Profil

Alice Echtermann

Leiterin CORRECTIV.Faktencheck

Alice wurde Journalistin, weil sie alles genau wissen möchte. Deshalb prüft sie für den CORRECTIV-Faktencheck täglich Meldungen im Netz auf ihre Richtigkeit. Während ihres Volontariates beim Weser-Kurier in Bremen schrieb sie über Filterblasen-Effekte und Algorithmen. Später, als Onlineredakteurin, recherchierte sie, wie Facebook instrumentalisiert wird, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Für eine Reportage über ihren Heimat-Stadtteil in Bremen wurde sie 2019 mit dem Dritten Preis des Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus ausgezeichnet. Aktuell leitet sie das Faktencheck-Team in Vertretung von Tania Röttger.

E-Mail: alice.echtermann(at)correctiv.org
Twitter: @echt_alice

Video griechisch-türkische Grenze
Dieses Video wird aktuell mit falschem Kontext auf Facebook verbreitet. Es tauchte nach unseren Recherchen bereits Anfang März auf. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Video von jubelnden Männern verbreitet, die Gegenstände in ein Feuer werfen oder tragen und „Allahu Akbar“ rufen. Die Behauptung: Es zeige das Geflüchtetenlager Moria auf Lesbos, das in dieser Woche niederbrannte. Das stimmt jedoch nicht. 

Junge Männer werfen Gegenstände in Richtung eines Feuers, tragen einen Baumstamm hinein und rufen „Allahu Akbar“ – dieses Video verbreitet ein Nutzer auf Facebook am 10. September. Er behauptet: „Video 1: Hier wollen Flüchtlinge die Brände in Moria löschen, indem sie Holzstämme ins Feuer legen.“ In demselben Beitrag zeigt er außerdem ein zweites Video, in dem eine Gruppe Menschen im Dunkeln steht und einige von ihnen ein Feuer hinter Bäumen mit ihren Smartphones filmen. „Video 2: Singen ‘Bye bye Moria’ und freuen sich, dass es brennt“, schreibt der Nutzer dazu. Der Beitrag wurde mehr als 1.000 Mal geteilt. 

Der Nutzer bezieht die beiden Videos aufeinander, beziehungsweise auf die aktuellen Geschehnisse im Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Eine weitere Facebook-Nutzerin verbreitete das Video mit den „Allahu-Akbar“-Rufen am 9. September mit dem Titel „Moria“. Unsere Recherchen zeigen jedoch: Das Video stammt nicht von dort. 

Facebook-Beitrag setzt Video in Kontext des Feuers in Moria
In diesem Facebook-Beitrag werden zwei Videos in den Kontext der aktuellen Brände im Lager Moria gestellt. Das linke stammt jedoch nicht von dort. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Medienberichten zufolge brannte das Lager Moria auf Lesbos in dieser Woche fast vollständig nieder. Mehrere Brände seien in der Nacht zu Mittwoch, dem 9. September, ausgebrochen. Die griechische Regierung beschuldige die Bewohnerinnen und Bewohner der Brandstiftung, schrieb die Süddeutsche Zeitung

Video von Ausschreitungen wurde bereits Anfang März in Sozialen Netzwerken verbreitet

Das Video, das der Facebook-Nutzer als angeblichen Beleg für die Brandstiftung verwendet, ist jedoch nicht aktuell und stammt mutmaßlich gar nicht von der Insel Lesbos. Es wurde nach Recherchen von CORRECTIV bereits Anfang März 2020 im Internet verbreitet, zum Beispiel auf Twitter. Der junge Mann mit nacktem Oberkörper ist derselbe wie in dem Video, das angeblich Moria zeigen soll. 

Das Video wurde schon Anfang März verbreitet; damals wurde behauptet, es zeige Geflüchtete an der türkischen Grenze zu Griechenland. (Quelle: Twitter / Screenshot: CORRECTIV)

Den genauen Ort des Videos konnten wir nicht verifizieren, doch es entstand wahrscheinlich an der griechisch-türkischen Grenze. In dem Video ist unter anderem zu hören, wie einer der Männer in arabischer Sprache sagt: „Sie öffnen uns nicht die Tür.“ 

Ende Februar hatte die Türkei verkündet, die Grenze nach Griechenland zu öffnen. Tausende Geflüchtete und Migranten hatten daraufhin versucht, nach Griechenland einzureisen. Griechenland schloss die Grenzübergänge; es kam zu Ausschreitungen.

Zweites Video stammt wahrscheinlich aus Moria

Das zweite Video in einem der Facebook-Beiträge stammt mutmaßlich tatsächlich aus Moria und ist aktuell. Darin ist kein Krawall oder Brandstiftung zu sehen, aber der Satz „Bye, bye, Moria“ ist deutlich zu hören. Außerdem sind vor dem Hintergrund des Feuers Laternenmasten zu sehen, die denen im Lager Moria in aktuellen Medienberichten ähneln. 

Video aus Moria
Das Video von Facebook, das mutmaßlich das Feuer im Lager Moria zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)
Video aus Moria von Spiegel-TV
Eine Aufnahme in einem Bericht von Spiegel TV in einem aktuellen Bericht über die Brände auf Youtube. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Video, das Ausschreitungen zeigt, ist nicht aktuell und hat keine Verbindung zum Lager Moria.

titelbild_slowenien2015
Dieses Foto wird aktuell im Kontext der Brände im Lager Moria auf Lesbos verbreitet. Es ist aber aus Slowenien. (Quelle: Facebook / Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Foto zeige angeblich, wie ein Mann vor den brennenden Zelten von Moria auf Lesbos ein Selfie macht und mit der Hand das Victory-Zeichen zeigt. Die Aufnahme ist jedoch fünf Jahre alt und stammt aus Slowenien. 

„Mehr muss man doch dazu nicht sagen?“, steht über einem Foto, auf dem ein Mann sich selbst vor brennenden Zelten fotografiert. Das Bild wurde am 10. September auf Facebook verbreitet und bereits mehr als 3.500 Mal geteilt. 

Durch den Zeitpunkt der Veröffentlichung wird suggeriert, dass das Foto im Lager Moria auf der Insel Lesbos entstanden sei. In einem weiteren Facebook-Beitrag wird dies sogar in der Beschreibung behauptet: „Ein traumatisierter ‘Flüchtling’, der gerade alles im Feuer Morias verliert“, steht dort. 

Medienberichten zufolge brannte das Lager Moria auf Lesbos in dieser Woche fast vollständig nieder. Das verbreitete Foto stammt jedoch nicht von dort. Es entstand 2015 in Slowenien. 

Facebook-Beitrag mit falschem Bezug zu Moria
Der Facebook-Beitrag vom 10. September stellt das Foto in den Kontext des abgebrannten Lagers Moria auf Lesbos. Dabei ist es viel älter. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Mehrere Brände seien in der Nacht zu Mittwoch, dem 9. September, im Lager für Geflüchtete und Migranten auf Lesbos ausgebrochen, schreibt T-Online. Die griechische Regierung beschuldige die Bewohnerinnen und Bewohner, die Feuer selbst gelegt zu haben, schrieb die Süddeutsche Zeitung

Selfie-Foto tauchte im Oktober 2015 im Kontext eines Feuers in einem Lager in Slowenien auf

Über die Bilder-Suchmaschine Tineye fanden wir als frühesten Treffer für das Foto einen Artikel der britischen Boulevardzeitung Express vom 22. Oktober 2015. Dem Text zufolge brannte es damals in einem Lager für Geflüchtete und Migranten in Brežice, einer Stadt in Slowenien. Die Süddeutsche Zeitung berichtete darüber am 21. Oktober 2015 und zeigte Aufnahmen, auf denen ganz ähnliche Zelte zu sehen sind wie auf dem Selfie-Foto. 

Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 21. Oktober 2015. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Bilder-Rückwärtssuche bei Google schlägt für das Foto gleich die Begriffe „migranti brežice“ vor. Schränkt man die Suche auf Ergebnisse bis Dezember 2015 ein, bestätigen die Treffer die Verbindung mit dem Vorfall in Slowenien. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto zeigt nicht das Lager Moria auf Lesbos und ist von 2015. 

Symbolbild PCR-Tests
Über die Genauigkeit von PCR-Tests wird viel diskutiert. Oft werden dabei jedoch aus der Theorie Schlüsse gezogen, die in der Praxis nicht zutreffen. (Symbolbild: picture alliance/Franck Dubray/MAXPPP/dpa)

von Alice Echtermann

Gibt es in Deutschland überhaupt noch echte Infektionen, oder sind alle positiven Corona-Tests derzeit falsch-positiv? Diese Frage stellten sich viele Leserinnen und Leser von CORRECTIV. Wir sind ihr nachgegangen: In der Praxis sind solche Fehler beim PCR-Test laut Experten nahezu ausgeschlossen. 

Testergebnisse sind eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen das Coronavirus – und um Maßnahmen der Politik zu begründen und in der Bevölkerung zu legitimieren. Wer über Corona-Tests spricht, spricht derzeit fast immer über den sogenannten PCR-Test. Antikörpertests sind laut RKI noch nicht zuverlässig genug. Die Testergebnisse bilden die Grundlage der Fallzahlen zu Neuinfektionen in Deutschland. Deshalb ist die Frage, welche Fehlerquote die PCR-Tests auf das neuartige Coronavirus haben, äußerst relevant. 

Insbesondere die Möglichkeit falsch-positiver Tests sorgt aktuell für Diskussionen. Mehrere Leserinnen und Leser von CORRECTIV fragten uns in E-Mails danach.

Falsch-positiv bedeutet: Ein Corona-Test zeigt für eine Person, die eigentlich nicht infiziert ist, ein positives Ergebnis. Die Konsequenz: Die Person geht in Quarantäne, obwohl sie das Virus nicht in sich trägt. Träte so ein Fehler häufig auf, würden sich die Fallzahlen erhöhen, obwohl es eigentlich gar nicht mehr Infizierte gibt.

Corona-Fälle in Deutschland aktuell alle falsch-positiv?

Seit Wochen wird in Deutschland immer mehr getestet; laut Robert-Koch-Institut waren es in der 34. und 35. Kalenderwoche jeweils mehr als eine Million Tests. Davon sind in letzter Zeit stets ein Prozent oder weniger positiv (PDF, Seite 11). Kritiker der Corona-Maßnahmen wie der Arzt Wolfgang Wodarg behaupten nun, diese Tests seien alle falsch-positiv. Denn statistisch liege der Anteil der falsch-positiven Ergebnisse bei PCR-Tests bei einem Prozent, argumentiert Wodarg auf seiner Webseite: „Je mehr Tests, um so mehr auch falsch positive Ergebnisse. Sie sind das Einzige, womit uns ein ‘Ansteigen der Fallzahlen’ vorgegaukelt wird.“ 

Und Bodo Schiffmann, Gründer der Partei „Widerstand2020“, zeigte in einem Youtube-Video vom 1. September eine Grafik der Fallzahlen und sagte: „Das heißt, seit dem 14.5. etwa hat es in Deutschland keinen Nachweis von positiven Erkrankungen gegeben, sondern wir bewegen uns genau im Bereich der Fehlertoleranz des PCR-Tests.“ Diese nimmt Schiffmann laut der Grafik bei 1,4 Prozent an (ab Minute 6:00).  

Diese Schlussfolgerungen sind aber irreführend. Denn sie beruhen nur auf theoretischen Annahmen. In diesem Artikel erklären wir, weshalb falsch-positive PCR-Tests laut Experten in der Praxis so gut wie keine Rolle spielen: Als positiv eingestufte Proben werden nach Recherchen von CORRECTIV in vielen Laboren nicht nur einmal, sondern mehrfach überprüft. 

Was ist ein PCR-Test?

PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Mit diesem Verfahren werden im Labor ganz bestimmte Sequenzen des Erbguts von SARS-CoV-2 vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Die Proben dafür werden mit einem Abstrich (meist durch die Nase im Rachen eines Menschen) entnommen und untersucht. Ein PCR-Testergebnis ist der Nachweis einer Infektion – es bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Person ansteckend oder krank ist.

Insbesondere wenn das Virus in der Bevölkerung seltener vorkommt (niedrige Prävalenz), muss der PCR-Test sehr genau sein. Sonst fallen statistisch geringe Fehlerquoten unter Umständen stark ins Gewicht. Über dieses Problem der sogenannten Vortestwahrscheinlichkeit hat CORRECTIV bereits berichtet. Das RKI schreibt dazu auf seiner Webseite: „Generell wird die Richtigkeit des Ergebnisses von diagnostischen Tests auch von der Verbreitung einer Erkrankung beeinflusst […]. Je seltener die Erkrankung und je ungezielter getestet wird, umso höher sind die Anforderungen an Sensitivität und Spezifität der zur Anwendung kommenden Tests.“

Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test Infizierte als infiziert erkennt. Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Gesunde als gesund erkennt. Bei niedriger Spezifität werden falsch-positive Ergebnisse also häufiger auftreten. 

