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Alice Echtermann

Faktencheckerin

Alice wurde Journalistin, weil sie alles genau wissen möchte. Deshalb prüft sie für den CORRECTIV-Faktencheck täglich Meldungen im Netz auf ihre Richtigkeit. Während ihres Volontariates beim Weser-Kurier in Bremen schrieb sie über Filterblasen-Effekte und Algorithmen. Später, als Onlineredakteurin, recherchierte sie, wie Facebook instrumentalisiert wird, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Für eine Reportage über ihren Heimat-Stadtteil in Bremen wurde sie 2019 mit dem Dritten Preis des Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet.

E-Mail: alice.echtermann(at)correctiv.org
Twitter: @echt_alice

Renten in Deutschland
In vergleichenden Statistiken zu Rentenersatzquoten in verschiedenen Ländern liegt Deutschland anders als behauptet nicht auf dem letzten Platz. (Symbolfoto: Sabine van Erp / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook behauptet ein Nutzer, Deutschland hätte die niedrigsten Renten in Europa, aber die Politiker würden gleichzeitig die höchsten Pensionen beziehen. Für keine der Aussagen gibt es Belege.

In einer Grafik, die auf Facebook seit dem 1. Februar schon mehr als 11.300 Mal geteilt wurde, wird behauptet, Deutschland habe die niedrigsten Renten in Europa, aber die höchsten Pensionen von Politikern. 

CORRECTIV hat diese zwei Behauptungen überprüft: Es gibt für sie keine Belege. Bei allen vorhandenen Statistiken zum Vergleich der Rentenleistungen in europäischen Ländern liegt Deutschland nicht auf dem letzten Platz. 

Facebook-Post
Der Facebook-Beitrag mit den Behauptungen. (Screenshot: CORRECTIV)

Höhe der Rente lässt sich international nur schwer vergleichen 

In dem Facebook-Beitrag wird nirgends eine Quelle für die Behauptung angegeben, Deutschland habe die niedrigsten Renten in Europa. Zudem ist nicht klar, was genau gemeint ist. Wenn von der Höhe der Renten gesprochen wird, wird aber oft das Rentenniveau herangezogen. Es lag 2019 in Deutschland bei 48,2 Prozent, wie CORRECTIV für einen anderen Faktencheck recherchiert hat. Datenbanken, in denen Zahlen für einen internationalen Vergleich aufgeführt sind, gibt es aber nicht. 

Auch zu einer Durchschnittsrente liegen keine europaweiten Daten vor und ein Vergleich von absoluten Zahlen (wie „1.500 Euro pro Monat“) wäre zudem nicht sinnvoll, weil diese stark vom Lohnniveau in dem jeweiligen Land abhängen. Zahlen von Eurostat zufolge liegt Deutschland beim Median-Nettoeinkommen von Menschen über 65 Jahren deutlich über dem EU-Durchschnitt. 

Vergleichende Statistiken speziell zu Renten gibt es aber zu den sogenannten Rentenersatzquoten der europäischen Länder. Zum Beispiel eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD, „Pensions at a Glance 2019“). Die Rentenersatzquote entspricht nicht dem aktuellen Rentenniveau, sondern beruht auf einer Modellrechnung anhand einer fiktiven Rentenkarriere

Sie beschreibt das Verhältnis der Rente zu dem vorherigen Einkommen in Prozent. Die Netto-Quote spielt hier laut OECD eine größere Rolle für den Einzelnen als die Brutto-Quote. Denn sie zeige, wie viel Geld eine Person im Rentenalter im Vergleich zu vorher tatsächlich ausgeben kann (PDF „Pensions at a glance 2019“, Seite 154). Für einen Durchschnittsverdiener liegt die Netto-Ersatzquote in Deutschland laut OECD bei 51,9 Prozent (Seite 155). 

Deutschland hat laut OECD keine hohe, aber nicht die niedrigste Rentenersatzquote

Die Quote ist nicht besonders hoch. Im Ländervergleich wird aber deutlich, dass einige europäische Länder eine niedrigere Netto-Ersatzquote haben als Deutschland, zum Beispiel Norwegen, Griechenland, die Schweiz, Irland, Großbritannien oder Polen. 

net pension replacement
Vergleich der Netto-Rentenersatzquote in den OECD-Ländern – die Werte für Männer und Frauen in Deutschland sind in diesem Fall identisch. (Quelle: OECD, Screenshot: CORRECTIV)

Nicht alle europäischen Länder sind Mitglied der OECD. Wir haben deshalb auch bei Eurostat die dort verfügbaren Daten zu den Rentenersatzquoten erfragt und die Werte für die „aggregierte Ersatzquote für Renten“ (aggregate replacement ratio for pensions) erhalten. Eine Sprecherin erklärte uns, die Daten zeigten das prozentuale Verhältnis der Median-Brutto-Rente von 65- bis 74-Jährigen zum Median-Brutto-Einkommen von 50- bis 59-Jährigen. Anders gesagt: Auch hier geht es wieder darum, wie viel Prozent vom vorherigen Einkommen man als Rente noch bekommt – allerdings dieses Mal brutto und nicht netto. Netto-Werte liegen bei Eurostat nicht vor. 

Die Daten für 2019 sind unvollständig, deshalb kann nur 2018 für einen Vergleich herangezogen werden. Auch hier liegt Deutschland im Vergleich der europäischen Länder mit 46 Prozent nicht auf dem letzten Platz, sondern im unteren Drittel.

aggregate replacement ratio
Ausschnitt aus der Tabelle mit Eurostat-Daten zur „Ersatzquote für Renten“ für 2018. Die Daten sind aufsteigend sortiert, zu sehen sind also die Länder mit den niedrigsten Werten. Deutschland liegt auf Platz neun. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung, Deutschland hätte die niedrigsten Renten in Europa, lässt sich also mit keiner Statistik belegen. Verschiedene Vergleichswerte deuten aber darauf hin, dass die Renten in Deutschland nicht die niedrigsten in Europa sind. 

Generell sind die Rentensysteme für vereinfachte Vergleiche zu komplex: In jedem Land gibt es andere Modelle (Datenbank-Auswahl: All EU countries / Old age). Ein Faktor ist zum Beispiel, wie verbreitet private oder betriebliche Altersvorsorge ist. Laut OECD kann zum Beispiel ein Beitrag zu einer freiwilligen Rentenversicherung die Rentenersatzquote für Durchschnittsverdiener um durchschnittlich 26 Prozentpunkte anheben (Seite 31).

Ein anderer Faktor ist die Höhe der verpflichtenden Rentenbeitragszahlungen. Länder, in denen die Menschen von ihrem Arbeitslohn viel an die Rentenkasse abgeben müssen, hätten meist überdurchschnittlich hohe Rentenleistungen, schreibt die OECD. Das treffe zum Beispiel auf Frankreich, Island, Italien und die Niederlande zu (Seite 196).

Bekommen Politiker in Deutschland die höchsten Pensionen?

Auch bei der zweiten Behauptung des Facebook-Beitrags ist keine Quelle angegeben. Es ist unklar, welche Art von Politikern gemeint ist: Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete oder Mitglieder der Bundesregierung. 

Grundsätzlich lässt sich aus dem Gehalt eines Ministers oder Abgeordneten nicht ableiten, wie viel Rente er oder sie insgesamt bekommt. Denn die Person ist meist nicht ihr ganzes Berufsleben in der Regierung oder im Bundestag, sondern arbeitet vorher oder nachher in anderen Bereichen und zahlt dann gegebenenfalls in die Rentenversicherung ein. 

Wir werden hier beispielhaft auf die Regelungen für Politiker in Deutschland auf Bundesebene (Regierung und Bundestag) eingehen. 

Das Gehalt der Abgeordneten im Deutschen Bundestag beträgt seit dem 1. Juli 2019 10.083,47 Euro pro Monat (einkommensteuerpflichtig). Wie auf der Webseite des Bundestags nachzulesen ist, bekommen Abgeordnete eine sogenannte Altersentschädigung. „Denn für die Abgeordneten werden während der Mandatszeit keine Beiträge an die gesetzliche Rentenversicherung abgeführt.“ Nach dem ersten Jahr betrage die Entschädigung 2,5 Prozent des Abgeordnetengehalts. Mit jedem weiteren Jahr im Parlament steige sie um 2,5 Prozent. Der Höchstbetrag liege bei 65 Prozent und werde nach 26 Jahren erreicht.

Aus einer Auswertung der Bundesregierung von 2012 zur Altersversorgung von Abgeordneten in Deutschland geht hervor, dass ehemalige Bundestagsabgeordnete 2011 im Schnitt 3.004 Euro im Monat bekamen. „Die Angaben beziehen sich nur auf die Zeit der Abgeordnetentätigkeit und lassen keine Aussagen hinsichtlich der Gesamtversorgung zu.“ (PDF, Seite 61

Tabelle mit der durchschnittlichen Altersentschädigung für ehemalige Abgeordnete in Bund und Ländern von 2011 (Quelle: Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2012, Seite 199 / Screenshot: CORRECTIV)

Ehemalige Regierungsmitglieder (Minister) bekommen ein sogenanntes Ruhegehalt. Dafür müssen sie das Mindestalter und die Mindestamtszeit von vier Jahren erfüllen (PDF, Seite 5). Es gilt laut Bundesministergesetz dieselbe Regelaltersgrenze wie für Beamte: 67 Jahre. Laut Bund der Steuerzahler bekommt ein Mitglied der Bundesregierung mit vier Jahren Dienstzeit eine Pension von knapp 4.557 Euro pro Monat. 

Das durchschnittliche monatliche Ruhegehalt für ehemalige Bundesminister lag 2011 laut dem Bericht der Bundesregierung (Seite 204) bei rund 4.565 Euro.

Die Tabelle zeigt das durchschnittliche Ruhegehalt von ehemaligen Regierungsmitgliedern 2011 (beim Bund ohne Parlamentarische Staatssekretäre). (Quelle: Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von 2012, Seite 2014 / Screenshot: CORRECTIV)

Keine internationale Statistik verfügbar

Es gibt keine Statistik, die Zahlen wie diese für alle europäischen Länder vergleicht. Auf Nachfrage schrieb uns eine Pressesprecherin des Bundestags per E-Mail, man habe keine solche internationale Statistik. Bei der Recherche fanden wir lediglich einen Bericht von Euronews, der Gehälter von Abgeordneten in den nationalen Parlamenten der europäischen Länder für 2010 verglichen hat. Dem zufolge bekamen italienische Abgeordnete die höchsten Gehälter, gefolgt von Österreich und Deutschland. 

Die Sprecherin von Eurostat teilten uns auf Anfrage mit, eine vergleichende Statistik zu Renten von Abgeordneten oder Politikern sei nicht vorhanden. Deshalb ist die Behauptung in dem Facebook-Bild zu den Pensionen der Politiker nicht belegbar.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Behauptungen sind nicht durch Statistiken belegt.

Video auf Facebook
Auf Facebook empören sich Nutzer über ein Video, das zeigt, wie eine Frau ältere Menschen schlägt. Es fehlt sämtlicher Kontext: Die Aufnahme ist jedoch viele Jahre alt und aus den USA. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Video geteilt, in dem eine Frau ältere Menschen schlägt, augenscheinlich in einer Pflegeeinrichtung. Es fehlt jedoch sämtlicher Kontext: Das Video stammt aus den USA und entstand mutmaßlich 2013.  

„Ehrt eure Alten und bringt die nicht in einem Pflegeheim“, schreibt ein Nutzer zu einem Video, das er am 24. Mai auf Facebook hochgeladen hat. Es zeigt mutmaßlich Aufnahmen einer Überwachungskamera. Man sieht eine Frau, die ältere Menschen in einem Raum mit Tischen schlägt. Auf einen Mann schlägt sie mehrfach mit einem Gegenstand wie einem Gürtel ein. Als ein weiterer, kräftiger Mann hinzu kommt, hilft er dem älteren Mann nicht, sondern schlägt ihn ebenfalls mehrfach mit der Hand. 

In den Kommentaren zeigen sich Nutzer entsetzt. Eine Frau schreibt: „Wo ist das aufgenommen worden? Schlimm…unsere Welt.“ Und eine andere kommentiert: „Diese Pflegekräfte sollten sofort zur Verantwortung gezogen werden.“ Das Video wurde mehr als 3.900 Mal geteilt. 

Dem Video fehlt sämtlicher Kontext. Es wird der Eindruck erzeugt, es sei aktuell und möglicherweise aus Deutschland. Nach Recherchen von CORRECTIV stimmt das nicht.

Das Video ist mutmaßlich bereits sieben Jahre alt und stammt aus den USA. Mit Hilfe einer Google-Bilder-Rückwärtssuche eines Screenshots aus dem Video fanden wir es in einem Video des Senders 11Alive. Dieser hatte Ausschnitte davon im Mai 2019 unter anderem auf Youtube veröffentlicht. Dem Beitrag zufolge soll das Video zeigen, wie eine Hausmeisterin einen Patienten in einer Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen in Georgia schlägt. Auch andere Seiten wie das britische Boulevardmedium Daily Mail berichteten darüber. Der Vorfall geschah demnach bereits 2013.

