Faktencheck

Zitat von Virologe Hendrik Streeck aus dem Kontext gerissen

Auf Facebook kursiert ein Zitat des Virologen Hendrik Streeck, mit dem der Eindruck erweckt wird, er habe die derzeitigen Corona-Maßnahmen in Deutschland als schädlich für das Immunsystem bezeichnet. Tatsächlich stammt das Zitat jedoch von März und Streeck bezog sich auf eine hypothetische Ausgangssperre.  

von Alice Echtermann

Hendrik Streeck
Eine Aussage des Virologen Hendrik Streeck von März 2020 wird im Oktober auf Facebook aus dem Kontext gerissen. (Foto: Picture Alliance/Eventpress) 
Behauptung
Hendrik Streeck habe aktuell gesagt: „Wir tun gerade alles, um unserem Immunsystem zu schaden.“
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Das Zitat stammt von März und Streeck begründete damit seine Ablehnung einer Ausgangssperre, die es in Deutschland nie gegeben hat.

In einem Facebook-Beitrag vom 13. Oktober wird suggeriert, der Virologe Hendrik Streeck habe gesagt, die aktuellen Corona-Maßnahmen schadeten dem Immunsystem. Wörtlich lautet das Zitat: „Wir tun gerade alles, um unserem Immunsystem zu schaden.“ 

Der Beitrag wurde mehr als 11.000 Mal geteilt. Der Facebook-Nutzer schrieb dazu: „Genau so ist es […] durch diesen ganzen Wahnsinn werden viele psychisch krank […]“. 

Das Zitat von Streeck wird stark verkürzt wiedergegeben und aus dem Kontext gerissen. Gesagt hat er den Satz über das Immunsystem zwar, allerdings vor Monaten, in einem Interview mit dem Stern am 19. März. Es trägt den Titel „Ich bin entschieden gegen eine Ausgangssperre“. 

Facebook-Beitrag mit Zitat von Hendrik Streeck
Der Facebook-Beitrag mit dem Zitat von Hendrik Streeck (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Streeck wurde im Interview gefragt, ob Deutschland wie andere Länder eine Ausgangssperre erlassen sollte. Seine komplette Antwort: 

„Nein – das kann ich ganz klar sagen. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir Distanz wahren und so die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Aber wir tun gerade alles, um unserem Immunsystem zu schaden: Wir gehen weniger an die Sonne, bewegen uns kaum noch, ernähren uns womöglich auch noch schlecht. Wir müssen den Leuten doch die Möglichkeit geben, sich fit zu halten, gesund zu bleiben und ihr Immunsystem zu stärken. Darum bin ich ganz entschieden gegen eine Ausgangssperre.“ 

Eine Ausgangssperre wurde in Deutschland nie eingeführt

Am 19. März wurde in Deutschland noch darüber diskutiert, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Seit dem 10. März mussten bereits alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abgesagt werden. Am 22. März berichteten Medien von einem Beschluss der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten der Länder für ein Kontaktverbot. Dieses erlaubte es jedoch weiterhin, sich im Freien aufzuhalten, einzukaufen und individuell Sport zu treiben. 

Auch bei den aktuellen Corona-Maßnahmen, die seit dem 2. November gelten, ist der Aufenthalt draußen weiterhin erlaubt, ebenso wie Individualsport – so lange man sich dabei nur mit Personen aus dem eigenen oder einem weiteren Haushalt trifft. In Berlin ist es laut Medienberichten unter bestimmten Bedingungen auch erlaubt, dass sich Personen aus drei Haushalten weiterhin im Freien treffen dürfen.

Redigatur: Uschi Jonas, Till Eckert

Die wichtigsten öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Stern-Interview mit Hendrik Streeck: „Ich bin entschieden gegen eine Ausgangssperre“, online erschienen am 19. März 2020 (Link)
  • Beschluss der Bundesregierung vom 22. März 2020 (Link)
  • „Regeln und Einschränkungen“ seit dem 2. November 2020, Fragen und Antworten auf der Webseite der Bundesregierung (Link)
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