PCR-Tests haben eine hohe Sensitivität und Spezifität

Ein Anhaltspunkt, wie gut die Sensitivität und Spezifität der PCR-Tests für SARS-CoV-2 in Deutschland sind, ist ein Ringversuch von Instand e.V., einer medizinischen Fachgesellschaft. Dabei wurden Laboren verdeckte positive und negative Proben mit SARS-CoV-2 oder anderen Coronaviren geschickt. Im Anschluss wurde erhoben, wie viele Proben sie richtig als positiv oder negativ testeten. Solche Versuche dienen der Qualitätssicherung.

Das Ergebnis: Die Labore erkannten von drei positiven Proben 98,8 bis 99,7 Prozent korrekt als positiv (Sensitivität). Die vierte, am stärksten verdünnte positive Probe erkannten 93 Prozent. Im Fall der negativen Proben waren es 97,8 bis 98,6 Prozent korrekte Ergebnisse (Spezifität) (PDF, Seite 12-13).  

Wenn die Spezifität im Ringversuch durchschnittlich rund 98 Prozent beträgt, heißt das aber nicht, dass in der Praxis rund zwei Prozent der Tests falsch-positiv sind. Diese Schlussfolgerung ist ein Missverständnis. 

Es gibt verschiedene „Zielgene“ für PCR-Tests

Es gibt nicht nur einen einzigen PCR-Test, sondern verschiedene Hersteller. Sie verwenden zum Nachweis von SARS-CoV-2 verschiedene Gen-Sequenzen. Diese Zielgene (Targets) heißen zum Beispiel E, N oder ORF1. Der deutsche PCR-Test-Hersteller Roche informiert etwa auf seiner Webseite, dass sein System auf die ORF1-Region und das E-Gen teste. 

In der Praxis testen viele Labore in Deutschland nach Recherchen von CORRECTIV nicht nur auf ein Zielgen, sondern auf mindestens zwei. Man spricht vom „Dual-Target“-System. Das reduziert die Möglichkeit für falsch-positive Ergebnisse drastisch.

In dem Ringversuch wurden die Erfolgsquoten für die Zielgene einzeln ausgewiesen. Ein Beispiel: Bei einer negativen Probe erkannten PCR-Tests auf das E-Gen diese Probe zu 99,5 Prozent korrekt als negativ. Tests auf das N-Gen erkannten dieselbe Probe zu 98,2 Prozent als negativ. Die Erfolgsquote im Ringversuch über alle Zielgene hinweg war bei dieser Probe insgesamt 98,6 Prozent.

Auszug aus Ringversuch von Instand e.V.
Auszug aus dem Bericht des Ringversuchs: Diese Probe enthielt kein SARS-CoV-2 und auch keine anderen Coronaviren. Das korrekte Laborergebnis sollte also „negativ“ lauten. (Quelle: Instand e.V. / Screenshot: CORRECTIV)

„Dual-Target“-System: Labore testen auf zwei Zielgene

Der Virologe Christian Drosten sagte kürzlich der DPA, die Labore würden bei positiven Ergebnissen einen Zusatztest durchführen. Die Zahl der falsch-positiven Tests würde damit praktisch auf Null gesenkt.

Auch das RKI empfiehlt auf seiner Webseite die „Dual-Target“-Methode, wenn das Virus in der Bevölkerung nicht mehr so häufig vorkomme (niedrige Prävalenz). Bei unklaren oder abweichenden Testergebnissen sei eine sorgfältige Bewertung nötig. Gegebenenfalls müsse ein erneuter Test durchgeführt werden. „Der Befund soll eine klare Entscheidung im Hinblick auf die Meldung ermöglichen.“ 

Sprecher von zwei Laboren bestätigen mehrfache Prüfung

Hendrik Borucki, Sprecher von Bioscientia, einem Verbund medizinischer Labore mit Hauptsitz in Ingelheim, erklärte uns auf Nachfrage am Telefon: In den Laboren von Bioscientia werden seit März alle Proben standardmäßig auf zwei oder drei Zielgene getestet. Bioscientia führe aktuell etwa acht Prozent aller Corona-Tests in Deutschland durch.

Wenn man die Testergebnisse für die verschiedenen Zielgene zusammenzähle, komme man auf eine Spezifität von 99,99 Prozent. Falsch-positive Ergebnisse seien auch damit nicht komplett ausgeschlossen, sie betreffen jedoch nur einen von 10.000 Tests. Gemessen an der Gesamtmenge der Tests sei diese Fehlerquote „verschwindend gering“, sagte Borucki. So erklärt Bioscientia es auch auf seiner Webseite

Auch Jan Kramer, ärztlicher Leiter des LADR-Zentrallabors in Geesthacht, sagte CORRECTIV am Telefon, in seinem Labor werde bei positiven Testergebnissen immer noch ein zweiter Test nach dem „Dual-Target“-System gemacht. Bei negativen Testergebnissen sei dies nicht nötig. Das LADR-Zentrallabor führe aktuell bis zu 30.000 Corona-Tests pro Woche durch, so Kramer. 

Ein reines Laborergebnis sollte nicht mit der Diagnose verwechselt werden: „Jeder positive Befund wird ärztlich nachtelefoniert“, sagt Kramer. Es werde auch geschaut, ob ein Mensch Symptome habe. Oft bleibe es zudem nicht bei einem einzigen Test, sondern eine Person werde mit zeitlichem Abstand mehrfach getestet. 

Synlab: Test auf mehr als eine Gen-Stelle bei hoher Spezifität nicht mehr nötig

Nicht alle Labore gehen einheitlich vor. Das Unternehmen Synlab teilte CORRECTIV auf Anfrage schriftlich mit, dort werde standardmäßig nur auf eine Gen-Stelle getestet. „Auf spezifischen Wunsch unserer Einsender bieten wir aber auch den Test auf mehrere Gen-Stellen an.“ 

Der Test auf mehr als eine Gen-Sequenz bedeute nicht automatisch weniger falsch-positive Tests. Vielmehr sorge dafür eine hohe Spezifität: „Der von uns routinemäßig durchgeführte Test hat eine hohe Qualität und eine sehr hohe Spezifität.“ Die Betrachtung einer zweiten Gen-Stelle sei daher nicht mehr notwendig. „Weiterhin ist es so, dass unsere medizinischen Experten den Kurvenverlauf jeder Probe analysieren. Erfahrene Biologen und Mediziner bewerten, ob es Unstimmigkeiten gibt, die eine weitere Überprüfung erfordern.“ 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das RKI geht davon aus, dass die Fallzahlen aktuell nicht durch falsch-positive Tests verzerrt werden. Im Epidemiologischen Bulletin vom 27. August (Seite 12) steht: „Aufgrund des Funktionsprinzips von PCR-Testen und hohen Qualitätsanforderungen liegt die analytische Spezifität bei korrekter Durchführung und Bewertung bei nahezu 100 Prozent.“ In der Regel würden „nicht plausible Befunde in der Praxis durch Testwiederholung oder durch zusätzliche Testverfahren bestätigt oder verworfen“. Das RKI gehe „von einer sehr geringen Zahl falsch positiver Befunde aus, die die Einschätzung der Lage nicht verfälscht“. 

Falsch-negative Ergebnisse sind durch viele Faktoren möglich

Nach Ansicht von Experten ist die massenhafte Testung von Personen ohne Symptome dennoch problematisch. Und zwar vor allem wegen der Testkapazitäten und der Möglichkeit von falsch-negativen Ergebnissen. 

„Seltsamerweise wird über falsch-negative Ergebnisse viel weniger diskutiert“, sagte Borucki von Bioscientia. Viele Faktoren könnten zu einem negativen Testergebnis führen, obwohl die Person infiziert ist. Dazu zählten ein schlecht durchgeführter Rachenabstrich oder auch ein zu früher Zeitpunkt der Testung. Menschen, die aus dem Urlaub zurückkehrten und keine Symptome hätten, würden sich mit einem negativen Testergebnis möglicherweise in falscher Sicherheit wiegen. Bioscientia wünsche sich daher, dass wieder vor allem Menschen mit Symptomen oder konkretem Verdacht getestet werden, um dieses Risiko zu reduzieren, so Borucki. 

Auch der Verband akkreditierter Labore in der Medizin (ALM), in dessen Vorstand Jan Kramer sitzt, äußerte sich kürzlich zu diesem Problem. Es sei nötig, wieder gezielter zu testen. „Dass die Positivrate […] bei den Reiserückkehrern sogar unter 0,4 Prozent liegt, zeigt, dass wir im Moment komplexe und wertvolle medizinische Tests für die falsche Zielgruppe einsetzen“, heißt es in der Pressemitteilung.   

Update, 17. September: Wir haben einen Fehler im Text korrigiert. Christian Drosten sagte der DPA, falsch-positive Tests würden praktisch auf Null gesenkt, nicht unter Null. 

Symbolbild PCR-Test Abstrich
Immer wieder wird versucht, PCR-Tests als unbrauchbar darzustellen. Nun wird fälschlich behauptet, er weise keine Infektion mit dem Coronavirus nach. (Symbolfoto: Aurelien Morissard / picture alliance / Xinhua News Agency)

von Alice Echtermann

In Sozialen Netzwerken und Blogs wird ein Satz aus einem Merkblatt des Bundesamts für Gesundheit in der Schweiz verbreitet. Angeblich belege dieser, dass PCR-Tests keine Infektion mit SARS-CoV-2 nachweisen können. Die Aussage wurde jedoch falsch interpretiert.

„Der Nachweis der Nukleinsäure gibt jedoch keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers“ – dieser Satz aus einem Merkblatt zu Covid-19-Tests aus der Schweiz wird aktuell tausendfach in Sozialen Netzwerken und Blogs verbreitet. Das Dokument stammt vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der Arzneimittelbehörde Swissmedic in der Schweiz. 

Am 17. August behauptet ein Nutzer dazu auf Facebook: „PCR-Tests weisen keine Infektionen nach.“ Das habe das schweizerische BAG offiziell bestätigt. Somit weise der PCR-Test „allenfalls ein Fragment eines Virus“ nach und stelle keinen Beleg dar, ob ein infektiöser Erreger vorhanden oder die Person ansteckend sei. Der Beitrag wurde bereits mehr als 3.000 Mal geteilt.

Ein anderer Facebook-Beitrag vom 27. August, der mehr als 1.500 Mal geteilt wurde, zieht aus dem Satz in dem Merkblatt die Schlussfolgerung: „Der PCR-Test taugt nichts!“ Und auch die Webseite „Corona-Transition“ und die Organisation „Anwälte für Aufklärung“ zitieren aus dem Merkblatt, um zu argumentieren, die PCR-Tests seien nicht aussagekräftig.  

Nach Recherchen von CORRECTIV sind diese Beiträge irreführend. Die Behauptung, es könne „keine Infektion“ nachgewiesen werden, ist falsch: PCR-Tests weisen Infektionen zuverlässig nach. Das BAG hat nichts Gegenteiliges bestätigt. Richtig ist aber: Ein positiver PCR-Test muss nicht bedeuten, dass ein Mensch noch ansteckend ist. 

Facebook-Beitrag über PCR-Tests
Screenshot des Facebook-Beitrags vom 17. August. Der Nutzer zeigt ein echtes Dokument des Bundesamts für Gesundheit in der Schweiz – interpretiert den von ihm rot markierten Satz aber falsch. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV).

PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Mit diesem Verfahren werden im Labor ganz bestimmte Sequenzen des Erbguts (DNA oder RNA) vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Aktuell wird dieses Testverfahren genutzt, um nachzuweisen, ob Erbgut von SARS-CoV-2 im Menschen vorhanden ist. Dafür werden mit einem Abstrich Proben aus den oberen Atemwegen (meist durch die Nase im Rachen) entnommen und untersucht. 

BAG hat Merkblatt aktualisiert, um Missverständnisse zu verhindern

Auf diesen PCR-Test bezog sich also der Satz in dem „Merkblatt zur aktuellen Covid-19 Testung in der Schweiz“. Das Dokument ist immer noch auf der Webseite des BAG zu finden (Download als PDF). Allerdings wurde es am 1. September aktualisiert. 

In der alten Version des Merkblatts stand: „Der Nachweis der Nukleinsäure gibt jedoch keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers. Dies kann nur mittels eines Virusnachweises und einer Vermehrung in der Zellkultur erfolgen.“ Das ursprüngliche Dokument kann noch archiviert im Google Cache gelesen werden.

In der neuen Version (PDF, Seite 2) steht in dem Absatz über PCR-Tests nun stattdessen: „Mit dieser sehr empfindlichen Methode wird in Patientenproben spezifisch die Nukleinsäure eines Erregers nachgewiesen, was eine Infektion mit dem Erreger belegt.“ Das BAG betont nun also, dass der PCR-Test eine Infektion belege. 

Merkblatt zu Covid-19 Tests Schweiz
Der Absatz über PCR-Tests wurde in der Version des Merkblatts vom 1. September 2020 verändert. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Auf Anfrage von CORRECTIV erklärte ein Sprecher von Swissmedic, Lukas Jaggi, per E-Mail, warum der Satz angepasst wurde: Er sei „aus dem Zusammenhang gerissen, vor allem in Sozialen Medien missbräuchlich als ,Beleg für die Unwirksamkeit’ dieser Testmethode zur Erkennung von SARS-CoV-2“ verwendet worden. 

