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Alice Echtermann

Faktencheckerin

Alice wurde Journalistin, weil sie alles genau wissen möchte. Deshalb prüft sie für den CORRECTIV-Faktencheck täglich Meldungen im Netz auf ihre Richtigkeit. Während ihres Volontariates beim Weser-Kurier in Bremen schrieb sie über Filterblasen-Effekte und Algorithmen. Später, als Onlineredakteurin, recherchierte sie, wie Facebook instrumentalisiert wird, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Für eine Reportage über ihren Heimat-Stadtteil in Bremen wurde sie 2019 mit dem Dritten Preis des Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet.

E-Mail: alice.echtermann(at)correctiv.org
Twitter: @echt_alice

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Grippe-Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber

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Impfstoffe in Deutschland enthalten nach Angaben des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts kein Quecksilber. (Symbolfoto: Hyttalo Souza / Unsplash)

von Alice Echtermann

Ein Artikel behauptet, Grippe-Impfungen enthielten Quecksilber in giftigen Mengen und führt damit in die Irre. In den USA wird teilweise eine Art Quecksilber als Konservierungsmittel eingesetzt, es gilt aber in so geringen Mengen als unbedenklich. In Deutschland enthalten normale Grippe-Impfstoffe kein Quecksilber.

Die Seite Unsere Natur behauptet in einem Artikel vom 4. Oktober, in Grippe-Impfstoffen sei 25.000 Mal mehr Quecksilber enthalten, als im Trinkwasser erlaubt sei. Als angeblichen Beweis bezieht der Text sich auf einen Impfstoff in den USA namens FluLaval: „In Impfstoffampullen des britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline fanden sich mehr als 51 Teile pro Million (ppm) Quecksilber, das ist 25.000 Mal mehr als die von der US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) für das Trinkwasser festgelegte Obergrenze.“

Unsere Natur behauptet weiter, dies sei zuvor nicht bekannt gewesen, da „Aufsichtsbehörden des Landes“ bisher selbst keine Sicherheitstests durchgeführt hätten. Somit würden sich weltweit jedes Jahr „Millionen Menschen“ unwissend „giftiges Metall“ spritzen lassen, „schwangere Frauen, kleine Kinder und ältere Menschen“ würden dazu sogar ermuntert. 

 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mindestens 7.000 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. 

Eine Form von Quecksilber dient teilweise als Konservierungsmittel in Impfstoffen

Tatsächlich kann eine Form von Quecksilber in Grippe-Impfstoffen enthalten sein. Es handelt sich um den Stoff Thiomersal, der Ethyl-Quecksilber enthält. Er wird als Konservierungsmittel eingesetzt, um das Wachstum von Bakterien zu verhindern.

Die Food and Drug Administration (FDA), die Lebens- und Arzneimittelbehörde in den USA, hat den Beipackzettel des Grippe-Impfstoffes FluLaval veröffentlicht. Auf diesen verweist auch Unsere Natur. In dem Beipackzettel steht, dass Thiomersal (Englisch: thimerosal) nur in Behältern mit mehreren Dosen Impfstoff enthalten sei. Also in Flaschen, aus denen mehrere Personen geimpft werden. Im Gegensatz dazu enthielten die Einzel-Spritzen kein Quecksilber: „The prefilled syringe is formulated without preservatives and does not contain thimerosal. Each 0.5-mL dose from the multi-dose vial contains 50 mcg thimerosal (<25 mcg mercury) […].“ (Deutsch: Die vorgefüllte Spritze wird ohne Konservierungsmittel angemischt und enthält kein Thiomersal. Jede 0,5-ml-Dosis von der Multi-Dosis-Phiole enthält 50 Mikrogramm Thiomersal (< 25 Mikrogramm Quecksilber)). 

Die Grenze für Quecksilber im Trinkwasser in den USA bezieht sich auf „inorganic mercury“ (anorganisches Quecksilber) und liegt laut der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency bei 0,002 Milligramm pro Liter. Also zwei Mikrogramm pro Liter. So kommt der angeblich 25.000 Mal höhere Wert für Impfstoffe zustande, den der Artikel von Unsere Natur nennt: Ein Liter des Impfstoffes FluLaval enthält laut dem Beipackzettel theoretisch 50.000 Mikrogramm Quecksilber; das ist 25.000 Mal mehr als der Grenzwert für Trinkwasser in den USA. 

Allerdings ist dieser Bezug stark irreführend, denn bei den Wasser-Grenzwerten ist anorganisches Quecksilber gemeint – eine ganz andere Form, als die, die in Impfstoffen enthalten sein kann. Bei Impfstoffen wird organisches Quecksilber eingesetzt, genauer gesagt Ethyl-Quecksilber. (PDF, Seite 1 und 2). 

Was ist der Unterschied der Quecksilber-Arten?

Thiomersal oder Ethyl-Quecksilber ist laut dem Paul-Ehrlich-Institut, das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist, und dem Robert-Koch-Institut in geringen Dosen unbedenklich. Es sei jahrelang als Konservierungsmittel in Impfstoffen eingesetzt worden. Ethyl-Quecksilber wird laut WHO vom Körper wesentlich schneller abgebaut als Methyl-Quecksilber. 

Vor Methyl-Quecksilber warnen unter anderem die US-Umweltbehörde EPA und das deutsche Umweltbundesamt. Es gelange vor allem über Fische in die Nahrungskette. Es entsteht aus anorganischem Quecksilber, das im Wasser durch Mikroorganismen in organisches Methyl-Quecksilber umgewandelt wird. 

Die US-amerikanische Food and Drug Administration schreibt, Ethyl-Quecksilber müsse von Methyl-Quecksilber unterschieden werden. „Methyl-Quecksilber ist die Art von Quecksilber, die in bestimmten Fischarten gefunden wird. Bei hoher Konzentration kann es für Menschen giftig sein. In den Vereinigten Staaten halten staatlichen Richtlinien Methyl-Quecksilber so weit es geht aus Umwelt und Nahrungsmitteln heraus, aber innerhalb eines Lebens ist jeder einer gewissen Menge ausgesetzt.“

Die Menge von 25 Mikrogramm Ethyl-Quecksilber, die in Grippe-Impfstoffen in den USA enthalten sein kann, entspricht laut FDA ungefähr der Menge Quecksilber, die in einer Dose mit etwa 85 Gramm Thunfisch enthalten sein könne. 

Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber 

Das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite, Pharmahersteller hätten auf die Debatte um Quecksilber in Impfstoffen reagiert: „Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar.“ 

Aktuell seien alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe frei von Thiomersal, teilte uns auch eine Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Susanne Stöcker, per E-Mail mit. Eine Ausnahme gebe es nur für Grippe-Impfstoffe in Mehrdosenbehältnissen, die aber nur im Falle einer Grippe-Pandemie eingesetzt würden und nicht bei den normalen Impfungen. Die normalen Impfungen würden mit Fertigspritzen durchgeführt, die eine einzige Dosis Impfstoff enthalten und somit nur einmal verwendet werden.  

Auszug aus der E-Mail der Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

FluLaval sei weder in Deutschland noch zentral von der EU zugelassen, so Stöcker. In einer Liste der aktuellen saisonalen Grippe-Impfstoffe des Paul-Ehrlich-Instituts wird FluLaval nicht genannt. Von der Firma GlaxoSmithKline sind nur zwei Impfstoffe dabei: Influsplit Tetra und Fluarix. In den offiziellen Dokumenten dazu, die jeweils auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts verlinkt werden, findet sich kein Hinweis auf Thiomersal. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. In Deutschland zugelassene, normale Grippe-Impfstoffe enthalten kein Quecksilber. Eine Ausnahme gibt es nur für Impfstoffe im Falle einer Pandemie. In den USA wird Quecksilber ebenfalls nur in Behältern für mehrere Impfungen hinzugefügt. Die Menge gilt als unbedenklich.

Bewertung: teilweise falsch

Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben „500 Wissenschaftler“ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen

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Forscher der National Oceanic and Atmospheric Administration der USA in der Arktis im Juni. Sie bereiten einen Ballon mit Ozonsonde vor. (Foto: NOAA / Unsplash)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Einige Medien berichten über einen offenen Brief an die UN, den 500 Wissenschaftler unterzeichnet haben sollen. Darin wird erklärt, es gebe keinen „Klimanotfall“. Die aufgestellten Thesen sind ohne Kontext und teils irreführend. Außerdem sind nicht alle Unterzeichner Wissenschaftler.

Haben sich 500 Wissenschaftler gegen die aktuelle Klimapolitik gewandt und die Gefährlichkeit des Klimawandels bestritten? So jedenfalls liest es sich in Berichten auf  Webseiten wie Tichys Einblick. Dort erschien am 26. September ein Artikel mit dem Titel „500 Wissenschaftler erklären: ‘Es gibt keinen Klimanotfall’“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 6.900 Mal auf Facebook geteilt. 

Ein weiterer Artikel („Über 500 Wissenschaftler widersprechen These vom ‘menschengemachten Klimawandel’“) der Seite Unsere Natur wurde mehr als 9.800 Mal geteilt. Auch Epoch Times (2.200 Mal geteilt) und Watergate.tv (2.000 Mal geteilt) schreiben  von „500 Wissenschaftlern“, ebenso wie die US-Webseite Breitbart am 24. September (20.000 Mal geteilt). 

Die Berichte beziehen sich auf einen offenen Brief mit der Überschrift „There is no Climate Emergency“ („Es gibt keinen Klimanotfall“). Er ist an den UN-Generalsekretär António Guterres und die Exekutivsekretärin Patricia Espinosa Cantellano vom Sekretariat UN Climate Change adressiert und wurde am 22. September auf der Webseite der niederländischen Stiftung Climate Intelligence Foundation (Clintel) veröffentlicht. 

Die Verfasser des offenen Briefs behaupten selbst nicht, dass es sich bei den Unterzeichnern nur um Wissenschaftler handele. Die Liste der Unterzeichner enthält etwas mehr als 500 Namen, aus 24 Ländern. Sie werden als „scientists and professionals“ (Wissenschaftler und Experten) bezeichnet. 

In dem Brief finden sich Forderungen und Kritik an der „Klimapolitik“ oder Forschungsgrundlagen, außerdem auch fünf Tatsachenbehauptungen ohne Quellenangabe. Inzwischen gab es in mehreren Ländern Faktenchecks dazu, zum Beispiel von Climate Feedback. Wir haben sie ebenfalls geprüft:

1. Behauptung: „Natürliche wie auch anthropogene Faktoren verursachen eine Erwärmung“

Unter diesem Punkt steht im Brief: „Das geologische Archiv zeigt, dass das Erdklima sich schon so lange verändert, hat, wie es den Planeten gibt, mit natürlichen Kalt- und Warmphasen. Erst 1850 endete die Kleine Eiszeit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir jetzt eine Phase der Erwärmung erleben.“

Dass es sowohl natürliche als auch menschliche Einflüsse auf die Erderwärmung gibt, darin stimmen Forscher großteils überein. Jedoch werden die Faktoren unterschiedlich gewichtet – und der menschliche Einfluss dabei meist höher, zumindest seit der Industrialisierung. In einem kürzlich veröffentlichten Faktencheck zitierten wir dazu aus einem aktuellen Bericht zu natürlichen Klimafaktoren des U.S. Global Change Research Program, an dem unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa mitwirkt. In dem Bericht steht (unter Punkt 2.3), dass zu den „wichtigen Klimafaktoren im Industriezeitalter“ sowohl menschliche Aktivitäten gehören, als auch „in geringerem Maße“ solche natürlichen Ursprungs. 

Auch das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite über natürliche Faktoren für Erderwärmung und stellt die Industrialisierung heraus: „Bis zum Beginn der Industrialisierung waren die Auswirkungen menschlicher Eingriffe lokal oder regional begrenzt. Seit der Industrialisierung werden jedoch deutliche überregionale und globale Änderungen im Stoffhaushalt der Atmosphäre als Folge menschlichen Wirkens beobachtet.“ 

Richtig ist laut der Freien Universität Berlin, dass die Kleine Eiszeit bis 1850 andauerte und wir gerade in einem sogenannten Holozän, einer Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters leben. Laut den Ergebnissen einer Studie unter anderem des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung von 2016, könnte die derzeitige Warmzeit weitere 50.000 Jahre anhalten. Nach Ansicht der Forscher könnten CO2-Emissionen die nächste Kaltzeit aber auch um mindestens 100.000 Jahre aufschieben.

2. Behauptung: „Die Erwärmung verläuft viel langsamer als vorhergesagt“

Dazu steht im Brief: „Die Welt hat sich mit weniger als der Hälfte der ursprünglich vorhergesagten Rate erwärmt, und mit weniger als der Hälfte der Rate, die aufgrund vom tatsächlichen menschlichen Einfluss und Strahlungsungleichgewicht zu erwarten ist. Es sagt uns, dass wir weit davon entfernt sind, den Klimawandel zu verstehen.“

Unerwähnt bleibt, wer diese Erwärmungsrate „vorhergesagt“ haben soll und auf welche Grundlage sich das stützt. Ebenso wird nicht angegeben, wie hoch oder niedrig diese „Rate“ geschätzt worden sein soll oder wie hoch sie jetzt sei. Ohne diesen Kontext und Quellenangaben ist es schwierig, die Behauptung zu verifizieren. Es gab in der Vergangenheit zwar immer wieder Studien, die eine schnelle Erwärmungsrate thematisieren, in der Regel aber im Vergleich zu in anderen Zeiträumen gemessenen Temperaturen; so zum Beispiel in dieser Studie der Universität Maryland, die im Juli veröffentlicht wurde. Dabei wurde die Klimaentwicklung der vergangenen 2.000 Jahre anhand von Aufzeichnungen rekonstruiert.

