fakenews_emoji05_be

FakeNews, Lügenpresse und was wir tun können

Ein Essay von David Schraven

Der große Knall

Diese Geschichte beginnt mit einer Schlagzeile in den sozialen Medien: „Enthüllt: 1000-köpfiger Mob greift Polizei an und setzt Deutschlands älteste Kirche in der Neujahrsnacht in Brand“. So steht es seit dem 3. Januar 2017 im Netz, so wurde es tausendfach über Twitter und Facebook geteilt. Neben der Schlagzeile das verwaschene Bild offensichtlich feiernder arabischer Männer und eines Polizisten von hinten. Die ultrarechte US-Website „Breitbart“ hatte diese angebliche „Nachricht“ damals über ihren britischen Dienst verbreitet – in das Zielgebiet Deutschland hinein, ins Ruhrgebiet, nach Dortmund, in die ehemalige Herzkammer der Sozialdemokratie. Es handelt sich bei der Schlagzeile um eine Falschmeldung – um gezielte Desinformation, mit der Hass und Zwietracht in die deutsche Gesellschaft gebracht werden sollen.

Und tatsächlich findet sich in diesen wenigen Wörtern fast alles, was in der Diskussion um „Lügenpresse“-Vorwürfe, Fake News und Populismus wichtig ist. Sie bietet ein Schlaglicht auf die Akteure der Szene, ihre Wirkmechanismen und Bündnisse. Sie offenbart aber auch die Schwächen der klassischen Medien und ihre Hilflosigkeit in einer Debatte, in der mit unfairen Mitteln argumentiert wird. In der es nicht darum geht, möglichst genau abzubilden, was wirklich geschah – sondern die Meinungsherrschaft zu gewinnen und dafür Fakten zu verdrehen, zu täuschen und zu tricksen, um am Ende einen Gegner zu dominieren.

Zurück zur Schlagzeile und zum Bild. Warum ist es so falsch, was dort steht? Ja, es gab in der Neujahrsnacht 2017 einige Hundert Menschen in Dortmund, die auf die Straße gingen. Das ist zu Silvester nicht ungewöhnlich in Deutschland und auch nicht in Dortmund. Es trifft auch zu, dass dort etliche Menschen arabischer Herkunft waren und gefeiert haben, dass sie Alkohol tranken. Auch das ist nicht ungewöhnlich. Aber waren es 1000 Menschen, die da waren? Die Dortmunder Polizei sagt ja. Es seien rund 1000 Menschen auf dem Platz von Leeds gewesen. Und von diesen vielen Menschen haben einige nicht nur das neue Jahr gefeiert, sondern auch einen damals angekündigten Waffenstillstand in Syrien, dem Land, aus dem die meisten von ihnen geflohen sind. Das ist der Kern der Wahrheit in der Desinformation von „Breitbart“.

Das Nächste ist eine Interpretation der Fakten. „Breitbart“ spricht von einem Mob auf der Straße. Und das ist nicht grundlegend falsch. Denn es ist eine Wertung der Fakten, wenn man 1000 Menschen, die auf der Straße feiern, als Mob beschreibt. Eine Wertung, die viele Leute nachvollziehen können.

Die gezielte Desinformation beginnt erst im nächsten Baustein des Satzes. Mob „greift Polizei an“? Nein, das ist nicht passiert. Es haben keine 1000 Leute die Polizei angegriffen. Wahr ist, am Rande der Feier kam es zu kleineren Zwischenfällen. Daran waren auch einige wenige Menschen beteiligt, die vorher friedlich gefeiert hatten. Vielleicht zehn Leute, vielleicht 20, das weiß niemand – aber sicher keine 1000 Menschen. Einige Leute hätten sich mit Böllern beschmissen, heißt es im Polizeibericht. Wörtlich: „Es kam zum Teil zu unsachgemäßem Einsatz von Silvesterfeuerwerk.“ Aber: Beamte seien nicht „massiv angegangen worden“, teilte die Dortmunder Polizei mit. „Nach Einschätzung des Polizeieinsatzleiters war dies für eine Silvesternacht in Dortmund ein eher durchschnittlicher bis ruhiger Verlauf.“ Eine Polizeisprecherin sagte der „Welt“ zudem: Die Zahl der Straftaten sei im Vergleich zum Vorjahr sogar zurückgegangen. „Bei den aufgeführten Delikten war nichts Schwerwiegendes dabei.“

Der erwähnte Teilsatz – ein Mob greife Polizisten an – gibt also nicht die Wahrheit wieder, sondern spielt gezielt mit Vorurteilen und Ängsten. Die „Breitbart“-Desinformation drückt im Subtext die Furcht aus: „Wir sind nicht sicher, ein 1000-köpfiger fremdländischer Mob wagt es, die Polizei anzugreifen.“

Und dann bringt „Breitbart“ schon den nächsten Halbsatz: Der Mob „setzt Deutschlands älteste Kirche in Brand“. Auch das ist frei erfunden. In Dortmund waren nie die Römer. Im Ruhrgebiet steht deswegen auch nicht die älteste Kirche Deutschlands. Die Reinoldikirche ist in Teilen alt, ja, aber nicht älter als 1000 Jahre. Die Kirche wurde auch nicht in Brand gesteckt. Nein. Neben der Kirche stand damals ein Baugerüst, und in der Silvesternacht ist eine Rakete in dieses Baugerüst geflogen und hat dort ein Fangnetz in Brand gesteckt. Ein Feuer, das kurz aufflackerte – und dann wieder erlosch. Das war es.

Diese Passage ist also erfunden. Und es gibt auch hier einen Subtext: „Unsere Behörden sind nicht in der Lage, in unseren Städten unsere heiligen Stätten zu schützen.“

„Breitbart“ setzt noch einen drauf. Im ersten Absatz unter der Schlagzeile heißt es weiter: „Bei den Neujahrsfeiern in Dortmund zieht ein Mob von mehr als 1000 Männern mit Allahu-Akbar-Rufen durch die Stadt, greift die Polizei mit Feuerwerk an und setzt historische Kirche in Brand.“

Wichtig sind hier vor allem das Wort „Neujahrsfeiern“ und der direkte Bezug zum muslimischen Glauben: „Allahu akbar“ heißt „Gott ist der Größte“, ein Teil des muslimischen Glaubensbekenntnisses.

Mit diesen Begriffen bezieht sich „Breitbart“ zunächst auf die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2016, ein Jahr zuvor, in der es zu massenhaften sexuellen Übergriffen durch Migranten gekommen war, und verknüpft diese mit einem im Namen Allahs randalierenden Mob. Mit Muslimen, die angeblich heilige Stätten der Christen angreifen.

Es wird damit ein weiterer Subtext bedient: „Breitbart“ vermittelt den Eindruck, die anderen Medien berichteten nicht über den Dortmunder Skandal, so wie in Köln. Die „Lügenpresse“ würde beim Vertuschen helfen. Dabei haben die Zeitungen und Sender die Wahrheit enthüllt. Nur sieht diese anders aus, als „Breitbart“ behauptet.

Doch das alles spielt keine Rolle. Denn „Breitbart“ greift mit seinen Subtexten und seiner Desinformation – dass Muslime heilige Stätten in einem christlichen Land angreifen – auf ein Muster zurück, das schon Papst Urban II. im Jahr 1095 benutzte, um den ersten Kreuzzug auszurufen: „Aus Jerusalem (…) kam schlimme Nachricht (…). Ein gottfernes Volk (…) hat die Länder der dortigen Christen überfallen, durch Mord, Raub und Brand verwüstet, (…) die Kirchen Gottes entweder völlig zerstört oder für seinen Kult beschlagnahmt.“

Wie der Aufruf zum Kreuzzug wollte „Breitbart“ mit seiner Lüge Menschen gegen einen andersgläubigen Feind mobilisieren. Diesmal zur Stärkung rechtspopulistischer Positionen, die schon mit Pegida und der angeblichen „Rettung des Abendlandes“ Einzug in die deutschen Wahlkämpfe gefunden haben.

Sie glauben mir nicht?

Gut, um Sie zu überzeugen, muss ich ein wenig ausholen: Die Dortmunder Falschmeldung hatte die ultrarechte US-Plattform über ihren britischen Dienst verbreitet.

Und dieser hatte mit ähnlichen Lügen erfolgreich für den Brexit gekämpft. Im siegreichen US-Wahlkampf für Donald Trump war „Breitbart“ mit den gleichen Methoden so in Fahrt gekommen, dass die Website pünktlich zu den deutschen Bundestagswahlen überlegte, auch einen deutschen Ableger zu gründen. Um in Deutschland Einfluss zu entfalten. „Breitbart“-Chefredakteur Alex Marlow sagte, er wolle mit seinen Plänen rechtspopulistische Parteien in Europa unterstützen. Die AfD Heidelberg freute sich auf Twitter über die angekündigte politische Schützenhilfe aus den USA: „Das gibt ein Erdbeben in unserer verkrusteten Medienlandschaft.“

Wie in den USA und in England sollte die Saat des Hasses vor allem in Arbeitergegenden fruchten. Zur Erinnerung: Donald Trump gewann die Präsidentschaftswahl in den früheren demokratischen Hochburgen des sogenannten Rostgürtels, den ehemaligen Industriemetropolen der USA. Deswegen konzentrierte sich „Breitbart“ zu Beginn seiner Kampagne auch nicht auf die florierenden Gegenden in Süd- oder Norddeutschland, sondern setzte auf eine Lüge in Dortmund, einer schwächelnden Stadt im Ruhrgebiet, in der früher die SPD das Sagen hatte. Hier im Stahlgürtel Nordrhein-Westfalens sollte der Angriff ansetzen. Dafür gab es auch einen strategischen Grund. Vor der Bundestagswahl im Herbst 2017 standen in NRW erst einmal Landtagswahlen im Mai 2017 an. Hier sollte deshalb offenkundig auch der Lackmustest erfolgen, ob sich die rechtspopulistische AfD in einem sozialdemokratisch geprägten westdeutschen Flächenland durchsetzen kann. Hier kam der erste Schlag, dem viele weitere vor der Bundestagswahl folgen sollten. Und es fanden sich Bündnisse zusammen.

Tatsächlich agierte „Breitbart“ nicht allein. Wie später herauskam, wurde die Falschmeldung aus Dortmund auch über ultrarechte deutsche Websites verbreitet. Zum Beispiel brachte die rechtsradikale Website „DortmundEcho“ die Nachricht in der gleichen Tonlage wie „Breitbart“. In Österreich hatte das ultrarechte Medium „Wochenblick“ die Geschichte mit identischer Zielrichtung gespielt.

Die „Breitbart“-Lüge entfaltet ihre Kraft auf einem fruchtbaren Acker: Probleme bei den etablierten Medien, viele davon hausgemacht, sorgen für eine Entfremdung der Leser. Wirtschaftliche Umstellungen zwingen Zeitungen zu einem teils radikalen Umbau. In etlichen Städten und Gemeinden schränken Verlage ihre Arbeit ein oder, schlimmer noch, schließen ihre Blätter. In anderen Häusern wird der Mangel so schlecht verwaltet, dass eine kompetente Berichterstattung vor Ort kaum noch möglich ist. Redaktionen, Journalisten und Publikum entfremden sich voneinander. Man kennt sich nicht mehr. Dazu kommt eine sich verstetigende Glaubwürdigkeitskrise, in deren Verlauf sich erste Risse in der Beziehung zwischen Publikum und Medienmachern vertiefen.

Die populistischen Medienmacher nutzen jede sich auftuende Lücke, um ihre Desinformation in die Gesellschaft einzupflanzen und Wurzeln schlagen zu lassen.

So wird die Medienkrise zu einer gesellschaftlichen Krise.

Der Lüge vertrauen

Viele Menschen vertrauen der Lüge gern. Sie ist attraktiver als die Wahrheit, allein weil sie nicht von den „etablierten Medien“ kommt. Sie ist einfacher zu glauben, weil sie die eigenen Vorurteile bestätigt. Sie ist schneller zu konsumieren, weil sie mit Emotionen spielt. Die Früchte von Misstrauen, Angst und Hass ernten dann polarisierende, populistische Politiker, die Mehrheiten auf Basis von Abneigungen und Gefühlen organisieren, weil die klassischen Medien vor Ort immer seltener die Kraft haben, einen konstruktiven Dialog zu gestalten.

Diese Politiker sind bereit, Wahlerfolge mit Lügen zu erschwindeln. Und tatsächlich haben Populisten Chancen auf Siege, denn die demokratische Aufklärung bleibt zu oft in der Medienkrise stecken. Viele Argumente, Fakten und Sichtweisen können nicht mehr das Publikum der Populisten erreichen.

Die Gesellschaft verliert ihre Kraft, den „Lügenpresse“-Vorwürfen zu begegnen. Sie weiß noch nicht, wie sie Desinformation entkräften und Selbstheilungskräfte aktivieren kann.

Um einen Ausweg aus dieser Krise zu finden, müssen wir die Dinge ordnen. Wir müssen Probleme beschreiben und erklären, wie Lösungen aussehen können.