Video auf Youtube
Video des Senders 11Alive von Mai 2019 auf Youtube zeigt nach Angaben des Senders einen Vorfall 2013. (Screenshot: CORRECTIV)

Video wurde laut Medien von Familie des Opfers veröffentlicht 

Der Bericht von 11Alive auf der Webseite des Senders selbst war zum Zeitpunkt unserer Recherche nicht online abrufbar, archiviert lässt sich der Text jedoch noch lesen. Darin steht, die Familie des Patienten habe das Video veröffentlicht, und der Vorfall sei im November 2013 in einer Einrichtung namens „Total Care Personal Care“ in Gordon im Bundesstaat Georgia geschehen. 

Es gibt zudem weitere Medienberichte von 2014, in denen es heißt, die Einrichtung sei geschlossen worden, sowie von 2016 über eine Entschädigungssumme von 64,6 Millionen Dollar, die dem Opfer vor Gericht zugesprochen worden sei. In einem der Berichte über den Prozess steht, das Urteil sei gegen die Firma Columbus Medical Services, LLC gefällt worden, die Dienstleistungen in der Einrichtung in Gordon durchgeführt habe. Diese Firma, die offenbar Personal für Betreuung von Menschen mit Behinderungen vermittelt, gibt es noch. Zu der Einrichtung „Total Care Personal Care“ fanden wir jedoch nur einen alten Eintrag in einer Auflistung von Pflegeeinrichtungen des Georgia Department of Behavioral Health and Developmental Disabilities (DBHDD) von 2013.

Untersuchung ergab Hinweise auf Missbrauch und Vernachlässigung 

Das DBHDD ist eine Gesundheitsbehörde des Staates Georgia, mit einem Fokus auf mentale Gesundheit und Menschen mit Behinderungen. Auf Nachfrage teilte eine Sprecherin, Angelyn McDonald, CORRECTIV per E-Mail mit, das Department könne zur Echtheit des Videos keine Aussage treffen. Allerdings habe es nach den Vorwürfen gegen die Einrichtung tatsächlich eine Untersuchung gegeben, und man habe Hinweise auf Missbrauch und Vernachlässigung gefunden. Deshalb habe die Behörde die Zusammenarbeit mit der Firma beendet.  

E-Mail
Ausschnitt aus der E-Mail der Sprecherin des Georgia Department of Behavioral Health and Developmental Disabilities. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Das Video ist viele Jahre alt, es stammt aus den USA und zeigt ein Heim für Menschen mit geistigen Behinderungen. Sämtlicher Kontext fehlt in dem aktuellen Facebook-Beitrag, in dem es verbreitet wird. Gewalt gegen Menschen in Pflegeheimen, beziehungsweise Altersheimen, ist allerdings auch in Deutschland ein Problem. Immer wieder gibt es Medienberichte über Vorfälle, zum Beispiel berichtete der MDR im Mai 2020 über Gewalt gegen Bewohner einer Einrichtung in Hildburghausen. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Video wird ohne Kontext verbreitet. Es ist mutmaßlich sieben Jahre alt und stammt aus den USA.

George Floyd
George Floyds Tod war der Anlass weltweiter Proteste, wie hier in New York. Anschließend wurden im Netz Behauptungen verbreitet, die ihn diskreditieren sollten. (Symbolfoto: Marie Le Ble / ZUMA Wire / picture alliance)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Foto einer verletzten Frau verbreitet, um Stimmung gegen den getöteten George Floyd und die „Black Lives Matter“-Bewegung zu machen. Die Frau sei von Floyd und Komplizen geschlagen worden, wird behauptet. Das ist falsch. Das Bild zeigt eine Studentin, die 2018 in Madrid überfallen wurde.

Auf Facebook wurde am 21. Juni ein Foto geteilt, das eine verletzte Frau zeigt. Darüber steht, ihr Name sei Aracely Henriquez. Sie sei von George Floyd und fünf weiteren Männern „entführt und brutal geschlagen“ worden und zu diesem Zeitpunkt schwanger gewesen. Floyd habe ihr gedroht, ihr Kind zu töten. 

Der Beitrag wurde bis zum 24. Juni mehr als 800 Mal geteilt. Das Foto zeigt nach Recherchen von CORRECTIV jedoch nicht das, was behauptet wird. Es stammt aus Spanien, ist von 2018 und hat nichts mit dem Schwarzen George Floyd zu tun, der im Mai in Minneapolis, Minnesota, bei einem Polizeieinsatz getötet wurde. Ein weißer Polizeibeamter kniete dabei minutenlang auf seinem Hals – der Vorfall löste weltweit Proteste unter dem Slogan „Black Lives Matter“ aus. 

Aracely Henriquez ist der Name einer Frau, die tatsächlich 2007 Opfer eines Raubüberfalls wurde, an dem George Floyd beteiligt war. US-Medien haben zu dieser Vorstrafe Floyds bereits recherchiert. Auf dem Foto, das auf Facebook geteilt wird, ist jedoch nicht Henriquez zu sehen, sondern eine andere Frau aus Spanien.

Der Beitrag auf Facebook mit dem falschen Foto. (Screenshot am 23. Juni 2020, Verpixelung und Schwärzung: CORRECTIV)

Mit einer Bilder-Rückwärtssuche bei Google fanden wir das Foto der Frau in einem Medienbericht von 2018 auf der englischen Version der Webseite von El PaísDarin heißt es, die junge Frau sei eine US-amerikanische Studentin namens Andrea Sicignano, die in Madrid von einem Mann überfallen und vergewaltigt worden sei. Sie selbst hatte das Foto und den Vorfall im Dezember 2018 auf Facebook publik gemacht. Laut El País wurde der Verdächtige bereits wenig später festgenommen, das habe die Polizei mitgeteilt.

Am 12. Juni 2020 schrieb Sicignano auf Facebook, sie sei „angewidert“ davon, dass Menschen ihr Foto für „politische Propaganda“ benutzen.

Falsches Foto wurde zuerst im englischsprachigen Raum verbreitet 

Das Foto kursierte mit der falschen Beschreibung zunächst auf Englisch. Internationale Faktenchecker, zum Beispiel von Snopes (12. Juni), recherchierten ebenfalls, dass das Bild nicht Aracely Henriquez zeigt. 

Snopes hat zudem die Vorstrafen von George Floyd anhand von Gerichtsdokumenten analysiert und über den Raubüberfall 2007 berichtet. Demnach wird der Vorfall, bei dem George Floyd gemeinsam mit fünf Komplizen eine Frau überfiel, in dem Facebook-Beitrag verzerrt dargestellt. 

Snopes berichtete, Floyd und fünf weitere Männer seien im August 2007 in Henriquez’ Haus eingebrochen, während sie zu Hause war, und hätten Drogen und Geld gesucht. Floyd habe sie mit einer Pistole bedroht, die er ihr auf den Bauch setzte. Henriquez sei auch geschlagen worden, als sie um Hilfe rief. Es gibt jedoch laut Snopes keine Belege, dass sie schwanger war, oder dass Floyd drohte, ihr Baby zu töten. Henriquez wurde demnach auch nicht entführt.

Das offizielle Dokument, das den Vorfall schildert, wurde von Factcheck.org ins Netz gestellt und kann hier eingesehen werden. Tatsächlich steht darin nichts von einer Schwangerschaft oder Drohung gegen ein Kind. George Floyd habe sich schuldig bekannt, sei wegen des Überfalls 2009 zu fünf Jahren Haft verurteilt und im Januar 2013 entlassen worden, schreibt Snopes

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Foto hat keinen Bezug zu George Floyd. Den Raubüberfall auf Aracely Henriquez gab es, der Vorfall wird jedoch nicht korrekt dargestellt.

Video von Sat1 auf Facebook
Dieses Video – ein Beitrag von Sat1 von 2017 – wird aktuell auf Facebook verbreitet und ist mit hasserfüllten Kommentaren gegen Geflüchtete versehen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird aktuell ein altes Video tausendfach geteilt. Es ist ein Beitrag von Sat1 über Geflüchtete, die 2017 eine Unterkunft in Rees in Nordrhein-Westfalen zerstört haben. Die Verbreiter suggerieren fälschlich, dass es sich um einen aktuellen Vorfall handelt. 

Am 15. Juni 2020 veröffentlichte ein Nutzer auf Facebook ein Video und schrieb dazu: „Einfach unglaublich was hier abgeht. Schaut selbst…“ Der TV-Beitrag stammt vom Sender Sat1 und handelt von acht jungen Männern. Diese hätten in einer Unterkunft für Geflüchtete in Rees-Haldern, in Nordrhein-Westfalen, randaliert und Fenster mit Eisenstangen eingeschlagen. Ein Grund könne der schlechte Handy- und Wlan-Empfang gewesen sein, mutmaßt ein Polizist in dem Beitrag. Ein Polizist sei verletzt worden, die Männer seien jedoch wieder auf freiem Fuß. 

Das Video wurde auf Facebook innerhalb von einer Woche fast 13.000 Mal geteilt. Es fehlt jedoch sämtlicher Kontext. Denn der Bericht ist schon mehr als drei Jahre alt. 

Video auf Facebook
Der TV-Beitrag von Sat1 wurde aktuell auf Facebook verbreitet. (Screenshot am 24. Juni 2020 und Schwärzung: CORRECTIV)

Medienberichte: Acht Geflüchtete randalierten mutmaßlich aufgrund der Bedingungen in der Unterkunft 

Ein Medienbericht über diesen Fall von der Rheinischen Post stammt vom 6. März 2017. Darin steht, die Unterkunft liege weit abgelegen in einem Funkloch. Sie sei erst kurz zuvor eröffnet worden. So steht es auch in einem Bericht der Neuen Ruhr Zeitung vom 5. März 2017: Den Geflüchteten habe die Abgeschiedenheit nicht gefallen. „Wohl auch vor dem Hintergrund und der Sorge, dass sie bei laufenden Asylverfahren nicht auffindbar seien und wichtige Post sie nicht erreichen könne, zudem der Kontakt zur Familie fehle.“ Eine Gruppe habe dann Alkohol gekauft und anschließend in der Unterkunft randaliert. 

Die Pressemitteilung der Polizei und eine Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP im Landtag Nordrhein-Westfalen zu dem Fall bestätigen diese Angaben. Demnach passierte der Vorfall am 4. März 2017. In der Antwort auf die Kleine Anfrage steht: „Gegen die Tatverdächtigen wurden Strafanzeigen wegen Schweren Landfriedensbruchs gefertigt, gegen einen Tatverdächtigen zudem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte (Verletzung des Beamten der Bundespolizei).“ Haftgründe hätten jedoch nicht vorgelegen. 

Verfahren gegen die meisten Männer wurde eingestellt, ein Strafbefehl wurde erlassen

Auf Anfrage von CORRECTIV teilte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Kleve, Günter Neifer, am Telefon mit, das Verfahren gegen die meisten der Männer sei eingestellt worden. Den Vorwurf des Landfriedensbruchs habe man fallen gelassen, denn dieser hätte eine Verabredung von mehr Personen zu Straftaten vorausgesetzt. In Bezug auf die einzelnen Taten der Männer habe dann bei mehreren kein hinreichender Tatverdacht bestanden. Einer der Männer sei nach Dänemark abgeschoben worden, bei einem weiteren sei der Aufenthalt unbekannt. Gegen einen der Männer wurde jedoch im Mai 2019 ein Strafbefehl des Amtsgerichts Emmerich wegen Körperverletzung und Widerstands erlassen, so Neifer weiter. Dieser beinhalte 20 Tagessätze und sei rechtskräftig.   

In dem Facebook-Beitrag fehlt also sämtlicher Kontext. Es wirkt, als sei der Vorfall erst kürzlich geschehen. In den Kommentaren empören sich unzählige Nutzer mit beleidigenden Sätzen wie „Raus mit dem Pack und keine weiteren hierher holen“, „Abschaum“, oder „Nehmt denen das Handy weg, dann können sie mit einer Buschtrommel nach Hause trommeln“.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es fehlt Kontext. Das Video wird aktuell verbreitet, ohne kenntlich zu machen, dass es drei Jahre alt ist. 

Nach Randalen in Stuttgart
Einsatzkräfte der Polizei stehen am Abend nach den Ausschreitungen in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 auf dem Schlossplatz in Stuttgart. (Foto: Marijan Murat/dpa)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird eine Collage mit vier Fotos von verletzten Polizistinnen und Polizisten geteilt, mit der Behauptung, sie stammten aus Stuttgart. Das ist falsch. Die Bilder stammen alle aus Australien und sind zum Teil viele Jahre alt. 

Warnung: In diesem Artikel sind Bilder zu sehen, die zum Teil schwer verletzte Menschen zeigen. 

