Faktencheck

Covid-19: Keine Belege, dass das durch eine mRNA-Impfung produzierte Spike-Protein „toxisch“ wirkt

Aussagen des kanadischen Immunologen Byram Bridle verbreiten sich in zahlreichen deutschsprachigen Blogs. Bridle behauptet, das bei einer mRNA-Covid-19-Impfung entstehende Spike-Protein sei toxisch, also giftig, und könne Gewebe- und Organschäden verursachen. Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege.

von Uschi Jonas

Es gibt keine Belege, für die von dem kanadischen Immunologen aufgestellte Behauptung, das vom Körper nach einer Covid-19-Impfung produzierte Spike-Protein sei toxisch (Symbolbild: Picture Alliance/ DPA / Fabian Sommer)
Es gibt keine Belege, für die von dem kanadischen Immunologen aufgestellte Behauptung, das vom Körper nach einer Covid-19-Impfung produzierte Spike-Protein sei toxisch (Symbolbild: Picture Alliance/ DPA / Fabian Sommer)
Behauptung
Das bei mRNA-Covid-19-Impfungen produzierte Spike-Protein sei toxisch und könne Gewebe- und Organschäden verursachen.
Bewertung
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass das vom Körper bei einer mRNA-Impfung produzierte Spike-Protein eine Gesundheitsgefahr darstellt.

Auf mehreren deutschsprachigen Blogs und auf Youtube werden Aussagen des kanadischen Immunologen Byram Bridle verbreitet. Sie basieren auf einem Radio-Interview, das Bridle am 28. Mai 2021 mit der kanadischen Journalistin Alex Pierson geführt hatte. Bridle sagt darin, er sei „pro-Impfen“, aber stellt dann mehrere Behauptungen auf, denen zufolge das Spike-Protein, das im Körper nach einer Impfung mit einem mRNA-Covid-19-Impfstoff produziert wird, gefährlich sei. Es gelange ins Blut, zirkuliere im Organismus und könne Blutgefäße, Organe und Gewebe schädigen. Denn das Spike-Protein sei angeblich toxisch: „Wenn wir also Menschen impfen, impfen wir sie versehentlich mit einem Giftstoff“, so Bridle. 

Auch im englischsprachigen Raum verbreiteten sich Bridles Aussagen in Blogs und in Sozialen Netzwerken. Die Faktenchecker von Politifact und Health Feedback bezeichnen sie als nicht wissenschaftlich belegt und irreführend. Auch wir kommen nach Gesprächen mit einem Virologen und einem Immunologen zu diesem Schluss.

Bridle kündigte an, bald „wissenschaftliche Informationen“ zu seiner Behauptung zu veröffentlichen

Belege für seine Aussagen lieferte Bridle in dem Interview nicht. Er kündigte an, er habe „wissenschaftliche Informationen zusammengetragen“, die er veröffentlichen wolle. Wir haben Bridle am 10. Juni kontaktiert, aber als Rückmeldung nur eine automatisierte Antwort-Nachricht erhalten. Darin schreibt Bridle, dass er aktuell keine Presseanfragen beantworte und sich aktuell zahlreichen Angriffen in Folge des Radiointerviews ausgesetzt sehe. Er schreibt, seine Aussagen seien „objektiv“ gewesen und basierten auf „zahlreichen verlässlichen wissenschaftlichen Quellen“.


Hierfür verweist er auf ein Dokument der „Canadian Covid Care Alliance“, in dem ähnliche Aussagen über das Spike-Protein getroffen werden. Die „Canadian Covid Care Alliance“ bezeichnet sich selbst als „Allianz unabhängiger kanadischer Ärzte, Wissenschaftler und Gesundheitspraktiker“. Welche Personen genau dazu gehören, wird auf der Webseite der Organisation nicht klar. Ein Impressum existiert nicht, erreichbar ist die Allianz nur über Kontaktformulare. In dem Dokument sind einige wissenschaftliche Quellen verlinkt. Nach unseren Recherchen belegen sie jedoch Bridles Behauptungen nicht.

Diese automatisierte Nachricht erreichte uns als Antwort auf unsere E-Mail-Anfrage an Byram Bridle am 10. Juni 2021 (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Diese automatisierte Nachricht erreichte uns als Antwort auf unsere E-Mail-Anfrage an Byram Bridle am 10. Juni 2021 (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Was ist das Spike-Protein?

Das Spike-Protein ist ein Bestandteil von Sars-CoV-2. Das Virus nutzt das Protein, um an menschliche Zellen anzudocken und ihnen so zu vermitteln, das Virus aufzunehmen. Anders ausgedrückt: Das Coronavirus braucht das Spike-Protein, um eine Zelle befallen zu können, wie das Helmholtz-Zentrum auf seiner Webseite erläutert.