In diesem Text werden wir über die Entfremdung nachdenken, über die Kraft der Fake News und ihrer Wirkungsweisen, über die Mechaniken der Medienindustrie und wie sie ausgenutzt werden. Und wir werden über eine Lösungsstrategie sprechen, die am Ende der Krise eine größere Demokratisierung der Gesellschaft ermöglicht.

Aber fangen wir von vorn an.

Die Entfremdung

Wir müssen zum Beispiel unseren Blick auf die „WAZ“-Redaktion in Essen richten. Noch immer ist die „WAZ“ in dieser Revierstadt die stärkste Zeitung. Hier ist ihr wichtigster lokaler Markt. Ein großer Teil der angestammten Leserschaft kommt aus dem Essener Norden, einer ärmeren Gegend, in der die durchschnittliche Lebensqualität geringer ist als im reichen Süden. Hier gibt es weniger hippe Cafés und Restaurants als etwa im wohlhabenden Rüttenscheid. Im Norden ist der Ausländeranteil hoch, und die Straßen sind oft verschmutzt. Die Menschen treffen sich auf dem Wochenmarkt und auf den Fußballplätzen. Die Siedlungen haben Renovierungsbedarf, und in etlichen Ladenlokalen kleben Zettel: „Zu vermieten“.

Im Essener Norden liegen die Viertel, in denen am besten zu erkennen ist, wie sich die Gesellschaft in Deutschland verändert. Hier war die lange dominierende SPD nicht mehr in der Lage, die Community zusammenzuhalten. Hier konnte die AfD mit Guido Reil einen Betriebsrat und Bergmann aus den Reihen der Genossen herausbrechen und als eigenen Kandidaten aufbauen. Guido Reil hält im Essener Norden regelmäßig in der Kneipe „Alt Carnap“ Hof. Etliche Menschen kommen hier zu ihm, trinken ein Bier mit dem heutigen AfD-Mann, quatschen, vertrauen ihm.

Auch weil Reil in der Kneipe Dinge anspricht, die in der „WAZ“ lange nicht laut angesprochen wurden. Zum Beispiel, als es vor einigen Jahren um Neueröffnungen von Flüchtlingsheimen im Norden ging. Wo mehr entstehen sollten als im Süden. Erst als der Ärger überschwappte, stieg die „WAZ“ breit in die Berichterstattung auch kritisch ein.

Ein Grund, warum Themen aus dem Norden an der Lokalzeitung „WAZ“ vorübergehen können, ist einfach erklärt: Die Zeitung hat kaum noch Redakteure im Essener Norden, die mitkriegen, was die Menschen vor Ort wirklich bewegt. Die Lebenswelten sind getrennt. Etliche Mitarbeiter der „WAZ“ wohnen im Süden oder im hippen Rüttenscheid, in der Essener Version des Prenzlauer Berges. Beim Abendessen sprechen sie mit ihrer Familie über andere Probleme in ihren Kindergärten als die Menschen im Norden. Sie reden am Rand des Fußballspiels ihrer Söhne über andere Probleme als die Menschen im Norden. Sie haben andere Ängste um ihre Töchter. Es geht nicht um die Drogendealer an der U-Bahn-Haltestelle Altenessen. Nicht um Dreck am Kanal. Oder vermüllte Straßen, Häuser, Gärten. Die Redakteure der „WAZ“ leben meist abgeschottet von den Armen, getrennt von Arbeitern, getrennt von den Gossen. Sie sprechen oft nicht mal mehr die gleiche Sprache. Denn die Soziolekte im Essener Norden entwickeln sich genauso wie die Lebenswirklichkeiten anders als im Essener Süden. „Dat“ ist nicht gleich „Das“.

Für einige Redakteure ist der Essener Norden eine Region, in die man mit dem Auto fährt, um einen Gesprächspartner zu treffen und dann darüber zu schreiben. Eine Art Helikopterlandeplatz, wie für Auslandsreporter das Einsatzgebiet. Kein Ort, an dem man gern seine Kinder großziehen möchte.

In der Folge finden sich in der „WAZ“ im Norden wenig emotional besetzte Themen, die nah an den Menschen sind. Stattdessen wird viel über Themen berichtet, die von den lokalen Eliten kommen, von Politikern und Unternehmern. Von Menschen eben, die noch Kontakt in die Redaktionen haben. Nicht von den Arbeitern vor Ort, die diesen Kontakt verloren haben.

Damit wir uns richtig verstehen: Diese Entfremdung ist kein „WAZ“-exklusives Problem in Essen. Dieses Beispiel lässt sich in vielen Redaktionen in ganz Deutschland ähnlich beschreiben. Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“, sagt dann auch: „Eine gewisse Überheblichkeit und eine Mein-Bauchgefühl-reicht-mir-Mentalität hat in der Branche dazu geführt, dass fast 40 Prozent der Leserinnen und Leser nach einer Studie der Uni Mainz das Gefühl haben, wir berichten nicht angemessen und umfassend über das, was sie im Alltag erleben.“

Dieses Misstrauen ist ein durch Studien belegter Fakt. Jeder Fünfte sagt, Themen, die ihm wichtig sind, werden von den Medien nicht ernst genommen. Redaktionen schreiben an den Menschen vorbei. Die Lokalmedien verlieren Relevanz im Leben der Bürger. Damit können sie auch kaum noch dabei helfen, lösungsorientierte Debatten vor Ort zu führen. Sie schweben im luftleeren Raum. Am Ende kündigen enttäuschte Leser Abos, die wirtschaftliche Grundlage der Medien erodiert, Redakteure werden entlassen, es wird noch weniger über das Leben im Lokalen berichtet, noch mehr Themen fallen weg, noch mehr Leute kündigen. Ein Teufelskreis.

Vor allem, weil es auch nicht stimmt, dass die Menschen mit der Aufgabe ihrer Lokalzeitung auch das Lesen einstellen würden. Stattdessen konsumieren sie Nachrichten aus alternativen Quellen. Nach einer Erhebung, die CORRECTIV zusammen mit der Landesanstalt für Medien in NRW schon 2016 durchgeführt hat, konnten über 150 Angebote im Netz allein aus Nordrhein-Westfalen nachgewiesen werden, die journalistische oder protojournalistische Lokalinhalte anbieten, sei es als Facebook-Gruppe oder als Blog.

Die Nachfrage ist da – und sie findet ein lokales Angebot. Immer.

Leider ist die Qualität der Beiträge nicht immer ausreichend. Oft fehlen Faktenchecks in der Netzöffentlichkeit, und es werden Gerüchte statt Tatsachen transportiert. Zu oft wird Meinung frei mit Informationen kombiniert. In der Mischung aus Lokalöffentlichkeit und Bürgerempörung entsteht so das größte Einfallstor für gezielte Desinformation.

Vor allem viele schlecht moderierte Facebook-Gruppen werden immer wieder genutzt, um Botschaften im Sinne der Populisten zu verbreiten.

Ungezählt sind die Fälle, in denen im CORRECTIV-Faktencheck Falschmeldungen auffallen über angeblich von Flüchtlingen vergewaltige Frauen in Stadtparks, über die in den Lokalzeitungen angeblich nichts stand. Die mehr oder wenig offen transportierte Botschaft der Desinformation über die sozialen Gruppen: Die Politik habe den Zeitungen verboten, über Straftaten von Flüchtlingen zu berichten. Oder die Lokalmedien verschwiegen die Vergewaltigungen, weil die Gewalttaten nicht in ihr Weltbild passten. Misstrauen in die bestehenden Strukturen und Institutionen wird gesät. Stattdessen setzen die Verbreiter der Desinformation auf bestehende Vertrauensketten. Auf den Freund eines Freundes, der bei der Polizei sei und der genau wisse, dass sich die Vergewaltigung ereignet habe. Und die Bekannten der Freunde des Freundes teilen die Desinformation dann einfach weiter. Weil sie der Vertrauenskette mehr Glauben schenken als den Lokalmedien und den Institutionen.

Widerspruch gegen die Desinformation ist in diesen lokalen Vertrauensketten nicht einfach und dementsprechend nicht häufig. Der Empfänger kennt den Absender vom Schützenfest, vom Stadtfest, vom Kindergarten, von der Schule. Und warum sollte der Feuerwehrmann oder der Schützenbruder einen seiner Nachbarn belügen, den Pastor, den Lehrer, den Polizisten? Die Infiltration der lokalen Gruppen ist das größte Ziel der Fake-News-Verbreiter. Denn wenn eine vertrauenswürdige Person eine Falschnachricht verbreitet hat, ist sie vor Ort kaum noch aus der Welt zu schaffen. Und als großer Zusatznutzen wird auch noch die Arbeit der örtlichen Lokalmedien nachhaltig desavouiert.

Weiter zu Teil 2:

Fake News & Lügenpresse:

Die Veranstaltungsserie

Das Vertrauen in die klassischen Nachrichtenvermittler schwindet. Bei einigen Menschen gilt der Ausdruck „Mainstream-Medien“ schon als Hinweis auf Falschmeldungen. Nach Einschätzungen von Soziologen, wie dem Leiter der Forschungsgruppe Zivilgesellschaft am Wissenschaftszentrum Berlin, Dieter Rucht, glauben bis zu 20 Prozent der Menschen in diesem Land nicht mehr den Meldungen aus Zeitung und Rundfunk

Warum ist das so? Drückt der Vorwurf „Lügenpresse“ wirklich nur eine gesellschaftliche Stimmung aus? Oder geht das Misstrauen viel tiefer?

Wir wollen mit lokalen Medien und Lesern vor Ort über dieses Thema diskutieren. Dazu haben wir eine Veranstaltungsreihe entwickelt: „FakeNews und Lügenpresse – Wir wollen reden“Mit dieser Serie wollen wir dabei helfen, Vertrauen aufzubauen oder sogar zurückzugewinnen. Wenn Sie mit uns gemeinsam eine Veranstaltung in dieser Reihe organisieren wollen, sprechen Sie uns gerne an: info (at) correctiv.org

Vergangene Veranstaltungen

Klappen Sie die Liste auf, um die vergangenen Veranstaltungen zu sehen.
 Offene Fakencheckredaktion / Essen  23. – 26.05.2019  Crowdcheck offene Faktencheck-Redaktion
 Desinformation vor der EU-Wahl / Essen  23.05.2019  CORRECTIV Buchladen
 Schauspiel / Dortmund  17.05.2019  Schauspiel Dortmund
 Dtsch-Indisches Mediennetzwerk / Essen  15.05.2019  Deutsch-Indisches Mediennetzwerk e.V.
 Desinformation vor der EU-Wahl / Essen  14.05.2019  Literaturviertel Essen
 Desinformation von Rechts / Steele  02.05.2019  Steele bleibt Bund
 Tag des Buches / Essen 26.04.2019  Proust Essen
 FES / Bitterfeld 23.04.2019  Friedrich Ebert Stiftung
 EU-Vertretung / Berlin 12.04.2019  EU Vertretung
 IDW Wissenschaft / Bochum 03.04.2019  Bochum
 Literaturviertel / Essen 21.03.2019  CORRECTIV Buchladen
 Wikimedia / Berlin 12.03.2019  Wikimedia
 Fake News Erkennen / Leipzig 05.04.2019  ARD Freienkongress Leipzig
 Desinformation erkennen / Berlin 04.03.2019  Auswärtiges Amt
 KAS Medienkompetenz / Berlin 01.03.2019  Konrad Adenauer Stiftung
 Fake News Training / Berlin 27.02.2019  CORRECTIV
 Fake News Training / Essen 27.02.2019  CORRECTIV
 Fake News Workshop / Essen 14.02.2019  Ruhrbarone
 StuRa / Universität Heidelberg 06.12.2018  StuRa Uni Heidelberg
 UDK / Berlin 02.12.2018  UdK Berlin
 AStA Uni / Rostock 15.11.2018  AStA Uni Rostock
 Louis-Baare-Berufskolleg / Bochum 13.11.2018  Louis-Baare-Berufskolleg
 AStA Uni / Kassel 12.11.2018  AStA Uni Kassel
 Ernst-Berlach-Gymnasium / Unna 07.11.2018  Ernst-Berlach-Gymnasium
 Journalistischer Faktencheck / D’dorf 05.11.2018  Landtag NRW
 NRW-Forum / Düsseldorf 24.09.2018  NRW-Forum Düsseldorf
 AStA Uni / Wuppertal 18.06.2018  AStA Uni Wuppertal
 AStA Uni / Bochum 07.06.2018  AStA Uni Bochum
 Fake News Workshop / Wiesbaden 06.06.2018  Asta Uni Wiesbaden
 Cafe & Bar zuhause / rtwh Aachen 06.06.2018  rtwh Aachen
 MIR Salon / Gelsenkirchen 05.06.2018  Stiftung Musiktheater im Revier
 Literaturviertel / Essen 09.04.2018  Buchladen Essen
 Club Speicher 7 – AStA Uni / Mannheim 28.02.2018  AStA Uni Mannheim
 Forum Tiberius / Dresden 27.02.2018   Forum Tiberius
 Zeit Bildung / Berlin 30.11.2017  Zeit Bildung
 Kulturcafé AStA Uni / Mainz 28.11.2017  AStA Uni Mainz
 BIS Saal Uni / Oldenburg 02.11.2017  AStA Uni Oldenburg
 Bar „Büro“ AStA Uni / Regensburg 17.10.2017  AStA Uni Regensburg
 Mephisto Universität / Leipzig 02.06.2017  Mephisto
 FNS / Mainz 29.05.2017  Friedrich-Naumann-Stiftung
 Böhme Zeitung / Soltau 30.03.2017  Böhme Zeitung
 Dumont Medien Gruppe, KStA /Köln   07.03.2017  Dumont Medien Gruppe

 

Teil 2:

Ausschluss von Menschengruppen

Die beschriebene Entfremdung zwischen dem Publikum und den Lokalmedien ist aber natürlich nicht nur auf den Einfluss gezielter Desinformation zurückzuführen. Die Fake-News-Verbreiter nutzen nur Risse in den Beziehungen zwischen Medien und Publikum aus, die bereits da sind. Sie vertiefen das Misstrauen.

