Unser Experiment einer Mobilen Lokalredaktion zum Fall der gepanschten Krebsmedizin in der „Alten Apotheke“ in Bottrop endet heute. Wir haben viel gelernt und daraus fünf Forderungen entwickelt. Ein Kommentar

Nur damit wir uns richtig verstehen. Das wir unsere Mobile Lokalredaktion in Bottrop schließen, bedeutet nicht, dass wir uns vom Thema der gepanschten Krebsmittel abwenden. Nein. Wir bleiben dran. Aber: Wir werden nun von unserem Büro in Essen aus weiter arbeiten.

Ich möchte an dieser Stelle ein kleines Zwischenfazit ziehen.

Es war eine sehr wichtige Zeit für uns in Bottrop.

Wir sind den vielen Menschen zu großem Dank verpflichtet, die in unsere Redaktion gekommen sind. Sie haben uns vertrauensvoll ihre Geschichten erzählt, haben uns geholfen, aufzuklären, haben uns an ihrem Leben teilhaben lassen. Diese intensive Erfahrung hat uns alle sehr berührt.

Wir haben vieles gelernt in unserer Recherche. Und immer deutlicher kristallisieren sich nun auf Basis unserer Arbeit fünf Forderungen heraus.

Forderungen, die wir als Journalisten nicht durchsetzen – aber formulieren können.

1. Forderung: Vollständige Information

Immer noch wissen Menschen nicht Bescheid, dass sie vermutlich gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben. Die Folgen sind unerträglich in unseren Augen. Diesen Menschen wird die Chance genommen, sich juristisch zu wehren; ihnen wir die Chance genommen, sie erneut mit einem Arzt zu beraten. Sie werden dumm gehalten.

Jeder betroffene Mensch hat ein Recht auf die Information, ob er gepanschte Medikamente bekommen hat – und er muss sie bekommen. Wie er mit dem Wissen umgeht, ist seine eigene Entscheidung. Es liegt aber niemals im Ermessen einer Behörde, diese Information vorzuenthalten. Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, hat dazu gesagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.” Alle betroffenen Patienten müssen aktiv von den Behörden informiert werden.

2. Forderung: Aufklärung

Immer noch kennen wir nur in Ansätzen das wahre Ausmaß des Skandals. Auch das Behördenversagen vor und nach dem Ausbruch des Skandals ist nur in groben Zügen bekannt.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen aufgrund der gepanschten Mitten verstorben sind.

Wir wissen nicht, wo genau die Kontrollen versagten und welche gesetzlichen Regeln nicht ausreichend sind.

Wir wissen nicht, wie es zu den Fehlentscheidungen nach Ausbruch des Skandals kam. Wir sehen nur Chaos und Kompetenzwirrwarr.

Es wird Zeit für eine wissenschaftlich fundierte und kompetente Aufklärung:

  • Wir fordern eine Fallkontrollstudie: Dabei sollen die Krankheitsverläufe aller Patienten, die aus der Alten Apotheke in Bottrop beliefert wurden, mit einer gleich großen Gruppe von Menschen verglichen werden, die ein gleiches Krankheitsbild, Alter und Medikation vorweisen und nicht aus der Alten Apotheke beliefert wurden.
  • Wir fordern eine Verwaltungswissenschaftliche Studie über die Strukturen der Krebsarzneiversorgung am Beispiel der Alten Apotheke, um alle Schwachstellen in den Kontrollinstanzen herauszufinden und das Kompetenzwirrwarr zu entwirren. Dabei ist ein Augenmerk auf die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Kontrolleuren und Kontrollierten zu legen.
  • Wir fordern eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Informationspolitik der Patienten nach Auffliegen des Skandals, um Schwachstellen der Informationsversorgung zu identifizieren und für die Zukunft auszubessern. Es darf nie wieder passieren, dass sich Behörden hintereinander verstecken und Informationen vor Patienten zurückhalten, so wie es in Bottrop geschah.

3. Forderung: Verbesserte Kontrollen

Wir fordern unangekündigte Qualitätskontrollen in Apotheken, die Krebsarzneien herstellen. Derzeit kann kein Patient in Deutschland sicher sein, dass er die ausreichende Menge Wirkstoffe mit seiner Krebsmedizin erhält, niemand kann sicher sagen, dass der enthaltene Wirkstoff hochwertig und genau dosiert ist. Das lehrt uns der Fall der Bottroper Alten Apotheke. Dieser Zustand muss umgehend abgestellt werden.

4. Forderung: Schwerpunktstaatsanwaltschaft Gesundheit

Das Medizinstrafrecht ist kompliziert. Es kann nicht sein, dass sich Staatsanwaltschaften, die sich hauptsächlich mit Gewaltkriminalität oder Wirtschaftsstraftaten beschäftigen, immer wieder als Neulinge mit diesem komplexen Rechtsgebiet auseinandersetzen müssen. Stattdessen muss die Kompetenz zur Verfolgung von Gesundheitskriminalität an einer oder mehreren Stellen in NRW konzentriert und gemehrt werden. Geschieht dies nicht, verfällt nach jedem Verfahren wieder das von Staatsanwälten erworbene Wissen im Medizinstrafrecht, während die Anwälte der Täter ihr Wissen ausbauen und zu Spezialisten im Kampf gegen Strafverfolger werden.

5. Forderung: Schadensersatz

Es kann nicht sein, dass der Bottroper Alte Apotheker all das Geld behält, das er mit gepanschten Arzneien verdient hat. Wir fordern deswegen einen Täter-Opfer-Ausgleich, wie er bei anderen Verbrechen auch in materieller Sicht üblich ist. Hier dürfen die Opfer des Alten Apothekers in Bottrop nicht schlechter gestellt werden, als die Opfer anderer Schwerkrimineller. Diese Forderung bezieht sich nicht nur auf die Opfer, deren Fälle angeklagt wurden – sondern auf alle Menschen, die gepanschte Krebsmittel bekommen haben.

Das Werbemotto der Alten Apotheke in Bottrop hieß: „Weil Gesundheit ein Geschenk ist“.

Das Motto war zynisch. Gesundheit ist kein Geschenk. Sie ist das Recht eines jeden von uns. Unsere Gesundheit hängt nicht vom Wohlwollen oder Hass eines Apothekers an.

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