Die derzeit eingesetzten mRNA- und Vektorimpfstoffe gegen Covid-19 enthalten genetische Informationen des Coronavirus, die menschliche Körperzellen dazu anregen, selbst das Spike-Protein des Virus zu produzieren. Gegen dieses Protein bildet der Körper Abwehrstoffe, um später gegen das echte Virus SARS-CoV-2 geschützt zu sein.

Es gibt also einen Unterschied zwischen dem Spike-Protein des Coronavirus und den Spike-Proteinen, die der Körper selbst nach einer Covid-19-Impfung produziert.

Keine der Quellen, auf die Byram Bridle verweist, belegt seine Aussagen

In dem von Bridle in seiner automatischen Antwort-E-Mail angefügten Dokument der „Canadian Covid Care Alliance“ geht es vordergründig um Impf-Empfehlungen der Allianz für Kinder, Jugendliche und Mütter. Es sind mehrere Quellen verlinkt, die relevanten sind: 

  • Eine Studie, die den Zusammenhang von Covid-19-Erkrankungen und Thrombosen untersucht. Ihr zufolge haben das Virus und sein Spike-Protein in Tierstudien einen Einfluss auf die Blutgerinnung gezeigt.
  • Eine Studie, in der untersucht wird, ob das Coronavirus sich auch an Zellen von verschiedenen Tieren binden kann. Das Ziel war es, mehr über mögliche tierische Zwischenwirte des Virus zu erfahren. 
  • Ein wissenschaftlicher Artikel, der sich mit dem Zusammenhang des Spike-Proteins des Coronavirus und der Entstehung von Lungenerkrankungen beziehungsweise -schäden bei Covid-19-Patienten beschäftigt.
  • Eine Studie, die sich mit frei zirkulierenden Antigenen (darunter Spike-Proteine) im Blutplasma von mit dem Moderna-mRNA-Impfstoff geimpften Menschen beschäftigt (dazu später mehr).  
  • Eine Studie aus Japan, die sich mit der Verteilung von mRNA-Impfstoff-Bestandteilen im Organismus von Tieren beschäftigt (dazu später mehr).

Die „Canadian Covid Care Alliance“ argumentiert, dass nicht ausreichend erforscht sei, ob das Spike-Protein, das der Körper nach der Impfung produziert, gefährlich sein könnte. Einen Beleg für die Gefährlichkeit liefert das Dokument selbst nicht. 

Wie plausibel sind also Byram Bridles Thesen? Wir haben zwei Experten dazu befragt. 

1. Behauptung: Das durch eine mRNA-Impfung produzierte Spike-Protein könne in den Blutkreislauf und in die Muttermilch gelangen

Bridle sagt, es gebe Hinweise, dass das Spike-Protein, das der Körper nach der mRNA-Impfung bildet, nicht im Schultermuskel bleibt, sondern auch ins Blut gelangt. Das stimmt, zumindest legt eine Studie vom 20. Mai 2021 mit einer kleinen Zahl von geimpften Menschen dies nahe. 

Die Studie stammt aus den USA und wurde als Manuskript für das Journal Clinical Infectious Diseases akzeptiert, wird also demnächst in dem Journal veröffentlicht werden. Die Forschenden fanden frei zirkulierende Antigene – darunter Spike-Proteine – im Blutplasma von Personen, die mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna geimpft wurden. Insgesamt wurden 13 Personen untersucht. Nach der ersten Impfung war das Spike-Protein bei drei davon durchschnittlich bis zum 15. Tag nach der ersten Impfung nachweisbar. Nach der zweiten Impfdosis konnten bei keiner der 13 Personen mehr Antigene nachgewiesen werden. 

Wir haben darüber mit Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund, gesprochen. Am Telefon erklärt er: „Bei mRNA- und Vektorimpfungen wird der Bauplan für das Spike-Protein in die Zellen eingebracht. Der Impfstoff wird in den Muskel injiziert und überwiegend auch dort von den Muskelzellen aufgenommen. Dort werde das Spike-Protein in den Zellen produziert und sei dann auf der Oberfläche dieser Zellen gebunden, erklärt Watzl. 

Das Spike-Protein wird nicht in löslicher Form produziert, sondern hat einen sogenannten Membran-Anker, durch den es an die Zellen gebunden ist. Natürlich bleibt der Impfstoff nicht zu 100 Prozent im Oberarmmuskel, sondern verteilt sich auch etwas im Körper.Aber was sich davon im Körper verteile, seien irrelevant kleine Mengen, sagt Watzl. 