Dabei geht es um ganze gesellschaftliche Gruppen, die gegeneinander aufgehetzt werden können. Eine der Ursachen ist die mangelhafte Integration und Diversität in den Redaktionen der Lokalmedien.

Viel zu selten bemühen sich Medien, Menschen mit Migrationshintergrund oder aus verschiedenen sozialen Schichten in ihre Redaktionen holen, um dort genau das zu tun, was dort auch alle anderen tun: Informationen sammeln, aufbereiten und verbreiten.

Oft erscheinen Menschen mit anderer Hautfarbe oder einem gemischten sozialen Hintergrund in den Redaktionen wie Alibis. Sie sind da, damit nichts grundlegend in den Redaktionen geändert werden muss. Die Häuser lassen sich nicht auf das Neue ein, sondern assimilieren das Fremde, machen es sich zu eigen. Sprich: Der Mensch mit dem fremden Nachnamen macht das, was alle anderen auch machen. Er wird einfach angepasst.

Richtig wäre aber der andere Weg. In der Demokratie wie in einer Redaktion sollte das Wesen des Anderen akzeptiert werden. Es müsste darum gehen, die Themen der fremden Gruppen, Communitys und Schichten in den Redaktionen abzubilden und zu diskutieren. In der Redaktion also einen Diskursraum zu schaffen, in dem die Gedanken der verschiedenen Menschen besprochen werden können, solange sie auf demokratischem Boden bleiben, ohne etwas auf- oder abzuwerten. Ein Medium also für eine große Gemeinschaft.

Leider haben viele Medien diesen Anspruch hinter sich gelassen.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Im Lokalen können sich Zeitungen und Radios oft den Diskursraum aus Geldmangel nicht mehr leisten. Die Anzeigen für Autos, Immobilien und Kontakt sind genauso abgewandert wie die dicken Beilagen von MediaMarkt, Aldi oder Karstadt mit der Zeit verschwinden. Die Konsequenzen sind weniger Redakteure, Auflagenverluste und weitere Personaleinsparungen. Die Redaktionen versuchen, das Zentrum zu sichern, berichten für ihre eigene Schicht, ihre eigene Peer-Group. Die Geschichten für junge Familien, für Arbeitslose, für Migranten, für Alleinerziehende werden nicht geschrieben – allenfalls wird über diese Personengruppen geschrieben.

In regionalen oder nationalen Medien ersetzt oft Zielgruppendenken den breiten demokratischen Austausch. Nicht die Debatte an sich ist wichtig, sondern das passgenaue Bedienen der vorgefertigten Meinungen des eigenen Publikums. Die Interaktion mit den Lesern und Hörern über Kommentare und soziale Medien bestätigt diesen Trend. Man möchte zu oft Beifall aus der gewünschten Richtung, um die eigene Position am Markt zu stärken. Die Vielfalt der Gedanken wird schon vor der Redaktionskonferenz eingeschränkt – mit Blick auf die Wünsche des eigenen Publikums.

Diese Arbeitsweise kann wirtschaftlich viel Sinn ergeben und Medien stärken. Gleichzeitig werden aber so in etlichen Regionen ganze Bevölkerungsgruppen als Subjekte der Berichterstattung ausgeschlossen – mit entsprechenden Konsequenzen für die demokratische Entwicklung.

Ein Beispiel aus Bottrop im Ruhrgebiet: Über einen Zeitraum von sechs Wochen haben wir in einer Tageszeitung vor Ort nachgesehen, wie viele Geschichten erschienen sind, die eine türkischsprachige Familie im ärmeren Bottroper Süden interessieren könnte. Ergebnis: kaum eine. Wenn überhaupt wurde ein lokaler Unternehmer mit türkischen Wurzeln porträtiert.

Was wären aber Geschichten für die türkischstämmige Community gewesen, die Relevanz gehabt hätten? Die klassischen Lokalzeitungsgeschichten vor Ort. Warum ist eine Baustelle mitten in einer türkisch dominierten Siedlung nach Monaten noch nicht fertig geworden? Wo können sich Jugendliche im Ramadan in ihrer Freizeit ohne Konsumzwang treffen? Gibt es Angebote für Frauen mit Kindern und Kopftuch? Wieso wurde der Imam in der Moschee vor Ort abgelöst? Gibt es Streit zwischen Erdoğan-Anhängern und -Kritikern um einen Musikabend im örtlichen Café? Welche Veranstaltungen organisiert die Gemeinde? Und so weiter.

Warum wurden diese Geschichten alle nicht gemacht? Vermutlich, weil die lokale Zeitung keine Redakteure oder freien Autoren mit einem familiären Hintergrund in den betroffenen Stadtteilen hat. Sprich: Die Lokalzeitung weiß einfach nicht, was vor Ort passiert. Die Integration der Leser scheitert an der fehlenden Integration von Autoren ins lokale Blatt.

Ähnlich sieht es bei Themen für junge Familien aus oder bei Themen für Jugendliche. In den Testwochen fand sich einfach kaum etwas Relevantes für diese Gruppen im Lokalblatt.

Wenn aber ganze Gruppen keinen Zugang zum Lokalmedium haben, warum sollen sie ihm vertrauen? Wenn sie stattdessen Informationen über soziale Medien konsumieren, werden sie dort auf die Vertrauensketten stoßen, über die später auch Desinformationen zu ihnen strömen können.

Interessanterweise ist die Diskrepanz zwischen vielen Medien und ihrem Publikum mittlerweile so groß, dass die Redaktionen nicht einmal merken, dass Teile ihrer früheren Leserschaft lokal sehr relevante Diskussionen in den sozialen Medien führen – und nicht mehr in den Räumen, die das Medium zur Verfügung stellt. Ganze Gruppen sind dort abgebildet, von denen die Redaktionen keine Ahnung haben. Sei es, weil die Redakteure nicht mit sozialen Medien vertraut sind, oder weil sie im Netz genauso wie in ihrem Medium nur in ihrer eigenen sozialen Schicht verkehren. Ein Beispiel ist die Debatte um Shisha-Bars in der Stadt. Ob sie geschlossen oder geöffnet werden – und welche angeblichen Steuerstraftaten die Barbetreiber eigentlich begangen haben sollen, wenn die Razzien anrollen. Kaum ein Wort dazu in der Lokalzeitung.

Ein weiteres Beispiel für eine Mediendebatte, die nur in der eigenen sozialen Schicht fruchtet, ist die Diskussion um die Frage, ob man gendergerecht mit dem Sternchen * Artikel unterfüttert. In diesem Fall lautet die Theorie der Befürworter, dass mit der Sprache der Medienmacher eine Geisteshaltung transportiert wird, die aktiv zur Gleichberechtigung beitragen kann. Sprich: Mit dem Gendersternchen soll der Schreiber geschlechtsneutral Frauen, Männer und Menschen ansprechen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen. Es heißt nicht mehr Teilnehmer einer Sitzung, sondern Teilnehmer*innen.

Bei dieser nach innen, in die eigene soziale Gruppe, gerichteten Debatte wird um Zustimmung der eigenen Geistesgeschwister gebuhlt. Jeder, der sich nicht mit dem Gendersternchen identifizieren kann, wird aus der Debatte ausgeschlossen. Und schließlich auch verprellt. Es geht nicht um das Bemühen, einen Konsens mit Menschen zu erreichen, die eine andere Geisteshaltung haben, sondern um die Disziplinierung der eigenen sozialen Gruppe und um die Abgrenzung von anderen sozialen Gemeinschaften.

Mehr noch: Die geschriebene Sprache wird von den Autoren bewusst als Machtmittel benutzt, um die eigene Ideologie durchzusetzen, nach der Gleichberechtigung nur eintreten kann, wenn man alle Geschlechter gleichzeitig in einem Artikel anspricht. Die Sprache wird zur Erziehung des Lesers verwendet. Das missfällt natürlich jedem, der nicht von seinem Medium erzogen werden will oder einen anderen Ansatz in der Gleichberechtigung verfolgt.

Diesen Weg der Abgrenzung gehen derzeit einige Redaktionen in Deutschland. Sie grenzen ihre eigene soziale Zielgruppe gegenüber anderen Gruppen ab. Sie fördern damit die Polarisierung, indem sie Ideologie Vorrang geben vor Einfachheit und Zugänglichkeit. Der Anspruch ist nicht mehr, möglichst alle Menschen zu erreichen, sondern die Menschen, die erreicht werden, als sozial gleichgesinnte Zielgruppe zu definieren und zu befriedigen.

Der Sender-Empfänger-Effekt

Die Entwicklung der Medien ist rasant. Waren bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich Varianten von Sender-Empfänger-Beziehungen üblich, haben wir heute Beziehungen, in denen Sender und Empfänger nahezu beliebig ihre Rollen tauschen können.

Ich möchte das erläutern.

In klassischen Abonnementzeitungen, in Radios und TV-Sendungen senden die Redakteure ausgewählte Nachrichten an ihre Konsumenten. Leserkommentare oder Lesermeinungen werden gefiltert, bevor sie zur Verfügung gestellt werden.

Heute haben alle Menschen in etlichen Kanälen die Möglichkeit, eigene Nachrichten zu produzieren, eigene Kommentierungen zu geben und selbst Meinungen von Dritten einzuholen und weiterzuverbreiten.

Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“, sagt: „Jeder kann heute Sender sein, Publisher und Journalist. Jeder kann sein eigenes Programm machen und ein Millionenpublikum erreichen. Das ist nicht vergleichbar mit professionellem Journalismus, aber vielen jüngeren Nutzern reichen die persönlichen ‚Influencer‘ in ihrem Bekannten- und Freundeskreis als ‚Nachrichtenquelle‘ aus. Darauf hat die Branche zu spät reagiert. Das heißt nicht, dass Journalismus als Handwerk heute anders funktionieren soll, aber wir müssen unsere Inhalte kanalneutral denken und produzieren und neugierig auf diese neuen digitalen Wege zugehen. Experimentierfreudigkeit hat uns lange gefehlt.“

Es ist eine Spirale, die sich immer weiterdreht. Die Berichte der Influencer werden von den klassischen Sendern aufgenommen und weiterverbreitet, von neuen Empfänger zitiert und weiterentwickelt. Dabei bilden sich entlang der bereits oben erwähnten Vertrauensketten ganze Resonanzräume, in denen sich die Sender-Empfänger gegenseitig verstärken. Bis zu der Konsequenz hin, dass sich ganze Räume von den klassischen Nachrichtenkanälen abspalten. Die sogenannte Filterbubble oder der Echoraum. Es reicht den Konsumenten aus, in diesen Räumen informiert zu werden. Sie glauben, alles schon von allein zu erfahren, was für sie relevant ist, weil sie sich in den Vertrauensketten bewegen. Weil ihnen ein Freund vom Freund schon sagen wird, was wichtig ist, was sie aufregt, was sie antreibt.

Dabei ist zu beachten, dass die Beziehungen in den neuen Vertrauensketten stabiler sind als alle Beziehungen im klassischen Sender-Empfänger-Verhältnis.

Zum Medium findet der Leser Vertrauen, weil es ihn einmal, zweimal, dreimal zuverlässig informiert hat – eine Falschmeldung kann das Vertrauen wieder zerstören.

