Faktencheck

Nein, Nina Hagen hat in einem Songtext nicht unsere heutige Gesellschaft mit dem Dritten Reich gleichgesetzt

In einem Facebook-Beitrag wird ein Songtext von Nina Hagen durch frei erfundene Sätze ergänzt. Darin kommen mehrere Vergleiche zwischen der Bundesregierung und der nationalsozialistischen NSDAP vor, die der Sängerin als angebliches Zitat zugeschrieben werden. Die Textstellen kommen im Lied jedoch nicht vor.

von Steffen Kutzner

Nina Hagen unterstützt Psychiatrie-Patientin
Nina Hagen hat angeblich in einem Lied von Bertolt Brecht die Bundesregierung mit der NSDAP, und das Ordnungsamt mit der SA gleichgesetzt. Das Zitat ist frei erfunden. (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Armin Weigel)
Behauptung
Nina Hagen habe in einem Liedtext die Bundesregierung mit der NSDAP, das Ordnungsamt mit der SA und verschiedene Medien mit dem Stürmer gleichgesetzt.
Bewertung
Frei erfunden
Über diese Bewertung
Frei erfunden. Nina Hagen hat ein Lied von Bertolt Brecht gesungen. Die Textteile kommen darin nicht vor.

Laut einem Facebook-Beitrag stammt dieser Text von Nina Hagen: „Was früher die SA war, nennt man heute Ordnungsamt. Früher hießen die Landräte Gauleiter, sie verhalten sich heute genauso. Es war früher die NSDAP […] heute heißen sie CDU, SPD, FDP, Grüne, AFD. […] Heute heißt es, warum haben unsere Eltern und Großeltern früher nichts gemacht? Das sieht man heute. Die Masse ist wie hypnotisiert. Angst Angst Angst. Früher hieß die Zeitung Der Stürmer, heute Bild, Spiegel, Focus.“ 

Der Facebook-Beitrag beginnt mit den Worten „Nina Hagen positioniert sich deutlich“. Später heißt es, sie singe einen Text von Bertolt Brecht. Der Beitrag wurde mehr als 1.400 Mal geteilt und enthält einen Link zu einem Video von einem Auftritt Hagens. 

Bei Nina Hagens Auftritt gab es einige der genannten Akteure noch gar nicht

Der Facebook-Beitrag besteht aus einem langen Text, der komplett als Zitat Nina Hagen zugeschrieben wird. Doch nur der erste Teil („Sie haben Gesetzbücher und Verordnungen“) stammt tatsächlich aus einem ihrer Lieder. Ungefähr ab der Hälfte des Facebook-Beitrags wurden neue Textstellen hinzugefügt. Die Passagen über die NSDAP und Medien wie Focus und Spiegel sind erfunden. Sie stammen weder von Nina Hagen noch von Bertolt Brecht. 


Das verlinkte Youtube-Video von Nina Hagens Auftritt wurde 2010 auf Youtube hochgeladen und ist damit offensichtlich vor der Gründung der AfD im Jahr 2013 entstanden. Einem anderen Video auf Youtube zufolge stammt das Material aus einer Show im Jahr 1986 und entstand somit auch vor der Gründung des Magazins Focus im Jahr 1993. Nina Hagen kann diese Worte also damals nicht gesungen haben. 

Nina Hagen sang ein Lied aus einem Theaterstück von Bertolt Brecht aus den 1930er-Jahren 

Tatsächlich stammt das Lied „Im Gefängnis zu singen“, das Nina Hagen in dem Video vorträgt, aus dem 1932 uraufgeführten Theaterstück „Die Mutter“ von Bertolt Brecht (ab Stunde 1:10:19). Es singt ein junger Fabrikarbeiter, der im Gefängnis sitzt, weil er kommunistische Flugblätter gedruckt hatte, die  zu einem Streik aufrufen.

Auf der offiziellen Facebook-Seite von Nina Hagen wurde kürzlich ein längerer Beitrag über die Corona-Pandemie veröffentlicht, der unter anderem auch diesen Songtext von Bertolt Brecht enthielt. Das Zitat wird dort allerdings Brechts 1956 uraufgeführtem Theaterstück „Die Tage der Commune“ zugeschrieben. NSDAP-Vergleiche sind in diesem Beitrag nicht zu finden.  

Redigatur: Alice Echtermann, Sarah Thust

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Video vom Auftritt Nina Hagens (vermutlich 1986): Link
  • Hörspiel von Brechts Stück „Die Mutter“ (Lied bei 1:10:19): Link

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