Jaggi betont: „PCR-Tests können Nukleinsäure des neuen Coronavirus und damit eine Infektion mit dem Virus empfindlich nachweisen und zeigen, dass ein infektiöses Virus auf den Patienten übertragen worden ist.“ 

E-Mail Swissmedic zu PCR-Tests
Auszug aus der E-Mail des Sprechers von Swissmedic an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

PCR-Tests weisen Infektionen nach

Eine Infektion ist laut Definition im Infektionsschutzgesetz die „Aufnahme eines Krankheitserregers und seine nachfolgende Entwicklung oder Vermehrung im menschlichen Organismus“. Eine Infektion ist demnach nicht gleichzusetzen mit einer Infektionskrankheit, kann aber dazu führen. Das heißt: Ist das Virus in den Proben der Atemwege nachweisbar, ist der Mensch infiziert. Er muss sich dabei aber nicht automatisch krank fühlen. 

Auch das deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite, dass PCR-Tests dem „Erregernachweis“ beziehungsweise dem Nachweis einer Infektion mit SARS-CoV-2 dienten.

Potenziell ansteckend sind laut RKI auch Infizierte, die nie Symptome entwickeln (asymptomatische Fälle) – auch wenn diese Fälle mutmaßlich nicht die wichtigste Rolle bei der Ausbreitung des Coronavirus spielten. 

PCR-Tests weisen nicht nach, ob eine infizierte Person ansteckend ist 

Der Hinweis in der mittlerweile veralteten Version des BAG-Merkblatts wurde also irreführend interpretiert. Der Satz an sich war aber korrekt. PCR-Tests ermöglichen „keine zuverlässige Aussage, in welchem Umfang der Patient zum Zeitpunkt des Tests ansteckend (also infektiös) ist“, erklärt Lukas Jaggi von Swissmedic in seiner E-Mail an CORRECTIV.

Infektiosität beschreibt die Fähigkeit des Erregers, auf andere Menschen überzuspringen und sie zu infizieren (PDF, Seite 75). 

Laut Jaggi gehe man in der Praxis davon aus, „dass eine Person mit positivem PCR-Resultat die meiste Zeit während der Infektion ansteckend ist“. Im Verlauf der Krankheit werde die Vermehrungsfähigkeit des Virus im Körper aber gebremst; es seien also immer weniger intakte (infektiöse) Viren vorhanden. Da der PCR-Test sehr empfindlich sei, könne er auch noch auf diese „Restfragmente“ der Viren reagieren. 

So steht es auch auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts. Demnach fällt der PCR-Test vor allem während der infektiösen Phase positiv aus, aber auch noch kurze Zeit danach.

Infektiosität kann mit zusätzlichen Tests nachgewiesen werden

Mit weiteren Tests, zum Beispiel in einer Zellkultur, könne die Infektiosität der vorhandenen Viren geprüft werden, schreibt Swissmedic-Sprecher Jaggi. Für die Diagnose einer Infektion mit SARS-CoV-2 sei ein PCR-Test in der Regel aber ausreichend. „Die zusätzlichen Methoden machen mehr Sinn, um beispielsweise bei einem Patienten mit eingeschränkter Immunantwort feststellen zu können, ob eine Therapie erfolgreich die Vermehrung des Virus im Körper hemmt.“

Auch die Sprecherin des RKI, Susanne Glasmacher, schrieb uns per E-Mail, die Infektiosität könne mit einer Virusanzucht in Zellkulturen bewertet werden. Die Infektiosität werde aber nicht standardmäßig überprüft. Jeder labordiagnostische Nachweis von SARS-CoV-2 werde gezählt.  

Auf der Webseite des RKI gibt es zu diesem Thema ausführliche Erklärungen – die Informationen wurden also nicht exklusiv in der Schweiz veröffentlicht. 

Fazit: Die Schlussfolgerungen, die aus dem Merkblatt des Schweizerischen BAG gezogen wurden, sind irreführend. PCR-Tests weisen Infektionen nach. Sie weisen nicht nach, ob das Virus infektiös ist – aber laut RKI kommen positive PCR-Testergebnisse vor allem während der infektiösen Phase vor. Also während der Zeit, in der ein Mensch ansteckend ist. Auch das BAG bestätigt, dass in der Regel ein PCR-Test für die Diagnose ausreiche. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. PCR-Tests weisen Infektionen nach. Sie zeigen allerdings nicht, ob eine infizierte Person noch ansteckend ist. 

Rigaer Straße Berlin
Dieses Foto wird in falschem Kontext auf Facebook verbreitet. Es stammt von 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Bild, das hundertfach bei Facebook geteilt wird, soll angeblich das Resultat heftiger Krawalle der „Antifa“ in Berlin zeigen. Angeblich hätten diese am selben Abend wie die großen Corona-Proteste stattgefunden. Das ist falsch: Das Foto ist von 2017, und es gab an dem Wochenende auch keine ähnlichen Vorfälle. 

Auf Facebook wird ein Bild einer nächtlichen Straße verbreitet, auf der verbrannte Autos stehen. Es stamme aus der Rigaer Straße in Berlin von „gestern Abend“, so der Nutzer, der es am 30. August 2020 hochgeladen hat. „Nur mal so zum Vergleich“, schrieb die Person und setzte dazu den Hashtag #b2908, der auf die großen Proteste gegen die Corona-Maßnahmen am 29. August in Berlin verweist. Der Facebook-Beitrag wurde bereits knapp 800 Mal geteilt. 

Es wird also behauptet, am 29. August hätte „die Antifa“ die Rigaer Straße verwüstet, und dieses Foto zeige das Resultat. Das ist falsch.

Das Foto der Rigaer Straße ist von 2017

Mit einer Bilder-Rückwärtssuche bei der Suchmaschine Bing fanden wir das Foto in einem Facebook-Beitrag der Jungen Gruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hamburg vom 18. Juni 2017. Der Text „Junge Gruppe GdP“ ist sogar in dem Facebook-Beitrag vom 30. August 2020 zu sehen.

Facebook-Beitrag über Rigaer Straße 2017
Ein Screenshot des Facebook-Beitrags, der das Foto in falschen Kontext stellt. Im Bild ist unten am Rand mittig zu lesen „Junge Gruppe GdP“. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Text des Beitrags der GdP steht, das Bild stamme vom Vortag aus Berlin, also dem 17. Juni 2017. Tatsächlich hatte es an dem Wochenende in der Rigaer Straße in Friedrichshain Krawalle gegeben: Laut Polizei seien brennende Barrikaden errichtet und die Beamten unter anderem mit Flaschen und Steinen beworfen worden. Darüber gab es am 17. Juni auch mehrere Medienberichte. Darin sind weitere Fotos der mit Pflastersteinen übersäten Straße zu sehen.  

Auf Nachfrage, ob es am 29. oder 30. August in Berlin ähnliche Vorfälle gegeben habe, antwortete eine Polizeisprecherin am Telefon: „Nein. Und wenn so etwas passiert wäre, wüssten wir davon.“ 

Den veröffentlichten Polizeimeldungen ist ebenfalls nichts zu entnehmen. Es gibt lediglich einzelne Meldungen über brennende Autos, Täter und Gründe sind stets unklar: eine aus Neukölln (qualmender BMW), eine aus Mitte (Feuer in einer Tiefgarage), eine aus Marzahn-Hellersdorf (brennender Reifen eines parkenden Autos), und eine über zwei brennende Autos in Marzahn-Hellersdorf und Steglitz-Zehlendorf (ein Opel und ein Smart). 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto zeigt keine Krawalle in der Rigaer Straße am 29. August 2020. Es gab an diesem Tag in Berlin keine solchen Vorfälle. 

Das falsche Gerücht, Tetanus-Impfungen könnten unfruchtbar machen, wird seit Jahren verbreitet.
Das falsche Gerücht, Tetanus-Impfungen könnten unfruchtbar machen, wird seit Jahren verbreitet. (Symbolbild: Unsplash/Zach Vessels)

von Alice Echtermann

Seit vielen Jahren hält sich im Netz hartnäckig das Gerücht, in Kenia seien 2014 Frauen gegen Tetanus geimpft worden – mit einem Impfstoff, der sie ohne ihr Wissen unfruchtbar machen sollte. An diesen Vorwürfen ist laut Untersuchungen und Aussagen von Behörden nichts dran.

Ein Artikel von 2014 wird aktuell wieder tausendfach auf Facebook geteilt: In einem Text der Webseite Katholisches.info wird behauptet, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Kinderhilfswerk Unicef mehr als zwei Millionen Frauen mit einer „Geheimaktion“ unfruchtbar machen wollten. Sie hätten in Kenia ein Tetanus-Impfprogramm forciert, wobei der Impfstoff in Wahrheit „der Sterilisierung der Frauen dienen“ sollte. Der „Skandal” sei von der katholischen Kirche in Kenia und Ärzten aufgedeckt worden. Das Impfprogramm sei daraufhin gestoppt worden. Eine Million Frauen seien zuvor aber bereits dreimal geimpft worden.

Diese Vorwürfe sind falsch. Sie kursieren seit vielen Jahr im Netz, obwohl sie wiederholt von Faktencheckern wie Snopes oder Africa-Check widerlegt wurden. Der Artikel von Katholisches.info wurde seit 2014 weder ergänzt noch korrigiert. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde er im April 2020 wieder verstärkt auf Facebook geteilt. CORRECTIV.Faktencheck hat bereits zu diesem Thema recherchiert. Kürzlich wurde die falsche Behauptung zum Beispiel auch von der Organisation „Ärzte für Aufklärung“ verbreitet.  

Der Artikel von Katholisches.info nennt oder verlinkt keine Quellen für die Behauptungen, sondern zitiert vor allem Stephen Karanja. Er ist der Mitautor eines wissenschaftlichen Artikels, der 2017 erschienen ist und die genannten Vorwürfe wiederholt. Zudem ist er laut den Autorenangaben in dem Artikel Mitglied der Kenya Catholic Doctors Association, die den angeblichen Skandal 2014 aufgedeckt haben will

Katholische Ärzte in Kenia ließen sechs Impfstoff-Ampullen untersuchen

In dem wissenschaftlichen Artikel von 2017 heißt es, katholische Ärzte hätten in Kenia sechs Impfstoff-Ampullen „sichergestellt“ und bei dreien das Hormon HCG nachgewiesen. Dies ist ein Hormon, das während der Schwangerschaft gebildet wird. In Kombination mit dem Tetanus-Impfstoff könne es angeblich unfruchtbar machen, wird behauptet. 

Nachdem die katholischen Ärzte ihre Kritik äußerten, wurden laut dem Artikel 52 weitere Ampullen im Rahmen einer offiziellen Untersuchung analysiert – mit negativem Ergebnis. Die Autoren schreiben, die WHO habe „behauptet“, diese 52 Ampullen seien für den Impfstoff genutzt worden und deuten damit an, dass dem nicht so war. Sie nennen für diese Unterstellung aber keine Belege. 

In dem Artikel ist nicht die Rede davon, dass tatsächlich Frauen in Kenia unfruchtbar wurden; eine Untersuchung der geimpften Frauen wurde von den Autoren nicht durchgeführt. 

Laborleiter teilten schon 2014 mit: Untersuchungen im Auftrag der Kirche waren fehlerhaft

Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten bereits 2014 zwei der Labore, die die katholischen Ärzte mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt hatten, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. 

Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily 2017: Die ersten Proben seien kontaminiert gewesen, die Testmethode sei falsch und das Ergebnis daher nicht zuverlässig gewesen.

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprachen der Behauptung, der Tetanus-Impfstoff könne schaden

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade. Menschen jeden Alters könnten Tetanus bekommen, doch es sei besonders gefährlich bei neugeborenen Babys. Die Infektion könne verhindert werden, indem man Frauen im gebärfähigen Alter gegen Tetanus impfe. Die Impfung schütze durch den Transfer der Antikörper auch das Kind. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Auch das kenianische Gesundheitsministerium widersprach den Anschuldigungen in einer Pressemitteilung im Jahr 2017. Man habe nach den Vorwürfen der Kenya Conference of Catholic Bishops (KCCB) ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. In dem Komitee seien das Gesundheitsministerium, Academia (eine Plattform für Wissenschaftler in Kenia) und Vertreter der KCCB vertreten gewesen. Es habe Impfstoff-Proben gesammelt, sie untersuchen lassen und festgestellt, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Nach anschließenden Treffen zwischen dem Ministerium und dem KCCB seien die Tetanus-Impfstoffe für unbedenklich befunden worden. 2016 und 2017 seien weitere erfolgreiche Impfkampagnen durchgeführt worden. Es sei daher sehr bedauerlich, dass eine solche „nachlässige und irreführende Behauptung“ aufgestellt werde, „die der Öffentlichkeit Schaden zufügen soll, indem sie vom Zugang zu einer notwendigen medizinischen Intervention abhält“, schrieb das Ministerium.