Einem Freund in der Vertrauenskette glaube ich, weil ich ihn vom Fußballplatz oder als zuverlässigen Kollegen kenne, weil er der Polizist aus der Nachbarschaft ist, weil es meine Patentante, mein Bruder ist. Warum sollen mich diese Menschen belügen? Das sind Leute, denen ich zur Not mein Leben anvertrauen würde. Und selbst wenn die mich einmal falsch informiert haben, ist das kein Grund, ihnen nicht mehr zu vertrauen. Es sind immer noch meine Freunde. Prof. Markus Ziener von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) schreibt in seinem Aufsatz „Wohlfühlen im Echoraum“, dass wir am liebsten Nachrichten konsumieren, die unserem Weltbild entsprechen. Einem Weltbild, das wir mit unseren Freunden teilen. „Warum dieses System so gut funktioniert? Weil der Mensch nichts so sehr hasst wie kognitive Schieflagen, den Zweifel, das Infragestellen der eigenen Position. Er fühlt sich am wohlsten, wenn er sich – eben wie in einem Echoraum – mit seiner Meinung in guter Gesellschaft, in einer gefühlten Mehrheit glaubt.“

Viele Vertreter der klassischen Medien versuchen, die alten Beziehungen zu verteidigen. Sie sehen sich als Türhüter für gute und verlässliche Informationen im alten Sender-Empfänger-Verhältnis. Den neuen Vertrauensketten begegnen sie mit Misstrauen. Sie ignorieren die Kommunikation von unten oder, schlimmer noch, werten Leserschreiber öffentlich ab.

Die Folge ist fatal: Es bildet sich eine neue mediale Öffentlichkeit heraus, die eigene Echokammern bedient, oft aber auch weit über diese Echokammern hinauswirken kann und die misstrauisch gegenüber den verschiedenen klassischen Akteuren ist. Die neue mediale Öffentlichkeit ist zwar vielfältiger als jemals zuvor. Aber: Sie ist auch unqualifizierter als jemals zuvor.

Die Mechaniken und das Misstrauen in dieser neuen Öffentlichkeit werden vielfältig politisch ausgenutzt. Etwa durch die Verbreitung von Fake News und das Negieren erwiesener Fakten. Hier zeigen sich Risse in der Gesellschaft, die durch gezielte Falschinformationen vertieft werden können. Das Gift der Desinformation zieht in die neuen Vertrauensketten ein und kann in der letzten Konsequenz Communitys kippen.

Für die Arbeit in den Medien stellt diese Dynamik eine große Herausforderung dar. So müssen die Medien selbst neue Vertrauensketten aufbauen, indem sie selbst zu Akteuren und Gesichtern in der neuen Öffentlichkeit werden. Zugleich müssen die Menschen allgemein gebildet werden, um Mechaniken der medialen Kommunikation zu verstehen. Akteure der klassischen Medienindustrie müssen das Denken von „Wir und die“ überwinden. Sie müssen ihr professionelles journalistisches Wissen und ihr Handwerk an möglichst viele interessierte Bürger weiterreichen, damit diese zu einer Art von Redakteuren in ihren Resonanzräumen werden können. Nur so kann die Arbeit der klassischen und sozialen Medien auf Dauer durchschaubar und können Versuche der Desinformation erkennbar gemacht werden. Nur so kann dauerhaft Vertrauen in die gewandelten Medien neu errungen werden.

Der Leser von morgen ist mehr als ein Empfänger. Er ist ein Moderator einer redaktionellen Gesellschaft, ein mündiger Bürger, der die Kommunikationswege seiner Gemeinschaft versteht. Nur mithilfe dieser mündigen Bürger kann eine auch weiterhin funktionierende Öffentlichkeit unter den neuen Bedingungen gewährleistet werden, die den Ausgleich der Meinungen garantiert. Nur so kann unsere demokratische Gesellschaft auf Dauer gesichert werden.

Weiter zu Teil 3:

Teil 3:

Warum Fake News so gut funktionieren

Nicht nur in der Beziehung der Medien zum Bürger tun sich Risse auf. Die Haltung „Wir gegen die“ ist im Verhältnis etlicher Bürger zu Institutionen unserer Gesellschaft zu finden. Sei es im Verhältnis zur Politik, in der die Makler des gesellschaftlichen Konsenses Vertrauen verlieren, oder zu den Säulen unserer Gesellschaft, wie Kirchen oder Gewerkschaften, deren Funktionären pauschal Korruption und Eigensinn unterstellt werden.

Die betroffenen Bürger sehen sich im Recht, wenn sie Institutionen misstrauen. Über ihre Vertrauensketten in den sozialen Medien erhalten sie eine negative Nachricht nach der anderen. Wie Wellen stoßen die negativen Botschaften in regelmäßigen und immer kürzer werdenden Abständen auf die Dämme unserer Gesellschaft. Dabei werden diese negativen Fluten von den beiden zentralen Geschäftsmodellen der sozialen Medien verstärkt und nicht abgeschwächt.

Zunächst ist da der Wunsch der sozialen Medien, die Nutzer möglichst lange in den Plattformen zu halten. Dies gelingt am besten, wenn Nachrichten emotionalisiert werden. Zorn, Empörung und Katastrophe sind wichtig, ebenso Liebe, Zuneigung und Erfolg.

So werden Bilder von Autounfällen in Asien in Newsfeeds genauso eingespeist wie Katzenbilder.

Und die Botschaft, auf die ein Nutzer am stärksten reagiert, wird mit der Zeit immer häufiger eingeblendet, bis der Nutzer nahezu nur noch von einer Botschaft umgeben ist. Wenn zum Beispiel ein Missbrauchsskandal eine große Rolle im emotionalen Leben eines Menschen spielt, wird er nur kurze Zeit später fast nur noch von Missbrauchsskandalen in den sozialen Medien hören. Er wird den Eindruck gewinnen, die Welt bestehe nur noch aus sich ablösenden Missbrauchsskandalen.

Ähnliches passiert, wenn jemand auf Videos von russischen Trinkern reagiert. Innerhalb von wenigen Wochen wird er glauben, die Videoserien der sozialen Medien würden nur noch aus sich prügelnden Asozialen bestehen.

Die Resonanzräume in den sozialen Medien verschieben sich mit dem emotionalen Leben der Menschen. Sie sehen nicht, was relevant ist für ihr Leben oder ihre Entscheidungen, sie nehmen wahr, was ihre Emotionen triggert.

Anders formuliert: Wer auf Flutkatastrophen reagiert, wird in den sozialen Medien eher Bilder eines Tsunamis von 2011 sehen als eine Meldung über seine bevorstehende Rentenkürzung im nächsten Monat.

Jeanette Hofmann vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft an der Freien Universität Berlin (FU) spricht von der Entstehung persönlicher Öffentlichkeiten, in denen Informationen nicht nach ihrem journalistischen Nachrichtenwert sortiert werden, sondern nach ihrer errechneten Relevanz für den Einzelnen.

Diese Dynamik kann leicht missbraucht werden. Denn sie wird vom zweiten grundlegenden Mechanismus der sozialen Medien noch verstärkt: dem Geschäft mit den Emotionen.

Soziale Medien leben von ihren Nutzern. Für sie kann Werbung eingeblendet werden. Und diese Werbeplätze können verkauft werden.

In den Anzeigenabteilungen der sozialen Medien kann jedermann zielgruppengenau Werbeplätze in den emotionalen Newsfeeds der Menschen buchen. Dabei kann die Gruppe nach Wunsch auf Geschlechter, Interessen, Regionen und Religionen, auf Alter und Konsumverhalten hin angepasst werden. Weiter kann jeder diese Anzeigen durch Tests in Mikrozielgruppen perfektionieren. Das klappt bei Turnschuhverkäufern so gut, dass diese Anzeigen fast die Anzeigen im klassischen Mediengeschäft verdrängt haben.

Nur wer sich wirklich für neue Turnschuhe interessiert, bekommt auch Turnschuhanzeigen eingeblendet.

Dieser Milliardenmarkt von zielgruppengenauer Adressierung von Werbung macht die sozialen Medien reich. Das ist der Kern des Geschäftsmodells der sozialen Medien. Es geht dort nicht mehr darum, das Verhalten von Massen durch Marketingmaßnahmen zu verändern, sondern das Verhalten eines einzelnen Menschen zu beeinflussen. Er soll den Turnschuh kaufen. Jaron Lanier schreibt in seinem Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“, die Feeds würden immer weiter perfektioniert werden, um das Verhalten der Nutzer leichter beeinflussen zu können. „Dein Verhalten ist zu einem Produkt gemacht worden.“

Die Menschen werden nicht durch ein mediales Lagerfeuer zusammengeführt, sondern segmentiert, auseinanderdividiert und vereinzelt. Bereits vorhandene Risse in westlichen Gesellschaften werden vertieft.

Und das ist ein breites Einfallstor für jeden, der angreifen will.

Weiter zu Teil 4:

Exkurs: Stefan Ottlitz über neues Vertrauen

Stefan Plöchinger / Foto: Olaf Ballnus
Stefan Plöchinger / Foto: Olaf Ballnus

Stefan Ottlitz ist seit Januar 2018 in der Unternehmensleitung der Spiegel-Gruppe verantwortlich für die Produktentwicklung. Er kümmert sich um die Bereiche Produktmanagement, Herstellung und IT sowie das TechLab.Stefan Ottlitz gilt als Verkörperung des Hoodie-Journalismus. Als sinnbildlicher Vertreter einer Generation von Journalisten, die mit alten Regeln bricht. In der Süddeutschen Zeitung begann er seine Laufbahn als Lokalreporter. Nach Stationen bei der „Abendzeitung“, der „Financial Times Deutschland“ und bei SPIEGEL ONLINE stieg er in die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ ein. Dort war er lange Jahre für die digitalen Projekte verantwortlich.

Steffan Ottlitz ist einer der klügsten Köpfe, der über die Zukunft der Medien in Deutschland nachdenkt.

Was ist die Hauptursache für Vertrauensverluste in den Medien?
Die gibt es nicht, solche Phänomene sind komplexe Gebilde. Misstrauen in Medien gab es schon immer, gegenüber manchen Titeln mehr, gegenüber anderen weniger — dass sich dieses Misstrauen nun aber über digitale Vernetzung zum einen leichter transportiert, zum anderen schlicht sichtbarer wird, ist ein neuer Einflussfaktor. Dass Medien heute mehr Fehler machen als früher, dafür sähe ich wenig Indizien; im Gegenteil werden Missstände durch mehr Feedbackkanäle fixer entdeckt und diskutiert. Was auf manche Leser nicht eben vertrauensfördernd wirkt, auch wenn es das tun könnte. Dass Medien heute politischer agieren als früher und Kampagnen fahren, auch das hat man einigen Titeln schon früher unterstellt, teils zurecht, teils zu unrecht; ich sehe da vor allem eine größere Wucht, die Kritiker einzelner Titel oder Gegner des Mediensystems durch Vernetzung entfalten können: Ein Kampagnenvorwurf ist heute schnell konstruiert und noch schneller massenhaft verbreitet. Ich denke, wir stecken in einer Phase der Verwirrung, in der sich solche Wirkungen überlagen und wir noch nicht genau sagen können, was wir da eigentlich sehen. Nicht angenehm, und vielleicht wird das auch zu einem Dauerzustand, aber ich scheue vor Klarstdiagnosen darum zurück.

Was ist die größte Veränderung in der Publikumsentwicklung – wie entstehen die Verluste?
Die Verluste im Einzelverkauf und bei den Print-Abos? Ganz klar durch veränderte Lesegewohnheiten und durch neue digitale Aufmerksamkeitskonkurrenz; das sind die mit Abstand dominierenden Faktoren. Ausgeglichen werden sie durch enorme digitale Reichweiten, die die früheren Druckauflagen erst mal bei weitem überflügeln, nur leider nicht so gut monetarisieren — bisher, aber die Abo-Modelle machen da durchaus Hoffnung. Im übrigen auch Hoffnung darauf, dass es in der eher flüchtigen digitalen Welt ausreichend loyale Leser für starke, klare Medienmarken gibt, die ihr Vertrauen nicht verloren haben, im Gegenteil, im Dickicht des neuen Informations-Ökosystems… Das zeigt uns die Marktforschung, das sagen uns Leserinnen und Leser, und das zeigen uns digitale Auflagen.

Was war die wichtigste hausgemachte Ursache, dass bei manchen Menschen ein Vorwurf wie Lügenpresse verfing?
Auch hier: Grautöne, bitte. Man lernt doch, wenn man sich mit seinen Leserinnen und Lesern wirklich befasst, dass keine zwei gleich sind. Egal in welchem Job ich in den vergangenen 20 Jahren war, das Bild war immer divers: Der eine stört sich an einigen Argumenten in einem Kommentar, der andere wirft der Redaktion eine problematische Blattlinie zu einem bestimmten Thema vor, bei dem er sich auskennt, und so weiter — und das sind gar nicht zwingend jene Menschen, die seit Jahren „Lügenpresse“ rufen, auch wenn sich dieses Wort inzwischen ein bisschen verselbstständigt hat, genau wie „Fake News“. Beide Begriffe sind unscharf und die Vorwürfe, die sich dahinter im Einzelfall verbergen, differenziert zu betrachten. Manchmal haben Leser einen Punkt, manchmal nicht, vor allem aber: In den allermeisten Fällen löst Kommunikation die Konfliktthemen langsam auf. Wenn man es nicht mit ideologisierten Mediengegnern zu tun hat, sondern einfach mit kritischen Leserinnen und Lesern, die man sich ja wünscht, dann lernen im Dialog oft beide voneinander. Und digital gehen Transparenz, Dialog und damit Vertrauensbildung ja noch leichter als früher.

