Faktencheck

Keine Belege, dass gegen Covid-19 Geimpfte genauso ansteckend sind wie Ungeimpfte

Sind mit dem Coronavirus infizierte Geimpfte genauso ansteckend wie Ungeimpfte? Diese Behauptung kursiert aktuell, lässt sich durch den derzeitigen Forschungsstand aber nicht belegen. Studien deuten darauf hin, dass sich Geimpfte seltener infizieren und das Virus über einen kürzeren Zeitraum übertragen können als Ungeimpfte.

von Nikolas Kill

Impfen in der Wilhelma - „Impfen unter Palmen“
Ein Mann wird gegen das Coronavirus geimpft (Symbolfoto: Christoph Schmidt)
Behauptung
Es gebe Studien, die belegen, dass gegen Covid-19 Geimpfte genauso ansteckend seien wie Ungeimpfte.
Bewertung
Unbelegt. Studien deuten darauf hin, dass sich Geimpfte seltener mit dem Coronavirus infizieren als Ungeimpfte. Im Fall einer Infektion kann die Viruslast tatsächlich genauso hoch sein. Sie nimmt jedoch offenbar schneller wieder ab, was darauf hindeuten könnte, dass diese Menschen kürzere Zeit ansteckend sind.

Angesichts der fortgeschrittenen Covid-19-Impfkampagne begleitet die Frage nach dem Umgang mit geimpften und ungeimpften Menschen seit einiger Zeit die Debatten um die Corona-Schutzmaßnahmen in Deutschland. Neben ethischen Aspekten wie der Frage, ob man Vorschriften ausschließlich für vollständig Geimpfte lockern dürfe, kommen nun auch vermehrt epidemiologische Fragen auf: Wie häufig infizieren sich Geimpfte mit dem Coronavirus? Und können sie das Virus auch übertragen? 

Geimpfte seien laut Studien genauso ansteckend wie Ungeimpfte, hieß es in dem Facebook-Beitrag eines Kreisverbands der Partei Die Basis, die sich gegen die Corona-Maßnahmen und Impfungen ausspricht. Der am 14. August veröffentlichte Beitrag wurde auf Facebook bisher rund 500 Mal geteilt. Es kursieren derzeit mehrere Beiträge im Netz mit ähnlichen Behauptungen. Um zu überprüfen, ob sie stimmen, haben wir uns aktuelle Studien zu dem Thema angesehen und mit einem Virologen gesprochen. 

Auch Geimpfte stecken sich mit dem Coronavirus an

Da die Covid-19-Impfstoffe laut Robert-Koch-Institut (RKI) keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus bieten, ist schon länger klar, dass sich auch Geimpfte anstecken können. Die Impfung führe nicht zu einer „sterilen Immunität“ – also dem Schutz sowohl vor einer Erkrankung als auch vor der Infektion –, sondern schütze lediglich vor Covid-19-typischen Symptomen im Falle einer Infektion, erklärte uns RKI-Sprecherin Ronja Wenchel bereits für einen anderen Faktencheck im August. 


Seit Beginn der Impfkampagne erfasst das RKI die „wahrscheinlichen Impfdurchbrüche“ in Deutschland. Im Situationsbericht vom 16. September heißt es dazu auf Seite 17: „Ein wahrscheinlicher Impfdurchbruch ist definiert als SARS-CoV-2-Infektion (mit klinischer Symptomatik), die bei einer vollständig geimpften Person mittels PCR oder Erregerisolierung diagnostiziert wurde.“ 

Doch wie ansteckend sind die Menschen, die sich trotz vollständiger Impfung mit dem Coronavirus infiziert haben? 

Delta-Variante: Impfung schützt vor schwerem Krankheitsverlauf

Bei dem ursprünglichen Virus, das zu Beginn der Pandemie aktiv war, lag laut RKI die Wirksamkeit der mRNA-Impfungstoffe gegen eine Erkrankung bei etwa 95 Prozent. Bei der Alpha-Variante (B.1.1.7) seien die Auswirkungen auf die Effektivität des Impfschutzes noch „gering bis mäßig“. Bei der inzwischen auch in Deutschland dominierenden Delta-Variante sind diese Auswirkungen stärker, doch auch hier zeigten die Daten, dass eine vollständige Impfung gegen einen schweren Krankheitsverlauf schütze, schreibt das RKI. 