Falsche Behauptungen über Tetanus-Impfungen sind viele Jahre alt

Auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) schrieb in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. 

Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ 

Matercare merkte außerdem an, die Vorwürfe in Kenia seien fast identisch mit Behauptungen, die Mitte der 1990er Jahre in den Philippinen, Mexiko, Peru, Nicaragua und Tansania kursierten. „Es scheint, als sei hier eine unglückliche Wiederverwertung falscher Informationen geschehen.“

Die WHO erwähnte diese Anschuldigungen von Abtreibungsgegnern verschiedener Länder ebenfalls in einem Bericht von 1996. Und erklärte: „Die WHO und Unicef haben klargestellt, dass sie strikt gegen die Kombination von irgendeinem Impfstoff mit einem Anti-Fruchtbarkeits-Impfstoff sind.“ (PDF, Seite 60).

Unsere Bewertung:
Falsch. WHO und Unicef wollten nicht mit Tetanus-Impfungen Millionen Frauen in Kenia sterilisieren.

imnetzdercoronagegner
(Grafik: Benjamin Schubert / CORRECTIV)

von Till Eckert , Matthias Bau , Alice Echtermann

Ungültige Atteste gegen die Maskenpflicht und ein vertrauliches Treffen mit Sachsens Ministerpräsident Kretschmer: Eine Recherche von CORRECTIV zeigt, wie ein bundesweites Netzwerk von Wissenschaftlern, Meinungsmachern und Anwälten versucht, die Corona-Maßnahmen zu untergraben.

Das Attest kommt per E-Mail. „Aus schwerwiegenden Gründen von der Gesichtsmaskenpflicht befreit“, steht darauf. Dass es so leicht werden würde, hatten wir nicht gedacht. 

Zuvor hatten wir eine kurze Korrespondenz mit einem Berliner Heilpraktiker. Wir schrieben ihm über eine private E-Mailadresse, wir würden „nach all dem, was man so lesen kann, einfach nicht an die Wirkung“ der Maske glauben. Dass sie uns „im Gegenteil sogar schaden“ könnte. Kurz darauf schrieb der Heilpraktiker zurück: „Gerne helfen wir weiter.“ 

Wir schickten ihm auf Anfrage eine vollständige Anschrift. Wenige Stunden später: Unser Masken-Attest, mit Unterschrift. Dazu die Bitte um eine Spende für die „Ärzte für Aufklärung“, „Querdenken711“ oder „andere Vereine, die die Sache unterstützen“.

Bitte helfen Sie mit, diesen Wahnsinn zu beenden und zeigen Gesicht! – aus der E-Mail eines Berliner Heilpraktikers

Die Sache, das ist die Ablehnung der Regierungsmaßnahmen gegen das Coronavirus. Vorangetrieben wird sie von Scheinexperten und Meinungsmachern, die die Pandemie verharmlosen, teilweise sogar leugnen. Maßgeblich beteiligt sind aber auch Menschen mit medizinischem oder wissenschaftlichem Hintergrund, Professoren und Doktoren aus verschiedensten Fachbereichen, sowie Anwälte. 

Nach Recherchen von CORRECTIV haben sich die Corona-Gegner in den vergangenen Monaten ein bundesweites Netzwerk aufgebaut. Es wirkt inzwischen auch direkt auf Politiker ein: Eine Gruppe prominenter Corona-Relativierer traf sich mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Unter ihnen sind Mitglieder eines Vereins aus Passau, der unter anderem Kontakte für fragwürdige Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht vermittelt. Der Vorsitzende: Bestseller-Autor Sucharit Bhakdi. 

Wir zeigen, wer die wichtigsten Köpfe der Bewegung sind – und wie sie den Kampf gegen das Coronavirus torpedieren. Denn spätestens seit der großen Demonstration am 1. August in Berlin ist klar: Dieses Netzwerk ist in der Lage, Zehntausende hinter sich zu vereinen. 

Verein aus Passau vermittelt Kontakte für Masken-Atteste

Die Anti-Corona-Bewegung hat ihren Ursprung dort, wo viele während der Corona-Pandemie Zuflucht fanden: im Internet. Auf Webseiten, Blogs und vor allem Youtube-Kanälen entstehen seit Monaten die Inhalte und Theorien, die Menschen vor den Bildschirmen tausendfach konsumieren. Und auf die Straße treiben.

Wir fanden unseren Berliner Heilpraktiker über die Webseite der „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (MWGFD e.V) mit Sitz im bayerischen Passau. Der Verein ist nach eigenen Angaben als gemeinnützig anerkannt. Er stellt online mehr als 35 Kontakte zu Ärzten und Heilpraktikern in ganz Deutschland bereit, an die man sich wenden könne, wenn man ein Attest zur Befreiung von der Maskenpflicht brauche. 

Die Mitglieder des Vereins haben sich nach eigenen Angaben wegen gemeinsamer Kritik an den „überzogenen Beschränkungen“ zusammengefunden. Vorsitzender ist Sucharit Bhakdi, dessen Buch „Corona Fehlalarm?“ seit Wochen in den deutschen Bestseller-Listen rangiert. Geschrieben hat er es gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Karina Reiss. Bhakdi ist der ehemalige Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universitätsmedizin Mainz. Er fiel während der Pandemie mehrfach mit Spekulationen und unbelegten Behauptungen zum Virus auf und trat in viralen Youtube-Videos in Erscheinung. So ließ er sich beispielsweise vom bekannten Verschwörungsideologen Ken Jebsen interviewen und richtete einen offenen Brief an Angela Merkel

In einem „Aufruf an alle ärztlichen Kolleginnen und Kollegen“ (PDF) behaupten Bhakdi und seine Mitstreiter, es gebe derzeit „keine echten Covid-19-Neuinfektionen im Bundesgebiet“ mehr. Die Maskenpflicht wird in dem Schreiben als „besonders belastend und gesundheitsgefährdend“ bezeichnet. Angeblich entstünden zahlreiche Beschwerden durch die „vermehrte Rückatmung von CO2“ – eine Behauptung, die nach Aussagen von Experten falsch ist. 

Der Vorsitzende des Vereins MWGFD e.V., Mikrobiologe und Bestseller-Autor Sucharit Bhakdi (links), in einem Interview mit dem Verschwörungsideologen Ken Jebsen im April. (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV)

Richtig ist: Masken können, je nach Art, tatsächlich die Atmung behindern. In Berlin sind zum Beispiel Gehörlose oder Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen von der Maskenpflicht befreit. Atteste können laut der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit jedoch nur von einem Arzt ausgestellt werden. „Hebammen, Heilpraktiker etc. sind keine Ärzte, damit sind die Atteste nicht gültig. Atteste ohne Arztbesuch sind in der Regel ebenfalls nicht zulässig“, schrieb uns ein Sprecher per E-Mail. 

Nach Recherchen von CORRECTIV sind gleich mehrere der Personen auf der Liste von MWGFD e.V. keine Ärzte, einige sind im Ausland tätig. 

Auf der Webseite des Vereins heißt es, das Attest über die Befreiung von der Maskenpflicht erfolge aufgrund „medizinischer Gesichtspunkte“. Diese würden „Ärzte aller Fachrichtungen oder Psychotherapeuten eigenverantwortlich“ beurteilen. Man solle einen Termin mit solchen vereinbaren. Nur: Unser Attest haben wir innerhalb weniger Stunden per E-Mail erhalten, ohne ein persönliches Gespräch geführt oder einen Termin gemacht zu haben, oder auch nur gesundheitliche Beschwerden schildern zu müssen. 

Zudem steht die Gültigkeit des Attests in Frage: Der Heilpraktiker war laut Behörden nicht befugt, es auszustellen. Der Text auf dem Attest entspricht dem Formulierungsvorschlag, den MWGFD e.V. in seinem Aufruf an die Ärzte gleich mitgeliefert hat.

Unser Masken-Attest haben wir per E-Mail erhalten, ohne dass medizinische Gründe nachgewiesen wurden. Gesendet wurde es mit der Bitte, für andere Vereine zu spenden, die „die Sache“ unterstützen. (Quelle: CORRECTIV)

Laut Berliner Senat für Gesundheit haften Ärzte für die Richtigkeit der ausgestellten Atteste. Das Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse zum Gebrauch bei einer Behörde oder Versicherung nach Paragraf 278 des Strafgesetzbuchs steht dabei unter Strafe. Bei Verstoß droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. 

Auf Anfrage teilte uns die Ärztekammer Berlin mit, auch wenn das ungültige Attest nicht bei einer Behörde vorgelegt werde, sondern zum Beispiel nur beim Frisör, begehe der Patient damit eine Ordnungswidrigkeit – und der Arzt verletze seine berufliche Pflicht. Die Ärztekammer gehe aktuell mehreren Anzeigen wegen sogenannter Gefälligkeitsatteste nach. Für die Ärzte könne das Ganze berufsrechtliche Konsequenzen haben.

Wissen Sucharit Bhakdi und die Ärzte, die Mitglied in seinem Verein sind, dass sich auf ihrer Liste Personen befinden, die nicht befugt sind, Atteste auszustellen? Der Vorsitzende des Vereins ließ diese und weitere Fragen unbeantwortet. Auch der Berliner Heilpraktiker aus der Liste des Vereins antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Fragen, als wir uns im Nachhinein als Journalisten zu erkennen gaben.

Zahlreiche Mitglieder des Vereins erlangten während der Pandemie Bekanntheit

Neben Sucharit Bhakdi versammeln sich im Verein MWGFD e.V. weitere prominente Corona-Relativierer. Darunter der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Arzt Wolfgang Wodarg, der Mitunterzeichner des Attest-Aufrufs ist. Er gehörte im März zu den ersten „Youtube-Doktoren“, die fragwürdige Positionen und unbelegte Theorien zum Coronavirus verbreiteten. Die Klickzahlen auf Youtube dokumentieren seinen Erfolg. Zuletzt deutete Wodarg an, der PCR-Test für SARS-CoV-2 könnte auf Rinder-Coronaviren positiv reagieren – was laut Experten nicht möglich ist

Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg, der in Youtube-Interviews irreführende Behauptungen über die sogenannte R-Zahl verbreitete und auf Demonstrationen in Stuttgart gegen die Maßnahmen der Regierung wetterte, fungiert als Kassenwart bei MWGFD e.V. Der Immunologe Stefan Hockertz, der schon früh die populäre Behauptung vertrat, das Coronavirus sei nicht gefährlicher als die Grippe, ist ebenfalls mit an Bord.

Wolfgang Wodarg in einem Interview mit dem Youtube-Kanal „Punkt.Preradovic“ im März. (Screenshot: CORRECTIV)

Gemeinsam ist den Mitgliedern des Vereins eines: Sie halten die Pandemie für ungefährlich, die Maßnahmen gegen sie für falsch – und sie möchten möglichst viele Menschen von dieser Sichtweise überzeugen. 

Dazu zählen auch Politikerinnen und Politiker. 

Ministerpräsident Michael Kretschmer traf Verantwortliche des Vereins

Wie erfolgreich diese Bemühungen um Einflussnahme bisher sind, ist unklar. Doch erst kürzlich traf sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zum vertraulichen Gespräch mit einigen Verantwortlichen des Vereins. 

In Dresden fand ein „wissenschaftlicher Runder Tisch“ statt, initiiert vom Bildhauer Michael Grasemann. Neben Bhakdi und Homburg sei auch Kretschmer eingeladen gewesen, heißt es in einem Youtube-Video vom 7. August. Die einzige Tonaufnahme des Gesprächs sei bei der Sächsischen Staatskanzlei verblieben. „Warum, darauf blieb der MP eine Antwort schuldig“, steht im Text zum Video.  

Die Staatskanzlei Sachsen bestätigte CORRECTIV auf Nachfrage, Kretschmer habe die Einladung zum Gespräch angenommen, „da er grundsätzlich mit allen Menschen spricht, die an einem sachlichen Austausch und ernsthaften Diskussionen interessiert sind“. Die Wissenschaftler hätten „eine dezidiert kritische Haltung zu den Corona-Schutzmaßnahmen“, schreibt uns ein Sprecher. Das Gespräch habe zweieinhalb Stunden gedauert, über den Inhalt sei aber Stillschweigen vereinbart worden. 

„Sachliches und positives Klima“

Wessen Wunsch dieses Stillschweigen war, konnten wir nicht klären. In dem Text zum Youtube-Video des Runden Tisches liest es sich, als habe der Ministerpräsident darauf bestanden, die einzige Tonaufnahme zu behalten. Sein Sprecher schrieb uns, die Aufnahme existiere, er könne aber zum konkreten Inhalt des Gesprächs keine Auskunft erteilen, weil Kretschmer sich an die Vereinbarung gebunden fühle, die vor dem Gespräch getroffen worden sei. 

