Profil

Kathrin Wesolowski

Faktencheckerin

Kathrin studierte Journalistik in Dortmund und Monterrey, Mexiko, und volontierte beim Hessischen Rundfunk. Sie recherchierte unter anderem zu Kinderarbeit in Myanmar, Rassismus in Mexiko und dem Holocaust in Polen. Als freie Journalistin arbeitete sie bereits für Medien wie den WDR, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung oder den dpa-Themendienst. Seit Mai 2020 ist sie Teil des CORRECTIV.Faktencheck-Teams.

E-Mail: kathrin.wesolowski(at)correctiv.org
Twitter: @wiesokate

Titelbild
Screenshot des Bildes, das auf Facebook kursiert. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf einem in den Sozialen Netzwerken geteilten Bild wird behauptet, dass Mundschutz für Kleinkinder gefährlich sei. Es drohe eine Atemlähmung. Diese Behauptungen sind falsch.

Auf Facebook kursiert seit mehreren Wochen ein Bild, unter anderem mit der Überschrift Mundschutz: Kleinkinder gar nicht!”. In dem Text dazu wird behauptet, dass Mundschutz für Kinder unter zwölf Jahren ungeeignet und für Kinder unter sechs Jahren gefährlich sei. In dem Bild wird zudem behauptet, Kinder könnten den CO2-Ausstoß nicht kontrollieren und würden nicht merken, wenn sie zu wenig Luft einatmen würden. Zudem führe das wiederholte Einatmen von CO2 zu Atemlähmung.

Das Bild wurde von verschiedenen Personen bei Facebook geteilt, zum Beispiel hier und hier, beide Beiträge wurden am 22. April veröffentlicht. Die Behauptungen darin sind falsch. Das Tragen einer Maske ist für Kinder nur in ganz bestimmten Fällen gesundheitsschädlich. 

Erste Behauptung: Mundschutz sei für Kinder unter zwölf Jahren ungeeignet und für Kinder unter sechs Jahren gefährlich

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin schrieb per E-Mail an CORRECTIV: Für gesunde Kinder, die ein Jahr oder älter sind, sind solche Masken ungefährlich, solange das Kind wach ist und man es nicht zwingt, die Masken auf zu behalten, wenn es diese nicht mehr haben will.“

Da man Kindern den Sinn einer Maske erst ab einem Alter von drei oder vier Jahren erklären könne, ist die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin gegen eine Maskenpflicht von Kindern. Eine passende Altersgrenze sei für die Akademie noch unklar.

E-Mail des Generalsekretärs Hans-Iko Huppertz von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Diese Behauptung ist größtenteils falsch. 

Zweite Behauptung: Mundschutz führt durch wiederholtes Einatmen von CO2 zur Atemlähmung

Wie wir in einem Faktencheck bereits überprüften, ist auch die Behauptung, Kinder könnten den CO2-Ausstoß nicht kontrollieren und würden nicht merken, wenn sie zu wenig Luft einatmen, falsch. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin teilte uns per E-Mail mit, dies sei völliger Unsinn, wenn das Kind gesund und wach ist“.

Auszug aus der E-Mail der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. (Screenshot: CORRECTIV)

Allerdings schrieb uns 3M, ein Hersteller verschiedener Masken, per E-Mail, er rate dringend davon ab, dass Kleinkinder und Säuglinge filtrierende Atemschutzmasken tragen. Dabei drohe Erstickungsgefahr.

RKI: Durch Mundschutz atmet man nicht mehr CO2 ein

In unserem Faktencheck überprüften wird zudem, ob man beim Tragen eines Mundschutzes zu viel CO2 einatme. Eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) schrieb dazu per E-Mail an CORRECTIV: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon.“ Wie in unserem Faktencheck berichtet, beschäftigte sich im Jahr 2005 eine Studie an der Technischen Universität München mit der „Rückatmung von Kohlendioxid bei Verwendung von Operationsmasken als hygienischer Mundschutz an medizinischem Fachpersonal“.