Auf Facebook kursiert eine Fotocollage mit vier Bildern verletzter Polizisten – angeblich sollen sie aus Stuttgart stammen. Dort hatten am vergangenen Wochenende (in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni) laut Polizei mehrere hundert meist junge Menschen in der Innenstadt randaliert, Geschäfte zerstört und Polizisten angegriffen.

Die Fotos, die jetzt auf Facebook geteilt werden, zeigen zum Teil schwer verletzte Beamte. „Auch das ist Stuttgart, noch Fragen?“, steht in einer Version über der Collage, die mehr als 400 Mal geteilt wurde. In einem anderen Beitrag schreibt ein Nutzer: „Stuttgart: Wo bleiben jetzt die Demos….“. Dieser Beitrag wurde bereits mehr als 1.100 Mal geteilt. Die Bilder stammen jedoch nach Recherchen von CORRECTIV nicht aus Stuttgart, sondern alle aus Australien. 

Facebook-Beitrag zu Stuttgart
Einer der Beiträge auf Facebook vom 22. Juni 2020. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Erstes Foto: Sydney 2012

Das erste Bild oben links von dem knienden Polizisten fanden wir per Google-Bilder-Rückwärtssuche in einem englischen Blog-Artikel von 2013. Dort ist eine vollständigere Version des Fotos zu sehen, allerdings ohne Bildbeschreibung. Wir suchten nach diesem Bild erneut bei Google und fanden es in einem Bericht von ABC News aus Australien. Demzufolge wurde der Mann bei Ausschreitungen in Sydney 2012 verletzt. 

Foto aus Sydney 2012
Das Foto stammt aus Sydney und ist von 2012. (Screenshot: CORRECTIV)

Zweites Foto: Sydney 2019

Das zweite Foto oben rechts von der Frau fanden wir ebenfalls per Bilder-Rückwärtssuche in älteren Medienberichten aus Australien von April 2019 (hier, hier und hier). Demnach wurde das Bild von der Polizei in New South Wales veröffentlicht und stammt aus Sydney, wo die Polizistin laut den Berichten von einem Mann angegriffen wurde. Auf den Fotos mit besserer Qualität ist auch das Logo auf ihrer Uniform als Logo der Polizei New South Wales zu erkennen. 

Foto aus Sydney 2019
Das Fotos stammt aus Australien und ist von April 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Drittes Foto: Meekatharra 2006

Das dritte Foto unten links stammt, wie man an der Uniform erkennen kann, ebenfalls nicht aus Deutschland. Auf dem Hemd stehen die Buchstaben „POLI“ – mutmaßlich für „Police“. Über die Bildersuchmaschine Tineye fanden wir einen Treffer bei ABC News (Australien) von 2009. Im zugehörigen Artikel ist das Foto allerdings nicht zu sehen

Wir suchten deshalb nach dem Namen des Polizisten, der auf der Uniform zu sehen ist, (Markham) und fanden einen weiteren Bericht von ABC News, in dem das Foto gezeigt wird. Demnach wurde der Polizist 2006 in einem Hotel in Meekatharra verprügelt. Über den Fall gibt es noch weitere Medienberichte

Foto aus Australien 2006
Das Foto stammt aus Australien und ist von 2006. (Screenshot: CORRECTIV)

Viertes Foto: Wyndham 2009

Auch das vierte Foto unten rechts fanden wir – ebenfalls per Bilder-Rückwärtssuche – in Medienberichten aus Australien (hier und hier). Sie sind von Ende Dezember 2009 beziehungsweise Anfang Januar 2010 und handeln von einem Vorfall an Weihnachten in Wyndham in Western Australia. Der Beamte sei mit einem Stock ins Gesicht geschlagen worden, als er bei einer Auseinandersetzung zwischen etwa 80 Personen einschreiten wollte. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Fotos zeigen keine verletzten Polizisten aus Stuttgart, sondern stammen aus Australien und sind zum Teil viele Jahre alt. 

Personalausweis
Nein, der Personalausweis soll nicht durch implantierte Chips ersetzt werden. (Symbolfoto: picture alliance / Bildagentur-online / Ohde)

von Alice Echtermann

Während der Corona-Pandemie verbreiten sich im Netz Verschwörungsmythen über Mikrochips, die angeblich Menschen eingepflanzt werden sollen, um sie zu kontrollieren. Da fällt ein alter Satire-Artikel von 2019 auf fruchtbaren Boden.

In einem Artikel der Seite Neue Weltpresse vom 20. Juli 2019, der aktuell wieder viel auf Facebook geteilt wird, heißt es, dass ab dem 1. Januar 2021 der Personalausweis schrittweise ersetzt werden solle durch einen implantierten Mikrochip. Was es für Hunde und Katzen schon seit Jahren gebe, werde nun auch für alle EU-Bürger eingeführt. Die Chips würden Säuglingen angeblich direkt nach der Geburt eingepflanzt.  

Es handelt sich um einen Satire-Artikel, der jedoch offenbar von vielen Menschen missverstanden und für korrekt gehalten wird. 

Das Analysetool Crowdtangle zeigt, dass der Text bereits mehr als 18.600 Mal auf Facebook geteilt wurde. Zum Beispiel wurde er im Mai 2020 in der Facebook-Gruppe „Corona-Wahrheiten???“ geteilt, und im Juni 2020 von einer Merkel-kritischen Facebook-Seite. Die Kommentare zeigen, dass viele Menschen die Satire nicht erkennen und die Meldung für wahr halten. 

Facebook-Beitrag
Ein Beitrag einer Facebook-Seite vom 7. Juni 2020. (Screenshot: CORRECTIV)
Nutzerkommentare
Nutzerkommentare unter dem Beitrag der Facebook-Seite. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Artikel über Mikrochips ist Satire

Der Text ist sehr detailliert und auf eine Weise geschrieben, die die Satire nicht sofort erkennbar macht. Allerdings sollten Behauptungen wie „Mediziner und Datenschützer haben keine Bedenken“ und der Verweis auf eine „noch nicht veröffentlichte Pressemitteilung der EU-Chip-Kommission“ als Quelle misstrauisch machen. Ebenso wie ein Blick auf das Logo der Webseite, wo steht, sie liefere „Online-Nachrichten seit 1492“.  

Auf der „Über uns“-Seite von Neue Weltpresse steht zudem: „Alle Beiträge auf dieser Seite sind frei erfunden und erlogen. Es dient ausschließlich der Belustigung und Unterhaltung unserer Leser.“

Der alte Satire-Artikel fällt wohl aktuell in Sozialen Netzwerken auf fruchtbaren Boden. Denn im Rahmen der Corona-Pandemie kursiert im Netz unter anderem die Behauptung, der US-Unternehmer Bill Gates wolle Menschen mit Corona-Impfungen auch gleich Mikrochips einpflanzen lassen – eine „vollkommen unbelegte These“, wie die Faktenchecker der DPA  kürzlich feststellten.  

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Text ist frei erfunden, es handelt sich um Satire. 

Impfen Symbolbild
Seit Jahren werden mit Schilderungen über angeblich tödliche Impfungen in Indien und Afrika Ängste geschürt. Allerdings sind viele der Behauptungen falsch. (Symbolbild: Olaf Krüger / imageBroker / picture alliance)

von Alice Echtermann

Die Initiative „Ärzte für Aufklärung“ setzt sich gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung ein – und gegen Impfungen. Vier Fälle schildern die Autoren auf ihrer Webseite, über angeblich gefährliche Impfungen gegen Polio, HPV, Tetanus und DTP. Drei der Beispiele führen in die Irre.  

Auf der Webseite von „Ärzte für Aufklärung“ wird Stimmung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und Impfungen gemacht. Vier Beispiele werden dort genannt, die offenbar zeigen sollen, dass Impfungen gefährlich seien. Darüber steht als Überschrift „Niemand hat die Absicht, eine Corona-Zwangsimpfung durchzuführen“. Der Beitrag wurde laut dem Analysetool Crowdtangle von mehreren Facebook-Gruppen und -Seiten geteilt, unter anderem am 25. Mai in der Gruppe „Corona-Rebellen“ veröffentlicht. 

Die vier geschilderten Fälle haben jedoch nichts mit dem Coronavirus zu tun, sie sind schon älter und beschäftigen sich mit Impfungen gegen Polio, HPV (Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können), Tetanus und die Kombination DTP (Diphterie, Tetanus und Keuchhusten). Wir haben die Behauptungen bereits für einen anderen Faktencheck recherchiert und gehen hier noch einmal einzeln darauf ein.

1. Fall: In Kenia habe es 2013/2014 mit einem Tetanus-Impfstoff eine „heimliche Impfung gegen Schwangerschaft“ gegeben

Im Text auf der Webseite von „Ärzte für Aufklärung“ heißt es, die WHO und Unicef hätten „vorgegeben“, Frauen und Mädchen in Kenia gegen Tetanus impfen zu wollen. Männer und Jungen seien nicht geimpft worden. Dann sei ans Licht gekommen, dass den Impfstoffampullen heimlich ein Schwangerschaftshormon hinzugefügt worden sei, durch das die Frauen unfruchtbar wurden. 

Ärzte und die katholische Kirche in Kenia hätten Proben untersuchen lassen und darin das Hormon Beta-HCG gefunden. „Diese uninformierten Frauen können keine Kinder bekommen und wissen nicht warum. Eine soziale Katastrophe, ein Jahrhundert-Verbrechen“, behauptet „Ärzte für Aufklärung“. Die WHO und Unicef hätten wegen dieser Vorfälle dann „lautlos“ die Impfaktion abgebrochen.

Die Behauptungen sind falsch. 

Als Quellen werden von „Ärzte für Aufklärung“ ein Statement der Kenya Conference of Catholic Bishops (KCCB) von 2015 genannt, und ein wissenschaftlicher Artikel, der 2017 veröffentlicht wurde. 

In dem wissenschaftlichen Text heißt es, katholische Ärzte hätten in Kenia sechs Impfstoff-Ampullen „sichergestellt“ und bei dreien das Hormon HCG nachgewiesen. Nachdem sie ihre Kritik äußerten, wurden 52 weitere Ampullen im Rahmen einer offiziellen Untersuchung analysiert – mit negativem Ergebnis. Die Autoren schreiben, die WHO habe „behauptet“, diese 52 Ampullen seien für den Impfstoff genutzt worden und deuten damit an, dass dem nicht so war. Sie nennen für diese Unterstellung aber keine Belege. 

In dem Artikel ist zudem nicht die Rede davon, dass tatsächlich Frauen in Kenia unfruchtbar wurden; eine Untersuchung der geimpften Frauen wurde nicht durchgeführt. Einer der Autoren des Artikels ist selbst Mitglied der Kenya Catholic Doctors Association. 

Laborleiter: Untersuchungen im Auftrag der Kirche waren fehlerhaft

Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten bereits 2014 zwei der Labore, die die katholischen Ärzte mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt hatten, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. 

Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily 2017: Die ersten Proben seien kontaminiert gewesen, die Testmethode sei falsch und das Ergebnis daher nicht zuverlässig gewesen. 

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprechen der Behauptung

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade. Alle Menschen könnten Tetanus bekommen, doch es sei besonders gefährlich bei neugeborenen Babys. Die Infektion könne verhindert werden, indem man Frauen im gebärfähigen Alter gegen Tetanus impfe. Die Impfung schütze durch den Transfer der Antikörper auch das Kind. 

Auch das kenianische Gesundheitsministerium widersprach den Anschuldigungen in einer Pressemitteilung 2017. Man habe nach den Vorwürfen der Kenya Conference of Catholic Bishops (KCCB) ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. In dem Komitee seien das Gesundheitsministerium, Academia (eine Plattform für Wissenschaftler in Kenia) und Vertreter der KCCB vertreten gewesen. Es habe Impfstoff-Proben gesammelt, sie untersuchen lassen und festgestellt, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Nach anschließenden Treffen zwischen dem Ministerium und dem KCCB seien die Tetanus-Impfstoffen für unbedenklich befunden worden, und es seien weitere erfolgreiche Impfkampagnen 2016 und 2017 durchgeführt worden. Die Behauptungen weiterhin zu verbreiten sei „fahrlässig und irreführend“, so das Ministerium. 

Behauptungen sind viele Jahre alt

Auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) schrieb in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ 

Matercare merkt außerdem an, die Vorwürfe in Kenia seien fast identisch mit Behauptungen, die Mitte der 1990er Jahre in den Philippinen, Mexiko, Peru, Nicaragua und Tansania kursierten. „Es scheint, als sei hier eine unglückliche Wiederverwertung falscher Informationen geschehen.“

Die WHO erwähnte diese Anschuldigungen von Abtreibungsgegnern verschiedener Länder ebenfalls in einem Bericht von 1996. Und stellte schon damals klar: „Die WHO und Unicef haben klargestellt, dass sie strikt gegen die Kombination von irgendeinem Impfstoff mit einem Anti-Fruchtbarkeits-Impfstoff sind.“ (PDF, Seite 60).