Was war die wichtigste externe Ursache, das Vorwürfe wie Lügenpresse erhoben wurden?
Entstanden ist der Begriff — wie andere Wut- und Angst-Motive der vergangenen Jahre — in einer Mischung aus realen und surrealen Phobien, einem Sich-Abgehängtfühlen und einer politischen Nützlichmachung durch Ideologisierung, befeuert durch digitale Möglichkeiten. In den extremen Fällen steckt dahinter jene Form von Populismus, die nichts Gutes im Sinn hat (was einige Populisten in der Geschichte durchaus hatten), sondern auf eigene Vorteile durch soziale Polarisierung zielt.

Wie kann man Vertrauensverlusten am effektivsten begegnen?
Durch Nüchternheit und Nachvollziehbarkeit in seiner Argumentation, durch Offenheit und Transparenz bei Kritik, kurz, durch ein normales Gespräch unter rationalen Menschen, das immer hilft, wenn es Missverständnisse oder Misskommunikation geben kann. Im Zweifel Aufklärungsarbeit. Alles nicht neu, die passenden Regeln dazu gab es schon in meinem ersten Job: Leserbriefe zum Beispiel werden beantwortet, basta.

Wie kann man Publikum neu entwickeln? Was sind die wichtigsten zwei Maßnahmen?
Durch Journalismus der ganz klassischen Art, den Leserinnen und Lesern verbunden, kundig und aufklärend. Davon bin ich gerade auch als Produktmensch überzeugt, der nicht mehr in der Redaktion arbeitet.

Teil 4:

Wir gegen die

Beispielsweise ist erwiesen, dass russische Geheimdienstoffiziere die Mechaniken der sozialen Medien ausgenutzt haben, um zielgruppengenau Desinformationskampagnen zu starten. Bei Ermittlungen durch Untersuchungsausschüsse in den USA und Großbritannien konnte enthüllt werden, dass russische Akteure Werbung über Facebook kauften, um Hass und Zwietracht zu säen. In einem Fall brachten die Russen im Jahr 2016 gleichzeitig eine Demo gegen ein islamisches Zentrum sowie eine Gegendemo von Antifaschisten in Houston/Texas auf die Straße, wie die „New York Times“ in ihrem Bericht „The Plot to Subvert an Election“ enthüllte. Nach einem anderen Bericht der „New York Times“ („Operation Infection“) suchen täglich Tausende russische Geheimdienstagenten und ihre Helfer nach wirkungsvollen Fake News, die westlichen Gesellschaften schaden können. Sie publizieren für und gegen Feminismus. Für und gegen Migranten. Für und gegen Flüchtlinge. Das Wichtigste bei dieser Serienproduktion von inszenierten Falschnachrichten ist immer das Gleiche: Menschen sollen sich aneinander aufreiben. Sie sollen anfangen, sich zu hassen, und ein gesellschaftlicher Diskurs soll unmöglich werden.

Die beschriebenen Bemühungen der Russen werden von heimischen Kräften aufgegriffen. In Deutschland kann CORRECTIV seit Jahren beobachten, wie immer wieder gerade rechte Seiten wie „Ein Prozent“ oder „Philosophia Perennis“  in sozialen Medien Fake News verbreiten, mit denen sie Hass säen. Teilweise stützen sich diese Medien auf Desinformationen russischer Herkunft oder erfinden eigene. Es spielt für diese Medien keine große Rolle, woher die falsche Information stammt, solange sie in das eigene Nachrichtenschema passt.

Es wird ein „Wir gegen die“-Schema durch Meldungen erfüllt, die angeblich in den Mainstream-Medien nicht vorkommen.

Das „Wir“ sind in diesem Fall die Menschen, die mit dem Verbreiter der Fake News einer Meinung sind. Das „die“ sind alle anderen, die sich für den Erhalt und den Ausbau der Demokratie einsetzen.

Reichweiten werden durch Hass nach oben getrieben.

Interessanterweise lenken seit einiger Zeit auch andere rechtsextreme Kaderschmieden aus den USA wie das Middle East Forum Mittel nach Deutschland um, um hier Fake-News-Websites zu unterstützen. So erhält die Seite „JouWatch“ aus Meißen Geld in unbekannter Höhe aus den USA. Das Middle East Forum war ursprünglich gegründet worden, um die Konflikte mit dem Iran anzuheizen. Nach einem strategischen Schwenk werden nun auch Kräfte in Europa unterstützt, die sich islamfeindlich äußern und mithilfe von Fake News Politik machen.

Aber auch andere politisch extreme Meinungsmacher nutzen die Risse aus, die sich in den sozialen Medien auftun, um polarisierende Kampagnen zu fahren, die auf dem „Wir gegen die“-Schema aufbauen. Im Skandal um Cambridge Media kam beispielsweise heraus, dass Millionen von Datensätzen missbraucht worden sind, um die Social-Media-Kampagne von Donald Trump zu befeuern. Einer der Wahlkampfhelfer von Donald Trump, Vincent Harris von der Agentur Harris Media, setzte sich im deutschen Bundestagswahlkampf 2017 für die AfD ein. Politische Werbung wurde emotionalisiert und zielgruppengenau über soziale Medien platziert. Der demokratische Austausch von Argumenten wird in diesen „Wir gegen die“-Diskursen systematisch zersetzt. Es geht nur noch um Schwarz und Weiß, jeder Kompromiss ist in diesen Diskursen ein Verrat an der eigenen Position und Zielgruppe.

Die „Wir gegen die“-Haltung wird durch die auf Emotionalisierung basierenden Geschäftsmodelle der sozialen Medien befeuert. Nur wer extrem ist, hat Erfolge, wird gehört und erzielt Reichweiten.

Nicht zuletzt aus diesem Grund konnte ein YouTube-Video von Rezo unter dem Titel „Jetzt reichts! Die Zerstörung der CDU“ im Europawahlkampf zum Erfolg werden. Der extreme Titel lenkte die Aufmerksamkeit auf den Meinungsbeitrag. Die Argumente selbst wurden dabei gut belegt vorgetragen. Die Zuspitzung in der Tradition der polarisierenden Social Media diente allein dem Ausbau der Reichweite durch Provokation.

Denn so funktioniert Diskurs in den sozialen Medien. Extrem, zugespitzt, provokant, polarisierend. Immer um Aufmerksamkeit buhlend.

Weiter zu Teil 5:

Exkurs: Henrik Müller über Wege aus der Krise

Henrik Müller / TU Dortmund

Professor Henrik Müller unterrichtet am Institut für Journalistik der TU-Dortmund. Er ist Autor der Studie: „Fighting Europe’s Crisis with Innovative Media: A Modest Proposal“. Henrik Müller forscht über die Zusammenhänge von Demokratie und Medienfreiheit.

Herr Müller, was ist die Hauptursache für Vertrauensverluste in den Medien?
Der Vertrauensverlust in journalistische Medien ist insbesondere in jenen Ländern groß, wo es ein generelles Misstrauen in Institutionen gibt. Das ist gerade in Südeuropa der Fall, aber auch beispielsweise in Großbritannien, wie etwa die Eurobarometer-Umfragen zeigen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich würde drei herausgreifen: der erstens Schock der Finanzkrise von 2008 und ihre Folgen, zweitens die ungleichgewichtige wirtschaftliche und soziale Entwicklung – boomende Städte und darbendes Land. Dazu kommt, drittens, ein tiefgreifender Strukturwandel der Öffentlichkeiten: Klassischer Qualitätsjournalismus hat die Deutungshoheit verloren. Er steht in Konkurrenz zu diversen anderen Deutungsangeboten, insbesondere auf den Kanälen der Sozialen Medien, aber auch neuen „alternativen Medien“. Die Bürger können nicht mehr klar unterscheiden zwischen Wahr und Unwahr. Was Realität ist und was Fiktion – oder gar Lüge, Propaganda, Fake News –, verschwimmt in der Wahrnehmung. In Deutschland ist diese Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten – was daran liegt, dass die drei oben genannten Faktoren bei uns nicht so stark ausgeprägt sind. Die Finanzkrise war bei uns rasch überwunden; der Stadt-Land-Gegensatz ist nicht so gravierend; und das klassische Mediensystem ist noch ziemlich robust. Aber auch bei uns gibt es nennenswerte Minderheiten, die dem Journalismus die Glaubwürdigkeit absprechen.

Was ist die größte Veränderung in der Publikumsentwicklung – wie entstehen die Auflagen- und Aufmerksamkeitsverluste?
Die Anzahl der Medien, die um die begrenzte Zeit der Bürger konkurrieren, hat dramatisch zugenommen. Und dabei handelt es sich nur selten um seriöse Informationen zu den wirklich relevanten Themen. Wir sind zugeschüttet mit Netflix-Serien, Games, Katzenvideos, Trivialem, Seichtem und Irrelevantem. Es gibt jede Menge Angebote, die unsere Aufmerksamkeit vom Relevanten, vom Politischen ablenken, also letztlich von den Fragen, die uns als Gesellschaft beschäftigen sollten. Sich zu informieren und sich eine fundierte Meinung zu bilden, ist mühsam. Dafür muss man lesen, denken, hinterfragen, zweifeln. Offenkundig weichen Menschen diesen Mühen systematisch aus – und zwar obwohl die Bildungsniveaus gestiegen sind, obwohl wir im Schnitt heute viel mehr Zeit haben als früher und obwohl echte, harte Informationen so leicht verfügbar sind wie nie zuvor.

Was war die wichtigste hausgemachte Ursache, dass bei manchen Menschen ein Vorwurf wie Lügenpresse verfing?
Journalismus sollte der Gesellschaft widerspiegeln, wer sie ist, wohin sie sich entwickelt, was ihre gegenwärtigen Probleme sind und wie sie gelöst werden könnten. Und zwar möglichst vorurteilsfrei und faktenbasiert. Was wir stattdessen erleben, sind emotionalisierte Medienhypes, die in immer rascherer Frequenz die Öffentlichkeit erregen. Diese Hypes verlaufen erstaunlich gleichförmig. Und sie werden meist nicht vom Journalismus selbst nach tiefer Recherche und Analyse ausgelöst, sondern überwiegend von politischen Akteuren. Dazu zählen längst nicht mehr nur Parteipolitiker, staatliche Institutionen oder Wirtschaftslobbyisten, sondern auch Aktivisten jedweder Couleur. Von der Anti-TTIP-Kampagne über Pegida bis zu den Fridays for Future – es ist immer der gleiche Mechanismus: Der Journalismus springt auf ein Thema auf, das die Sozialen Medien bewegt und das möglichst auch noch Bilder liefert. Anstatt ein eigenständiges, klares, skeptisches Porträt der Gegenwart zu zeichnen, folgen viele Medien dem gerade laufenden Hype und verstärken ihn dadurch. Ein Thema, das gerade im Schwange ist, entfaltet eine enorme Sogwirkung: Praktisch jedes Medium schließt sich dem Berichterstattungstrend an. Dafür gibt es medienökonomische Gründe. Aber es ist auch nicht verwunderlich, dass dabei Vertrauen in den Journalismus als unabhängiger Instanz der Realitätsbeschreibung verlorengeht.

Was war die wichtigste externe Ursache, das Vorwürfe wie Lügenpresse erhoben wurden?
Das ist ein wirklich schlimmer Begriff… Aber: schwierige Frage. Die Flüchtlingskrise von 2015/16, die angeblich zu unkritisch gegenüber dem Zuzug von hunderttausenden Menschen war, wird ja oft als Ursache genannt. Ich bin mir da nicht so sicher. In einer gerade veröffentlichten Studie* haben wir festgestellt, dass die Berichterstattung überregionaler Zeitungen in den Jahren 2015/16 ziemlich ausgewogen war und unbeeindruckt von xenophoben Affekten. Allerdings sehen wir auch, dass es einen breiten Mainstream in der Berichterstattung gab. Ich denke, das Problem geht tiefer. Viele Menschen haben offenkundig die Erwartung, von Massenmedien beachtet zu werden. Denn das ist die Erfahrung, die sie in Sozialen Medien machen: Sie werden individuell beachtet. Wenn sie sich selbst und ihresgleichen samt ihren Vorurteilen nicht in der Berichterstattung wiederfinden, haben sie das Gefühl, der Journalismus sei unwahr, weil sie selbst darin nicht vorkommen. Als soziales Phänomen ist das hochproblematisch, weil dadurch das Gefühl verlorengeht, einer Gesellschaft anzugehören, die Gemeinsamkeiten teilt.