Unter anderem die US-Weltraumbehörde Nasa erhebt Daten zum Temperaturanstieg auf der Erde. In einer Grafik ist beispielsweise zu sehen, wie die Temperatur in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich anstieg, die Sonneneinstrahlung in der gleichen Zeit aber zurückging. 

Der offene Brief liefert keine Belege für die Behauptung, die Erderwärmung verlaufe langsamer als vorhergesagt.

3. Behauptung: „Klimapolitik stützt sich auf inadequate Modelle“

Dazu steht im Brief: „Klimamodelle haben viele Mängel und sind als politische Instrumente nicht im Entferntesten plausibel. Außerdem übertreiben sie höchstwahrscheinlich die Wirkung von Treibhausgasen wie CO2. Darüber hinaus ignorieren sie die Tatsache, dass die Anreicherung der Atmosphäre mit CO2 von Vorteil ist.“

Welche Klimamodelle konkret „Mängel“ aufweisen sollen und wie diese aussehen, wird in dem Brief nicht erwähnt. Wir haben daher beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung um eine allgemeine Einschätzung zu Klimamodellen gebeten. Eine Sprecherin verwies per E-Mail auf den Blogbeitrag eines Abteilungsleiters des Instituts, Stefan Rahmstorf. Rahmstorf schreibt darin: „Seit den 1970er Jahren gibt es quantitative Modelle zur Vorhersage der Erwärmung, und seither läuft die Erwärmung übrigens auch ziemlich genauso ab wie vorhergesagt.“

Forschungsverbünde wie der Weltklimarat IPCC oder das U.S. Gobal Change Program geben zu ihren Aussagen und Prognosen außerdem jeweils an, wie wahrscheinlich sie sind. Das basiert darauf, wie sicher zum Beispiel eintreffende Klimaereignisse prognostiziert werden können, wie gut messbar und plausibel die gesammelten Forschungsergebnisse dazu sind. Der derzeitige Forschungsstand wird somit transparent und nachvollziehbar gemacht – und wo und warum es Zweifel gibt, wird es kenntlich gemacht. Dass die Klimaforschung generell unplausibel oder mangelhaft sei, ist demnach nicht richtig.

Ob die Wirkung von Treibhausgas „übertrieben“ oder die Anreicherung von CO2 wirklich „von Vorteil“ ist, prüfen wir in den nächsten Punkten.

4. Behauptung: „CO2 ist pflanzliche Nahrung, die Grundlage allen Lebens auf der Erde“

Im Brief steht zu diesem Punkt: „CO2 ist kein Schadstoff. Es ist für alles Leben auf der Erde unerlässlich. Photosynthese ist ein Segen. Mehr CO2 ist für die Natur von Vorteil und begrünt die Erde: Zusätzliches CO2 in der Luft hat das Wachstum der globalen pflanzlichen Biomasse gefördert. Es ist auch gut für die Landwirtschaft, da es die Erträge der Pflanzen weltweit erhöht.“

Dass CO2 eine Art Düngeeffekt für die Erde hätte und mehr davon von Vorteil für Pflanzenwachstum wäre, ist keine neue Behauptung. Sie ist seit mindestens zehn Jahren im Umlauf, wie ein Artikel unserer US-amerikanischen Faktencheck-Kollegen von Politifact von 2009 zeigt. Verschiedene Forscher und Studien widersprechen dieser Darstellung jedoch. 

Rob Jackson, Professor für Klimawandel und Biologie an der Duke Universität in Durham, sagte Politifact dazu damals: „Ist Kohlendioxid gut für Pflanzen? Die knappe Antwort ist: ja. Aber ich denke es ist irreführend zu sagen, dass, nur weil CO2 gut für Pflanzen ist, es gut für die Umwelt ist. Das ist so wie wenn man sagen würde, dass Steroide gut für Menschen sind – sie bauen ja Knochen und Muskeln auf. Aber sie haben auch andere Wirkungen.” Rob Jacksons Forschung zeige zum Beispiel, dass es bei höheren CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre mehr Holzwachstum geben würde, aber dass es durch die höheren Temperaturen auch mehr Schädlinge und durch mehr Verdunstung längere Dürren geben könnte, schreibt Politifact

In der Forschung werden unter anderem genau diese zwei Faktoren, höhere Temperaturen und mehr Dürren, als Folgen des Klimawandels erwartet. Dass mehr CO2 „gut für die Landwirtschaft“ sei, wie im Brief behauptet, ist so nicht richtig: Die Webseite Klimafakten hat für einen Artikel zum Thema vier Studien zusammengetragen, die zum Ergebnis kommen, dass infolge der Erderwärmung Ernteerträge abnehmen würden (von 2014, 2015, 2016, 2016). Der Weltklimarat IPCC warnt in seinem fünften Sachstandsbericht, dass die Erträge von Weizen, Reis und Mais infolge der Erderwärmung zurückgehen könnten. In einer Studie von 2017 kommen mehrere Forscher nach Tests zum Ergebnis, dass das Baumwachstum unter erhöhtem CO2 nicht signifikant zugenommen hat; was wiederum einem Teil von Rob Jacksons Forschung widerspricht.

Die Aussage, wonach mehr CO2 ausschließlich vorteilhaft für die Erde sei, lässt demnach gegenteilige Forschungsergebnisse außer Acht und kann nicht so pauschal getroffen werden.

5. Behauptung: „Die globale Erwärmung hat die Zahl der Naturkatastrophen nicht erhöht“

Dazu steht im Brief: „Es gibt keine statistischen Belege dafür, dass die globale Erwärmung Hurrikane, Überschwemmungen, Dürren und ähnliche Naturkatastrophen verstärkt oder häufiger verursacht. CO2-Minderungsmaßnahmen sind jedoch ebenso schädlich wie kostspielig. So töten Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse, und Palmölplantagen zerstören die Biodiversität der Regenwälder.“

„Statistische Belege“ oder Daten dafür, dass die globale Erwärmung zu einer steigenden Anzahl Naturkatastrophen führt, sind schwer zu erheben, weil das Klima ständig variiert. Mehrere offizieller Stellen und Forschungsverbünde gehen aber wegen einer Zunahme von Hitzewellen oder Starkregenereignissen davon aus, dass auch Naturkatastrophen zunehmen werden. 

Mehrere US-Behörden, darunter die Nasa, veröffentlichten Ende 2018 einen Bericht, in dem sie vor einer Verschärfung von Naturkatastrophen durch die globale Erwärmung warnen. In einem Bericht von 2017 steht mit „mittelmäßiger Sicherheit“: „Menschliche Aktivitäten haben wesentlich zur beobachteten Variabilität der Ozean-Atmosphäre im Atlantik beigetragen und diese Veränderungen haben zu dem seit den 1970-er Jahren beobachteten Aufwärtstrend der nordatlantischen Hurrikaneaktivität beigetragen.“

Das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Webseite zu diesem Thema: „Nach gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die fortschreitende Klimaerwärmung zu Veränderungen der Stärke, der Häufigkeit, der räumlichen Ausdehnung und der Dauer von Extremwetterereignissen führen.“

Was das Umweltbundesamt auf seiner Webseite zu Risiken von Naturkatastrophen schreibt. (Screenshot: CORRECTIV)

Dass „CO2-Minderungsmaßnahmen“ wie Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse töten, stimmt. Eine abschließende Beurteilung zum Ausmaß des Schadens für Vögel oder Fledermäuse durch Windenergie ist aber nicht möglich, wie wir für einen Faktencheck recherchiert haben. Eine gängige Windkraftanlage spart nach Ansicht von Experten im Durchschnitt zudem wesentlich mehr CO2 ein als der dafür gerodete Wald; das haben wir ebenfalls für einen Faktencheck recherchiert.

Dass Palmölanlagen die Biodiversität der Regenwälder zerstören, oder zumindest dazu beitragen, stimmt laut Umweltbundesamt größtenteils. Es schreibt dazu auf seiner Webseite: „Die Ölpalmen-Plantagen in Monokultur schaden der Umwelt. Menschen und Tiere verlieren ihren natürlichen Lebensraum. Das Grundwasser wird durch die Düngung der Pflanzen geschädigt. Das Klima leidet unter der Entwaldung.“

6. Behauptung: „Klimapolitik muss wissenschaftliche und wirtschaftliche Realitäten respektieren“

Dieser letzte Punkt ist keine Tatsachenbehauptung sondern eine Meinung. Meinungen können wir nicht prüfen.

Fazit zu den Tatsachenbehauptungen im Brief

Die Aussagen sind – bis auf zwei – zwar in Teilen richtig, sie lassen aber oft zentralen Kontext aus, etwa zu bisheriger Forschung oder der Einschätzung offizieller Stellen. Weil diese wichtigen Positionen fehlen, können die Behauptungen irreführend gelesen werden. 

Zudem werden zu keiner einzigen Behauptung nachvollziehbare Quellen, Belege oder Zitate angeführt, obwohl das in der Wissenschaft eigentlich die Norm ist. Unsere Faktencheck-Kollegen von Climate Feedback haben den Brief von sechs Forschern analysieren lassen: Diese kommen zum Schluss, dass seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit insgesamt als „sehr gering“ zu bewerten ist. So handele es sich dabei eher um „Rosinenpflücken“, der Brief sei inakkurat und voreingenommen.

Wer steckt hinter dem offenen Brief? 

Die sogenannte „European Climate Declaration“ wurde von der Climate Intelligence Foundation (Clintel) aus den Niederlanden veröffentlicht, die sich 2019 gründete. Die Stiftung will sich nach eigenen Angaben für eine „positivere Sicht“ auf den Klimawandel und eine Veränderung der Klimapolitik einsetzen. Im Mittelpunkt steht die Ansicht, dass der Einfluss von CO2 auf das Klima geringer sei als behauptet. 

Clintels Mitgründer Guus Berkhout wird als Initiator der Aktion genannt. Berkhout studierte Elektrotechnik, startete seine Karriere in den 60ern beim Ölkonzern Shell und lehrte dann an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden. 

Wer sind die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner?

Die meisten Personen auf der Liste stammen aus Europa, aber es sind auch Personen aus den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland dabei. Einer der prominentesten Namen auf der Liste ist Vaclav Klaus, ehemaliger Ministerpräsident der Tschechischen Republik, der bereits 2007 in seinem Buch „Blauer Planet in grünen Fesseln: Was ist bedroht? Das Klima oder die Freiheit?“ die Angst vor dem Klimawandel als übertrieben und sogar gefährlich darstellte. 

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Auch viele andere der Unterzeichner sind bekannt dafür, die Gefahren durch den Klimawandel und den Einfluss des Menschen und des CO2 auf die globale Erwärmung als gering zu bezeichnen. Von den 13 Deutschen, die auf der Liste stehen, sind dies zum Beispiel Horst-Joachim Lüdecke (ehemals Physik-Professor der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saarland) oder Fritz Vahrenholt, der früher Chemiker an der Universität Hamburg war, außerdem Hamburger Umweltsenator für die SPD, danach Manager bei Shell und seit 2008 Geschäftsführer bei RWE Innogy

Mindestens acht der 13 Deutschen sind im Ruhestand. Drei haben eine direkte Verbindung zum Europäischen Institut für Klima und Energie (Eike), ein deutscher Verein, der den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel als nicht bewiesen bezeichnet. Sie sind dort entweder als Autoren tätig (Döhler) oder sitzen im Fachbeirat (Lüdecke, Ewert). Weitere Personen von der Liste werden häufig von Eike zitiert oder traten bei Veranstaltungen des Vereins auf (Vahrenholt, Kirstein, Kutschera, Harde, Kröpelin, Weiss). 

Angaben zur Biografie sind teilweise falsch

Auffällig ist auch: Bei einigen Deutschen stimmen die Angaben zur Biografie, die in der Liste stehen, nicht. So steht bei Carl-Otto Weiss, er sei unter anderem „emeritierter Professor in Nichtlinearer Physik“ und „ehemaliger Präsident des Deutschen Meteorologischen Instituts in Braunschweig“. Wir fanden jedoch keinen Beleg, dass Weiss Professor an einer Universität oder Hochschule war. Und in Braunschweig, wo er zwar von 1973 bis 2006 Mitarbeiter bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) war, gibt es kein „Deutsches Meteorologisches Institut“, wie uns ein Pressesprecher per E-Mail mitteilte. „Die PTB ist das ‘Nationale Metrologieinstitut Deutschlands’, d.h., es geht in der PTB um die Wissenschaft des Messens und nicht um das Wetter.“ Weiss sei promovierter Wissenschaftler, nicht Professor. Zuletzt habe er bei der PTB nicht als Präsident sondern als Leiter des Fachbereichs „Zeit und Frequenz“ gearbeitet.

Zwei weitere Beispiele für irreführende biografische Angaben in der Liste sind Dietrich Bannert, angeblich „Professor Honoris Causa“ der Universität Marburg, und Klaus-Dieter Döhler, angeblich „Professor für Pharmawissenschaften an der Universität Hannover“. 