Immerhin: Das Gespräch habe in einem „sehr sachlichen und positiven Klima“ stattgefunden und „war geprägt vom wissenschaftlichen Disput der Experten“. Der Sprecher betonte zudem in seiner E-Mail, Deutschland habe die Krise bisher gut gemeistert, die Maßnahmen seien also erfolgreich gewesen „wenngleich eine kritische Auseinandersetzung mit den Entscheidungen selbstverständlich legitim ist“. Fakt sei: Das Coronavirus sei noch da, „hoch ansteckend“ und „für einen nennenswerten Teil der Infizierten tödlich“.

Den Attest-Aufruf an die Ärzte veröffentlichte der Verein MWGFD e.V. am 6. Juni. In einer Bundespressekonferenz Anfang August sprach ein Reporter von RT Deutsch das Treffen Bhakdis mit Kretschmer an, behauptete, es sei am 26. Juni gewesen und Kretschmer habe dort laut Teilnehmern „ein baldiges Ende der Maskenpflicht“ angekündigt. 

Auf eine weitere Nachfrage, weshalb Kretschmer mit Menschen diskutiere, die Kontakte für zweifelhafte Atteste gegen die Maskenpflicht vermitteln und unwissenschaftliche Theorien im Internet verbreiten – und inwiefern dieses „sachlich und in positivem Klima“ verlief – antwortete uns der Sprecher bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht. Auch ob Kretschmer dort mögliche Zusagen, etwa für einen anderen Umgang mit der Maskenpflicht oder ähnliches in Aussicht gestellt habe, ließ der Sprecher offen. 

Eine telefonische Nachfrage zum genauen Termin des Treffens kommentierte der Sprecher mit: „Auch hierzu möchten wir uns nicht äußern.“

Ein bundesweites Netzwerk von „Gleichgesinnten“

Mitglieder eines Corona-Gegner-Vereins treffen einen Ministerpräsidenten zum Austausch hinter verschlossenen Türen – ihre Bestrebungen zur politischen Einflussnahme sind also nicht zu unterschätzen. 

Angeblich sollen Spenden von mehreren Zehntausend Euro beim Verein eingehen, darunter auch eine Einzelspende in Höhe von 25.000 Euro. Das sagte zumindest Kassenwart Homburg in einem Interview. Woher das Geld stammt und wofür es konkret verwendet wurde, lässt der gemeinnützige MWGFD e.V. auf Anfrage offen. 

Eine der Hauptaktivitäten des Vereins ist jedoch das Netzwerken. In seiner Satzung (PDF) gibt er an, ein „möglichst großes Netzwerk von Gleichgesinnten über das ganze Bundesgebiet“ knüpfen zu wollen. 

Nach Recherchen von CORRECTIV existiert dieses Netzwerk bereits. So gibt es ausgehend von MWGFD e.V. mehrere personelle Überschneidungen zu anderen zentralen Organisationen der Corona-Gegner-Szene.

Da ist zum Beispiel Heiko Schöning. Er gibt an, Arzt in Hamburg zu sein. In Erscheinung getreten ist er in der Vergangenheit auch als Unternehmer. 2013 ging er laut Medienberichten mit seinem Gesundheitsdienstleister „Onkocom“ Pleite. 2015 stellte er bei der Vox-Sendung „Höhle der Löwen“ einen Notfallkühler vor, der Patienten im Falle eines Herzstillstands retten soll. Nach eigenen Aussagen organisierte er 2017 außerdem das laut Medienberichten rechts-esoterische Festival „Pax Terra Musica“.

Schöning ist neben seiner Mitgliedschaft in dem  Verein aus Passau auch einer der Köpfe hinter den sogenannten „Ärzten für Aufklärung“, die laut Report Mainz ebenfalls Gefälligkeitsatteste gegen die Maskenpflicht vermitteln. Sie haben sich nach eigenen Angaben im April zusammengefunden und mittlerweile mehr als 2.000 Unterstützer gesammelt. Die Organisation bittet im Netz um Spenden.

Drei der Köpfe hinter den sogenannten „Ärzten für Aufklärung“: Heiko Schöning (mitte), Olav Müller-Liebenau (links) und Walter Weber (rechts). (Screenshot: CORRECTIV)

Schönings Mitstreiter sind die Ärzte Olav Müller-Liebenau und Marc Fiddike, die sich der Homöopathie und Naturheilverfahren verschrieben haben. Außerdem dabei: Der Internist Walter Weber, der im Jahr 2000 für Schlagzeilen sorgte, als er einer 66-Jährigen „wegen ihrer Furcht vor Menschen schwarzer Hautfarbe“ eine „Angsterkrankung“ bescheinigt habe. 

Die vier sind nach Recherchen von CORRECTIV zudem verantwortlich für den „Außerparlamentarischen Corona-Untersuchungsausschuss“ (ACU), dessen Ziel offenbar ein Präsenz-Untersuchungsausschuss ist, für den „Sachverständige und Zeugen“ gesucht werden. Auch hier wird um Spenden geworben.

Schöning aus Hamburg fungiert mit zwei weiteren Männern als Sprecher des ACU: Martin Haditsch, ein Facharzt für Tropenmedizin, und Bodo Schiffmann, der in Sinsheim eine Klinik für Schwindelkrankheiten („Schwindelambulanz“) und einen erfolgreichen Youtube-Kanal betreibt.

Schiffmann ist eine der umtriebigsten Figuren im Netzwerk der Corona-Gegner: Er ist ein politischer Motor der Bewegung, pflegt mehrere Kontakte in die angeschlossene Youtube-Szene und tritt in Deutschland und der Schweiz als Redner auf Demonstrationen der Initiative „Querdenken711“ auf.

Bodo Schiffmann ist ein Mann, der die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mit dem Ermächtigungsgesetz vergleicht, auf dem Adolf Hitler 1933 seine Diktatur aufbaute. Er sagt außerdem Dinge wie: „Ich träume immer noch davon, morgens wach zu werden und zu sehen, wie Bill Gates nach Guantanamo gefahren wird zur Vernehmung.“ Schiffmann fürchtet, dass wir in Zukunft in einer „faschistoiden Gesundheitsdiktatur“ leben könnten.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer faschistoiden Gesundheitsdiktatur aufwachen – Bodo Schiffmann, Arzt und Parteigründer aus Sinsheim

Wohl beflügelt vom Erfolg seines Youtube-Kanals, auf dem er emotionalisierende Ansprachen hält oder die Zahlen des Robert-Koch-Instituts interpretiert, gründete er Anfang April zunächst die Partei „Widerstand2020“ mit. Das Ziel: Die nächste Bundestagswahl. Wenig später trat Schiffmann jedoch wieder aus, offenbar wegen Meinungsverschiedenheiten mit den anderen Gründern. Im Juli dann gründete er die Partei „Wir2020“. Aber auch hier trat Schiffmann nach eigenen Angaben Mitte August vom Vorstandsposten zurück und kündigte eine „Politikpause“ an. 

Anwälte gegen die „massiven Rechtsverletzungen“ der Regierung 

Zwei von Schiffmanns „Widerstand2020“-Mitgründern, die Anwälte Ralf Ludwig und Kirsten König, kümmern sich im Netzwerk der Corona-Relativierer gemeinsam mit Markus Haintz um die juristischen Belange: Als „Anwälte für Aufklärung“ wollen sie gegen die angeblich „massiven Rechtsverletzungen“ der Regierung vorgehen.

Bürger werden von ihnen etwa an den gemeinnützigen Leipziger Verein „Klagepaten“ vermittelt, der helfen soll, „einen Anspruch an Schadensersatz gegenüber dem Staat geltend zu machen“, sofern ein solcher durch die Corona-Maßnahmen entstanden sei. Man werde dort von der Antragstellung bis hin zu einer Klage vor Gericht begleitet. Im Impressum ist Ludwig als Verantwortlicher angegeben – rechts oben auf der Webseite findet sich ein roter „Spenden“-Button. Auch der Berliner Heilpraktiker hat unseren Reporter in der E-Mail mit dem Attest auf diesen Verein hingewiesen, falls es „zu Schwierigkeiten kommt“. 

Ludwig und König sind zusammen mit dem Ulmer Bauanwalt Markus Haintz außerdem Administratoren der erfolgreichen Facebook-Gruppe „Coronapandemie fällt heute aus“, die auch vom Kopf der „Querdenken“-Bewegung, Michael Ballweg, mitbetreut wird. Sie hat inzwischen mehr als 36.000 Mitglieder und spielte eine zentrale Rolle bei der Organisation der großen Demonstration am 1. August – dazu später mehr.

Markus Haintz, selbst Teil der Initiative „Querdenken711“ und Gründer von Querdenken Ulm, tritt seit Monaten offensiv im Netz und auf Demonstrationen auf. In einem Interview mit dem russischen Auslandssender RT Deutsch sagte er zu den Corona-Maßnahmen, sie seien „faktisch Kindesmisshandlung“. 

Haintz ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Personen im Netzwerk das Internet nutzen: Sie sind oft über mehrere Plattformen und Kanäle hinweg aktiv, werden zu Interviews geladen oder laden selbst dazu ein und bewerben aktiv Gleichgesinnte. 

Youtube-Kanäle sind ein wichtiger Reichweitenmotor für die Köpfe des Netzwerks

So sind die wohl wichtigsten Mitglieder des Corona-Gegner-Netzwerks – neben den Ärzten, Professoren und Anwälten als Stichwortgebern – die Youtuber der Szene. Sie verschaffen den fragwürdigen Theorien und Positionen Reichweite, machen die einzelnen Personen bekannt und profitieren selbst von der Aufmerksamkeit. So tragen sie maßgeblich zur Vernetzungsdynamik der Szene bei.

Populär sind zum Beispiel die Youtube-Kanäle der Verschwörungsideologen Ken Jebsen, Heiko Schrang und Oliver Janich, die passend zu ihren Theorien immer wieder Mitglieder der Szene zu Interviews laden. Vor der Corona-Pandemie war Heiko Schrang vor allem gut vernetzt unter Rechtspopulisten.

Ein Interviewgast bei Schrang und Janich war etwa Samuel Eckert. Eckert ist ein IT-Unternehmer in der Schweiz, der selbst seit Wochen Youtube-Videos mit irreführenden oder falschen Behauptungen zum Coronavirus produziert. Er nahm außerdem einen knapp sechsstündigen Livestream zur Demo am 1. August in Berlin auf.

Oliver Janich (links) und Heiko Schrang (rechts) im Interview mit Gast Samuel Eckert (Mitte). (Screenshot: CORRECTIV)

Eine undurchsichtige Rolle spielt ein weiterer, sehr aktiver Youtube-Kanal: „GD-TV“ aus Schwäbisch Gmünd. Mittlerweile ist er eine der zentralen Plattformen für die Inhalte der „Querdenken“-Bewegung; die Betreiber sind jedoch unbekannt. Der Kanal verbreitete zum Beispiel ein virales Video des Ulmer Studenten Sebastian Götz mit dem Titel „Die Zerstörung des Corona-Hypes“. Im Abspann dankt Götz “Alex von GD-TV”. 

Bei solchen Youtube-Kanälen bekommen viele der bereits beschriebenen Personen eine Plattform. Auch Michael Ballweg ist dort ein gern gesehener Gast. Er bringt den Protest vom Netz auf die Straße.

„Querdenken711“ holt die Corona-Gegner-Szene auf die Straße

Eine große Demonstration am 1. August in Berlin, die „Tag der Freiheit“ getauft worden war, brachte fast alle Akteure und Initiativen des Netzwerks zusammen: Bodo Schiffmann, Heiko Schöning und die Youtuber Heiko Schrang, Samuel Eckert und Sebastian Götz, sie alle waren dort als Redner angemeldet. 

Initiiert wurde der Protest von der Partei „Widerstand2020“ und der Initiative „Querdenken711“ aus Stuttgart. Für die Mobilisierung nutzten sie die Facebook-Gruppe „Coronapandemie fällt heute aus“ als eine zentrale Plattform. 

Verantwortlich für „Querdenken711“ ist Michael Ballweg, ein IT-Unternehmer, der Verschwörungsmythen nicht abgeneigt zu sein scheint. So spielte er am 1. August in seiner Rede auf „Q-Anon“ an, einen vor allem in den USA verbreiteten Mythos von einer allwissenden Macht im Hintergrund. Ballweg möchte laut eigenen Aussagen Bürgermeister von Stuttgart werden.

Laut Medienberichten gab es bei der Demo Verstöße gegen Hygienemaßnahmen und aggressives Verhalten gegen Journalisten – die Polizei löste die zentrale Kundgebung am Brandenburger Tor auf, zahlreiche Politiker zeigten sich anschließend verständnislos. 

Das Geschehen vom 1. August sollte offenbar noch einmal getoppt werden: Für den 29. August planten die Corona-Gegner eine Demo mit internationaler Beteiligung. So sollen etwa Aktivisten aus Italien eine Einladung nach Berlin angenommen haben. In einem Interview sagte Ballweg, er habe 14 Tage für eine Art Protestcamp eingeplant. Man wolle die Straße des 17. Juni für die gesamte Dauer des Protestes blockieren. 

