Faktencheck

Braucht ein gesundes Immunsystem keine Impfung gegen Coronaviren? Warum diese Argumentation zu kurz greift

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, Billionen Viren, darunter Coronaviren, seien die ganze Zeit im Körper und würden nur aktiv, wenn das Immunsystem zu schwach sei. Damit wird suggeriert, die Impfung gegen Covid-19 sei überflüssig. Diese Schlussfolgerung führt in die Irre. 

von Alice Echtermann

Coronavirus unter dem Rasterelektronenmikroskop
Coronaviren wie SARS-CoV-2 infizieren menschliche Zellen und verursachen Entzündungsreaktionen – dadurch wird man krank. Das Foto zeigt SARS-CoV-2-Viren (gelb) unter dem Rasterelektronenmikroskop, die aus im Labor gezüchteten Zellen austreten. (Foto: Picture Alliance / BSIP / Image Point FR / NIH / NIAID)
Behauptung
Es seien 80 Billionen Viren im Körper, darunter Coronaviren. Es hänge vom Immunsystem ab, ob sie aktiv werden oder nicht. Wer ein gutes Immunsystem habe, bleibe gesund. Impfungen gegen Covid-19 seien nicht notwendig für die Gesundheit.
Bewertung
Teilweise falsch
Über diese Bewertung
Teilweise falsch. Es gibt im Körper Billionen Viren, nur ein kleiner Bruchteil davon infiziert aber menschliche Zellen. Beim Kontakt mit neuen Viren wie SARS-CoV-2 können Menschen trotz eines funktionierenden Immunsystems krank werden. Eine Impfung trainiert das Immunsystem vorab, damit das nicht passiert.

In einem Facebook-Beitrag, der mehr als 1.300 Mal geteilt wurde, wird suggeriert, Impfungen gegen Covid-19 seien nicht nötig, denn ein gesundes Immunsystem könne alle Viren abwehren. Viren würden nur „aktiv“, wenn das Immunsystem geschwächt sei. Die Argumentation enthält zutreffende Aussagen, bezieht sie aber irreführend auf Coronaviren wie SARS-CoV-2 und zieht eine falsche Schlussfolgerung über das Impfen.

Es stimmt, dass es im menschlichen Körper Milliarden Viren und Bakterien gibt. Man spricht vom sogenannten Mikrobiom beziehungsweise Virom. Für die konkrete Zahl, die in dem Facebook-Beitrag genannt wird – 80 Billionen Viren – fanden wir allerdings keinen Beleg. In einem Übersichtsartikel des Wissenschaftsmagazins Nature von März 2021 über das menschliche Virom ist die Rede von schätzungsweise zehn Billionen Viren pro Mensch. 

Was als Kontext wichtig ist: Das sind verschiedene Arten von Viren und nicht alle infizieren menschliche Zellen. Viele befallen nur Bakterien oder andere Mikroorganismen oder passieren den Körper mit der Nahrung. Die auf Bakterien spezialisieren Viren, sogenannte Phagen, machen dabei den Großteil aus.  

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Facebook-Beitrag von Freie Medien über das Immunsystem
In diesem Facebook-Beitrag wird suggeriert, dass Covid-19-Impfungen dank des Immunsystems überflüssig seien. Darin steckt ein Denkfehler. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wie machen Viren krank?

„Viren, die menschliche Zellen infizieren, sind ebenfalls ein wichtiger Teil des menschlichen Viroms. Manche können akute Infektionen verursachen, andere können nach längerer Zeit  Folgen haben. Manche Viren sind an einer gutartigen Besiedelung beteiligt und stehen nicht mit einer Krankheit in Verbindung […]“, heißt es in dem Nature-Artikel. 

Wichtig ist aber: Coronaviren wie SARS-CoV-2 sind kein natürlicher Bestandteil des menschlichen Körpers. Das betonte auch die Virologin Sandra Ciesek im September 2020 im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Coronaviren seien nicht Bestandteil der „Normalflora“ des Menschen, „die gehören da nicht hin, genauso wie Influenzaviren“, sagte Ciesek. 

Viren, die Menschen infizieren und krank machen können, nennt man Pathogene. Es sind sieben „humanpathogene“ Coronaviren bekannt, die Menschen befallen – darunter SARS-CoV-2. Diese Viren lösen Atemwegserkrankungen aus. Humanpathogene Viren brauchen menschliche Zellen, um sich zu vermehren: Sie zwingen die Zelle, das Virus zu reproduzieren, danach stirbt die Zelle ab. Die Viren sind also wie Parasiten. Das Absterben der Körperzellen oder auch die Reaktion des Immunsystems auf das Virus lösen Entzündungen aus – dadurch wird man krank.  

Das Immunsystem kann Krankheiten nicht immer verhindern

Richtig ist natürlich: Das Immunsystem bekämpft Infektionen und hält Viren davon ab, sich zu sehr zu vermehren. Manchmal verläuft eine Virusinfektion, ohne dass man krank wird. Doch das Immunsystem kann schwere Krankheiten nicht völlig verhindern – insbesondere nicht, wenn der Mensch erstmals in Kontakt mit einem Virus kommt. 

Neben dem angeborenen Immunsystem gibt es das sogenannte erworbene Immunsystem: Immer wenn ein Mensch in Kontakt mit einem neuen Erreger, etwa einem Virus kommt, lernt sein Immunsystem, wie es diesen bekämpfen kann. Es bildet Antikörper und sogenannte Gedächtniszellen

Oft wird man im Zuge dieses Prozesses krank, teils auch schwer krank, weil das angeborene Immunsystem die Infektion mit dem unbekannten Virus nicht schnell genug aufhalten kann oder sogar selbst Ursache der Entzündungsreaktion ist. Bei einer zweiten Infektion mit demselben Virus reagiert das erworbene Immunsystem aber sehr schnell, weil es schon weiß, was zu tun ist – und dann kommt es fast nicht zu Entzündungen

Impfungen trainieren das Immunsystem

Und das ist der Punkt, an dem die Argumentation in dem Facebook-Beitrag zum Thema Impfen irreführend ist: Eine Impfung ahmt den Lernprozess des Immunsystems nach und hilft ihm, auf einen unbekannten Erreger vorbereitet zu sein. Der Körper produziert, angeregt durch die Impfung, die Abwehrstoffe, die gegen das Virus schützen. So wird verhindert, dass es zu einer Krankheit kommt, wenn man sich wirklich zum ersten Mal mit diesem Virus infiziert. 

Die Aussagen in dem Facebook-Beitrag über das Immunsystem sind also an sich richtig. Es gibt zum Beispiel auch Viren, die dauerhaft im Körper bleiben und erneut ausbrechen können – zum Beispiel das Varizella-Zoster-Virus, das bei der ersten Infektion Windpocken auslöst. Es kann Jahre später wieder aktiv werden, wenn das Immunsystem geschwächt ist, und zu einer Gürtelrose (Herpes Zoster) führen. 

Das lässt sich aber nicht auf Coronaviren übertragen, und auch die implizite Schlussfolgerung, Impfen sei überflüssig, ist irreführend. In der aktuellen Pandemie haben die Menschen erstmals Kontakt mit SARS-CoV-2, daher ist dieses Virus ihrem Immunsystem (ohne Impfung) nicht bekannt und sie können schwer krank werden. Eine Impfung schützt in den meisten Fällen vor einem schweren Verlauf von Covid-19. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Nature, „The human virome: assembly, composition and host interactions“ (30. März 2021): Link
  • Journal Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie, „Infektionsverlauf und Pathogenität“ (2016): Link

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