber anonymisiert kommunizieren. Dort finden Sie auch eine Erklärung, wie Sie uns eine verschlüsselte E-Mail schreiben.

Unsere Kontaktdaten:

Per Post sind wir beide hier erreichbar:

Correctiv 
z. Hd. Daniel Drepper und Jonathan Sachse
Singerstr. 109
10179 Berlin

Jonathan Sachse
Mail: jonathan.sachse@correctiv.org
Fingerabdruck: FCB0 E910 FF7C E61E F001 867B D455 3098
Mobil: +49 151 28596609

Daniel Drepper
Mail: daniel.drepper@correctiv.org
Fingerabdruck: A57F E015 D36D D6A7 FCC1 A08B 2261 1723 6EF2 6405
Mobil: +49 151 40795370

Im Müll vor dem Hotel der Ukraine: Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Infusionsbesteck, Kapitänsbinde, Schnapsflaschen.© Jannik Jürgens

Fußballdoping

Entzündungshemmer im EM-Quartier

Viele Fussballspieler nehmen vor wichtigen Spielen starke Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Die Präparate tauchen nicht in der Liste der verbotenen Dopingmittel auf. Pharmakologen und Sportmediziner warnen dennoch vor den Nebenwirkungen und dem vorbeugenden Gebrauch dieser Präparate. Zum Müll der deutschen Nationalmannschaft war kein Durchkommen.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse , Jannik Jürgens

Diese Recherche erscheint ebenfalls auf „SpiegelOnline“, im „Tagesspiegel“, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, der „Deutschen Apotheker Zeitung“, in der „Hamburger Morgenpost“,  11freunde, im „Deutschlandfunk“ und in internationalen Medien wie Watson (Schweiz), Slate (Frankreich) und Interia Sport (Polen).

[Update 5. Juli: Die Uefa hat nach Aussagen der NADA Ermittlungen zu dem Medikamentenfund bei der Ukrainischen Nationalmannschaft begonnen. Dabei würden auch die Polizeidienststellen in Frankreich eine Rolle spielen. Auf Anfrage von CORRECTIV wollte sich die Uefa dazu nicht konkret äußern, dementierte die Meldung aber auch nicht. Die Pressestelle schrieb uns nur: „Die UEFA steht im engen Kontakt mit den zuständigen französischen Behörden.“]

[Update 1. Juli: Als Reaktion auf unsere hier aufgeführte Recherche hat die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) den europäischen Fußballverband (Uefa) kontaktiert. Das bestätigt NADA-Geschäftsführer Lars Mortsiefer auf Anfrage von Correctiv.org. In dem Schreiben fordert die NADA die Uefa dazu auf, eine Stellungnahme vom ukrainischen Fußballverband einzuholen. Spannend ist zum Beispiel die Frage, wer im Team eine Infusion benötigt hat und ob dabei nicht die erlaubte Grenze von 50ml überschritten wurde. Die Ukraine zählt zu den drei Ländern bei der Euro 2016, mit denen die Uefa keinen Anti-Doping Kooperationsvertrag fürs Turnier unterzeichnet hat, weil die zuständige Behörde vor Ort derzeit umstrukturiert wird.]


In einem Mülleimer vor dem Hotel der ukrainischen Nationalmannschaft haben wir einen Sack mit 14 Medikamenten, Spritzen und Infusionsbesteck gefunden, dazwischen lag die Kapitänsbinde mit dem Schriftzug „No to racism – Respect“, die die Spielführer aller Mannschaften bei dieser EM tragen. Bei den Medikamenten fallen sechs verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer auf. Sie lassen darauf schließen, dass der Einsatz von Medikamenten im Fußball verbreitet ist.

Auf der Liste verbotener Dopingmittel stehen die Präparate nicht. Der Einsatz von Spritzen ist allerdings zum Beispiel im Radsport schon seit fünf Jahren verboten. Im Radsport gilt seit den großen Dopingskandalen eine No-Needle-Policy, keine Nadeln ohne klaren medizinischen Zweck. Pharmakologen warnen zudem vor dem bedenkenlosen Einsatz von Schmerzmitteln und Entzündungshemmern.

Das Mannschaftshotel der Ukraine in Aix-en-Provence liegt an einer wenig befahrenen Straße. Hier stellen die Hotelangestellten abends den Müll raus. Zwei große Tonnen sind bis oben hin mit Säcken gefüllt. Das Küchenpersonal macht Zigarettenpause, nur wenige Meter entfernt.

Eine Hand mit Plastikhandschuh greift in eine Mülltonne.

In in Aix-en-Provence beginnt unsere Suche. Insgesamt ist CORRECTIV zu fünf Nationalteams gereist und wollte dort den Müll untersuchen.

Jannik Jürgens

Am Abend zuvor, dem 21. Juni 2016, hat die Ukraine das letzte Gruppenspiel gegen Polen mit 1:0 verloren und dann direkt den Rückflug nach Kiew genommen. In ihrem Hotel in Aix-en-Provence war das  Team zum letzten Mal rund 24 Stunden vor Anpfiff. Jetzt erinnern noch zwei Übertragungswagen des ukrainischen Fernsehens an die Präsenz der Fußballer.

Und der Müll, den sie hinterlassen haben: Wir finden benutzte Spritzen, Medikamentenpackungen und kleine Ampullen, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Die Medikamente sind kyrillisch bedruckt, auf russisch und ukrainisch (siehe Foto). Außerdem kommen eine blaue Kapitänsbinde der Uefa, ein Aufwärmshirt, eine Liste mit der Zimmerbelegung der ukrainischen Spieler und mehrere leere Flaschen Schnaps zum Vorschein.

Eine Medikamentenpackung mit der Aufschrift Magnesiumsulfat

Kein Doping: Magnesiumsulfat hilft gegen Verstopfung

Jannik Jürgens

Bei keinem der gefundenen Medikamente handelt es sich um eine Substanz, die auf der Liste verbotener Dopingmittel steht. Das bestätigt der Sprecher des Kölner Zentrums für präventive Dopingforschung Mario Thevis. Es handelt sich in erster Linie um Entzündungshemmer wie Diclofenac-Natriumlösung und Nimesulid. Außerdem ist Diphenhydramin dabei, ein Antiallergikum, das auch als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt wird. Wir finden auch eine Sorbex-Packung: Kohletabletten, die den Körper entgiften sollen. Außerdem Glucose-Infusionsbeutel. Wie ist diese Mischung an Substanzen zu bewerten?

„Glucose-Infusionen sind nur in Notsituationen sinnvoll“, sagt Perikles Simon, Leiter der Sportmedizin an der Universität Mainz. Verboten ist eine Infusion generell ab einer Menge von mehr als 50 Milliliter (ml). Zudem darf innerhalb von sechs Stunden jeweils nur eine Infusion verabreicht werden. Im Müll der Ukrainer lagen zwei leere 50ml-Beutel Glucose-Infusion.

Zwei leere 50 Milliliter Glucose-Infusionsneutel und Infusionsbesteck

Im Müll vorm Hotel der Ukrainer: Zwei leere 50ml Glucose-Darnitsa-Beutel mit Infusionsbesteck

Jannik Jürgens

Dopingexperte Simon kann sich nur wenige Ausnahmesituationen vorstellen, in denen eine solche Infusion angebracht ist: „Das kann für einen Diabetiker gelten, der an Unterzuckerung leidet oder einen Marathonläufer im absoluten Erschöpfungszustand.“ Aber für junge, gesunde Profi-Fußballer? Für die könnten solche Infusionen nur dann Sinn ergeben, wenn sie zum Beispiel in extremer Hitze spielen und akut den Zuckerspeicher im Körper aufstocken müssten. Davon kann in Frankreich aber keine Rede sein. In der Vergangenheit sind Dopingfälle in Verbindung mit Glucose bekannt geworden, weil bei der Infusion Glucose mit Insulin gemischt wurde. Das wäre verboten, sagt Simon. Ein Hinweis auf ein Insulin-Präparat fand sich im Müll der Ukrainer aber nicht.

Der ukrainische Fussballverband wollte sich auf Anfrage von CORRECTIV nicht zu dem Fund im Müll des Mannschaftshotels äußern. Auch die ukrainische Anti-Dopingbehörde, die Welt-Anti-Doping-Agentur und die Uefa ließen entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Alle Medikamente auf einem Tisch ausgebreitet. In der Mitte liegt die blaue Kapitänsbinde der Ukrainer

In der Tonne der Ukrainer fanden wir 14 verschiedene Medikamente, Spritzen und Infusionsbesteck

Jannik Jürgens

Neben der Glucose-Infusion fallen vor allem die vielen starken Schmerzmittel auf. Im Müll der Ukrainer fanden wir sechs unterschiedliche Präparate. „Der Begriff Schmerzmittel wäre eine Verharmlosung“, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, dem wir den Fund präsentiert haben. „Die Wirkung der Mittel ist entzündungshemmend.“ Schwabe war Mitglied der ersten Freiburger Dopingkommission, die die Vergabe leistungsfördernder Mittel durch Mitarbeiter der Universität Freiburg untersuchte. Er betont, dass die bei den Ukrainern gefunden Entzündungshemmer auch ein Nebenwirkungspotenzial haben. Wichtig sei, dass die Mittel nicht vorbeugend und nur unter ärztlicher Anordnung genommen werden, sagt Schwabe.

Vor den Nebenwirkungen warnt auch der Mainzer Dopingexperte Perikles Simon. Gerade die leichten Schmerzmittel wie Paracetamol oder Diclofenac seien für rund 1.700 Todesfälle pro Jahr in Deutschland verantwortlich, sagt er. „Das passiert, weil die Leute nicht genügend über Nebenwirkung wissen“, sagt Simon. Viele Menschen wüssten zum Beispiel nicht, dass es nichts bringe, mehr als eine Tablette zu nehmen. „Leber und Niere können langfristig geschädigt werden. Die Mittel können spontane Blutungen im Magen-Darm Trakt auslösen“, sagt Simon.