Wie können Medienmachen den Vertrauensverlusten am effektivsten begegnen?
Durch guten Journalismus: eigenständige Themenfindung, tiefe Recherche, kluge Analyse, auch durch ein konsistentes und transparentes eigenes Wertesystem, das die jeweilige Medienmarke unverwechselbar macht. Wegweisend ist aus meiner Sicht in dieser Hinsicht der Economist. Journalismus braucht einen eigenen Standpunkt, aber er muss bereit sein, diesen Standpunkt immer wieder kritisch zu hinterfragen, wenn sich die beobachtbare Realität ändert. Ein Journalismus, der sich unreflektiert Themen und Meinungstrends von außen vorgeben lässt, verliert seine Unabhängigkeit und womöglich auch seine Existenzberechtigung. Journalisten sollten Hypes hinterfragen, Narrative an Fakten messen, Missstände aufdecken, Eliten zur Rechenschaft ziehen. Journalismus muss Gegen-den-Strich-bürsten – und zwar gut begründet. Klar, dafür brauchen Redaktionen eine Menge Geld, denn diese Art von Journalismus ist teuer. Und: Eine fundierte Bildung und Ausbildung von Journalisten ist wichtiger denn je.


* Gerret von Nordheim, Henrik Müller, Michael Scheppe: Young, free and biased: A comparison of mainstream and right-wing media coverage of the 2015–16 refugee crisis in German newspapers, Journal of Alternative and Community 42, vol. 4 (2019), S. 38-56; Download

Teil 5:

Die Einflüsse des Beeinflussungsapparates

 

Die Medien haben mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen als den oben beschriebenen Herausforderungen in den sozialen Medien.

Stefan Ottlitz gilt als Verkörperung des Hoodie-Journalismus. Als sinnbildlicher Vertreter einer Generation von Journalisten, die mit alten Regeln bricht, weil sie im Kapuzenpullover zur Arbeit kommt – und nicht im Anzug. In der „Süddeutschen Zeitung“ begann Ottlitz seine Laufbahn als Lokalreporter. Heute ist er in der Unternehmensleitung der „Spiegel“-Gruppe verantwortlich für die Produktentwicklung. Ottlitz sieht Medienmacher einigen neuen Herausforderungen ausgesetzt: „Misstrauen in Medien gab es schon immer, gegenüber manchen Titeln mehr, gegenüber anderen weniger – dass sich dieses Misstrauen nun aber über digitale Vernetzung zum einen leichter transportiert, zum anderen schlicht sichtbarer wird, ist ein neuer Einflussfaktor.“

Sprich: Die Leute, die Nachrichten misstrauen, schließen sich zusammen. Erzeugen eigene Resonanzräume und starten Kampagnen. Mit dieser Macht schaffen sie den „Lügenpresse“-Vorwurf, der in Gruppen verfängt, die sowieso schon etablierten Medien misstraut haben.

Ottlitz: „Ich sehe da vor allem eine größere Wucht, die Kritiker einzelner Titel oder Gegner des Mediensystems durch Vernetzung entfalten können: Ein Kampagnenvorwurf ist heute schnell konstruiert und noch schneller massenhaft verbreitet.“

Selbst die sich entwickelnde Fehlerkultur in der deutschen Medienlandschaft verschärft das Misstrauen in den genannten Kreisen. Ottlitz sagt: „Dass Medien heute mehr Fehler machen als früher, dafür sehe ich wenig Indizien; im Gegenteil werden Missstände durch mehr Feedbackkanäle fixer entdeckt und diskutiert. Was auf manche Leser nicht eben vertrauensfördernd wirkt, auch wenn es das tun könnte.“

Neben diesen äußeren Einflüssen sind Medien und Medienmacher einigen Einflüssen ausgesetzt, die ihnen selbst innewohnen – und die es Leuten unter Umständen leicht machen, „Lügenpresse“-Vorwürfe zu erheben. Weil sie auf dem fußen, was uns alle als Menschen ausmacht. Wie wir Nachrichten wahrnehmen und weitergeben. Denn grundsätzlich befriedigen Medien und Medienmacher nichts anderes als das Grundbedürfnis aller Menschen, sich auszutauschen und miteinander zu reden. Medien sind Teil der Gesellschaft und werden von Menschen gemacht. Sie stehen nicht außen vor. Sie wollen dazu auch noch Geld verdienen, Diskussionen führen, Reichweiten generieren und nach Aufmerksamkeit haschen.

Brooke Gladstone und Josh Neufeld haben die Einflüsse, unter denen die Massenmedien stehen, wunderbar in ihrem Buch erklärt: „Der Beeinflussungsapparat: Wie Massenmedien funktionieren, wie sie unsere Gesellschaft manipulieren und wie wir dazu beitragen“. CORRECTIV hat das Buch in Deutschland herausgegeben.

Wir wollen hier kurz die wichtigsten Einflüsse durchgehen, um zu verstehen, wo die Argumente herkommen, mit denen Vorwürfe gegen Medien befeuert werden.

Zum Beispiel beschreiben Gladstone und Neufeld den Businesseinfluss. Medien suchen den Konflikt, weil sich Zeitungen schlicht besser verkaufen, wenn sie über Konflikte berichten. Denn Menschen werden einfach nicht zum Kauf einer Zeitung bewegt, wenn sie das Berichtete für alltäglich und friedlich, und damit für langweilig erachten. Das Normale ist der Schleier, der sich über alle Dinge legt, damit wir sie einordnen und schließlich ignorieren können. Die englische Schriftstellerin und Journalistin George Eliot sagte schon im 19. Jahrhundert: Wenn wir nicht das ignorieren könnten, was das gewöhnliche menschliche Leben ausmacht, würden wir einfach ob des „Tosens des Normalen” zugrunde gehen. Ein neuer Konflikt ist dann das Außergewöhnliche, das unsere Aufmerksamkeit direkt auf sich zieht. Weil er das Blitzen in dem Grauschleier unseres Lebens ist.

Mit anderen Worten: Die erste Kneipenschlägerei in einer Innenstadt wird auf der Titelseite der Lokalzeitung erscheinen. Die zehnte Auseinandersetzung im Innenteil, die tausendste wird nicht mehr erwähnt. Die körperliche Kommunikation ist dann Normalität in dem Grauschleier um uns herum geworden. Wir haben uns an die Gewalt gewöhnt.

Oft wird der beschriebene Businesseinfluss auch vom Bad-News-Einfluss befeuert. Der Mensch schaut sofort auf alles, was ihn im entferntesten Sinne bedroht. Wir sind so, weil wir Fluchttiere sind. Brennt etwas? Müssen wir kämpfen oder abhauen? Aus diesem Grund bekommen schlechte Nachrichten mehr Aufmerksamkeit als gute Nachrichten. Aus diesem Grund bringen Zeitungen diese Nachrichten lieber. Sie erscheinen wichtiger. Ernsthafter. Deswegen sieht die Welt aber auch immer ein wenig gefährlicher aus, als sie tatsächlich ist, wenn man sie durch die Brille der Medien betrachtet.

Weiter zu Teil 6:

Teil 6:

Vor diesem Hintergrund erscheint der Status-quo-Einfluss widersprüchlich. Aber er ist genauso da. Denn als Menschen wollen wir vor allen Dingen, dass alles grundsätzlich so bleibt, wie es ist. Dass wir Arbeit haben, ein Haus und genug zu essen. Wir sind deswegen grundsätzlich erst einmal gegen alles, was neu ist – gerade, weil wir immer erst aufmerken, um zu verstehen, ob uns das Neue bedroht. Wir sind erst aufgeschlossen, wenn uns der Wandel einen großen Gewinn verspricht bei möglichst geringem Risiko. Aus diesem Grund lehnen auch viele Medien erst mal alles ab, was einen radikalen Wandel erfordert. Das Publikum würde ein solches Medium nicht haben wollen und es nicht ernst nehmen. Aus diesem Grund haben es auch Diskussionen um die Klimakrise so schwer. Denn wir alle glauben, dass unser System, wie wir leben, bei allen Problemen vom Grundsatz her klappt.

Der visuelle Einfluss schließlich ist auf die Medien tatsächlich dramatisch. Auch dieser hat seinen Ursprung in uns Menschen selbst. Wir glauben, was wir sehen. Wenn wir es nur lesen, können wir es leichter ignorieren. Nachrichten mit einem optischen Anker werden deswegen größer und auffälliger in den Medien platziert und eher wahrgenommen. Das Ibiza-Video über den österreichischen Politiker Heinz-Christian Strache hatte deswegen eine so breite Wirkung, weil wir alle zusehen konnten, wie der rechte FPÖ-Politiker sein Land verkaufen wollte. Wir konnten nicht ignorieren, wie ein Minister vor aller Augen zeigt, wie korrupt er ist.

Weiter ist die Struktur einer Geschichte selbst ein Einfluss, der auf die Medien wirkt und darauf, wie sie unsere Welt zeigen. Tatsächlich ist die erhoffte Struktur einer Geschichte dazu geeignet, unsere Umgebung anders darzustellen, als sie tatsächlich ist. Wir wollen als Menschen nämlich, dass jede Story so ist wie ein Märchen. Dann erst hören wir zu. Sie soll einen Anfang haben, ein Ende und einen Höhepunkt. Sie soll ein Mindestmaß an Dramaturgie haben. Damit wir dem Helden folgen können und der Prinzessin. Leider wollen wir diese Struktur auch erleben, wenn die Wirklichkeit kein Ende bietet und keinen Anfang. Wenn es eine Entwicklung ist, die fortschreitet, unsicher bleibt und ohne Konsequenzen. In diesem Fall versuchen Medien oft, Geschichten in eine Struktur zu zwängen, die künstliche Zwischenpunkte setzt. So entstehen verstörende Themenkarrieren, die das Publikum am Ende ratlos zurücklassen und das Vertrauen in Medien untergraben. So macht Schokolade zuerst glücklich, dann unglücklich, dann verursacht sie Akne, dann hilft sie gegen Akne, dann ist sie gut für das Herz und kurz später schlecht.

Das Problem ist: Hat das Publikum über die Medien erst mal eine Struktur für eine Geschichte angenommen, die ihm gefällt, wird es sehr böse, wenn diese Struktur wieder geändert werden muss, etwa weil neue Erkenntnisse gewonnen wurden. Das Vertrauen in die Medien sinkt weiter. Dabei war es das Publikum selbst, das ursprünglich eine feste Struktur für die Geschichte gefordert hat.

Die beiden letzten wichtigen systematischen Einflüsse auf die Medien haben vor allem mit den Journalisten in den Medienwelten selbst zu tun. In der Vergangenheit spielte beispielsweise der Superfair-Einfluss eine große Rolle. Medienmacher wollten sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie berücksichtigten nicht die Gegenseite zu einer Darstellung. So wurden in Berichten über die Klimakrise immer wieder die wenigen Wissenschaftler zitiert, die noch behaupteten, es gebe keine Klimakrise. Obwohl sie in der Wissenschaftswelt absolute Randpositionen vertraten, waren sie dadurch überproportional an der Meinungsbildung über die Maßnahmen zur Klimakrise beteiligt. Schlossen die Reporter die Klimaskeptiker aus ihrer Berichterstattung aus, setzten sie sich auch vor dem Publikum dem Vorwurf aus, nicht umfassend alle Positionen zu referieren. Ein Teufelskreis.

Eher selbst gemacht ist der Zugangseinfluss. Denn es ist vor allem in der Lokalberichterstattung auch wahr, dass viele Journalisten Angst davor haben, den Zugang zu mächtigen Menschen zu verlieren, wenn sie Tatsachen berichten, die den Mächtigen missfallen könnten. Reporter hängen mit den Mächtigen oft zusammen, treffen sie, reden mit ihnen. Sie sind Quellen ihrer Geschichten und sorgen unter anderem für das Einkommen einiger Reporter, indem sie die Geschichten liefern, die die Reporter verkaufen können. Sich mit einem Mächtigen anzulegen kann bedeuten, dass diese Quellen versiegen. Dazu kommt das Stockholm-Syndrom. Reporter empfinden, dass sie im selben Boot wie die Mächtigen sitzen, und wollen die Position der Mächtigen erklären. Das Problem bei diesem Einfluss: Er kann auch als Vorwurf gegen die Medienmacher benutzt werden, wenn das Gegenteil zutrifft: wenn sie kritisch sind und auf den Zugang zu den Mächtigen pfeifen. Der Vorwurf, zu nah an der Macht zu sein, funktioniert beim Publikum nämlich auch, wenn er einfach behauptet wird. Und das passiert sehr oft. Gerade von den Fake-News-Verbreitern wird er immer wieder benutzt, um Medien einzuschüchtern oder zu diskreditieren. Nach einer Studie der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität glaubt mittlerweile jeder vierte Bundesbürger: „Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren.“

Eine der Hauptursachen für Vertrauensverluste liegt nach Ansicht von Professor Henrik Müller von der TU Dortmund in „einem tief greifenden Strukturwandel der Öffentlichkeiten: Klassischer Qualitätsjournalismus hat die Deutungshoheit verloren. Er steht in Konkurrenz zu diversen anderen Deutungsangeboten, insbesondere auf den Kanälen der sozialen Medien, aber auch neuen ‚alternativen Medien‘. Die Bürger können nicht mehr klar unterscheiden zwischen Wahr und Unwahr. Was Realität ist und was Fiktion – oder gar Lüge, Propaganda, Fake News –, verschwimmt in der Wahrnehmung.“

Professor Müller hat die Arbeit „Fighting Europe’s Crisis with Innovative Media: A Modest Proposal“ geschrieben. Er sagt, bei allen Schwierigkeiten, die in der Medienlandschaft Deutschlands herrschten, sei hierzulande noch nicht alles verloren. „Der Vertrauensverlust in journalistische Medien ist insbesondere in jenen Ländern groß, wo es ein generelles Misstrauen in Institutionen gibt. Das ist gerade in Südeuropa der Fall, aber auch beispielsweise in Großbritannien, wie etwa die Eurobarometer-Umfragen zeigen.“

In Deutschland sei der Verfall des Vertrauens in die Medien aber noch nicht so weit fortgeschritten – „was daran liegt, dass die Finanzkrise bei uns rasch überwunden war; der Stadt-Land-Gegensatz nicht so gravierend ist; und das klassische Mediensystem noch ziemlich robust. Aber auch bei uns gibt es nennenswerte Minderheiten, die dem Journalismus die Glaubwürdigkeit absprechen.“

Die grundlegende Kritik

Den Journalismus der Zukunft stellen diese inneren und äußeren Einflüsse vor große Herausforderungen. Die alten Wege, Recherchen zu platzieren, funktionieren immer schlechter. Durch Kritik wird nicht immer eine Besserung ausgelöst, sondern oft genug das Gegenteil erreicht. Die Gesellschaft wird insgesamt nicht durch die Offenlegung eines Missstandes in den Institutionen gestärkt, sondern geschwächt: Statt die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, wird Misstrauen genährt. Ein Dilemma.