Studie aus Japan untersuchte, wie sich mRNA und Lipid-Nanopartikel aus Impfstoffen im Organismus verteilen

Bridle stützt seine Behauptung zudem vermutlich auf eine Studie aus Japan. So sagt er im Interview mit der Journalistin Pierson: „Durch unsere Anfrage bei der japanischen Zulassungsbehörde haben ich und einige internationale Mitarbeiter Zugang zu der sogenannten Biodistributionsstudie erhalten.“ Unter Biodistribution versteht man die Ausbreitung und Anreicherung eines Impfstoffes im Organismus. 

Bridle sagt, die Studie zeige, dass der mRNA-Impfstoff nicht im Schultermuskel bleibe und wiederholt darauf basierend die Aussage, das Spike-Protein gelange ins Blut.  

Immunologe Carsten Watzl stellt jedoch klar, dass in der Studie aus Japan überhaupt kein Spike-Protein injiziert worden sei. Stattdessen sei an Ratten untersucht worden, wie sich die mRNA und die Lipid-Nanopartikel (LNP, das sind Fettkügelchen, in die die mRNA der Impfstoffe verpackt wird, um sie zu transportieren) im Körper verteilen. „Dazu wurde nicht der eigentliche Impfstoff verwendet, sondern abgewandelte Formen.“ Hinzu komme, dass den Versuchstieren viel größere Mengen injiziert worden seien, als es bei einer Impfdosis der Fall ist.

Wie aus einem Bericht der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA hervorgeht, wurde die Studie aus Japan zudem auch bei der Zulassung des mRNA-Impfstoffs Comirnaty von Biontech/Pfizer begutachtet. In dem Bericht wird ebenfalls darauf hingewiesen, dass bei solchen Studien, mit denen auch die Toxizität eines Impfstoffes untersucht wird, eine hundertfach bis tausendfach höhere Dosis verabreicht wird, als beim Menschen. Die EMA hat dem Impfstoff bekanntlich im Dezember 2020 eine bedingte Zulassung erteilt und die Anwendung somit für sicher befunden. 

Keine Belege, dass mRNA-Impfstoff-Bestandteile über Muttermilch übertragen werden

Darüber hinaus behauptet Bridle, wissenschaftliche Untersuchungen hätten gezeigt, dass die mRNA-Impfstoffe und somit auch das Spike-Protein über die Muttermilch an Säuglinge übertragen würden. Auch diese Behauptung ist unbelegt. Immunologe Carsten Watzl erklärt, damit das Spike-Protein in die Muttermilch gelange, müsste man große Mengen davon im Blut haben. „Das ist bei den Impfungen aber nicht der Fall, weil es zellgebunden ist.“ Auch der Virologe Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen, sagt gegenüber CORRECTIV.Faktencheck, dass er ein „relevantes Risiko“ für unwahrscheinlich halte.

Auch ist in zwei Studien die bislang nur als sogenannte Preprints erschienen sind und folglich noch nicht von anderen Forschenden geprüft wurden untersucht worden, ob die mRNA, sprich ein Bestandteil des Impfstoffes selbst, in der Muttermilch landen kann. Das Ergebnis: Die mRNA des Impfstoffes von Biontech/Pfizer kann nicht über die Muttermilch an Kinder übertragen werden. 

2. Behauptung: Das durch eine Impfung produzierte Spike-Protein sei toxisch und könne Gewebe- und Organschäden verursachen und unfruchtbar machen

Bridle behauptet im Interview, man habe einen „großen Fehler“ gemacht: „Wir dachten, das Spike-Protein sei ein großartiges Ziel-Antigen. Wir wussten nicht, dass das Spike-Protein selbst ein Toxin ist […]“. Aus der These, das Spike-Protein könne nach einer mRNA-Impfung in den Blutkreislauf gelangen, leitet Bridle ab, es könne zu Schäden im Herz-Kreislauf-System, Gerinnungsstörungen oder Organschäden führen. Daraus schlussfolgernd wirft Bridle die Frage auf: „Werden wir junge Menschen unfruchtbar machen?“ 

Für seine Behauptungen gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Covid-19-Impfungen zu Unfruchtbarkeit führen könnten. In einer Preprint-Studie vom 1. Juni 2021 (die noch nicht abschließend geprüft wurde) wurde zum Beispiel untersucht, ob sich der Impfstoff von Biontech auf die Fruchtbarkeit von Frauen auswirkt. Man fand keine Auffälligkeiten. 