Den Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen, Ansgar Thiel, überrascht der offensichtlich massive Einsatz von starken Medikamenten bei der Fussball-Europameisterschaft nicht. Thiel forscht seit Jahren zum Gesundheitsmanagement von Spitzensportlern. „Krank oder gesund ist im Sport keine medizinische Diagnose, sondern die Frage, ob Sport möglich ist oder nicht“, sagt Thiel. „Das medizinische Personal im Sport übernimmt diese Denklogik. Es geht nicht ums Heilen, sondern ums Reparieren.“

Ein internationales Turnier sei eine solch seltene Gelegenheit, da werde alles getan, um den Körper fit zu halten. „Solange Mittel nicht auf der Dopingliste stehen, haben die Sportler kein Unrechtsbewusstsein.“ Im Spitzensport herrsche eine Kultur des Schmerzes. Schon junge Sportler lernten, dass Schmerz kein Warnsignal sei, sondern überwunden werden muss. Die Kontrolle über das eigene Schmerzempfinden werde mit der Zeit häufig an den Trainer und die Betreuer abgegeben. „Der Trainer sagt, wann es nicht mehr geht. Nicht der Spieler.“

Insgesamt hat CORRECTIV die Hotels von fünf EM-Teams aufgesucht, darunter die von drei Viertelfinalisten. Neben der Unterkunft der Ukraine waren wir am Quartier der Schweizer Mannschaft und der Isländer. Dort haben wir keine verdächtigen Medikamente im Müll gefunden. Die Müllcontainer der Italiener und der deutschen Mannschaft waren nicht zugänglich.

Absperrgitter vor einem Hotel. Zwei Männer bewachen den Eingang.

Wie kommt der Müll aus dem italienischen Hotel? Die städtischen Müllwagen kommen nicht an die Tonnen ran.

Jannik Jürgens

Die Teams haben zum Teil spezielle Vorkehrungen getroffen. Beispiel Italien: Die reguläre Müllabfuhr der Stadt Montpellier hat in den vergangenen drei Wochen nicht einmal das italienische Hotel angefahren. Die Müllmänner durften sich angeblich aus Sicherheitsgründen dem Hotel nicht nähern, sagte eine Mitarbeiterin des „Courtyard Marriott“ Hotels, in dem die italienischen Fussballspieler übernachten.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Die Schweizer haben ihr Hotel in Juvignac, einem Vorort von Montpellier. Dort ist der Müll nur über einen umzäunten Parkplatz erreichbar. Rund 400 Kilometer nördlich liegt die Stadt Annecy am Fuße der Alpen. Hier hat mit Island die Überraschungsmannschaft des Turniers sein zentrales Lager. Die Polizei ist auch am „Hotel les Tresoms“ der Isländer auffällig präsent. Als unser Reporter ein Müllhäuschen am Personalparkplatz betritt und die ersten zwei Säcke anschaut, vergeht kaum eine Minute, bis der Sicherheitsdienst erscheint. Wenig später steht ein halbes dutzend Polizisten um ihn herum. Sie nehmen seine Personalien auf.

Ein Polizeiauto steht vorm Eingang des Hotels der isländischen Nationalmannschaft

Ständig bewacht: Das Hotel und der Müll der Isländer

Jannik Jürgens

Am Mittwoch dieser Woche reiste unser Reporter nach Evian zur deutschen Mannschaft, die im dortigen Luxushotel „Ermitage“ einquartiert hat. Von den fünf besuchten Mannschaftshotels ist das deutsche Hotel am besten abgeriegelt. Das Hotel ist von großen Sichtschutzwänden umgeben. Die Mülltonnen sind hier noch nicht einmal in Sichtweite.

Bei der Tour de France hatte die französische Anti-Doping-Behörde AFLD vor einigen Jahren noch aktiv die Mülleimer mehrerer Radteams durchsucht. Damals hatten die Dopingfahnder verschiedene Dopingpräparate gefunden. Auf eine Anfrage von correctiv.org, ob die Behörde auch bei der Fußball-EM den Müll der Teams durchsucht, hat die AFLD bislang nicht geantwortet.

Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einnahme von Medikamenten im Fußball weit verbreitet ist. In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien des Weltverbandes Fifa gezeigt, wie exzessiv Fußballer Schmerzmittel und andere Medikamente einsetzen.

Bei der WM 2014 in Brasilien schluckten zwei von drei Spielern mindestens einmal im Turnier Medikamente, davon nahmen 40 Prozent vor jedem Spiel etwas. Bei einem Team hatte sogar jeder einzelne Spieler während des Turniers Medikamente genommen, darunter auch Ersatzspieler, die nicht eine einzige Minute auf dem Feld standen. In diesem Team hatte jeder Spieler im Schnitt fast fünf verschiedene Medikamente genommen, schreibt die Fifa in einem Bericht. Zwei Spieler hatten sogar neun verschiedene Medikamente in den 72 Stunden vor dem Anpfiff genommen. Dabei betreffen diese Statistiken nur die offiziell dokumentierten Mittel, die jede Mannschaft an die Fifa melden muss.

Am beliebtesten waren dabei mit großen Abstand verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Jeder zweite Spieler griff zu diesen Präparaten. Je länger das Turnier dauerte, desto mehr Medikamente bekamen die Spieler. Das beliebteste Mittel war Diclofenac. Die Fifa untersucht seit 2002 systematisch, welche Mittel die Spieler bei großen Turnieren nehmen. Selbst bei den Junioren-Weltmeisterschaften, von der U-20 bis runter zur U-17, nahmen 43 Prozent mindestens einmal während des Turniers Schmerzmittel.

Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob die Welt-Anti-Doping-Agentur Schmerzmittel nur mit Genehmigung zulassen sollte und alles andere als Doping werten müsste. Schließlich hätten Fußballer ohne Schmerzmittel oft nicht die Chance über ihre normale Leistungsfähigkeit hinaus zu gehen oder könnten teilweise vor Schmerzen gar nicht auf dem Platz stehen. Bislang spricht sich die Welt-Anti-Doping-Agentur gegen eine härtere Kontrolle oder ein Verbot von Schmerzmitteln aus.




Mitarbeit: Annika Jöres, Margherita Bettoni

© Ivo Mayr

Fußballdoping

Freiburger Fußballdoping-Sumpf

Vergangene Woche hat sich die Freiburger Kommission aufgelöst, die Dopingfälle im westdeutschen Profifußball untersucht. Wir knüpfen dort an, wo die Kommission aufgehört hat. Derzeit sprechen wir mit zahlreichen ehemaligen Fußball-Profis – und bitten um Eure Mithilfe.

weiterlesen 3 Minuten

von Tobias Ahrens , Jonathan Sachse , Daniel Drepper

Die „Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin“, die das Treiben der ehemaligen Freiburger Sportmediziner beleuchten sollte, ist in der vergangenen Woche zurückgetreten. Damit bleibt weiter offen, wer wie von wem im deutschen Profifußball gedopt worden ist. Wir betreiben seit fast vier Jahren das Blog fussballdoping.de und wissen dadurch, dass Doping im Fußball deutlich weiter verbreitet ist als viele annehmen.

Gerade jetzt, nach dem Aus der Kommission, sprechen wir wieder mit vielen ehemaligen Spielern über Schmerzmittel und Doping. Alle berichten uns davon, über Jahre erlaubte Schmerzmittel genommen zu haben. Manche geben auch zu, Cortison genommen zu haben. „Die Tabletten, Spritzen und Salben würde ich gerne mal auf einem Haufen sehen, die füllen sicher eine ganze Badewanne“, sagte uns kürzlich einer der Ex-Spieler. Die Grenze zum Verbotenen war über Jahrzehnte schwammig. Viele berichten auch von Aufputschmitteln. Und wir haben eine Spur zu vermeintlichem Epo-Doping im deutschen Spitzenfußball.

Wir wollen mehr erfahren. Unabhängig von den Problemen bei der Freiburger Dopingaufklärung wollen wir weiter zum Thema Schmerzmittel und Doping im Fußball recherchieren.

Seid Ihr Zeitzeugen? Liegen Euch Dokumente vor? Teilt jetzt Euer Wissen.

Wer über Doping, Freiburg und Fußball reden will, kann sich jederzeit bei uns per Telefon, E-Mail oder Post melden. Bitte findet unsere Kontaktdaten am Ende dieses Artikels.

Oder Ihr nutzt unseren anonymen, verschlüsselten Briefkasten.

SC Freiburg, VfB Stuttgart

Vor allem der SC Freiburg und der VfB Stuttgart stehen im Zentrum der Ermittlungen. Die beiden Vereine hatten Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre Überweisungen für Medikamente getätigt – „im Umfang von mehreren Zehntausend DM pro Jahr“. Das hatte der Mainzer Sporthistoriker Andreas Singler vor einem Jahr gesagt. Singler hatte damals einen Alleingang unternommen und gegen den Willen von Kommission und Universität Freiburg die Öffentlichkeit über das offenbar systematische Doping beim VfB Stuttgart und dem SC Freiburg informiert.

Damals haben die beiden Vereine laut Singler auch das starke Anabolikum Megagrisevit beim Institut für Sportmedizin der Uni Freiburg bestellt. Die Aufregung nach Singlers Veröffentlichung war groß. Also doch: Es gab von Vereinen organisiertes, hartes Doping bei Spitzenteams in der Bundesliga.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Alois Hornung, Teamarzt des VfB Stuttgart II, sagte der Sportschau am 7. März 2015, dass viele Fußballer beim Freiburger Arzt Armin Klümper „illegale Substanzen“ verabreicht bekommen hätten. Auch Spieler anderer Vereine seien bei Klümper zu Gast gewesen. Der hatte zuvor mit zahlreichen Kaderathleten steuerfinanzierte Experimente mit Dopingmitteln durchgeführt. 