Bannert ist seit 1995 Honorarprofessor des Fachbereichs Geowissenschaften der Universität Marburg. „Dabei handelt es sich nicht um eine Ehrenprofessur, wie die Angabe ‘Professor Honoris Causa’ vermuten lässt“, teilte uns eine Pressesprecherin der Uni per E-Mail mit. Bannert hatte als promovierter Geologe also keine Professorenstelle inne, hielt aber nach Angaben der Sprecherin bis 1995 Lehrveranstaltungen ab.

Über Döhlers angebliche Professur an der Universität Hannover fanden wir keine Belege. Bis 1984 arbeitete er mutmaßlich an der Medizinischen Hochschule Hannover im Bereich Klinische Endokrinologie und bekam den Titel „außerplanmäßiger Professor“ verliehen. Aktuell ist er ist Geschäftsführer der Firma Curatis Pharma in Hannover. 

Wissenschaftler bestätigen Unterschriften

Um zu prüfen, ob die Menschen auf der Liste den offenen Brief tatsächlich unterzeichnet haben, kontaktierten wir stichprobenartig zehn Personen. Alle haben naturwissenschaftliche Fachgebiete und sind noch nicht in Rente. 

Die zehn Personen, die wir kontaktiert haben

Von den zehn antworteten acht auf unsere E-Mails: D’Aleo, Mazzarella, Andresen, Walters, Birlenbach, Kutschera, Döhler und Zharkova bestätigten, dass sie den Brief unterschrieben haben und die darin aufgestellten Thesen und Forderungen unterstützen. 

Lediglich Kutschera schrieb, er unterstütze nicht alle Aussagen in dem offenen Brief völlig: Er sehe im Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre „ein Problem, das angegangen werden muss […] aber ohne Panik und Hysterie – die Probleme sind lösbar.“

Die E-Mail von Ulrich Kutschera. (Screenshot: CORRECTIV)

Es sind nicht 500 Wissenschaftler

Wir haben die Liste systematisch nach bestimmten Begriffen durchsucht, um herauszufinden, welchen Fachgebieten die Personen angehören. 

Die Suche zeigt: Von den 500 sind längst nicht alle Wissenschaftler. Zum Beispiel Campbell Rankine aus Australien ist Rechtsanwalt, spezialisiert auf Steuerrecht. Reynier Pronk aus den Niederlanden wird bezeichnet als „ehemaliger IT-Manager, Berater für Projektmanagement und Trainer“. Christopher Monckton ist ehemaliger Politiker, unter anderem mit Verbindungen zur britischen Ukip-Partei. Und Marcel Crok, Mitgründer der niederländischen Stiftung Clintel, ist laut der Liste ein Journalist. 

Andere Unterzeichner haben zwar akademischen Hintergrund, jedoch nicht in naturwissenschaftlichen Fächern – wie Drieu Godefridi aus Belgien („Doktor in Jura“), Jean-Pierre Bardinet aus Frankreich („Ingenieur“) oder Marian Radetzki aus Schweden („emeritierter Professor für Wirtschaft, Luleå Universität“). 

Insgesamt werden 179 Personen in der Liste als „Professor“ bezeichnet. CORRECTIV ist es nicht möglich, die Qualifikation von allen zu überprüfen. 

Um herauszufinden, wie viele sich – nach den Angaben in der Liste – vollständig und wissenschaftlich auf das Thema Thema Klima spezialisiert haben, suchten wir nach dem Wort „Klimatologie“ auf verschiedenen Sprachen (Englisch: „climatology“ / Spanisch oder Italienisch: „climatologia“). Die Suche förderte fünf Treffer zutage. Davon sind zwei Personen bereits im Ruhestand.

  • Jacques Colombani, ehemals bei Orstom beschäftigt, einer französischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (heute: French National Research Institute for Development). Eine Suche bei Google Scholar zeigt, dass Colombani sich in den 70ern und 80ern mit Wasser- und Bodenuntersuchungen in Afrika beschäftigte, zum Beispiel erforschte er, ob der See Tschad vom Austrocknen bedroht sei. 
  • Werner Kirstein, ehemaliger Professor für Geographie an der Universität Leipzig. Zu seinem Namen findet man bei Google Scholar nur auf der Seite von Eike wissenschaftliche Publikationen zum Thema Klimawandel.
  • Joseph S. D’Aleo, ein Meteorologe aus den USA, Berater für die Lobby-Organisation Heartland Institute).
  • Adriano Mazzarella, ein Physiker und Professor am Institut für Erd-, Umwelt- und Ressourcenwissenschaften der Universität Neapel.
  • Gerrit J. van der Lingen, ein niederländischer Geologe, unter dessen Namen man bei Google Scholar keine Arbeiten über den Klimawandel findet, dafür aber Texte über Erdplattenverschiebungen und Sedimente.

Eine weitere Suche nach dem Wort „climate“ in dem Dokument führt zu 46 Personen. Davon werden nur 13 explizit als Naturwissenschaftler bezeichnet, und davon wiederum seien mindestens sieben im Ruhestand. Die anderen seien zum Beispiel Journalisten, Publizisten, Ökonomen oder Ingenieure. Manche werden ohne weitere Erklärungen als „climate researcher“ bezeichnet.

Was außerdem auffällt: Viele Personen in der Liste sind bereits im Ruhestand: Die Suche nach „Emeritus“ ergibt 72 Treffer. Eine weitere Suche nach „retired“ (im Ruhestand) erzielt 59 Treffer.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es handelt sich nicht um 500 Wissenschaftler. Zudem lassen die Aussagen im Brief teils Kontext zu bisheriger Forschung oder der Einschätzung offizieller Stellen aus und sind deshalb irreführend.

Bewertung: teilweise falsch

Nein, Angela Merkel hat auf dem CDU-Parteitag 2003 nicht von „Gefahr von Parallelgesellschaften“ gesprochen

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Wie genau hat sich Angela Merkel 2003 auf dem Parteitag der CDU ausgedrückt? (Quelle: Phoenix (Videostill) / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Seit das Thema Zuwanderung in Deutschland im Fokus steht, wird häufig ein angebliches Zitat von Angela Merkel aus einer Rede auf dem Parteitag der CDU 2003 verbreitet. Darin spricht sie sich für eine Begrenzung von Zuwanderung aus. Der genaue Wortlaut war jedoch anders, als im Netz verbreitet wird. 

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 19. September ein Foto von Angela Merkel, auf dem das folgende Zitat zu lesen ist: 

„Manche unserer Gegner können es sich nicht verkneifen, uns in der Zuwanderungsdiskussion in die rechtsextreme Ecke zu rücken, nur weil wir im Zusammenhang mit der Zuwanderung auf die Gefahr von Parallelgesellschaften aufmerksam machen. Das, liebe Freunde, ist der Gipfel der Verlogenheit, und eine solche Scheinheiligkeit wird vor den Menschen wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Deshalb werden wir auch weiter eine geregelte Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung fordern.” 

Darunter steht, Angela Merkel habe dies 2003 gesagt. Der Beitrag wurde mehr als 1.200 Mal geteilt. Das Zitat wird seit einigen Jahren immer wieder verwendet, zum Beispiel zitierte es der damalige AfD-Chef Bernd Lucke in einer Rede, um zu zeigen, wie Angela Merkel ihre Position zur Zuwanderung verändert habe – davon gibt es ein Video

CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch: Zwar hat Merkel 2003 auf dem Parteitag der CDU eine Begrenzung von Zuwanderung gefordert. Das Zitat hat sie jedoch nicht so gesagt. Es stammt wahrscheinlich aus ihrem Rede-Manuskript, von dem sie aber dann abwich. 

Der Facebook-Beitrag vom 19. September. (Screenshot am 27. September: CORRECTIV)

Das Zitat aus dem Facebook-Beitrag lässt sich über Google leicht finden: Es steht in einem Artikel der Zeit, der angeblich die Rede von Angela Merkel auf dem 17. Parteitag der CDU vom 1. bis 2. Dezember 2003 in Leipzig in Gänze wiedergibt.

Das Zitat in dem mutmaßlichen Rede-Transkript der “Zeit”, inklusive Kontext. (Screenshot am 20. September 2019: CORRECTIV)

Allerdings fällt auf, dass der Zeitstempel des Artikels nicht passt: Er zeigt den 23. Juli 2003 an, also Monate vor dem Parteitag. Zudem steht über der Rede „Es gilt das gesprochene Wort“, was darauf hindeutet, dass es sich um ein Manuskript und keine wörtliche (nachträgliche) Abschrift der Rede von Angela Merkel handelt. 

Eine Pressesprecherin der Zeit teilte CORRECTIV in einer E-Mail mit, die genaue Herkunft des Textes sei viele Jahre später nicht so einfach nachvollziehbar. „Aktuell gehen wir davon aus, dass unsere Version der Rede von der Homepage der CDU übernommen wurde, garantieren können wir es jedoch nicht. […] Dass der Zeitstempel auf Juli 2003 verweist, hat möglicherweise technische Ursachen.“ 

Protokoll des Parteitags zeigt andere Wortwahl und weniger scharfen Ton

Wir haben nach einer Abschrift der tatsächlichen Rede gesucht. Auf einer archivierten Version der Webseite der CDU findet sich nur eine Zusammenfassung mit Auszügen aus Angela Merkels Rede 2003. Sie weist zwar große Übereinstimmung mit der Rede auf der Webseite der Zeit auf, das Zitat über Zuwanderung ist aber nicht dabei. 

Die Pressesprecherin der CDU, Isabelle Fischer, verweist uns auf das Protokoll des Parteitags, das im Archiv der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zu finden ist. Dort findet sich auf den Seite 32 und 33 die Passage, in der Merkel über Zuwanderung spricht. Das Protokoll weicht jedoch stark von dem Text des Zeit-Artikels ab. 

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Merkel sagte laut Protokoll: „Wir erleben es doch in vielen sachpolitischen Diskussionen: Kaum einer kann sich doch verkneifen, uns in der Zuwanderungsdiskussion sofort in eine rechte Ecke zu stellen. Ich habe über die Fragen ‘Wie empfinden Menschen ihr persönliches Leben?’ und ‘Glauben sie, dass es gerecht zugeht?’ gesprochen. Man muss natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt. Man muss natürlich sagen: Die Folge können nur Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung sein. Alles andere wird in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden. Deshalb kämpfen wir, unter anderem Peter Müller, Wolfgang Bosbach, für unseren Weg, ganz hart und ganz entschieden.“

Auszug aus dem Parteitags-Protokoll aus dem Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Formulierung, die CDU weise „auf die Gefahr von Parallelgesellschaft hin“ findet sich im Protokoll nirgends. Auch dass Merkel von „Verlogenheit“ oder einem „Gipfel der Scheinheiligkeit“ ihrer Kritiker gesprochen habe, steht dort nicht. 

Um zu prüfen, ob das Protokoll stimmt, haben wir uns die Original-Videoaufnahmen der Rede von Phoenix angefragt. Der Sender stellte sie uns zur Ansicht zur Verfügung. Das Video zeigt, dass das Protokoll das, was Merkel sagte, korrekt wiedergibt. Sie sagte demnach wörtlich:

„Denn wir erleben es doch in vielen sachpolitischen Diskussionen, es kann sich doch kaum einer verkneifen, dass wir in der Zuwanderungsdiskussion sofort in eine rechte Ecke gestellt werden sollen. Meine Damen und Herren, liebe Freunde, ich habe über die Frage gesprochen: Wie empfinden Menschen ihr persönliches Leben? Glauben sie, dass es gerecht zugeht? Und da muss man natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt. Da muss man natürlich sagen, die Folge kann nur sein: Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung. Alles andere wird keine Akzeptanz in der Bevölkerung finden, und deshalb kämpfen wir dafür – Peter Müller, Wolfgang Bosbach – ganz hart und ganz entschieden.“

Fazit

Das Zitat, das in dem Artikel der Zeit zu finden ist und das auf Facebook verbreitet wird, ist nicht das Original. Angela Merkel sagte auf dem CDU-Parteitag 2003 etwas ähnliches, aber wählte nicht diese Worte. Sie spricht sich aufgrund eines angeblichen Missbrauchs des Asylrechts für eine „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ aus. Ihre Wortwahl ist jedoch wesentlich weniger scharf und erweckt somit einen weniger aggressiven Eindruck.

Weshalb die Zeit einen Text veröffentlicht hat, der nicht mit der Original-Rede von Angela Merkel übereinstimmt, ist unklar. Unserer Bitte, herauszufinden, wer das Rede-Manuskript verfasst hat und ob es an die Presse herausgegeben wurde, ist die CDU-Pressestelle trotz wiederholter Nachfragen nicht nachgekommen. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Angela Merkel hat dieses Zitat nicht wörtlich so gesagt, sich aber für eine Begrenzung von Zuwanderung ausgesprochen. 

Bewertung: teilweise falsch

Staatsanwaltschaft: Sexueller Übergriff in Bayern im September 2019 war keine „versuchte Vergewaltigung“

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Die Bundespolizei nahm bei München einen Mann wegen eines sexuellen Übergriffs auf eine Jugendliche fest. (Symbolfoto: Lukas Becker / Pixabay)

von Alice Echtermann

Die Seite Truth24 verbreitet eine Meldung über einen sexuellen Übergriff auf eine junge Rollstuhlfahrerin, der sich im September in Bayern ereignete. In der Überschrift des Artikels wird fälschlicherweise von einer versuchten Vergewaltigung berichtet. 

