Auch nach den Landtagswahlen ist die Frage der Schulzeit an weiterführenden Schulen nicht beantwortet. Im Gegenteil: Geht es nach Schwarz-Gelb sollen die Schulen selbst entscheiden, ob sie bei G8 bleiben oder zu G9 zurückkehren wollen. Das sorgt schon jetzt für Wirbel.

Sie sammeln Unterschriften, verfassen offene Briefe und machen so mobil gegen die einjährige Schulzeitverkürzung am Gymnasium. Ginge es nach den inzwischen bundesweit zehn G9-Initiativen sollen Schülerinnen und Schüler ihr Abitur bald wieder nach 13 Jahren machen können. Die „G9 jetzt NRW“-Initiative hat laut eigenen Hochrechnungen bereits 500.000 Unterschriften gesammelt, rund 500.000 weitere fehlen noch zum Volksbegehren. Dann muss die Landesregierung dem Wunsch stattgeben oder die Wahlberechtigten in Nordrhein-Westfalen fragen, was sie wollen: 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur?

Die Frage wurde bereits intensiv im Wahlkampf diskutiert. Geht es nach FDP und CDU sollen in Nordrhein-Westfalen die Schulen selbst darüber entscheiden. So versprachen es jedenfalls beide Parteien im Wahlkampf. Noch bleibt der G9-Initiative ein halbes Jahr, um die fehlenden Unterschriften zu sammeln, noch laufen die Koalitionsverhandlungen und noch ist offen, welche Partei das Schulministerium leiten wird. Und damit die Geschicke von 532.522 Schülern und 44.777 Lehrern.

Sollten die Schulen künftig über die Frage „G8 oder G9?“ entscheiden, dann befindet darüber die Schulkonferenz als oberstes Entscheidungsgremium. Deren Zusammensetzung wechsele aber jedes Schuljahr, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW. „Da ist die permanente Unruhe in der Schule vorprogrammiert.“ Auch der Philologen-Verband NRW spricht sich klar gegen so eine Regelung durch Schulen und Schulträger aus, sagt Vorstand Peter Silbernagel. „Da wird lediglich ein hoch emotionaler Streit in die Schullandschaft verlagert und dann von Kommunen, Lehrern, Schülern und Eltern geführt.“

Doch wer hat nun Recht? Wir klären die dringendsten Fragen rund um das G8-G9-Gewackel.

G8 oder G9: Treten G8-Schüler wirklich früher in den Arbeitsmarkt ein?

Nicht ganz. Ein Jahr Schule eingespart, ein Jahr jüngere Abiturienten – so könnte man denken. Schließlich ging es gerade bei G8 darum, die Schüler möglichst schnell fit zu machen für den Arbeitsmarkt. Jan Marcus, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Mathias Huebener, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), werteten die Abiturjahrgänge der Jahre 2002 bis 2013 aus und kamen zu einem überraschenden Ergebnis.

Im Schnitt reduzierte sich das Durchschnittsalter der G8-Schüler nur um zehn Monate. Das liegt vor allem an den Sitzenbleibern. „Insbesondere in der Oberstufe wiederholen Schüler“, sagt Marcus. Früher konnten Schüler, die in der elften Klasse im Ausland waren, danach in die zwölfte wechseln. Wer heute ein Schuljahr im Ausland verbringt, muss die elfte Klasse in der Regel zwei Mal machen. Ein Mal im Ausland, ein Mal in Deutschland. „Es kann aber auch strategische Gründe geben eine Klasse zu wiederholen“, sagt Marcus. „Beispielsweise um den Notenschnitt zu verbessern.“ Hinzu kommt: Weniger Schüler überspringen eine Klasse. Zu hoch sei inzwischen das Pensum, zu verdichtet der Stoff.

Am Ende bleiben acht gewonnene Monate

„Wir beobachten, dass G8-Schüler sich mehr Zeit zwischen Abitur und Studium lassen, um zu verreisen, zu jobben oder einen Freiwilligendienst aufzunehmen“, sagt Marcus. Die Folge: Bei Studienbeginn sind die G8ler nur noch achteinhalb Monate jünger als ihre G9-Kommilitonen.

Und: Sie wechseln öfter ihr Fach, weshalb sich ein Abschluss weiter nach hinten verzögert. Das geht aus einer neuen Studie hervor, die Marcus und seine Kollegin Vaishali Zambre vom DIW erst vergangene Woche veröffentlicht haben. „Viele G8-Schüler nutzen die gewonnene Zeit eher, um sich über ihre Studien- und Berufswahl klar zu werden“, sagt Marcus, „und nicht um früher mit dem Arbeiten zu beginnen.“

G8 oder G9: Haben G8-Schüler schlechtere Noten?