2. Fall: Durch das orale Polio-Impfprogramm in Indien seien zwischen 2000 und 2017 500.000 gelähmte Kinder „produziert“ worden

Auf der Webseite von „Ärzte für Aufklärung“ steht: „Es wurde das orale Polio-Impfprogramm (Schluckimpfung Kinderlähmung) für Kinder zwischen 2000 und 2017 untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass es signifikant zu stark vermehrt Nicht-Polio-Assoziierten schlaffen Lähmungen (NPAFP) bei Kindern kam. Über diese Jahre wurden somit 500.000 gelähmte Kinder ‘produziert’.“ Das Programm der Bill & Melinda Gates Stiftung sei daraufhin von indischen Ärzten beendet worden.

Für die Behauptung, es gebe einen Zusammenhang zwischen Polio-Impfungen und Lähmungen ohne Polio-Nachweis (NPAFP), gibt es keine Belege. Dass das Impfprogramm wegen gelähmter Kinder beendet wurde, ist falsch.

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmungen führt. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff, der mindestens dreimal verabreicht wird.

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 Fälle im Jahr 2019. 

Impfstoff-Viren können in seltenen Fällen selbst zum Problem werden

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus (cVDPV)“.

Die Fallzahlen sind gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es dieses Jahr weltweit 61 Fälle wilder Polio und 134 Fälle von Impfstoff-Polio. 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen auch, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). Dies bestätigte die WHO auch auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail. 

„Korrelation“ von Impfungen und Lähmungen? 

Als Quelle für die Zahl von „500.000 gelähmten Kindern“ nennt „Ärzte für Aufklärung“ eine Studie von August 2018. Darin geht es um 640.000 Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). Die Wissenschaftler merken an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre. Sie spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte, da die NPAFP-Zahlen seit 2012 wieder gesunken seien – parallel zu einer Reduzierung der Impfungen („Korrelation“). 

Die Autoren stellen die Frage, ob die Polio-Impfung vielleicht anfällig für andere Enteroviren machen könnte. Für einen Nachweis eines kausalen Zusammenhangs seien aber mehr Studien nötig. Man kann die Zahl 491.000 also nicht einfach Impfungen zuschreiben.

Tatsächlich zeigt das Datenportal der WHO einen Anstieg der registrierten AFP-Fälle von 2000 bis 2012. Der WHO zufolge ist diese Entwicklung auf eine genauere Erfassung der Fälle zurückzuführen. Acute Flaccid Paralysis (AFP) sei ein Symptom und könne verschiedene Ursachen haben, teilte die Pressestelle uns per E-Mail mit. 

Registrierte AFP-Fälle werden auf Polio und Impfstoff-Polio untersucht

AFP-Fälle werden in Indien seit dem Jahr 1997 systematisch erfasst und sind definiert als Lähmung mit unbekannter Ursache bei einem Kind unter 15 Jahren oder Lähmung bei einer älteren Person, bei der ein Verdacht auf Polio besteht (PDF, Seite 12). Wird ein Fall registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). 

So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative: Die AFP-Fälle werden im Labor auf wilde Polioviren, Sabin-Polioviren (aus dem oralen Polioimpfstoff) und vaccine-derived poliovirus (VDPV) untersucht. Laut einer 2017 im Journal International Health veröffentlichten WHO-Studie werden in Indien zusätzlich zu den Stuhlproben auch Umweltproben genommen und auf die verschiedenen Arten von Polio untersucht. 

In einem Papier des WHO-Büros für Indien heißt es, in den Jahren 2012 bis 2014 seien jeweils mehr als 50.000 AFP-Fälle in Indien untersucht worden. „Nicht ein einziger AFP-Fall wurde positiv auf Polio getestet […].“

Mögliche andere Ursachen von Lähmungen könnten laut Polio Eradication Initiative ein Trauma, eine Infektion mit anderen Enteroviren oder ein Schlangenbiss sein. „Die große Mehrheit der AFP-Fälle wird nicht durch Polio verursacht“, schreibt uns die WHO per E-Mail. Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ Darauf sei der Anstieg der gemeldeten  Fälle in Indien zurückzuführen.

Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV
Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

3. Fall: Eine Untersuchung von DTP-Impfungen bei 6 bis 36 Monate alten Kindern in Guinea-Bissau habe gezeigt, dass die Sterblichkeit signifikant erhöht war

Die Behauptung ist größtenteils richtig; es gibt diese Untersuchung und ihre Ergebnisse werden korrekt wiedergegeben. Als Quelle nennt „Ärzte für Aufklärung“ eine 2018 veröffentlichte Studie, die sich mit dem Einsatz von DTP-Impfstoffen und oralen Polio-Impfstoffen in einer urbanen Gesellschaft in Guinea-Bissau in den frühen 1980er-Jahren befasst. DTP steht für Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Keuchhusten). Das Ergebnis: Die gegen DTP geimpften Kinder im Alter zwischen 6 und 36 Monaten hatten tatsächlich eine höhere Sterblichkeitsrate (all-cause mortality) als ungeimpfte Kinder. 

Es gibt mehrere Studien über Guinea-Bissau, die zu diesem Ergebnis kommen, allerdings geht es nicht um direkte Folgen der Impfung, sondern mögliche Langzeitauswirkungen. Die erste Studie wurde 2000 veröffentlicht. Ihr zufolge war die Sterblichkeitsrate geimpfter Kinder insgesamt zwar niedriger als die von ungeimpften Kindern. Bei denen, die eine Dosis Impfstoff gegen DTP oder Polio erhielten, sei sie jedoch erhöht gewesen. 

Die WHO schrieb dazu 2002 in einem Statement: „Eine Analyse der WHO-finanzierten Studien ist nun abgeschlossen. Alle Studien zeigen reduzierte Sterblichkeitsraten bei geimpften Kindern. Insbesondere zeigten die Studien keinen negativen Effekt des DTP-Impfstoffes […].“ Eine Arbeitsgruppe der WHO Strategic Advisory Group of Experts (SAGE) sollte 2014 die Bedenken untersuchen und kam zu dem Schluss, die Studien lieferten nicht genügend Belege und hätten methodische Grenzen. Die meisten seien zum Beispiel in Gegenden durchgeführt worden, in denen Impfstoffe gegen Keuchhusten seit Jahrzehnten im Einsatz seien, diese Krankheit also nicht mehr so stark zirkuliere. Außerdem sei die DTP-Impfung oft zusammen mit einer Polioimpfung verabreicht worden, was es schwer mache, ihren einzelnen Einfluss zu beurteilen (Seite 6 bis 8).

2017 wurde eine weitere Studie zu diesem Thema veröffentlicht, ebenfalls mit dem Ergebnis, dass die Sterblichkeit erhöht war. Die Autoren schlussfolgerten, dass die Impfung die Kinder zwar vor den drei genannten Krankheiten schütze, aber sie womöglich anfälliger für andere Infektionen mache. Die Studie widerspricht auch explizit den Einwänden der Arbeitsgruppe von 2014. Die Frage nach den Auswirkungen der DTP-Impfung auf die Gesamtmortalität ist also weiter Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. 

4. Fall: Bill Gates werde verklagt. Im Zusammenhang mit HPV-Impfungen sei es zu „an die 50 Todesfällen“ unter geimpften Mädchen gekommen. Die Geimpften seien nicht über mögliche Folgen aufgeklärt worden.

Die Behauptung, Bill Gates werde verklagt, ist teilweise falsch. Die Angabe von 50 Todesfällen ist falsch. Richtig ist, dass es in Indien Kritik an der Durchführung einer Studie mit HPV-Impfungen vor zehn Jahren gab. 

HPV steht für Humane Papillomviren. Sie können Krebs, insbesondere Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, auslösen. In Deutschland wird die Impfung seit 2007 für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen, und seit 2018 auch für Jungen. 

Bis April 2010 wurden an zwei Orten in Indien im Rahmen einer Studie 23.500 Mädchen von der Organisation „Path“ gegen HPV geimpft. Die Impfstoffe wurden laut „Path“ von Pharmakonzernen gespendet. Das globale Projekt für HPV-Impfungen wurde von der Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützt (PDF, Seite 4). 2010 wurde die Studie von der indischen Regierung vorsorglich gestoppt, aufgrund von Medienberichten über mögliche Nebenwirkungen. 

Ein Untersuchungskomitee veröffentlichte 2011 einen Bericht zu dem Fall. Das Dokument ist nicht mehr online, wird aber in einem zweiten Bericht des indischen Parlaments von 2013 zitiert, der von „Ärzte für Aufklärung“ auch als Quelle angegeben wird. Darin ist zu lesen, dass es um sieben Todesfälle ging – nicht 50. 

Untersuchung: Die sieben Todesfälle hatten keine Verbindung zu Impfung

Eine Untersuchung kam 2011 zu dem Schluss, dass die Fälle keine nachweisbare Verbindung zu der Impfung hatten. Drei seien innerhalb von 30 Tagen nach der letzten Impfdosis erfolgt, vier erst später (zwischen 45 und 97 Tage danach). Bei den ersten drei Fällen sei ein Fieber unbekannter Ursache aufgetreten, das auch mit Malaria oder einem Schlangenbiss in Verbindung stehen könne. Bei zwei anderen Mädchen sei Gift im Magen nachgewiesen worden, eines sei ertrunken und eines nach einer Krankheit von nur wenigen Stunden gestorben. Es gebe kein gemeinsames Muster der Fälle (PDF, Seite 38-39). 

Der zweite Bericht von 2013 kritisierte jedoch die erste Untersuchung; es sei zum Beispiel nicht untersucht worden, ob es eine Verbindung zwischen HPV-Impfungen und Suiziden geben könnte (PDF, Seite 6). Für diese Spekulation gibt es aber keine Belege. 

Es gibt keine Klage gegen Bill Gates, aber gegen die Organisation „Path“ und den indische Staat

Insgesamt wurde die Durchführung der Studie von „Path“ in dem zweiten Untersuchungsbericht scharf kritisiert. Es habe nicht genügend Kontrollen gegeben und die Eltern der Mädchen seien nicht ausreichend informiert worden (PDF, Seite 20-24). Über diese Kritik berichtete auch das Magazin Science.

Deshalb gibt es auch ein laufendes Verfahren vor dem indischen Supreme Court, eine sogenannte Rechtsstreitigkeit von öffentlichem Interesse (Public Interest Litigation). Wir fanden den Fall in der Datenbank auf der Webseite des Supreme Court; er ist offenbar seit Jahren offen („Writ Petition“, Fallnummer 558, Jahr 2012). Die Petition stammt von drei Frauen-Organisationen. Sie richtet sich unter anderem gegen die indische Regierung beziehungsweise das Gesundheitsministerium, einige indischen Bundesstaaten, die Organisation „Path“ und den Pharmakonzern Glaxosmithkline. Also lediglich indirekt gegen Bill Gates, der die Studie mit finanzierte. 

Screenshot aus der Datenbank des Supreme Court
Der Screenshot aus der Datenbank des Supreme Court zeigt, gegen wen sich die Klage richtet. Bill Gates ist nicht dabei. (Screenshot: CORRECTIV)

Den Inhalt der Petition konnte CORRECTIV nicht einsehen, doch auf der Webseite des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) steht, es gehe darum, dass die Betroffenen nicht ausreichend informiert worden seien, um freiwillig der Impfung zustimmen zu können, und um mangelhafte medizinische Überwachung. Dem ECCHR zufolge wurden als Folge der Rechtsstreitigkeit vor dem Supreme Court bereits einige Gesetze zu klinischen Studien in Indien geändert. 

Wer steckt hinter „Ärzte für Aufklärung“?

Die Betreiber der Webseite „Ärzte für Aufklärung“ sind vier Hamburger Ärzte: Walter Weber, Heiko Schöning, Marc Fiddike und Olav Müller-Liebenau. 

Walter Weber ist nach eigenen Angaben auf dem Gebiet der Psychosomatik und Krebstherapie tätig und vertritt eine Theorie, nach der Gesundheit vor allem von der „Harmonie von Körper und Seele“ abhängt. Marc Fiddike ist nach eigenen Angaben Hausarzt und Homöopath, und auch Olav Müller-Liebenau ist laut Einträgen in Ärzte-Datenbanken praktischer Arzt, spezialisiert auf Naturheilverfahren.

Heiko Schöning trat laut Medienberichten auf Demonstrationen von Gegnern der Corona-Maßnahmen auf und stellte das Coronavirus auf seiner Webseite in einen Zusammenhang mit „Bioterror“. Zudem sagte er kürzlich in einem Youtube-Video, der PCR-Test liefere zu 80 Prozent falsch-positive Ergebnisse – eine falsche Behauptung, wie unser Faktencheck zeigte

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Bei den vier Beispielen, die „Ärzte für Aufklärung“ schildert, sind die Bedenken gegen Impfungen nur in einem Fall richtig. Die anderen Behauptungen sind unbelegt oder falsch. 

