Faktencheck

Bewohner eines Pflegeheims in Andalusien starben an Covid-19 – nicht an der Impfung

Eine Schweizer Webseite bringt zahlreiche Todesfälle in einem Pflegeheim in Spanien mit der Impfung gegen das Coronavirus in Verbindung. Tatsächlich starben die Bewohnerinnen und Bewohner jedoch an Covid-19. Die Krankheit war dort kurz nach der ersten Dosis ausgebrochen, als noch kein Impfschutz bestand.

von Alice Echtermann

Coronavirus - Impfungen in Altenheim
In einem Pflegeheim in Los Barrios (Spanien) wurden die Bewohner gegen Covid-19 geimpft. Kurz nach der ersten Dosis brach dort Covid-19 aus – die Impfung hatte ihre Wirkung noch nicht entfalten können. (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Sebastian Gollnow)
Behauptung
In einem Pflegeheim in Los Barrios, Cádiz, sei die zweite Impfung gegen Covid-19 ausgesetzt worden, nachdem 46 Menschen nach Erhalt der ersten Dosis gestorben seien.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Der Text erweckt den Eindruck, die Menschen seien aufgrund der Impfung gestorben – das ist nicht der Fall. Sie starben an Covid-19. Eine mRNA-Impfung kann kein Covid-19 auslösen.

Die Webseite Uncut News schreibt in einem Artikel vom 7. Februar, in einem Pflegeheim in Andalusien (Spanien) seien die Impfungen gegen Covid-19 nach dem Tod von 46 Menschen ausgesetzt worden. In der Einleitung des Textes heißt es: „Weltweit kann man davon ausgehen das schon tausende an den folgen der Impfung gestorben sind [sic]. Von Big-Pharma wird natürlich der Zusammenhang der Todesfälle mit der kurz vorher verabreichten Impfung immer bestritten.“

Damit führt der Artikel in die Irre. Es wird behauptet, die Menschen in dem Pflegeheim seien wegen der Impfungen gestorben. Tatsächlich starben die Menschen aber an Covid-19. Dass das Coronavirus in dem Pflegeheim ausgebrochen ist, wird bei Uncut News lediglich am Rande erwähnt, und zudem mit den Worten relativiert, der Ausbruch sei „verdächtigerweise nach der Kampagne der ersten Dosis“ aufgetreten. mRNA-Impfstoffe können jedoch kein Covid-19 auslösen. 

Ausbruch des Coronavirus im Pflegeheim wurde im Januar in Spanien entdeckt 

Konkret geht es in dem Text um das Pflegeheim Nuestra Señora del Rosario in der Stadt Los Barrios (in der Provinz Cádiz und der Region Andalusien). Als Quelle wird von Uncut News ein spanischer Bericht von ABC Andalucía vom 4. Februar verlinkt. Dieser belegt jedoch keinen Zusammenhang mit der Impfung – im Gegenteil. Er trägt die Überschrift: „Ein Ausbruch in einer Residenz in Los Barrios verursacht 46 Todesfälle durch Coronavirus“. 


In dem Artikel steht, der Ausbruch sei am 12. Januar entdeckt worden. Die Impfkampagne war kurz zuvor gestartet und die Bewohner hatten die erste Dosis des Impfstoffes von Biontech und Pfizer erhalten. Die zweite Impfdosis sei aufgrund der Pandemie ausgesetzt worden.

Es gibt weitere spanische Medienberichte über den Ausbruch in dem Pflegeheim. Zum Beispiel von El País, El Mundo und Europa Sur. Sie stimmen mit dem Artikel von ABC Andalucía überein. Wir haben zudem beim Ministerium für Gesundheit der Junta de Analucía in Spanien nachgefragt, aber bisher keine Antwort erhalten (Stand: 16. Februar). 

mRNA-Impfstoff kann keine Covid-19-Erkrankung auslösen

El País berichtete am 5. Februar, insgesamt seien 115 Menschen mit dem Coronavirus infiziert worden. Von 72 infizierten Bewohnerinnen und Bewohnern seien 46 gestorben. Es steckten sich jedoch auch 43 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Virus an. 

Die Bewohner hätten die erste Impfung am 5. Januar erhalten und noch nicht die notwendige Immunität entwickeln können, hieß es bei El País weiter. Der Artikel zitierte zudem Begoña López von der Sociedad Andaluza de Epidemiología mit den Worten: „Die Infektionen können nicht als Auswirkungen der ersten Dosis des Impfstoffs fehlinterpretiert werden, da die Impfungen die Krankheit nicht hervorrufen können.“ 

Dazu muss man wissen: Der Impfstoff von Biontech und Pfizer enthält selbst keine Viren (weder lebend noch abgeschwächt). Es handelt sich um einen mRNA-Impfstoff. Er enthält lediglich die genetische Information für ein Oberflächenprotein des Coronavirus. Diese Information wird von menschlichen Zellen ausgelesen, und die Zelle produziert daraufhin nur das Protein – und nicht den kompletten Erreger. Das Immunsystem entwickelt dann Abwehrstoffe gegen das Virusprotein. 

Auch Till Koch, Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), erklärt uns auf Nachfrage: „mRNA-Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 können keine Erkrankung (Covid-19) auslösen, weil diese nur einen kleinen Bruchteil des Virus enthalten, und zwar das Spike-Protein (S). Um Covid-19 auszulösen, muss sich SARS-CoV-2 vermehren und immer neue Zellen infizieren. Und um sich zu vermehren, also infektiöse Partikel (Virionen) herzustellen, brauchen Viren alle ihre Proteine […] und ihr vervielfältigtes Erbgut, all dies ist im Impfstoff aber nicht enthalten.“

Die Schutzwirkung der Impfung tritt laut Robert-Koch-Institut erst etwa zehn Tage nach der ersten Impfdosis ein. Für einen kompletten Schutz seien bei dem Pfizer/Biontech-Impfstoff zwei Impfdosen im Abstand von mindestens drei Wochen nötig. 

In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Immunologie von Anfang Januar 2021 heißt es zum Biontech-Impfstoff: „Der Impfschutz beginnt frühestens 14 Tage nach der ersten Impfung und die hohe Effizienz von 94% bzw. 95% wurde erst ab Tag 7 bzw. 14 nach der zweiten Impfung dokumentiert.“

Redigatur: Sarah Thust, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Artikel von ABC Andalucía in Spanien: Link
  • Artikel von El País in Spanien: Link
  • Fakten zur mRNA-Schutzimpfung gegen Covid-19 vom Robert-Koch-Institut und dem Harding-Zentrum für Risikokompetenz: Link

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