Wenden wir uns dem Detail zu.

Früher hat der „Spiegel“ einen Skandal wie bei der Neuen Heimat oder den Flick-Skandal offengelegt und beschrieben. Kritik an den Institutionen wurde geübt – um die Lösung der Probleme kümmerten sich andere. Untersuchungsausschüsse, Staatsanwaltschaften und Richter. Am Ende wurden Gesetze verschärft, und die Institutionen gingen gestärkt aus einem Skandal hervor. Ein Medium wie der „Spiegel“ kümmerte sich derweil schon um den nächsten Skandal.

Genauso funktionierte die Offenlegung von Skandalen vor Ort durch lokale Medien. Wurden Probleme etwa bei einer örtlichen Müllabfuhr beschrieben – konnten die Institutionen vor Ort eingreifen, vom Stadtrat bis zum Oberbürgermeister. Am Ende wurde abgestellt, was schieflief, und die Institutionen gingen insgesamt gestärkt aus der Kritik hervor. Und die Lokalzeitung beschäftigte sich mit dem nächsten Missstand.

Nur leider funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr einwandfrei.

Den Menschen wird heute nach eigenem Gefühl mit den Medien Müll in das Wohnzimmer gespült, bis sie keine Lust mehr haben, den Gestank zu ertragen. Anstatt den Bürgern durch die Veröffentlichung der Skandale die Sicherheit zu geben, dass sich Menschen in unserer Gesellschaft, Journalisten, Politiker und Justizbehörden, um alles kümmern, was falsch läuft, damit die Institutionen zu Lösungen kommen und gestärkt werden, wird immer häufiger das Gegenteil ausgelöst. Die Bürger fühlen sich machtlos angesichts der Skandale und verlieren das Vertrauen in die Institutionen. Ihren Frust teilen sie über die sozialen Medien, wo die negativen Emotionen wieder von den Mechaniken im Geschäftsmodell der sozialen Medien nach oben getrieben werden.

Der Skandal wird negativ verstetigt und führt nicht zu einer Stärkung der Institutionen, sondern zu deren Zersetzung.

Wenn nur der Müll transportiert wird, ist scheinbar niemand mehr da, der den Boden aufwischt. Das konstruktive Element in der Enthüllung eines Missstandes geht verloren. Immer öfter dreht sich die Berichterstattung komplett ins Destruktive, auch weil das Negative leichter und schneller über die sozialen Medien teilbar und konsumierbar ist. Erfolg hat der, der die Institutionen der Demokratie angreift. Nicht der, der sich bemüht, sie zu stärken.

Diese negative Dynamik kann von den Verbreitern von Fake News und anderen Gruppen, die die Gesellschaft zersetzen wollen, gezielt ausgenutzt werden. Sie überhöhen tatsächliche Probleme, um das Vertrauen in die Institutionen bewusst zu untergraben. Dies ist der Grund, warum zum Beispiel der staatliche russische Propagandasender „Russia Today“ nahezu jeden Zwischenfall in einem deutschen Freibad zu einem Politskandal hochjazzt. Ähnliche Negativberichterstattungen werden von bekannten rechten Fake-News-Verbreitern mit Lügen angereichert, um Angst zu verbreiten und den Institutionen zu schaden. So wurde beispielsweise das Video einer Schlägerei in einem israelischen Bad benutzt, um angebliche Missstände in deutschen Bädern zu untermalen. Das falsch zugewiesene Video wurde von den Populisten der AfD aufgegriffen und in der Propaganda genutzt.

Die Aufklärungserfolge der Polizei bei Übergriffen in Bädern werden dagegen von den Hetzern nicht geteilt.

Um dieser Dynamik entgegenzuwirken, ist es notwendig, dem Negativen in der Kritik ein konstruktives Element beizustellen. Ulrik Haagerup vom Constructive Institute im dänischen Aarhus sagt: „Ein großes Problem liegt darin, dass immer ein viel zu negatives Bild gemalt wird. Die Lösung kann aber nicht sein, deshalb einfach mehr positive Storys zu machen. Das ist nicht konstruktiv. Diese Form des Journalismus muss sich mit den großen gesellschaftlichen Fragen beschäftigen und dabei die Frage beantworten: Wenn es ein großes nationalen Problem gibt, ist es irgendwo im Kleinen schon einmal gelungen, es zu lösen? Wo war das, wie haben die das gemacht, was können wir daraus lernen? Das ist konstruktiv. Nur einfach nicht negativ zu sein, das ist nicht konstruktiv.“

Es geht also nicht darum, anstelle von Kritik an Missständen nur noch rosige Welten zu malen. Es geht darum, sich der Verantwortung bewusst zu sein, was passiert, wenn man einen Skandal enthüllt, und nach einer Lösung für das berichtete Problem zu suchen. Es geht darum, eine Frage mehr zu stellen, als den Missstand hinauszuposaunen. Es geht darum, die Möglichkeiten offenzulegen, wie die Gesellschaft sich bessern kann.

Sollten die Medien diesen Weg einschlagen, könnten sie sich wesentlich von den destruktiven Kräften in Deutschland unterscheiden. Sie würden nicht zersetzen, sondern die Negativspiralen unterbrechen und einen positiven Impuls zur Lösung von Problemen geben – und eben zeigen, dass es immer Menschen gibt, die sich um die Probleme in der Gesellschaft kümmern. Die Medien könnten neues Vertrauen gewinnen, eine neue Rolle in der Gesellschaft finden, die gewünscht und benötigt wird.

Weiter zu Teil 7:

Die Herausforderung an die Medien: Eine Debatte

Wir reden mit Medienmachern darüber, wie Medien in Deutschland die Transformation bewältigen können: Wie sie trotz Lügenpresse-Vorwürfen und erodierenden Geschäftsmodellen ihr Publikum neu für sich gewinnen und so die Chancen des Wandels wahrnehmen können.

(Um alle Videos zu sehen, klicken sie im Video oben rechts auf das kleine Sandwich-Symbol mit der Zahl 1/21)

Teil 7:

Der nötige Wandel

Der Wandel scheint groß, den die Medien vollziehen müssen, um ihrer Aufgabe in einer Demokratie gerecht zu werden. Sie müssen neue Zielgruppen erschließen und sie in die gesellschaftlichen Debatten integrieren, angestammte Räume aufbrechen, neue Ansprechpartner finden, Belegschaften austauschen und moderne Verbreitungswege erschließen.

Als wäre das nicht schon komplex genug, erodieren ihre Erlösmodelle, die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird, schrumpft, und sie werden auch noch gezielt und professionell in ihrer Glaubwürdigkeit angegriffen, von heimischen Gruppen und ausländischen Diensten. Sie werden von den Geschäftsmodellen der sozialen Medien bedroht, von neuen Wettbewerbern erschüttert und müssen neue Strukturen in der Berichterstattung finden.

Es ist entsprechend offen, ob der Wandel überall gelingt. Viele Medien werden verschwinden, es ist unklar, ob die Lücken geschlossen werden können. Vor wenigen Jahren war es noch Anlass zur Sorge, wenn es nur noch eine Zeitung in einem Landkreis gab und nicht mehr zwei oder drei. Die lokale Medienvielfalt schien in Gefahr. Man sprach abwertend von „Ein-Zeitungs-Kreisen“. Heute drohen „Keine-Zeitungs-Kreise“.

Sollte der notwendige Wandel stecken bleiben, ist mehr als die publizistische Vielfalt in Deutschland bedroht. Es werden sich weniger Käufer finden, die bereit sind, Geld für Nachrichten auszugeben, die sie verstören. Die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird existenziell hinterfragt, wenn es nicht gelingt, ihm eine größere Rolle zuzuweisen. Eine Negativspirale setzt ein. Mit allen Konsequenzen.

Denn wenn erst die Medien gestorben sind, geht es mit der ganzen Demokratie abwärts, wie derzeit mehrere Studien in den USA und Europa zeigen.

Ohne Medien zersplittert beispielsweise der demokratische Wettbewerb. Die Zürcher Politikwissenschaftler Daniel Kübler und Christopher Goodman konnten nachweisen, dass die Wahlbeteiligung zurückgeht, wenn nicht lokale Medien über den Wahlkampf und die verschiedenen Konzepte der Parteien und Politiker berichten.

In einer anderen Studie kommen die Autoren Danny Hayes und Jennifer Lawless nach einer Untersuchung der sich ausbreitenden Nachrichtenwüsten in US-Landkreisen ohne Lokalzeitungen zu dem Ergebnis, dass bürgerschaftliches Engagement einbricht, wenn lokale Medien ihren Betrieb wesentlich einschränken. Der Mangel an Aufmerksamkeit und Vorbildern hemmt Menschen daran, sich für andere einzusetzen. Es fehlen Kandidaten für die Feuerwehr und öffentliche Ämter. Mehr noch: Die Menschen wissen nicht mehr, was Kandidaten wollen und fordern. Ihr politisches Wissen schwindet, obwohl gerade dieses wichtig ist, um mündig demokratische Entscheidungen zu treffen. An die Stelle des Wissens treten Gefühle. Die Bewohner der Nachrichtenwüsten werden zu politischen Analphabeten. Leichte Opfer für Populisten und Polarisierer. Leichte Opfer für Fake-News-Kampagnen.

Beeindruckend ist eine Studie von Pengjie Gao und anderen, die untersucht haben, wie sich der Zusammenbruch der Medienlandschaft in den USA auf Kommunalfinanzen in den Gemeinden der Nachrichtenwüsten auswirkt. Sie stellten fest, dass der Mangel an öffentlicher Kontrolle durch Lokalmedien zu Misswirtschaft und Korruption führt. So stiegen die öffentlichen Ausgaben in den beobachteten Kommunen ohne Zeitungen massiv an. Ihre Schlussfolgerung: Der Verlust der Medienaufmerksamkeit verführt die Machthaber dazu, die Zügel schleifen zu lassen. Offizielle genehmigen sich höhere Gehälter, Defizite in öffentlichen Haushalten werden leichtfertiger geplant, und öffentliches Eigentum wird schneller verschleudert. Korruption grassiert.

Noch ist offen, wie es in Deutschland weitergeht. Auch hier stehen Medien unter Druck. Auch hier gibt es erste Kreise, in denen es keine Medienvielfalt mehr gibt. Aber noch sind die Lücken in der Berichterstattung überschaubar. Und es gibt hierzulande bereits erfolgreiche Ansätze, die aus der Krise weisen.

Das Antidot

In Deutschland beschäftigen sich viele Menschen mit Ideen, wie die Medienkrise und damit auch die Krise der Demokratie überwunden werden kann. In vielen Experimenten wird eine Art Serum zusammengestellt, das als Antidot unsere Gesellschaft gegen das zersetzende Gift aus Desinformation und Desinteresse impfen soll.

Kurzfristige Maßnahmen

Zunächst gibt es einige Ansätze, die kurzfristig wirken:

Der gezielten Desinformation kann man vor Ort in den sozialen Medien mit Fakten widersprechen. Was wie eine Sisyphos-Aufgabe wirkt, funktioniert. Faktenchecker im Team von CORRECTIV, der dpa oder von „Mimikama“ machen es vor. Erreichen die Fake News eine gewisse Reichweite oder Bedeutung in den sozialen Medien, werden die behaupteten Fakten überprüft und gegebenenfalls widerlegt und eingeordnet. Im Lauf der Zeit wächst das Vertrauen in die Faktenchecker. Und gerade Menschen, die noch nicht vollständig von einer Weltverschwörung überzeugt sind, lassen sich von den transparenten Faktenprüfungen auch davon überzeugen, dass es sich um eine Desinformation handelt. Der öffentliche Diskurs wird unmittelbar besser.