Demo in Dresden
Standbild aus dem Youtube-Video mit der falschen Behauptung, die Polizei habe sich dem Spaziergang der Corona-Kritiker angeschlossen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook und Youtube kursieren Bilder, die angeblich zeigen sollen, wie sich Polizisten einem Montagsspaziergang gegen die Corona-Maßnahmen angeschlossen haben. Das ist falsch. Es handelte sich um einen Polizeieinsatz, der die Versammlung begleitete. 

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, die Polizei habe sich in Dresden einem Spaziergang von Kritikern der Corona-Maßnahmen am 18. Mai angeschlossen. „Ein Dank an diese Polizei“, kommentiert die Nutzerin dazu. Auf einem Bild ist zu sehen, wie drei Polizisten neben Demonstranten hergehen. Der Beitrag wurde bereits mehr als 3.300 Mal geteilt. 

Die Behauptung, die Polizei habe sich der Demonstration angeschlossen, ist falsch. Es handelte sich um einen Polizeieinsatz. 

In dem Beitrag ist der Screenshot eines Youtube-Videos zu sehen. Es ist auf der Plattform zu finden und trägt den Titel „2020-05-18 Dresden: Polizei schließt sich Spaziergang der Kritiker der Corona-Maßnahmen friedlich an“. 

Der Facebook-Beitrag mit der falschen Behauptung.
Der Facebook-Beitrag mit der falschen Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Video zeigt, dass Polizisten zusammen mit den Demonstranten durch die Innenstadt gehen. Es ist aber klar erkennbar, dass es sich um einen Polizeieinsatz handelt. Die Beamten gehen in Gruppen, teilweise fahren Polizeifahrzeuge nebenher. Es ist eine Lautsprecherdurchsage zu hören: „Ihr Spaziergang wurde als Versammlung eingestuft. Hierfür ist eine Anmeldung nötig. Hierzu muss sich eine Person am Lautsprecherfahrzeug einfinden.“

Auf der Webseite der Polizei Sachsen findet sich eine Pressemitteilung zu dem Spaziergang vom 18. Mai. Darin heißt es, es seien Ermittlungen wegen einer nicht genehmigten Versammlung eingeleitet worden. 

Zu dem Spaziergang sei vorher im Internet aufgerufen worden, schreibt die Polizei. Außerdem hatte es kurz zuvor in der Nähe des Versammlungsortes eine Kundgebung von „Pegida“ gegeben, was die hohe Polizeipräsenz in der Dresdener Innenstadt erklärt.  

Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte ein Sprecher der Polizei Dresden am 20. Mai am Telefon, die Polizei habe sich der Demonstration nicht angeschlossen, sondern sie im Rahmen eines Einsatzes begleitet. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Polizei hat sich dem Montagsspaziergang am 18. Mai in Dresden nicht angeschlossen. 

Luc Montagnier im Interview mit dem französischen Sender CNews.
Luc Montagnier im Interview mit dem französischen Sender CNews. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Immer wieder wird eine Behauptung des Virologen Luc Montagnier als angeblicher Beleg herangezogen, dass das Coronavirus in einem Labor hergestellt wurde. Montagnier sagte, das Virus enthalte Gen-Sequenzen von HIV. Zahlreiche Wissenschaftler haben diese Behauptung jedoch widerlegt. 

In einem Artikel vom 18. April schrieb die Seite Sputnik-News: „Nobelpreis-Virologe Montagnier: Neues Coronavirus stammt aus Labor“. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 4.000 Mal auf Facebook geteilt. Die These, die darin vertreten wird, wurde bereits mehrfach von Wissenschaftlern widerlegt. 

Der weltweit anerkannte Virologe Luc Montagnier behauptete im April in einem französischen Interview, das neuartige Coronavirus enthalte teils identische Sequenzen wie HIV. Er schlussfolgerte daraus, dass SARS-CoV-2 nur in einem Labor hergestellt worden sein könne. 

Montagnier sagte in dem Interview, das mit deutschen Untertiteln auch auf Youtube auftaucht, er arbeite nicht im Labor, sondern am Computer. „Wir sind zu der Schlussfolgerung gekommen, das der Virus manipuliert wurde. Ein Teil, ein Modell des Virus, ein klassisches Modell, dass der Virus von der Fledermaus kam. Aber auf dieses Modell hat man Sequenzen des HIV-Virus zugefügt.“ Er wisse nicht, wer das getan habe, aber es sei „die Arbeit von Professionellen, von Molekular-Biologen“. „Das genetische Material des Virus ist ein langer Streifen RNA, an einem bestimmten Platz hat man kleine Sequenzen von HIV eingebaut. Aber diese Sequenzen sind zwar klein, aber sie haben trotzdem eine Bedeutung.“

Luc Montagnier erhielt 2008 den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des HI-Virus, das die Krankheit Aids auslöst. Der inzwischen 88-jährige Virologe steht laut Medienberichten aufgrund von Behauptungen zur Wirksamkeit von Homöopathie oder zur Heilung von HIV und Aids immer wieder in der Kritik. 

Auch die aktuellen Behauptungen zum neuartigen Coronavirus reihen sich da mit ein. 

Besonders deutlich wurde Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Auf eine Frage der Wissenschaftsjournalistin nach Montagnier und seinen Behauptungen, sagte Drosten: „Es ist schwierig für einen aktiven Wissenschaftler in der Virologie zu sagen, dass ein Nobelpreisträger im Fach Virologie Unsinn verbreitet. Aber das ist kompletter Unsinn.“

Wissenschaftliches Paper wurde zurückgezogen

Ihren Ursprung nahm die Theorie wohl mit einem Artikel von indischen Wissenschaftlern, der Ende Januar auf den Preprint-Server BioRXIV hochgeladen wurde. Es handelte sich um einen sogenannten Preprint, eine Arbeit, die noch nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft worden war. Sie befeuerte den Mythos, das Coronavirus sei nicht natürlichen Ursprungs, weil es darin hieß, man habe bei vier Insertionen im Genom des Coronavirus Ähnlichkeiten zu Sequenzen von HIV-1 gefunden. Insertionen sind eine Art von Gen-Mutation, bei der ein zusätzliches Nukleotid (DNA-Abschnitt) in eine DNA-Sequenz eingefügt wird.

Die Autoren haben den Artikel jedoch Anfang Februar zurückgezogen. In einem Kommentar schrieb einer von ihnen, Prashant Pradhan, vor vier Monaten, man habe nicht die Absicht gehabt, Verschwörungstheorien zu nähren. Das war also vor Montagniers TV-Interview im April. 

In einer Studie vom 14. Februar, die im Journal Emerging Microbes & Infections veröffentlicht wurde, wird zudem explizit widersprochen: HIV-1 habe nicht zum Genom des neuartigen Coronavirus beigetragen. Der Text bezieht sich direkt auf die Arbeit der indischen Forscher: Sie impliziere, dass das Coronavirus generiert worden sein könnte, mit Genfragmenten aus dem Genom von HIV-1. Ihre eigene Analyse der vier Insertionen habe aber keinerlei Belege dafür geliefert, schreiben die Autoren.

Auszug aus Studie
Auszug aus dem Bericht im Journal Emerging Microbes & Infections (Screenshot: CORRECTIV)

Die Insertionen seien gar nicht spezifisch für HIV-1, sondern beim Abgleich mit einer Datenbank bekomme man Treffer für viele verschiedene Lebensformen, zum Beispiel auch Bakterien, erklären die Forscher weiterhin.

Suchergebnisse in der Viren-Datenbank zum Abgleich der Gen-Sequenzen.
Suchergebnisse in der Viren-Datenbank zum Abgleich der Gen-Sequenzen. (Screenshot: CORRECTIV)

Zu demselben Ergebnis kamen auch Faktenchecks der Seiten European Scientist und Health Feedback. In letzterem Artikel zitierten die Autoren den Virologen Trevor Bedford, der auf Twitter Ende Januar schrieb, die verglichenen Gen-Sequenzen seien so kurz, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man Ähnlichkeiten bei anderen Organismen, einschließlich HI-Viren, finde, sehr hoch sei. „Die beobachteten Insertionen sind komplett vereinbar mit natürlicher Evolution dieser Viren in Fledermäusen.“ 

Auszug aus dem Faktencheck von Health Feedback.
Auszug aus dem Faktencheck von Health Feedback. (Screenshot: CORRECTIV)

Wissenschaftler: Alles deutet auf natürlichen Ursprung des Virus hin

Bereits im Februar hatten zudem zahlreiche Wissenschaftler betont, alles deute auf einen natürlichen Ursprung des Virus hin.

In einem Artikel im Journal Nature (17. März) erklärte eine weitere Gruppe von Forschern, was im Genom des Coronavirus gegen die Theorie spreche, es sei im Labor erschaffen worden.

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Ein „starker Beleg“ sei, dass die Interaktion des Virus mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren „nicht ideal“ sei. Dies deute darauf hin, dass es durch „natürliche Auslese“, also Evolution zustande kam. Plausibel sind laut den Wissenschaftlern zwei Szenarien – entweder sei die Veränderung des Virus in einem tierischen Wirt vor der Übertragung auf den Menschen geschehen, oder erst danach, also im Menschen selbst. Im ersten Szenario sei es wahrscheinlich, dass Fledermäuse als „Reservoir“ des Virus dienten. Doch auch bei Schuppentieren (Pangolins) kämen Coronaviren vor, die SARS-CoV-2 sehr ähnlich seien.  

Die Forscher kommen zum Schluss: „Unsere Analyse zeigt klar, dass SARS-CoV-2 kein Laborkonstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus ist.“ 

Unsere Bewertung:
Falsch. Mehrere Wissenschaftler stellen klar: Es wurden keine Sequenzen von HIV im Labor in das Coronavirus eingefügt. 

Bill Gates
Der US-Unternehmer Bill Gates ist das Feindbild vieler Impfgegner. Die Anschuldigungen gegen ihn werden seit Jahren im Netz wiederholt – das macht sie aber nicht richtig. (Foto: Nicolas Liponne / picture alliance / NurPhoto)

von Alice Echtermann

Im Windschatten der Debatten um das Coronavirus verbreiten sich altbekannte Vorwürfe gegen Bill Gates und seine Stiftung. Das Ziel: Angst vor Impfungen zu schüren. Die von uns geprüften Geschichten über angebliche Impfschäden in Indien oder Afrika sind jedoch falsch oder unbelegt.

Die Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt seit Jahren Impfkampagnen in verschiedenen Ländern weltweit. Für Impfgegner ist der Microsoft-Gründer Bill Gates daher zum Feindbild geworden – und in der aktuellen Debatte um die Coronavirus-Pandemie werden alte Vorwürfe gegen ihn wieder extrem populär im Netz. 

In einem am 11. April 2020 veröffentlichten Artikel des Blogs Marbec-14 werden sechs Fälle in der Vergangenheit aufgezählt, in denen die von Gates finanzierten Impfstoffe angeblich tausenden Kindern geschadet hätten. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 7.900 Mal auf Facebook geteilt. 

Es geht darin um Impfungen gegen Polio (Kinderlähmung) und HPV (Humane Papillomviren, die Krebs auslösen können) in Indien und gegen Meningitis (Hirnhautentzündung), DTP (Diphtherie, Tetanus und Pertussis, also Keuchhusten) und Malaria in Afrika. 

Die Anschuldigungen gegen Gates gehen zurück auf einen Artikel des US-amerikanischen Impfkritikers Robert F. Kennedy (Jr.), der am 9. April auf der Webseite seiner Organisation Children’s Health Defense erschienen ist. Marbec-14 hat offenbar Teile des englischen Textes übersetzt. Auch das russische Auslandsmedium RT Deutsch gibt Kennedys Behauptungen in einem Artikel vom 18. April wieder.   

CORRECTIV hat die Behauptungen einzeln überprüft. Sie sind größtenteils falsch oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bill Gates’ Polio-Impfstoffe sorgten für eine „weltweite Polio-Explosion“

Laut Marbec-14 hat die WHO angeblich zugegeben, „dass es sich bei der weltweiten Polio-Explosion überwiegend um einen Impfstamm handelt“. Diese Behauptung ist falsch. Es gibt keine „weltweite Polio-Explosion“ oder eine Pandemie, die auf Viren aus Impfstoffen zurückzuführen ist. 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmungen führt. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff, der mindestens dreimal verabreicht wird.

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 Fälle im Jahr 2019. Es gibt immer noch Polio-Fälle in Pakistan und afrikanischen Ländern – die Zahlen liegen im zweistelligen Bereich.  

Oraler Polio-Impfstoff kann in seltenen Fällen Erkrankung verursachen – die Fallzahlen sind sehr gering

In seltenen Fällen könne es jedoch dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus (cVDPV)“.

Die Fallzahlen sind jedoch sehr gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es dieses Jahr weltweit 54 Fälle wilder Polio und 101 Fälle von Impfstoff-Polio. 