Studie von 2005: CO2 könne bei OP-Masken nur teilweise entweichen

Die Studie kam damals zu dem Ergebnis, dass das CO2 beim Ausatmen durch eine OP-Maske nur teilweise entweichen könne. „Dieser Effekt führte zu dem Ergebnis, dass die Probanden Luft einatmeten, deren CO2-Gehalt höher war als derjenige der umgebenden Raumluft“, schrieb die Autorin. Dadurch steige die Kohlendioxid-Konzentration im Blut. (PDF, S. 35)

Das könne zu einer Zunahme der Reaktionszeit und Abnahme der Leistungsfähigkeit führen. Die Autorin der Studie empfahl Herstellern von OP-Masken, ihre Produkte durchlässiger für Kohlendioxid zu machen. (PDF, S. 41 und 42)

Studie bezieht sich nicht auf FFP-Masken oder selbstgenähten Mundschutz

Die Studie beschäftigte sich ausschließlich mit zwei Modellen von OP-Masken, also dem klassischen Mund-Nasen-Schutz (PDF, S.18 bis 20). Das Tragen von filtrierenden Halbmasken (FFP-Masken) oder selbstgenähten Masken wurde nicht untersucht.

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Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) schrieb auf eine Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass ein Mund-Nasen-Schutz aus Stoff die Zusammensetzung der eingeatmeten Luft nicht ändere. Alle Moleküle der Raumluft, und das sind im wesentlichen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid, können die Maske passieren und werden nicht abgefiltert.

In den meisten Bundesländern gilt eine Maskenpflicht für Kinder ab sechs Jahren

In einer E-Mail an CORRECTIV schrieb Anja Ströhlein, Pressesprecherin des Herstellers 3M für verschiedene Maskenarten: „Die EN149 Norm setzt klare Grenzen für den Ein- und Ausatemwiderstand von Atemschutzmasken – die Norm 14683 entsprechend für chirurgische Masken.“ Man könne deshalb davon ausgehen, dass es bei der korrekten Handhabung nicht zu einer Ansammlung von Kohlendioxid unter dem Atemschutz komme.

In Deutschland gilt in den meisten Bundesländern die Maskenpflicht erst für Kinder ab sechs Jahren. Einige Bundesländer machen eigene Vorgaben: In Sachsen beispielsweise müssen Kinder Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn sie dazu in der Lage sind. Das liegt im Ermessen der Eltern. In Sachsen-Anhalt gilt eine Maskenpflicht ab zwei Jahren, bei Verstößen droht aber kein Bußgeld.

Fazit: Ein Mundschutz führt nicht zu Atemlähmungen bei Kindern, wenn sie gesund und wach sind.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Tragen einer Maske ist für Kinder nicht gefährlich.

Demo in Chemnitz
Ausschnitt aus dem Video, das auf Facebook kursiert. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

In einem Facebook-Beitrag wird suggeriert, ein Video zeige eine aktuelle Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Chemnitz. Das Video stammt jedoch von 2018 und zeigt Proteste, unter anderem von rechtsextremen Gruppen, wegen des tödlichen Angriffs auf Daniel H..

„45 / 89 / 20 ÷ Chemnitz, Protest für die Freiheit” untertitelt ein Facebook-Nutzer ein Video, das Tausende von protestierenden Menschen zeigt. Die Jahreszahlen deuten auf das Ende des Zweiten Weltkriegs, auf den Mauerfall und auf das Jahr 2020 hin.

Der Nutzer lud die Aufnahmen am 6. Mai hoch. Mit dem Untertitel suggeriert er, dass es sich dabei um aktuelle Proteste in Chemnitz handele, wohl gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Das Video wurde auf Facebook mittlerweile mehr als 62.000 Mal angeklickt und mehr als 4.500 Mal geteilt. 

Andere Facebook-Nutzer behaupten, das Video zeige Dresden

Über die Google-Rückwärtssuche luden wir einen Screenshot des Videos hoch und fanden darüber das gleiche Video auch auf der Facebook-Seite „Luxus Ossi“. Das Video wurde dort ebenfalls am 6. Mai hochgeladen und mittlerweile mehr als 6.600 Mal geteilt. Mit dem Untertitel „Dresden ist wach” wird angedeutet, dass es sich bei den Aufnahmen um Bilder aktueller Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in Dresden handele. 

CORRECTIV hat das Video überprüft: Es zeigt eine Demonstration in Chemnitz, aber ist von 2018.