Auf Basis dieser Überzeugung hat sich rund um den Globus in den vergangenen Jahren ein International Fact-Checking Network etabliert, dessen Mitglieder sich auf gemeinsame Methoden und einen Verhaltenskodex verständigt haben. Um vom Netzwerk anerkannt zu werden, müssen seine Mitglieder die eigene Arbeit transparent machen, Quellen offenlegen und gegebenenfalls Fehler einräumen und korrigieren. Alles Dinge, die Organisationen, die gezielte Desinformationen betreiben, nicht machen können. Das Einhalten des Standards wird regelmäßig von unabhängigen Experten überprüft.

Zum Netzwerk gehören heute 65 Organisationen aus vielen unterschiedlichen Ländern wie den USA, Frankreich, Südafrika, Indien, Mexiko, Brasilien, Australien oder eben auch Deutschland. Ihre Arbeit ist international anerkannt. CORRECTIV und dpa sind die einzigen Organisationen in Deutschland, die derzeit vom International Fact-Checking Network akzeptiert werden.

Die Faktenchecks der Organisationen selbst können über eine sogenannte Claim-Review als Datenformat standardisiert und so optimiert werden für eine Verknüpfung mit sozialen Medien. Auf diese Weise können Unternehmen wie Google oder Facebook, aber auch andere Betreiber von sozialen Medien die Faktenchecks in ihre Systeme einbinden und mit möglichen Falschbehauptungen verknüpfen. Beispielsweise planen derzeit YouTube und Instagram ähnliche Aufbauten.

Die Effekte sind enorm. Die Claim-Reviews werden in der Suchmaschine Google neben mutmaßlichen Falschmeldungen angezeigt. Wer auch immer eine Desinformation sucht, findet immer auch deren Widerlegung. Bei Facebook geht der Faktencheck noch weiter. Wenn eine Desinformation mit einem Faktencheck auf der wichtigsten Plattform für sozialen Austausch verknüpft ist, bekommt die ursprüngliche Desinformation einen Malus. Wer auch immer die Falschmeldung teilen will, wird zunächst von Facebook direkt darauf hingewiesen, dass er möglicherweise Unfug in seine Vertrauensketten einspeisen will. Der Nutzer muss sich bewusst dazu entscheiden, die Desinformation mit seinen Freunden, Verwandten und Bekannten zu teilen. Das machen sehr wenige Menschen. So wie wir unseren nahen Menschen vertrauen, so möchten wir nicht vor ihnen als Verteiler von Desinformation dastehen. Im nächsten Schritt gibt Facebook der Falschinformation eine technische Abwertung, die dazu führt, dass die Meldung auf den Seiten seiner Nutzer nicht mehr primär angezeigt wird. Im Gegenteil: Die Falschmeldung verschwindet nahezu aus den sichtbaren Feldern auf Facebook. Auch der Verbreiter der Nachricht bekommt einen entsprechenden Malus. Fällt er häufiger mit Desinformation auf, wird seine Reichweite auf Facebook technisch eingeschränkt. Anstatt von Tausenden Nutzern wird seine Seite nur noch von wenigen Hundert Menschen gesehen.

Das Ganze funktioniert. Die Seite „JouWatch“, einer der größten Fake-News-Verbreiter in Deutschland, erklärte Mitte 2019 ihren Rückzug von Facebook. Die Seite „Ein Prozent“ bestätigte auf einem ihrer Kanäle, dass sie keine Durchschlagskraft auf Facebook mehr habe. Ein Statement von „Ein Prozent“: „Das Problem: In Kooperation mit Facebook und der Bundesregierung können Faktenchecker die Reichweite von Posts und Blog-Artikeln massiv einschränken“. (Die angebliche Kooperation mit der Bundesregierung ist selbst wieder Teil einer Verschwörungstheorie und eine Falschmeldung. Der Zusammenbruch der Reichweiten ist dagegen allerdings real.)

David Berger, Betreiber der für Fake News bekannten Website „Philosophia Perennis“, beklagte sich schon im Frühjahr 2019 auf einem Medienkongress der AfD, dass seine Reichweite auf Facebook eingebrochen sei. Er bezeichnete hinter verschlossenen Türen Faktenchecks wie die von CORRECTIV als größte Gefahr für populistische Organe, die Desinformationen verbreiten. Die Reichweite seiner eigenen Seite sei bereits um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Es würden fast nur noch die Leute erreicht, die sowieso schon die Weltsicht der Desinformanten teilten, wankelmütige Menschen würden die Fake News nicht mehr lesen.

Zu den Sofortmaßnahmen gehört auch eine unmittelbare Öffnung zu den Lesern hin. Redaktionen müssen mit ihren Nutzern ins Gespräch kommen. Und tatsächlich praktizieren immer mehr Medien den direkten Austausch, um zu erfahren, was die Menschen denken, mit denen sie es zu tun haben.

Für diesen Austausch eröffnen einige Medien neue Feedbackkanäle. So haben mehrere Zeitungen ihre Geschäftsstellen zu Leserlokalen umgestaltet, um mit ihren Nutzern einfach in Kontakt treten zu können. „Zeit Online“ hat unter den Mottos „Deutschland spricht“ und „Europa spricht“ eine Diskursserie initiiert, um Tausende von Menschen unterschiedlicher politischer Weltsicht miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Medium wird dabei immer mehr zum Moderator und Ermöglicher der vielen Tausend Einzelgespräche. Die Meinung des Mediums tritt in den Hintergrund. Weil es nicht darum geht, was die Journalisten über einen Sachverhalt denken, sondern darum, was die Menschen selbst als wichtig erachten.

Stefan Ottlitz, Leiter der Produktentwicklung in der „Spiegel“-Gruppe, sagt, das Vertrauen zu den Lesern und Nutzern der Medien könne zurückgewonnen werden „durch Nüchternheit und Nachvollziehbarkeit in der Argumentation, durch Offenheit und Transparenz bei Kritik, kurz, durch ein normales Gespräch unter rationalen Menschen, das immer hilft, wenn es Missverständnisse oder Misskommunikation geben kann“. Ottlitz ist überzeugt: „In den allermeisten Fällen löst Kommunikation die Konfliktthemen langsam auf. Wenn man es nicht mit ideologisierten Mediengegnern zu tun hat, sondern einfach mit kritischen Leserinnen und Lesern, die man sich ja wünscht, dann lernen im Dialog oft beide voneinander.“

Um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, muss man nicht nur die eigenen Türen öffnen. Es müssen auch neue Formate gesucht werden. Auf Festivals oder bei Gartenfesten legen Medienmacher ihre Arbeit offen. In Theatern und Museen stellen sie sich der Diskussion. Sie engagieren sich in Universitäten und Bibliotheken. Die „Süddeutsche Zeitung“ organisiert genauso wie die Reporterfabrik unter Cordt Schnibben einen direkten Austausch mit Schulen. Journalisten kehren an ihre alten Gymnasien und Hauptschulen zurück, um mit den Jugendlichen über ihre Arbeit zu reden.

Stefan Ottlitz: „Von diesem Mehr an Kommunikation profitieren in jedem Fall die Redaktionen selbst unmittelbar. Weil sie näher am Leser recherchieren und publizieren. Ihre Arbeit wird relevanter für die Nutzer. Ihr Journalismus wird sichtbar als Teil der Gemeinschaft. Weil er eben abbildet, was in der Gesellschaft passiert. Er existiert nicht abgehoben von den Bürgern, sondern als Teil von ihnen mitten unter ihnen – und sie können mitmachen.“

Mittelfristige Maßnahmen

Mittelfristig müssen diese Sofortmaßnahmen allerdings erweitert werden, um den Journalismus zukunftsfähig zu machen. Dazu gehört auch ein tief greifender Umbau des Geschäftsmodells – vor allem bei Lokalmedien.

Das Abomodell muss abgelöst werden, bei dem das Medium ein Produkt erstellt, das die Kunden regelmäßig kaufen sollen. Genauso wie das Anzeigengeschäft ersetzt werden muss. Stattdessen muss ein Community-Modell etabliert werden, in dem die Medien mit den Bürgern und den Unternehmen vor Ort zusammenarbeiten. Hier muss das Medium Debatten unter der Leserschaft ermöglichen, Wissen vermitteln und das Publikum an neue Orte führen. Dieser Wandel ist enorm – das Medium muss Lebensgefühl und Zugehörigkeit zu einer Gruppe vermitteln. Das reine Abkippen von Nachrichten reicht nicht aus. Die Autoren müssen greif- und ansprechbar werden – Widerspruch muss erwünscht und nicht geduldet werden.

Das bedeutet nicht, dass das Medium beliebig wird – im Gegenteil: Es wird intensiver Bestandteil des Selbstbildes der eigenen Community. Wie das funktioniert, zeigt beispielsweise die „taz“, die seit Jahren diesen Weg geht und ihre Gesellschaftsform einer Community angepasst hat – als Genossenschaft. Aber auch die „Zeit“ geht diesen Weg, indem sie mit den Lesern eine Vielzahl von Konferenzen und Workshops organisiert, in denen sich die Nutzer in den Mediendiskurs einbringen können. Die Rede ist von „Zeit Campus im Gespräch“, „ZEIT für neue Ärzte“, „Zeit Matinee“, „Zeit Vorlesetag“, „Die Langen Nacht der ZEIT“, „ZEIT für Deine Stadt“ und so weiter.

Die „Zeit“ verknüpft hochwertigen Journalismus mit den Anforderungen ihrer Community. Leser werden direkt angesprochen und eingebunden. Die Leser sind nicht mehr Abonnenten, sondern Teilhaber eines umfassenden medialen Diskursraumes, der auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Dieser Wandel ist nicht leicht zu bewältigen. Die Offenheit des Mediums muss sich in der Offenheit der Redaktionen fortsetzen. Sie muss generiert und trainiert werden. Die Belegschaften müssen lernen, auf Menschen zuzugehen, Widerspruch zu ertragen und Diskurse zu pflegen. Nicht jeder kann das. Vor allem dann nicht, wenn auch noch gefordert ist, den Nutzern und Lesern die eigenen Medien zu öffnen. Sei es über Debattenbeiträge in Foren oder direkt in Artikeln.

Doch selbst wenn dieser Weg beschwerlich ist: Die Medien, die diesen Wandel hinbekommen, festigen ihre Rolle in ihrer Community. Sie stabilisieren sich wirtschaftlich und werden gebraucht. Sie werden Teil der Gruppe und werden von ihr getragen.

Langfristige Maßnahmen

Aber selbst damit ist es nicht getan. Die Medien müssen ihren Bildungsauftrag annehmen. Sie müssen die Öffentlichkeit qualifizieren und journalistisches Wissen und Handwerk an interessierte Bürger vermitteln. Denn die Leser von morgen werden den Journalismus der Zukunft gestalten. Dazu ist es nötig, Initiativen wie die Reporterfabrik von CORRECTIV umzusetzen oder aber kommunalpolitische Workshops zu initiieren. Medienkompetenz muss an Schulen unterrichtet werden und in Weiterbildungskursen jedem Menschen digital und analog nahegebracht werden.

Nur wenn die Medien sich gemeinsam mit der Gesellschaft darum kümmern, ein Umfeld zu schaffen, in dem Bürger erkennen, dass es Medien braucht, um die Demokratie zu erhalten, können beide langfristig bestehen. Im Extremfall kann das auch bedeuten, dass Medien dabei helfen müssen, Bürgerreporter in Landstrichen auszubilden, in denen kein wirtschaftlich tragfähiger Journalismus mehr existieren kann. Diese Bürgerreporter müssen dann auf eigene Faust für Aufklärung und Öffentlichkeit in ihren Kommunen sorgen. Sie sind dann die Medienmacher vor Ort.

Anders gesagt: Wir müssen uns dafür einsetzen, dass eine redaktionelle Gesellschaft zum Vorteil aller entstehen kann, in der nahezu jeder Bürger die Rolle eines Reporters übernehmen kann, wenn das nötig ist. Nicht nur in medienschwachen Gegenden ist das wichtig. Auch in Orten, in denen Medien weiter gut funktionieren, ist das ein erheblicher Vorteil: Die gebildeten Leser können ihre Zeitungen hinterfragen und anspornen, besser zu arbeiten. Die Qualität der Berichterstattung steigt mit dem Anspruch des Publikums.

Vonseiten der Gesellschaft ist diese Entwicklung zu unterstützen. Etwa durch Einführung des gemeinnützigen Journalismus als einer dritten Säule im deutschen Mediensystem. Durch den Ausbau der Medienkompetenzerziehung in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Oder durch die Ausweitung der Bürgermedienangebote.

Denn nur durch Bildung und Aufklärung und Teilhabe kann das komplexe System Demokratie gesichert werden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt dazu: „Am Ende besteht diese Demokratie aus mündigen Bürgern, die in der Lage sein wollen, sich in einer komplexen Welt ihr eigenes Urteil zu bilden. Bildung und Medienkompetenz sind dafür unverzichtbare Voraussetzungen.“

In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung

bpb_big.jpg