Die Demo wurde jedoch am 26. August von der Berliner Versammlungsbehörde verboten, unter anderem weil es bei der ersten Demonstration Auflagenverstöße gegeben habe. „Ich bin nicht bereit ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird“, sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel außerdem. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Tatsächlich hatten im Vorfeld vermehrt Rechtsextreme zur Demonstration aufgerufen. So sollte bereits am Freitag der rechtsextreme Rapper Chris Ares auftreten. Götz Kubitschek, der als Vordenker der Neuen Rechten gilt, rief zur Demo auf. Auch der Kopf der rechtsextremen sogenannten „Identitären Bewegung“, Martin Sellner, mobilisierte über die Messenger-Plattform Telegram. Die NPD Sachsen mobilisierte auf Twitter

Auch mehrere AfD-Politiker schlossen sich dem Aufruf an, zum Beispiel der Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla. Ob und in welcher Form die Demonstration stattfindet, ist jedoch offen. Einige riefen unter dem Hashtag #SturmaufBerlin in Sozialen Netzwerken dazu auf, trotz des Verbots zu erscheinen. Berlins Innensenator Geisel kündigte „ein konsequentes Vorgehen der Polizei“ an, sollten sich große Menschenansammlungen bilden. 

In der E-Mail mit dem Attest hatte auch der Berliner Heilpraktiker unseren Reporter aufgefordert, zur Demonstration am 29. August zu erscheinen. „Wir machen weiter und wir werden immer mehr!“ schrieb er.

Genau das muss sich noch zeigen. Denn das Netzwerk ist in Teilen auch eine Echokammer – es redet vor allem mit sich selbst.

Mitarbeit: Benjamin Schubert (Grafiken), Belén Ríos Falcón (Grafiken), Frederik Richter (Redigatur)

Update, 1. September: In der Einleitung hatten wir geschrieben, das Treffen mit Michael Kretschmer sei Anfang August gewesen. Dies haben wir korrigiert; der genaue Termin ist unklar, mutmaßlich fand das Treffen jedoch früher statt. 

Symbolbild Moskau
Deutsche Medien berichteten, Russland habe den ersten Covid-19-Impfstoff zugelassen. Stimmt das? (Symbolbild: Peggy und Marco Lachmann-Anke / Pixabay)   

von Alice Echtermann

Russland habe als erstes Land einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen und damit eine wichtige Sicherheitsprüfung übersprungen, berichteten Medien diese Woche. Haben sie da etwas falsch verstanden? Eine Analyse. 

Am 11. August gab der russische Präsident Wladimir Putin eine Video-Konferenz gemeinsam mit Gesundheitsminister Michail Muraschko. Sie verkündeten, in Russland sei der weltweit erste Coronavirus-Impfstoff registriert worden. Mehrere Medien in Deutschland, darunter Spiegel und Welt, berichteten daraufhin, der Impfstoff namens Sputnik V sei „zugelassen“ worden und erwähnten Kritik, weil Russland nicht zuvor alle klinischen Studien abgeschlossen habe. 

Das russische Auslandsmedium RT Deutsch wiederum kritisierte die deutsche Berichterstattung und schrieb, Putins Aussage sei falsch übersetzt worden. Der Impfstoff sei „registriert“ worden, was eine „juristische Formalie“ für die dritte Testphase sei. Der Impfstoff werde nicht vor Januar 2021 eingesetzt.

Macht es also einen Unterschied, ob Putin „zugelassen“ oder „registriert“ gesagt hat? Wird der russische Impfstoff bereits angewendet, obwohl er noch nicht alle Phasen der klinischen Studien durchlaufen hat, oder nicht? 

Russischer Impfstoff Sputnik V wurde „registriert“

Der Vorwurf von RT Deutsch zu dem Übersetzungsfehler ist richtig: Putin sagte auf der Konferenz nicht „zugelassen“, sondern „registriert“. Allerdings sind die Medien nicht die einzigen, denen dieser Fehler passierte. Laut der offiziellen englischen Übersetzung auf der Webseite des Kreml sagte Putin: „I have been told that the world’s first coronavirus vaccine was approved this morning.“ Übersetzt: „Mir wurde gesagt, dass heute Morgen der weltweit erste Coronavirus-Impfstoff zugelassen wurde.“ 

Im russischen Original sprachen Putin – und auch später der Gesundheitsminister Muraschko – aber von der „Registrierung“. Zu hören ist das hier im Video

Aber ist eine Registrierung gleichbedeutend mit einer Zulassung? Das Zulassungsverfahren eines Impfstoffes (in Deutschland durch das Paul-Ehrlich-Institut oder die Europäische Arzneimittelagentur) beinhaltet normalerweise als „zwingende Voraussetzung […] eine konsistente Herstellung, eine hohe Qualität und klinische Prüfungen in drei Phasen“. 

Da die Entwicklung von Impfstoffen laut EU-Kommission sonst mehr als zehn Jahre dauert, wurden Verfahren während der Covid-19-Pandemie stark beschleunigt. Es müsse zum Beispiel parallel zur Testphase in die Produktion investiert werden, heißt es in dem Strategiepapier der EU-Kommission. Ein Impfstoff bekomme aber nur eine Zulassung, wenn „alle angemessenen Stadien der klinischen Studien“ abgeschlossen seien und der Impfstoff als sicher und effektiv gelte, schrieb uns ein Sprecher der EU-Kommission per E-Mail. 

Putin: Impfstoff hat alle notwendigen Kontrollen durchlaufen

Der Vorwurf, der zum Beispiel im Spiegel gemacht wurde, ist, dass Russland eine „Abkürzung“ genommen und „die finale Sicherheitsprüfung offenbar einfach übersprungen“ habe. In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung hieß es: „Russland hat jetzt den ersten Impfstoff gegen das neue Virus zugelassen – ohne gründlich zu untersuchen, ob das Vakzin überhaupt wirkt und welche Schäden es anrichten könnte.“

Tatsächlich behauptete Wladimir Putin, der Impfstoff habe alle notwendigen Kontrollen durchlaufen, obwohl Phase 3 der klinischen Prüfung noch nicht begonnen hatte. In dieser Phase werden Impfstoffe an tausenden Menschen getestet. Für Sputnik V startete sie einen Tag nach der Registrierung, am 12. August. An 2.000 Menschen in Russland und weiteren in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi Arabien, Brasilien und Mexiko soll der Impfstoff erprobt werden. Bisher wurde er nur an sehr wenigen Menschen getestet, und die Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht.  

Laut WHO sind weltweit mehrere Impfstoffe in der 3. Phase und werden an großen Gruppen Menschen getestet. Dazu zählen ein Impfstoff der University of Oxford, ein deutscher Impfstoff und einer aus den USA.

Wird der Impfstoff schon jetzt für die russische Bevölkerung verwendet?

Das Alleinstellungsmerkmal des russischen Impfstoffes ist also nur die staatliche Registrierung. Die Frage ist, ob er damit tatsächlich (wie die Welt schrieb) „für die breite Anwendung in der Bevölkerung zugelassen“ ist. 

Auf der Webseite für Sputnik V heißt es: „Der Impfstoff bekam am 11. August ein Registrierungszertifikat des russischen Gesundheitsministeriums und kann unter den Notfallregeln während der Covid-19-Pandemie genutzt werden, um die russische Bevölkerung zu impfen.“ Die Massenproduktion solle im September beginnen.

In den Tagesthemen am 11. August kritisierte der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, das Vorgehen und mangelnde Transparenz Russlands. „Wenn es so ist, dass dieser Impfstoff nur vorgesehen würde für eine ausgewählte Gruppe mit besonders hohem Risiko, […] dann könnte man sagen: Okay, eventuell müssen noch weitere Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten erhoben werden, aber man zieht die Zulassung für diese Personengruppe vor. Das ist in diesem Fall wohl nicht der Fall. Für größere Anwendungen würde ich diesen Impfstoff – nach der bisherigen Datenlagen, die wir kennen – nicht empfehlen.“

Gesundheitsminister Muraschko: „Parallel nach und nach eingeführt“

Tatsächlich sagte der russische Gesundheitsminister Muraschko bei der Video-Konferenz, der Impfstoff solle bereits schrittweise eingeführt werden. CORRECTIV hat die Original-Aussagen im Video der Konferenz übersetzt.

Demnach erklärte Muraschko, dass der Impfstoff nun an zwei Standorten hergestellt werde. Gleichzeitig werde er im Ausland beworben; einige Länder zeigten schon Interesse. „Parallel dazu beginnt eine schrittweise Anwendung des Impfstoffs im zivilen Verkehr. Zunächst halte ich es für notwendig, Impfungen für diejenigen anzubieten, deren Arbeit die Kommunikation mit infizierten Menschen beinhaltet. Dies sind medizinische Mitarbeiter und diejenigen, von denen die Gesundheit von Kindern abhängt – dies sind unsere Lehrer.“ Das deckt sich auch mit der englischen Übersetzung auf der Kreml-Webseite.

Wie viele Menschen den Impfstoff erhalten sollen, ist unklar. Das Science Magazin zitierte am 11. August einen Sprecher des russischen Gesundheitsministeriums: Das Zertifikat erlaube es, dass der Impfstoff „einer kleinen Anzahl Bürger aus verletzlichen Gruppen“ verabreicht werden könne, inklusive Medizinpersonal und älteren Menschen. 

Anwendung bei Risikogruppen soll bereits starten 

Die Wortwahl Muraschkos in der Video-Konferenz „in den zivilen Verkehr“ (в гражданский оборот) ist dieselbe wie in dem Registrierungszertifikat für Sputnik V. Dort ist vermerkt: Termin der Einführung in den zivilen Verkehr (Срок введения в гражданский оборот): 1. Januar 2021“. Das ist also der offizielle Termin für die Einführung, auf den auch RT Deutsch verwiesen hatte.

Der Gesundheitsminister bezog sich jedoch auf Lehrer und Angehörige der Medizinberufe und sagte, die Anwendung solle parallel „schrittweise” schon stattfinden. Das Schlüsselwort  („в гражданский оборот“) bedeutet die Einführung des Impfstoffes in den zivilen Umlauf und verweist nicht auf die klinische Studie.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Damit ist die „Registrierung“, anders als von RT Deutsch berichtet, mehr als nur eine legale Formalie zur Durchführung der dritten Testphase. Diese wird zwar nicht ausgelassen, aber parallel sollen schon bestimmte Menschen geimpft werden. Russland hat den Impfstoff noch nicht in der Masse zugelassen, zieht aber bestimmte Risikogruppen vor.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax zitierte Muraschko am 12. August mit den Worten, innerhalb von zwei Wochen würden die ersten Packungen des Impfstoffes freigegeben und für die Gesundheitsrisiko-Gruppen geliefert. Am 14. August hieß es, die Daten zu den bisherigen klinischen Studien würden in den kommenden Tagen veröffentlicht. 

CORRECTIV hat das Pressebüro des Kreml für eine Stellungnahme angefragt und bisher keine Rückmeldung erhalten.

Mitarbeit und Übersetzungen: Marcus Bensmann

world economic forum grafik
Eine interaktive Grafik, in der das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) auf seiner Webseite Informationen bereitstellt, wird in einem Youtube-Video fälschlich als Beweis dafür interpretiert, dass die Corona-Pandemie geplant gewesen sei. (Quelle: WEF / Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video auf Youtube wird behauptet, Informationen auf der Webseite des Weltwirtschaftsforums seien Beweise für den Plan einer Weltregierung, für Menschenzucht und die Steuerung des freien Willens. Die Schlussfolgerungen, die gezogen werden, sind alle falsch. 

„Keine Verschwörungstheorie – Masterplan, schaut’s euch an“, sagt eine Frau in einem Youtube-Video des Kanals „Kulturstudio“ mit dem Titel „Der perfide Plan des World Economic Forum“. Es wurde am 1. August veröffentlicht und bisher fast 250.000 Mal angesehen. 

Zu sehen ist, wie die Sprecherin sich durch die Webseite des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum, WEF) klickt und zu einer interaktiven Grafik gelangt, die Strategien und Wissen rund um Covid-19 bereitstellen soll. Sie klickt auf verschiedene Punkte und zieht Schlussfolgerungen. Zum Beispiel, dass die Covid-19-Pandemie geplant gewesen sei, Menschen gezüchtet und ihr freier Wille durch 5G ferngesteuert werden solle. Das alles steht jedoch überhaupt nicht in der Grafik. 

Nur, wer sich auf der Webseite des World Economic Forum anmeldet, erhält alle Informationen

Das WEF ist eine internationale Organisation, die einmal im Jahr eine große Konferenz in Davos veranstaltet. Ihr Ziel ist es nach eigenen Angaben, Kooperationen zwischen staatlichen und privaten Akteuren in Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Kultur aufzubauen.

Wie im Video auf Youtube zu sehen ist, ist es erforderlich, sich auf der Webseite anzumelden, um alle Informationen hinter den einzelnen Punkten der interaktiven Grafik lesen zu können. CORRECTIV hat sich für die Recherche angemeldet. Es zeigt sich, dass die Behauptungen der Frau in dem Video haltlos sind. 