Polizei Sachsen: Kein aktuelles Geschehen

Zunächst überprüften wir, in welcher Stadt die Aufnahmen gemacht wurden. Ein Facebook-Nutzer kommentierte das von „Luxus Ossi“ veröffentlichte Video mit dem Hinweis, es handele sich um die Theaterstraße in Chemnitz. Mithilfe von Google-Street-View konnten wir ein Parkhaus ausfindig machen, das sich an der Theaterstraße befindet und auch in dem Video zu sehen ist. Die Aufnahmen wurden also in Chemnitz gemacht.

Eine Ansicht aus Google-Street-View
Aus Google-Street-View: Die rote Markierung zeigt das Parkhaus an der Theaterstraße in Chemnitz, das auch in dem verbreiteten Video zu sehen ist. (Screenshot: CORRECTIV)
Ausschnitt aus dem Video, der das Parkhaus an der Theaterstraße in Chemnitz zeigt.
Ausschnitt aus dem Video, der das Parkhaus an der Theaterstraße in Chemnitz zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Daraufhin kontaktierten wir die Polizei Sachsen. Sie teilte uns mit, dass es sich bei dem Video nicht um Aufnahmen eines aktuellen Geschehens handelt. Die Sprecherin verweist dabei auf ein YouTube-Video vom 7. Mai 2020, das die gleichen Aufnahmen zeigt und im Titel auf die Proteste in Chemnitz im September 2018 verweist. 

Damals demonstrierten unter anderem rechtsextreme Gruppen wegen eines tödlichen Angriffs auf den 35-jährigen Daniel H. am 26. August 2018.

E-Mail der Pressesprecherin Doreen Göhler der Polizei Sachsen.
E-Mail der Pressesprecherin Doreen Göhler der Polizei Sachsen. (Screenshot: CORRECTIV)

Stadt Chemnitz bestätigt: Video zeigt Demos von 2018

CORRECTIV fragte auch bei der Pressestelle der Stadt Chemnitz nach. Auch diese teilte mit, dass es sich nicht um ein aktuelles Video handelt. Es zeige Demonstrationen von rechten Gruppen in Chemnitz im Jahr 2018, vermutlich am 1. September. Der Pressesprecher verweist auf das gleiche YouTube-Video wie die Polizei Sachsen. 

E-Mail der Stadt Chemnitz.
E-Mail der Stadt Chemnitz. (Screenshot: CORRECTIV)

Möglicherweise handelt es sich aber auch um Aufnahmen von Ende August 2018. Über die Google-Rückwärtssuche nach dem Screenshot des Videos fanden wir ein identisches Video, das von der Facebookseite „AfD OV MKK Mitte I” bereits Ende August gepostet wurde. Das Datum der Veröffentlichung wird je nach Webbrowser unterschiedlich angezeigt, als 27. oder 28. August 2018. 

In einem von Sachsen Fernsehen veröffentlichten Video erkennt man, dass am 27. August 2018 Menschen in Chemnitz unter anderem in der Theaterstraße demonstrierten. Auch andere Medienberichte bestätigen das. Das spricht dafür, dass das Video auf Facebook die Demonstration an dem Montag zeigen könnte.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video wurde zwar in Chemnitz aufgenommen, aber schon 2018. Es zeigt keine Aufnahmen aktueller Proteste gegen die Corona-Maßnahmen.

Headerbild Thermometer
Es gibt keine Belege, dass Sommerhitze zur Eindämmung des Coronavirus führt (Foto: Pixabay).

von Kathrin Wesolowski

In einem Artikel wird behauptet, das Coronavirus überlebe „bei Hitze“ nicht länger als vier Minuten. Daraus wird der Schluss gezogen, der Sommer werde die Ausbreitung stoppen. Dafür gibt es keine Belege.

„Das Coronavirus überlebt bei Hitze nicht länger als vier Minuten“, lautet die Überschrift eines Artikels, der auf dem Blog Excite erschienen ist. Als Quelle dafür werden Aussagen des Virologen Gúbio Soares angegeben, die er im Interview mit der brasilianischen Zeitung Correio traf. Der Virologe behauptete darin, dass die Proteine, die das genetische Material schützten, unter Hitze litten und abgetötet würden. Einer der Gründe sei, dass Speichel auf Oberflächen sofort austrockne. Das brasilianische Klima werde also eine starke Ausbreitung des Virus verhindern.

Der Artikel wurde auf der Facebook-Seite von Excite erstmals am 18. März geteilt. Wann er veröffentlicht wurde, geht nicht aus dem Text hervor. Inzwischen wurde er schon mehr als 6.400 Mal auf Facebook geteilt.