Hinweise kommen nicht nur, aber derzeit vor allem aus dem Südwesten des Landes. Aus dem Umfeld Klümpers und der Freiburger Sportmedizin. Klümper selbst hatte lange exzellente Kontakte zur deutschen Fußballspitze. Nach Recherchen des WDR-Magazins „SportInside“ gründeten die früheren Nationalspieler Karlheinz Förster und Hansi Müller gemeinsam mit dem ehemaligen Turner Eberhard Gienger 1994 einen Verein zur finanziellen Unterstützung Klümpers. Förster hatte sich zu seiner aktiven Zeit immer wieder von Klümper fitspritzen lassen – beispielweise mit Cortison. Mittlerweile musste sich das ehemalige Raubein der Bundesliga das linke Fußgelenk versteifen lassen. Armin Klümper lebt inzwischen in Südafrika und spricht nicht mit Journalisten.

Auch Löw war beim Spritzendoktor

Zu den Unterstützern des Arztes sollen auch Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Paul Breitner gezählt haben. Klümper war unter den Spielern sehr beliebt, galt als Wunderheiler. „Er hat alles für seine Patienten getan“, sagte zum Beispiel Felix Magath. Auch Bundestrainer Joachim Löw war Patient von Klümper.

Seit 2007 arbeitete eine Kommission an der Aufarbeitung des Freiburger Doping-Skandals. Anfang dieser Woche traten fünf der sechs Kommissionsmitglieder zurück. Sie schreiben, dass sie bei der Aufklärung behindert worden seien und Dokumente verspätet herausgegeben wurden. Wichtige Aktenordner seien in Privaträumen versteckt worden. Die Gruppe befürchtete nun, dass Ergebnisse oder Teile des Abschlussberichts seitens der Universität nicht veröffentlicht werden würden.

Unsere Kontaktdaten:

Correctiv, z. Hd. Daniel Drepper, Singerstr. 109, 10179 Berlin

Jonathan Sachse: jonathan.sachse@correctiv.org oder +49 151 28596609

Daniel Drepper: daniel.drepper@correctiv.org oder +49 151 40795370

Tobias Ahrens: tobias.ahrens.fm@correctiv.org oder +49 151 64418543

Fußballdoping

68 dopende Fußballstars in Europa?

Knapp acht Prozent aller europäischen Fußballstars könnten mit Steroiden dopen. Das ist das Ergebnis einer offiziellen Studie. Mehr als 4000 Proben von knapp 900 Fußballern haben die Forscher untersucht. Etwa jeder zwölfte Spieler hatte auffällige Testeronwerte. Weil die Tests anonymisiert sind, wird keiner der 68 verdächtigen Spieler gesperrt werden. Die Verteidigungslinie – “Doping im Fußball gibt es nicht” – scheint damit dennoch gebrochen zu sein. Wir haben uns die Studie angesehen – und zeigen Euch, wo Ihr selbst die Studie findet.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Die Wissenschaftler untersuchten 4195 Tests aus europäischen Wettbewerben ein zweites Mal. Die Proben sind aktuell: sie sind von Dezember 2007 bis Mitte 2013. Im Schnitt untersuchten die Forscher pro Spieler fast fünf Proben. Bei 68 Spielern brachte die Analyse einen Verdacht auf Steroid-Doping.

Mehr als zwei Drittel Champions Leauge

Die verdächtigen Spieler kommen aus den besten Ligen Europas. In der Studie heißt es, dass 62,9 Prozent der Proben aus der Champions League stammen. Außerdem kommen 82 Prozent der Proben von Teams der großen zehn Fußballverbände. „Dies spiegelt die Dominanz von wenigen großen Verbänden in den UEFA-Wettbewerben wieder“, schreiben die Autoren.

Bei den 68 verdächtigen Spielern sind nicht einzelne verdächtige Proben – zum Beispiel mit Resten von Steroid-Produkten – gefunden worden. Stattdessen haben die Wissenschaftler die unterschiedlichen Testosteron-Werte der Spieler über einen längeren Zeitraum untersucht. Bei den 68 Spielern haben sich die Werte auf verdächtige Art und Weise verändert. Die Forscher schränken ein, dass diese Veränderungen nicht immer auf Doping zurückzuführen sein müssen.

Sechs Mal mehr auffällige Proben

Die Wissenschaftler vergleichen die Zahl von 7,7 Prozent verdächtigen Proben mit den 1,3 Prozent der auffälligen Proben, die von der UEFA bislang als Durchschnittswert genannt wurden. Ein deutlicher Unterschied. Gleichzeitig wird beschrieben, dass es durch die hohe Anzahl von beteiligten Laboren und Analyseverfahren zu mehr Fehlern bei der Auswertung gekommen sein könnte. Zwölf verschiedene Dopinglabore waren beteiligt, darunter die Labore in Köln, London, Paris und Madrid.

Erst vor wenigen Tagen hatte die UEFA ein neues Anti-Doping Programm vorgestellt. Es sei das stärkste Anti-Doping-Programm, das es bislang gegeben habe. Jetzt wird klar, warum die UEFA aktiv wird. Seit der vergangenen Woche ist auch Andrea Gotzmann, Vorsitzende der NADA, Teil des Anti-Doping-Beratergremiums der UEFA.

Die Studie hat sich ausschließlich die Steroid-Werte der Spieler angesehen. Hinzurechnen müssen wir also alle Spieler, die theoretisch mit anderen Dopingmitteln dopen: Blutdoping, Wachstumshormon und anderen Substanzen. Wir hatten vor zwei Jahren über eine Studie von Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer berichtet, die neun auffällige Blutwerte in der Bundesliga gefunden hatte.

Die ganze Studie

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Die Studie hatte der europäische Fußballverband UEFA selbst in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse standen bereits im Juli fest, Anfang September veröffentlichten die Autoren die zehn Seiten lange Studie im Journal „Drug Testing and Analysis“. Falls Ihr die Studie in Gänze lesen wollt, könnt Ihr das hier auf der Seite des Journals für sechs Dollar tun.

Die UEFA hat diese Studie in Auftrag gegeben. Das ist positiv. Das gibt uns das bislang wohl beste Bild auf die Verbreitung von Doping im Fußball. Außerdem bewegt sich die UEFA, will etwas tun. Ob das genug ist, wird sich zeigen.

Offene Fragen

Es bleiben aktuell (mindestens) drei Fragen:

1) Warum hat die UEFA in den vergangenen Wochen so viel Werbung für ihr neues Anti-Doping-Programm betrieben, aber kein Wort über die Ergebnisse ihrer eigenen Studie verloren?

2) Warum hat die UEFA die Spieler anonymisiert?

3) Werden jetzt gezielt Proben aus der Champions League auf Spuren von Steroiden nachgetestet?

Wir haben die UEFA angefragt. Wenn wir Antwort bekommen, werden wir hier ergänzen.


Weitere Hintergründe zu der Studie gibt es heute um 18 Uhr in der ARD. Gemeinsam mit der Sunday Times hatte die ARD am Samstag, 19. September, vorab über die Studie berichtet.

Das Titelfoto UEFA Champions League Trophy ist von Daniel mit CC BY 2.0 Lizenz.

© Ivo Mayr

Fußballdoping

Gedopt. Gesperrt. Verheimlicht.

Fast 30 Dopingfälle hat es im deutschen Fußball gegeben. Der DFB verspricht Transparenz im Anti-Doping-Kampf. Doch ein bislang nicht veröffentlichter Fall aus der Regionalliga zeigt nach Recherchen von CORRECT!V, wie einfach der Fußball eine positive Dopingprobe verschwinden lassen kann.

weiterlesen 8 Minuten

von Fabian Scheler , Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Rehden heißt der Ort, an den sich wohl selbst Pep Guardiola zurückerinnert. Hier steht Guardiola zum ersten Mal als Trainer des FC Bayern bei einem Pflichtspiel an der Seitenlinie. Es ist die erste Runde des DFB-Pokals 2013, der Gegner ist der BSV Schwarz-Weiß Rehden, ein Verein aus der Regionalliga Nord. Provinz, 100 Kilometer südlich von Bremen.

Für Rehden ist es das größte Fußballereignis der Vereinsgeschichte. Zwar muss der Verein nach Osnabrück umziehen, weil die eigenen Waldsportstätten den DFB-Auflagen nicht genügen. Doch das ganze Dorf fährt mit. Millionen Zuschauer wollen die Guardiola-Premiere bei ARD und Sky sehen. Es ist ein lauer Sommerabend im August.

Zum ersten Mal blickt Fußball-Deutschland auf Rehden. Was nicht in diese Stimmung passt: Eine positive Dopingprobe. Ein paar Monate zuvor, im Mai 2013, finden die Kontrolleure Methylendioxymethamphetamine im Urin von Rehdens Stürmer Marcus Storey. Ecstasy.

Fast 30 Dopingfälle im deutschen Fußball

Normalerweise veröffentlichen Vereine und Verbände positive Dopingfälle auf ihren Internetseiten. Doch der Fall Storey ist bis heute nicht zu finden. Der DFB schreibt auf seiner Webseite, insgesamt seien seit 1988 „nicht einmal 20 Spieler positiv getestet“ worden. Nach Recherchen von CORRECTIV gibt es in Wahrheit dagegen schon fast 30 Dopingfälle. Wie kann es sein, dass ein Fall wie der von Marcus Storey nicht an die Öffentlichkeit kommt? Und was sagt das über die Doping-Aufklärung im Fußball aus?


Zwei Monate vor dem Pokalspiel gegen Guardiolas Bayern ist der BSV Rehden zu Gast beim VfR Neumünster. Die Regionalliga-Saison ist Mitte Mai 2013 auf der Zielgeraden. Auf der Rehdener Bank sitzt der US-Amerikaner Marcus Storey. Bei der 2:0 Niederlage wird er nicht eingewechselt. Trotzdem muss er nach dem Spiel zur Dopingprobe. Ein Zufall. Alle Spieler, die im Kader stehen, können ausgelost werden.