Die Überschrift des Artikels, den die Webseite Truth24 am 22. September veröffentlichte, lautet: „München: Senegalese versucht behinderte Rollstuhfahrerin (17) zu vergewaltigen“. Dies suggeriert etwas ganz anderes, als im Text zu lesen ist: Darin heißt es, ein Mann aus dem Senegal habe eine junge Frau im Rollstuhl sexuell bedrängt und angefasst, bis er durch zwei Zeuginnen vertrieben wurde. Der Artikel wurde auf Facebook laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 5.300 Mal geteilt.

Den Vorfall gab es, es handelte sich jedoch nicht um eine versuchte Vergewaltigung, wie die zuständige Staatsanwaltschaft bestätigte. 

Truth24 verlinkt unten im Text auf eine Pressemitteilung der Bundespolizeidirektion München vom 22. September. Darin steht: „Am Samstagmittag (21. September) soll ein alkoholisierter 26-Jähriger am S-Bahnhaltepunkt Ismaning sowie ein weiteres Mal am Bahnsteig in Englschalking eine 17-jährige, behinderte Rollstuhlfahrerin sexuell belästigt haben.“ Er habe sie gegen ihren Willen angefasst. Es habe sich um einen Senegalesen gehandelt, der seit 2015 in Deutschland sei und eine gültige Aufenthaltserlaubnis besitze. 

In Englschalking sei der Mann durch zwei Zeuginnen vertrieben worden. Er sei kurz darauf festgenommen worden. In der Pressemitteilung der Bundespolizei steht außerdem: „Über die Staatsanwaltschaft München I wurde eine Blutentnahme des 26-Jährigen sowie vom Amtsgericht München die Vorführung vor dem Haftrichter wegen sexueller Belästigung gemäß § 184i StGB angeordnet.“ 

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Der Text von Truth24 übernimmt die Schilderung des Bundespolizei fast wörtlich, setzt jedoch als Überschrift „versuchte Vergewaltigung“ darüber.

Die Pressemitteilung der Bundespolizeidirektion München. (Screenshot: CORRECTIV)

Staatsanwältin: Es war keine versuchte Vergewaltigung

CORRECTIV hat bei der Staatsanwaltschaft München I nachgefragt, wie der Vorfall rechtlich einzuordnen ist. Oberstaatsanwältin Anne Leiding teilte uns per E-Mail mit: „Die Bezeichnung des mutmaßlichen Tathergangs auf www.truth24.net als versuchte Vergewaltigung ist falsch. Die Meldung der Bundespolizei vom 21.09.19 schildert einen Vorfall, der nach vorläufiger rechtlicher Prüfung als sexueller Übergriff einzuordnen ist.“ 

Die E-Mail der Sprecherin der Staatsanwaltschaft München. (Screenshot: CORRECTIV)

Leiding erklärt: Ein sexueller Übergriff liege vor, wenn jemand an einer Person gegen ihren Willen eine sexuelle Handlung vornehme, sie zum Beispiel an der Brust anfasse. „Eine solche Handlung wird mit Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 5 Jahren verfolgt.“ Eine Vergewaltigung sei dagegen ein besonder schwerer sexueller Übergriff und „mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter 2 Jahren (bis zu 15 Jahren) strafbar“. Als Vergewaltigung bezeichne man Geschlechtsverkehr gegen den Willen des Opfers oder das Eindringen in den Körper des Opfers. Von versuchter Vergewaltigung spreche man, wenn zu einer solchen Tat „unmittelbar angesetzt wird“. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift stellt die Tat falsch dar und führt in die Irre. 

Heiko Maas hält sich bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung großteils an die Fakten

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Außenminister Heiko Maas bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung. (Foto: Johannes EISELE / AFP)

von Alice Echtermann , Till Eckert , Tania Röttger

In seiner Rede bei der UN-Generalversammlung sprach Außenminister Heiko Maas vor allem über Deutschlands Beitrag zu internationalen Friedensprozessen – und über die Beteiligung von Frauen, die noch viel zu gering sei. Wir haben neun seiner Aussagen überprüft. 

In seiner Rede bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September stellte Außenminister Heiko Maas (SPD) neun konkrete Behauptungen auf. CORRECTIV hat sie einem Faktencheck unterzogen. (Hier die Rede im Video.)  

1. Der Konflikt in der Ukraine habe inzwischen „über 13.000 Menschen“ das Leben gekostet.

Richtig: Die Zahl der 13.000 getöteten Menschen durch den Ukraine-Konflikt findet sich unter anderem in einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars vom 14. Juni. Dort steht: „Rund zwei Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und 13.000 Menschen durch den Konflikt in der Ostukraine getötet, der nach einem Waffenstillstandsabkommen mehr als vier Jahre andauert.“

Aus einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Zahl wird außerdem auf der Webseite der EU-Kommission unter „Fakten und Zahlen“ zum Ukraine-Konflikt genannt. Dort heißt es, sehr seien „mehr als 13.000 Menschen“ getötet worden. 

Zahlen zum Ukraine-Konflikt auf der Webseite der EU-Kommission. (Screenshot: CORRECTIV)

2. Die Brücke von Stanyzja Luhanska (Ukraine) sei mehr als vier Jahre zerstört gewesen, jetzt werde sie wieder aufgebaut. Kriegsgerät werde abgeführt, Soldaten abgezogen.

Richtig: Dass bei der Brücke nahe der im Konflikt strategisch wichtigen Ortschaft Stanyzja Luhanska Soldaten und Kriegsgerät abgezogen werden, stimmt laut Berichten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vom 30. Juni 2019. Beide Konfliktparteien hätten mitgeteilt, dass sie sich aus der Region zurückgezogen hätten.

Darüber, dass die Brücke über den Fluss Siwerskyj Donez wieder aufgebaut werden soll, haben Medien unter Berufung auf eine Mitteilung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj berichtet. Auf dem Youtube-Kanal der Oblast Luhansk, der zuständigen Verwaltungseinheit in der Ukraine, kann der Fortschritt der Bauarbeiten in Echtzeit verfolgt werden. Maas’ Aussage dazu stimmt demnach ebenfalls.

3. Unter den UN-Blauhelmen bei der Friedensmission in Mali seien fast 1.000 Deutsche.

Richtig: Aus einem Bericht der Bundeswehr, der Truppenkontingente in verschiedenen Ländern auflistet, geht hervor, dass aktuell (Stand 16. September) 954 deutsche Einsatzkräfte an der Minusma-Operation der UN in Mali teilnehmen. Dies sind also wirklich „fast 1.000“. Weitere 143 Einsatzkräfte sind an der EUTM-Operation in Mali beteiligt, dabei handelt es sich allerdings um eine Europäische Mission. Insgesamt sind 1.097 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Mali. 

4. Deutschland habe mit Frankreich die „Internationale Partnerschaft für Sicherheit und Stabilität im Sahel“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative gibt es. In einem Papier des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung ist der „Aktionsplan zur Sahel-Partnerschaft“ beschrieben. Darin steht: „Frankreich und Deutschland beabsichtigen, diese Initiative im Herbst 2019 im Rahmen einer Auftaktkonferenz zu lancieren.“ Angela Merkel und Emmanuel Macron stellten den Aktionsplan beim G7-Treffen in Biarritz im August 2019 vor; die Führungsspitze der G7 nahm ihn an.

5. Deutschland sitze seit einem Dreivierteljahr im Sicherheitsrat.

Richtig: Seit dem 1. Januar 2019 ist Deutschland nichtständiges, vollwertiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. 

6. Stabiler Frieden sei um ein Drittel wahrscheinlicher, wenn Frauen an dem Prozess beteiligt sind.

Unbelegt: Die Aussage ist zwar durch eine Studie gedeckt, die vom International Peace Institute veröffentlicht wurde – diese kann jedoch keine eindeutige kausale Beziehung zwischen der Anwesenheit von Frauen und der Stabilität von Friedensverträgen herstellen.  

Auf der Webseite des US-amerikanischen Think-Tanks Council on Foreign Relations steht: Durch die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen liege die Wahrscheinlichkeit, dass das Abkommen mindestens 15 Jahre hält, um 35 Prozent höher. Das entspricht etwa der Aussage von Heiko Maas – ein Drittel wären rund 33 Prozent. 

Auszug aus einem Text des Think-Tanks Council on Foreign Relations. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle gibt der Council on Foreign Relations einen Artikel des International Peace Institute an. Auf Seite 12 steht: „Wenn Frauen an Friedensprozessen beteiligt sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das resultierende Abkommen mindestens zwei Jahre hält, um 20 Prozent. Die Beteiligung von Frauen hat langfristig einen sogar noch größeren Einfluss: Dass ein Abkommen 15 Jahre hält ist um 35 Prozent wahrscheinlicher, wenn Frauen daran beteiligt waren.“

Die Daten stammen laut dem Bericht von Laurel Stone von der US-amerikanischen University of Notre Dame. Ihre Arbeit sei noch nicht veröffentlicht worden (Fußnote Seite 12). Sie habe die Anwesenheit von Frauen als Unterhändlerinnen, Mediatorinnen, Zeugen und Unterzeichnerinnen von 182 Friedensabkommen zwischen 1989 und 2011 ausgewertet, und erfasst, wie lange diese Abkommen gehalten haben. Sie kam zu dem Schluss, „dass die Teilnahme von Frauen einen statistisch signifikanten, positiven Einfluss auf den Frieden“ habe. 

Allerdings erklärt der Bericht auch, Stones Auswertung habe Einschränkungen: Sie erfasse nicht das Maß des Einflusses, den die Frauen hatten, oder ihre genaue Anzahl, und unterscheide auch nicht zwischen dem relativen Wert der verschiedenen Formen der Beteiligung. 

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Zudem ist die Beteiligung von Frauen laut Stone nicht der einzige positive Einfluss auf die Langlebigkeit von Friedensabkommen; auch Demokratie spiele zum Beispiel eine Rolle (Seite 34). Oft würden die Variablen „Demokratie“ und „Beteiligung von Frauen“ gemeinsam auftreten. „Daher könnte die Kausalität in zwei Richtungen auftreten: Demokratie könnte die Gleichberechtigung der Geschlechter in einem konfliktbelasteten Land begünstigen, oder die Präsenz von Frauen könnte die Aufnahme von demokratischen Prinzipien in einem Friedensabkommen begünstigen.“  

7. Derzeit seien nur acht von 100 Stühlen bei Friedensverhandlungen von Frauen besetzt. 

Größtenteils richtig: Die Zahl stellt einen Durchschnittswert für Friedensverhandlungen seit Anfang der 90er-Jahre dar, also nicht nur die aktuelle Situation. Die Quellenlage ist zudem unübersichtlich und widersprüchlich. Die acht Prozent, die Maas nennt, finden sich in einer Faktensammlung von UN Women, die angeblich für den Zeitraum 1990 bis 2017 gilt. Als Quelle wird jedoch der Think-Tank Council on Foreign Relations genannt, der von neun Prozent der Unterhändler von 1992 bis 2017 spricht. 

Der Council on Foreign Relations verlinkt wiederum selbst als Quelle auf einen Bericht von UN Women mit dem Titel „Women’s Participation in Peace Negotiations: Connections between Presence and Influence“ von 2012. Darin ist ebenfalls von neun Prozent die Rede. 

Wörtlich heißt es (Seite 1 und 2): „Unsere Auswertung von 31 wichtigen Friedensprozessen seit 1992 zeigt, dass Frauen eine gravierend niedrige Zahl der Unterhändler stellen […] Die Beteiligung von Frauen an Verhandlungsdelegationen lag durchschnittlich bei neun Prozent in den 17 Fällen, in denen solche Informationen verfügbar waren. Vier Prozent der Unterzeichner in den Friedensprozessen waren Frauen, und keine Frauen hatten hochrangige Verhandlungspositionen in von der UN vermittelten Gesprächen.“ 

Darstellung des Council of Foreign Relations (Screenshot: CORRECTIV)

8. Deutschland habe im April dafür gesorgt, dass das Thema nukleare Rüstungskontrolle im Sicherheitsrat nach sieben Jahren erstmals wieder auf die Agenda kam.

Irreführend. Denn während die Aussage zutrifft, was die nukleare Rüstungskontrolle angeht, trifft sie nicht zu auf die nukleare Abrüstung. 

Als Deutschland im April 2019 die Präsidentschaft im Sicherheitsrat der UN übernahm, sprach Heiko Maas dort über nukleare Rüstungskontrolle. Seine Aussage bei der Generalversammlung suggeriert allerdings, der UN-Sicherheitsrat habe sich vorher sieben Jahre, also seit 2012, nicht mit diesem Thema befasst. Damals, im April 2012, gab es ein Treffen des Sicherheitsrates, bei dem das Gremium sich für Rüstungskontrolle aussprach.  

Allerdings gab es seit 2012 wenigstens eine Resolution des Sicherheitsrats, die sich mit der Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen beschäftigte, zum Beispiel im Jahr 2016.

