Faktencheck

Die Bilder von Flüchtlingen auf Lesbos sind nicht inszeniert

Anhand eines Videos wird behauptet, Journalisten hätten Fotos von ankommenden Flüchtlingen und Migranten auf Lesbos inszeniert. Die Vorwürfe von „Fotoshootings“ oder „Schauspielern“ sind haltlos. Die Ankunft der Menschen mit einem Schlauchboot ist aus verschiedenen Quellen dokumentiert. 

von Alice Echtermann

Eine Frau am Strand von Lesbos
Zahlreiche Fotografen waren vor Ort, als ein Boot mit Menschen an der Küste von Lesbos ankam. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bilder inszeniert wären. (Foto: picture alliance / Photoshot)
Bewertung
Falsch. Die Menschen an der Küste von Lesbos sind keine Models oder Schauspieler. Die Fotos sind nicht inszeniert worden.  

Sind die Flüchtlingen und Migranten, die an der Küste der griechischen Insel Lesbos ankommen, in Wahrheit Models oder Schauspieler und die Fotos von ihrer Ankunft inszeniert? Diese Behauptung wird gerade im Netz verbreitet. Insbesondere das Foto einer Frau mit rötlichen Zöpfen, die kniet und ihre Arme emotional zum Himmel streckt, steht dabei im Fokus. 

Nutzer auf Facebook verbreiten Fotos und Videos von der Szene und behaupten, sie sei gestellt („Dreharbeiten“). Die Beiträge werden tausendfach geteilt. Unter den Verbreitern sind auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Johannes Huber und der hessische AfD-Landtagsabgeordnete Dimitri Schulz. 

Schulz schrieb am 1. März auf Facebook: „So entstehen die Fake News unserer Medien! […] wenn man sich dieses Video mal anschaut, kann man genau erkennen, dass alles inszeniert ist. Ein Mann schnallt sich einen Rettungsring um und begibt sich ins Wasser. Ein Kameramann gibt der Frau Anweisungen, wie sie zu schreien hat. Nur das Klacken der Fotolinsen übertönt die ganze Szenerie.“ Sein Beitrag wurde 9.500 Mal geteilt.

Die Behauptung, alles sei inszeniert, ist falsch

CORRECTIV hat Material von der Ankunft der Menschen auf Lesbos zusammengetragen und Journalisten und Fotografen kontaktiert. Das Ergebnis: Die Behauptungen, das Ganze sei inszeniert und die Menschen seien Schauspieler oder Models, sind falsch. 

Facebook-Post von Johannes Huber (AfD)
Der Facebook-Beitrag des AfD-Abgeordneten Johannes Huber (Screenshot: CORRECTIV)

Die Facebook-Beiträge enthalten ein kurzes Video von der Szene an der Küste von Lesbos. Darin ist zu sehen, wie ein Mann vor der knienden Frau steht und sie fotografiert. Im Hintergrund sind weitere Fotografen. In dem Beitrag von Johannes Huber heißt es, die Menschen hätten sich „mehrmals in Szene geworfen“. Tatsächlich ist in Hubers Video – und auch in dem von Dimitri Schulz und einem Video auf Youtube – aber einfach zweimal derselbe Clip hintereinander geschnitten. Er ist im Original nur neun Sekunden lang. 

Das Video stammt von der Journalistin Liana Spyropoulou, die vor Ort berichtete

Das Originalvideo stammt von der Journalistin Liana Spyropoulou, die für die Bild-Zeitung vor Ort in Griechenland berichtet. Sie hat es am 29. Februar auf Twitter hochgeladen mit dem Kommentar: „Lesbos früher am heutigen Tag. Die Ankunft von mehr Booten voller Flüchtlinge auf den östlichen Ägäischen Inseln wird erwartet, weil der Wind sich beruhigt hat.“ 

Spyropoulou hatte außerdem zuvor zwei Tweets veröffentlicht, die die Ankunft des Bootes dokumentieren. In dem ersten schreibt sie, es sei ein „Boot mit Flüchtlingen“ auf dem Meer gesichtet worden, ein Navy-Schiff nähere sich ihm. 

In dem zweiten Tweet sind zwei Fotos zu sehen. Eines zeigt ein graues Schlauchboot mit Flüchtlingen und einen Fotografen im Vordergrund. Auf dem zweiten sind Menschen an Land, darunter der Fotograf und die Frau aus dem Video. Im Hintergrund links ist das graue Schlauchboot erkennbar. 