Das Ergebnis kommt ein paar Wochen später: Storey ist positiv auf Ecstasy. Nichts für große Leistungssprünge, eher um Schmerzen zu lindern oder für Euphorie auf dem Platz. Woher kommt das Ecstasy? Marcus Storey selbst äußert sich auf Anfrage nur einmal, eine Party soll Schuld sein. „Ich bekam etwas ins Getränk und bin am nächsten Morgen woanders aufgewacht. Ich glaube, ich war mit den falschen Leuten unterwegs.“ Das ist alles. Auf weitere Anfragen reagiert Storey nicht mehr.

Marcus Storey im Trikot von Rehden. Er dribbelt mit dem Ball auf dem Fußballplatz. Im Hintergrund sieht man Zuschauer vom Spielfeldrand zuschauen.

Marcus Storey im Trikot von Rehden

Arne Flügge/ Kreiszeitung

Marcus Storey arbeitet während seiner Zeit in Rheden bei einer Logistikfirma, muss nachts anfangen, eine Umstellung. Storeys damalige Mitspieler erzählen, der Amerikaner sei an den Wochenenden gerne in Clubs feiern gewesen. Die meisten Spieler wären da anders gewesen, sagt Josip Tomic, ein ehemalige Mitspieler und Mitbewohner von Storey. „Arbeiten, Training, Arbeiten, Training, so lief das bei den meisten.“

2007 kommt Storey aus den USA nach Deutschland, will Profi werden. Storey probiert es beim SV Wilhelmshaven. Als er dort auf sich aufmerksam macht, gibt es Angebote aus Essen und Babelsberg. „Mit mehr Wille hätte er es locker zum Profi geschafft“, sagt Bernd Floris Flor, sein damaliger Berater.

„Lebe für den Fußball, dann schaffst Du es“

Storey bleibt in der Regionalliga hängen. „Er war stur, genoss lieber die Freizeit. Eine höhere Liga hätte mehr Stress bedeutet und das wollte er nicht“, sagt Spielerberater Flor. Nach Vertragsstreitigkeiten trennen sich Wilhelmshaven und Storey 2012. Er fliegt für einen Kurztrip in die USA, kommt zurück und wechselt nach Rehden. Eine Saison später endet seine Karriere in Deutschland mit der positiven Dopingprobe. Josip Tomic, seinem Rehdener Mitbewohner, sagt er nach einer seiner letzten Trainingseinheiten: „Lebe für Fußball, dann schaffst du es.“ Storey schafft es nicht. Heute kümmert er sich in den USA um Frau und Kind.

Die vermeintliche Dopingaufklärung beginnt danach. Der Vertrag in Rehden endet am 30. Juni 2013. Das ist wichtig zu wissen, denn Rehden fühlt sich danach nicht mehr für den Dopingfall zuständig. Der Spieler ist nicht mehr im Verein, also gibt Rehden keine offizielle Mitteilung raus.

Nicht mal Storeys Mitspieler werden über den Dopingfall informiert. „Es war später mal Thema im Bus auf irgendeiner Auswärtsfahrt, aber alles nur Gerüchte“, sagen einige Mitspieler von damals. In Rehden wird bis heute über Drogen, Dopingfälle und Marcus Storey spekuliert, aber niemand weiß etwas Konkretes.

Rehdens Präsident Friedrich Schilling bekommt bereits Mitte Juni am Telefon Bescheid, dass einer seiner Spieler für zwei Jahre wegen Dopings gesperrt wird. Der Verein müsse sich aber keine Sorgen machen, gibt der zuständige Sportrichter am Telefon Entwarnung, denn Storey wurde ja nicht eingewechselt. „Der Norddeutsche Fußball-Verband hat uns angewiesen, das Urteil nicht zu veröffentlichen“, sagt Schilling heute am Telefon und bestätigt es auf Nachfrage noch einmal per E-Mail. Der Verein sollte die positive Probe diskret behandeln, sagt Schilling.

Niemand veröffentlicht das Urteil

Bis zur offiziellen Sperre dauert es zwei Monate, obwohl der Verein darauf verzichtet, die B-Probe zu öffnen. Das wären für den Verein unnötige Kosten gewesen, sagt Präsident Schilling. Es sei ja klar gewesen, dass sein Verein nicht bestraft wird. Am 10. Juli 2013 spricht der Norddeutsche Fußballverbund sein Urteil: Zwei Jahre lang darf Storey weltweit kein Spiel mehr machen. Das Urteil veröffentlichen weder der BSV Rehden, noch der Norddeutsche Fußballverband oder der Deutsche Fußball Bund.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Der DFB lässt sich selbst die Wahl, ob er Dopingfälle veröffentlicht. Der DFB und die Nationale Anti Doping Agentur dürfen „soweit erforderlich und angemessen“ Informationen über Spieler offenlegen, heißt es in den Durchführungsbestimmungen für Dopingkontrollen. Unterhalb des Profifußballs, also Regionalliga und abwärts, wird erstmal nur der Landesverband benachrichtigt, der die Spielklasse organisiert. Je regionaler die Struktur, desto enger liegen die Interessen der Akteure beieinander, desto größer die Gefahr einer internen Lösung – ohne dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

Der Norddeutsche Fußballverband schreibt auf Nachfrage, sowohl er als auch der DFB hätten damals den Fall veröffentlichen können, aber nicht müssen. Der NFV verzichtete darauf. Storey habe zu dem Zeitpunkt seine Karriere ja ohnehin bereits beendet gehabt – und weil „es sich nicht um systematisches, leistungssteigerndes Doping handelte“.

Der Fall Storey zeigt, wie einfach es für den Fußball ist, eine positive Probe geheim zu halten. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf den Fall Storey, auch nicht auf der DFB-Webseite. Nur auf konkrete Nachfrage schickt der DFB eine aktuelle Liste aller Dopingfälle, auf der auch Marcus Storey auftaucht.

Der DFB wirbt immer wieder für größtmögliche Transparenz im Anti-Doping-Kampf. Das eigene Kontrollsystem sei das Beste Europas. Warum wird dann ein solcher Fall nicht veröffentlicht?

DFB-Interimspräsident Koch: „Eine Gratwanderung“

DFB-Interimspräsident Koch verweist auf den Norddeutschen Fußballverband, der bei Fällen aus der Regionalliga zuständig sei. „Ohne Ihre Anfrage hätte ich gedacht, dass da alles nach Vorschrift gelaufen ist“, sagt Koch am Telefon. „Für den Rest müssen Sie den NFV fragen.“ Grundsätzlich müsse man abwägen zwischen dem Schutz persönlicher Daten und dem öffentlichen Interesse an Dopingfällen. „Das ist eine Gratwanderung. In diesem Fall hätte ich persönlich wohl auch zum Datenschutz tendiert“, sagt Koch.

Die Pressestelle des DFB beteuert auf Nachfrage, alle Dopingfälle in den obersten Spielklassen der Herren seien in den vergangenen Jahren veröffentlicht worden. Bei Amateur- und Jugendspielern könnte unter Umständen der Datenschutz dagegen sprechen. Daher könne es auch „keine Übersicht aller Dopingfälle im Fußball“ geben.

Bis zur aktuellen Zusammenstellung von CORRECTIV gab es keine vollständige Chronologie der Dopingfälle im Fußball. Eine Liste mit Fällen aller Sportarten veröffentlicht die Nationale Anti-Doping-Agentur in ihrem Jahresbericht, allerdings anonymisiert. Die Agentur arbeitet derzeit daran, eine „Datenbank für Disziplinarverfahren“ zu etablieren. Die soll einen transparenten Überblick geben, „auch wenn zunächst viele der Fälle aus datenschutzrechtlichen Gründen noch anonymisiert veröffentlicht werden“.

Beim Vergleich der vom DFB bekannt gemachten Fälle mit denen aus den Jahresberichten der Nationalen-Anti-Doping-Agentur fällt ein bislang nicht öffentlicher Fall aus dem Mai 2013 auf: Das muss Marcus Storey sein.

Seit dieser Saison führt die Nada alle Dopingkontrollen im Auftrag des DFB durch, sowohl im Wettkampf, als auch im Training. Die Kontrolle über die Kontrollen behält jedoch der DFB. Der Verband finanziert das Programm, die Anti-Doping-Kommission betreut den Ablauf, bestimmt den Informationsfluss und entscheidet auch über die Strafen bei positiven Proben. Vorsitzender dieser Anti-Doping-Kommission ist DFB-Vizepräsident Rainer Koch.

Jeder nicht veröffentlichte Fall schönt die Dopingstatistik des deutschen Fußballs. Die spiegelt ohnehin kaum wieder, wie häufig im Fußball gedopt wird. Das Kontrollsystem im Fußball ist lückenhaft. Die meisten Dopingsubstanzen sind deutlich schwerer nachweisbar als Ecstasy. Dazu werden Fußballer sehr selten kontrolliert. 1700 Dopingkontrollen bezahlte der DFB in der Saison 2013/14 in den ersten drei Bundesligen. Klingt viel, verteilt sich aber auf mehr als 1000 Spieler.

70 Dopingkontrollen für 2000 Spieler

In den fünf Regionalligen ist das Risiko, mit Doping aufzufliegen, noch viel geringer. Nur 70 Kontrollen gibt es bei rund 2000 Spielern in fünf Ligen. Im gesamten Jahr ist weniger als ein Spieler pro Mannschaft überhaupt einmal getestet worden. Marcus Storey erwischte es trotzdem. Er hatte wohl Pech.

Für Rehden war der DFB-Pokal im Sommer 2013 ein großes Fest: Die Bayern trafen bei Guardiolas Premiere fünf Mal. Mit einem „sehr sehr gut“ adelte der neue Bayerntrainer die Leistung der Rehdener nach dem Abpfiff. Es gab ein eigens für diesen Abend komponiertes Lied. Und nach dem Spiel schwappte trotz der Niederlage die Laola durch das ausverkaufte Stadion. Von Doping war keine Rede.