9. Deutschland habe 2018 eine „Allianz für Multilateralismus“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative – beziehungsweise die Pläne dafür von Heiko Maas – gibt es schon länger, bisher ist allerdings noch nicht viel passiert. In einem Gastbeitrag im Handelsblatt, der auf der Webseite des Auswärtigen Amtes nachzulesen ist, schrieb Maas im August 2018: „Wir streben eine Allianz für den Multilateralismus an – ein Netzwerk von Partnern, die wie wir auf verbindliche Regeln und fairen Wettbewerb setzen. Erste Verabredungen habe ich mit Japan, Kanada und Südkorea getroffen; weitere sollen folgen.“ 

Am Rande der aktuellen UN-Konferenz wurde diese Allianz laut Reuters nun offiziell gestartet, mehr als 50 Staaten nahmen an einem Treffen unter der Leitung von Deutschland und Frankreich teil. Dieses Treffen hatte Maas auch in seiner Rede angekündigt. 

Bewertung: falsch

Nein, der abgeholzte Wald für eine Windkraftanlage nimmt nicht mehr CO2 auf, als die Anlage vermeiden kann

Bildschirmfoto 2019-09-19 um 16.06.19
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Bildschirmfoto 2019-09-19 um 16.06.19
Dieses Foto wird immer wieder verwendet, um Stimmung gegen Windkraft in Deutschland zu machen. Es stammt jedoch aus den USA. (Screenshot von der Webseite der University of Virginia: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Foto sorgt für Empörung im Netz: Es zeigt Windkraftanlagen mitten im Wald, für die offenbar viele Bäume gefällt wurden. Nur stammt das Bild gar nicht aus Deutschland. Und auch die Behauptung, der gerodete Wald hätte mehr CO2 aufgenommen als die Windkraftanlage einspare, ist falsch. 

Auf Facebook wird derzeit ein Foto verbreitet, auf dem eine Reihe Windkraftanlagen in einem Wald zu sehen ist. Für jede Anlage wurden offenbar viele Bäume gefällt, denn sie stehen auf kahlen Lichtungen. Am 7. August veröffentlichte ein Nutzer das Foto auf seinem Facebook-Profil. Im Text darüber wird behauptet: „Der abgehackte Wald hätte übrigens mehr CO2 aufgenommen, als durch die wenigen lächerlichen Windräder CO2 gespart wird…“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 3.300 Mal geteilt. 

CORRECTIV hat geprüft, woher das Foto stammt, und ob die Behauptung über die Einsparung von CO2 stimmt. 

Der Facebook-Beitrag vom 7. August 2019. (Screenshot am 27. September und Schwärzungen: CORRECTIV)

Über die Bilder-Rückwärtssuche der Suchmaschine Yandex findet sich ein Artikel der University of Virginia in den USA von 2007, in dem das Foto verwendet wurde. In der Bildunterschrift steht, es zeige das Windenergie-Projekt „Mountaineer“ mit 44 Turbinen in West Virginia. Eine Quelle wird nicht angegeben, aber es ist ein Vergleich mit Satellitenaufnahmen des Windparks namens Mountaineer Wind Energy Center möglich. Er steht tatsächlich im Wald und besteht aus 44 Turbinen mit jeweils einer Leistung von 1,5 Megawatt. In den Satellitenaufnahmen von Google Earth ist zu sehen, dass die Anordnung der Lichtungen mit dem Foto übereinstimmt.

Satellitenaufnahme von Google Earth vom „Mountaineer Wind Energy Center“ in West Virginia, USA. (Screenshot am 13. September: CORRECTIV)
Links das Foto aus dem Facebook-Beitrag (von 2007), rechts eine (neuere) Aufnahme aus den Satellitenbildern von Google Earth vom „Mountaineer Wind Energy Center“ in den USA. (Collage: CORRECTIV)

Das Foto aus dem Facebook-Beitrag wird immer wieder von Windkraftgegnern in Deutschland verwendet, zum Beispiel von Webseiten namens „Windwahn“ oder „Science-Sceptical“. Oft wird, zum Beispiel mit Bezug auf die Proteste gegen die Abholzung des Hambacher Forsts, suggeriert, das Bild zeige Deutschland. 

Ein weiterer Beitrag mit dem Foto, von dem Blog „Rentnerbetrug“. (Screenshot am 13. September: CORRECTIV)

Das Foto stammt zwar nicht aus Deutschland, das heißt jedoch nicht, dass hierzulande kein Wald für Windkraftanlagen abgeholzt wird. Mit einem Beispiel haben wir uns im Oktober 2018 in einem Faktencheck beschäftigt.  

Doch wie viel CO2 spart eine Windkraftanlage ein, und wie viel kann der Wald aufnehmen, der für sie weichen muss? Hier sind nur theoretische Berechnungen möglich, da jeder Wald verschieden ist und es verschiedene Typen von Windkraftanlagen gibt. 

Wie viel CO2 spart eine Windkraftanlage?

Das Umweltbundesamt hat für 2017 die Emissionsbilanzen von Erneuerbaren Energien berechnet. In dem Bericht steht, für Windkraftanlagen an Land sei der Netto-Vermeidungsfaktor 606,14 Gramm CO2 pro Kilowattstunde Strom. „Netto“ bedeutet, in dieser Bilanz sind CO2-Emissionen, die zum Beispiel durch die Herstellung der Windkraftanlage verursacht werden, schon berücksichtigt. 

Auf Nachfrage schreibt Fabian Sandau vom Umweltbundesamt per E-Mail, eine allgemein gültige Berechnung der jährlichen Stromerzeugung einer Windkraftanlage und somit der CO2-Einsparung sei nicht möglich. Allerdings könne man ein konkretes Beispiel berechnen. 

Experte: Eine typische Windkraftanlage kann rund 3.600 Tonnen CO2 pro Jahr vermeiden

Eine der meistgebauten Anlagen sei der Typ E-115 des Unternehmens Enercon mit einer Leistung von drei Megawatt. An einem „schlechten Standort“ speise sie jährlich etwa sechs Millionen Kilowattstunden Strom ins Netz ein. Mit dem Vermeidungsfaktor von 606,14 Gramm CO2 pro Kilowattstunde ergebe sich „eine jährliche CO2-Netto-Vermeidung von rund 3.600 Tonnen CO2“, so Sandau. „Damit handelt es sich lediglich um eine konservative Abschätzung, da die Vermeidung weiterer Treibhausgase nicht berücksichtigt ist.“

Wie viel Wald muss für eine Turbine abgeholzt werden?

Wir haben zu diesem Thema auch eine Anfrage an László Maráz, Wald-Experte beim Forum Umwelt und Entwicklung, geschickt. Das Forum Umwelt und Entwicklung ist eine Dachorganisation für deutsche Nichtregierungsorganisationen und koordiniert nach eigenen Angaben deren „Aktivitäten […] in internationalen Politikprozessen zu nachhaltiger Entwicklung“. In einer E-Mail an CORRECTIV schreibt Maráz, für eine Windkraftanlage werde ein halber Hektar Wald gerodet.

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Andere Stellen gehen von noch weniger Fläche aus: Für eine Windkraftanlage müssen laut Hessischem Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung im Schnitt 0,3 Hektar Wald gerodet werden. Und in einer Antwort der Landesregierung Nordrhein-Westfalen auf eine Kleine Anfrage der Grünen 2018 steht, es müssten im Schnitt 0,28 Hektar Wald pro Windkraftanlage abgeholzt werden. Für Zufahrtswege und Materiallager müsse zusätzlich eine Fläche von „durchschnittlich 0,35 ha bis 0,45 ha“ eingerechnet werden. 

Wie viel CO2 nimmt ein Hektar Wald auf?

Wälder sind sogenannte natürliche Kohlenstoffsenken; sie entziehen während ihres Wachstums der Atmosphäre CO2, geben Sauerstoff (O) frei und speichern Kohlenstoff (C) in ihrem Holz. Eine allgemein gültige Zahl, wie viel CO2 aufgenommen wird, lässt sich hier nicht nennen, da jeder Wald anders ist. 

Auf Anfrage von CORRECTIV verweist die Pressestelle des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft auf die „Kohlenstoffinventur 2017“, die vom Thünen-Institut für Waldökosysteme im Auftrag des Ministeriums durchgeführt wurde. Die Autoren des Berichts schreiben, dass sich die Menge des gebundenen Kohlenstoffs unter anderem aus den Holzvolumen errechnen lasse. Daraus wiederum lässt sich ableiten, wie viel CO2 der Atmosphäre entzogen wird. 

Ein Hektar Wald kann im Durchschnitt 5,4 Tonnen CO2 pro Jahr aufnehmen

„Der Wald entlastet die Atmosphäre jährlich um rund 62 Mio. Tonnen Kohlendioxid. Damit kompensiert er ca. 7 Prozent der Emissionen in Deutschland“, heißt es in dem Bericht zum deutschen Wald weiter. Geteilt durch die Gesamtfläche des Waldes in Deutschland – nach Angaben des Thünen-Instituts 2017 insgesamt circa 11,4 Millionen Hektar – ergibt das rund 5,4 Tonnen CO2 pro Hektar Wald und Jahr.

Fabian Sandau vom Bundesumweltamt schreibt, dieser Durchschnittswert sollte „keineswegs pauschal genutzt werden“, da „die tatsächliche CO2-Aufnahme […] sehr stark von Art und Alter des Baumbestandes abhängig“ sei. Allerdings zeige sich anhand des Vergleichs mit den 62 Millionen Tonnen CO2, die der ganze Wald in Deutschland aufnehmen könne, bereits die „große Bedeutung“ der Windenergie – „denn die insgesamt durch Windenergieanlagen an Land vermiedenen CO2-Emissionen betrugen im Jahr 2017 ca. 54 Mio. Tonnen CO2.“ 

Vergleich Windkraftanlage versus Wald

Beide Experten, Fabian Sandau vom Bundesumweltamt und László Maráz vom Forum Umwelt und Entwicklung, sind der Ansicht, dass ein durchschnittliches Windrad mehr CO2 einspart als der Wald, der dafür schätzungsweise gerodet wird. Maráz schreibt: „Das Spiel geht mehrere Hundert zu eins für die Windkraftanlage aus.“ Ein Hektar Wald könnte seiner Berechnung nach 700 Tonnen CO2 aufnehmen – allerdings frühestens nach einem Zeitraum von 150 bis 200 Jahren, erklärt er in einer zweiten Mail an CORRECTIV. Dennoch betont Maráz, es spreche natürlich mehr für die Erhaltung des Waldes als die reine Kohlenstoffbilanz. 

Auf der Basis der CO2-Bilanz geht der Vergleich jedoch zugunsten der Windkraftanlage aus. Geht man davon aus, dass ein halber Hektar für eine Anlage gerodet wird, hätte diese Waldfläche pro Jahr theoretisch 2,7 Tonnen CO2 aufnehmen können. Im Gegensatz dazu spart eine typische Windkraftanlage nach einer exemplarischen Berechnung des Umweltbundesamts mindestens 3.600 Tonnen CO2 im Jahr. 

Update (11. Oktober 2019): Mehrere Leserinnen und Leser wiesen uns darauf hin, dass sie die Überschrift dieses Artikels in Kombination mit der Bewertung „Falsch“ irreführend fanden. Deshalb haben wir sie aktualisiert. Die alte Überschrift lautete „Eine Windkraftanlage spart mehr CO2 als der Wald, der für sie gerodet wird“. Zu diesem Faktencheck erreichten uns außerdem inhaltliche Nachfragen und Kommentare. Wir haben deshalb erneut beim Umweltbundesamt nachgefragt und gehen auf folgende Frage ein:

Frage von Lesern: Verdrängt Strom aus Windkraft in Deutschland nicht vor allem Strom aus Atomkraftwerken? 

Antwort: Nein, laut Umweltbundesamt ersetzt Windkraft im Stromnetz vor allem Strom aus Steinkohle- und Erdgaskraftwerken, nicht aber aus Kernkraft oder Braunkohle. 

Im Jahr 2017 hat das Umweltbundesamt berechnet, wie hoch die Emissionen von erneuerbaren Energien sind – darauf bezieht sich auch unser Faktencheck. Auf Seite 47 steht: „Entscheidend bei der Stromerzeugung aus Windenergie ist das stark fluktuierende Einspeiseprofil in Abhängigkeit von den Wetterbedingungen. Bei den in der Simulation angesetzten Brennstoffpreisrelationen für Steinkohle und Gas ersetzt Windkraft hauptsächlich Steinkohlekraftwerke und in geringerem Umfang auch Erdgaskraftwerke. Aufgrund der Stellung in der deutschen und europäischen Merit-Order wird weder Strom aus Braunkohle noch aus Kernenergie verdrängt.“ 

Das bedeutet: Wenn mehr Strom aus Windkraft produziert wird, ersetzt er theoretisch im Netz Strom aus konventionellen Energieträgern. Die Merit-Order ist die Einsatzreihenfolge von Kraftwerken. Sie funktioniert nach dem Prinzip, dass die teureren Stromarten zuerst verdrängt werden (PDF, Seite 8). So kommt es, dass in der Rechnung des Umweltbundesamtes Windenergie vor allem Strom aus Steinkohle ersetzt.  

Auf unsere Nachfrage erklärt ein Experte vom Umweltbundesamt per E-Mail, dies habe vor allem technische Gründe: Kohle- und Gaskraftwerke ließen sich besser regeln als Atomkraftwerke, welche tendenziell konstant Energie erzeugten. Das heißt, die Stromproduktion aus Atomkraftwerken lässt sich nicht so einfach kurzfristig reduzieren wie die aus den anderen Kraftwerken.  

