„Sie wird dann später ein anderes Leben führen als sie ohne diese Vergewaltigung geführt hat, aber dieses Leben muss nicht unbedingt schlechter sein. Es ist einfach nur anders.“ Dieses angebliche Zitat steht unter einer Collage aus zwei einzelnen Screenshots mit dem WDR-Logo. Darauf ist ein Mann zu sehen, der offenbar in eine Kamera spricht. Die Collage kursiert auf Facebook und wurde dort bisher 1.400 Mal geteilt. Die Aussage soll laut Bildunterschrift ein „Herr vom WDR“ über ein „Opfer der Freiburger Massenvergewaltigung“ geäußert haben.

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Die Aussage wurde so in einer WDR-Sendung getroffen. Sie wurde aber stark verkürzt und der Kontext ist falsch.
WDR bestätigt das Zitat
Auf unsere Anfrage per E-Mail bestätigte der WDR die Echtheit des Zitats. Es handelte sich um die Sendung Aktuelle Stunde vom 9. Juli 2019. Der Fernsehbeitrag liegt CORRECTIV vor. Die Aussage hatte der Kriminalpsychologe Christian Lüdke in der Sendung genau so getroffen, im Gespräch mit der Moderatorin Susanne Wieseler. Es ging dabei allerdings nicht um eine Massenvergewaltigung in Freiburg, sondern in Mülheim an der Ruhr am 5. Juli 2019. Dort vergewaltigten zwei Kinder und zwei Jugendliche eine damals 18-Jährige.

Zwei der Täter waren zum Tatzeitpunkt zwölf Jahre alt und damit nicht strafmündig. Dem WDR zufolge habe der Schwerpunkt der Sendung darauf gelegen, ob Zwölfjährige gerichtlich bestraft werden sollten.
Schon damals gab es einen Shitstorm gegen den WDR und den Psychologen Christian Lüdke
In den Sozialen Netzwerken erntete Lüdke laut WDR negative Kommentare auf seine Aussage. Seine Familie und er seien bedroht worden, heißt es in einem Beitrag des Account der Sendung „WDR Aktuelle Stunde“ am 12. Juli 2019 auf Twitter.

„Das Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen“, schrieb uns der WDR per E-Mail und verwies dabei auf einen weiteren Twitter-Beitrag von „WDR Aktuelle Stunde“, in dem die gesamte Aussage von Lüdke zu lesen ist.
In dem Beitrag steht: „Christian Lüdke sagte: ,(…) für sie wird vieles im Leben nicht mehr so sein, wie es vorher einmal war. Das grundlegende Sicherheitsgefühl ist massiv erschüttert. Das Vertrauen in die Menschen, in die Welt ist erschüttert. Es ist ganz wichtig, dass sie jetzt stabile Menschen in ihrem Umfeld hat, die Hoffnung und Zuversicht vermitteln. Sie wird dann später ein anderes Leben führen, als sie ohne diese Vergewaltigung geführt hat, aber dieses Leben muss nicht unbedingt schlechter sein, es ist einfach nur anders.‘“
Fazit: Die Aussage wird im Facebook-Beitrag stark verkürzt wiedergegeben. Außerdem steht sie in falschem Kontext: Es handelte sich um eine Vergewaltigung in Mülheim, in dem Bericht unter anderem auf die Auswirkungen auf die damals 18-Jährige nach Einschätzung eines Kriminalpsychologen.
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.

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