Diesen Artikel veröffentlichen wir in Kooperation mit Zeit-Online.

screenshot-620x351

Fußballdoping

Das Geschäft mit Dopingtests im Fußball

Der Bayerische Rundfunk berichtete vor einigen Tagen, dass die bisherigen DFB-Dopingkontrolleure auch in Zukunft an den Tests im Fußball beteiligt sind. Obwohl die Kontrollen jetzt – in den den Händen der Nationalen Anti Doping Agentur NADA – angeblich unabhängiger ablaufen sollten. Zwei Kontrollärzte haben eine eigene Firma gegründet, die jetzt den Zuschlag bekommen hat. Die zeitlichen Abäufe werfen Fragen auf.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Die Firma heißt Sports Medical Service (SMS). Die beiden Gesellschafter Jens Kleinefeld und Gregor Weimbs-Ackermann sind bereits seit längerem DFB-Dopingkontrolleure.

Der BR zitiert aus einer internen E-Mail:

„Wie Sie alle wissen, wird der DFB die Dopingkontrollen ab der Spielzeit 2015/2016 an die NADA übergeben. In diesem Zusammenhang haben wir die Firma SMS Sports Medical Service GmbH gegründet, um Ihnen, und uns, weiterhin die Möglichkeit bieten zu können, aktiv am Dopingkontrollprozess im Fußball teilhaben zu können.“

Für die Saison 2015/2016 übernimmt die NADA offiziell nicht mehr nur die Trainingskontrollen, sondern auch die Wettkampfkontrollen beim DFB. Ein gutes Geschäft, der DFB überweist pro Jahr 750.000 Euro.

Die NADA vergab den Auftrag im Frühjahr diesen Jahres tatsächlich an SMS, wählte diese Firma aus drei externen Angeboten aus, wie sie sagt. Interessant dabei ist, dass SMS schon am 2. März, deutlich vor offizieller Verkündung des Auftrags, per interner E-Mail – wieder dem BR zufolge – um Kollegen warb:

“Wir freuen uns, Ihnen hiermit mitteilen zu können, dass die NADA der SMS GmbH nun angeboten hat, alle Wettkampf- und Trainingskontrollen im deutschen Fußball zu übernehmen. Wir möchten Ihnen als langjährige Dopingkontrolleure hiermit vorab und exklusiv die Möglichkeit der Zusammenarbeit anbieten.”

BR-Reporter Sebastian Krause hat uns die Mail freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Wer sich näher mit der Firma SMS beschäftigt, findet im Handelsregister zwei interessante Punkte. Erstens ist die Gründungsurkunde des Unternehmens bereits vom 9. Juli 2014. Die beiden DFB-Kontrolleure gründeten ihre Firma also schon Monate bevor öffentlich bekannt wurde, dass die NADA in Zukunft alle Kontrollen im Fußball übernehmen würde – und damit ein lukrativer Auftrag in Sicht war.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

In der Gründungsurkunde ist zudem zu sehen, dass die Kontrolleure den Zweck der Firma bereits klar umrissen haben. Es geht um “die Organisation, Koordination und Durchführung von Dopingkontrollen im In- und Ausland vor allem im Fußballsport aber auch in allen anderen Sportarten; dies sowohl als Trainingskontrollen als auch als Wettkampfkontrollen.”

Zu einem Zeitpunkt, zu dem zumindest öffentlich noch nicht bekannt war, dass es bald eine Ausschreibung für die Wettkampf- und Trainingskontrollen im Fußball geben würde.

“Nachdem im Oktober 2014 in den Medien kommuniziert wurde, dass die NADA die Wettkampfkontrollen des DFB übernehmen werde, haben wir der NADA im Spätherbst 2014 initiativ ein Angebot zur Übernahme der Kontrollen unterbreitet”, schreibt uns dazu Gregor Weimbs, Geschäftsführer von SMS. Bereits im Januar 2013 habe er die Firma als GbR gegründet und im Sommer 2014 die Rechtsform zu einer GmbH verändert. Weiter antwortet uns Weimbs, dass seine Firma sich initial im letzten Sommer für eine Ausschreibung der NADA interessierte, “die den Fußballsport nicht enthielt.”

Die nun auch uns vorliegenden E-Mails geben auch einen Blick auf die Bedingungen frei, unter denen Dopingproben im deutschen Fußball genommen werden. Für eine Wettkampfkontrolle gibt es ein Honorar von 350 Euro brutto plus Reisekosten. Davon muss der Kontrolleur die Umsatzsteuer abziehen und seinen Helfer bezahlen. Für eine Trainingskontrolle gibt es lediglich 50 Euro brutto plus Reisekosten.

“Wettkampf- und Trainingskontrollen unterscheiden sich i.d.R. deutlich durch die Anzahl der getesteten Sportler und den kalkulierten Zeitaufwand. Insofern sehen wir hier keinerlei Diskrepanz bei der Honorierung”, schreibt Gregor Wimbs vom SMS. “Bezüglich der Abhängigkeit der Qualität der Kontrollen von der Höhe des Honorars können wir keine Korrelation herstellen.”

Im neuen Anti-Doping-Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA steht, dass Trainings- und Wettkampfkontrollen ab 2015 durch die Nationalen Anti-Doping-Organisationen durchgeführt werden müssen (-> PDF Punkt 6). Dass nun langjährige Kontrollärzte des DFB den Auftrag für Trainings- und Wettkampfkontrollen bekommen haben, ist interessant.

“Etwa ein Drittel dieser Kontrolleure haben vorher selbständige Dienstleistungen als Dopingkontrolleure u.a. für den DFB erbracht”, schreibt uns Weimbs. Da die Kontrolleure einem klar durch die WADA definierten Protokoll folgen würden, sehe er kein Konfliktpotential. “Alle Kontrolleure der SMS GmbH treten im Auftrag und Namen der NADA auf.”

informationen_fuer_mehr-1

von Daniel Drepper

Wir bei CORRECTIV sind Experten für Informationsfreiheit und Auskunftsrechte. Unsere Mitarbeiter setzen sich seit Jahren dafür ein, dass deutsche Behörden transparenter werden. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter: Wir werden diese Auskunftsrechte nicht nur journalistisch nutzen, sondern Ihnen als Bürgern zeigen, wie sie sich wichtige Informationen selbst besorgen.

Je mehr Transparenz, desto besser lässt sich die Arbeit von Volksvertretern und Beamten beurteilen. Und desto unwahrscheinlicher ist es, dass hinter den Kulissen Geschäfte gemacht werden, die gut für einzelne Beteiligte, aber schlecht für uns alle sind.

Die Mitarbeiter von Behörden arbeiten zu einem einzigen Zweck: Um uns Bürgern zu dienen. Jede Information, jedes Dokument und jeder Datensatz in einer Behörde gehört denen, die dafür bezahlen: den Bürgern. Grundsätzlich muss alles, was in Behörden passiert, öffentlich sein. Nur wenn schwerwiegende Gründe gegen völlige Transparenz sprechen, können einzelne Informationen geheim bleiben.

Alles muss transparent sein

Wenn Informationen zurückgehalten werden, müssen Regierung und Behörden dies entsprechend begründen. Nur wenn diese Begründung Sinn ergibt, ist Geheimhaltung gerechtfertigt. Das gleiche gilt übrigens für Einrichtungen, die aus Steuermitteln bezahlt werden und Aufgaben für uns Bürger erledigen. Dazu gehören privatisierte Stadtwerke, die Müllabfuhr oder wissenschaftliche Institute, die mit Steuergeld forschen. Nur wenn all diese Informationen öffentlich sind, können Machtmissbrauch und Steuerverschwendung aufgedeckt werden – und im besten Fall sogar gleich vermieden.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Seit acht Jahren gibt es in Deutschland ein Informationsfreiheitsgesetz, das diese Transparenz sicherstellen soll. Dazu gibt es zahlreiche andere Regelungen, die Bürgern den Zugang zu Informationen ermöglichen. Einige Behörden betrachten Informationen, Dokumente und Daten aber immer noch als ihr Eigentum. Wir wollen dabei helfen, dass sich dies ändert.

Auskunftsrechte wie das Informationsfreiheitsgesetz sind nicht nur ein Mittel der journalistischen Recherche, sie sind ein grundlegendes Mittel, um Demokratie zu stärken. Werden diese Rechte beschnitten, ist das ein schlechtes Zeichen für die Demokratie. Werden sie ausgebaut, ist das gut für alle. Wir werden uns deshalb zur Aufgabe machen, die Auskunftsrechte zu stärken und zu verbreiten, auch in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Wir wollen den Weg frei machen für andere. Je mehr Menschen die ihnen zustehenden Informationen einfordern, desto eher wird Transparenz zur Normalität.

Mehr Infos für alle Bürger

In den USA werden jedes Jahr hunderttausende Anträge nach dem Informationsgesetz gestellt. Der Freedom of Information Act, rund fünf Jahrzehnte alt, ist auch in den Vereinigten Staaten längst nicht perfekt. Aber die Informationsfreiheit wird dort besser genutzt. Sie ist im journalistischen Alltag verankert und auch normale Bürgern wissen zum Teil über ihre Rechte Bescheid. Hier in Deutschland werden noch immer nur ein paar tausend Informationanfragen pro Jahr gestellt. Viele von Anwälten, für Unternehmen.

Wir aber wollen mehr freie Informationen für alle Bürger. Als Mitglied von CORRECTIV helfen wir Ihnen deshalb dabei, Ihre Rechte durchzusetzen. Wenn Sie Informationen von Ihrer lokalen Behörde haben wollen, fragen Sie uns um Hilfe. Wir sind gerne für Sie da. Lassen Sie uns gemeinsam für mehr Transparenz sorgen.

Hier werden Sie CORRECTIV-Mitglied.

von Daniel Drepper

Vor zwei Jahren haben wir dem Bundesministerium des Innern fast 15.000 Euro überwiesen. Wir hatten mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes Dokumente beantragt, weil wir wissen wollten, wie viel Steuergeld deutsche Sportverbände von der Bundesregierung bekommen. Nun hat ein Gericht für uns entschieden: die Gebühren waren viel zu hoch. In Zukunft wird hoffentlich niemand mehr fürchten müssen, nach einem Informationsantrag von Gebühren erschlagen zu werden.