Das Interview mit dem Virologen Gúbio Soares erschien sogar schon am 29. Februar. Damals war laut WHO gerade ein einziger bestätigter Fall von Covid-19 in Brasilien bekannt. Inzwischen zählt Brasilien 23.430 bestätigte Infizierte und 1.328 Todesfälle (Stand 15. April).

Auch Bild suggerierte Anfang März, dass die Sommerhitze die Verbreitung des neuartigen Coronavirus eindämme, wie es auch bei Grippeviren der Fall ist. 

Für die Behauptungen gibt es nach Recherchen von CORRECTIV keine Belege.

WHO: Covid-19 breitet sich auch in warmen Regionen aus

Auf unsere Anfrage per E-Mail antwortete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sie habe noch keine ausreichenden Informationen darüber, wie sich das Virus in verschiedenen Jahreszeiten und bei unterschiedlicher Temperatur verhalte. Sowohl Menschen in kalten und trockenen als auch in warmen und feuchten Gebieten seien von dem Virus betroffen. Zahlen der John-Hopkins-Universität zeigen, dass sich das Virus SARS-CoV-2 auch in warmen Regionen mit über 25 Grad Celsius wie beispielsweise Malaysia und den Philippinen verbreitet.

Die E-Mail von Stephanie Brickman, Pressesprecherin der WHO (Screenshot: CORRECTIV).
Die E-Mail von Stephanie Brickman, Pressesprecherin der WHO (Screenshot: CORRECTIV).

Auch das Robert Koch-Institut bestätigt uns per E-Mail, dass SARS-CoV-2 sich auch in Ländern mit tropischem Klima ausbreiten könne. Ob die Ausbreitung ähnlich stark wie in gemäßigtem Klima erfolge, könne man noch nicht eindeutig beantworten. Die empirischen Beobachtungen seien noch begrenzt, da die Pandemie erst seit einigen Monaten beobachtet werde.

E-Mail von Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts (Screenshot: CORRECTIV).
E-Mail von Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Robert Koch-Instituts (Screenshot: CORRECTIV).

Einige Studien zu dem Einfluss von Hitze auf den Krankheitserreger sind bereits vorhanden, kommen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Laut einer amerikanischen Studie vom 17. Februar gibt es keinen Nachweis, dass Veränderungen des Wetters zu einer Abnahme der Fälle führen wird. Einer Studie chinesischer Forscher vom 10. März zufolge reduzieren warme Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit die Verbreitung von Covid-19.

Diese Aussagen beziehen sich jedoch auf die Lufttemperatur, die selten über die menschliche Körpertemperatur von 37 Grad steigt – und diese hält das Virus nachweislich aus

Die Frage ist also, wann stirbt das Virus ab? Erste Hinweise gibt eine am 2. April im Journal The Lancet veröffentlichten Studie. Darin heißt es, das Virus sei in Zellkulturen sehr stabil bei 4 Grad, aber anfällig für Hitze. Wenn die Umgebungstemperatur auf 70 Grad erhöht wurde, wurde das Virus innerhalb von fünf Minuten inaktiviert.

Weitere Aussage des brasilianischen Virologen zu jungen Patienten irreführend

In dem Artikel wird der brasilianische Virologe Gúbio Soares zudem mit der Aussage zitiert, das Coronavirus verursache bei jüngeren Menschen nur einen milden Verlauf. 

Dazu schrieb uns das Robert Koch-Institut, dass auch jüngere Patienten ohne Vorerkrankungen schwere Verläufe der Krankheit erlebt hätten. Dennoch seien in Deutschland 86 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen 70 Jahre alt oder älter.

Die E-Mail von Stephanie Brickman, Pressesprecherin der WHO (Screenshot: CORRECTIV).
Die E-Mail von Stephanie Brickman, Pressesprecherin der WHO (Screenshot: CORRECTIV).

Chinesische Forscher untersuchten zudem mehr als 2.000 infizierte oder wahrscheinlich infizierte Kinder im Alter von zwei bis 13 Jahren. Laut der Studie hatten mehr als 90 Prozent der Kinder keine Symptome, einen milden oder moderaten Verlauf der Krankheit. Dennoch könnten sie sich genauso anstecken wie ältere Menschen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keinen Beleg, dass heißes Wetter die Verbreitung von SARS-CoV-2 stoppt.