Die Behauptung, das Spike-Protein sei gefährlich, leitet sich mutmaßlich aus verschiedenen Untersuchungen dazu ab. Im März erklärte zum Beispiel das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in einer Pressemitteilung, dass Studien belegen würden, dass „schon geringste Mengen des Spike-Proteins“ in Zellkulturen ausreichen würden, um „infizierte und nicht infizierte Zellen verschmelzen und absterben zu lassen“. 

Watzl: Durch das bei einer Impfung produzierte Spike-Protein werden keine Schäden verursacht

Laut dem Immunologen Carsten Watzl gab es dazu Versuche, in denen Nagetieren das Spike-Protein verabreicht wurde. „Die Dosis macht das Gift“, erklärt er. Wenn man große Mengen injiziere, könne das durchaus Effekte auslösen. In einer wissenschaftlichen Untersuchung sei das Spike-Protein zum Beispiel als lösliches Protein in Mäuse injiziert worden: „Hier zeigten sich Schäden an der Lunge und eine Entzündungsreaktion ähnlich wie bei Covid-19.“

„Aber das ist kein Prozess, der bei den Impfungen in irgendeiner nennenswerten Weise ausgelöst würde“, sagt Watzl. Durch die Impfung könne dahingehend nichts Gefährliches passieren. Denn das Spike-Protein sei an die Zellmembranen gebunden. „Natürlich kommt beispielsweise über die Lymphgefäße etwas vom Impfstoff in die Lymphknoten. Aber da soll es auch hin, denn dort soll die Immunreaktion ausgelöst werden. Vielleicht kommt auch ein bisschen in die Leber und muss abgebaut werden. Aber wir reden hier von so kleinen Mengen, dass davon keine Gesundheitsgefahr ausgeht.“  

Das erklärte auch der Chemiker Derek Lowe kürzlich gegenüber dem MDR: Das Spike-Protein, das bei einer Impfung entsteht, sei so verändert worden, dass es nicht an die Rezeptoren im Körper binden könne und folglich an den Zellen verbleibe.   

Selbst wenn kleine Mengen mRNA oder Spike-Protein ins Blut oder die Organe gelangen, gebe es aus Studien, die vor der Zulassung des Impfstoffes untersucht wurden, keine Hinweise, dass dies schädlich sei, sagte auch Klaus Cichutek, Direktor des PEI, gegenüber dem MDR

Auch der Virologe Friedemann Weber hält Bridles Behauptungen für wenig plausibel: „Jeder Impfstoff-Kandidat muss erst mal strenge Prüfungen in Bezug auf Toxizität durchlaufen, und auch nach der Zulassung wird fortlaufend auf die Sicherheit geachtet.“ Wenn das von Bridle gezeichnete „Horrorszenario“ zutreffen würde, wären die Impfstoffe nicht zugelassen worden, schreibt Weber. Er ergänzt: „Auch die zahlreichen klinischen Studien haben keine solchen dramatischen Schäden offenbart.“

Verbindung zwischen Spike-Protein und Sinusvenenthrombosen bei Vektorimpfstoffen?

Der einzige Effekt, der in diesem Zusammenhang diskutiert wird, betrifft mögliche Nebenwirkungen der Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson.

Hier wurden als seltene Nebenwirkungen Sinusvenenthrombosen beobachtet. Wissenschaftler versuchen aktuell herauszufinden, was die Ursache dafür sein könnte. Immunologe Watzl sagt, dass es mit der durch die Vektorimpfstoffe ausgelöste mRNA-Produktion im Körper zusammenhängen könnte. Durch den sogenannten Spleißing-Prozess könnten dabei theoretisch auch lösliche Formen des Spike-Proteins entstehen. „Aber auch hier reden wir über einen äußerst geringen Prozentsatz“, sagt Watzl.  

Darüber, dass dies der mögliche Auslöser für Thrombosen sein könnte, wurde im Mai auch ein Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung veröffentlicht. Laut Watzl ist die Frage aber noch nicht geklärt. „Und auch wenn, würde das immer noch nicht erklären, warum das bei so wenig Leuten auftritt. Wenn jeder große Menge von diesem löslichen Spike-Protein produzieren würde, würde ja jeder von dieser Nebenwirkung betroffen sein.“

3. Behauptung: Das Spike-Protein von Sars-CoV-2 sei die alleinige Ursache für Blutgefäß-Schäden bei Covid-19-Patienten

Hierfür nennt Bridle keine Quellen. Der Virologe Friedemann Weber erläutert, er vermute, dass sich Bridle auf eine Studie in dem Magazin Circulation Research von Ende Mai bezieht, die sich mit der Wirkung des Spike-Proteins auf Hamster beschäftigt. Sie wurde in mehreren deutschen Medienberichten (hier, hier und hier) aufgegriffen. 