Gemeinsam mit Niklas Schenck hatte ich vor den Olympischen Spielen in London zur Verteilung von Steuergeld im deutschen Sport recherchiert. Unter anderem hatten wir die Medaillenvorgaben der deutschen Sportler für London und Sotschi aufgedeckt. Dazu hatten wir mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) auch Einblick in die dazugehörigen Originaldokumente beantragt. Darunter die bis dato geheimen Zielvereinbarungen, mit denen der Deutsche Olymische Sportbund die Medaillen für die Olympischen Spiele plant. Auf Grundlage dieser Vereinbarungen vergibt das Bundesministerium des Innern Steuermittel an einzelne Sportverbände.

15.000 statt 500 Euro

Normalerweise dürfen Behörden für einen IFG-Antrag höchstens Gebühren von 500 Euro verlangen. Unseren Antrag hatte das BMI vor fast drei Jahren aber in 66 Einzelanträge aufgespalten und somit die maximal möglichen Kosten extrem in die Höhe getrieben. Die Rechnung für unseren Antrag war heftig: 14.952,20 Euro. Deshalb hatten wir mit Hilfe des Deutschen Journalisten-Verbandes und dem Informationsfreiheits-Experten Wilhelm Mecklenburg dagegen geklagt.

Das Verwaltungsgericht Berlin hat jetzt entschieden, dass Behörden Anfragen nach Informationsfreiheits- oder Pressegesetzen nicht eigenmächtig in Teilanfragen stückeln und damit die Kosten in die Höhe treiben dürfen (AZ VG 2 K 232.13). Das Bundesministerium des Innern kann noch Berufung einlegen. Eine endgültige Entscheidung dürfte noch auf sich warten lassen, der Streit könnte bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen.

Bislang hat das Gericht sein Urteil vom 11. Juli noch nicht begründet. Nach der mündlichen Verhandlung ist es aber wahrscheinlich, dass das Urteil die Anwendung des Informationsfreiheitsgesetz durch das BMI kritisieren wird. Und es wird wohl auch grundelegende Kritik an den Gebühren- und Auslagenregelungen im IFG-Recht üben.

Gesetz muss angepasst werden

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Der Deutsche Journalisten Verband setzt sich nun weiter dafür ein, „dass der Gesetzgeber dem Missbrauch bei der Gebührenfestsetzung in IFG-Verfahren einen Riegel vorschiebt“, sagte DJV-Justiziar Benno Pöppelmann nach dem Urteil. Im Klartext: Es wird Zeit, dass das Informationsfreiheitsgesetz oder zumindest dessen Ausführungsbestimmungen angepasst werden.

In unserem konkreten Fall hat das Gericht alle Gebührenbescheide des Ministeriums für ungültig erklärt, weil das Ministerium das Gesetz völlig falsch ausgelegt habe. Es sei ein grundsätzliches Problem des Gebührenrechts, dass die Gebühren künstlich bei 500 Euro gekappt werden. Das Verwaltungsgericht wird in seiner Begründung voraussichtlich eine Neujustigierung des IFG-Gebührenrechts in unserem Sinne fordern. Eine Grundsatzentscheidung.

Ministerium zahlt für Rechtsstreit

Noch ist nicht klar, wie viel wir in unserem Fall am Ende genau zahlen müssen. Wir gehen nach der Verhandlung aber davon aus, dass unsere 66 Anträge auf einen bis drei Anträge eingedampft werden. Zudem muss das Ministerium die Kosten für den Rechtsstreit tragen.

Wir werden den allergrößten Teil der 15.000 Euro damit zurück bekommen – wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière keine Berufung einlegt oder, falls er Berufung einlegt, wenn die höheren Instanzen das Urteil bestätigen.

Demokratische Teilhabe gestärkt

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes Berlin ist in jedem Fall gut für jeden Journalisten und jeden Bürger. In Zukunft werden Bürger wohl auch für größere Informationsanfragen keine horrenden Summen bezahlen müssen. Das Gericht hat die demokratische Teilhabe gestärkt.

Eine ausführliche Dokumentation unserer Recherche – und des Widerstandes des BMI – findet sich auf den Seiten des Wächterpreises. Die entscheidenden Dokumente – die Zielvereinbarungen – haben wir auf der Seite allesfuergold.de zum Download bereit gestellt.

y5b0565

von Daniel Drepper

Systematisches Anabolika-Doping beim VfB Stuttgart, eventuell auch beim SC Freiburg. Das will ein Historiker der Freiburger-Dopingkommission herausgefunden haben. In den vergangenen Wochen gab es viele Berichte zum Thema Doping im Fußball. Sogar Bundestrainer Joachim Löw äußerte sich am Samstag dazu. Wir finden: unzureichend. Deshalb haben wir aufgeschrieben, was Löw hätte sagen sollen, wäre er wirklich an Aufklärung interessiert.

Für Joachim Löw ist die Sache mit dem Doping einfach. “Im Flugzeug durfte man rauchen oder man durfte auch fahren ohne sich anzuschnallen”, sagte Löw am Samstag im aktuellen Sportstudioe des ZDF auf die Frage nach systematischem Doping im Fußball. Man habe halt ein anderes Bewusstsein gehabt. Löws Aussagen symbolisieren sehr gut den Umgang des Fußball mit der Thematik: Das ist alles lange her und meist waren es ohnehin Einzelfälle, die Kontrollen funktionieren, das Thema ist eigentlich gar keines.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Knapp fünf Minuten sprach der Bundestrainer im ZDF über Doping im Fußball und blieb erstaunlich vage. Löw hat selbst Mittel vom Freiburger Arzt Armin Klümper bekommen, er sollte Interesse an Aufklärung haben. Mit seinem Einfluss hätte er diese am Samstag anschieben können. Wir haben deshalb auf unserer Webseite fussballdoping.de aufgeschrieben, was Joachim Löw hätte antworten müssen, wäre er wirklich an Aufklärung interessiert. Die neuen Antworten sind keine Zitate, sondern von uns erfundene Antworten auf Basis von Fakten.

Auf fussballdoping.de gibt es immer wieder Infos zum Thema. Aktiv sind wir auch auf Twitter und Facebook – mit zahlreichen Links zu Berichten in anderen Medien und kleinen Zusatz-Infos. Und: Wir haben vor Kurzem zudem einen eigenen Newsletter zu Doping im Fußball eingerichtet, den Ihr auf fussballdoping.de abonnieren könnt.

screen-shot-2015-03-24-at-110220-2

Fußballdoping

Was Löw im Sportstudio hätte sagen sollen

Für Joachim Löw ist die Sache mit dem Doping einfach. "Im Flugzeug durfte man rauchen oder man durfte auch fahren ohne sich anzuschnallen", sagte Löw am Samstag im aktuellen sportstudio auf die Frage nach systematischem Doping im Fußball. Man habe halt ein anderes Bewusstsein gehabt. Knapp fünf Minuten sprach der Bundestrainer im ZDF über Doping im Fußball und blieb erstaunlich vage. Löw hat selbst Mittel vom Freiburger Arzt Armin Klümper bekommen, er sollte Interesse an Aufklärung haben. Mit seinem Einfluss hätte er diese am Samstag anschieben können.

von Daniel Drepper

Wir haben deshalb aufgeschrieben, was Joachim Löw hätte antworten müssen, wäre er wirklich an Aufklärung interessiert. Die Fragen von Moderator Jochen Breyer haben wir stehen lassen. Die neuen Antworten sind keine Zitate, sondern von uns erfundene Antworten auf Basis von Fakten. Wir unterstellen hierbei, dass Joachim Löws Aussagen im ZDF der Wahrheit entsprechen und er nichts über Dopingpraktiken weiß.

Das echte Interview von Löw am Samstag im aktuellen sportstudio gibt es im Video auf der Webseite des ZDF, um Doping geht es etwa ab Minute 20. Wir haben das Interview verschriftlicht und unten angehängt.

Jochen Breyer: Herr Löw, als Sie vor zweieinhalb Wochen gehört haben, dass zur damaligen Zeit, Ende der 70er, Anfang der 80er, in Freiburg und Stuttgart, wo Sie auch gespielt haben, gedopt wurde, Anabolika-Doping groß war – wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen? Waren Sie da geschockt?

Joachim Löw: Natürlich war ich geschockt, auch wenn ich schon lange eine Ahnung hatte, dass da noch etwas kommen wird. Ich bin froh, dass die Freiburger Justiz die Klümper-Akten freigegeben hat und wir jetzt endlich eine Chance auf Aufklärung haben. Der Fußball darf keine heilige Kuh sein, die niemand anfasst. Die wirtschaftliche Macht und die Verschlossenheit des Fußballs sollte für Journalisten und Beteiligte besonderer Ansporn sein, alles ans Licht zu holen. Normalerweise sprechen wir ja immer von schwarzen Schafen…

Breyer: Aber in diesem Fall ist ja tatsächlich jetzt…

Löw: Jaaa…

Breyer: … sind Belege aufgetaucht, dass es systematisch passiert ist bei den beiden Vereinen.

Löw: Genau. Jetzt haben wir auch endlich die Möglichkeit, diese Einzelfall-Theorie zu brechen. Es waren eben nicht nur ein paar Captagon-Tabletten – es war tatsächlich vom Verein organisiertes, finanziertes, abgesegnetes, systematisches Doping mit harten Dopingmitteln. Natürlich war ich auch das ein oder andere Mal beim Klümper. Ich hatte da ein Urvertrauen. Und dieses Urvertrauen hat der Klümper ganz offenbar missbraucht.

Breyer: Das heißt Sie haben bei da auch gar nicht nachgefragt, was da konkret gemacht wird?