Wichtig ist: Die von uns zitierte Berechnung des Umweltbundesamtes zur CO2-Bilanz von Windkraftanlagen an Land bezieht sich nicht auf das Gesamtbild seit der Energiewende 2011. In der Zeit ist der Anteil der Atomenergie an der Stromproduktion in Deutschland stark gesunken (Tabelle „Strommix“ 1990 bis 2018). Das treibt die CO2-Emissionen Deutschlands bei der Stromproduktion in die Höhe. Die Strommenge aus erneuerbaren Energien – insbesondere Windkraft an Land – ist gleichzeitig stark gestiegen. Das senkt wiederum die CO2-Emissionen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kernkraft nur durch Windenergie ersetzt wurde.

Insgesamt sinken die Emissionen Deutschlands, weil die Faktoren für CO2-Vermeidung stärker sind als die Faktoren, die mehr CO2 verursachen. 

Die Grafik zeigt, welchen Einfluss die verschiedenen Energieträger auf die CO2-Bilanz Deutschlands haben. (Quelle: Umweltbundesamt, Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Eine gängige Windkraftanlage spart nach Ansicht von Experten im Durchschnitt wesentlich mehr CO2 ein als der dafür gerodete Wald. Das Foto stammt zudem nicht aus Deutschland.

Bewertung: falsch

Nein, mit diesem silbernen Auto wurde nicht versucht, Kinder in Herne zu entführen

Kindesentführer Herne
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Kindesentführer Herne
Oft warnen besorgte Eltern in Sozialen Netzwerken vor Unbekannten, die Kinder aus Autos ansprechen. In einem Fall in Herne wird dieses Foto geteilt - doch es handelt sich um eine Falschmeldung. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Foto eines Autos geteilt, mit dem angeblich jemand in Herne unterwegs sei und versuche, Kinder zu entführen. Die Polizei Bochum stellt jedoch klar: Es gab keine Entführung oder versuchte Entführung von Kindern.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 20. September ein Foto eines Autos, auf dem steht: „Bitte teilen Leute der ist in Herne Wanne und so unterwegs und versucht Kinder zu entführen“. Es wurde mehr als 200 Mal geteilt. Das Kennzeichen ist geschwärzt – der Nutzer schreibt in den Kommentaren, das habe er wegen des Datenschutzes gemacht, und falls die Vorwürfe doch nicht stimmen sollten. 

In diesem Facebook-Beitrag zu dem Thema ist das Kennzeichen des Autos geschwärzt. (Screenshot und Schwärzung der Namen: CORRECTIV)

Zwei Tage später lud eine andere Nutzerin jedoch dasselbe Foto erneut bei Facebook hoch und schrieb ein Kennzeichen dazu. Diese Version wurde wesentlich häufiger geteilt – bisher mehr als 1.400 Mal. Die Frau schreibt zu dem Bild: „Der erste Beitrag wurde ohne Kennzeichen gepostet, wahrscheinlich wegen Datenschutz. Aber wer schützt unsere Kinder“. 

CORRECTIV hat recherchiert, ob die Behauptungen über das Foto stimmen.

Der zweite Facebook-Beitrag mit dem Foto des Autos enthält auch ein Kennzeichen. (Screenshot und Schwärzung am 25. September: CORRECTIV)

Volker Schütte, Sprecher der zuständigen Polizei Bochum, teilte CORRECTIV mit, der Polizei sei das Foto bekannt, der Fall sei bereits geprüft worden. Es habe in den vergangenen Wochen in Herne keine Kindesentführung oder versuchte Kindesentführung gegeben. Das abgebildete Auto habe zwar einen lokalen Bezug zu Herne, aber keine Verbindung zu einem solchen Fall, sagte Schütte am Telefon.  

Die E-Mail des Pressesprechers der Polizei Bochum. (Screenshot: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Falsch. Laut Polizei hat das Auto auf dem Foto keine Verbindung zu einer versuchten Kindesentführung. 

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Rosenheim wird nicht „mit Migranten geflutet“

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Rosenheim liegt nahe der Grenze zu Österreich – illegale Einreisen sind dort ein Thema. Es gibt jedoch aktuell keinen starken Anstieg. (Symbolfoto: Stux / Pixabay)

von Alice Echtermann

In einem Artikel und auf Facebook wird behauptet, es kämen aktuell sehr viele Menschen illegal über die Grenze nach Bayern, in die Stadt Rosenheim. Kürzlich sei es zu einem sexuellen Übergriff gekommen. Dafür gibt es keine Belege – und die Zahlen zeigen, dass es keinen starken Anstieg der Zuwanderung gibt.

In einem Artikel auf der Webseite „DDB-News“ vom 20. September wird behauptet, die Stadt Rosenheim in Bayern werde „gerade mit Migranten geflutet“. Der Text enthält eine Sprachnachricht, in der eine unbekannte Frau behauptet, es kämen immer mehr Flüchtlinge und Migranten über die Grenze, mit Reisebussen, Güterzügen, der Bahn oder auch zu Fuß. Zudem habe es „vor einigen Tagen“ einen sexuellen Übergriff von Ausländern auf eine Frau in der Fußgängerzone von Rosenheim gegeben. Und das solle „laut Gespräch mit Bundespolizisten erst der Anfang“ sein.

Der Artikel wurde auf Facebook laut dem Analysetool Crowdtangle bereit mehr als 2.100 Mal geteilt. Zudem gibt es einen Facebook-Beitrag, den eine Nutzerin am 21. September in der Gruppe „Völker dieser Welt erheben sich“ veröffentlichte – er enthält die gleichen Aussagen wie die Sprachnachricht. Der Beitrag ist überschrieben mit „Es geht los! Aufgepasst!“ und wurde ebenfalls schon mehr als 1.200 Mal geteilt. 

CORRECTIV hat geprüft, ob die Behauptungen stimmen. Unsere Recherche zeigt, dass die Bundespolizei Rosenheim zwar dieses Jahr im Vergleich zu 2018 durchschnittlich einen leichten Anstieg illegaler Einreiseversuche verzeichnet – dass die Stadt „mit Migranten geflutet“ werde, ist jedoch falsch. Die Zahl der Asylbewerber in städtischen Unterkünften sinkt sogar leicht. Für den angeblichen sexuellen Übergriff gibt es zudem keine Belege. 

Die Fotos in den Beiträgen sind nicht aktuell

Alle Fotos, die verwendet wurden, um den Artikel und den Facebook-Beitrag zu illustrieren, sind schon älter – teilweise mehrere Jahre. Sie sollen vermutlich den Eindruck von Menschenmassen vermitteln, zeigen aber keine aktuellen Situationen in Rosenheim. 

Das Foto aus dem Facebook-Beitrag findet sich über die Google-Bilder-Rückwärtssuche in einem Artikel von Vice von Juli 2015. Darin steht, Text und Fotos stammten von einem  Reporter, der mit dem Zug gemeinsam mit Migranten und Flüchtlingen über die Grenze bis nach Rosenheim gefahren sei. 

Der Facebook-Beitrag vom 21. September 2019 (Screenshot und Schwärzung am 25. September: CORRECTIV)

Der Artikel von „DDB-News“ zeigt drei Fotos und bezeichnet diese als „Beispielbilder aus Rosenheim“. Über die Bilder-Rückwärtssuche bei Google lässt sich jeweils die Herkunft ermitteln. Die Fotos stammen aus Pressemitteilungen der Bundespolizeidirektion München und haben einen Bezug zu Rosenheim, sind aber nicht aktuell. 

Die drei „Beispielbilder“ aus dem Artikel von „DDB-News“ sind alle schon etwas älter. (Screenshot: CORRECTIV)

Das erste Foto ist aus einer Mitteilung vom 5. Dezember 2017. Damals wurden 23 Menschen in einem Güterzug entdeckt, sie hatten damit die Grenze nach Deutschland illegal überquert.  

Das zweite Foto stammt aus einer Pressemitteilung vom 2. Januar 2019, in der eine Bilanz der Grenzpolizei für das Jahr 2018 gezogen wird. Mehrere Bilder wurden dabei an die Medien herausgegeben, darunter auch das von mehreren Menschen in einem Transporter. Wann genau es aufgenommen wurde, steht nicht dabei. 

Das dritte und unterste Bild ist das aktuellste, es ist aus einer Mitteilung vom 30. Juli 2019 – dabei handelt es sich um eine Bilanz der Grenzkontrollen des ersten Halbjahres 2019. Auch hier fehlt ein genaues Aufnahmedatum des Fotos. 

Bundespolizei Rosenheim: Illegale Einreisen im Vergleich zu 2018 leicht gestiegen

In der aktuellsten Pressemitteilung wird erklärt, die Bundespolizeiinspektion Rosenheim liege „an der Schnittstelle zweier Hauptschleuserrouten, der Balkan- und der Brennerroute“. Sie sei zuständig für einen rund 200 Kilometer langen Abschnitt der deutsch-österreichischen Grenze und gehe dort gegen „illegale Migration“ und „Schleusungskriminalität“ vor.

Im ersten Halbjahr 2019 habe die Bundespolizei Rosenheim pro Monat „durchschnittlich rund 230 illegale Einreiseversuche im Rahmen der Grenzkontrollen zwischen Chiemsee und Zugspitze registriert“. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (Januar bis Juni 2018) seien die Zahlen „leicht gestiegen“ – damals seien es im Schnitt 220 Menschen pro Monat gewesen.

Auf Nachfrage bestätigte die Sprecherin der Bundespolizeiinspektion Rosenheim, Yvonne Oppermann, diese Zahlen noch einmal per E-Mail: „Diese Durchschnittszahl unterliegt natürlich monatlichen Schwankungen. Im Juli hat sie sich nicht wesentlich verändert, aber im August konnten wir einen Anstieg auf rund 330 unerlaubte Einreisen verzeichnen. Die Tendenz für September ist jedoch wieder gegenläufig, so dass wir mit einer Feststellungszahl im Rahmen des Durchschnitts rechnen.“

Die meisten dieser Personen bleiben jedoch laut Bundespolizei nicht in Deutschland: Etwa 70 Prozent der in Gewahrsam genommenen Personen hätten das Land bereits wieder verlassen müssen, heißt es in der Pressemitteilung. 2018 seien 60 Prozent zurückgeführt worden. Die meisten Personen – „rund 50 Prozent“ – seien bei Grenzkontrollen in Reisebussen festgestellt worden. Rund ein Viertel der illegal eingereisten Personen kam 2019 mit Autos, ein weiteres Viertel im Zug. 

Dass Rosenheim „mit Migranten geflutet“ wird, lässt sich aus diesen Informationen nicht ableiten. 

Die Pressemitteilung der Bundespolizeidirektion München vom 30. Juli 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Zahl der Menschen in Asylunterkünften in Rosenheim sinkt

Auch die Zahl der Asylbewerber, die in Unterkünften der Stadt Rosenheim leben, ist nicht stark gestiegen – sie ist leicht gesunken. Wie Christian Schwalm, ein Pressesprecher der Stadt, CORRECTIV auf Anfrage per E-Mail mitteilte, lebten im August 2018 insgesamt 557 Personen in Flüchtlingsunterkünften in Rosenheim. Im August 2019 waren es 520. Und auch im Vergleich der vergangenen Monate ist kein Anstieg zu beobachten. 

Die E-Mail des Sprechers der Stadt Rosenheim. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Zahl der neu registrierten Asylbewerber in ganz Oberbayern steigt nicht an. Wie eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail erklärt, werden alle ankommenden Personen im Ankunftszentrum in München registriert. Die Daten der monatlichen Zugänge, die sie uns schickte, belegen, dass es keine starke Zunahme gibt. Ende 2018 und Anfang 2019 waren die Zahlen insgesamt etwas höher (mehr als 800 pro Monat). Sie sanken von März bis Juni leicht (mehr als 500 pro Monat) und stiegen dann im Juli wieder leicht an. Im Juli kamen 625 Menschen, im August 799 und im September bisher 625 (Stand 24.9.). Die Zahl der pro Jahr ankommenden Asylbewerber ist seit 2015 stark gesunken. 

Die Zahl der pro Jahr in Oberbayern registrierten Asylbewerber. (Quelle: Regierung Oberbayern / Screenshot: CORRECTIV)
Die Zahl der monatlich neu registrierten Asylbewerber in Oberbayern. (Quelle: Regierung Oberbayern / Screenshot: CORRECTIV)

Kein „Run“ auf Deutschland – auch Ankünfte in Europa sinken

In dem Facebook-Beitrag und der Sprachnachricht wird zudem behauptet, es würden verstärkt Menschen nach Deutschland reisen, die über die Balkanroute oder Lampedusa nach Europa gekommen seien. Dies wird deutlich mit Formulierungen wie „Es geht los!“ oder „Das ist alles ein Run im Moment“ oder „Das, was von der Balkanroute, alles, was in Lampedusa angelandet ist, die kommen jetzt alle an“. 

Das ist reine Spekulation, und die Statistiken widersprechen der Behauptung. Bundesweit sinkt die Zahl der neuen Asylanträge laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Insgesamt wurden von Januar bis August 2019 in Deutschland 98.428 Erstanträge gestellt. Im selben Zeitraum 2018 waren es 111.685 (Seite 3).

Die Internationale Organisation für Migration teilte zudem am 13. September mit, dass die Zahl der Ankünfte in Europa – auf verschiedenen Land- und Seerouten – von Januar bis Juli 2019 um etwa 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken sei. Seit 2016 gebe es jährlich einen Abwärtstrend.