Die WHO schreibt zur Einordnung: „Seit 2000 wurden mehr als 10 Milliarden Impfstoff-Dosen an beinahe drei Milliarden Kinder weltweit verabreicht. In der Folge wurden mehr als 13 Millionen Polio-Fälle verhindert und die Krankheit um mehr als 99 Prozent reduziert. Während dieser Zeit gab es 24 Ausbrüche von Impfstoff-basierter Polio in 21 Ländern, mit weniger als 760 Infektionsfällen.“ 

Obwohl der orale Polio-Impfung (OPV) grundsätzlich sehr sicher und wirksam sei, werde er aber seit April 2016 schrittweise abgeschafft, „um jegliches Risiko durch vom Impfstoff abgeleitete Polioviren auszuschließen“.  

2. Behauptung: Durch Polio-Impfstoffe wurden 496.000 Kinder in Indien gelähmt

Laut Marbec-14 sind in Indien angeblich zwischen 2000 und 2017 insgesamt 496.000 Kinder durch Polio-Impfungen von Bill Gates gelähmt worden. Diese Behauptung kursiert auch aktuell auf Facebook (hier und hier) und wird tausendfach geteilt. In weiteren Blog-Artikeln (hier und hier) ist von einer „halben Million gelähmter Kinder“ durch Impfungen die Rede.

Die Zahl von 496.000 Kindern hat jedoch keine Verbindung zu Impfstoff-basierter Polio (VDPV). 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen auch, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). Dies bestätigte die WHO auch auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail. 

Facebook-Post zu Bill Gates
Dieses Bild wird aktuell auf Facebook geteilt. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Die Zahl 496.000 bezieht sich offenbar auf eine Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). Zwischen 2000 und 2017 sei dies bei 640.000 Kindern in Indien registriert worden. Die Wissenschaftler merken an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre. Sie spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte, da die NPAFP-Zahlen seit 2012 wieder gesunken seien – parallel zu einer Reduzierung der Impfungen („Korrelation“). Die Autoren stellen die Frage, ob die Polio-Impfung vielleicht anfällig für andere Enteroviren machen könnte. Für einen Nachweis eines kausalen Zusammenhanges seien aber mehr Studien nötig. Man kann die Zahl 491.000 also nicht einfach Impfungen zuschreiben.

Tatsächlich zeigt das Datenportal der WHO einen Anstieg der registrierten AFP-Fälle von 2000 bis 2012. Der WHO zufolge ist diese Entwicklung auf eine genauere Erfassung der Fälle zurückzuführen. Acute Flaccid Paralysis (AFP) sei ein Symptom und könne verschiedene Ursachen haben, teilt man uns per E-Mail mit. 

Registrierte AFP-Fälle werden auf Polio und Impfstoff-Polio untersucht

AFP-Fälle werden in Indien seit dem Jahr 1997 systematisch erfasst und sind definiert als Lähmung mit unbekannter Ursache bei einem Kind unter 15 Jahren oder Lähmung bei einer älteren Person, bei der ein Verdacht auf Polio besteht (PDF, Seiten 12). Wird ein Fall registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). 

So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative: Die AFP-Fälle werden im Labor auf wilde Polioviren, Sabin-Polioviren (von dem oralen Polioimpfstoff) und vaccine-derived poliovirus (VDPV) untersucht. Laut einer 2017 im Journal International Health veröffentlichten WHO-Studie werden in Indien zusätzlich zu den Stuhlproben auch Umweltproben genommen und auf die verschiedenen Arten von Polio untersucht. Nur ein sensibles AFP-Überwachungssystem mache die schnelle Entdeckung und Reaktion auf neue Ausbrüche von cVDPV möglich, um letztlich auszuschließen, dass Impfstoff-basierte Polioviren kursieren, schreiben die Forscher.

In einem Papier des WHO-Büros für Indien heißt es, 2012 seien 59.436 AFP-Fälle in Indien untersucht worden, weitere 53.421 im Jahr 2013 und 53.383 im Jahr 2014. „Nicht ein einziger AFP-Fall wurde positiv auf Polio getestet (…).“

Mögliche andere Ursachen von Lähmungen könnten laut Polio Eradication Initiative ein Trauma, eine Infektion mit anderen Enteroviren oder ein Schlangenbiss sein. „Die große Mehrheit der AFP-Fälle wird nicht durch Polio verursacht“, schreibt uns die WHO per E-Mail. Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ Darauf sei der Anstieg der gemeldeten  Fälle in Indien zurückzuführen.

Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV
Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

3. Behauptung: Indien habe Bill Gates wegen der Polio-Impfschäden „rausgeworfen“

Nutzer auf Facebook behaupten weiterhin, die indischen Regierung habe Gates wegen der Impfschäden aufgefordert, das Land zu verlassen. Marbec-14 schreibt, man habe Gates 2017 aus dem „Nationalen Beirat Indiens (NAB)“ vertrieben und danach seien die Lähmungsraten zurückgegangen. Das ist falsch. 

Erstens gibt es in Indien keinen Nationalen Beirat, der etwas mit Impfungen zu tun hat. Hinter dem Kürzel NAB steckt das National Advisory Board, ein Gremium, das die Umsetzung eines Programms für zivilgesellschaftliche Beteiligung überwacht. Gemeint ist in den Beiträgen der Impfkritiker also wohl die für Impfungen zuständige National Technical Advisory Group on Immunization (NTAGI). Laut einer Pressemitteilung des indischen Gesundheitsministeriums von 2017 gibt es aber keine finanzielle Verbindung zwischen der NTAGI und der Stiftung von Bill Gates.

Und zweitens zeigt ein Blick in das Datenportal der WHO, dass die Fälle von Impfstoff-basierter Polio in Indien seit 2011 bei Null lagen. Die AFP-Fälle dagegen sinken bereits seit 2012.

Was aber steckt hinter der Behauptung, Indien habe Bill Gates 2017 „rausgeworfen“? 

Robert Kennedy nennt in seinem Artikel als angeblichen Beleg einen Bericht der Seite Business Standard vom 8. Februar 2017. Darin wird behauptet, die indische Regierung habe die „finanziellen Verbindungen“ zwischen Gates’ Stiftung und der NTAGI „gekappt“. 

Das indischen Gesundheitsministerium hat jedoch in seiner Pressemitteilung klargestellt, dass das nicht stimmt und die Medienberichte irreführend seien. 

Tatsächlich werde die Arbeit eines anderen Gremiums, der Immunisation Technical Support Unit (ITSU), unter anderem von der Gates-Stiftung gefördert. Bill Gates wurde aber auch dort nicht „rausgeworfen“ – es wurde lediglich das Sekretariat der NTAGI, das bisher bei der ITSU angesiedelt war, zu einer anderen Gesundheitsbehörde verschoben (dem National Institute of Health & Family Welfare).

Darüber berichteten auch die Seite Health Issues India und die Nachrichtenagentur Reuters. In den Artikeln wird vermutet, dass die Änderung geschah, um ausländischen Einfluss auf die indische Politik zu verringern. Um Nebenwirkungen von Impfungen geht es aber in keinem der Berichte. Das Gesundheitsministerium stellt in seiner Pressemitteilung klar: „Die Bill & Melinda Gates Foundation wird weiterhin mit dem Gesundheitsministerium kooperieren und es unterstützen.“

4. Behauptung: Bill Gates habe 23.000 Mädchen in Indien gegen HPV impfen lassen. 1.200 hätten schwere Nebenwirkungen bekommen, sieben seien gestorben

Diese Behauptungen sind unbelegt. Faktenchecker von Leadstories, Snopes und Politifact haben sie bereits in der Vergangenheit überprüft.

HPV steht für Humane Papillomviren. Sie können Krebs, insbesondere Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, auslösen. In Deutschland wird die Impfung seit 2007 für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen, und seit 2018 auch für Jungen. 

Bis April 2010 wurden an zwei Orten in Indien im Rahmen einer Studie 23.500 Mädchen von der Organisation „Path“ gegen HPV geimpft. Die Impfstoffe wurden laut „Path“ von Pharmakonzernen gespendet. Das globale Projekt für HPV-Impfungen wurde von der Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützt (PDF, Seite 4). 2010 wurde die Studie von der indischen Regierung vorsorglich gestoppt, aufgrund von Medienberichten über mögliche Nebenwirkungen. 

Ein Untersuchungskomitee veröffentlichte 2011 einen Bericht zu dem Fall. Das Dokument ist nicht mehr online, wird aber in einem zweiten Bericht des indischen Parlaments von 2013 zitiert. 

Keine Belege für Verbindung der Todesfälle zur Impfung

Demnach kam man 2011 zu dem Schluss, dass die sieben Todesfälle keine nachweisbare Verbindung zu der Impfung hatten. Drei seien innerhalb von 30 Tagen nach der letzten Impfdosis erfolgt, vier erst später (zwischen 45 und 97 Tage danach). Bei den ersten drei Fällen sei ein Fieber unbekannter Ursache aufgetreten, das auch mit Malaria oder einem Schlangenbiss in Verbindung stehen könne. Bei zwei anderen Mädchen sei Gift im Magen nachgewiesen worden, eines sei ertrunken und eines nach einer Krankheit von nur wenigen Stunden gestorben. Es gebe kein gemeinsames Muster der Fälle (PDF, Seite 38-39). 

Diese Informationen schickte uns „Path“ auch auf unsere Presseanfrage hin.

Auszug aus der E-Mail von „Path“.
Auszug aus der E-Mail von „Path“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der zweite Bericht aus Indien von 2013 kritisierte jedoch die erste Untersuchung; man könne nicht völlig ausschließen, dass es eine Verbindung zwischen HPV-Impfungen und Suiziden gebe (PDF, Seite 6). Für diese Spekulation gibt es jedoch keine Belege. 

Insgesamt wurde die Durchführung des Projektes von „Path“ in dem zweiten Untersuchungsbericht scharf kritisiert. Die Sache mit der Studie sei dubios abgelaufen, es habe nicht genügend Kontrollen gegeben und die Eltern der Mädchen seien nicht ausreichend informiert worden (PDF, Seite 20-24). Es habe auch Verzögerungen und keine einheitlichen Standards bei der Erfassung von möglichen Todesfällen oder Nebenwirkungen gegeben (Seite 12-13). Über diese Kritik berichtete auch das Magazin Science

Fazit: Es gibt keine Belege, dass es damals sieben Todesfälle durch HPV-Impfstoffe in Indien gab. Die angeblich 1.200 Fälle „schwerer Nebenwirkungen“ haben wir in keiner Quelle gefunden.

5. Behauptung: Der Fall der HPV-Impfungen werde vor dem Obersten Gerichtshof Indiens verhandelt 

Diese Behauptung ist größtenteils richtig – allerdings fehlt der ganze Kontext. Auf unsere Presseanfrage antwortete „Path“, es gebe tatsächlich ein laufendes Verfahren vor dem Supreme Court. Es handele sich um eine sogenannte Rechtsstreitigkeit von öffentlichem Interesse (Public Interest Litigation), aber nicht nur gegen „Path“, sondern auch gegen den indischen Staat selbst. Man sehe die Vorwürfe als haltlos an.

Wir fanden den Fall in der Datenbank auf der Webseite des Supreme Court; er ist offenbar seit Jahren offen (Fallnummer 558, Jahr 2012).  

Public Interest Litigation
Public Interest Litigation in der Datenbank des Supreme Court of India. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Webseite des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) ist mehr darüber zu lesen. Dort ist erklärt, dass eine Public Interest Litigation keine normale Klage ist. Sie ist vielmehr eine Möglichkeit, dass jeder Bürger in Indien einen Fall von möglichen Menschenrechtsverletzungen – auch wenn sie ihn nicht selbst betreffen – vor Gericht bringen kann, damit sich die Öffentlichkeit damit befasst.

Die Petition stammt von drei Frauen-Organisationen. Sie richtet sich unter anderem gegen die indische Regierung beziehungsweise das Gesundheitsministerium, einige indischen Bundesstaaten, die Organisation „Path“ und den Pharmakonzern Glaxosmithkline. Bill Gates oder seine Stiftung werden nicht erwähnt.

Den Inhalt der Petition konnte CORRECTIV nicht einsehen, doch beim ECCHR steht, es gehe darum, dass die Betroffenen nicht ausreichend informiert worden seien, um freiwillig der Impfung zustimmen zu können, und um mangelhafte medizinische Überwachung. Es geht also um die Art, wie die Studie durchgeführt wurde. Dem ECCHR zufolge wurden als Folge der Rechtsstreitigkeit vor dem Supreme Court bereits einige Gesetze zu klinischen Studien in Indien geändert. 

6. Behauptung: An einem von Gates finanzierten Malaria-Impfstoff seien in Afrika 151 Kinder gestorben. 1.048 von 5.049 Kindern hätten schwere Nebenwirkungen wie Lähmungen, Krampfanfälle und Fieberkrämpfe bekommen 

Die Behauptungen sind größtenteils falsch und die Zahlen aus dem Kontext gerissen.

Die Quelle ist offenbar eine Studie im New England Journal of Medicine von 2011. Demnach wurden von März 2009 bis Januar 2011 nicht 5.049, sondern insgesamt 10.307 afrikanische Kinder in zwei Alterskategorien (6 bis 12 Wochen und 5 bis 17 Monate alt) mit einem Impfstoff gegen Malaria geimpft. Weitere Kinder erhielten einen Vergleichsimpfstoff: Die jüngere Kontrollgruppe erhielt eine Impfung gegen Meningokokken und die ältere eine gegen Tollwut. Insgesamt wurden bei der Studie 15.460 Kinder geimpft. 