In dem Video des Kanals „Kulturstudio“ ist zu sehen, dass die Sprecherin nicht auf der Webseite des World Economic Forum angemeldet war und daher keinen Zugriff auf die vollen Informationen hatte. (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor die Sprecherin zum eigentlichen Teil des Videos übergeht, erwähnt sie beiläufig (Minute 2:10), dass das Logo des World Economic Forum für Covid-19 angeblich dasselbe sei wie von „Black Lives Matter“. Das ist falsch. Das Logo der Bewegung gegen Rassismus sieht anders aus: 

Das Logo auf der Webseite des WEF, das laut der Frau im Video angeblich genauso aussieht wie das von „Black Lives Matter“. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)
Suchergebnis bei Google nach „Black Lives Matter Logo“. (Quelle: Google / Black Lives Matter, Screenshot: CORRECTIV)

In der interaktiven Grafik des WEF ist Covid-19 nur eines von vielen Themen. Es ist mit anderen Bereichen verknüpft („related topics“), weil es Überschneidungen gibt. Naheliegenderweise zählt dazu zum Beispiel „Global Health“, also globale Gesundheit. CORRECTIV hat sich die Punkte, die die Frau im Video anklickt, angesehen.

Verbindung zwischen Covid-19-Bekämpfung und „Global Governance“

Der erste Punkt, auf den die Frau klickt, ist „Avoiding Covid-19 Infection and Spread“ (Vermeiden der Infektion mit und Ausbreitung von Covid-19 ) (ab Minute 2:45 im Video). Die Tatsache, dass von dort eine Verbindungslinie zu „Global Governance“ geht, interpretiert die Frau so, dass Corona der „Weltregierung auf den Thron helfen“ solle. Deshalb heiße es angeblich auch „Corona“, was auf Spanisch „Krone“ bedeutet. „Dann wissen wir eigentlich jetzt schon an diesem Punkt, dass es keine Pandemie ist, sondern eine Plandemie. Dass alles Absicht ist“, behauptet die Sprecherin (Minute 3:14).

Ihre Aussagen zur Bedeutung der Begriffe sind jedoch falsch. Coronaviren sind eine Virenfamilie und werden so bezeichnet, weil sie auf der Oberfläche sogenannte Spike-Proteine haben, die wie Zacken einer Krone abstehen. „Global Governance“ bedeutet nicht „Weltregierung“, sondern ist nach der Definition der Bundeszentrale für politische Bildung „ein internationaler Rahmen von Prinzipien, Regeln und Gesetzen inklusive einer Reihe von Institutionen um diese aufrechtzuerhalten, die notwendig sind, um globale Probleme zu bewältigen“.

Die interaktive Grafik informiert über alle wichtigen Themen des Weltwirtschaftsforums und zeigt, wie sie zusammenhängen – darunter ist auch Covid-19. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

„Human Enhancement“: Das menschliche Leben durch Technologie verbessern

Die Frau klickt dann über die Verbindungslinien weiter über „Global Health“ zu „Biotechnology“ und von dort zu „Human Enhancement“ (ab Minute 4:00). Damit hat sie sich schon völlig von Covid-19 entfernt, denn direkte Verbindungen zwischen diesen Themen gibt es in der Grafik nicht. 

„Human Enhancement“ bedeute „Menschenverbesserung“, also „Menschenzucht“, behauptet die Frau. Dann spricht sie davon, dass 5G-Strahlung die Menschen unfruchtbar machen werde. Wegen dieser Massensterilisation müssten Menschen dann künstlich (industriell) hergestellt werden.

Von all dem steht aber nichts in der Grafik. Wie CORRECTIV bereits in einem Faktencheck dargelegt hat, gibt es keine Belege, dass durch den neuen Mobilfunkstandard 5G in irgendeiner Art gesundheitliche Probleme auftreten können. 

In der Beschreibung zu „Human Enhancement“ und den damit verknüpften Themen wird klar, dass es um verschiedene Möglichkeiten geht, das menschliche Leben durch Technologie zu verbessern. So wird beschrieben, dass Menschen länger leben und mehr Leistung bringen könnten (zum Beispiel durch Prothesen). Es sei laut Forschern sogar möglich, Gedächtnisfunktionen durch Implantate zu verbessern. Beim Thema „Genome Engineering“ (frei übersetzt: Genmanipulation) wird auch darauf hingewiesen, dass es zahlreiche Bedenken gebe bei dieser Forschung, unter anderem ethische. 

In der Beschreibung steht, worum es bei „Human Enhancement“ geht – jedenfalls nicht um „Menschenzucht“. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

„Neuroscience“: Das Gehirn verstehen, um auf Fehlfunktionen reagieren zu können

Von „Human Enhancement“ klickt die Frau weiter zu „Neuroscience“, also Neurowissenschaft. Weil es von dort eine Verbindungslinie zum Thema „Behavior and Decision Making“ (Verhalten und Entscheidungsfindung) gibt, behauptet sie, es gehe hier darum, den freien Willen der Menschen fernzusteuern (ab Minute 5:41).

Auch dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. In der Rubrik Neurowissenschaft geht es laut der Beschreibung in der Grafik darum, das menschliche Gehirn zu verstehen, um auf Fehlfunktionen besser reagieren zu können. 

Worum es bei dem Thema „Neuroscience“ geht. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

Somit geht es auch bei „Behavior and Decision Making“ nicht um Fernsteuerung, wie die Frau im Youtube-Video behauptet, sondern darum, zu verstehen, wie Gehirnaktivitäten das menschliche Verhalten und die Art, wie wir Entscheidungen treffen, beeinflussen. Davon könne zum Beispiel auch die Sozialwissenschaft profitieren. 

Neurowissenschaft soll dazu dienen, das Gehirn und somit Entscheidungsprozesse besser zu verstehen. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

Angebliche Studie über Mikropartikel, die das Gehirn per Mobilfunkstrahlung fernsteuern? 

Die Sprecherin des Videos zeigt dann noch eine Studie mit dem Titel „Non-viral gene transfection nanoparticles: Funktion and applications in the brain“ (ab Minute 6:30). Sie behauptet, dabei ginge es um Nanopartikel, die ans Gehirn „andocken“, sodass dann mit 5G-Mobilfunkwellen der freie Wille beeinflusst werden könne. „Das ist das Ende der Menschheit“, sagt die Frau.

Die Studie hat jedoch weder etwas mit 5G, noch mit Mobilfunkstrahlen allgemein oder Gedankenbeeinflussung zu tun. Sie wurde 2008 veröffentlicht, damals gab es noch kein 5G. Außerdem wird in der Studie nirgends Mobilfunk erwähnt; es geht um Gentherapie – die Behandlung oder Verhinderung von Krankheiten durch einen sogenannten Gentransfer. 

Es handelt sich dabei laut der Definition auf der Webseite der US National Library of Medicine, wo die Studie veröffentlicht wurde, um eine experimentelle Methode. Zum Beispiel könnte ein neues Gen in den Körper eingebracht werden, das dabei hilft, eine Krankheit zu bekämpfen. Nanopartikel könnten laut der Studie für diesen Transfer eingesetzt werden und fungierten gleichzeitig als „Echtzeit-Sonden“, mit denen der Vorgang visualisiert werden könne. Damit könne sei es zum Beispiel möglich, im Gehirn neuronale Störungen zu untersuchen.

Fazit: In dem Video werden Verbindungen gezogen, die nicht existieren. Begriffe werden nicht erklärt, sondern eigene Bedeutungen erfunden. Insgesamt baut die Sprecherin einen Verschwörungsmythos über eine geplante Pandemie und eine Weltregierung auf, ohne einen einzigen Beleg dafür zu liefern.  

Unsere Bewertung:
Falsch. In dem Video werden Informationen auf der Webseite des World Economic Forum völlig falsch interpretiert. 

Impfungen Symbolbild
Aktuell wird gegen Impfungen in Sozialen Netzwerken Stimmung gemacht. Dafür werden Beispiele wie die Schweinegrippe herangezogen. (Symbolbild: picture alliance/imageBROKER)

von Alice Echtermann

Ein Facebook-Nutzer vergleicht Impfungen mit einem „Genozid“ und zieht verschiedene Beispiele heran. Es geht um die Schweinegrippe-Impfung, Impfungen in Indien, die angeblich tausenden Menschen geschadet hätten oder Bill Gates. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

In einem Facebook-Beitrag vom 2. Juli, der mehr als 1.100 Mal geteilt wurde, wird unter der Überschrift „Genozid am deutschen Volk?“ Stimmung gegen Impfungen gemacht. Er enthält zahlreiche Spekulationen in Bezug auf einen zukünftigen Corona-Impfstoff. Es werden aber auch mehrere konkrete Behauptungen über Impfungen gegen die Schweinegrippe oder Fälle in Indien oder Afrika aufgestellt, die sich überprüfen lassen. 

CORRECTIV hat recherchiert: Die überprüfbaren Behauptungen sind alle falsch, irreführend oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bei der Schweinegrippe habe es einen Impfstoff für die Bevölkerung und einen für die Regierung gegeben. Ersterer habe Giftstoffe enthalten und für schwere Impfschäden gesorgt.

Die Behauptungen sind teilweise falsch. Richtig ist, dass es zwei verschiedene Impfstoffe gab – irreführend ist jedoch, dass suggeriert wird, der für die Bevölkerung habe gefährliche Giftstoffe enthalten.

Das Influenza-Virus H1N1, auch als Schweinegrippe bezeichnet, löste 2009/2010 eine Pandemie aus. Rückblickend schätzt das Robert-Koch-Institut, dass es in Deutschland etwa 350 Todesfälle gab. 

2009 gab es Medienberichte über die Bestellung eines anderen Impfstoffes für die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr als für den Rest der Bevölkerung. Es war die Rede von einer angeblichen „Zwei-Klassen-Impfung“. Für die Bevölkerung seien 50 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix des Herstellers Glaxo-Smith-Kline bestellt worden. Das Innenministerium habe dagegen 200.000 Dosen eines anderen Impfstoffes namens Celvapan von der Firma Baxter bestellt. 

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der Bund sich über das Bundesinnenministerium einer Bestellung der Bundeswehr bei der Firma Baxter angeschlossen habe. Für Bundesbeamte wurde demnach Celvapan bestellt.

E-Mail des Sprechers des Bundesgesundheitsministeriums über die Schweinegrippe-Impfung (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinnenministerium hat nicht auf eine Presseanfrage von CORRECTIV nach den Gründen für die Bestellung von Celvapan geantwortet. Laut einem Bericht der Welt im Oktober 2009 steckte dahinter aber ein älterer Liefervertrag der Bundeswehr mit Baxter. Dasselbe berichtete die FAZ: Die Bundesregierung habe den Vorwurf eines „Regierungsimpfstoffes“ zurückgewiesen. Die Bundeswehr und Bundespolizisten würden Celvapan wegen des Vertrags mit Baxter bekommen, der noch aus Zeiten der Vogelgrippe stamme. Der Grund sei nicht, dass Celvapan unbedenklicher sei oder weniger Nebenwirkungen hervorrufe. Mitglieder der Bundesregierung würden im Falle einer Impfung Pandemrix erhalten. 

Unterschied der Schweinegrippe-Impfstoffe: Pandemrix enthielt Wirkverstärker

Der Unterschied der Impfstoffe bestand den Medienberichten zufolge darin, dass Pandemrix Wirkverstärker enthalte, mit denen typische Impf-Nebenwirkungen häufiger auftreten könnten. Wirkverstärker sorgen dafür, dass auch geringere Dosen eines Impfstoffes eine starke Immunreaktion des Körpers auslösen. Diese Wirkverstärker sind offenbar mit den angeblichen „Giftstoffen“ in dem Facebook-Beitrag gemeint.

Die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „Bei Pandemrix gab es tatsächlich deutlich mehr Lokalreaktionen (Schmerzen an der Einstichstelle, Hautrötungen), aber auch mehr und stärkere systemische Reaktionen wie Kopfweh, leichtes Fieber, starke Abgeschlagenheit. Das ist aber eine normale und letztlich auch zu erwartende Reaktion, denn der Wirkverstärker soll ja die Reaktion des Immunsystems verstärken.“

Die Bezeichnung dieser Wirkverstärker (Adjuvanzien) als „Giftstoffe“, die „schwere Impfschäden“ verursachten, ist demnach irreführend. Der Wirkverstärker in Pandemrix habe Squalen, Polysorbat 80 und Vitamin E enthalten, so Stöcker. Bereits 2009 gab es Bedenken gegen Squalen, deshalb hat das PEI zu diesem Thema einen Artikel veröffentlicht. 

Demnach handelt es sich bei Squalen um einen natürlichen Bestandteil von Körperzellen, ein Zwischenprodukt des menschlichen Cholesterin-Stoffwechsels. Es sei in vielen Lebensmitteln wie Fisch oder Olivenöl enthalten. „Die Menge an Squalen, die in einer Dosis Impfstoff enthalten ist, liegt nicht höher als die durchschnittliche Menge, die täglich mit der Nahrung aufgenommen wird“, schrieb das PEI. 

