Faktencheck

Polio-Ausbruch in Afrika: In diesem Bericht fehlt wichtiger Kontext

Die Webseite „Corona-Transition“ schreibt, es habe kürzlich einen Polio-Ausbruch in Afrika gegeben, der auf Impfstoffe von Bill Gates zurückzuführen sei. Medien würden diesen „Gesundheitsskandal“ angeblich verschweigen. Das ist irreführend. Dem Artikel fehlt zudem relevanter Kontext über den Polio-Ausbruch – zum Beispiel die Anzahl der Fälle, um die es geht. 

von Alice Echtermann

Polio-Impfung
Ein Kind erhält eine Schluckimpfung gegen Polio. Solche oralen Impfstoffe werden seit einigen Jahren immer weniger verwendet. (Symbolbild: Sunday Alamba / picture alliance / AP Photo)
Behauptung
Die WHO habe am 1. September 2020 „zugegeben“, dass ein von Bill Gates finanzierter Impfstoff einen Ausbruch von Kinderlähmung in Afrika verursacht habe; Medien würden den „Gesundheitsskandal“ verschweigen.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Seit 2019 ist bekannt, dass es in Afrika wieder Polio-Fälle gibt, die auf Viren aus Impfstoffen zurückgehen; die WHO und Medien berichteten darüber. Die Fallzahlen pro Land sind im zweistelligen Bereich. Bill Gates’ Stiftung finanziert den Polio-Impfstoff laut WHO nicht.

In einem Artikel vom 6. September auf der Webseite „Corona-Transition“ wird über einen Ausbruch von Polio in Afrika berichtet. Die WHO habe am 1. September „zugegeben“, dass dieser auf abgeschwächte Viren in Impfstoffen zurückzuführen ist. Der Impfstoff wurde laut dem Bericht angeblich von Bill Gates finanziert. Die Medien würden den „Gesundheitsskandal“ verschweigen, heißt es weiter.

Der Artikel kursierte auch auf Facebook, zum Beispiel hier in einem Beitrag, der 1.500 Mal geteilt wurde. Ursprünglich stammt die Behauptung offenbar von der Webseite 21st Century Wire, die am 4. September einen nahezu identischen Text veröffentlicht hatte. 

Nach Recherchen von CORRECTIV lassen die Berichte wesentlichen Kontext aus. Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Bill Gates und den Impfungen. Medien berichteten über die Polio-Fälle in Afrika, die bereits seit 2019 bekannt sind.


Hinter „Corona-Transition“ steckt ein Verein aus der Schweiz, verantwortlich für die Inhalte ist laut der Webseite der Journalist Christoph Pfluger. „Corona-Transition“ hat in der Vergangenheit bereits irreführende Behauptungen zur Corona-Pandemie verbreitet. 

Die Weltgesundheitsorganisation berichtete über den Polio-Ausbruch in Afrika

Als Beleg für den „Polio-Ausbruch“ werden im Text ein Guardian-Artikel vom 28. November 2019 und eine Mitteilung der WHO vom 1. September 2020 genannt. In beiden ist tatsächlich die Rede von einem Ausbruch von Polio in Afrika, der auf einen Impfstoff-Virenstamm zurückzuführen sei. Von Bill Gates ist jedoch nicht die Rede. Der Guardian schrieb 2019 über neun Fälle in vier afrikanischen Ländern. 

Die WHO schreibt, sie sei am 9. August vom Gesundheitsministerium des Sudan informiert worden, dass Fälle von sogenannter Impfstoff-basierter Polio (circulating vaccine-derived poliovirus type 2, cVDPV2) im Land gefunden wurden. Zwei Fälle von Lähmungen (Acute Flaccid Paralysis, AFP) seien bei Kindern entdeckt worden. Das Poliovirus sei genetisch verwandt mit einem Virus, das bereits zuvor im Chad kursierte. 

2020: Bisher 39 Fälle von Kinderlähmung im Sudan

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmungen führt. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die „Global Polio Eradication Initiative“ gegründet, der sich später auch die „Bill & Melinda Gates Foundation“ anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war nach eigenen Angaben die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oral verabreichter Impfstoff (OPV).

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 Fälle im Jahr 2019. Die ursprünglichen Polio-Virenstämme, die durch Impfungen fast ausgerottet wurden, werden auch als „wilde“ Polioviren bezeichnet. Es gibt aktuell Fälle wilder Polio nur noch in Afghanistan und Pakistan

Laut WHO wird im Sudan seit 1994 gegen Polio geimpft. Wie Unicef berichtete, wurde das Land 2015 für Polio-frei erklärt. Der jüngste Ausbruch sei jedoch auf Viren aus Impfstoffen zurückzuführen; bisher gab es dieses Jahr 39 Fälle (Stand 11. November). 