Die Studie wurde nach Angaben der Autoren unter anderem finanziert vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline und der Organisation „Path“, die dafür Geld von der Bill & Melinda Gates Stiftung bekam.

In der älteren Altersgruppe seien „schwerwiegende unerwünschte Ereignisse“ (serious adverse events) bei 1.048 der 5.949 Kinder aufgetreten, die den Malaria-Impfstoff erhielten, heißt es in der Studie. Diese Zahlen wurden von Marbec-14 herausgegriffen, ohne kenntlich zu machen, dass es sich dabei nur um eine Teilgruppe handelte.

„Unerwünschte Ereignisse“ müssen nicht zwingend ein Resultat der Impfung sein. Die Aufzeichnungen fanden in einem Zeitraum von bis zu 18 Monaten nach der Impfung statt. 

In der Studie steht, dass insgesamt 13 Kinder Nebenwirkungen hatte, die als tatsächliche Folgen der Malaria-Impfung eingeschätzt wurden (Table 3): Zehn der älteren Kinder hätten 12 „unerwünschte Ereignisse“ berichtet. Darunter sieben Krampfanfälle, drei Fälle von Fieber, ein Fall von Myositis (Entzündung der Muskulatur) und eine direkte Reaktion auf die Injektion. Bei der jüngeren Gruppe waren drei Kinder von direkten Nebenwirkungen betroffen. 

Innerhalb von 30 Tagen nach der Impfung traten insgesamt bei 501 Kindern der Studie „unerwünschte Ereignisse“ auf. Sie sind jedoch nicht gestorben. 

Tabelle der unerwünschten Ereignisse bei der Studie
Tabelle der unerwünschten Ereignisse bei der Studie – aufgeschlüsselt nach Kategorien. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Gruppe der Kinder, die den Malaria-Impfstoff erhielten, gab es insgesamt 105 Todesfälle (56 ältere und 49 jüngere). Diese sind der Studie zufolge aber nicht auf die Impfung zurückzuführen. 

Wie dem Anhang der Studie zu entnehmen ist, wurden die Todesfälle über einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten nach der Impfung aufgezeichnet. Die Todesursachen reichten von Ertrinken bis zu Unterernährung (Seite 53). Bei den jüngeren Kindern wurden die Todesfälle über bis zu 14 Monate nach der Impfung erfasst; auch hier gab es die verschiedensten Ursachen (Seite 55). 

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7. Behauptung: Während der „MenAfriVac“-Kampagne seien tausende Kinder in Afrika gegen Meningitis geimpft worden. Zwischen 50 und 500 seien an Lähmungen erkrankt. 

„MenAfriVac“ ist ein Impfstoff gegen Meningokokken-A. Er wurde speziell für Afrika entwickelt, von der WHO gemeinsam mit der Organisation „Path“ und Unterstützung durch die Bill & Melinda Gates Stiftung. Klinische Studien seien seit 2005 durchgeführt worden und hätten die Sicherheit des Impfstoffes nachgewiesen, so die WHO

Meningitis (Hirnhautentzündung) kann durch verschiedene Arten von Meningokokken (Bakterien) ausgelöst werden. Meningokokken der Gruppe A sind laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für „ausgedehnte Epidemien“ in Afrika verantwortlich. 

Als Quelle für die Behauptung, „zwischen 50 und 500 Kinder“ seien in Afrika wegen der Impfung gelähmt worden, verweist Robert Kennedy auf einen Artikel der Webseite Laleva vom 7. Januar 2013. Darin steht, laut Medienberichten seien „mindestens 40“ von 500 Kindern, die in einem kleinen Dorf namens Gouro im Tschad geimpft wurden, von Lähmungen betroffen. 

Wie die Seite Medical Xpress am 22. Januar 2013 berichtete, teilte jedoch die Regierung im Tschad mit, ein Team von internationalen Experten habe die Fälle untersucht und keine Verbindung zu der Meningokokken-Impfung feststellen können. Der Zustand der Kinder sei außerdem nicht bedenklich, sie würden „normale Leben“ führen. 

Eine Pressemitteilung dazu konnten wir nicht finden, jedoch teilte das Gesundheitsministerium des Tschad auf seiner Webseite 2019 mit, man beurteile die „MenAfriVac“-Kampagnen 2011 und 2012 positiv: Seitdem habe man im Land keine Meningitis-A-Epidemie mehr erlebt.

Nach Angaben von „Path“ wurden von 2010 bis 2018 bereits mehr als 284 Millionen Menschen mit „MenAfriVac“ geimpft. Laut einer Auswertung der registrierten Meningitis-Fälle in neun afrikanischen Ländern von 2010 bis 2015, die in The Lancet veröffentlicht wurde, gibt es in geimpften Gemeinschaften 57 Prozent weniger Meningitis. Wurden alle Mitglieder der Gemeinschaft geimpft, reduzierten sich die Fälle sogar um mehr als 99 Prozent. Die Einführung von „MenAfriVac“ habe also zu einer starken Reduktion der Meningitis-Fälle in Afrika geführt.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

8. Behauptung: Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen reduzieren, deshalb werde eine „Sterilitätsformel“ in Impfstoffe integriert  

CORRECTIV hat bereits 2017 in einem Faktencheck die Behauptung widerlegt, Bill Gates habe gesagt, Impfen sei „die beste Art der Bevölkerungsreduktion“. Diese Falschinformation ist also viele Jahre alt. 

In dem Artikel von Marbec-14 wird behauptet, Gates sei 2014 beschuldigt worden, „Millionen Frauen“ in Kenia mit einem gefälschten Tetanus-Impfstoff chemisch sterilisiert zu haben. Labore hätten die „Sterilitätsformel“ in Impfstoffen nachgewiesen. Die WHO habe zugegeben, seit über einem Jahrzehnt „Sterilitätsimpfstoffe“ entwickelt zu haben. 

Für keine diese Behauptungen gibt es Belege. Auf Anfrage teilte die Bill & Melinda Gates Stiftung uns mit, sie seien falsch, und auch die WHO dementiert 

E-Mail der Bill Gates Stiftung
Auszug aus der E-Mail der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Als angeblicher Beleg dient ein wissenschaftlicher Artikel, der 2017 erschienen ist. Die katholische Kirche und die Kenya Catholic Doctors Association hätten der WHO vorgeworfen, diesen Impfstoff heimlich einzusetzen, heißt es dort. Labore in Nairobi hätten einige Ampullen von Tetenus-Impfstoffen getestet und ein Hormon namens HCG nachgewiesen, dass in Kombination mit dem Impfstoff angeblich unfruchtbar machen könne.

Der Artikel ist spekulativ: Es heißt darin, katholische Ärzte hätten sechs Ampullen „sichergestellt“ und bei dreien das Hormon nachgewiesen. In 52 Ampullen dagegen, von denen die WHO „behauptet“ hätte, sie seien für den Impfstoff genutzt worden, sei das Hormon nicht gefunden worden. Nirgends in den Artikel ist die Rede davon, dass tatsächlich Frauen unfruchtbar wurden, eine Untersuchung wurde nicht durchgeführt. Zudem ist einer der Autoren selbst Mitglied der Kenya Catholic Doctors Association.  

In einer Pressemitteilung teilte die WHO im November 2014 mit, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ 

Bereits in einem Bericht von 1996 schrieb die WHO über solche Behauptungen; sie kämen von Abtreibungsgegnern in verschiedenen Ländern. Auslöser seien Berichte 1994 über Studien in Indien gewesen. Sie befassten sich mit einem Impfstoff mit dem Hormon HCG, der als Verhütungsmittel für ein bis zwei Jahre dienen könnte. 

Auf den Philippinen hätten Abtreibungsgegner dann behauptet, das Hormon in Tetanus-Impfungen nachgewiesen zu haben. Es seien jedoch Impfstoffe von sieben verschiedenen Herstellern von der US Food and Drug Administration (FDA), der niederländischen Regierung und Laboren in verschiedenen Ländern untersucht worden – und die Ergebnisse seien alle negativ gewesen, so die WHO. „Die WHO und Unicef haben klargestellt, dass sie strikt gegen die Kombination von irgendeinem Impfstoff mit einem Anti-Fruchtbarkeits-Impfstoff sind.“ (PDF, Seite 60).

Fazit: Die Behauptung ist falsch. 

9. Behauptung: Der DTP-Impfstoff töte im Afrika mehr Kinder als die Krankheiten, vor denen er schützt 

Als angeblicher Beleg für diese Behauptung dient eine Studie, die aus dem Jahr 2017 stammen soll. Es geht darin um einen Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Keuchhusten), kurz DTP. Die geimpften Mädchen hätten eine zehnmal höhere Sterblichkeitsrate als ungeimpfte, wird behauptet. 

Die Studie ist jedoch nicht von 2017, auch wenn sie in dem Jahr veröffentlicht wurde. Sie behandelt den Einsatz von DTP-Impfstoffen und oralen Polio-Impfstoffen in einer urbanen Gesellschaft in Guinea-Bissau in den frühen 1980er-Jahren. Man habe herausgefunden, dass die gegen DTP geimpften Kinder eine höhere Sterblichkeitsrate hatten. Die Autoren schlussfolgern, dass die Impfung die Kinder zwar vor den drei Krankheiten schütze, aber sie womöglich anfälliger für andere Infektionen mache. 

Die Studie belegt also nicht, dass die Impfung die Todesursache war. Marbec-14 schreibt: „Gates und die WHO haben sich geweigert, den tödlichen Impfstoff zurückzurufen, den die WHO jährlich Millionen von afrikanischen Kindern aufzwingt.“ Die Stiftung der Familie Gates kann mit dem Impfstoff aus den frühen 80er-Jahren aber gar nichts zu tun haben, denn sie wurde erst 1994 gegründet

Die Frage, ob die DTP-Impfung sich auf die Lebenserwartung von Kindern auswirkt, ist nach unserer Recherche unbelegt. Die WHO widerspricht dem Ergebnis einer ähnlichen Folgestudie in Guinea-Bissau, die 2000 veröffentlicht wurde. In einem Statement dazu heißt es: „Eine Analyse der WHO-finanzierten Studien ist nun abgeschlossen. Alle Studien zeigen reduzierte Sterblichkeitsraten bei geimpften Kindern. Insbesondere zeigten die Studien keinen negativen Effekt des DTP-Impfstoffes und es wurde kein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen entdeckt.“

Fazit

Die von uns geprüften Behauptungen über angebliche Schäden, die durch Impfstoffe von Bill Gates in Indien oder Afrika verursacht wurden, sind teilweise viele Jahre alt und werden von Impfgegnern im Netz stetig wiederholt. Bis auf eine Ausnahme sind alle Anschuldigungen unbelegt oder falsch. 

Update, 25. Mai 2020: Wir haben weitere Quellen zur Untersuchung von AFP-Fällen in Indien auf Impfstoff-Polio ergänzt. Zudem haben wir die erste Behauptung in zwei Behauptungen aufgeteilt, so dass der Faktencheck nun neun statt acht Punkte umfasst.  

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Behauptungen über die angeblich von Bill Gates verursachten Impfschäden sind falsch oder unbelegt. 

Compact TV
Das Video von Compact, dem die Moderatorin behauptet, von der Risikoanalyse 2012 fehle im Archiv des Bundestags jede Spur. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video, das zehntausendfach auf Facebook geteilt wurde, wird behauptet, die Bundesregierung habe eine Risikoanalyse von 2012 vertuscht, in der es um eine Coronavirus-Pandemie ging. Die Analyse gibt es – sie ist öffentlich und nicht schwer zu finden. 

„Wir werden komplett verarscht“, schreibt ein Facebook-Nutzer, der im April ein Video des rechten Magazins Compact geteilt hat. Darin behauptet die Moderatorin, die Bundesregierung habe schon 2012 ein Krisenszenario einer Coronavirus-Pandemie entworfen und den Bundestag darüber informiert – im Archiv des Bundestags finde sich davon jedoch „keine Spur“. Das Video ist von April und wurde mehr als 16.300 Mal auf Facebook geteilt. 

Die Andeutung, es sei etwas vertuscht worden, ist jedoch falsch. 

Zwar stimmt es, dass es einen solchen Bericht gibt: CORRECTIV hat schon Faktenchecks dazu veröffentlicht. Es handelt sich um den „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“, der 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde. Es war kein „Geheimplan“ oder eine Vorhersage der aktuellen Pandemie, sondern eine Analyse einer hypothetischen Pandemie mit einem ausgedachten Virus namens „Modi-SARS“.

Die Behauptung der Moderatorin, von dem Bericht gebe es im Archiv des Bundestags „keine Spur“, ist irreführend. Die Drucksache 17/12051 ist im Archiv des Bundestags zu finden. Zudem gibt es bei den Pressemeldungen den Vermerk, dass sie dem Parlament vorgelegt wurde, und darin ist die Drucksache ebenfalls verlinkt. 