Für einen angeblichen sexuellen Übergriff gibt es keine Belege

CORRECTIV hat auch geprüft, ob es den angeblichen sexuellen Übergriff von drei Männern auf eine Frau „vor ein paar Tagen“ in der Rosenheimer Innenstadt gegeben hat. In der Sprachnachricht erzählt die unbekannte Frau von einer Bekannten, die angeblich „vor ein paar Tagen in der Fußgängerzone – […] im Zentrum von Rosenheim – […] von zweien oder dreien sogar angegangen worden“ sei. Zwei Männer hätten sie festgehalten, der dritte habe sie sexuell bedrängt und angefasst. 

Auf unsere Nachfrage beim zuständigen Polizeipräsidium Oberbayern-Süd teilt die Pressestelle per E-Mail mit: „Im Recherchezeitraum seit dem 5. September bis heute wurde in Rosenheim (Fußgängerzone / Innenstadt) kein solches Delikt angezeigt oder von der Polizei festgestellt.“ Wir konnten im Laufe unserer Recherche keine Belege für den Vorfall finden. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keinen starken Anstieg der Zuwanderung nach Rosenheim. Für den angeblichen sexuellen Übergriff gibt es keine Belege. 

Bewertung: falsch

Nein, es gibt kein Gerichtsurteil, das die Forschung von Klimatologe Michael Mann „als Lüge entlarvt“

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Mehrere Webseiten verbreiten falsche Behauptungen über ein angebliches Gerichtsurteil in Kanada. (Symbolfoto: PIRO4D / Pixabay)

von Alice Echtermann

Im Netz wird die Behauptung verbreitet, der Klimatologe Michael Mann habe einen Prozess verloren – und das Urteil widerlege seine Theorie vom Klimawandel. Das ist falsch. Es ging um Verleumdung, und es kam gar nicht zu einem Prozess.

Am 22. August verwarf ein Richter am kanadischen Supreme Court of British Columbia eine Verleumdungsklage, die sich acht Jahre lang hingezogen hatte. Geklagt hatte der Klimatologe Michael Mann gegen den Geologen Timothy Ball. Was wie eine Randnotiz wirkt, zog Ende August und Anfang September zahlreiche Artikel nach sich – auf Deutsch und Englisch. Sie schreiben fälschlicherweise von einem Urteil, das die Forschung Michael Manns über den Klimawandel als „Lüge“ entlarve. 

Die Seite Tichys Einblick titelte: „Gericht urteilt gegen den Schöpfer des Klimawandel-Hockeyschlägers“. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 3.100 Mal auf Facebook geteilt.

Weitere Artikel von Achse des Guten („Beweise bitte! – Ein Star der Klimaforschung scheitert vor Gericht“, 1.400 Mal geteilt) und Anonymousnews („Urteil mit Sprengkraft: Gericht entlarvt Lüge vom menschengemachten Klimawandel“, 740 Mal geteilt) stellen den Sachverhalt ebenfalls falsch dar. Der Achgut-Text wurde auch wortgleich auf der Webseite Eike-Klima-Energie veröffentlicht, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnet

Der Artikel von Anonymousnews über das angebliche Gerichtsurteil. (Screenshot: CORRECTIV)

In allen Berichten heißt es, Michael Mann habe einen „Prozess verloren“. Achgut schrieb zudem, er müsse die Gerichtskosten tragen. Das Verfahren sei bedeutend, weil sein Ausgang „die Mär vom ausschließlich menschengemachten Klimawandel“ ins Wanken bringe, gemeinsam mit ihrer „graphische[n] Inkarnation, [der] wie ein Hockeyschläger steil nach oben abknickende Temperaturkurve, auch als ‘Hockeystick-Kurve’ einschlägig bekannt geworden.“

Es wird also behauptet, es gebe eine Gerichtsentscheidung, die zeige, dass Michael Manns Forschung und seine „Hockeyschläger-Kurve“ nicht glaubwürdig seien.

CORRECTIV-Recherchen ergeben jedoch: Die Aussagen über das angebliche Gerichtsurteil sind falsch. Das Gericht in Kanada verwarf die Verleumdungsklage, weil das Verfahren sich seit acht Jahren hinzog und es immer wieder zu großen Verzögerungen gekommen war. Es kam gar nicht zu einem Prozess. Das geht aus der Abschrift der mündlichen Entscheidung des Richters hervor, die am 18. September vom Supreme Court veröffentlicht wurde. 

Worin besteht der Konflikt zwischen Mann und Ball?

Der Klimatologe Michael Mann ist Professor an der Pennsylvania State University und der Urheber der sogenannten „Hockeyschläger-Kurve“. Die wissenschaftliche Arbeit dahinter veröffentlichte er erstmals 1998. Darin stellte er die Entwicklung der Erdtemperatur dar. Die Kurve zeigt steil nach oben, weshalb sie ein bisschen aussieht wie ein Hockeyschläger. Die treibende Kraft des Wandels seien im 20. Jahrhundert die Treibhausgase gewesen, schreiben Mann und seine Co-Autoren.  

Die Rekonstruktion der Erdtemperatur von Michael Mann und Raymond Bradley erhielt den Namen „Hockeyschläger-Kurve“. Darstellung im Paper „Northern Hemisphere Temperatures During The Past Millennium“ von 1999. (Screenshot: CORRECTIV)

Timothy Ball – ein pensionierter Professor für Geographie von der University of Winnipeg – bestreitet den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel. Mann verklagte ihn wegen diverser verbaler Angriffe 2011 wegen Verleumdung. Wie der Richter am Supreme Court feststellte: „Der Kläger, Dr. Mann, und der Beklagte, Dr. Ball, haben dramatisch unterschiedliche Meinungen über den Klimawandel. Ich habe nicht vor, auf diese Unterschiede näher einzugehen. Es soll ausreichen, dass der eine glaubt, der Klimawandel sei menschengemacht, und der andere tut das nicht. Als Konsequenz lagen die beiden über viele Jahre beinahe ständig im Konflikt.“

Worum ging es in der Verleumdungsklage?

Im Zentrum der Klageschrift, die CORRECTIV von Manns Anwalt zugeschickt wurde, steht eine Aussage von Timothy Ball in einem Interview 2011. Ball wurde darin auf den sogenannten „Climategate“-Skandal angesprochen und sagte, Michael Mann gehöre ins Gefängnis. Gegen diese Aussage und weitere von Ball richtet sich die Klage.

Auszug aus der Klageschrift, in der steht, Balls Worte seien Verleumdung. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei „Climategate“ ging es 2009 um Vorwürfe, Klimawissenschaftler hätten ihre Forschungsergebnisse verfälscht. Die Grundlage waren gehackte E-Mails von Wissenschaftlern der University of East Anglia in Großbritannien. Deren Untersuchungskommission äußerte 2010 eine Rüge wegen mangelnder Transparenz der Wissenschaftler, kam jedoch zu dem Schluss, dass sie im Wesentlichen korrekt gearbeitet hätten (PDF, Seite 11). Auch gegen Michael Mann wurden Vorwürfe erhoben. Diese wurden 2010 ebenfalls durch die Pennsylvania State University entkräftet

Manns Klage richtete sich auch gegen das Frontier Centre for Public Policy (FCPP), ein kanadisches Think-Tank, auf dessen Webseite das Interview mit Ball verbreitet wurde. Diesen Teil des Rechtsstreits regelte Mann im Juni 2019 außergerichtlich – das FCPP äußerte eine Entschuldigung, wie Mann auf Twitter schrieb. Übrig blieb die Klage gegen Timothy Ball. 

Wie entschied das Gericht?

In der mündlichen Begründung der Entscheidung, das Verfahren einzustellen, erklärte der Richter, die jahrelange Verzögerung sei seiner Ansicht nach nicht zu entschuldigen. Es habe mindestens zwei monatelange Zeiträume gegeben, in denen nichts geschehen sei. „Es gibt keine Beweisstücke des Klägers, die die Verzögerung erklären.“ Es scheine, als gebe Mann der Sache keine Priorität. 

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Die Verzögerung sei außerdem in gewisser Weise zum Nachteil des Beklagten, da dieser vier Zeugen hatte anrufen wollen, von denen inzwischen drei gestorben und einer nicht mehr in der Lage sei, zu reisen. Zudem sei auch Ball sehr betagt und bei schlechter Gesundheit. „Die Erinnerungen aller Beteiligten und Zeugen werden verblasst sein, wenn die Sache vor Gericht geht.“ Ein faires Verfahren sei so kaum möglich, deshalb werde es eingestellt. 

Auszug aus der Abschrift der mündlichen Entscheidung des Richters am Supreme Court of British Columbia. (Screenshot: CORRECTIV)

Manns Anwalt bekräftigt, die Berichte seien Falschmeldungen

CORRECTIV hat die Anwälte von Michael Mann und Timothy Ball kontaktiert. Von Michael Scherr – Balls Anwalt – kam bisher keine Antwort. 

Manns Anwalt, Roger McConchie, antwortete per E-Mail: „Die kürzliche Gerichtsentscheidung vom 22. August 2019 war die Antwort auf einen Antrag des Beschuldigten Ball, dass das Verfahren eingestellt werden solle – wegen Verzögerung. Balls Argument, dass der Fall nicht vor Gericht gehen solle, stützte sich stark auf Balls angeblichen Gesundheitszustand. […] Das Gericht kam in keiner Weise zu dem Schluss, dass eine von Balls Verteidigungen Bestand habe, oder dass Dr. Manns Aussagen nicht valide seien.“

Auszug aus der Email von Manns Anwalt, Roger McConchie. (Screenshot: CORRECTIV)

Durch die Einstellung des Verfahrens sei es gar nicht zu einem Prozess gekommen, erklärt McConchie. Deshalb gebe es kein Gerichtsurteil darüber, welche der beiden Parteien Recht habe – und somit keinen „Verlierer“. Wenn der Court of Appeal in British Columbia die Entscheidung des Supreme Court nicht zurücknehme, müsse Ball sich nicht vor Gericht gegen Manns Klage verteidigen. Auf die Frage, worum es in dem Verfahren ging, betont McConchie: „Ob der Klimawandel stattfindet oder nicht, und ob der Mensch dazu beiträgt, war nie ein Thema vor Gericht.“ 

Die Berichte über einen „verlorenen Prozess“, der angeblich den menschengemachten Klimawandel „als Lüge entlarve“, nennt McConchie „böswillige Lügen“.

Weiterer Auszug aus der E-Mail von Roger McConchie. (Screenshot: CORRECTIV)

Zu den Vorwürfen des unwissenschaftlichen Arbeitens gegen Michael Mann schreibt sein Anwalt, Mann habe von Anfang an alle Daten seiner Forschung veröffentlicht, zunächst mit Ausnahme des Computercodes (Quellcode). 2005 habe er den Code jedoch ebenfalls veröffentlicht. Zudem gebe es die Untersuchung der Pennsylvania State University von 2010 zu den Climategate-Vorwürfen gegen ihn. All diese Informationen seien öffentlich zugänglich gewesen, als Ball seine Anschuldigungen gegen Mann machte.  

Auch Michael Mann selbst äußerte sich auf Twitter zu den Berichten über das angebliche Gerichtsurteil gegen ihn. Die Aussagen in den Berichten seien „unwahr“. Die Entscheidung des Gerichts bedeute auch nicht, dass er Balls Kosten übernehmen werde. 

Tweet von Michael Mann am 23. August 2019. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Es gab keinen Prozess und somit kein Gerichtsurteil gegen den Klimatologen Michael Mann. Das Verfahren wurde wegen Verzögerung eingestellt.

Bewertung: teilweise falsch

Nein, ein Deutscher bekam nicht zehn Jahre Haft für „Böller an der Moscheetür“ – er wurde wegen versuchten Mordes verurteilt

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Auf die Fatih-Moschee in Dresden wurde 2016 ein Anschlag mit drei Rohrbomben und Brandbeschleuniger verübt. Stefan Kühn, Fatih Camii Moschee Dresden 2016-10-07 06, CC0 1.0

von Alice Echtermann

In einem Facebook-Beitrag kritisiert ein Nutzer die deutsche Justiz: Ein Vergewaltiger bekomme 5,5 Jahre Haft, jemand, der „Böller“ vor eine Moscheetür gelegt habe, 11,5 Jahre. Beide Fälle gab es – aber der Anschlag auf die Moschee wird falsch dargestellt.

Am 10. September veröffentlicht die Facebook-Seite „Lautsprecher“ einen Beitrag, in dem behauptet wird, ein Nigerianer bekomme für die Vergewaltigung eines neunjährigen Mädchens 5,5 Jahre Haft, während ein Deutscher für „Böller an der Moscheetür in Dresden“ 11,5 Jahre bekommen habe. In dem Text zum Beitrag korrigierten die Autoren die 11,5 Jahre etwas später noch auf „fast 10 Jahre“. Der Facebook-Beitrag wurde bereits etwa 4.900 Mal geteilt.

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die beiden genannten Fälle gab es, jedoch wird der Anschlag auf die Moschee falsch dargestellt. 