Nein. Die Abiturdurchschnittsnoten der Schüler haben sich durch G8 in NRW nicht verschlechtert. 2016 lagen sie bei 2,45. Seit 15 Jahren steigen die Noten mit minimalen Abweichungen: 2002 lagen sie bei 2,68 – zeigen die Daten des nordrhein-westfälischen Schulministeriums. 2013 gab es einmalig einen doppelten Abiturjahrgang mit den ersten G8-Abiturienten: Sie erreichten zusammen ebenfalls 2,45. Die G8er waren in diesem Jahre sogar minimal besser als die G9er.

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Mit Kindern von einem Bundesland ins andere zu ziehen, kann mitunter kompliziert werden.

Quelle: DIW-Wochenbericht 21/2017

G8 oder G9: Haben G8-Schüler weniger Zeit für die Freizeitgestaltung?

Ja und Nein. Die Frage ist eine der emotionalsten im Streit um G8 oder G9 – und sie lässt sich nicht eindeutig beantworten. Fakt ist, die Stundenzahl bis zum Abitur ist bundesweit festgelegt, 265 Jahreswochenstunden müssen es sein. Macht 33,1 Schulstunden pro Woche bei G8. Zum Vergleich: Bei G9 waren es nur 29,4. Nicht eingerechnet die Stunden, die Schüler zu Hause am Schreibtisch verbringen, um Hausaufgaben zu machen oder sich auf Klassenarbeiten bzw. Klausuren vorzubereiten.

Studienergebnisse ergeben kein klares Bild

Forscher der Universität Tübingen haben in einer Studie von 2015 die G8- und G9-Jahrgänge in Baden-Württemberg verglichen und stellten kaum Unterschiede bei der Freizeitgestaltung von G8- und G9-Gymnasiasten fest. Auf diese Studie beruft sich auch die ehemalige NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) im Interview mit Correctiv.Ruhr.

In anderen Bundesländern kommen die Forscher hingegen zu ganz anderen Ergebnissen. Bei einer Befragung des Münchener Doppeljahrgangs gaben die G8-Schüler an, dass die verfügbare Freizeit nicht zur Erholung ausreiche.

Und wie wirkt sich G8 auf Mitgliedschaften in Sportvereinen oder auf die Teilnahme an Schulwettbewerben aus? Schaut man sich die Mitgliederzahlen des Deutschen Olympischen Sportbunds an, ist die Anzahl der Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren seit 2000 jährlich um rund 3.000 Mitglieder gesunken. Ähnliches findet sich auch bei der Initiative „Jugend trainiert für Olympia“ – hier ist die Zahl der teilnehmenden Jugendlichen um sieben Prozent zurückgegangen. Allerdings ist allein die Zahl der 15-Jährigen zwischen 2000 und 2015 um 14,4 Prozent gesunken. Damit falle der Rückgang der Vereinsmitgliedschaften unbedeutend gering aus. Gleiches gilt für Schulwettbewerbe wie „Jugend forscht“, hier konnten die Forscher vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik ebenfalls keine Einbrüche der Teilnehmerzahlen nach der Einführung von G8 feststellen.

G8 oder G9: Zurück zu G9 – wird es jetzt teurer?

Ja, erst einmal schon. Niedersachsen ist bereits als erstes Bundesland flächendeckend zu G9 zurückgekehrt. 230 neue Lehrer sollen deshalb ab 2020 eingestellt werden, was umgerechnet rund 18,5 Millionen Euro entspricht, heißt es vonseiten des Kultusministeriums. Noch nicht eingerechnet sind die Kosten, die bei den einzelnen Kommunen auflaufen werden. Wenn etwa eine Schule, jetzt mit einem neuen Jahrgang und entsprechend mehr Schülern, zusätzlichen Platz braucht und etwa umgebaut werden muss.

Niedersachsen und Bayern stellen mehr Lehrer ein

Seit April diesen Jahres ist bekannt: Auch der Freistaat Bayern kehrt zurück zum neunjährigen Abitur. Bis der erste Jahrgang 2025 das Abitur wieder nach 13 Jahren machen kann, sollen 870 Millionen Euro an die Schulen fließen. Geld von dem aber nicht nur die Gymnasien profitieren sollen. Hier plant Bayern etwa 1.000 neue Lehrer einzustellen, allerdings erst ab 2025, wenn der erste „neue“ G9-Jahrgang seinen Abschluss macht. Langfristig dürfte die Reform deutlich teurer werden. Denn die Gehälter der Lehrer sind in den 870 Millionen Euro nicht eingerechnet.

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