Suche im Archiv des Bundestags
Im Archiv des Bundestags findet man die Analyse. (Screenshot: CORRECTIV)

Alexander Gauland wies im Bundestag auf das Papier hin

In dem Beitrag von Compact wird außerdem eine Rede von Alexander Gauland (AfD) im Bundestag eingeblendet, in der er sagte, laut dem Risikoszenario liege die Sterblichkeitsrate (Letalität) von „Modi-SARS“ bei jungen Menschen bei etwa einem Prozent, bei über 65-Jährigen bei 50 Prozent. „Das ist die exakte Beschreibung der Folgen des Covid-19“, behauptet Gauland.

Damit hat er zwar die Zahlen aus der Risikoanalyse richtig zitiert (Seite 58), aber seine Schlussfolgerung, diese seien exakt auf SARS-CoV-2 übertragbar, ist nicht richtig. Gauland hielt die Rede am 25. März 2020 im Bundestag (Video, ab Minute 15:41). Damals war über die Sterblichkeitsrate von Covid-19 noch weniger bekannt als heute. Es steht jedoch fest, dass diese nicht bei 50 Prozent liegt, auch nicht bei älteren Menschen. 

Laut dem Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 25. März lag die Quote der Verstorbenen im Verhältnis zu den bestätigten Infizierten damals bei 0,5 Prozent. 

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Nach aktuellen Angaben des RKI waren 87 Prozent der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen 70 Jahre alt oder älter. Anteil der Todesfälle an den Infizierten wird derzeit mit 4,5 Prozent angegeben. Die Letalität lässt sich laut RKI aber noch nicht zuverlässig berechnen da die tatsächliche Anzahl der Infektionsfälle unbekannt ist. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Risikoanalyse von 2012 existiert, sie wurde jedoch nicht aus dem Archiv des Bundestags entfernt.

Ken Jebsen
Der Blogger Ken Jebsen in seinem Video „Gates kapert Deutschland!” vom 4. Mai. (Quelle: Youtube, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert , Alice Echtermann

In einem millionenfach aufgerufenen Youtube-Video verbreitet der Blogger Ken Jebsen neben Verschwörungstheorien auch teils falsche Behauptungen über das Handeln der Polizei, Bill Gates, die WHO und eine angeblich geplante Impfpflicht.

Ken Jebsen ist sichtlich wütend: In dem rund 30-minütigen Youtube-Video „Gates kapert Deutschland!“ vom 4. Mai mit fast drei Millionen Aufrufen kritisiert der Blogger die deutsche Regierung, die Polizei, den Kapitalismus – und Bill und Melinda Gates. Sie hätten es angeblich geschafft, die Bundesrepublik zu „hacken“, die Gesundheitsbehörden zu unterwandern und würden nun nahezu allein über das Wohl der Gesellschaft entscheiden.

Ein Ehepaar aus den USA soll also Jebsen zufolge wegen seiner Initiative zu einer globalen Geberkonferenz für den Kampf gegen das Coronavirus, sowie Geldzuwendungen für die Impfstoffforschung oder Medienunternehmen die totale Kontrolle über Weltgesundheit, Angela Merkel und die deutsche Regierung innehaben.

Diese zentrale Behauptung in dem Video von KenFM (etwa Minute 8:00 bis 16:00) kann als Verschwörungstheorie bezeichnet werden: Sie eignet sich nicht für einen Faktencheck, da sie durch Fakten nicht belegbar oder widerlegbar ist. Zudem äußert Jebsen an vielen Stellen seine Meinung und ruft in der zweiten Videohälfte hauptsächlich dazu auf, demonstrieren zu gehen.

Er stellt in seinem Video aber auch einige konkrete Tatsachenbehauptungen auf. Vier davon haben wir geprüft. Das Ergebnis unserer Recherche: Ken Jebsen führt seine Zuschauer in die Irre.

1. Behauptung: Die Bill & Melinda Gates Stiftung finanziere die WHO zu mehr als 80 Prozent

Diese Behauptung stellt Jebsen im Video ab Minute 2:30 auf. Sie ist falsch. 

Die Bill & Melinda Gates Stiftung ist laut WHO zwar der zweitgrößte Spender nach den USA – die Zuwendungen machen aber 11,41 Prozent der Finanzierung aus. Spenden der Gavi Impfallianz entsprechen 6,49 Prozent. 

Die Gavi Impfallianz wird selbst zu einem großen Teil von der Gates-Stiftung finanziert (von 2016 bis 2020 zu etwa 17 Prozent; Tabelle „Annual Contributions 31 December 2019“). Doch selbst wenn man sie zusammen nähme, machen die Spenden der beiden Akteure nicht annähernd 80 Prozent der WHO-Finanzierung aus.

Gavi Alliance
Auszug aus der Tabelle der Spender für die Gavi Alliance, Stand 31. Dezember 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Programm-Budget der WHO für 2018/2019 lag insgesamt bei rund 4,4 Milliarden US-Dollar (Seite 5), und für 2020/2021 bei rund 4,8 Milliarden (Seite 6). 

In den Jahresberichten der WHO wird der Anteil der Bill & Melinda Gates Stiftung deutlich: 2018 spendete sie rund 229 Millionen Dollar für den „General Fund“ der WHO (PDF, Seite 6). 2017 waren es rund 325 Millionen Dollar (PDF, Seite 7). 

Bill Gates Spenden an WHO
Auszug aus der interaktiven Datenbank zur Finanzierung der WHO. (Screenshot am 8. Mai 2020: CORRECTIV)

2. Behauptung: Die Berliner Polizei habe bei Hygienedemos Menschen festgenommen, „weil sie das Grundgesetz bei sich trugen“

Jebsen behauptet unter anderem, die Berliner Polizei habe bei den sogenannten Hygienedemos Menschen „verhaftet, weil sie dieses Grundgesetz offen bei sich trugen“. Die Polizei habe „Menschen aufgefordert, das Grundgesetz herunter zu nehmen, weil es, Zitat: „eine unerlaubte politische Meinungsäußerung“ sei (ab Minute 4:50). Das sei in anderen Videos auf seinem Youtube-Kanal zu sehen. 

Jebsen meint damit offenbar ein Video vom 30. April; dort ist (ab Minute 9:30) zu sehen, wie ein Polizeibeamter eine Frau auffordert, ein selbst geschriebenes Schild herunter zu nehmen, jedoch kein Grundgesetz. Es handele sich um „eine Meinungsäußerung auf einer Versammlung“, so viel ist im Video zur Begründung des Beamten zu verstehen. In anderen Szenen werden Menschen von Polizeibeamten aus dem Bereich gebracht.

Kriminaloberkommissarin Sara Dieng von der Polizei Berlin erklärt auf Anfrage von CORRECTIV telefonisch genauer, aus welchem Grund Menschen von Hygienedemos entfernt oder festgenommen wurden: „Es ist zunächst zwischen genehmigten und ungenehmigten Versammlungen zu unterscheiden. Einige der sieben Hygienedemos seit dem 28.3. waren angemeldet und genehmigt, andere nicht.“ 

Bei den nicht genehmigten Demos sei laut Dieng teils vorher im Netz dazu aufgerufen worden, Grundgesetze mitzuführen und zu verteilen. Wenn Menschen mit Grundgesetzen auf solchen Demos entfernt oder festgenommen worden seien, dann laut Dieng, weil sie sich auf einer nach der Berliner Eindämmungsverordnung nicht genehmigten Veranstaltung befunden hätten. Die Verteilaktionen seien dann nicht genehmigt gewesen. Die Berliner Verordnung mit dem temporären Verbot von Demonstrationen stand laut Medienberichten in Kritik.

Dieng sagt auch: Außerhalb des Bereichs der verbotenen Veranstaltung gelte dies nicht – Menschen könnten natürlich Grundgesetze offen mit sich tragen.

Jebsens Behauptung, die Polizei habe Menschen festgenommen, weil sie das Grundgesetz bei sich trugen, ist demnach falsch.

3. Behauptung: Es sei „eine Impfpflicht durch die Hintertür“ in Planung

Jebsen spricht im Video außerdem davon, dass Angela Merkel eine „Impfpflicht durch die Hintertür“ plane, durch einen sogenannten Immunitätsausweis für geheilte Corona-Patienten (ab Minute 6:00). Eine Behauptung, die mehrfach im Netz kursiert, so auch hier

Als vermeintlicher Beleg wird dabei ein erster „Entwurf eines Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ (PDF) des Bundeskabinetts angegeben. Es geht dabei vor allem um Paragraph 28, der laut dem Entwurf geändert werden solle.

Tatsächlich wurde darin eine Änderung vorgeschlagen, in der es hieß, es könne geprüft werden, ob bei der Anordnung und Durchführung von Schutzmaßnahmen Personen davon ausgenommen werden könnten, die einen „Impfschutz“ oder eine „bestehende Immunität“ nachweisen können. Diese müsse dann durch eine „Impf- oder Immunitätsdokumentation“ oder ein ärztliches Zeugnis nachgewiesen werden (Seite 2 und  Seite 21). 

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Der Begriff „Impfpflicht“ oder „Impfzwang“ kommt nicht in dem Gesetzentwurf vor. Auf CORRECTIV-Anfrage beim Bundesgesundheitsministerium, ob der Entwurf eine Impfpflicht vorsehe oder bei Verabschiedung eine Möglichkeit schaffe, eine solche einzuführen, antwortet eine Sprecherin per E-Mail: „Nein.“ 

Auf die Frage, ob die Schutzmaßnahmen, die in Paragraf 28 des Infektionsschutzgesetzes genannt werden, auch Impfungen einschließen könnten und alle, die keine Immunität nachweisen könnten, zwangsgeimpft würden, antwortet die Sprecherin: „Nein. Im Übrigen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit dem geplanten 2. Bevölkerungsschutzgesetz nicht mehr über einen Immunitätsausweis entscheiden und daher entfallen die §§ 22, 28 IfSG (Immunitätsnachweis).“ 

E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums
E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Impfpflicht war also laut Bundesgesundheitsministerium nie geplant – und ein angedachter Immunitätsausweis sei jetzt vom Tisch.

Im Gesetzentwurf vom 5. Mai, der aktuell auf der Webseite des Ministeriums verlinkt ist, ist die Änderung von Paragraph 28 tatsächlich nicht mehr zu finden.  

4. Behauptung: Bei Covid-19 habe man es mit einer „relativ harmlosen Grippe“ zu tun

Ab Minute 12:40 seines Videos sagt Ken Jebsen: „Wir haben Glück, dass wir es bei Covid-19 mit einer relativen harmlosen Grippe zu tun haben, die nicht so schlimm ist, wie es immer prophezeit wird.“ Die Krankheit sei „eh nur ein trojanisches Pferd“.

Die Behauptung, das Coronavirus sei wie eine Grippe oder nicht gefährlicher als eine solche, haben bereits in anderen Faktenchecks geprüft. Sie ist irreführend: Es ist richtig, dass beide Virentypen Atemwegserkrankungen auslösen und schnell von Person zu Person übertragbar sind. Abgesehen davon seien SARS-CoV-2 und die saisonalen Grippeviren aber „sehr unterschiedlich“, schreibt das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC)

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitet sich Influenza wegen ihrer kürzeren Inkubationszeit schneller als Covid-19. Gleichwohl deuteten die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse an, dass es bei Covid-19 mehr schwere Infektionsverläufe gebe als bei einer Influenza-Infektion. 

Hinzu kommt laut WHO, dass es im Gegensatz zu Influenza gegen Covid-19 keine Impfstoffe und kein Behandlungsmittel gibt. Da es ein neuer Virus sei, sei außerdem niemand gegen die Krankheit immun, schreibt das ECDC. Das bedeute: „Theoretisch ist die gesamte menschliche Bevölkerung potenziell für eine Infektion mit Covid-19 anfällig.“

Die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19 kann sich laut RKI zu einer schweren Lungenentzündung (bei 2,8 Prozent der Patienten) entwickeln, die zum Tod führen kann. Das Coronavirus mit einer „harmlosen Grippe“ zu vergleichen, greift deshalb zu kurz. 

Update, 12. Mai:

Mehrere Leser haben uns auf ein Youtube-Video des Kanals „Jörg Hensel“ hingewiesen, bei dem es sich offenbar um die Szene handelt, auf die Jebsen in seinem Video anspielte. Ein Polizeibeamte erklärt der betroffenen Frau, dass sie „an Ort und Stelle keine politische Meinung äußern“ dürfe und das durch das Grundgesetz tue, weil es eine „gewisse Message“ verbreite. Unser Faktencheck sowie die Bewertung bleiben unverändert, da die Berliner Polizei uns das Vorgehen bei nicht genehmigten Demonstrationen bereits erklärte.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Jebsen verbreitet nicht belegbare Verschwörungstheorien gepaart mit falschen Behauptungen.