Löw: Ich habe damals nicht nachgefragt – und das war ein Fehler. In den vergangenen drei Jahrzehnten habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht. Das ging früh los. 1987 ist ja Birgit Dressel an einem toxischen Schock gestorben, die Mehrkämpferin, die bei Klümper in Behandlung war und Dutzende Medikamente im Körper hatte, auch das Anabolikum Stromba. Da habe ich gedacht: Was ist hier los? Was hat der mit meinem Köper angestellt?

Ich habe auch mit Kollegen darüber gesprochen, aber wir haben uns nicht getraut, den Mund aufzumachen. Das war nicht die Zeit, in der man über Doping redet. Dann kamen die 90er und alle zeigten auf die DDR. Da war es einfach, das Problem zu verdrängen. Und dann war ich auf einmal in offizieller Funktion. Meinen Job beim DFB wollte ich auch nicht riskieren, mich als Erster aus der Deckung wagen. Gut, dass wir jetzt eine Diskussion haben, bei der wir alle offen über unsere Erfahrungen sprechen können.

Unabhängig vom Doping zeigt das Ganze für mich eines ganz deutlich: Es ist nie gut, wenn man einem Arzt blind vertraut, vor allem einem Arzt, der vom Arbeitgeber bezahlt wird. Im Fußball haben wir leider immer noch eine Art Guru-System, bei dem die Spieler selten Zweitmeinungen einholen, sich auf einen Arzt konzentrieren und alles mitmachen, was zur Leistungssteigerung beitragen sollen. Ein Beispiel ist die Methode der PRP-Behandlung. Bundesliga-Klubs entnehmen ihren Spielern Blut, konzentrieren die Blutplättchen und spritzen das Blut zurück, zur Heilung von Verletzungen. Das stand vor fünf Jahren schon einmal auf der Dopingliste und wird weiter kritisch beobachtet. Muss so etwas im Fußball angewendet werden? Ich finde nein.

Ähnlich kritisch sehe ich es, wenn Nationalmannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt unseren Spielern das Kälberblutmittel Actovegin spritzt, um die Heilung zu beschleunigen. Das ist in anderen Ländern verboten, Pharma-Experten kritisieren den Einsatz.

Und, Entschuldigung für die lange Antwort, lassen sie mich nur noch eines ansprechen: Schmerzmittel. Wir Fußballer nehmen viel zu viele Schmerzmittel. Viele Ehemalige leiden heute darunter. Spieler, die nicht mehr mit ihren Kindern joggen gehen können, zum Teil nicht einmal mehr ohne Schmerzmittel Golf spielen. Und das zieht sich bis heute. Bei der WM 2010 nahmen fast zwei Drittel der Spieler Schmerzittel. In der Bundesliga nimmt jeder dritte Spieler Schmerzmittel vor dem Spiel, sogar beim Training nehmen die Spieler das Zeug. Daran müssen wir arbeiten.

Breyer: Und wenn Sie jetzt sagen, dass Sie damals auch gar nicht genau gewusst haben, natürlich auch nicht nachgefragt haben, was ein Doktor Klümper verabreicht hat – ist dann Ihr Interesse nicht gerade groß an der Aufklärung, was damals genau passiert ist?

Löw: Natürlich will ich wissen, was mit mir damals passiert ist. Ich werde alles daran setzen, die Akten zu bekommen, um zu sehen, was mir damals gespritzt worden ist. So etwas hat ja auch Spätfolgen und ich möchte mich davor so gut es geht schützen. Das ist mein Köper und auf den lege ich schon auch wert. Wenn die Rede davon ist, dass wir systematisch gedopt worden sind, dann will ich, dass dafür jemand bestraft wird. Mayer-Vorfelder ist ja zumindest schon in dem Zusammenhang genannt worden, davon wird eine ganze Reihe Menschen gewusst haben. Diese Leute werde ich konfrontieren. Ich will auch, dass darüber geredet wird, was in den Jahren danach passiert ist. Das Doping wird ja nicht Ende der 80er Jahre abrupt aufgehört haben. Wenn jemand einmal mit Doping erfolgreich ist – lässt er dann später wieder die Finger davon? Ich glaube nicht.

Im Fußball hatten wir rund 30 Doping-Fälle in den vergangenen 20 Jahren.

Breyer: Zumindest solche, die aufgeflogen sind.

Löw: Genau. Und das nur im deutschen Fußball. Wie wir aus anderen Sportarten wissen, lassen sich nur die Dummen beim Dopen erwischen. Lance Armstrong wurde hunderte Male kontrolliert und nie kam ein positiver Dopingtest ans Licht. Warum sollte das im Fußball nicht möglich sein?

International gibt es im Fußball hunderte Dopingfälle. Und wie hoch ist die Dunkelziffer? Wir wissen von den Fuentes-Verbindungen in den Fußball, wir kennen die Doping-Prozesse gegen Juventus Turin in den 90ern. Überhaupt die italienischen Klubs, die hatten über Jahrzehnte Doping-Probleme. Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gucken: In Deutschland gibt es die Diskussionen um den Einsatz von Pervitin beim WM-Sieg 1954, die positiven Dopingtests im Halbfinale der WM 1966, die Captagon-Geständnisse der 70er und 80er, das Doping im DDR-Fußball, dazu jetzt das systematische Anabolika-Doping in westdeutschen Vereinen. Selbst im Amateurfußball gibt es Doping.

Lange gab es ja überhaupt keine Dopingkontrollen im Fußball. Warum sollte da nicht gedopt worden sein? Und der DFB reagiert extrem langsam. Auch heute ist die Kontrolldichte noch völlig unzureichend. Es gibt nur ein paar Hand voll Blutkontrollen jedes Jahr und das Budget für Dopingkontrollen im deutschen Fußball liegt bei weniger als einem Promille des Jahresumsatzes der Profiklubs. Das ist, das muss ich leider auch so sagen, beschämend.

Wirklich ernsthaft kontrolliert werden eigentlich nur die Nationalspieler. Wenn man die Kontrolldichte auf alle Ligen umrechnet, in denen getestet wird, dann müssen Spieler im Schnitt nur alle drei Jahre zur Kontrolle. Wir als DFB bestrafen unsere Spieler zudem selber, fast alle anderen Sportarten haben das Ergebnismanagement der Dopingkontrollen an die Nationale-Anti-Doping-Agentur abgegeben. Das sollten auch wir so tun.

Breyer: Abschließende Frage dazu: Die Reaktionen aus der Branche waren ja vielerorts “Doping bringt im Fußball ohnehin nichts”. Können Sie diese Reaktionen verstehen?

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie unsere Arbeit. Jetzt unterstützen!

Löw: Die Reaktionen kann ich verstehen. Die Kollegen antworten vermutlich so, weil sie die Diskussion abwürgen wollen, weil sie keine Nachfragen wollen. Das ist verständlich, aber es ist nicht richtig. Natürlich bringt Doping im Fußball etwas, und zwar ganz erheblich. Deswegen ist es ja auch so wichtig, dass wir darüber reden und die Kontrollen verbessern. Es ist eben nicht nur Anabolika zur Regeneration, zum Muskelaufbau, zur Aggressivität. Es sind auch Aufputschmittel, es sind Insulin und Wachstumsfaktoren, es ist das Blutdopingmittel EPO. Wenn Sie mit Wissenschaftlern reden, sagen die Ihnen, dass gerade im Fußball mit seinen hohen finanziellen Anreizen und seiner komplexen Belastung Doping definitiv ein Thema ist.

Breyer: Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch und für den Besuch im aktuellen sportstudio. Joachim Löw, der Bundestrainer.

Und hier die Original-Aussagen Löws in schriftlicher Form:

Jochen Breyer: Herr Löw, als Sie vor zweieinhalb Wochen gehört haben, dass zur damaligen Zeit, Ende der 70er, Anfang der 80er, in Freiburg und Stuttgart, wo Sie auch gespielt haben, gedopt wurde, Anabolika-Doping groß war – wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen? Waren Sie da geschockt?

Joachim Löw: Also sagen wir mal so, ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass ich jetzt diese ganze Geschichte bagatellisieren will. Also ich bin schon auch für eine schnelle Aufklärung, aber es ist natürlich auch ein bisschen so alles verschwommen dargestellt worden. Es sind plötzlich irgendwie Namen ins Spiel gebracht worden mit dieser Doping-Geschichte und das fand ich natürlich dann auch nicht ganz immer so in Ordnung und ich hatte dann auch manchmal das Gefühl in der Berichterstattung so man möchte so ein bisschen die heilige Kuh Fußball auch möchte man beweisen, dass es da auch Doping gab. Natürlich gibt es auch im Fußball über die vielen Jahre hinweg schwarze Schafe wie in jeder anderen Sportart, aber…

Breyer: Aber in diesem Fall ist ja tatsächlich jetzt…

Löw: Jaaa…

Breyer: … sind Belege aufgetaucht, dass es systematisch passiert ist bei den beiden Vereinen.

Löw: Es sind natürlich auch Dinge aufgetacht und deswegen bedarf es natürlich auch eine Aufklärung. Was ich persönlich sagen kann: Früher, 1970 oder 1980, als ich irgendwie 18, 19 oder 20 war, hatte man überhaupt kein Bewusstsein für Doping. Weil es gab keine Verbote und es gab auch keine Dopingkontrollen. Also das Bewusstsein war nicht vorhanden. Und es gab auch irgendwie keine Aufklärung. Es war vielleicht genauso wie im Flugzeug durfte man rauchen oder man durfte auch fahren ohne sich anzuschnallen, weil diese Regel mit Dopingkontrollen gab es nicht. Und ich bin dann auch mehrfach angesprochen worden ob ich beim Doktor Klümper war, der ja auch so ein bisschen dann in Verruf kam und natürlich war ich auch das ein oder andere Mal da. Aber mein Vertrauensvorschuss oder mein Vertrauen in diesen Berufsstand Arzt war oder ist immens groß. Also ich habe da ein Urvertrauen.

Breyer: Das heißt Sie haben bei da auch gar nicht nachgefragt, was da konkret gemacht wird?