Viren aus oralen Polio-Impfstoffen können in seltenen Fällen Erkrankung verursachen

In den oralen Polio-Impfstoffen ist ein abgeschwächtes Virus vorhanden; in seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass dieses Impfstoff-Virus selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO auf ihrer Webseite. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und in Gemeinschaften mit schlechten Hygienebedingungen und geringer Immunität könnten sie anfangen, über viele Monate zu zirkulieren. Mit der Zeit verändere sich der Erreger, er mutiere und könne selbst zur Gefahr werden und Lähmungen verursachen. Man spricht von „circulating vaccine-derived poliovirus (cVDPV)“. 

Die weltweiten Fallzahlen sind relativ gering, 2020 jedoch deutlich höher als im Vorjahr. Insgesamt sind im Datenportal der WHO für dieses Jahr bereits mehr als 600 Fälle von cVDPV weltweit zu finden, 2019 waren es insgesamt 378. Die Zahlen in den afrikanischen Ländern liegen 2020 jeweils im zweistelligen Bereich.

Medien berichteten über die Entwicklung in Afrika

„Corona-Transition“ erwähnt keine konkreten Fallzahlen und behauptet, der „Gesundheitsskandal“ würde von den Medien verschwiegen. Gegen letzteres spricht schon der von „Corona-Transition“ selbst verlinkte Bericht des Guardian. Eine sehr breite Aufmerksamkeit erfährt das Thema nach Recherchen von CORRECTIV in Deutschland zwar nicht, aber das Ärzteblatt (August) und der Deutschlandfunk (Oktober) berichteten kürzlich darüber. Die Seite Spektrum der Wissenschaft schrieb am 2. November, die WHO erwäge eine Notfallzulassung für einen neuen Impfstoff gegen cVDPV. 

Auch Unicef gab im September eine Pressemitteilung zum Sudan heraus. Die WHO informiert zudem seit Jahren über cVDPV. 

Wegen des Risikos von cVDPV werden orale Polio-Impfstoffe immer weniger eingesetzt. Denn es gibt auch Impfstoffe, die keine abgeschwächten Viren enthalten, sondern komplett inaktivierte Viren (IPV-Impfung). Diese Impfstoffe werden nicht oral verabreicht, sondern gespritzt. In den USA werden laut CDC seit 2000 nur noch IPV-Impfstoffe verwendet, um das Risiko von „Impfstoff-basierter Polio“ zu eliminieren. Auch in Deutschland wird laut RKI seit 1998 empfohlen, IPV-Impfstoffe zu verwenden. Diese seien inzwischen in ganz Europa Standard.

Dass die Verbindung zu Bill Gates betont wird, ist irreführend

Auf unsere Anfrage teilte die Pressestelle der WHO per E-Mail mit, der Impfstoff im Sudan sei nicht von der „Bill & Melinda Gates Foundation“ finanziert worden. „Es ist derselbe OPV [Anmerkung der Redaktion: oraler Polio-Impfstoff], der seit seiner Entwicklung in den 1960er-Jahren weltweit im Einsatz ist und dessen weitreichender Einsatz mehr als 650.000 Fälle von Polio weltweit jedes Jahr verhindert.“  

E-Mail der WHO
Die E-Mail der Pressestelle der WHO. (Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat bereits darüber berichtet, dass Bill Gates von Impfgegnern immer wieder – und ohne Belege – persönlich für angebliche Schäden durch Impfungen verantwortlich gemacht wird. Seine Stiftung ist jedoch längst nicht der einzige Geldgeber der „Polio Eradication Initiative“. In den Jahren 1985 bis 2019 kam das meiste Geld (38 Prozent) nach Angaben der Initiative von den G7-Ländern und der Europäischen Kommission.

Redigatur: Sarah Thust, Till Eckert

Die wichtigsten öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • WHO-Pressemitteilung zu cVDPV2 im Sudan, 1. September 2020 (Link)
  • Informationen der WHO zu Poliomyelitis allgemein (Link)
  • Fragen und Antworten der WHO zu Impfstoff-basierter Polio (cVDPV) (Link, englisch)
  • Datenportal der WHO mit Fällen von AFP / Polio weltweit seit 2000 (Link)
  • Fragen und Antworten des Robert-Koch-Instituts zur Impfung gegen Polio (Link)
  • Informationen der Polio Eradication Initiative: zur Finanzierung 1985-2019 (Link), zu weltweiten Polio-Fällen (Link) und dem Sudan (Link)

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