Klar ist: die Delta-Variante ist ansteckender als das ursprüngliche Virus und auch als andere Varianten. Andererseits zeigt eine aktuelle Studie aus Großbritannien, die im August 2021 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, dass sich die Effektivität von mRNA-Impfstoffen bei vollständigem Impfschutz auch bei der Delta-Variante nur geringfügig veränderte.

Studien zeigen hohe Viruslast trotz Impfung

Inzwischen wurden mehrere noch zu begutachtende Studien (Preprints) veröffentlicht, die sich mit der Frage befassen, wie häufig sich Geimpfte mit der Delta-Variante des Coronavirus infizieren und inwiefern sie das Virus übertragen. Eine im US-Bundesstaat Wisconsin durchgeführte Studie vergleicht zu diesem Zweck PCR-Testergebnisse von positiv auf die Delta-Variante getesteten Personen und schlüsselten diese hinsichtlich ihres Impfstatus auf. 

Ein PCR-Test kann mit dem sogenannten Ct-Wert (Zyklus-Schwellenwert) Aufschluss über die Menge der Viren geben, die sich im Körper des getesteten Menschen befinden. Man spricht hierbei von „Viruslast“. Je höher der Ct-Wert, desto geringer ist die Viruslast. Ein niedriger Ct-Wert steht laut RKI häufig in Verbindung mit einer Anzüchtbarkeit des Virus in Zellkulturen – was ein Hinweis sein kann, dass die Person ansteckend ist (Kontagiosität). 

In der Studie aus Wisconsin wird kein Unterschied zwischen der Viruslast bei vollständig Geimpften und Ungeimpften ausgemacht. Die Viruslast deute darauf hin, dass das Virus auch übertragbar sei, schreiben die Forschenden. 

Eine andere Analyse des CDC aus Massachusetts kommt zu dem gleichen Ergebnis: Mit der Delta-Variante infizierte Personen hatten zum Zeitpunkt des PCR-Tests eine ähnlich hohe Viruslast wie ungeimpfte Infizierte. 

Die Viruslast ist allerdings nur einer von mehreren Faktoren, die bei der Ermittlung der Ansteckungsfähigkeit relevant sind. Dem RKI zufolge reicht dieser Wert allein nicht aus, um die Kontagiosität eines Patienten zu bestimmen. Weitere Faktoren seien beispielsweise die seit Symptombeginn vergangene Zeit oder der klinische Verlauf der Infektion.

Viruslast allein bestimmt nicht die Ansteckungsfähigkeit

Ralf Bartenschlager ist Leiter der Abteilung für Molekulare Virologie an der Uniklinik Heidelberg und Präsident der Gesellschaft für Virologie. Er weist in einer E-Mail an uns darauf hin, dass es noch wenig Daten gebe, die es ermöglichten, anhand der Viruslast Schlüsse auf die Ansteckungsfähigkeit von infizierten Geimpften zu ziehen. „Grundsätzlich scheint die Zeit der hohen Viruslast in Geimpften immer noch geringer zu sein als bei Infektionen von Nichtgeimpften.“ 

Bartenschlager verweist als Quelle dafür auf eine Preprint-Studie aus Singapur. Sie kommt zu dem Schluss, dass zum Zeitpunkt des positiven Befundes die Viruslast bei Geimpften zwar ähnlich hoch war wie bei Ungeimpften, sie aber bei Geimpften schneller abnahm. Man könne, wenn auch nicht mit Sicherheit, davon ausgehen, dass aufgrund der kürzeren Zeitspanne, in der Geimpfte eine hohe Viruslast haben, die Übertragungsrate bei ihnen geringer sei als bei Ungeimpften. 

Ansteckungsfähigkeit nimmt durch Impfung wohl ab

Eine vorveröffentliche Studie aus den Niederlanden deutet ebenfalls darauf hin, dass die Impfung einen Einfluss auf die Übertragbarkeit des Coronavirus hat. Die Forschenden untersuchten aus einer Gruppe von mehr als 24.000 vollständig geimpften Pflegekräften die Proben derjenigen, die dennoch positiv getestet wurden (161 Menschen). Diejenigen mit Krankheitssymptomen (84,5%) hatten niedrigere Ct-Werte, also eine höhere Viruslast, als diejenigen ohne Symptome. Bei allen erkrankten Geimpften verlief die Krankheit mild und erforderte keinen Krankenhausaufenthalt. Zudem sank die Viruslast im Laufe von drei Tagen nach Beginn der Symptome signifikant. 

