Ende Mai teilte der haushaltspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Peter Boehringer, einen vermeintlichen Zeitungsartikel auf Telegram und X. Darin heißt es, eine Frau namens Gertrude Mohn habe an ihrem 100. Geburtstag in Neustadt Besuch von Mitgliedern von „Omas gegen Rechts“ bekommen. Sie habe sie „kurzerhand weggeschickt“ und erinnere sich noch an die „selbsternannten Sitten- und Kulturwächter“ der „SED-Diktatur“, also der DDR. Neben dem Text ist ein Foto platziert, das die 100-Jährige zeigen soll. Hunderte teilten den X-Beitrag von Boehringer.
„Omas gegen Rechts“ ist eine parteiunabhängige Initiative, die sich gegen rechtspopulistische Strömungen in Deutschland einsetzt. Die Behauptung verbreitet sich auch auf Tiktok, Telegram und bei Facebook. Den vermeintlichen Artikel teilten dort auch die AfD-Kreisverbände Mayen-Koblenz und Bergstraße.
Foto der älteren Frau kursiert schon länger in verschiedenen Zusammenhängen im Netz
Im Artikel selbst wird Neustadt als Ort genannt, doch so heißen allein in Ostdeutschland vier Städte oder Kleinstädte wie Neustadt an der Dosse in Brandenburg oder Neustadt an der Orla in Thüringen. In welcher Zeitung der Artikel erschienen sein soll, ist auf dem Bild in den Sozialen Netzwerken nicht erkennbar. Auf unsere Nachfragen dazu am 24. Juni 2024 antwortete Boehringer nicht – seine Beiträge auf Telegram und X sind inzwischen aber gelöscht.
Eine Google-Suche nach einem Auszug des Textes liefert ebenfalls keine nützlichen Hinweise. Doch mit Hilfe einer Bilder-Rückwärtssuche finden wir heraus, dass das Foto der Frau seit mehreren Jahren auf unterschiedlichen deutschen, englischen oder portugiesischen Webseiten kursiert – unterstellt werden der Frau im Bild häufig die Zeilen: „Zur besseren Verdauung trinke ich Bier, bei Appetitlosigkeit trinke ich Weißwein.“

Das Zitat konnten wir bis zu einem Interview von 2014 (PDF, Seite 17) zurückverfolgen, das damals in einem Newsletter des Dartmouth College in New Hampshire in den USA erschienen sein soll. Dort ist die Frau auf dem Foto angeblich 101 Jahre alt und heißt Hattie. Die Presseabteilung des Dartmouth College schrieb uns auf Anfrage, dass das Interview ein Scherz sei.

„Omas gegen Rechts“ gehen laut eigener Angabe nicht zu „derartigen Jubiläen“, außer es betrifft Mitstreiterinnen
Klar ist also: Wer auf dem Foto zu sehen ist, lässt sich abschließend nicht feststellen, doch es kursiert schon länger und in einem anderen Zusammenhang. Der Artikel über den Geburtstag der Hundertjährigen aus Neustadt ist online nicht auffindbar.
Wir fragten außerdem bei der Bürgerinitiative „Omas gegen Rechts“ nach, ob die Geschichte der Rentnerin aus Neustadt bekannt ist. Carola Witt schrieb uns, dass „Omas gegen Rechts“ nicht zu solchen Jubiläen gingen, „außer es betrifft eine unserer Mitstreiterinnen“. Es gebe zwei Neustädter Gruppen bei der Initiative – eine in Rheinland-Pfalz und eine in Holstein. Dort kenne man keine Gertrude Mohn und keinen derartigen Vorfall.
Redigatur: Paulina Thom, Sarah Thust
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
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