Der Facebook-Beitrag vom 10. September 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Angaben zum Fall der Vergewaltigung sind größtenteils richtig

Die Angaben zu der Vergewaltigung sind zwar wenig spezifisch, ein anderer Beitrag der Facebook-Seite (auch hier ist von 5,5 Jahren Haft die Rede) lässt jedoch darauf schließen, dass es um einen Fall in Dessau-Roßlau geht, in dem am 10. September das Urteil gefällt wurde. 

Das Landgericht Dessau-Roßlau verurteilte einen 27-jährigen Angeklagten „wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit schwerer Vergewaltigung, vorsätzlicher Körperverletzung und vorsätzlichem unerlaubtem Führen einer verbotenen Waffe“ zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft. Der Mann habe im Juni 2019 ein neunjähriges Mädchen in der Nähe der Elbwiesen überfallen. 

Laut Pressemitteilung hat das Gericht berücksichtigt, dass der Täter ein Geständnis abgelegt habe. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Strafe von sechs Jahren gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Im Facebook-Beitrag wird zudem behauptet, der Täter sei Nigerianer. Auf Nachfrage von CORRECTIV äußerte sich der Sprecher des Landgerichts Dessau-Roßlau, Oliver Kunze, nicht zur Nationalität des Verurteilten. Er verwies in seiner Antwort per Email lediglich auf die Pressemitteilung des Gerichts. Darin steht nichts zur Nationalität des Täters. Auf eine zweite Anfrage per Email reagierte Kunze bisher nicht. In Medienberichten heißt es, der Mann stamme aus Niger – nicht Nigeria. 

Moschee-Anschlag: Weder handelte es sich um einen „Böller“, noch wurde nur eine Tür „angekokelt“

Nicht korrekt ist die Beschreibung des Anschlags auf eine Moschee in Dresden als „Böller an der Moscheetür“. Es ging nicht nur um eine „angekokelte Tür“, wie im Text zum Facebook-Beitrag behauptet wird, sondern um einen schweren Brandanschlag, der vom Gericht als vierfacher versuchter Mord gewertet wurde. Der Fall wird demnach im Facebook-Beitrag stark verharmlost.

CORRECTIV hat zu diesem Fall bereits im März 2019 einen Faktencheck veröffentlicht. Der Täter wurde am 31. August 2018 zu neun Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Er hatte 2016 einen Sprengsatz mit drei Rohrbomben und Brandbeschleunigern vor einer Moschee gezündet, in der sich der Imam und dessen Familie aufhielten. Dass es sich nur um einen „Böller“ gehandelt habe, ist also falsch.

Der Angeklagte wurde für versuchten Mord in vier Fällen, versuchte besonders schwere Brandstiftung, vorsätzliches Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, Sachbeschädigung und weitere Verstöße gegen das Sprengstoff- und Waffengesetz verurteilt. 

Das Landgericht Dresden teilte im März 2019 auf unsere Anfrage mit, der Angeklagte habe „aus Hass auf Muslime“ gehandelt. Nach Ansicht des Gerichts seien nur deshalb keine Personen zu Schaden gekommen, weil nur ein Teil des Sprengsatzes explodiert sei, keine Passanten in der Nähe waren und niemand die Tür geöffnet habe.

Die E-Mail des Richters Thomas Ziegler vom Landgericht Dresden, März 2018. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Mann ging gegen das Urteil in Revision, diese wurde jedoch am 20. Juni 2019 vom Bundesgerichtshof abgelehnt. Das Urteil ist damit rechtskräftig. Der Täter sei Pegida-Anhänger gewesen, heißt es in der Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs. „Mit dem Anschlag wollte er den in Deutschland lebenden Muslimen zeigen, dass sie ihres Lebens nicht mehr sicher seien“, heißt es weiter. Er habe direkt nach dem Anschlag auf die Moschee auch einen Brandsatz vor dem Kongresszentrum Dresden gezündet. In beiden Fällen sei erheblicher Sachschaden entstanden. Da die Familie des Imams zu Hause gewesen sei, sei es nur Zufall gewesen, dass niemand verletzt wurde. 

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Behauptungen über den Moschee-Anschlag entsprechen nicht den Tatsachen. Der Täter wurde für versuchten Mord in vier Fällen verurteilt. 

Bewertung: falsch

Der Fahrer, der in Berlin mit einem SUV in eine Menschengruppe raste, ist Deutscher

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Vier Menschen starben in Berlin, als ein SUV auf einen Gehweg raste. Die Polizei spricht bisher von einem Verkehrsunfall, ermittelt aber noch die Ursache. (Symbolfoto: Golda Falk / Pixabay)

von Alice Echtermann

Nach einem Verkehrsunfall in Berlin, bei dem ein Porsche Macan – ein SUV – in eine Gruppe Menschen fuhr, kursiert auf Facebook das Gerücht, der Fahrer sei Marokkaner. Das ist falsch. 

Am 6. September raste nach Angaben der Polizei in Berlin-Mitte ein Porsche Macan – ein sogenannter SUV (Geländewagen) – in eine Gruppe Menschen. Vier Personen starben, fünf weitere wurden verletzt. Der Vorfall ereignete sich an der Kreuzung Invalidenstraße Ecke Ackerstraße. Die Polizei spricht bisher stets von einem „schweren Verkehrsunfall“. 

Nun behaupten Nutzer auf Facebook, der Fahrer sei Marokkaner gewesen. In einem der Beiträge, der am 12. September veröffentlicht und mehr als 450 Mal geteilt wurde, steht: „Der SUV Fahrer, der in Berlin in eine Menschenmenge fuhr und dabei 4 Menschen tötete ist ein Marokkaner! Warum verschweigen die Medien das?“ Es handelt sich offenbar um eine Kopie eines Beitrags vom 10. September (mehr als 500 Mal geteilt), der wortgleich von mehreren Nutzern übernommen wurde.

Die Behauptung, der Fahrer sei Marokkaner, ist falsch. 

Ein Facebook-Beitrag mit der Behauptung vom 10. September 2019. (Screenshot am 17. September: CORRECTIV)
Ein weiteres Beispiel für einen Beitrag mit identischem Text. (Screenshot am 17. September: CORRECTIV)

Wie ein Pressesprecher der Polizei Berlin, Stefan Petersen, CORRECTIV am Telefon mitteilte, hat der 42-jährige Fahrer die deutsche Staatsbürgerschaft. Auch sei er nicht marokkanischer Herkunft. Auch der Deutschen Presse-Agentur gab die Polizei diese Information. In Medienberichten wird der Name des Fahrers mit „Michael M.“ angegeben. 

Es wird geprüft, ob der Fahrer gesundheitliche Probleme hatte

Der Unfallhergang ist laut Polizei noch immer unklar. Am 9. September bat sie die Öffentlichkeit um Hinweise und ging nach eigenen Angaben unter anderem der Möglichkeit nach, dass ein medizinischer Notfall zu dem Unfall geführt hat.

Am 16. September teilte dann die Pressestelle der Generalstaatsanwaltschaft Berlin auf Twitter mit, die Wohnung des Fahrers sei am Freitag, dem 13. September, durchsucht worden. Es seien Beweismittel sichergestellt worden, deren Untersuchung zeigen solle, „ob sich die Hinweise auf eine unfallursächliche, akute gesundheitliche Notlage konkretisieren lassen“. Einem Bericht des RBB vom 16. September zufolge hat der Anwalt des Fahrers bei der Staatsanwaltschaft eine schriftliche Stellungnahme abgegeben, nach der eine „akute gesundheitliche Problematik“ die Ursache des Unfalls gewesen sein könnte. Medien berichten über Hinweise, dass der Fahrer möglicherweise einen epileptischen Anfall hatte. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Fahrer des SUV war laut Polizei Berlin Deutscher und ist nicht marokkanischer Herkunft.  

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, die Grünen fordern kein generelles Luftballonverbot

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Die Berichterstattung über das angebliche „Luftballonverbot“, das die Grünen gefordert haben sollen, ist stark missverständlich. (Symbolfoto: Pexels / Pixabay)

von Alice Echtermann

In dieser Woche berichteten zahlreiche Medien, die Grünen in Niedersachsen wollten Luftballons verbieten. Die Forderung wurde jedoch stark übertrieben dargestellt, so dass der eigentliche Inhalt verloren ging.  

Fordern die Grünen ein „Luftballonverbot“? Zahlreiche Medien behaupteten dies am Donnerstag, 12. September. Der Hintergrund ist ein missverständlich wiedergegebenes Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung mit der Landesvorsitzenden der Grünen in Niedersachsen, Anne Kura. 

Die Neue Osnabrücker Zeitung veröffentlichte am 12. September eine Pressemitteilung dazu mit dem Titel „Niedersachsens Grüne für Luftballonverbot“. Diese Nachricht wurde am selben Tag von zahlreichen Medien aufgegriffen. Sie stimmt, so pauschal ausgedrückt, jedoch nicht.  

Die Google-Suche nach den Begriffen „Grüne“ und „Luftballonverbot“ am 13. September 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Das in fast allen Überschriften verwendete Wort „Luftballonverbot“ ist stark irreführend, weil es wirkt, als wolle die Partei Ballons insgesamt verbieten. In der Pressemitteilung wird Anne Kura mit den Worten zitiert: „Steigen gelassene Luftballons landen in den allermeisten Fällen in der Natur. Vögel und andere Tiere fressen die weichen Ballonreste und verhungern dann mit vollem Magen. Auch Ballons aus Naturlatex sind deswegen keine wirkliche Alternative.“ Sie begrüße deshalb einen Beschluss der Stadt Gütersloh, bei öffentlichen Veranstaltungen das Ballon-Steigenlassen zu verbieten. 

Verbot in Gütersloh bezieht sich auf städtische Events und Plätze

Der Umweltausschuss der Stadt Gütersloh hat am 2. September einstimmig beschlossen, dass „in Zukunft bei städtischen Veranstaltungen und auf städtischen Flächen auf den Massenstart von gasgefüllten Luftballons verzichtet werden soll“. Dass sich dies nicht auf private Feiern auf privaten Grundstücken bezieht, wie zum Beispiel der NDR oder Zeit Online erwähnten, steht in der Pressemitteilung der NOZ nicht explizit. 

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Das ist vermutlich der Grund, weshalb das Thema in den Medien und Sozialen Netzwerken oft stark übertrieben dargestellt wurde. Das Compact-Magazin titelte: „Völlig losgelöst: Grüne starten Krieg gegen die Luftballons“. In dem Artikel wird nicht erwähnt, dass es nicht um ein generelles Verbot ging. Der Radiosender Antenne Niedersachsen startete auf seiner Facebook-Seite eine Umfrage und schreibt: „Die Grünen in Niedersachsen fordern ein Luftballonverbot. Sollten Luftballons in Zukunft verboten sein?“  

Die Umfrage des Radiosenders Antenne Niedersachsen auf Facebook. (Screenshot am 13. September: CORRECTIV)

Die Krone-Zeitung in Österreich trieb das Thema auf die Spitze und titelte: „Deutsche Grüne fordern absolutes Luftballonverbot“. Im Text heißt es weiter: „Kaum ein Kindergeburtstag, eine Hochzeit oder ein Jahrmarkt kommt ohne Luftballons aus. Geht es nach den Grünen im deutschen Bundesland Niedersachsen, sollen sie allerdings schon bald Geschichte sein.“ Auch in diesem Artikel wird nirgends erklärt, dass es bei dem Verbot nur um das Steigenlassen von Ballons bei öffentlichen Veranstaltungen gehen sollte.

Der Artikel der Zeitung „Krone“ aus Österreich. (Screenshot am 13. September: CORRECTIV)

Grüne: „Von einem generellen Verbot von Luftballons war und ist nicht die Rede“

Die niedersächsischen Grünen veröffentlichten am Donnerstag eine Pressemitteilung, in der sie klarstellen, dass kein generelles Verbot von Luftballons gefordert werde: „Von einem generellen Verbot von Luftballons war und ist deshalb nicht die Rede. Es geht nicht um Luftballons bei Kindergeburtstagen im Wohnzimmer oder bei Hochzeitsfeiern im Saal.“

Es geht den Grünen also um das Steigenlassen von mit Gas gefüllen Ballons bei Veranstaltungen. Bei privaten Events, zum Beispiel Hochzeiten, wollen sie die fliegenden Ballons nicht verbieten, erklärt der Landesgeschäftsführer der Grünen in Niedersachsen, Josef Voß, auf Nachfrage von CORRECTIV am Telefon. Die Problematik für die Umwelt entstehe natürlich auch bei privaten Feiern. „Das muss man nicht gut finden, aber verbieten wollen wir das nicht.“ Ein solches Verbot sei auch gar nicht durchsetzbar – anders als bei Events, für die eine Genehmigung einer Stadt erforderlich sei. 

Auch die Grünen in Niedersachsen hätten in der Vergangenheit bei Veranstaltungen Ballons steigen lassen, wird Grünen-Chefin Anne Kura in der Pressemitteilung zitiert. „Das machen wir jetzt nicht mehr.“

Mehrere Medien, darunter auch die NOZ, fügten ihren Berichten am Donnerstag noch die Erklärung der Grünen hinzu oder veröffentlichten weitere Artikel dazu. Völlig einfangen ließ sich die ausgelöste Debatte dadurch jedoch nicht mehr. Berichte wie der der Krone-Zeitung waren am Freitag noch immer unverändert online. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Grünen in Niedersachsen wollen kein generelles Luftballonverbot. Sie setzen sich dafür ein, dass bei öffentlichen Veranstaltungen keine Ballons steigen gelassen werden.