Tweet der Journalistin Liana Spyropoulou
Der zweite Tweet von Liana Spyropoulou. Im rechten Foto ist im Hintergrund die Frau mit den rötlichen Zöpfen. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir konnten außerdem zahlreiche Fotos von der Ankunft des Bootes von verschiedenen Fotografen in der Pressedatenbank Picture Alliance finden. Video-Aufnahmen finden sich außerdem bei dem türkischen Sender TRT World am 29. Februar auf Twitter, in einem Youtube-Video der Welt und einem Video der britischen Daily Mail. Letzteres Video zeigt auch das Schlauchboot weit draußen auf dem Meer, und das Navy-Schiff, das Spyropoulou in ihrem Tweet erwähnte.

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Auf den Bildern und Videos ist zu sehen, wie die Menschen wegen der Wellen Schwierigkeiten haben, aus dem Boot auszusteigen. Darunter ist auch die Frau mit den rötlichen Zöpfen. Man sieht bei TRT World, dass sich mehrere Fotografen auf sie konzentrieren, weil sie so emotional reagiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Szene nicht echt wäre. 

Flüchtlinge auf Lesbos
Die Menschen in dem Schlauchboot, darunter die Frau mit den rötlichen Zöpfen (links vorne im Boot). (Foto: Angelos Tzortzinis/dpa)

Journalisten warten auf die Ankunft von Booten

Auf Nachfrage erklärt uns Liana Spyropoulou, wie die Journalisten die Ankunft der Menschen abpassen, um Fotos zu machen. Wir chatten mit ihr über Twitter. Sie und ihre Kollegen hätten an dem Tag die „übliche Methode“ in Skala (wo die meisten Boote ankämen) angewendet, schreibt sie: Morgens um 5.30 Uhr aufzustehen und mit dem Auto an der Küste entlang zu fahren. „Wir haben große Kameraobjektive und halten Ausschau nach Booten, weil das unser Job ist. Zu berichten und Material von den Ankünften zu haben. Wenn einer von uns ein Boot sieht, ruft er die anderen an“, erklärt die Journalistin.

Das Wetter an dem Tag sei „schrecklich“ gewesen, schildert sie weiter. Die Journalisten seien überrascht gewesen, dass die Menschen die Überfahrt geschafft hätten. 

Emotionale Reaktionen habe sie bei Geflüchteten schon oft erlebt: „Ich habe das Schlimmste erlebt. Schiffbrüche mit Babys und Kindern, die ertrunken sind und deren Eltern schrien. Andere brachen zusammen, als ihre Füße die Steine des Strandes berührten.“ In ihren Nachrichten an uns drückt Spyropoulou auch ihre Empörung über die Behauptungen aus: „Ich habe hunderte von Videos und Fotos von 2015. Sind die alle Fake?“, fragt sie.  

Weitere Reporter schildern den Vorfall auf gleiche Weise

Wir haben zudem den Fotografen Giorgos Moutafis, der Fotos an dem Tag gemacht hat (hier), angeschrieben. Er antwortet uns knapp: „Bitte vertraut den Fotografen.“ Und schickt ein weiteres Video von Euronews, in dem die Ankunft des Bootes und die anschließende Versorgung der Menschen durch Helfer zu sehen ist. 

Auch die französischen Faktenchecker von Libération haben die Behauptungen am 2. März überprüft und kamen zum Ergebnis, dass sie falsch sind. Sie befragten mehrere Journalisten und Fotografen, darunter Aris Messinis von der Nachrichtenagentur AFP, der ebenfalls vor Ort war. Er sagte Libération, es sei keine Inszenierung gewesen. „Einige Migranten fingen an zu weinen, zu beten, zu singen. […] Wir haben angefangen, sie zu fotografieren, als wir ihre Reaktion sahen.“ 

Und der Videojournalist Savvas Karmaniolas sagte den französischen Faktencheckern: „Das Wetter war sehr schlecht, es war sehr windig und wir waren überrascht, dass sie das Ufer erreichen konnten. Das Boot hätte sinken können. Ich denke, die Migranten hatten große Angst, was die Reaktion dieser Frau erklärt. Ich glaube nicht, dass sie die Kameras in Betracht gezogen hat. Die Videojournalisten und Fotografen kamen zusammen, um Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln aufzunehmen.“