In der Studie stellen die Forscher die These auf, dass es sich bei Covid-19 nicht um eine Atemwegserkrankung, sondern um eine Gefäßerkrankung handele. Die Forschenden haben ein „Pseudovirus“ erzeugt, das von Spike-Proteinen von Sars-CoV-2 umgeben war, aber kein „echtes“ Coronavirus enthielt. Da es bei mit diesem Pseudovirus durchgeführten Tierversuchen dennoch zu Schäden an Gefäßen und Organen kam, schlussfolgern die Forschenden, dass das Spike-Protein alleine genüge, um Schäden zu verursachen.

Weber bezeichnet die Studie als „schlecht gemacht“. Er schreibt: „Es ist unklar, was genau diese Pseudoviren sind, und was sie außer dem Spike noch exprimieren oder an sonstiger biologischer Aktivität haben.“ Zudem würden sich die Autoren selbst widersprechen, erklärt Weber, da sie einerseits von einem „nicht-infektiösen Pseudovirus“ schreiben, andererseits aber die Menge an Virus als „infektiöse Partikel“ angeben würden. 

Experten: Es ist nicht wissenschaftlich belegt, dass das Spike-Protein des Coronavirus allein für Blutgefäß-Schäden verantwortlich ist

Auch sei nicht klar, was als Kontrollvirus in der Kontrollgruppe verwendet wurde, sagt Weber. Falls das Kontrollvirus eines sei, das die Endothelzellen (die innerste Zellschicht der Blutgefäße) ähnlich effizient infiziere wie das „Pseudovirus“, dann könne das durchaus bedeuten, dass das Spike-Protein solche Schäden verursache. „Ob es bei Covid-19 Patienten aber alleinig dafür verantwortlich ist (was ich nicht glaube), kann man aus den Daten immer noch nicht schließen.“ 

Es sei aber nicht überprüft worden, ob das Kontrollvirus dazu in der Lage sei. Falls es die Zellen nicht so gut infizieren könne, könne man aus den Experimenten keine konkreten Schlussfolgerungen ziehen, so Weber. 

Der Immunologe Carsten Watzl sagt, dass das Spike-Protein sicherlich Teil des Mechanismus bei einer Covid-19-Erkrankung sei, der zu Blutgefäß-Schäden führen könne. „Aber wir wissen mittlerweile auch, dass gerade bei den schweren Covid-19-Fällen am Ende gar nicht mehr das Virus selber das ist, was krank macht, sondern die Patienten an einer überschießenden Immunantwort leiden.“ Deshalb wirkten bei den Leuten, die mit einer schweren Covid-19-Infektion in der Klinik landen, keine antiviralen Mittel mehr, sondern es würden Medikamente eingesetzt, die das Immunsystem unterdrücken. 

Das zeige, dass die Schäden bei Covid-19 nicht nur alleine durch das Virus ausgelöst werden, sondern im Zusammenspiel mit der Immunantwort. „Und auch eine Immunantwort kann Gefäßschäden verursachen und eine Blutgerinnung auslösen. Zu sagen, das Spike-Protein sei der einzige gefährliche Mechanismus, den das Virus hat, ist somit falsch“, sagt Watzl.

Fazit: Bridles Behauptungen sind unbelegt

Für Byram Bridles Behauptungen, das nach einer mRNA-Covid-19-Impfung im Körper produzierte Spike-Protein sei giftig und verursache Gewebe- und Organschäden, gibt es keine wissenschaftlichen Belege. 

Erkenntnisse über das Spike-Protein, das ein natürlicher Bestandteil des Coronavirus ist, lassen sich nicht einfach auf das Spike-Protein übertragen, das der Körper selbst bei einer Impfung produziert. 

Experten sagen, von dem durch eine mRNA-Impfung produzierten Spike-Protein gehe keine Gefahr aus, weil es einerseits an Zellen gebunden und nicht löslich sei und sich andererseits, wenn überhaupt, nur in geringsten Mengen im Körper verteile. 

Redigatur: Alice Echtermann, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Pressemitteilung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vom März 2021 zur Rolle des Spike-Proteins bei einer Covid-19-Erkrankung: Link
  • Artikel der Pharmazeutischen Zeitung über den möglichen Zusammenhang des Spike-Proteins und dem Auftreten von Sinusvenenthrombosen: Link
  • Hinweise der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Nationalen Stillkommission (NSK) zur Impfung stillender Mütter: Link
  • Publikation im Magazin Circulation Research, in der Hamster mit einem Pseudovirus mit Spike-Proteinen infiziert wurden (Mai 2021): Link




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