Die Forschenden untersuchten die Atemwegsproben der infizierten Pflegekräfte auch auf die Anzüchtbarkeit des Virus in Zellkulturen. Bei knapp 69 Prozent der Proben fanden sich infektiöse Viren – bei ungeimpften Infizierten waren es jedoch 85 Prozent. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass infizierte Geimpfte seltener infektiöse Viren mit sich tragen als Ungeimpfte. Nichtsdestotrotz wurden in der Studie bei mehr als zwei Dritteln der infizierten Geimpften anzüchtbare Coronaviren nachgewiesen. 

Das RKI schreibt zu der Frage, ob Geimpfte das Virus übertragen können: „In der Summe ist das Risiko einer Übertragung stark vermindert.“ Das liegt in erster Linie daran, dass die Impfung zu einer deutlichen Reduktion der SARS-CoV-2-Infektionen führt. Hinzu kommt die Möglichkeit, dass auch bei Menschen, die trotz vollständiger Impfung positiv getestet werden, die Viruslast und die Dauer der Virusausscheidung reduziert sei. Das RKI kommt daher zu folgendem Schluss: „Aus Public-Health-Sicht erscheint durch die Impfung das Risiko einer Virusübertragung in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen.“ (Stand: 27. August 2021)

Fazit: Geimpfte sind gut gegen schwere Krankheitsverläufe von Covid-19 geschützt. Sie können dennoch infiziert werden und nach bisherigen Erkenntnissen das Coronavirus wahrscheinlich auch auf andere Menschen übertragen. Zu der Frage, ob sie genauso ansteckend sein können wie ungeimpfte Menschen, lässt der aktuelle Forschungsstand nur Vermutungen zu, wie Virologe Ralf Bartenschlager unterstreicht. Studien zeigen, dass die Viruslast bei Geimpften genauso hoch sein kann wie bei Ungeimpften. Es gibt aber Hinweise, dass Geimpfte kürzere Zeit ansteckend sind als Ungeimpfte, weil die Viruslast bei ihnen schneller abnimmt. 

Redigatur: Alice Echtermann, Matthias Bau

Update, 5. Oktober 2021: Nach dem Erscheinen dieses Faktenchecks wurden wir auf eine weitere, am 29. September vorveröffentlichte Studie aus Großbritannien aufmerksam. In der Studie werden die PCR-Testdaten von tausenden Menschen, die Kontakt zu Infizierten hatten, ausgewertet. Die Auswertung zeige, dass Geimpfte im Falle einer Infektion – obwohl eine ähnlich hohe Viruslast möglich ist – das Coronavirus seltener übertragen als Ungeimpfte. Als mögliche Erklärung geben die Forschenden an, dass die Viren im Körper von Geimpften schneller zerstört werden könnten und der PCR-Test lediglich auf das Erbgut der nicht mehr infektiösen Viren reagiere. Um das zu belegen, seien aber weitere Studien nötig.

Update, 15. Oktober 2021: Leserinnen und Leser haben uns gebeten, auf einen weiteren Aspekt hinzuweisen, der aus der hier zitierten Studie hervorgeht. Die Ergebnisse der am 29. September vorveröffentlichten Studie aus Großbritannien deuten den Forschenden zufolge auch darauf hin, dass bei der Delta-Variante der Übertragungsschutz durch die Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff nach drei Monaten stark nachlasse und auch beim Biontech-Impfstoff „substanziell gedämpft“ sei. Somit könnten Geimpfte nach einiger Zeit, wenn ihr Impfschutz nachlässt, auch das Virus mutmaßlich wieder häufiger übertragen. Auffrischungsimpfungen könnten dabei helfen, das Übertragungsrisiko zu mindern, schreiben die Forschenden in der Studie.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Studie „Effectiveness of Covid-19 Vaccines against the B.1.617.2 (Delta) Variant“, NEJM: Link
  • Studie (Preprint): „Vaccinated and unvaccinated individuals have similar viral loads in communities with a high prevalence of the SARS-CoV-2 delta variant“: Link
  • CDC-Bericht: „Outbreak of SARS-CoV-2 Infections, Including COVID-19 Vaccine Breakthrough Infections, Associated with Large Public Gatherings — Barnstable County, Massachusetts, July 2021“: Link
  • Studie (Preprint): „Virological and serological kinetics of SARS-CoV-2 Delta variant vaccine-breakthrough infections: a multi-center cohort study“: Link
  • Studie (Preprint): „Virological characteristics of SARS-CoV-2 vaccine breakthrough infections in health care workers“: Link
  • Studie (Preprint): „The impact of SARS-CoV-2 vaccination on Alpha & Delta variant transmission“: Link




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