Löw: Mit 18 oder 19 hätte ich mich natürlich nicht getraut, nachzufragen und ihm zu sagen ich möchte das vielleicht noch im Labor prüfen zu lassen, was er mir gibt. Aber für mich gibt es einen großen Unterschied: Wenn einer zum Arzt geht, wenn er gesund ist oder wenn er vielleicht auch krank oder verletzt ist. Und Doping, mit Anabolika, was man heute weiß, ist ja auch ein systematischer Prozess. Das muss ja auch mit einem Arzt abgesprochen sein. So ein Prozess geht ja auch über einige Wochen und baut sich auf. Ich zum Beispiel habe die ärztliche Hilfe in Anspruch genommen, wenn ich mal verletzt war. Von daher macht das für mich schon einen großen Unterschied.

Breyer: Und wenn Sie jetzt sagen, dass Sie damals auch gar nicht genau gewusst haben, natürlich auch nicht nachgefragt haben, was ein Doktor Klümper verabreicht hat – ist dann Ihr Interesse nicht gerade groß an der Aufklärung, was damals genau passiert ist?

Löw: Ich bin auch.. natürlich, ich bin auf jeden Fall an einer Aufklärung insgesamt interessiert.

Breyer: Glauben Sie…

Löw: Ich weiß auch nicht, ich glaube seit 1986 gibt es Dopingkontrollen im deutschen Fußball. Und eines kann ich auch sagen: Das Netz ist mittlerweile so engmaschig und so kontrolliert alles, dass es natürlich da für den Spieler überhaupt fast keine Möglichkeit mehr gibt Doping irgendwie in Anspruch zu nehmen. Wenn ich nur daran denke, wie oft wir in der Vorbereitung zu dieser WM und während der WM kontrolliert worden sind… Also, da hat ein Spieler eigentlich normalerweise keine Chance. Wir sind manchmal morgens um 7 Uhr im Trainingslager geweckt worden und zehn Spieler mussten zur Kontrolle, anderes Mal 15 Spieler, einmal die ganze Mannschaft. Das war fünf oder sechs Mal. Dazu wird bei jedem Spiel kontrolliert. Und äh… ich glaube in 30 Jahren gab es glaube ich jetzt im Fußball 26 Dopingfälle. Also der Fußball macht schon…

Breyer: Zumindest solche die…

Löw: Der Fußball macht schon wahnsinnig viel, um dieses Problem auch zu bekämpfen.

Breyer: Zumindest solche, die aufgeflogen sind.

Löw: Auf jeden ist es ganz klar, Sport muss und soll auf jeden Fall sauber bleiben und Doping hat im Sport nichts zu suchen.

Breyer: Abschließende Frage dazu: Die Reaktionen aus der Branche waren ja vielerorts “Doping bringt im Fußball ohnehin nichts”. Können Sie diese Reaktionen verstehen?

Löw: Äh Nein, die verstehe ich eigentlich nicht. Weil heute weiß man schon auch, dass gerade Anabolika nicht nur bei Einzelsportlern sondern auch im Fußball was bringen könnte, selbstverständlich. Weil äh, wenn man systematisch das betreibt dann kann man natürlich auch äh schneller reagieren man kann den Trainingsumfan und die Trainingsintensität erhöhen. Also für den Einzelnen bringt das schon was und von daher muss das natürlich auch mit allen Mitteln bekämpft werden.

Breyer: Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch und für den Besuch im aktuellen sportstuido. Joachim Löw, der Bundestrainer.

Diese Webseite ist ein Teil von CORRECTIV, dem ersten gemeinnützigen Recherchebüro in Deutschland. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen wollen, dann können Sie uns entweder etwas spenden oder gleich Mitglied in unserer Community werden. Alle finanziellen Beiträge an CORRECTIV können Sie von der Steuer absetzen.

In Zukunft müssen Behörden besser begründen, warum sie welche Gebühren für IFG-Antworten verlangen.© Ivo Mayr

Auskunftsrechte

„Untauglich“

Der Gang zum Gericht hat sich gelohnt: Nur fünf Prozent der geforderten Gebühren bleiben übrig in dem Verfahren gegen das Bundesministerium des Innern, das ich gemeinsam mit dem freien Journalisten Niklas Schenck und dem DJV geführt habe.

von Daniel Drepper

Es geht um das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) und einen Antrag zu Akten der Sportförderung. Anstelle von 14.952,20 Euro müssen Niklas und ich jetzt nur noch 736,60 Euro für unsere Einsicht in die Akten zahlen, wir bekommen also mehr als 14.000 Euro zurück.

Vor den Olympischen Spielen 2012 in London hatten Niklas und ich Einsicht in Akten der Sportförderung beantragt, darunter die berühmt-berüchtigen Zielvereinbarungen der Sportverbände. Das Ministerum hatte diesen Antrag auf 66 Einzelanträge gestückelt. Die Richter bescheinigten dem BMI nun in der diese Woche veröffentlichten Urteilsbegründung, sich in unserem Fall mit der willkürlichen Stückelung des Antrags rechtswidrig verhalten zu haben. Das Verwaltungsgericht stellt fest, dass die „Erhebung von Gebühren in Höhe von insgesamt 12.031,25 Euro nicht im Einklang mit dem Informationsfreiheitsgesetz“ steht.

„Schallende Ohrfeige“

Das ist eine Grundsatzentscheidung, die in Zukunft vielen anderen Bürgern und Journalisten helfen dürfte. Der DJV bewertet das Urteil als “schallende Ohrfeige für die Behörde.”

Das Ministerium hatte den Ende 2011 gestellten IFG-Antrag in fünf Olympiastützpunkte, 27 Sportverbände und 34 Zielvereinbarungen unterteilt und daraus 66 Einzelbegehren abgeleitet. Die Richter in Berlin machen in ihrer Begründung des Urteils vom 10. Juli 2014 deutlich: Nicht jede von der Verwaltung gefundene interne Aufteilung eignet sich als Abgrenzung von Informationsbegehren. Die 66 Themengebiete seien genauso „untauglich“, wie es z.B. die Anzahl von beantragten Jahren oder die Anzahl von betroffenen Akten gewesen wäre.

Zusätzlich zu den Gebühren hatte das BMI gegenüber den Journalisten noch Auslagen in Höhe von über 2.000 Euro für Kopien geltend gemacht. Auch diese hält das Gericht für rechtswidrig, da es an einer Rechtsgrundlage fehle, die die Erhebung von Auslagen rechtfertige.

Gebühren dürfen nicht abschrecken

In der Urteilsbegründung betonen die Richter, dass “Gebühren auch unter Berücksichtigung des Verwaltungsaufwandes so zu berechnen sind, dass der Informationszugang wirksam in Anspruch genommen werden kann.” Es darf also niemand von möglichen Gebühren abgeschreckt werden. Das Informationsfreiheitsgesetz soll allen Bürgern Zugang zu demokratischer Teilhabe ermöglichen.

Für zukünftige Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz wichtig: “Liegt nur ein Antrag vor, der sich zudem auf einen einheitlichen Lebenssachverhalt bezieht, muss deshalb gebührenmäßig von nur einem einheitlichen Informationsbegehren ausgegangen werden.” Die Botschaft: kein willkürliches Aufspalten. “Der Umstand, dass die Aufteilung sachlich vertretbar ist, ist für die Abgrenzung von Informationsbegehren nämlich untauglich”, schreibt das Gericht.

Die 66 Bescheide hatte uns das Ministerium über das Frühjahr 2012 verteilt zugeschickt, teilweise mehrere Bescheide auf einmal, in durchmischter Reihenfolge. Widerspruch musten wir für jeden Bescheid einzeln anmelden, per Fax. Teils warteten wir auf die Bescheide weit länger als ein halbes Jahr, die Widerspruchsfrist betrug dann jeweils vier Wochen. Letztlich meldeten wir für zwei Bescheide nicht rechtzeitig Widerspruch an.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!
Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

736,60 statt 0 Euro

Eine Bitte, die Widersprüche trotzdem anzuerkennen (schließlich hatten wir ja auch allen anderen 64 Bescheiden einzeln widersprochen), lehnte das BMI ab. So kommt es, dass wir schlussendlich nur gegen 64 der 66 Bescheide Widerspruch eingelegt haben und nun doch noch 736,60 zahlen müssen. Sonst hätten wir durch diese Gerichtsentscheidung jeden einzelnen Cent wiederbekommen.

Dieser kleine Fehler kostet uns zwar etwas (privates) Geld, ändert aber zum Glück nichts an der grundsätzlichen Entscheidung des Gerichtes. Das hat klar gemacht, dass die Praxis des BMI gegen geltendes Recht verstößt.

Auf Seiten von Journalisten und Bürgern

Damit ist das Verwaltungsgericht Berlin ganz auf Seiten von Journalisten und Bürgern, die nach Informationsfreiheits- oder Pressegesetzen Anfragen an Behörden stellen können. „In der jetzt vorliegenden Urteilsbegründung sagt das Gericht deutlich, dass Behörden potentielle Antragsteller nicht mit ihren Gebühren abschrecken dürfen“, erklärt Dr. Anja Zimmer, Geschäftsführerin des DJV-NRW und selbst Juristin in einer aktuellen Pressemitteilung. „Endlich wird klargestellt“, freut sie sich, „dass Gebühren so bemessen werden müssen, dass der Zugang zu Informationen auch tatsächlich genutzt werden kann.“

Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des IFG-Verfahrens hat das Verwaltungsgericht Berlin die Berufung zugelassen (AZ VG 2 K 232.13).

Auf den Seiten des Wächterpreises gibt es alle Hintergründe zu unserer Story über die Zielvereinbarungen des deutschen Sports.

Wir hatten vor gut drei Wochen über das Urteil berichtet, damals gab es jedoch noch keine Urteilsbegründung.

Die Urteilsbegründung des Verwaltungsgerichtes Berlin veröffentlichen wir nun in voller Länge.

Urteil Kosten IFG VG Berlin