Pandemrix erhöhte laut Studien das Risiko für Narkolepsie

Auf einem anderen Blatt steht, dass Pandemrix später in die Kritik geriet, weil die Impfung offenbar das Risiko für Narkolepsie bei jungen Menschen erhöhte. 2011 machte Schwedens Gesundheitsbehörde laut PEI darauf aufmerksam. Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. 

Das PEI hat nach eigenen Angaben auch in Deutschland Untersuchungen durchgeführt. Bis Ende Oktober 2016 seien 86 Meldungen von Narkolepsie-Verdachtsfällen nach einer Pandemrix-Impfung eingegangen. Eine bundesweite Studie des PEI zu dem Thema bestätigte die erhöhten Narkolepsie-Zahlen bei den geimpften Kindern und Jugendlichen.

Ein Zusammenhang mit dem Wirkverstärker sei jedoch nicht nachgewiesen, erklärt PEI-Sprecherin Susanne Stöcker per E-Mail: „Die Vermutung, dass der Wirkverstärker in Pandemrix die Ursache für die sehr seltene Nebenwirkung Narkolepsie war, hat sich bis heute nicht bestätigt. Zudem war der Grippeimpfstoff Fluad (für Menschen über 65) mit dem ebenfalls squalenhaltigen Wirkverstärker MF59 schon seit 1997 millionenfach im Einsatz gewesen, ohne dass Narkolepsiefälle gemeldet worden wären.“

Pandemrix war ein Impfstoff speziell gegen die sogenannte Schweinegrippe und ist aktuell nicht mehr in der EU zugelassen.

2. Behauptung: In Afrika seien Impfungen Stoffe hinzugefügt worden, die mehr als eine Million Frauen bis zu zehn Jahre unfruchtbar machten.

Die Behauptung, in Afrika seien Frauen durch Impfungen unfruchtbar gemacht worden, kursiert schon seit vielen Jahren und ist falsch. Die Aussage in dem Facebook-Beitrag ist sehr allgemein gehalten, bezieht sich aber mutmaßlich auf Tetanus-Impfungen in Kenia. 

Die katholische Kirche dort hatte behauptet, in Tetanus-Impfstoffen 2014 das Hormon HCG nachgewiesen zu haben. Die Kombination mache Frauen angeblich unfruchtbar. Die Kirche hatte sechs Ampullen in Laboren untersuchen lassen. In dreien sei angeblich das Hormon gefunden worden. 

An den Vorwürfen war jedoch nichts dran. Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten Labore, die mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt worden waren, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. 

Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprachen dem Vorwurf

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade.

Das kenianische Gesundheitsministerium schrieb in einer Pressemitteilung 2017, man habe nach den Vorwürfen ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. Es seien Impfstoff-Proben gesammelt worden, um, sie untersuchen zu lassen. Dabei sei festgestellt worden, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Und auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) erklärte 2015 in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig gewesen, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. 

Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ (Der Link zur Pressemitteilung, der von Africa Check genutzt wurde, funktioniert nicht mehr, ist aber archiviert verfügbar.)

3. Behauptung: Nach einer Impfkampagne von Bill Gates sei es in Indien bei mehr als 450.000 Kindern zu Impfschäden gekommen.

Für die Behauptung, nach einer Impfkampagne von Bill Gates hätten mehr als 450.000 Kinder Schäden erlitten, gibt es keine Belege. Es werden erneut keine konkrete Angaben gemacht, sie bezieht sich aber mutmaßlich auf irreführende Informationen über Polio-Impfungen in Indien, die seit Jahren im Netz kursieren. Angeblich sollen die Impfungen Lähmungen bei tausenden Kindern verursacht haben. 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung angeschlossen hat. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff (Schluckimpfung).

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 gemeldete Fälle im Jahr 2019. 

Viren aus Polio-Impfstoffen können mutieren

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus“ (cVDPV).

Die Fallzahlen sind jedoch gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es 2020 weltweit bisher 81 Fälle „wilder Polio“ und 194 Fälle von „Impfstoff-Polio“ (Stand: 9. Juli 2020). Als „wilde Polioviren“ werden normale Polioviren bezeichnet, die nicht aus Impfstoffen stammen.

Insgesamt 17 Fälle von „Impfstoff-Polio“ in Indien seit 2009 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 von der WHO für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). 

Daten der WHO für Indien zeigen die Fälle von „wilder Polio“ und cVDPV von 2000 bis 2020. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Woher kommt also die angebliche Zahl von „über 450.000 Kindern mit Impfschäden“? Sie beruht mutmaßlich auf einer irreführenden Interpretation einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). 

Die Wissenschaftler merkten an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre und spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte. Für einen Nachweis sei aber mehr Forschung nötig. 

Keine Belege für Zusammenhang von AFP-Fällen mit Polio-Impfung

Ein Zusammenhang könnte allenfalls indirekt sein, denn in diesen 491.000 Fällen wurden explizit keine Polioviren nachgewiesen – das sagt bereits der Begriff „Nonpolio Acute Flaccid Paralysis“. Es waren also weder wilde Polioviren noch Impfstoff-Viren vorhanden. 

Acute Flaccid Paralysis (AFP) ist definiert als eine Lähmung mit unbekannter Ursache, bei der Polio-Verdacht besteht (PDF, Seite 12). Wird ein AFP-Fall in Indien registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative

Für die Behauptung, es habe „450.000 Impfschäden“ durch Impfungen in Indien gegeben, gibt es demnach keine Belege. Die WHO hat auch eine andere Erklärung für den Anstieg der registrierten AFP-Fälle: Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten, schreibt uns die WHO-Pressestelle per E-Mail. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ 

4. Behauptung: Bill Gates wolle durch Impfungen eine Reduktion der Weltbevölkerung um 15 Prozent erreichen.

Die Behauptung, Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen um 15 Prozent reduzieren, ist, wie die anderen, mehrere Jahre alt und wird oft wiederholt. Sie ist jedoch falsch. Wie wir bereits 2017 in einem Faktencheck recherchiert haben, beruht sie auf einer verzerrten Interpretation eines Zitat von Bill Gates. Bei einem Vortrag von 2010 sagte Gates (etwa ab Minute 4:20):

„Zuerst haben wir die Bevölkerung. Heute leben 6,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Es geht auf etwa 9 Milliarden zu. Wenn wir sehr erfolgreich mit neuen Impfstoffen, der Gesundheitsversorgung und Reproduktionsmedizin sind, könnten wir das wohl um 10 Prozent bis 15 Prozent senken, aber zur Zeit sehen wir eine Steigung um 1,3.“

Gates sprach also von einer Reduktion des Bevölkerungswachstums – nicht davon, die aktuelle Bevölkerung zu dezimieren. Auf der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation heißt es explizit, die Stiftung wolle mit Impfungen und anderen Gesundheitsprogrammen in Entwicklungsländern Leben retten. 

Auszug aus der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie das nach Ansicht von Gates mit einem langsameren Bevölkerungswachstum zusammenhängt, erklärt ein Schreiben der Stiftung von 2009. Darin steht: „Eine überraschende Erkenntnis war für uns, dass die Verringerung der Zahl der Todesfälle das Bevölkerungswachstum tatsächlich reduziert. […] Im Gegensatz zur malthusianischen Sichtweise, dass die Bevölkerung wächst, solange Kinder ernährt werden können, bekommen Eltern tatsächlich so viele Kinder, dass die Chancen hoch genug sind, dass einige von ihnen überleben, um sie im Alter zu unterstützen. Wächst die Zahl der Kinder, die das Erwachsenenalter erreichen, können Eltern dieses Ziel erreichen, ohne so viele Kinder zu bekommen.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Zwei der vier Behauptungen sind falsch, eine ist teilweise falsch und eine unbelegt. 

Facebook-Video von Adriana Borgo aus dem Krankenhaus in Brasilien
Das Video wurde am 4. Juni 2020 von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo gedreht. Anfang Juli kursiert es dann mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Quelle: Adriana Borgo/Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Instagram wird ein Video aus Brasilien verbreitet, das ein angeblich völlig leeres Not-Krankenhaus für Covid-19-Patienten zeigt. Doch die Politikerin, die es aufgenommen hat, führte ihre Zuschauer in die Irre: Das Krankenhaus in São Paulo war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht leer – und ist es auch aktuell nicht.  

Am 8. Juli teilte das Profil „Die Corona Lüge“ auf Instagram ein Video einer Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung, die durch ein provisorisches Krankenhaus läuft. Auf Portugiesisch ruft sie verärgert aus, es sei völlig leer. Das Video mit deutschen Untertiteln wurde bereits mehr als 11.800 Mal angesehen. Es führt jedoch in die Irre. In dem Krankenhaus in São Paulo im Anhembi Parque waren zum Zeitpunkt der Aufnahme zahlreiche Covid-19-Patienten.

CORRECTIV konnte mit Hilfe der brasilianischen Faktenchecker von Agência Lupa den Ursprung des Videos finden: Es ist ein Ausschnitt eines längeren Facebook-Live-Videos von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo am 4. Juni. Das Video war also zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf Instagram bereits einen Monat alt. 

Video aus dem Krankenhaus in Brasilien auf Instagram
Ausschnitt aus dem Video mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Screenshot: CORRECTIV)

Politiker drangen Anfang Juni in das Not-Krankenhaus in Brasilien ein

Adriana Borgo ist Mitglied des Parlaments des Bundesstaates São Paulo. In dem Video ruft sie sarkastisch, die Zuschauer sollten sich mal diese Massen an Erkrankten ansehen. Sie sagt außerdem, dass sie das provisorische Krankenhaus für Geldverschwendung halte, weil es dort ja gar keine Patienten gebe. 

Der Journalist Maurício Moraes von Agência Lupa hat bereits am 5. Juni einen Faktencheck zu diesem Thema veröffentlicht. Demnach seien einige Politikerinnen und Politiker am 4. Juni in ein großes Not-Krankenhaus eingedrungen, das im Parque Anhembi (einem Kongresszentrum) in São Paulo für Covid-19-Patienten eingerichtet wurde. Sie filmten unfertige, leere Teile des Gebäudes und behaupteten, es gebe keine Patienten. Eine Lokalzeitung aus São Paulo berichtete ebenfalls am 4. Juni darüber, dass die Abgeordneten in das Krankenhaus eingedrungen seien. Sie hätten behauptet, eine „Inspektion“ durchzuführen, und dass die Regierung von São Paulo über die Zahl der Fälle und Todesfälle lüge.   

Am 4. Juni lagen in dem Krankenhaus mehr als 400 Covid-19-Patienten

Die Darstellung im Video von Adriana Borgo ist irreführend. Sie filmte in einem Teil des Gebäudes, in dem keine Menschen waren. Am 4. Juni gab es jedoch mehrere hundert Patienten in dem Not-Krankenhaus. Der Faktencheck von Agência Lupa weist darauf hin, dass laut dem offiziellen Corona-Lagebericht für São Paulo vom 4. Juni an jedem Tag in diesem Krankenhaus (Anhembi) 407 Covid-19-Patienten lagen (PDF, Seite 2). Das städtische Gesundheitssekretariat von São Paulo veröffentlicht täglich Corona-Lageberichte

Ein anderes Facebook-Video von Adriana Borgo vom selben Tag zeigt sogar einige dieser Patienten – die Politikerinnen und Politiker haben also selbst gesehen, dass das Krankenhaus nicht komplett leer war. 

Facebook-Video Adriana Borgo Brasilien
Ihre „Inspektion“ führte die Politikerinnen und Politiker am 4. Juni auch in den Bereich des Krankenhauses, in dem Patienten lagen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das provisorische Krankenhaus im Anhembi Parque ist laut brasilianischen Medienberichten für 1.800 Patienten ausgelegt worden. So viele Betten wurden tatsächlich nicht gebraucht, deshalb werde die Anzahl verkleinert, schrieb die Seite Globo kürzlich (16. Juli). 

Aktuell 207 Patienten im Not-Krankenhaus

Die Patientenzahl in dem Krankenhaus schwankte im Juni und Juli. CORRECTIV überprüfte die Lageberichte für São Paulo stichprobenartig. Am 15. Juni lagen dort 272 Patienten. Am 1. Juli waren es 197. Aktuell liegen in dem Krankenhaus laut dem Lagebericht vom 21. Juli insgesamt 207 Patienten. 

Dem WHO-Lagebericht vom 21. Juli zufolge gibt es in Brasilien aktuell rund 2,1 Millionen bestätigte Corona-Infizierte und rund 79.500 Todesfälle. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das Video von Adriana Borgo wurde auch in Italien als angeblicher Beleg verbreitet, dass eine „zweite Welle“ in Brasilien nicht existiere. Die Faktenchecker von Facta stuften es in einem Bericht Ende Juni ebenfalls als Falschinformation ein. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Not-Krankenhaus in Brasilien war nicht leer. Zudem wird auf Instagram verschwiegen, dass das Video bei Veröffentlichung schon einen Monat alt war.